Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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Stadtfest in Moskau – Wahlen zur Duma – Putins Besuch der Deutschen Schule Moskau

19.09.2016

Am vergangenen Wochenende feierte die russische Hauptstadt ihr 869-jähriges Bestehen mit einem „Tag der Stadt“. Für uns ein günstiger Termin, weil Rose für eine Fortbildung die Tage davor ohnehin in Moskau sein musste.

Bei der Hinreise hätte sie beinahe nicht in den Zug steigen dürfen. Auf dem Fahrschein war statt der Passnummer die des Visums angegeben. Für die Wagenschaffnerin eine unüberwindliche Hürde. Sie ließ Rose erst mitfahren, nachdem der vorgesetzte Zugschaffner zugestimmt hatte. Weil ich zwei Tage später nachkam, hatte ich Zeit, die falsche Eintragung auf meiner Hin- und unseren Rückfahrkarten korrigieren zu lassen – was der schuldbewussten Bearbeiterin im Reisebüro mit Hilfe des dolmetschenden Siegie ohne Probleme gelang – in einer guten halben Stunde. (Einer Erlangerin, die mit einer Reisegruppe nach Wladimir unterwegs war, wurde in Moskau kürzlich aus dem gleichen Grund das Einsteigen verweigert. Die Gruppe musste ohne sie fahren. Die Frau brauchte eine neue Fahrkarte, die nicht bei der Schaffnerin, sondern nur am Schalter oder im Reisebüro gekauft werden kann, was eine längere Prozedur ist – siehe oben. Sie musste den nächsten Zug nehmen).

Nach dem Gulag-Museum (siehe unseren 67. Bericht) stand am Samstagabend die Oper Pygmalion von Cherubini in der kleinen, exquisiten Helikon Oper (Геликонопера) in der Bolschaja Nikitskaja Straße auf unserem Programm. Dies war etwas ganz Besonderes. Die Helikon Oper wurde 1990 gegründet, sie zeigt moderne und experimentelle Produktionen, oft mit gewagten, ungewöhnlichen Inszenierungen. Das Haus, ein Stadtpalast aus dem 18. Jahrhundert, besitzt zwei Bühnen, eine für 300 Zuschauer und eine für 100, ist also klein und intim. Entsprechend schwierig ist es, an Karten zu kommen. Für uns hat das eine ehemalige Lehrerin des hiesigen Gymnasium Nr.1 erledigt, die jetzt in Moskau wohnt und die richtigen Leute kennt. So saßen wir schließlich in dem kleinen Saal an einem Tischchen mit einer Flasche Rotwein und das in der ersten Reihe! Wir erlebten eine konzertante Aufführung in italienischer Sprache, die Sänger zum Greifen nah. Wie meist, erübrigen sich auch hier viele Worte zu der musikalischen und gesanglichen Qualität. Es war alles von höchstem Niveau.

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v.r. Xenia Lisanska (Galatèe Statue), Konstatin Brschinski (Amor), Anna Peguwa (Venus), Elena Sosulnikowa (am Klavier); Anna Grtschischkina (Galatèe), Dimitri Chromow (Pygmalion)

Das andere, allerdings von uns nicht eingeplante, Ereignis war das Fest zum 869. Geburtstag der Stadt. Es stand unter dem Motto „Russisches Kino“. In der ganzen Stadt waren Buden und Installationen von Kulissen und Gegenständen aus Filmen aufgestellt. Tore, Häuser, Kutschen, Straßenbahnwagen, Autos und immer wieder gemalte oder gestellte Szenen. Überall begegnete man Schauspielern und Statisten in Filmkostümen. Auf dem Roten Platz war ein riesiges Freilufttheater aufgebaut, das leider die Sicht auf den Senatsturm am Kreml und die Basilius-Kathedrale verstellte. Dort waren zentrale Veranstaltungen mit Putin und der Stadtspitze geplant.

Nach der Oper am Samstagabend wollten wir ein Feuerwerk ansehen, das im Rahmen der Feierlichkeiten zum Tag der Stadt abgebrannt wurde. Es war wieder ein interessantes landeskundliches Erlebnis, wie sich die Menschen dabei verhielten. Die Innenstadt war für Autos gesperrt, Fußgänger mussten durch eine Sicherheitsschleuse mit Taschen- und Rucksackkontrolle. Wir ließen uns mit der Menschenmenge auf die Große Kamennyj Brücke treiben, von der man über die Moskwa eine gute Sicht auf den Kreml hat. Groß und Klein standen schon dicht gedrängt, viele Kinder, oft auf den Schultern der Väter. Es war kaum noch durchzukommen. Dennoch: alles lief ohne Schubsen oder Drängeln ab. Wir fanden dann in der vierten Reihe ein Plätzchen und warteten auf das Ereignis, das so viele Menschen angelockt hatte. Das begann pünktlich um 22 Uhr mit Raketen und Funkenregen in allen Farben über den Kremltürmen. Auch hinter uns sahen wir ein Feuerwerk, es kam aus dem Gorkipark. Dann, nach vielleicht nur sieben Minuten drei laute Knalls: Ende der Veranstaltung. Die Leute gingen friedlich und offensichtlich zufrieden nach Hause. Der Autoverkehr wurde von der Polizei immer wieder angehalten, um den Fußgängerstrom vorbei zu lassen.

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Feuerwerk am 10.09.2016 zum Tag der Stadt Moskau

Der nächtliche Heimweg führte uns am Alexandergarten vorbei auf die vom Verkehr gesperrte Twerskaja Straße mitten in das Zentrum des Festgeländes. Es war noch viel Volk unterwegs. Hier gibt es im Freien keinerlei Alkoholausschank – auch bei Festen wie diesem nicht. Alkohol wird nur in Restaurants und Bars ausgeschenkt, von denen es allerdings in der Innenstadt genügend gibt. Das muss man sich vorstellen: ein Stadtfest ohne Bierzelte oder Weindörfer – bei uns undenkbar. Die bierseligen Bergkirchweihbesucher in Erlangen oder die weinvollen Hocketsefreunde in Stuttgart mögen es uns verzeihen: wir fanden die alkoholfreie Stimmung nachts um elf sehr angenehm. Alle Leute waren ruhig und vergnügt, es wurde nicht gegrölt oder gedrängelt.

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Eingang zum Stadtfest auf der Twerskaja

Am Sonntag haben wir uns in das Getümmel des Stadtfestes gestürzt, teilweise auf dem Boulevardring, teils auf der Twerskaja, der achtspurigen Hauptstraße Moskaus. Wir beobachteten wieder das Verhalten der Menschen mit Interesse. Es ist anders als bei uns. Besonders fällt uns auf, dass und wie die Leute, ob groß oder klein, mitmachen bei den vielen Angeboten. Da gab es Stände, an denen getanzt wurde, in einer Manege sprangen immer wieder Kinder oder Erwachsene mit den Zirkusprofis herum.

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Trommeln für alle

An einem Stand sang man Volkslieder, am nächsten saßen Kinder mit Erwachsenen trommelnd im Kreis. Schachspiele, Mal- und Bastelstände, ein Quiz über den Film Krieg und Frieden. Reichhaltige Gelegenheiten zum Mitmachen. Die Leute sind selbstverständlich und ohne affektiertes Getue dabei.

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Es gab auch reichlich Gelegenheit, sich in Kulissen mit Szenen aus Filmen fotografieren zu lassen. Das wurde von den vielen Besuchern gern und viel wahrgenommen, vor besonders bekannten Filmszenen standen lange Schlangen, so bei Iwan dem Schrecklichen oder bei Krieg und Frieden.

k-68-ber-6Anstehen für ein Foto mit Iwan dem Schrecklichen

k-68-ber-7Krieg und Frieden: Lager der napoleonischen Truppen

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Tanzstunde a la Krieg und Frieden

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Am nächsten Sonntag wird die Duma neu gewählt. Wir bemerkten in Moskau davon nicht viel. Sinnigerweise auf dem Platz vor der Lubjanka, dem gefürchteten früheren NKWD-Gefängnis, hatten sich Anhänger der KPRF (Kommunistische Partei der Russischen Föderation) versammelt, ganz in der Nähe war am „Stein der Erinnerung“ (Zur Erinnerung an die Opfer des stalinschen Terrors) eine Versammlung der Liberalen. Auf den Straßen wenige Plakate, in den Restaurants liefen auf den unvermeidlichen Bildschirmen einige Wahlspots.

Auch hier in Nischni sahen wir vom Wahlkampf nur wenig. An einigen Bussen klebten Wahlplakate, kaum welche in der Stadt. Das sehr schlechte Wetter mag eine Rolle gespielt haben. Auf den Straßen bekamen wir erst seit Donnerstag Wahlbroschüren in die Hände gedrückt – immer gleich zwei, wohl eine zum Weitergeben. In diesem Jahr wird die Hälfte der Abgeordneten direkt gewählt. So wirbt ein Kandidat um die Stimmen des Bezirkes Nischni Nowgorod. Er wird von drei schon in der Duma sitzenden Parteien unterstützt: Einiges Russland (Mehrheitspartei), KPRF (Kommunisten) und Gerechtes Russlands (Sozialdemokraten). Seine Hauptaufgabe als Duma-Abgeordneter sieht er im Kampf gegen die Oligarchen und die mit ihnen mauschelnden Beamten.

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Wahlwerbung der Partei Jabloko

Am Platz vor dem Theater warb Jabloko um Stimmen, eine Hoffnungspartei der 90er Jahre, die inzwischen keine Chancen mehr hat, in die Duma zu kommen. Die englischsprachige The Moscow Times schrieb am 16.09.2016:  Trotz der ökonomischen Krise wird erwartet, dass die Partei Einiges Russland klarer Sieger der Wahlen wird, weil sie von einem Mix aus Apathie der Wähler und der patriotischen Welle seit der Annexion der Krim profitiert – so war es dann auch!

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Wahl-Zeitungen aus Nischni Nowgorod. Die des Kandidaten der drei Parteien Einiges Russland, KPRF. Gerechtes Russland. Zeitungen der 2015 neu gegründeten Partei Рост (Rost = Aufschwung) und der Partei Яблоко (Jabloko). Unten ein Werbeband eines Kandidaten von Einiges Russland.

Schulnotizen

Jedes Jahr veranstaltet die ZfA (Zentralstelle für Auslandsschuldienst) eine dreitägige Fortbildung für die deutschen Programmlehrer in Moskau und der Wolgaregion, bei der die neuen Kollegen eingeführt und die anderen auf den neusten Stand gebracht werden. In diesem Jahr gab es drei Neubesetzungen in Moskau und eine in Wolgograd. Wir ‚älteren Semester‘ kamen aus Kazan, Moskau, Kaluga und Nischni. Die Fortbildungen finden immer im Ressourcenzentrum der Deutschen Schule in Moskau (DSM) statt. Diese Schule, welche 400 deutsche und russische Schüler vom Kindergarten bis zum Abitur besuchen, liegt mitten im Wohngebiet der Deutschen Botschaft. Abends trafen wir uns im „Deutschen Eck“, einem Hotel und Restaurant, in dem man sich bei Rindsrouladen, Kalbshaxen und deutschem Bier wie ‚zu Hause‘ fühlen kann.

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 Restaurant „Deutsches Eck“ im Wohngebiet der Deutschen Botschaft in Moskau. (Foto der Webseite Deutsches Eck Moskau entnommen)

In diesem Jahr war eines der abendlichen Themen auch Putins Besuch an der DSM. Anlässlich des 75jährigen Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 führten die DSM-Schüler gemeinsam mit Schülern aus Bad Salzungen und Rshew ein Erinnerungsprojekt an die Schlachten von Rshew durch, die von Januar 1942 bis März 1943 stattfanden und zu den blutigsten des Zweiten Weltkriegs gerechnet werden. Die Schüler wollten ein Zeichen für den Frieden und die deutsch-russische Freundschaft setzen und luden dazu Wladimir Putin ein. Zur großen Überraschung aller Beteiligten nahm dieser die Einladung an. „In seiner Rede in der Aula der Schule und in einem anschließenden Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern unterstrich er die Gemeinsamkeiten von Deutschland und Russland, erinnerte an die Verantwortung und endete im Aufruf zum gegenseitigen Vertrauen und Verständnis.“ (Homepage der DSM) Für den Präsidenten war die deutsche Schule kein neues Pflaster – auch seine beiden Töchter hatten sie besucht. Trotzdem hatten die Einladenden nicht ernsthaft damit gerechnet, dass Putin die Einladung annehmen würde. Umso größer war die Aufregung, als tatsächlich die Zusage kam, und zwar ziemlich spät, kurz vor der Veranstaltung. In aller Hektik wurden die Vorbereitungen getroffen, staatliche Sicherheitsbeamte ordneten die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen an. In der Nacht vor dem Besuch wurde eine Kollegin durch Baulärm geweckt: Vor der Schule verschönerten russische Bautrupps die Umgebung, Erde wurde aufgeschüttet, Blumen gepflanzt, Wellblechgaragen neu gestrichen oder abgerissen…. Und dann war der hohe Gast da, und – so die Leiterin des Ressourcen-Zentrums, die Aufregung wich bald einer ruhigen, ausgeglichenen Atmosphäre. Der Präsident war bestens vorbereitet, gut gelaunt und wechselte immer wieder in die deutsche Sprache, sodass auch die Schüler ihre Berührungsängste verloren.

Eindrücke vom Gulag-Museum in Moskau

 

Das Gulag*-Museum (Государственный музей истории ГУЛАГа, Staatliches Museum der Geschichte des Gulags) befindet sich seit dem 31. Oktober 2015 auf der 1. Samotetschnij Gasse 9 (1й Самотечний Пер. Дом 9). Es ist dahin umgezogen, weil die Ausstellungsfläche gegenüber dem bisherigen Standort vervierfacht werden konnte. Das Museum wurde auf Initiative des Dissidenten Anton Wladimirowitsch Antonow-Owseenko 2001 von der Stadt Moskau gegründet, die es auch finanziert. Antonow-Owseenko war von 1940 bis 1953 selbst inhaftiert, er war einer der 18 Millionen Menschen, die in einem der zuletzt 175 Lager zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Zum System des Gulags gehörten auch geheime Gefängnisse, Sonderlager und in nachstalinistischer Zeit psychiatrische Kliniken als Haftorte.

In jedem Raum des Museums gibt es zu dem behandelten Thema eine Übersicht in Russisch und Englisch. Sehr nützlich ist ein interaktiver Bildschirm, an dem man sich in Russisch und Englisch informieren kann. Videoinstallationen, meist mit englischen Untertiteln, machen die schreckliche Welt des Terrors sichtbar. Behandelt wird die Zeit von 1918 – Lenin rief am 5. September 1918 den Roten Terror zur Vernichtung der Klassenfeinde aus – bis nach dem 20. Parteitag der KPdSU. Chruschtschow hatte am 24. Februar 1956 in seiner Rede die Entstalinisierung eingeleitet, die Arbeitslager des Gulags wurden in den folgenden Jahren aufgelöst.

Wir hatten mal wieder Glück. Wir konnten uns einer Führung für eine Schülergruppe aus Düsseldorf anschließen. Interessant: die Schüler waren von der Stadt Moskau zur „First International Olympiad of Metropolises“ (Mathematik, Chemie, Physik, IT) eingeladen worden, die vom 3.-10. September stattfand. Nur der Flug musste selbst bezahlt werden.

Die Museumsführerin war eine junge Kulturwissenschaftlerin, die sehr engagiert das Anliegen des Museums vertrat. Ihr Großvater war selbst viele Jahre in einem Lager gewesen, habe allerdings nie darüber gesprochen. Ein besonderes Anliegen schien ihr zu sein, die Verantwortung Stalins für das Terrorsystem und sein persönliches Eingreifen bei Verurteilungen zu Lagerhaft und Erschießungen nachzuweisen – vermutlich, weil sie dies bei vielen ihrer russischen Zuhörer für nötig erachtet.

*) Das Kürzel Gulag bezeichnet das Netz von Arbeitslagern in der Sowjetunion, im weiteren Sinn steht es für die Gesamtheit des sowjetischen Zwangsarbeitssystems.

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Die von den einzelnen ZK-Mitgliedern genehmigten Erschießungslisten.

Zu Stalins Rolle gibt es im Museum eindrucksvolle Beispiele. Ein Plakat zeigt die Mitglieder des Politbüros von 1937/38, der Zeit des Großen Terrors (Große Säuberungen), von dem 1,5 Millionen Menschen direkt betroffen waren, die Hälfte davon wurde erschossen. Es ist angegeben, wie viele Erschießungslisten durch die einzelnen Mitglieder genehmigt wurden. Auf Stalin entfallen 357 solcher Listen, die – wie die Führerin erläuterte – von ihm nicht nur abgezeichnet, sondern durchgearbeitet worden seien. So seien manche Namen zweimal unterstrichen, andere mit dem Vermerk „später“ versehen worden. Ausgestellt ist auch eine vor Beginn der Terrorwelle vorbereitete Liste mit der Anzahl der in den einzelnen Sowjetrepubliken zu Erschießenden oder in Lager zu steckenden Menschen. Wie gesagt, keine Namenslisten, sondern nur nackte Zahlen, Planzahlen, die erfüllt werden mussten. In Panzerschränken liegen Aktenordner mit Kopien von Urteilen aus, in denen man blättern und lesen kann. Auch da finden sich immer wieder Dokumente mit Stalins Unterschrift oder mit seinem Kürzel „Ст“ (St).

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Stalin ordnet die Erschießung der ehemaligen Arbeiter von MTS an

Beeindruckt hat uns auch ein Bildschirm, auf dem, wie bei einem Filmabspann, von unten nach oben eine Namensliste von Erschossenen lief. Ich habe mehrere Minuten darauf gestarrt: es erschienen nur Namen mit B als Anfangsbuchstabe. Da wurden die großen Zahlen von Ermordeten, die man sonst nur abstrakt zur Kenntnis nimmt, fast körperlich spürbar.

Die Installation mit der Rede Chruschtschows, die das Ende der Arbeitslager einläutete, zeigt vor allem Berichte von Frauen und Männern über ihre Erfahrungen nach der Freilassung. Sehr viele beklagen die viel zu geringen materiellen Hilfen durch Renten oder Haftentschädigungen. Dazu kommen die seelischen Nöte. Oft wurden sie von ihren Familien nicht aufgenommen oder konnten sich nicht mehr einfügen. Rehabilitiert wurden nur ein geringer Teil.

Beim Abschied sagte unsere Führerin, dass in den Archiven des Terrors in der Sowjetunion noch vieles verborgen ist, was der Aufarbeitung bedarf. Sie hofft, dass die Archive der Geschichtsforschung weiter zugänglich bleiben. Das Museum werde gut besucht, von Jugendlichen und von Älteren, wobei letztere zwiespältige Reaktionen zeigen – von zustimmend bis ablehnend.

„Obwohl das Ende der Sowjetunion mehr als 20 Jahre zurückliegt, ist die Aufarbeitung der politischen Unterdrückung noch nicht abgeschlossen. Die Geschichte lehrt uns, dass ein Land nur dann vorankommen kann, wenn es Verantwortung für seine Vergangenheit übernimmt.“

Dies steht, frei übersetzt, in der Beschreibung des geplanten Gulag-Denkmals, das am 30. Oktober 2018 als erstes nationales Denkmal Russlands für die Opfer politischer Unterdrückung an der Kreuzung des Sacharow Prospekts mit dem Gartenring errichtet werden soll.

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Modell des Gulag-Denkmals „Mauer des Leids“ von Bildhauer Georg Frangulian

Die „Mauer des Leids“ (Стена Скорби) von Georg Frangulian wurde aus 336 eingereichten Entwürfen für das Denkmal ausgewählt. Sie ist eine gigantische Bronzemauer mit aufwärts fliegenden Figuren, die menschliche Silhouetten hinter sich lassen. In einem Ukas (Erlass) vom 30. September 2015 hat Putin den Bau dieses Denkmals angeordnet.

Wir wollten danach das Denkmal für die Opfer stalinistischer Repression besuchen, den „Stein der Erinnerung“, der am Platz vor der Lubjanka, dem gefürchteten KGB-Gefängnis, steht. Dieser Stein wurde von der Solowezki-Insel hierhergebracht, wo sich das grausamste sowjetische Straflager befand. Am 30. Oktober, dem Tag der Erinnerung, finden hier Gedenkfeiern statt, bei denen u.a. die Namen der Opfer vorgelesen werden. Leider war der Zugang wegen einer Wahlveranstaltung gesperrt. (Am nächsten Sonntag sind Duma-Wahlen)

Dennoch war an diesem Wochenende das Thema Repression und Gulag für uns noch nicht beendet, denn am nächsten Tag kamen wir auf dem Boulevardring zu einer langen Plakatwand, auf der das Schicksal des Schriftstellers und Dissidenten Warlam T. Schalamow (1907 – 1982) dargestellt war. Dieser gehörte von Anfang an zu den Gegnern Stalins. 1929 wurde er in einer geheimen Druckerei verhaftet, weil er Lenins letzten Brief veröffentlichen wollte, in dem dieser vor Stalin warnt. Schalamow wurde zu Gefängnis verurteilt. Nach seiner Freilassung geriet er immer wieder in Konflikt mit der Staatsgewalt. 1937 im Rahmen des Großen Terrors zu Zwangsarbeit verurteilt, kam er erst 1951 wieder frei. 1956 wurde er in Bezug auf die Anklage von 1937 rehabilitiert. Da seine Erzählungen in der Sowjetunion nicht gedruckt werden durften, schmuggelte er sie in den Westen und wurde neben Solschenizyn ein bekannter Dissident.

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Diese Plakatwand über den Dichter und Dissident Schalamow war eine Aktion des Kulturamtes der Stadt Moskaus. Sie wurde von vielen Menschen beachtet.

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Auch am 561. Tag nach der Ermordung von Nemzow stehen auf der Brücke über die Moskwa an der Stelle, wo ihn die Schüsse trafen, Blumen, Plakate und Fotos.

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An die Wand geklapptes „Bett“, an der Unterseite eine Sitzfläche und ein Tisch. Selbstgemachte Lampen, Handfesseln.

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Türen aus sowjetischen Gefängnissen, hier zu einer 7 m² großen Zelle zusammengestellt. In solch kleinen Zellen waren zeitweise bis zu 20 Häftlinge untergebracht.

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Gefängnistür als Kunstwerk von Zurab Tsereteli „In Memory of Victims of Oppression“ (2001) im Museum für moderne Kunst in Moskau.

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 Streng geheimes Dokument mit Stalins Kürzel Ст von 1937

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Liste mit Planzahlen für Erschießungen (Kategorie 1) und Zwangsarbeit (Kategorie 2)

 

 

 

Wieder in Nischni – Schuljahresbeginn

 

05.09.16

 

Nach zehnwöchiger Sommerpause sind wir wieder in Nischni Nowgorod, unser letztes Russlandjahr hat begonnen!

Die Einreise war wie immer problemlos, die Taxifahrt vom Flughafen zu unserer Wohnung gleich wieder ein typisches Erlebnis. Der junge Fahrer legte ein hohes Tempo vor, überholte locker rechts und links und fand dabei noch Zeit, auf dem Smartphone den Stadtplan aufzurufen, um uns die Poliklinik Nr. 1 zu zeigen, die wegen ihrer besonderen Gebäudeform den deutschen Bombern im November 1943 den Weg zu den in der Nähe liegenden GAS-Werken (damals Rüstungsbetriebe) gewiesen habe. Er fuhr extra einen Umweg; so wichtig war ihm das. Bei unserem Haus angekommen wünschte der lebhafte Mann Rose mit einem freundlichen Nicken einen guten Aufenthalt – Männer begrüßen und verabschieden sich hier nach alter Sitte von Frauen ohne Handschlag – mir gab er einen festen Händedruck. Wir waren wieder angekommen in Russland.

In der Wohnung fiel uns sofort auf, dass alle Fenster geputzt worden waren. Rose äußerte ihr Erstaunen darüber als wir uns am nächsten Tag bei unserer Vermieterin zurück meldeten. „Ich dachte, Sie werden sehr traurig sein, dass Ihre Lieben jetzt so weit weg sind und da wollte ich Ihnen das Zurückkommen verschönern“, erklärte sie. Dabei sollte man wissen, dass wir viele, sehr große Fenster haben.

Eine Kollegin von Rose schickte uns Fotos mit Körben voller Pilze, der Ertrag eines Wochenendes in den Wäldern. Bei unserer ersten Begegnung erzählte sie dann begeistert von ihrem kaum zu bewältigendem Sammlerglück. Zwei Tage zuvor war die Ausbeute nämlich mager gewesen. Aber als sie am Sonntag wieder zu der Stelle im Wald kam, traute sie ihren Augen kaum: dicht an dicht Steinpilze aller Größen, selbst die gewichtigeren waren noch fest und unversehrt. „Es war ein Wahnsinn!“ schwärmte sie, wie nur eine passionierte Pilzsammlerin schwärmen kann – zumal eine russische. Aber die Geschichte ist damit noch nicht zu Ende: Zum Abschied überreichte sie uns ein selbstgenähtes Stoffsäckchen mit stark duftenden getrockneten Steinpilzen.

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Wir sind also wieder da. Eine wichtige Verbesserung ist zu melden: Neben unserem Haus ist das „Townhouse“ (Таунхаус=Taunchaus) fertig gestellt, an dem seit Dezember 2015 gearbeitet wurde. Zusammen mit der kleinen Rasenfläche und einigen Sträuchern ist es ein Schmuckstück, das unsere Straße verschönert. Wir haben die Bauarbeiten von unserem Wohnzimmerfenster ständig verfolgen können (auch hören müssen) und den zügigen Baufortschritt bestaunt. Vorher stand an da ein baufälliges Haus, das als Lagerschuppen genutzt wurde.

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Das neue Haus an der Malaja Pokrowskaja, rechts unser Haus

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Rückseite des neuen Hauses

Eine Verbesserung kündigt sich auf der uns nächstgelegenen großen Verkehrsstraße, der Ilinskaja Ulitza an: Sie wird saniert. Der Belag auf den Fahrstreifen zwischen den Straßenbahnschienen und den Bürgersteigen ist bereits einige cm tief abgefräst worden. Dadurch haben es die Autos schwer, sie müssen auf die Stufe achten und entweder auf der Schienentrasse oder auf dem tieferliegenden Fahrstreifen fahren. Die Bürgersteige bekommen neue Randsteine. Der derzeitige Bauzustand erfordert von uns Fußgängern einiges an Geschicklichkeit. Das alte Pflaster ist stark beschädigt und der Gehweg dadurch schmaler geworden. Beim Überqueren der Straße muss der Graben, in den die neuen Randsteine gesetzt wurden, schwungvoll übersprungen werden. Gut, wenn man gut zu Fuß ist! In der Stadt habe ich auch noch andere abgefräste Straßen gesehen – das sieht nach größeren Sanierungsaktionen aus, die natürlich höchst nötig sind.

Zwei weniger erfreuliche Veränderungen: Das traditionelle russische Restaurant Legenda, nur ein paar Schritte von uns entfernt, hat einer Beef-Burger Filiale Platz gemacht (wohl machen müssen). Wir haben dort einige Male, stets mit Vergnügen, gegessen. Und der Euroshop auf dem Gorkiplatz, der bisher alle Waren für 59 Rubel verkaufte, hat seinen Einheitspreis dem derzeitigen Kurs angenähert, denn jetzt kostet alles 69 Rubel. (Ein Euro ist zur Zeit 72 Rubel wert).

Nächste Woche geht es nach Moskau: Rose muss zu einer Fortbildung. Es bleibt spannend – mit den kleinen und großen Erlebnissen.

 

Schulnotizen

In ganz Russland, wie auch schon zu sowjetischen Zeiten, ist der 1. September der erste Schultag. Doch hinter den Kulissen beginnt das neue Schuljahr schon Ende August mit Lehrer- und Fachschaftskonferenzen. Die Schüler kommen am 29. und 30. August in die Schule, um ihre Lehrbücher in der Schulbücherei auszuleihen und von ihren Lehrern Informationen für den 1. September zu bekommen. An diesem Tag findet kein Unterricht, wohl aber ein Ausflug mit der Klasse statt: eine Führung durch den Kreml, eine Wolgafahrt, ein Vortrag in der Stadtbibliothek….

Als ich am Dienstag den 30. August zum ersten Mal in die Schule kam, glich sie einem Bienenstock: Mehrere Kolleginnen hatten andere Kabinette bekommen und waren am Streichen, Putzen, Einräumen, Vorhänge aufhängen.. Unterstützt wurden sie von Schülern, die Möbel und Bücher schleppten.

Zwei Tage später war alles bereit: Schüler und Eltern kamen mit prächtigen Blumensträußen, die sie den Lehrern schenkten. Die Schulanfänger, zum ersten Mal in der Schuluniform, die Mädchen mit festlichen Schleifen, wurden in der zum Brechen vollen Aula in einem Festakt begrüßt. Er begann mit der Nationalhymne, die alle im Stehen anhörten. Nach kurzen Ansprachen durch Schulleiter und Vertretern der Schulbehörde und der Stadtverwaltung ging es sehr kindgerecht weiter: Wie immer gestalteten die Schüler der 11. (letzten) Klasse das Programm mit Gedichten, Liedern und Sketchen.

An diesem Tag findet kein Unterricht, wohl aber ein Ausflug mit der Klasse statt: eine Führung durch den Kreml, eine Wolgafahrt, ein Vortrag in der Stadtbibliothek….Der 1. September ist ein Feiertag, auch ‚Tag des Wissens‘ genannt, zu dem man sich beglückwünscht. Nach der schulischen Veranstaltung wird mit den Familien weiter gefeiert, in vielen Restaurants gibt es Feiertagsrabatt.

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    Der allgemeine Gruß:       „С праздником‘ – Herzlichen Glückwunsch zum Feiertag!

Eindrücke von einer Reise nach Georgien

Im Juni waren wir 14 Tage in Georgien. Zunächst eine Woche in Tbilisi (Tiflis, wie man es in Deutschland nennt). Von dort aus fuhren wir an zwei Tagen in die Umgebung, einmal mit einem Taxi nach Mtskheta, der ehemaligen Hauptstadt Georgiens, zu der Jvari Kreuzkirche aus dem 6. Jh. und nach Stalins Geburtsort Gori, ein anderes Mal mit einem Reiseunternehmen nach Signagi, einer erst im 17. Jahrhundert angelegten Stadt. In der zweiten Woche brachte uns eine Marschrutka in den Großen Kaukasus nach Stepantsminda (früher Kasbegi, wobei dieser Name heute noch gebräuchlich ist). Der Ort liegt zehn km von der russischen Grenze entfernt, nach Westen sind etwa 20 km bis Südossetien und nach Osten 80 km bis Tschetschenien. Von den so nahen politischen Spannungsgebieten haben wir direkt nichts bemerkt, allerdings sind die wirtschaftlichen Folgen hier besonders spürbar. In Kasbegi erkundeten wir wandernd oder durch Taxifahrten die abenteuerliche Umgebung. Zurück nach Tbilisi ging es wieder mit der Marschrutka.

Tbilisi, die am Fluss Mtkvari gelegene Hauptstadt von Georgien, beeindruckt durch die Zeugnisse seiner langen, wechselhaften Geschichte. Im 5. Jh. zum ersten Mal erwähnt, wurde es von den Persern, den Römern, den Arabern, den Seldschucken, den Türken und schließlich von den Russen beherrscht und geprägt. Bis 1991 war Tbilisi Hauptstadt der Grusinischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Die nach der Sowjetzeit wieder aufgebauten Kirchen aus der Frühzeit des Christentums, viele nach der Wende entstandene neue Kirchen, die alten Paläste und die klassizistischen Bauten

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Blick auf die Altstadt von Tblisi

aus dem 18. Jh. haben wir mit Vergnügen angesehen, was wir leider von vielen Bauten der letzten zwanzig Jahre nicht sagen können. Sie sind oft protzige und hässliche Ungetüme, die nicht in das Stadtbild passen. Leider verfallen viele der alten georgischen Wohnhäuser, die mit ihren Balkonen das Verständnis ihrer Bauherren für Harmonie erkennen lassen.

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Blick auf die Friedensbrücke und ein modernes Hochhaus

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Altes Wohnhaus – verfallende Pracht

Uns erschien Tiblisi als eine Stadt der Gegensätze, neben Reichtum viel Armut. Auf dem Rustaweli-Boulevard Paläste, Banken, exklusive Geschäfte der internationalen Modemarken und gleich daneben Zerfall und Armseligkeit. Viele Bettler sitzen oder liegen auf Bürgersteigen, vor Kirchen und vor dem Theater, auf den Treppen der Unterführungen – meist nur still die Hand oder einen Becher hinhaltend. Wir haben aber auch aggressive, meist junge Bettlerinnen erlebt, die sich uns fordernd in den Weg stellten. Die Arbeitslosigkeit ist erschreckend hoch. Wer ein Auto hat – und sei es noch so klapprig -, bietet Taxifahrten an. Uns wurde oft beim Spaziergehen aus vorbeifahrenden Autos „Taxi, Taxi“ zugerufen.  Die georgische Wirtschaft leidet unter den seit dem Krieg von 2008 abgebrochenen Beziehungen zu Russland. Ein Taxifahrer meinte, Georgien solle der GUS wieder beitreten. Viele Georgier ziehen ins Ausland, um der Not im eigenen Land zu entgehen, nach Russland oder nach Westeuropa. Eine junge Frau aus Aserbeidschan, die eine Rundreise durch Georgien machte, sagte: „Natürlich sind wir stolz darauf, wieder in einem freien Land zu leben, aber früher war es besser“. Das gilt auch für Georgien, leider.

Wir haben bemerkenswert oft kleine Busse oder LKWs mit Aufschriften deutscher mittelständischer Firmen gesehen: Möbel, Küchen, Elektro- und Sanitärinstallation, Metallbau. Der gepflegte Zustand ließ uns vermuten, dass es sich hierbei um Fahrzeuge georgischer Tochterfirmen handelt.  In der Nähe von unserem Hotel entdeckten wir die Konrad-Adenauer-Stiftung in einem repräsentativen schmucken Gebäude.

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Immer wieder sieht man deutsche Firmenwagen

Das Stalin-Museums in Gori ist in einem großen, aus dem 19. Jh. stammenden Ausstellungspalast untergebracht. Es ist heute noch im gleichen Zustand wie am Ende der Sowjetunion. In mehreren riesigen Räumen sind hunderte Dokumente, Fotos, Gemälde aus Stalins Leben ausgestellt. Stalins Schreibtisch, sein Sitzungszimmer aus dem Moskau Kreml, seine Tabakspfeife usw. Personenkult in reinster Form! Erfährt man dort alles über den Diktator? Alles eben nicht: die durch ihn verursachten Hungersnöte in den 30er Jahren, sein Terror mit Millionen Toten und Gefangenen in den Gulag, sein Versagen am Beginn des 2. Weltkrieges sind mit keinem Wort erwähnt. Eine kritische Aufarbeitung der Vergangenheit findet hier nicht statt. Unser Taxifahrer sah in Stalin einen starken Staatslenker, der wusste, was er will und dieses auch durchsetzte.

Das Gegenbild hierzu bietet das „Museum der sowjetischen Besetzung – von 1921 bis 1991“ auf dem Rustaweli-Boulevard in Tbilisi. In einem großen Raum des Staatlichen Simon-Dschanaschia-Museums wird mit Dokumenten und Fotos an die Unterdrückung Georgiens und die vielen Opfer erinnert. Mir war nicht bekannt, dass es auch in dieser Zeit immer wieder antisowjetische Unruhen gab. Ziel war die (oder eine größere) Unabhängigkeit Georgiens. Stalin selbst hat Georgien, das Land aus dem er stammte, eher vernachlässigt.

Trotz all diesem: wir haben die Tage in Tbilisi genossen. Einen großen Anteil daran haben die freundlichen Menschen, die sofort fragen, ob man Hilfe braucht, wenn man in den verwirrenden Gässchen suchend stehen bleibt. Selbst Kinder (zwei Jungen, 10 und 12 Jahre alt) haben uns in der ersten Nacht zu unserem Hotel geführt, als wir nicht mehr wussten, in welche Seitengasse wir einbiegen sollten. Die üppige Natur mit ihren Blüten und Blumen, die vielen großen Parks, in denen man in der Hitze unter Bäumen ausruhen kann, sie trugen zu unserem Wohlgefühl bei. Wir haben auch die berühmten Schwefelbäder im Viertel Abanotabani mit 48 Grad heißem Wasser und Hautpeeling ausprobiert.

Als sehr ungewöhnlich stellte sich eine Wohltätigkeitsveranstaltung in der Oper unter der Schutzherrschaft von Sophia Loren heraus. Motto: „La Strada“ nach dem Film von Federico Fellini (1954). Auf ein modernes Ballett folgte zur Musik von Nino Roti eine (!) Altistin mit glücklicherweise wohlklingender Stimme, sie sang 40 Minuten (vierzig!) lang klagend ihren Liebeskummer in ein Telefon. Dirigent war Carlo Ponti, Sohn von Sophia Loren. Unser Problem war auch, dass alle Informationen in Georgisch waren und wir ahnungslos in dieses Vergnügen geraten waren.

Die georgische Sprache blieb uns völlig unverständlich, ebenso die harmonische, ästhetische Schrift. Mit Russisch kann man sich gut verständigen, mit Englisch in Hotels und den größeren Restaurants ausreichend.

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Beispiel für die georgische Schrift

Sehr genossen haben abends das Essen im Restaurant Chela, das 400 m über der Stadt bei der Bergstation einer Standseilbahn liegt. Dort ist es immer einige Grade kühler als unten in den heißen, selbst abends noch schwülen Gassen. Wir waren dreimal dort, auch wegen der Aussicht auf die Stadt, in der mit Einbruch der Dämmerung nach und nach die Lichter angingen und die großen Gebäude hell angestrahlt wurden.

Erholung pur war die Woche in Kasbegi. Die Fahrt mit der Marschrutka (Kleinbus, die 155 km kosten 4,20 €) auf der alten Heerstraße war schon das erste Abenteuer. Wenn wir an einer Kirche vorbeifuhren, bekreuzigten sich die meisten Mitreisenden – sicher aus Frömmigkeit. Es hätte aber auch einen anderen Grund haben können: Der Busfahrer hatte nämlich einen sehr mutigen Fahrstil. Er überholte an Bergkuppen und vor Kurven rasant, obwohl er nur eine kurze Sicht auf die Straße vor sich hatte. Oft mussten wir die Luft anhalten und tief durchatmen! Auch standen immer wieder Kühe auf der Straße – am liebsten im Schatten unter Brücken, wo sie schlecht zu sehen waren und den Fahrer zu plötzlichen Brems- und Ausweichmanövern zwangen.

Von unserem „Rooms Hotel“ in Kasbegi hatten wir einen großartigen Blick auf den schneebedeckten 5033 Meter hohen Kasbek und die vor ihm auf 2100 Meter liegende Gergeti Dreifaltigkeitskirche. Die Besteigung des Kasbek dauert zwei bis drei Tage, wir haben uns mit einer dreistündigen Wanderung in Richtung Gipfel begnügt und dabei die jüngeren Wanderer bewundert, die schwer bepackt mit Zelten und Nahrung für mehrere Tage aufstiegen.

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Morgendlicher Blick auf den Kasbek. Der Ort Kasbegi liegt noch im Schatten der Berge. Die Regenwolken kamen erst im Laufe des Tages

 

Abenteuerlich stellten sich Taxifahrten in schwer zugängliche Täler und Dörfer heraus. Gela, ein arbeitsloser Architekt, fuhr uns auf meist steinigen Feldwegen zu unseren Zielen (z.B. für sechs Stunden 40 €), von denen aus wir liefen oder Sehenswürdigkeiten besichtigten. Eine dreistündige Wanderung in einem langen breiten Tal von dem Zehn-Häuser-Ort Juta aus Richtung Chaukhi See und die Einkehr in der Fifth Season Hütte (sie heißt wirklich so) waren eine Erholung für die vom holperigen Fahren strapazierten Knochen.

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Das Ziel: Die Fifth Season Hütte – sehr empfehlenswert

Eine andere Tour führte uns ins weitgehend verlassene Dorf Tsdo und zur russischen Grenze. Dort wurden nach der Wende ein neues Männer- und ein neues Frauenkloster gebaut. Auch bei einer Fahrt zur Grenze vor Südossetien passierten wir in völliger Abgeschiedenheit zwei neugegründete Klöster. Unser Ziel waren Ruinen eines Wehrdorfes in der Nähe einer Grenzstation im Truso Tal, wo wir von einem braun gebrannten georgischen Soldaten mit Kalaschnikow und Fünf-Tage-Bart empfangen wurden, freundlich lächelnd trotz des kriegerischen Aussehens – er war so wie man sich einen echten Kaukasier vorstellt.

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Frauenkloster im Truso Tal

Bemerkenswert ist die Landschaft. Manchmal breite ebene Hochtäler zwischen steilen Berghängen, die bis oben (ca. 2500 m) mit Gras bewachsen wenig blanken Fels sehen lassen. Überwältigend die Blumenfülle, viel Hahnenfuß, Vergissmeinnicht, tief blaue Glockenblumen. Es war eine grüne und bunte Pracht. Dazu kleine flache Flüsse und immer wieder Wasserfälle, die die Hänge herunter rauschen. Das Wasser soll von bester Qualität sein und oft viele Mineralien enthalten, zumindest den Schwefelanteil konnte man manchmal riechen. Bis zur Wende (oder bis zum Krieg 2008?) gab es dort Feldwirtschaft, jetzt werden von den wenigen verbliebenen Bauern noch Kühe und Schafe gehalten. Wir sind durch verlassene und verfallende Dörfer gefahren, „hier sind zehn Häuser, nur eines ist noch bewohnt“.

Meist waren wir rechtzeitig vor den täglichen Regengüssen wieder im Hotel. Dieses war ein Haus der Kette „Design Hotels“, geschmackvoll und gediegen in einem ehemaligen sowjetischen Erholungsheim eingerichtet – was man ihm von außen durchaus ansah. Oft kamen große Reisegruppen mit Bussen für einen Nachmittag und eine Nacht, viele Russen, die im Gegensatz zu den Georgiern die Grenze passieren dürfen, Chinesen, Amerikaner Österreicher und Israelis und auch einige Deutsche.

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Rooms Hotel Kasbegi Aufenthaltsraum

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Die Fassade des Rooms Hotels. Blick nach Süden

Kasbegi ist mehr als nur eine Reise wert. Sollte jemand dorthin kommen, der – wie wir – gern wandert, aber tagelange Rucksacktouren nicht mehr auf sich nehmen kann, für den habe ich einen Vorschlag: Mit dem Taxi zur Gergeti Kirche auf 2100 m Höhe fahren – spart mindestens 90 Minuten Gehzeit – und von dort einige Stunden Richtung Kasbek wandern. Da erreicht man zwar den Gipfel noch lange nicht, aber kommt ihm doch näher – sicher bis zur Schneegrenze! Ich wäre glücklich, wenn mir das noch einmal vergönnt wäre.

Ein wunderbares Land, dem eine friedliche Entwicklung außerhalb der Interessenskämpfe der Großmächte zu wünschen ist.

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Die neuerbaute Sameba Kathedrale in Tbilisi

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Neue Kirche im alten Stil

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Heiße Straße in Tbilisi

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Am Steilufer des Mtkvari in Tbilisi

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Alte Kirche über dem Mtkvari in Tbilisi

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Blick vom Balkon des Hotels Bonus in Tbilisi

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Links der Präsidenten-Palast, rechts ein Ungetüm – die Bauruine eines Konzertsaales

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Tergi-Tal (bei Kasbegi). Der Tergi fließt nach Russland.

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Im Chaukhi-Tal, Blick nach Süden

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 Im Chaukhi-Tal, Blick nach Norden

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Hochfläche auf dem Weg zum Kasbek

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Im Truso-Tal

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der 12. Juni – Tag Russlands

10.06.16SAGS“

Nach den erlebnisvollen Tagen mit Besuchen und Reisen im Mai hatten wir zwei ‚normale‘ Wochen. Was ist zu berichten?

Nischni Nowgorod zeigte sich in den ersten Junitagen von der freundlichen Seite. Die Fußgängerzone lockte abends und an den Wochenenden mit einer heiteren, festlichen Atmosphäre: Viele Sänger und Musiker, kleine Verkaufsstände, Portraitmaler, Ponys zum Reiten für Kinder, Eis- und Teeverkäufer und gemütlich schlendernde Spaziergänger.

Es ist auch wieder die Hochzeit der Hochzeiten. Nicht weit von unserer Wohnung warten die Hochzeitsgesellschaften auf die Trauung.  Der normale Fußgänger schlängelt sich durch Gruppen festlich gekleideter Menschen, die vor dem Sags stehen, wie das Standesamt hier heißt: eine Abkürzung des umständlichen offiziellen Namens: Büro zur Einschreibung in die Liste des bürgerlichen Standes (загс: бюро́ за́писи а́ктов гражда́нского состоя́ния).

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Vor dem Standesamt: Stretch Limousine und Menschen

Vor dem Theater an der Bolschaja Pokrowskaja wurde für eine „Nacht der Literatur“ geworben: auf acht Staffeleien standen Plakate mit dem Programm der vielen Veranstaltungen an verschiedenen Orten in der Stadt. Anlass war der 217. Geburtstag von Alexander Puschkin, dem Vater der russischen Nationalliteratur, der am 6. Juni 1799 in der „Deutschen Vorstadt“ (Nemezkaja Sloboda) in Moskau geboren wurde. Puschkin ist der Urenkel des äthiopischen Fürsten Abraham Petrowitsch Hannibal, den Peter I. von seinem Gesandten in Istanbul als Sklave geschenkt bekommen hatte und den er zu seinem Patenkind und später zum Gouverneur von Reval machte. Puschkin und sein Werk sind in Russland noch heute viel lebendiger als in Deutschland das Schaffen unseres Dichterfürsten Goethe.

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Werbung für die Literaturnacht vor dem Theater

Im Naturschutzgebiet Scholkowski Chutor sind die Abfälle geräumt worden, die Strände der Seen mit den Badestellen, die Papierkörbe bei den Sitzbänken und den inoffiziellen Grillplätzen waren sauber – ein ungewöhnlicher Anblick, denn bisher haben wir uns immer über den herumliegenden Dreck geärgert.

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Scholkowski Chutor, Erholung im Naturschutzgebiet

Einmal im Monat besuche ich den kleinen Friseurladen im übernächsten Haus gleich nebenan. Er ist höchstens 20 m² groß und über eine Doppeltür – die äußere aus Eisen, die innere aus Holz – zu erreichen. Das Interieur stammt von IKEA, aus Erbstücken und vermutlich aus Eigenbau, denn die Frisierkommode mit Spiegel ist aus rohen Eisenstangen zusammengeschweißt. In einer Ecke gibt es ein winziges Becken für die Haarwäsche. Betrieben wird der Laden seit einigen Monaten von jungen Leuten. Merkwürdigerweise habe ich bei jedem Besuch anderes Personal angetroffen. Diesmal bediente mich eine kleine junge Frau und sie tat das sehr engagiert und flott. Sie geriet etwas in Unruhe, als sie in den vielen Kisten einen Aufsatz für das Haarschneidegerät nicht fand und per Telefon Rat einholen musste. Meine Ansprüche an die Friseurkünste sind haarmengen- und altersbedingt niedrig: „Oдин центиметер (1 cm) und eine Handbewegung quer über den Kopf“, das wird verstanden: Igelschnitt, einen Zentimeter lang. Dazu gab es holpriges Geplapper (von meiner Seite) und lebhaftes (von ihr) mit der Information, dass sie Nischni liebt, aber gern mal nach Berlin fahren würde, wo einer ihrer Freunde lebt. Diese landeskundlichen Erfahrungen waren für 300 Rubel (ca. 4 €) zu haben.

Am letzten Sonntag waren wir wieder in einem von Viktor Kusnezow geleiteten Konzert des Nischegoroder Russischen Volksorchester, das uns mit dem gekonnten, exakten Musizieren auf russischen Instrumenten (Balalaika, Domra, Gusli, Bayan) schon oft begeisterte. Das Programm unter dem Motto „Gute Laune“ enthielt Werke von Brahms, Piazzolla, Theodorakis und „Обер“. Ober? Nicht bekannt? Die Transkription ausländischer Wörter erfolgt hier einfach nach der russischen Aussprache. „Обер“ steht für „Aubert“. Es wurde für ein Jahres Abo geworben: sechs Konzerte für 1500 Rubel, z. Zt. etwa 20,- €.

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Glückwünsche zum Tag Russlands und zum Tag der Stadt am Kremlturm

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Am Gymnasium Nr.1 „Unser Land – Unsere Stadt – Unser Feiertag“

Plakate am Kremlturm, am Gymnasium Nr. 1 und Spruchbänder über Straßen und Parkeingängen zeigen an: ein wichtiges Ereignis steht bevor. Diesmal der Tag Russlands am 12. Juni, mit dem an die „Deklaration zur staatlichen Souveränität“ der Russischen Föderation von 1990 erinnert wird. Russland erklärte sich nach den baltischen Staaten und nach Georgien unabhängig von der Sowjetunion und besiegelte damit deren Ende. Das Motto auf den Plakaten lautet: „Unser Land – Unsere Stadt – Unser Feiertag“. Manchmal ist die Zahl 795 hinzugefügt; vor 795 Jahren, also 1221, wurde Nischni Nowgorod gegründet. Die Aufschriften zeigen eine gewisse Unklarheit: ist dies ein Gedenktag für das neue, 26 Jahre alte Russland oder für das fast 800 Jahre alte Nischni Nowgorod? Bei der Mehrheit der Russen ist dieser ab 1994 arbeitsfreie Feiertag noch nicht so richtig angekommen. Und die Kommunisten trauern der Sowjetunion ohnehin nach und wollen dies nicht feiern.

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Einsamer Rufer: Der 12. Juni – ein amerikanischer Feiertag. Der Zerfall der SSSR eine große Katastrophe

Die Sonderausgabe der Zeitung „Einiges Russland – Partei des Präsidenten“ mit dem Programm der Feiern in Nischni zeigt auf der Titelseite ein Foto von zwei jungen tanzenden Frauen in traditioneller Tracht, mit dem eher Volksfeststimmung als patriotisches Pathos propagiert wird. Die Aufschrift lautet: Glückwunsch zum bevorstehenden Tag Russlands. Darunter wird auf vier weitere Themen der zwölfseitigen Zeitung hingewiesen: auf das Programm der 795-Jahrfeier in Nischni, auf die Ergebnisse von parteiinternen Wahlen, darauf, wie Russland die USA im Eishockey besiegte und auf Notfallkoffer für Datschniki (Datscha-Besitzer). Auf Seite 2 finden sich Gedanken und Informationen zum Tag Russlands mit einem Zitat aus einer Erklärung Putins, illustriert mit dessen Foto – briefmarkengroß. Die andern drei Bilder auf dieser Seite von den Feiern in Moskau im letzten Jahr sind alle größer, eines mit der auf dem Boden ausgebreiteten russischen Fahne ist so breit wie die ganze Seite.

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Titelseite der Zeitung „Einiges Russlands“ mit dem Programm zum 12. Juni 2016 in Nischni Nowgorod

Auf Seite 3 folgt das Programm für die Feiern zum Tag der Stadt in Nischni. Beginn um 11 Uhr überall in der Stadt. Auf allen Plätzen läuft stündlich ein Film: „795 Schritte durch die Stadtgeschichte – 7 Stunden, 9 Denkmäler, 5 Strecken“. Um 22.30 Uhr beendet ein traditionelles Feuerwerk das Fest. (Russisch Феиерверк, Fe-ierwerk). Die Hauptveranstaltung auf dem Minin- und Poscharski Platz begann mit der russischen Nationalhymne und mit Ansprachen des Gouverneurs Schanzow und anderer Politiker, gefolgt von der Verleihung einiger Ehrenbürgerschaften. Auf und vor der Bühne hatten sich, wie es im Programm hieß, die 795 besten Sängerinnen und Sänger aus Nischegoroder Chören aufgestellt, überwiegend Schulkinder, aber auch Ältere waren dabei, so der Pensionärs-Chor der Fabrik Hydromasch, in dem unser Freund Siegie mitsingt. Danach wurde die kommende Fußball-WM 2018 besungen und auf den Bildschirmen der Text und Torszenen eingespielt. Es folgte ein Lied auf und über Nischni Nowgorod.

Währenddessen war auf dem Platz ein vielseitiges Angebot von Veranstaltungen aller Art im Gange. Fußball, Hockey, Boxen und Ringen, Trampolin, Gymnastik, Schach, Wettspiele und das alles mit wummernder Musik aus Lautsprechern. In einer Bude gab es mit der Zahl 795 verzierte Weihnachtskugeln zu kaufen. Ebenso dicht umlagert war ein Stand, an dem man sich für Ordnerdienste bei der WM 2018 eingetragen konnte – Altersgrenze 70. Auf dem Heimweg entlang der Bolschaja Pokrowskaja buntes Treiben von Straßenkünstlern, Musikern, Pantomimen und wie immer Verkaufsständen.

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Fußballhymne. Letzte Zeile: Mannschaft ohne die ich nicht leben kann

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Konzentration – allem Lärm zum Trotz

Unser zweites Schuljahr in Russland ist zu Ende, die russischen Schulferien haben am 1. Juni begonnen. Rose hat ihren Intensivkurs für die DSD-Schüler gestern abgeschlossen. In den Sommerferien fahren wir nach Deutschland. Am 1. September beginnt die Schule wieder. Nie hätten im August 2014 geglaubt, dass unser Russlandabenteuer so lange dauert. Wir haben den Aufenthalt bis Mitte 2017 verlängert, was zeigt, dass wir uns wohlfühlen und gern hier sind.

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Am 12. Juni 2016 beim Eingang in die Fußgängerzone

 

Gäste aus Stuttgart – Sternchenspiel und Prüfungen

02.06.2016

Nach den west-christlichen Pfingstfeiertagen besuchten uns fünf Freundinnen und drei Freunde aus Stuttgart. Das Programm: die Stadt Nischni Nowgorod, mit dem Schiff zum Makarjew-Kloster und anschließend mit dem Zug über Wladimir und Susdal nach Moskau. Angefüllte Tage mit eindrücklichen Erlebnissen liegen hinter uns. Was davon berichten? Alles wäre viele Worte wert!

Erhebend wie stets der Besuch eines orthodoxen Gottesdienstes in der Alexander-Newski-Kathedrale mit dem von unserer Freundin Kira Molewa geleiteten Männerchor. Die prachtvolle Kirche und vor allem der Gesang waren bewegende Erlebnisse, zumal einige unserer Gäste diese uralten Melodien zum erstem Mal hörten.

Die außer der Stadtbesichtigung zum Pflichtprogramm für Nischni-Besucher gehörende Fahrt mit der Seilbahn über die Wolga endete unerwartet: plötzlich auftretender starker Wind behinderte den Betrieb. Die Gondel blieb in fast 90 Meter Höhe stehen, 40 bange Minuten lang hatten wir schaukelnd Zeit, die Wolga unter uns und – etwas neidisch – den Betrieb der Autofähre zu beobachten. Langsam, sehr langsam ging es schließlich weiter bis in die Stadt Bor am anderen Ufer. Dann musste der Betrieb der Seilbahn endgültig eingestellt werden. Für die Rückfahrt blieb uns nur einer der vielen Busse, der uns für 40 Rubel (60 cts) die gut 15 km über die einzige Wolgabrücke zurück nach Nischni brachte.

Mit dem großen Schiff „Michael Frunse“ fuhren wir über Nacht zu dem 105 km Wolga-abwärts gelegenen Makarjew Monastyr.

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Das Makarjew Kloster

Wieder ein großes Kloster mit einer bewegten Vergangenheit: 1435 von dem Einsiedler Makari gegründet, im 16. Jh. von den Tataren zerstört, sank nach 1817 seine Bedeutung, weil man die Messe nach Nischni Nowgorod verlegte. In der Sowjetzeit wurde es nacheinander als Kinderheim, Lazarett und zuletzt als zooärztliches Technikum genutzt. Seit 1991 wiederaufgebaut, leben jetzt 16 Nonnen dort. Wir hatten Zeit zu einem kurzen Spaziergang in das nahegelegene Dorf, das mit seinen Holzhäusern, den sandigen Wegen und seiner Lage am Fluss unserem Bild von „typisch russisch“ entspricht.

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Das Dorf beim Makarjew Kloster

Bemerkenswert: In der Kajüte der Michael Frunse warb ein Prospekt für Rhein-Main-Kreuzfahrten im nächsten Jahr. Die Hoffnung auf ein wieder normales Verhältnis zu Deutschland lebt noch, auch bei russischen Reiseveranstaltern.

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Dimitri-Kathedrale in Wladimir

In Wladimir wohnten wir selbstverständlich im Erlangen Haus, wie immer freundlich empfangen und mit einem üppigen Frühstück verwöhnt. Eine redegewandte Stadtführerin zeigte uns die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, die mit Reliefs verzierte Dimitri-Kathedrale, die Maria-Entschlafens-Kirche, die zur Zeit renoviert wird und das Goldene Tor.

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Susdal: Blick über die Kamenka auf das Maria-Schutz-Nonnenkloster

Mit einem gemieteten Bus fuhren wir nach Susdal (30 km), dem zweiten Juwel auf dem Goldenen Ring. Wir besichtigten – viel zu kurz wie immer bei solchen Touren – das Freilichtmuseum mit Windmühlen, Holzhäusern und Holzkirchen, den Kreml und den Marktplatz und das seit dem 19. Jh. als Gefängnis und jetzt als Museum genutzte Erlöser-Jewfimi-Kloster, wo wir ein eigenartiges Musikerlebnis hatten: Um 12 Uhr das Spiel auf den Glocken. Der Glöckner stand auf dem Glockenturm und arbeitete mit Händen und Füßen an Seilen, mit denen er die Klöppel an die Wände der Glocken schlug. Es erklang eine rhythmische Melodie – ungewöhnlich und mit den Glockenspielen in den westlichen Ländern nicht zu vergleichen.

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Susdal: 12 Uhr Läuten im Erlöser-Jewfimi-Kloster

Wir hatten das Glück, in Susdal vom Stadtoberhaupt Sergej Sacharow empfangen zu werden, der, wie Peter Steger  in seinem Blog >Erlangenwladimir.wordpress.com< schreibt, es sich nie nehmen lässt, Gäste aus Deutschland zu empfangen.

Von Nischni nach Wladimir waren wir mit der ‚Lastotschka‘ gefahren, dem von Siemens produzierten modernen Zug. Nach Moskau ging es mit einem russischen Fernreisezug, in Wagons wie bei der Transsib. Es hätte auch einem modernen schnelleren Zug gegeben, aber unsere Gäste wollten sich dieses Erlebnis nicht entgehen lassen. So bezogen wir unsere Liegewagenabteile, die Schaffnerin brachte das zu jedem Platz gehörige Bettzeug, (das wir nicht brauchten) und die Speisewagenbedienung ein Abendessen (leider abgepackt wie im Flugzeug). Wir tranken Tee aus den bekannten Gläsern mit den silbernen Haltern, Podstakanniki genannt.

Wenn das bisherige Programm schon voller neuer Eindrücke war, so kam es dann in Moskau noch geballter. In Nischni, auf der Wolgafahrt, in Wladimir und Susdal lief alles eher ruhig und besinnlich, hier war es prickelnd, aufregend und überwältigend. So hatte das keiner erwartet. Unsere Gäste sagten immer wieder, „wir haben uns das Leben in Russland und besonders in Moskau ganz anders vorgestellt.“ Sie waren von der Heiterkeit und Lebendigkeit überrascht. Für uns alte Hasen war das eine Genugtuung, denn es bestätigte unsere eigenen Erfahrungen.

Der gute Eindruck wurde auch durch die mühsame Stadtrundfahrt nicht sehr getrübt, denn die vielen Staus verschafften der Stadtführerin nach dem Standardprogramm die Zeit, uns über die hohen Wohnungspreise in Moskau zu informieren: 35000 Rubel Miete für eine 45 qm große Einzimmerwohnung am Stadtrand.  Doch die meisten Moskauer leben in Eigentumswohnungen, die nach der Wende vom Staat kostenlos den Bewohnern übereignet wurden. In den von ihr Goldene Meile genannten Luxusstraßen kostet jetzt in einer Eigentumswohnung der qm bis zu 60000 US-Dollar (z.Zt. ca. 4000000 Rubel). Kein Wunder in einer Stadt, in der man im Zentrum auf 30 Meter vier Bentleys geparkt sehen kann, alle mit Fahrer, die mit laufenden Motoren auf ihre Chefs warten. Von den dicken Mercedeslimousinen, den Wagen mit dem RR auf der Kühlerhaube, den Range Rovers ganz zu schweigen. Aber: es gibt noch genügend Autos von Normalbürgern, wie die immer verstopften Straßen beweisen. Deshalb ist die Metro das wichtigste Verkehrsmittel für die meisten Moskauer: Zugfolge alle zwei Minuten, mit der 20er Karte kostet eine Fahrt mit Umsteigen 32,50 Rubel.

Nur der Vollständigkeit halber: wir besichtigten den Friedhof beim Neujungfrauenkloster, konnten vom Panorama auf den Spatzenbergen einen Blick über die Stadt werfen und sollten den Roten Platz ausführlich erläutert bekommen. Daraus wurde nichts: eine Brücke war für blaulichtbegleitete Regierungsfahrzeuge gesperrt, nach langem Warten entschloss sich unsere Führerin lieber mit der Metro dorthin zu fahren. Das ging dann zwar schnell, aber die verlorene Zeit war nicht wieder einzuholen, sie musste zu ihrem nächsten Termin.

Von den Besuchen in den beiden Tretjakow Galerien – auch Pflichtprogramm in Moskau – zeige ich hier nur jeweils das Gemälde, das mich diesmal besonders beeindruckt hat. Immer wieder erstaunlich ist, dass man ohne Blitz fotografieren darf, was wir reichlich getan haben – mit dem Vorsatz, die Bilder zu Hause in Ruhe noch einmal zu betrachten. Wir waren zum zweiten Mal in den beiden Museen, haben vieles neu entdeckt und sind sicher, dass es noch viel zu entdecken gibt. Unsere Gäste waren überwältigt.

k-64. Ber (06)                                      In der neuen Tretjakow-Galerie: Bedrückendes Bild, fast eine Prophezeiung

Die neue Tretjakow Galerie liegt in einem Park an der Moskwa und zeigt russische Kunst des 20. Jahrhunderts von der Avantgarde der 1910 – 1920er Jahre bis hin zu zeitgenössischen Malern. In der verknöcherten Zeit des Sozialistischen Realismus gab es eine reiche Untergrundkunst mit beeindruckenden Bildern, die erst nach der Wende gezeigt werden konnten. Und danach eine Vielfalt der Stile und Inhalte. Eric Bulatow malte 2007 das ungewöhnliche Bild „Die Wolken wachsen“, dessen bedrohliche Ausstrahlung wie eine Prophezeiung für die heutige Situation wirkt.

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In der alten Tretjakow-Galerie

Die alte Tretjakow Galerie, nicht allzu weit weg vom Kreml gelegen, war viel stärker besucht als die neue. Vor dem Einlass stand eine lange Menschenschlange. Hier wird die russische Kunst vom 11. Jh. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zelebriert, so muss man fast sagen. Alles ist großartig ausgestellt und die vielen großformatigen Bilder kommen beeindruckend zur Geltung. Das Bild „Unerwartete Heimkehr“ von Repin hat zwar Normalmaße, beeindruckt aber durch seine Aussagekraft.

Zu einem Moskaubesuch gehört, wenn man Glück hat, eine Aufführung im Bolschoi Theater. Wir waren glücklicherweise am 8. März in Moskau und konnten so kurz nach Eröffnung des Vorverkaufs hervorragende Karten bekommen. Diesmal sahen und hörten wir die Oper „Boris Godunow“ von Modest Mussorgsky, die ein dramatisches Kapitel der russischen Geschichte behandelt: das Emporkommen des falschen Dimitri (oder des richtigen, das weiß bis heute keiner so genau), der mit Hilfe der Polen Russland besetzte, was die Zeit der Wirren einleitete, die erst 1612 mit dem von Minin und Poscharski geführten Aufstand endete. Es ist wieder müßig, über die musikalische und künstlerische Qualität zu reden. Es handelte sich um die 720. Aufführung seit 1881 und um die 465. in dieser Inszenierung von 1948, die mit ihren Massenszenen und den realistischen, üppigen Bühnenbildern typisch russisch war. Manche Zuschauer störten, weil sie während der Vorstellung mit ihren Handis fotografierten oder gar SMS verschickten – kaum zu fassen!

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Der Rote Platz am 27. Mai 2016 um 21.37 Uhr. Diesmal ohne Buden oder Bühnen.

Moskau wird renoviert. Auf vielen, sehr vielen Straßen und Plätzen waren die Bauarbeiten durch lange Absperrungen verdeckt, die aus fast durchsichtigen Gazetüchern bestanden und mit den Bildnissen von Musikern, Schriftstellern und anderen berühmten Menschen bedruckt waren. Auf dem Straßenpflaster häufig zu lesen: „Der Aufschwung kommt“ (Рост будет).

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Bauzaun mit Portraits: hier des Gründers des Feinkostladens Jelissejew

Im großen Wysoko-Petrowski-Kloster (1380) an der Petrowka Ulitza befinden sich vier Kirchen, darunter eine alte, von außen baufällig wirkende kleinere, die uns innen mit ungewöhnlichen Ikonen aus Keramik überraschte. Zu Sowjetzeiten waren im Kloster Fabriken untergebracht, jetzt ist hier die Verwaltung des Patriarchenseminars.

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Ikonostas mit Keramik-Ikonen im Wysoko-Petrowski-Kloster

In das Museum für moderne Kunst an der Petrowka Ulitza, einer der vier Standorte des MMOMA (Moskauer MOMA), wollten wir morgens zu zeitig –  es war noch geschlossen doch der Garten mit Arbeiten des Bildhauers Surab Zereteli konnte besichtigt werden: Große Bronzefiguren, witzig die „Stadtmenschen“, bedrückend die „Erinnerung an die Opfer des Gulag“.

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Surab Zereteli: Stadtmenschen

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Gedenken an die Opfer des Gulag

Auf der Bolschoi Moskworetschki Brücke wird nach wie vor an die Ermordung von Boris Nemzow erinnert. Die Zahl der seit dem Mord vergangenen Tage, (454) wird auf einem selbst gefertigten Plakat immer noch täglich angezeigt. Viele frische Blumensträuße stehen an der Brückenmauer.

Für uns „Dauergäste in Russland“ war die Zeit mit unseren Freunden aufregend und befriedigend. Wir haben mit Sympathie deren Reaktionen auf die Besonderheiten des Lebens hier beobachtet, die unangenehmen (wie die Löcher auf den Gehwegen, Vorspeisen nach dem Hauptgang serviert…) oder die angenehmen (wie die überaus freundliche Aufnahme durch die hiesige Bevölkerung, die Musik, die Kunst, die Architektur, das Land…)

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Leihfahrräder– solche Stände gibt es an vielen Stellen in Moskau. Am Boulevard-Ring waren alle Räder unterwegs, sehr schade. Radfahren in Moskau wäre mal was Neues gewesen

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Bauzaun an einer Straße auf dem Boulevard-Ring

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Schachspielen in einer Parkanlage auf dem Boulevard-Ring, jeden Samstag und Sonntag ab 13 Uhr

 

Schulnotizen – Sternchenspiel und Prüfungen

Auch die letzten Wochen des Schuljahres waren angefüllt mit Prüfungen. Als DSD-Lehrerin habe ich zwei weitere Prüfungsformate an unserer Schule eingeführt, die die jüngeren SchülerInnen auf das Deutsche Sprachdiplom vorbereiten sollen. „So geht’s zum DSD“ heißen die Prüfungen in Klasse 7; „Sternchenspiel“, ausdrücklich nicht „Prüfung“ heißt es für die Viertklässler, die seit der 2. Klasse und damit 374 Stunden Deutsch hatten. Für mich waren diese Formate interessant, weil sie zeigen, wie konsequent auf das „Endspiel“ in Klasse 11 vorbereitet wird. Auf jeder Ebene werden Hörverstehen, Leseverstehen, schriftliche Kommunikation und mündliche Kommunikation geprüft. Nur die Inhalte variieren entsprechend dem Niveau.

Etwas für’s Herz waren die mündlichen ‚Prüfungen‘ für die Kleinen, ein Gruppenspiel: In der Mitte des Tisches lagen verdeckt Themenkarten, die die sechs Kinder der Gruppe der Reihe nach ziehen mussten. Themen waren z.B. mein Lieblingsspielzeug, Weihnachten, mein Zimmer, mein Haustier, mein Hobby, meine Familie, Ferien…. über die ca. zwei Minuten gesprochen werden musste. Danach zogen die anderen Gruppenmitglieder Fragekarten und stellten Fragen. Ich war die Spielleiterin, im Hintergrund saßen die zwei Deutschlehrerinnen der Klasse als Beobachterinnen und machten Notizen als Grundlage für die Notenfindung nach jeder Spielrunde. Wie man den Fotos entnehmen kann, war die Stimmung bestens, nicht nur bei der Prüfung, sondern auch bei der Preisverleihung.

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 Das Sternchenspiel

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Die Preisverleihung

Auch die staatlichen Prüfungen sind seit Ende Mai in vollem Gange. Die Neuner machen eine Abschlussprüfung am Ende der Schulpflichtzeit, die Elfer Abitur. Damit keinerlei Unregelmäßigkeiten passieren können, gehen alle Schüler für die Prüfungen in Begleitung ihrer Lehrer an eine andere Schule, wo sie abgegeben und von den Lehrern der Gastschule beaufsichtigt werden. Mein Gymnasium beherbergt in diesem Jahr fünf geistig oder körperlich behinderte Schüler bei ihrer Abschlussprüfung. Die Kinder werden an verschiedenen Tagen in Mathe, Russisch etc. geprüft. Einen Tag vor jeder Prüfung werden die Prüfungsräume vorbereitet, dann alle Räume der ganzen Schule (nicht nur die Prüfungsräume für die fünf Schüler!) von Inspektoren kontrolliert und versiegelt. Stichpunktartig kommen sogar Inspektoren aus Moskau – wir hatten heute die Ehre. Während der Prüfungen darf nur das Aufsichtspersonal und der Schulleiter in der Schule sein.

Ärgerlich nur, dass wir erst seit Ende letzter Woche wissen, dass wir Prüfungsschule sind. In meinem Fall hat das zur Folge, dass der für die ersten zwei Juniwochen geplante DSD-Intensivkurs nicht nur während der Prüfungstage, sondern jeweils auch am Vorbereitungstag nicht stattfinden kann. So erreichte mich letzten Donnerstag die Mail, dass der Eingangstest für meinen Kurs von Montag auf Mittwoch verschoben werden müsse. Als ich jedoch am Mittwoch mit meinen Schülern den Test schreiben wollte, wurde uns das kurzerhand untersagt, da man gerade erneut am Versiegeln war. Meine Schüler wurden erst einmal auf Freitag vertröstet und heimgeschickt. In dieser Notlage kam meine stellvertretende Schulleiterin auf die rettende Idee, uns in die Grundschulfiliale zu verlagern. Besser spät als nie – drei Tage hatten wir schon verloren. Überraschend für mich bei der Situation war nicht nur die Kurzfristigkeit der Planung, sondern auch, wie gelassen die 16 Schülerinnen und Schüler die Nachricht aufnahmen, dass ihre Prüfung erst zwei Tage später stattfinden würde. Per vkontakte (die Entsprechung zu Facebook) teilte man ihnen dann mit, dass doch nicht am Freitag, sondern schon am Donnerstag in der Grundschule geschrieben würde. Und siehe da: alle waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort! Fazit Nr. 1: Hier geht es manchmal chaotisch zu. Fazit Nr. 2: Man ist flexibel und kann damit umgehen.

Kloster Neujerusalem

07.05.2016

Moskau war am ersten Maiwochenende festlich geschmückt – mit echten und künstlichen Blumen, mit Bäumchen voller Plastikblüten und immer wieder mit Eiern in allen Größen. Gründe: „Frühling in Moskau“ und natürlich: das orthodoxe Ostern. Von den Feierlichkeiten zum 1. Mai haben wir außer dem gesperrten Roten Platz nichts bemerkt.

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Ostermorgen in Moskau: Weiß geschmückte Bäume

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Osterdeko in Moskau

Wir waren von unserer Freundin Larissa und von Iwan auf dessen Datscha und zu einer Besichtigung des Klosters Neu-Jerusalem eingeladen worden. Daher fuhren wir am frühen Sonntagmorgen mit der Metro zum Bahnhof Tuschinskaja am Stadtrand von Moskau. Dort stiegen wir in die Elektritschka, einen Vorortzug, der uns für 102,50 Rubel (1,40 €) zu unserem etwa 60 km entfernten Ziel brachte. Erwartet hatte ich einen der in der Literatur oft beschriebenen alten Eisenbahnwagen mit Holzsitzen und Bollerofen. Fast war ich enttäuscht, in einen geräumigen modernen S-Bahnwagen zu kommen.

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Wagon der Elektritschka von Neu-Jerusalem nach Moskau (Rückkfahrt)

Nicht enttäuscht hat dann die Hinfahrt, denn schon an der ersten der vielen Haltestellen stieg ein Händler ein, der mit lautem Rufen Zahnbürsten und Passhüllen anbot. Und es folgten in bunter Reihe Verkäufer mit Lavendel von der Krim, Waschmitteln, Tee, Alpengoldschokolade, Blumensamen, Werkzeugen, Chips und Eis. Veteranen aus dem Afghanistan- und dem Tschtetschenienkrieg sangen zu Gitarre und baten um eine Spende. Unter den Mitreisenden waren viele, die offensichtlich zu ihren Datschen fuhren, mit dicken Taschen, Hund und Katze und manchmal mit einem Enkelkind. Auch die Stationsnamen ließen erkennen, dass wir in einem Datschazug saßen: Малиновка (Himbeerowka), Дедовск (Großväterchen-Stadt), Der 50. Kilometer. Die Station „Dreifaltigkeit“ deutete an, dass wir bald an unserem Ziel waren, der Station „Neu-Jerusalem“ im Ort Istra. Dort erwarteten uns Larissa und Iwan. Sie fuhren mit uns zunächst in das „Neu-Jerusalem Männer Kloster“.

Das Männerkloster aus der Mitte des 17. Jahrhunderts sollte den Anspruch Moskaus auf das „Dritte Rom“ widerspiegeln und ein religiöses Zentrum für alle Rechtgläubigen sein. Im Zentrum der großen Klosteranlage steht die Auferstehungskirche, die eine Nachbildung des Jerusalemer Grabes Christi enthält. Nach der Revolution wurde das Kloster geschlossen und 1924 in ein Museum umgewandelt. Während der dreiwöchigen Okkupation 1941 wurde es ausgeraubt, viele Gebäude wurden sprengt. Ab 1994 wiederaufgebaut, ist das Kloster jetzt bis auf einige Außenanlagen fertiggestellt.

Mir fehlen mal wieder die Worte, den Eindruck wiederzugeben, den der große, reichgegliederte, sich in Weiß, Gold und Türkis darbietende Baukörper unter einem strahlend blauen Himmel machte. Erhaben und trotz des Gebirges aus Bauten und Türmen nicht erdrückend.

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Auferstehungskirche im Kloster Neu-Jerusalem

Beeindruckend ist es auch immer, die Menschen zu beobachten, die dem heiligen Ort am Eingangstor durch Verneigen und Bekreuzigen die Ehre erweisen. Frauen bedeckten auf dem Klostergelände den Kopf mit einem Tuch, Männer sollen dagegen barhäuptig sein, wie es in den orthodoxen Kirchen üblich ist. Am Weg zur Kirche passiert man ein provisorisches Häuschen mit einer heiligen Quelle, vor der viele Leute warteten, um heiliges Wasser zu holen.

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Anstehen nach heiligem Wasser

Der Eingang in die Auferstehungskirche war wegen der Bauarbeiten durch Gitter verengt, so dass man nur zu zweit nebeneinander eintreten konnte. Niemand von denen, die hinein- oder herausgingen, sich wieder bekreuzigten und verneigten, störten sich an einer Frau, die vor dem Kircheneingang stand und telefonierend einen Teil des Weges versperrte, und die sich auch nicht stören ließ.

In der Kirche wurde vor dem Ikonostas gerade an die in langer Reihe wartenden Gläubigen die Kommunion ausgeteilt, ein Frauenchor sang. Gleich daneben war eine lange Menschenschlange vor dem Verkaufsstand für die Kerzen, die in einen der vielen Leuchter vor den Ikonen gesteckt werden. Es lagen Zettel aus, auf die man seine Anliegen schreiben kann, die von den Mönchen später in ihre Gebete aufgenommen werden.

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Nachbildung der Jerusalemer Grabeskapelle in der Auferstehungskirche

Zentral unter der großen Kuppel steht eine kleine Kapelle, die eine Nachbildung des Grabes Christi enthält. Larissa sagte, beides seien originalgetreue Kopien des Grabes, das sie in Jerusalem gesehen hat. Davor eine sehr lange Reihe von geduldig wartenden Menschen, die in die Grabkammer gehen wollen, um zu gedenken und zu beten. Trotz des Menschengewimmels war die Atmosphäre ruhig, festlich. Für uns ist das Nebeneinander von Gottesdienst mit Kommunionausteilung und Chorgesang, dem gleichzeitigen Verkauf von Kerzen, den Betenden vor den Ikonen und den stets umherlaufenden Menschen ungewöhnlich. Jeder verrichtet seine Tätigkeit konzentriert, ohne sich durch die anderen stören zu lassen und ohne das Gefühl, die anderen zu stören.

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Segnung der Osterspeisen vor der Kirche

Vor der Kirche wurden Osterspeisen gesegnet. In langer Reihe standen die Gläubigen an Tischen, auf denen sie die mitgebrachten Speisen aufbauten: die bemalten oder mit Zwiebelschalen dunkelbraun gefärbten Eier, die Quarkspeise Pascha und den Osterkuchen „Kulitsch“. (Kulitsch ist ein runder hoher Kuchen aus mit viel Butter und Eiern angereichertem Hefeteig, oben von einem Zuckerguss gekrönt). Der Pope sprach einige Gebete leise vor sich hin, die er aus einem Büchlein vorlas. Es kam ihm offensichtlich nicht darauf an, dass die anderen seine Worte verstanden. Dann lief er die Tischreihen entlang und segnete mit dem Aspergill, dem Weihwasserwedel, Menschen und Speisen und bevor er wieder in die Kirche ging, gab er mit dem Wedel einem kleinen Jungen scherzend noch ein Klapps auf den Kopf, ein Zeichen für das lockere, unverkrampfte Verhalten.

Die Datscha von Iwan liegt noch eine halbe Autostunde weiter westlich beim Dorf Woskrezensk in der Datschasiedlung „Almas“. Es war eine Fahrt durch russische Landschaft wie wir sie uns vorstellen, geringe Besiedlung, Felder, sumpfige Wiesen, Wäldchen, kleine Flüsse. Wir kamen zum noch nicht ganz fertigen Neubau eines stabilen Hauses, das sich, wie viele Datschen in der Siedlung, ohne weiteres als Dauerwohnsitz eignen würde und verbrachten dort einen ruhigen Tag und bei Nachbarn einen Wodka-reichen Abend.

Mir fiel wieder einmal auf, dass es wenig Singvögel gab, obwohl dort eine landwirtschaftlich geprägte Gegend ist und in den Gärten viele Bäume und Büsche stehen. Von dem Morgenkonzert, das uns in Erlangen oder Stuttgart oft zu zeitig aufweckte, war da nichts zu hören. (Ein Schüler hat nach einem Aufenthalt in Deutschland als bemerkenswertestes Erlebnis geschrieben, dass er am ersten Morgen glaubte, jemand würde den Vogelgesang mit einem Lautsprecher abspielen.)

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Die Datscha, fast fertig

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Abendstimmung

Zum Schluss noch drei Fotos, die daran erinnern, dass die Welt nicht so friedlich ist wie es das einfache und naturnahe Leben auf den Datschen erscheinen lässt.

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Moskau: Nemzow-Gedenken. 429 Tage nach seiner Ermordung. Es standen etwa 40 frische Blumensträuße.

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Plakat: Jahrestag der Ermordung friedlicher Bürger in ODESSA. Nischni Nowgorod erinnert sich und trauert. (um die beim Brand des Gewerkschaftshauses am 4. Mai 2014 Getöteten)

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71 Jahre Ende des 2. Weltkrieges. Plakat in der Nähe des Neu-Jerusalem Klosters. Die Gegend hier war 1941 kurzzeitig von deutschen Truppen besetzt.

 

Flickr Fotos

Discovering Lake O'Hara

Under the Bridge - Saskatoon Saskatchewan

Island in the fog

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