Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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„Tage russischer Musik am Bodensee“ (17. – 21. Oktober 2019)

Warum sind die nicht weltberühmt?

London, Coliseum. 1910.
In einer Vorstellung der international berühmten Tänzerin Ida Rubenstein ist ein kurzer Auftritt des Großrussischen Balalaika-Orchesters angekündigt, das auf so unbekannten Instrumenten wie Domra und Balalaika spielt. Der skeptische Regisseur des Coliseums hat den russischen Dirigenten Vladimir Andreev mit harschen und herablassenden Worten angewiesen, die vorgesehenen sechzehn Minuten keineswegs zu überschreiten. Es kommt anders. Das von der russischen Musik überwältigte Publikum verlangt eine Wiederholung, der Regisseur gibt nach und als das Orchester nach mehr als einer halben Stunde die Bühne verlässt, ist der Bann gebrochen. Die Musikkritiker der Londoner Zeitungen übertreffen sich im Lob der dreißig Musiker. Der Vertrag mit dem Volksorchester wird immer wieder verlängert: aus den ursprünglich geplanten wenigen Aufführungen werden 192. Edward VII, der englische König, lädt das Orchester zu einem Auftritt nach Schloss Windsor ein. Das Ziel des Dirigenten Andreev, die russischen Volksinstrumente bekannt zu machen, ist erreicht.

Owingen. Oktober 2019, „Tage russischer Musik am Bodensee“.
Das erste von vier Konzerten des „Staatlichen Russischen Volksorchesters Nischni Novgorod“ mit dem Dirigenten Viktor Kusnetzov hören im großen Saal des Kulturhauses etwa 120 Leute. Zwei Tage später im Ludwig-Dürr-Saal des Graf-Zeppelin-Hauses in Friedrichshafen werden schon 160 gezählt und das trotz starker Konkurrenz durch eine Ballettkompanie aus Moskau, die mit Tschaikowskis „Dornröschen“ im gleichen Haus gastiert. Beim nächsten Konzert im Augustinum in Meersburg steigt die Zahl auf 200; hier half es, dass viele Zuhörer in der Senioren Residenz im gleichen Haus leben. Und dann schließlich sind es in der gut gefüllten Kirche St. Jodokus in Immenstaad etwa 420 Besucher, die dem letzten Konzert lauschen. Jede Aufführung hatte ihr eigenes Programm.
Die wachsenden Besucherzahlen sind auch 2019 am Bodensee der großartigen Musikalität des Orchesters zu verdanken. Mit seiner unglaublichen Qualität und seinem Können gewann es die Herzen der Zuhörer von den ersten Tönen an. Wer Zweifel hatte, ob sich die Balalaika, die Domra oder die Gusli für klassische Musik eignen, war bald eines Besseren belehrt. Den ungarischen Tanz Nr. 1 von Brahms oder das Scherzo aus Mendelsohns Sommernachtstraum hat man so noch nie gehört. Aus der Oper „Fürst Igor“ von Borodin erklangen die Polowetzer Tänze, aus der Oper „Die verkaufte Braut“ von Smetana der Tanz der Komödianten. Viele Stücke stammten von bei uns weniger bekannten russischen Komponisten, von älteren oder von Zeitgenossen, wie Vadim Bibergan, der vor allem Filmmusik geschaffen hat. In Meersburg war der in Deutschland lebende Komponist V. Porozki anwesend, von dem zwei Stücke aufgeführt wurden, aus der Suite die „Bluthochzeit“ von Lorca der „Der Brautkranz“ und der „Choral“, vorgetragen auf einer Bajan.

Nach dem Konzert im Augustinum in Meersburg am 20.Oktober 2019:
Das Staatliche Russische Volksorchester Nischni Novgorod mit seinem Dirigenten
Viktor Kusnetzov, neben ihm der Komponist V. Porozki

Der Reichtum an musikalischen Stimmungen, die das ungewöhnliche Orchester erzeugt und die Präzision der rhythmischen Wiedergabe sind mit Worten nicht zu beschreiben. Höhepunkte waren Auftritte von Solisten aus dem Orchester. Ob mit Gusli, Domra, Balalaika oder mit Bajan, Oboe und Saxophon, das Publikum lauschte immer atemlos den mal kraftvollen und oft leisen Tönen, die zeigten, wie bewegend und zu Herzen gehend Musik sein kann.
Der hochdekorierte Dirigent Viktor Kusnetzov sieht sein Orchester als Nachfolger des Orchesters von 1910. Auch er will die russischen Volksinstrumente bekannt machen und zeigen, dass sie den höchsten musikalischen Ansprüchen genügen können. Das russische Bajan ist ein Knopfakkordeon. Die dreieckige Balalaika kennt man bei uns noch am ehesten. Die Domra, ihre runde Vorgängerin aus dem 13. Jahrhundert ist wie diese ein lautenähnliches Saiteninstrument. Sie ist weniger bekannt, ganz zu schweigen von der Gusli, die als Tischharfe oder als eine Art Zither beschrieben werden könnte. Letzteres wollte Kusnetzov so nicht stehen lassen, denn es handele sich bei ihr um das russische National-Instrument schlechthin seit dem 12. Jahrhundert.

                           Die Gusli, aufgenommen in einer Spielpause am 17. Oktober 2019 in Owingen

Die Geschichte dieser Konzertreise beginnt im September 2014 in Nischni Novgorod, wo meine Frau und ich schon nach zwei Wochen ahnungslos in ein Konzert des Staatlichen Russischen Volksorchesters gerieten. Wir wussten nicht was uns erwartet, waren aber sofort ergriffen von der filigranen, perfekt dargebotenen Musik. In den drei Jahren, die wir dort lebten, besuchten wir wann immer möglich die Konzerte, es mögen fünfundzwanzig gewesen sein. Kurz vor unserer Abreise am 8. Juli 2017 nach einem Konzert im World Trade Center fasste sich meine Frau ein Herz und fragte den Dirigenten Viktor Kusnetzov, ob er sich eine Tournee in Deutschland vorstellen könne. Zu unserer Überraschung war er nicht abgeneigt. Im Januar 2015 waren drei Ehepaare aus Immenstaad am Bodensee in Nischni Novgorod gewesen. Sie gehören zum Katholischen Bildungswerk, dass sich seit längerem für eine Verständigung mit Russland einsetzt und russische Musiker zu Konzerten an den Bodensee einlädt. Auch sie waren vom Orchester fasziniert und angetan von der Idee, dieses in Deutschland auftreten zu lassen. Nach vielen Telefonaten, Emails und nach weiteren Gesprächen meiner Frau mit Viktor Kusnetzov bei unseren Reisen nach Nischni Novgorod konnte schließlich die Reise an den Bodensee vereinbart und das Orchester eingeladen werden. Die vier Veranstaltungsorte wurden vom Katholischen Bildungswerk organisiert, ebenso die Ankündigungen in den lokalen Zeitungen und die Werbung durch Plakate und Handzettel.
Die männlichen russischen Musiker fuhren mit den Instrumenten im Bus aus Nischni Novgorod an der Wolga die 3000 km weite Strecke in die Martin-Buber-Jugendherberge Überlingen am Bodensee. Unterwegs übernachteten sie in Brest und in Dresden. Der Dirigent und die Musikerinnen kamen per Direktflug aus Moskau nach Memmingen. Das Ministerium für Kultur in Nischni Novgorod hatte die Reisekosten, zwei Millionen Rubel (etwa 28000 €), übernommen. Der Dirigent und das Orchester spielten ohne Gage. Auf deutscher Seite waren drei der vier Säle kostenlos, die Einnahmen aus dem Kartenverkauf und aus Spenden deckten knapp die Kosten des ganzen Festivals.
Alle deutschen Veranstalter dieser „Tage russischer Musik am Bodensee“ sind sich in der Bewertung einig: dieses Orchester hätte viel mehr Zuhörer und mehr als vier Konzerte verdient. Dafür hätte aber die Organisation durch uns engagierte, idealistische Laien nicht ausgereicht. Doch welche internationale Konzertagentur wagt es in der heutigen Überfülle an Angeboten und in dem schwierigen politischen Klima ein solches Vorhaben anzugehen?
Die musikalische Botschaft der Reise kam bei den Zuhörern an. Alle Konzerte endeten mit Beifallsstürmen. Kusnetzov erhielt die volle Zustimmung, als er ausrief: „Ich will unsere Musik in eure Herzen tragen“. Ein Tontechniker sagte: „Ich habe in diesem Saal schon viele Konzerte gehört. Das war mit Abstand das beste“. Mehrere der Besucher, die das Orchester bei einem der ersten Konzerte gehört hatten, kamen zu den nächsten und brachten noch Freunde mit. Manche erzählten stolz, sie hätten alle vier Aufführungen besucht. Die erfolgreichste aller Werbemethoden, die Mundpropaganda, klappte hervorragend. Immer wieder hörten wir Aussprüche wie „das war unglaublich“, „das Konzert hat mich glücklich gemacht“, oder „ich war zu Tränen gerührt“. Die Frage einer musikbegeisterten Frau habe ich als Titel für diesen Berichtes gewählt: „Warum sind die nicht weltberühmt?“.
Noch einmal zurück in das Jahr 1910.

Mannsfeld, der Sekretär des Großrussischen Balalaika-Orchesters, schreibt in seinem Bericht über den Aufenthalt in London: „Vor unserer Rückkehr wurde von der russisch-englischen Handelskammer und von Botschaftsangehörigen ein Mittagessen zu Ehren Andreevs gegeben. Viele der Anwesenden sagten, dass Vasili Vasiljevitsch Andreev mit seiner Musik die Tiefe der Seele des russischen Menschen gezeigt habe und dass die Engländer diese Seele gespürt und aufrichtig lieben gelernt hätten. Andreev habe – nach ihren Worten – ohne diplomatische Kniffe „den Stier bei den Hörnern gepackt“ und unseren jetzigen Verbündeten gezeigt, dass das russische Volk nicht der Barbar und der Wilde ist, als den es Deutschland darzustellen versucht“.

 

                         In der Pfarrkirche St. Jodokus in Immenstaad am Bodensee (21. Oktober 2019)

                              Rose Ebding, Viktor Kusnetzov, Konrad Veeser, Hubert Lehle, Udo Daecke
Ein russischer Dirigent und vier aktive Deutsche = fünf Freunde

 

Einen Eindruck von der Musik kann man über folgende Links bekommen:
• Konstantin Nosyrev, Domra: A. Zygankov, „Einführung und Czardas“
https://vk.com/konstantinnosyrevdomra?z=video152380284_456239066%2Fb3376b4231889f0315%2Fpl_wall_10770049

• Die Polowetzer Tänze aus der Oper „Fürst Igor“ von Borodin
https://oknamusic.online/play/andquot-%D0%BF%D0%BE%D0%BB%D0%BE%D0%B2%D0%B5%D1%86%D0%BA%D0%B8%D0%B5-%D0%BF%D0%BB%D1%8F%D1%81%D0%BA%D0%B8andquot-%D0%B4%D0%B8%D1%80%D0%B8%D0%B6%D0%B5%D1%80-%D0%B2%D0%B8%D0%BA%D1%82%D0%BE%D1%80-%D0%BA%D1%83%D0%B7%D0%BD%D0%B5%D1%86%D0%BE%D0%B2/7d7fXzGsmeU.html

• „Der Maestro stellt verschiedene Solisten vor“
https://iblogger.ru/play.php?video=IHchleojDLs

 

https://www.youtube.com/watch?v=vXctilMKjLc

• Teil 1 des Konzertes am 9.7.2017 im World Trade Center Nischni Novgorod,
Suite von V. Porozki nach Motiven der Tragödie „Bluthochzeit“ von F.G. Lorca (Musik ab 5 Min 40 Sek):

https://youtu.be/h_Bpln9247I

• Teil 2 des Konzertes am 9.7.2017 im World Trade Center Nischni Novgorod:
Piazolla, S. Berio, P. Sarasate, C. Chimenes.
Solisten: Michail Sokolov, Nikolaj Nasarov, Aleksjej Nemanov, Kristina Fisch:

Tage russischer Musik am Bodensee – 17. bis 21. Oktober 2019

In diesem Blog berichteten wir in den Jahren 2014 bis 2017 immer wieder begeistert von den Konzerten des Staatlichen Russischen Volksorchesters Nischni Novgorod. Wir haben in den Jahren unseres Aufenthalts in Nischni Nowgorod jede Gelegenheit genutzt, dessen Konzerte zu besuchen. Jetzt ist es gelungen, dieses Orchester für eine Tournee am Bodensee zu gewinnen. Es wird vier Konzerte geben.

Donnerstag, 17.10.2019, 19 Uhr im Kultur/O in Owingen
Samstag, 19.10.2019, 20 Uhr Zeppelinhaus Friedrichshagen
Sonntag, 20.10.2019, 17 Uhr im Augustinum in Meersburg
Montag, 21.10.2019, 19 Uhr in St. Jodokus in Immenstaad

Das Staatliche Russische Volksorchester mit seinem Dirigenten Viktor Kusnetzov

Mit ihren Balalaikas, Domras, Bajans und Guslis spielen sie russische Romanzen, die das Herz erwärmen und Tänze, die einen mit ihrem Temperament in Schwung bringen. Doch gehört zum Repertoire des „Staatlichen Russischen Volksorchesters Nischni Nowgorod“ nicht nur Volksmusik. Mit bewundernswerter Virtuosität lassen die vierzig Vollblutmusiker auch russische und internationale Klassik erklingen. Brahms und Mendelsohn gehören ebenso zu ihrem Repertoire wie Theodorakis und Piazzolla. Unter der Leitung ihres vielfach ausgezeichneten Dirigenten, Viktor Kusnetzov erschließen sie auch Musik zeitgenössischer Komponisten für ihre Instrumente. Die Solisten, Preisträger russischer und internationaler Wettbewerbe, zeigen erstaunliche Facetten. Musik, die Tradition und Moderne verbindet und immer Überraschungen bietet.

Fotobericht über 10 Tage im Altai-Gebirge (20. – 29.06.2019)

Altai Hotel am Lenin Prospekt in Barnaul

Die Fotos sind chronologisch dem Reiseverlauf folgend angeordnet. Am Schluss einige Fotos aus der Stadt Barnaul, der Hauptstadt der Region Altai. Reiseveranstalter: youtoursib@mail.ru, http://www.youtour-sib.ru Adresse: г. Барнаул, ул. Гоголя 76. Die Erläuterungen während der Reise waren in Russisch.

Auf dem Tschuiski Trakt zwischen Barnaul und Bijsk (20.06.19)

Denkmal für den Schriftsteller Schukschin beim Dorf Srostki (20.06.19)

Denkmäler an der Grenze zur Republik Altai (20.06.19)

Blick auf den Fluss Katun vom Felsen „Finger des Teufels“ (20.06.19)

Mit Tüchern behängter Strauch auf dem Weg zum Felsen „Finger des Teufels“

 


Drachenzähne in der Katun, von der Hängebrücke fotografiert (20.06.19)

Erstes Quartier: Hotel mit Autowerkstatt in Tschemal (20. – 23.06.19)

21.06.19 Beim Imker. Reiches Angebot an Honig, Honigwein, Gelee Royal. (21.06.19)

In unserer Basa: Schlauchboote für unsere wilde Wildwasserfahrt auf der Katun (21.06.19)

22.06.19 Wasserfall Beltertuyuk (22.06.19)

Skythische Felszeichnungen Ajry-Dasch (22.06.19)

Okrotojski Brücke, hier ist die Katun am engsten (22.06.19)


Nastja wärmt am Ufer der Katun das Mittagessen auf (22.06.19)

Auf dem Weg zum Wasserfall Tsche Tschkysch (22.06.19)

Wasserfall Tsche Tschkysch (22.06.19)

Altaier auf dem Weg zur Jagd (22.06.19)

Stillgelegtes Wasserkraftwerk bei Tschemal (22.06.19)

Brücke auf dem Weg zur Insel Patmos, dort ist ein kleines orthodoxes Kloster (22.06.19)

Der Tschuiski Trakt führt über den Seminski Pass. Denkmal zur Erinnerung an die freiwillige Eingliederung Altais in das Zarenreich unter Katharina II. (1756) (23.06.19)

                      Am Seminski Pass, ziemlich genau in der Mitte zwischen Moskau und Wladiwostock.      Berlin, 4770 km entfernt, ist als einzige westliche Stadt genannt (23.06.19)

Verkaufsbuden am Tschike Taman Pass, Warnung vor Zecken (23.06.19)

Blick vom Pass auf die alte Karawanen-Straße (23.06.19)

Toiletten am Tschike Taman Pass mit modernem Waschbecken (23.06.19)

Zusammenfluss von Tschuja und Katun bei Inja (23.06.19)

Schamanenstein Adir Kan. Auch hier gibt es Felszeichnungen (23.06.19)

Zweites Quartier: Turbasa „Tschuiski Tal“ (23.- 25.06.19)

Basa „Tschuiski Tal“ (24.06.19)

Häuschen mit drei oder zwei Betten (24.06.19)

Wasserversorgung der Basa: Quellteich rechts, ein Rohr führt in einen Behälter, Pumpen verteilen das Wasser entweder in die Küche oder in die Toiletten. Statt Dusche: Banja

Kurajski Steppe (24.06.19)

Wie hier im Mars Tal soll es auf dem Mars aussehen – ohne die drei Jurten (24.06.19)

Route-256 (russisch P-256), die amtliche Bezeichnung für den Tschuiski Trakt (24.06.19)

Der Geysir See mit ungewöhnlichen Farben (24.06.19)

Auf der Fahrt von Aktasch zur Basa „Steinerne Pilze“. Regen hatte die Wege schlammig gemacht (25.06.19)

Am Katu-Jaryk-Pass: 700 Meter unter uns der Fluss Tschulyschman (25.06.19)

Das dritte Quartier: „Kemping Steinerne Pilze“ (25.-28.06.19)

Bei den Steinernen Pilzen (26.06.19)

Hier hörten wir den Kehlgesang eines Altaiers (26.06.19)

Der Schamanen Stein liegt auf drei kleinen Steinen (27.06.19)

Eine Fähre bringt die Busse über den 74 km langen Telezker See (28.06.19)

Das letzte Quartier im Dorf Iosatsch am Nordende des Telezker Sees (28.-29.06.19)

Haus in Iosatsch (28.06.19)

Verpackungsfreie Ecke im Laden Maria-Ra in Iosatsch (28.06.19)

Rückfahrt nach Barnaul. Mein Blick von hinten in den Bus (29.06.19)

Blick auf Barnaul von dem ehemaligen Festungshügel am Ob (30.06.19)

Der Ob in Barnaul, er entsteht 130 km südlich bei Bijsk durch den Zusammenfluss von Katun und Bija

Barnaul: Moderne Architektur

„Die drei Musketiere“ – fantasievolle Architektur in Barnaul

Barnaul ist seit dem 18. Jh. eine Handels- und Industriestadt, hier der alte Basar

Moderne Apotheke

Apotheke aus dem 18. Jh. (Museum mit empfehlenswertem Restaurant)

Fotoausstellung: Du bist etwas Besonderes – denn du bist: Papa

Unter den Erforschern Barnauls sind auf einer Tafel am Eingang zum ehemaligen Festungshügel der deutsche Zoologe Alfred Brehm (oben rechts), der deutsche Botaniker Karl Ledebur (unten links) und der russische Schriftsteller Dostojewski (unten Mitte) genannt. Barnaul ist im 18. Jahrhundert durch eine Silberschmelze groß geworden, die der russische Industrielle Akinfij Demidow gründete.

Hier kommt man nach vier Stunden Flug aus Moskau an. Wenn man Glück hat, erwischt man den Taxifahrer mit Namen Schreiner, einen Russlanddeutschen, der aus Begeisterung darüber, dass Deutsche nach Barnaul kommen, die Fahrt ins Hotel gleich mit einer Stadtrundfahrt verbindet. Er zeigte uns das Haus,, in dem er wohnt. Wenn wir Zeit gehabt hätten, wären wir eingeladen worden. Die überströmende Herzlichkeit ließ uns die Müdigkeit nach der langen Reise vergessen. Barnaul zeigte sich freundlicher als von uns erwartet, zumindest die Innenstadt, die wir in den wenigen Stunden unseres Aufenthaltes ansehen konnten.

Zehn Tage im Altai-Gebirge (vom 20. bis 29. Juni 2019)

An der Grenze zur autonomen Republik Altai begrüßte uns ein großes Willkommensschild und trotz des sonnigen Himmels ein kühler Wind. Vor drei Stunden waren wir mit dem kleinen Mercedes-Bus der russischen Reisefirma „Youtour.sib“ in Barnaul gestartet, der Hauptstadt der Region Altai. Wir waren auf dem Tschuiski Trakt gefahren, der gut ausgebauten Fernstraße, die von Nowosibirsk durch das Altai-Gebirge bis in die Mongolei führt. Erst ging es über flaches, weiträumiges Gelände des westsibirischen Tieflandes. Von den Bergen des Altai war noch nichts zu sehen. Die ersten Rapsblüten legten einen gelben Schimmer über die großen Felder. Andere bedeckte ein dichter grüner Teppich, aus ihm sollen einmal Sonnenblumen wachsen. Hin und wieder kleine Mischwälder mit Espen, Kiefern und Fichten und natürlich Birken. Über den Feldern, zwischen den Bäumen und auf der Straße wimmelte es von weißen Schmetterlingen. Wie Schneeflocken flogen sie an unseren Wagenfenstern vorbei.

Die autonome Republik Altai grenzt im Südosten an Kasachstan, im Süden ein kurzes Stück an China (40 km Luftlinie), dann an die Mongolei und schließlich an die kleine Republik Tuwa. Ihr Gebiet ist so groß wie Bayern und Thüringen zusammen, sie hat nur 218 100 Einwohner (2018), von denen ein Viertel in der einzigen Stadt lebt, der Hauptstadt Gorno Altaisk. Landwirtschaft und ein wachsender Fremdenverkehr bilden die Lebensgrundlage. Das Land ist reich an Erzen, es gibt aber so gut wie keine Industrie; diese ist in Barnaul angesiedelt.

Das Urvolk, die Altaltaier, gehören zu den Turkvölkern. Sie machen 34% der Bevölkerung aus und haben eine eigene Sprache und eine eigene Schrift. 57% sind Russen, mit abnehmender Tendenz, eine kleine Minderheit sind Kasachen (6,2%). Amtssprachen sind Russisch und Altaisch. Die Republik Altai ist nicht zu verwechseln mit der Region Altai (Алтайский край). Ein Kraj, eine Region, ist voll der Zentralregierung in Moskau unterstellt, eine autonome Republik gehört zur Russischen Föderation mit eigener Verfassung und Gesetzgebung.

Die zehntägige Rundreise mit YouTour.sib führte durch das Altai-Gebirge entlang den Flüssen Katun, Tschuja, Tschulyschman und Bija. Es wurde eine Reise in eine unbekannte Welt. Unter der Leitung der jungen Reiseführerin Nastja erlebten wir in der zwölfköpfigen Reisegruppe (neun Frauen, davon drei deutsch, drei Männer, davon einer deutsch) aufregende, manchmal anstrengende Tage in einer überwältigenden Natur. Alexej steuerte den Bus sicher auf Straßen und Wegen, die abseits des Tschuiski Traktes voller Schlaglöcher und steinig waren. „Der Bus ist 20 Jahre alt“, sagte Alexej. Das morgendliche Vorglühen des Dieselmotors dauerte sehr lange, Alexej könnte mir auch ein Mindestalter genannt haben.
Wir übernachteten in vier verschiedenen Touristenunterkünften (russisch: Basa). In der ersten im Dorf „Tschemal“ (3600 EW) blieben wir drei Nächte. Die Basa war mit einer Autowerkstatt verbunden und stand mitten im Ort. Umgebaute Militärlaster für Ausflüge in unwegbares Gelände, eine ölige Werkstatt und ein vollgeparkter Hof empfingen uns, nicht gerade das, was wir erwartet hatten. Die Gruppe wurde auf Zwei- und Dreibettzimmer verteilt. Die Dusche war reparaturbedürftig, aber die Betten waren gut und sauber. Essen gab es wegen des kalten Wetters meistens in der Küche.

Basa mit Autowerkstatt in Tschemal

Die nächste Basa „Tschuiski Tal“ bei Aktasch (2765 EW) war für zwei Nächte unser Quartier und ganz nach unserem Geschmack. Sie lag in einem Tal zwischen hohen Felswänden auf einer Wiese. Kleine Häuschen mit zwei oder drei Betten umstanden eine Feuerstelle. Es gab zwei Toiletten mit Spülung, ein Waschbecken mit fließendem Wasser und – für das Aufladen der Foto-Handys wichtig – Steckdosen in jedem Haus. Statt einer Dusche konnten wir uns in der Banja reinigen, der russischen Sauna. Eine offene Quelle speiste über ein Eisenrohr ein Plastikfass, aus dem Wasser in die Küche und zu den Toiletten gepumpt wurde.


Basa „Tschuiski Tal“ bei Aktasch

 

Häuschen mit zwei Betten

Die Basa „Steinerne Pilze“ am Fluss Tschulyschman (3 Nächte) bestand wieder aus vielen kleinen Häuschen. Nastja warnte uns, wir seien hier weit weg von der Zivilisation. Es gab abends nur stundenweise Strom. Die zwei Steckdosen im „Café“ mussten für das Laden aller Handys reichen. Eine Reihe von vier Waschbecken im Freien mit sonnenbeheiztem Wasser aus dem Fluss und vier Abtritt-Toilettenhäuschen waren die hygienischen Einrichtungen. Waschen konnten wir uns auch im knietiefen Fluss, was nach den Wanderungen sehr, sehr erfrischend war. In der ersten Nacht war es so kalt, dass wir den kleinen Holzofen anheizten, was bei dem feuchten Holz nur mit Hilfe eines Gasbrenners gelang, mit dem uns Viktor half, einer unserer Mitreisenden. Statt zum Duschen ging es wieder in die Banja.

Basa „Steinerne Pilze“ am Fluss Tschulyschman

Die letzte Nacht verbrachten wir im kleinen Ort Iosatsch am Nordende des Telezker Sees. Die Basa lag in einem Gartengrundstück am Hang mit gutem Ausblick über den Ort und den See und bot kleine Häuschen mit Zwei- und Dreibettzimmern und Waschbecken auf der Veranda. Es gab ein Plumpsklo und eine Dusche mit Sonnenheizung. Alles wieder sauber und liebenswert eingerichtet. Im Garten wuchsen Kartoffeln, Möhren, Rote Bete und Kräuter, darunter Dill in beneidenswert dicken Bündeln. Am Eingang hatte der Besitzer Autoreifen und Plastikflaschen in Kunstobjekte für seine Kinder verwandelt.


Autoreifenkunst in der Basa in Iosatsch

In den Tälern gab es erfreulicherweise keine großen Hotelbauten, nur kleine Holzhäuschen mit farbigen Blechdächern, deren knallige Farben auch unsere russischen Begleiter als störend empfanden. Aber sie sind besser als Hotelburgen – hoffentlich wird diese Bauweise beibehalten. Unter Mücken hatten wir nicht zu leiden; nur hin und wieder tauchten einzelne dieser Blutsauger auf und gelegentlich die noch unangenehmeren Pferdefliegen. Von der reichen Fauna des Altais sahen wir sonst nur Zieselmäuse, die mit Höllentempo vor uns über die Straße rannten. Am Himmel kreisten überall majestätisch Milane.
Die erste kurze Wanderung der Reise führte in praller Sonne zum „Finger des Teufels“, einem eigenartigen Felsen auf einer Bergspitze beim Dorf Souzga. Der bequeme Aufstieg auf einem breiten Weg wurde oft durch SUVs gestört, die uns in dichte Staubwolken hüllten: junge Männer in Partystimmung, die ihre schicken Gefährtinnen – diese mit Stöckelschuhen – , zum Gipfel fuhren. Das wurde aber durch die großartige Aussicht auf das grüne Tal des Flusses Katun ausgeglichen. Die Ostseite des Bergkamms war bedeckt mit gelbem Hahnenfuß und mit weißen Doldenblütlern, über denen wieder die weißen Schmetterlinge flatterten. Der leichte Wind wehte sie aus dem Tal in unsere Höhe. Ich kann mich nicht erinnern, je so viele gesehen zu haben. Unsere Reiseführerin nannte sie „Kapustnizy“ (Kapusta = Kraut, Kohl), also könnten sie zu den Kohlweißlingen gehören, wenn auch die geometrischen Zeichnungen auf den Flügeln und deren Form anders waren als bei unseren Faltern mit diesem Namen. Weit und breit sahen wir keine Kohlfelder.

Vorn der „Finger des Teufels“, links der Fluss Katun

Ein besonderes Erlebnis war der Besuch des „Marsfeldes“. Die lange, anstrengende Fahrt auf holprigem Gelände wurde durch einen Abstecher auf einen Aussichtspunkt in der Kurajski Steppe unterbrochen, den der Bus nur ohne uns erreichen konnte, weil der Motor den steilen Hang sonst nicht geschafft hätte. Vor uns lag in der Ferne die schneebedeckte Bergkette der Belucha (4506 m), das Grenzgebirge zur Mongolei.

Blick von der Kuraiski Steppe auf die Belucha-Kette

Das Marsfeld ist ein Gebiet mit Felsen in vielen Farben von weiß über gelb zu braun und rot. Selbst grün schimmernde Steine sind zu finden. Die Fahrt in dem von der Sonne aufgeheizten Bus hatte sich gelohnt. Wir genossen den Aufstieg in der kühlen Luft und den Blick auf die bunten Felsen. Durch eine schmale Schlucht, die das alljährliche Schmelzwasser in das lockere Gestein gegraben hat, stiegen wir ab. Im Winter liegt hier viel Schnee bei Temperaturen bis minus 50 Grad.

Steiler Anstieg im Marsfeld


Schlucht im Marsfeld

Einen weiteren Höhepunkt der gewaltigen Landschaft erlebten wir auf der Fahrt von der Basa bei Aktasch zur Basa „Steinerne Pilze“. In Aktasch verließen wir den Tschuiski Trakt und fuhren bei kaltem Regenwetter Richtung Norden über Balyktujul auf ein Hochplateau. In der Nacht hatte es auf den Bergkämmen geschneit. Die Straße war dank des Regens nicht mehr staubig, worin unser Fahrer einen großen Vorteil sah. Nachteilig war der schmierige Matsch, der den Boden so glatt machte, dass wir den Bus an einer Steigung schieben mussten, weil die Räder durchdrehten. Die Fahrt führte durch rasch wechselnde Flora, durch Wälder und Wiesen mit reichem Blumenschmuck, leuchtend gelbe Ogonki (Feuerblumen. Diese hatten wir 2015 schon am Jenisej gesehen), wilde Pfingstrosen und Akeleien und viele andere.


700 Meter unter uns fließt der Tschulyschman.

Mittagsrast war am Katu Jaryk Pass. Hier endete die auf 1600 m Höhe liegende Hochebene, vor uns fiel das Gelände in ein tiefes Tal ab. 700 Meter unter uns strömte der Gebirgsfluss Tschulyschman blaugrün zwischen steilen Granitwänden. Ein dramatischer Anblick. Der Weg nach unten war steinig und an dem abschüssigen Hang mit engen Kurven nur für kleine Autos geeignet. Der Bus fuhr ohne uns hinunter; wir mussten, oder besser, wir durften laufen. Nach einer mehr als einstündigen Wanderung waren wir unten – in einer ganz anderen Welt zwischen den hohen Felswänden. Entlang des Flusses holperte der Bus auf steinigen Wegen weiter bis zur Basa „Steinerne Pilze“.

Dort wurden wir am nächsten Tag mit einem kleinen Boot an das andere Ufer des Tschulyschman gefahren. Nachdem wir eine Brücke überquert hatten, deren Belag viel Durchblick auf das unter uns strömende Wasser gewährte, begann ein Aufstieg über einen Hang, der dicht mit niedrigen grünen Pflanzen bewachsen war. Ein russischer Kenner bestätigte die Vermutung: Es war Hanf, Cannabis.


Vorn steinerne Pilze, dahinter die Tschulyschman und die Basa

Aus der Höhe bot sich eine eindrucksvolle Aussicht auf den Fluss und das flache Tal, auf unsere Basa und die glatten Wände der gegenüberliegenden Berge. Dann ging es entlang einer Felswand hoch über einem Tal zu unserem Ziel, zu den Steinernen Pilzen, schmalen Felsspitzen mit großen Steinen wie Köpfe obendrauf. Auf den bröckeligen Wegen war das nicht ganz einfach. Nach drei Stunden zurück in der Basa erfrischten wir uns im Tschulyschman.


Die Steinernen Pilze

Dreimal war statt Duschens die Reinigung in einer Banja angesagt. Das war für mich jedes Mal ein besonderes Erlebnis, denn es hatte mit meinen westeuropäischen Sauna-Erfahrungen wenig gemein. Frauen und Männer kamen getrennt zu unterschiedlichen Zeiten dran. Der Vorraum zur Sauna war schon so warm, dass ich tief Luft holen musste. Die Sauna selbst war dann atemberaubend heiß. Bevor ich mich unter ermunternden Zurufen der Russen auf die heiße Bank legen konnte, musste sie mit Wasser abgekühlt werden. Dann folgte das Abklopfen mit eingeweichten Birkenzweigen, die jedes Mal in das Wasserbecken getaucht und über dem Saunaofen ausgeschüttelt wurden. Der Dampfstoß war eine Wohltat. Danach hieß es sich im Vorraum einseifen und das Wasser aus Schüsseln über den Kopf gießen. Es folgte die Abkühlung im Fluss, nicht ohne die besorgte Frage „Ist das Herz in Ordnung?“. Es gab nur einen Saunagang. Nach 50 Minuten war alles vorbei. Die beiden Russen ernannten mich schulterklopfend zum „Russki Muschik“ und nahmen mich in den russischen Banjaclub auf, denn ich hatte – wie sie Rose anerkennend sagten – 120 Grad ausgehalten. Mir ging es nach dieser Tortur bestens.

Verpflegt wurden wir von unserer Reiseführerin Nastja, deren Geschick wir bewunderten, in kürzester Zeit für 14 Münder immer gut schmeckendes Essen zu zaubern. In den Basen gab es Gasherde, unterwegs wärmte sie das Essen mit einem kleinen Gaskocher. Zum Frühstück gab es jeden Tag „Kascha“ (Brei) abwechselnd mit Buchweizen, Graupen, Haferflocken, Gries oder Reis. Mal süß mit Früchten als Geschmackgeber, mal herzhaft mit wenig Fleisch. Dazu verschiedene Brote mit Butter, Marmeladen und Honig, Tomaten und Gurken, Käse und Wurst. Kaffee, schwarzen Tee und verschiedene Sorten Kräutertees. Mittags und abends Salate und Brote. Als Hauptgericht Suppen (Borschtsch, Soljanka, Ucha, eine Fischsuppe, Akroschka, eine kalte Suppe mit Essiggurken und Kwas), Nudeln mit Schaschlik, Kartoffeln mit Fisch oder mit Würsten… Immer standen die russischen eingepackten Pralinen (Konfjety) und Kekse verschiedener Art auf dem Tisch. Für Marina und mich, die wir keine Zwiebeln essen können, gab es alle Salate und Hauptgerichte zwiebelfrei. Es war wirklich erstaunlich, was uns unter den einfachen Verhältnissen geboten wurde. Die Lebensmittel kaufte Nastja in den größeren Orten für mehrere Tage, am Markt oder in Geschäften der altaischen Supermarktkette „Maria-Ra“. Gegessen wurde in der Regel in der Küche oder unterwegs an überdachten Tischen mit festen Bänken, manchmal in gemütlicher Enge. Auf den Wanderungen holten wir unser Trinkwasser oft aus den Wasserfällen – sehr erfrischend.

Anja füllt ihre Flasche im Bach

An heiligen Orten werden von den Altaiern Bäume und Sträucher mit weißen Bändern behängt, welche Wünsche symbolisieren und zum Beten auffordern. Auch Steinhaufen haben diese Bedeutung. Steine sollen daraufgelegt, aber nicht weggenommen werden. Wir haben viele Orte besucht, die von den Schamanen als heilig angesehen werden. Seit der Wende sind diese Naturreligionen wieder im Wachsen. Bei der Basa „Steinerne Pilze“ wanderten wir zu einem auf einem Hügel liegenden „Schamanenstein“, einem riesigen Felsbrocken, der auf drei kopfgroßen Steinen liegt und zu schweben scheint. Schamanische Kräfte haben ihn dahin gebracht.


Nastja erläutert die heiligen Steinhaufen, hinten ein Strauch mit Tüchern

Schamanenstein bei der Basa „Steinerne Pilze“, er liegt auf drei kleinen Steinen.

Einen ungewöhnlichen Abend erlebten wir bei einem Altaier, der uns den Kehlkopfgesang vorführte. In seinem „Ail“, einem achteckigen Holzbau, der festen, nicht transportablen Art der Jurte, saßen wir um ein Feuer und lauschten den dumpfen Tönen, die er seiner Kehle entlockte. Sie ähnelten dem Klang einer Maultrommel. Dazu begleitete er mal sich mit einem zweisaitigen langhalsigen Streichinstrument (Topshur), mal mit einer dreisaitigen Balalaika. Er trug uns einige Lieder vor, so die ersten 150 von insgesamt 1500 Versen einer altaischen Legende und zeigte uns damit eine alte altaische Volkskunst: das Geschichtenerzählen mittels des Kehlkopfgesanges, der eine meditative, beruhigende Stimmung erzeugte. Manche dieser Geschichten erstrecken sich über viele Stunden. Die einfache, wenige Takte lange Begleitmelodie wurde bordunartig wiederholt und entsprach, mich überraschend, unseren europäischen Harmonien. Weil er uns hatte reden hören, sang er auch ein kurzes Lied in Deutsch, „Winter ade“.


Kehlgesang in der Ail

Noch ungewöhnlicher war ein zweistimmiger Gesang aus seiner Kehle, bei dem er zu den tiefen Tönen eine flötenähnliche Melodie erzeugte, sehr beeindruckend. Außer ihm können dies im Altai nur zwei Männer, dazu bedarf es der Gabe von Geburt an und vielen Übens. Nach dem Konzert erklärte er (55) vor dem Ail, sein Ziel sei, sich Schamane nennen zu können. Dazu fehle ihm noch die Gabe, gute Kräfte auf andere Menschen zu übertragen. Die denkwürdigen Stunden endeten in der hereinbrechenden Dunkelheit mit dem kurzen Heimweg. Zwischen den dunklen Felswänden des schmalen Tales leuchtete der Abendstern.

Unser letzter Tag in der Republik Altai begann mit einer 47 km langen Busfahrt durch das Tschulyschman Tal zum Südende des Telezker Sees, dem größten und 351 m tiefen See des Altai. Der Bus mit dem Gepäckanhänger wurde auf einen längsseits an ein Motorboot gebundenen Ponton verladen und fuhr ohne uns, da er für die Durchquerung des Sees vier Stunden brauchte.

Am Telezker See

Nach einer langen, erholsamen Mittagspause am Strand tauchten zwei kleine Motorboote auf, die uns die 74 km lange Strecke zum Nordende fuhren. Zwei Stunden rasten wir auf dem schmalen See dahin, an den steilen Uferhängen nichts als dunkler Taiga-Wald. Auf der östlichen Seite ein menschenleeres Naturreservat, in dem ein Jäger über die dort lebenden Schneeleoparden wacht. Die westliche Seite zeigte erst gegen Ende Zeichen von Zivilisation, einzelne Häuser und Anlegestellen und schließlich unser Ziel, das Dorf Iogatsch mit unserem letzten Quartier.

Am nächsten Tag, dem letzten unserer Rundreise, ging es entlang des Flusses Bija, der in großer Breite aus dem Telezker See fließt und sich bei Bijsk mit der Katun zum Ob verbindet, zurück nach Barnaul.

Einer unserer ständigen Reisebegleiter: er lag mit vielen anderen auf der Straße

Auf der langen Bootsfahrt begegnete uns wieder das Naturphänomen, das uns auf der ganzen Reise begleitet hatte: die weißen Schmetterlinge. Sie flogen zu Hunderten an unserem Boot vorbei. Viele taumelten kraftlos ins Wasser, auf dem sie sterbend umhertrieben und das blaue Wasser mit weißen Flecken besprenkelten. Ende ihres Lebens, Ende unserer Reise.

GULAG: Denkmal und Museum in Moskau

Freunde hatten im vergangenen Jahr zweimal vor den verschlossenen Türen des GULAG-Museums gestanden und befürchtet, es werde nicht wieder geöffnet. Wir wollten uns selbst vergewissern und besuchten das Museum erneut, das uns im September 2016 schon einmal beeindruckt hatte.
Allerdings begannen wir den Tag beim GULAG-Denkmal – eine passende Einstimmung in das traurige Thema. Die „Mauer der Trauer“, das riesige Denkmal für die Opfer der GULAGs, wirkte an dem düsteren Januartag noch bedrückender als bei meinem ersten Besuch im Mai 2018. Es lag auch diesmal verlassen auf dem großen Gelände. Dem mächtigen Denkmal sieht man nicht an, dass es umstritten ist. Oppositionelle kritisieren es, weil es nur an die Opfer, nicht aber an die für die GULAGs Verantwortlichen erinnert. Eindrucksvoll ist es allemal, zwei km vom Zentrum entfernt und mit der Metro (Station Sretenski Boulevard) und einem kurzen Fußmarsch bis zu der Kreuzung des Akademik-Sacharow-Prospektes mit der Sadowaja Spasskaja Ulitza leicht zu erreichen. Letztere ist ein Teil des Garten-Ringes, der das Zentrum Moskaus umgibt.


GULAG-Denkmal am 11. Januar 2019

Der Weg von dort zum GULAG-Museum gestaltete sich abenteuerlich, weil wir der 2Gis Routenbeschreibung auf dem Smartphone nicht glaubten. Ein älterer Mann, den wir fragten als wir unseren Irrtum bemerkten, kannte zwar die Samostechni Gasse (Самостехний Пер), sagte aber: „Gibt es da ein GULAG-Museum, sehr interessant!“ Ein jüngerer Zeitgenosse führte uns mit Hilfe seines Smartphones dahin. Er habe Zeit, da er ein selbstständiger Eventmanager sei. Von der Existenz des Museums wusste er, hatte es aber noch nicht von innen gesehen.


Eingang zum GULAG-Museum

Das GULAG Museum ist seit Dezember 2018 nach einer gründlichen Umgestaltung wieder täglich von 12 bis 21 Uhr geöffnet, montags und am letzten Freitag jeden Monats geschlossen.
Die neue Konzeption unterscheidet sich deutlich von der, die wir bei unserem Besuch im September 2016 gesehen hatten. Jetzt ist die Ausstellung fast vollständig in kleineren Räumen und engen Gängen untergebracht. Schwarze Wände oder grobes Ziegelmauerwerk erzeugen bei schwacher Beleuchtung eine bedrückende, dem Thema angemessene Atmosphäre. Exponate in kleinen, in die Wände eingelassenen Vitrinen werden auf Täfelchen und mit Kopfhörern in Russisch und in Englisch beschrieben. Filme zeigen Ausschnitte von Ansprachen Lenins, aus Sitzungen des ZK und Schauprozessen. Die auffallendsten Änderungen sind die vielen interaktiven Bildschirme an Wänden oder auf Tischen. Von der das Thema angebenden Anfangsseite kann man sich zu immer detaillierteren Informationen weiterklicken.
Ein Beispiel: Früher hing eine große Karte mit allen Lagern der Sowjetunion an einer Wand. Für jemanden, der in der Vorcomputerzeit aufgewachsen ist, eine klare übersichtliche Angelegenheit. Viele Leute konnten gleichzeitig davorstehen und diese betrachten. Heute ist die Karte auf zwei Tischbildschirmen zu finden, zwei Stück, um mehreren Besuchern Platz zu bieten. Beide Schirme sind getrennt bedienbar. Durch Berühren eines auf der Karte verzeichneten Lagers, bekommt man detaillierte Informationen über seine geographische Lage, seine Bedeutung, die Zahl der Insassen und die Zahl der Toten, jeweils in einem auf einer Zeitleiste wählbaren Jahr. Eine englischsprechende junge Angestellte des Museums half uns bei der Bedienung.
In Themenräumen gibt es Exponate und Bildschirme zu der Entstehung der Lager, den rechtlichen Grundlagen der Repressionen, den verschiedenen Terrorwellen wie dem Roten Terror (1918 -1921) und dem Großen Terror (1937/38), den Lagern in den Regionen der Sowjetunion, den verschiedenen Opfergruppen und den Schauprozessen. Wir fanden es schwieriger als in der alten Konzeption einen zusammenfassenden Überblick zu gewinnen, weil die Ausstellung thematisch kleinteiliger untergliedert ist.
Auffallend viele kleine Bildschirme zeigen Einzelschicksale. Kopfhörer mit Erklärungen in Russisch oder Englisch und zweisprachige Täfelchen mit kurzen Beschreibungen geben nähere Informationen.
In einem Raum zum Thema „Erschießungen während des Großen Terrors“ (1937/38) liegen auf dem Fußboden 700000 Patronenhülsen – eine für jeden Toten. Dazu an einer Wand Dokumente mit der vom Zentralkomitee angeordneten Zahl der zu Verurteilenden, entweder zu Lagerhaft oder zum Erschießen. An einer rohen Ziegelwand werden in kurzen Abständen Fotos der Opfer eingeblendet. Eine sehr eindrucksvolle Installation.
Manche Dokumente und Darstellungen der früheren Ausstellung vermissten wir. Es ist natürlich möglich, dass diese an einem der interaktiven Bildschirme aufrufbar sind.

Von 1930 bis 1956 wurden 20 Millionen Menschen durch das GULAG-System geschleust, davon kamen zwei Millionen durch Hunger, Krankheit oder Erschießen ums Leben.
Am Schluss kamen wir in einen Tageslichtraum, in dem in einem Schrank Ordner mit Kopien von Urteilen, von politischen Anweisungen mit den Unterschriften der Verantwortlichen standen.
Auf einem Bildschirm wurde eine Umfrage unter der Moskauer Bevölkerung gezeigt, in der viele angaben, von den GULAGs nichts gehört zu haben. Von denen, die GULAGs kannten, wurde die Zahl der Toten mit 10000 bis einige Millionen genannt. Es zeigt die Notwendigkeit dieses Museums. An dem Samstagnachmittag war es gut besucht, überwiegend von jungen Russen.
In der Zeitung „Kommersant“ vom 9. Januar 2019 wurde berichtet, dass der Leiter des GULAG Museums zusammen mit „Memorial“ die Veröffentlichung von zunächst 100000 Namen von GULAG-Opfern und deren Schicksal im Internet vorbereitet. Memorial ist eine 1988 gegründete Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Moskau.
Einige Fotos als Beispiele:

Fotografieren war in den dunklen Räumen schwierig (zumindest mit unserer nur aus Smartphones bestehenden Ausrüstung). Als Beispiel der Bildschirm von Solschenizyn und das Fenster mit dem Buch „Archipel GULAG“ und persönlichen Gegenständen des Autors. In einem getrennten Raum außerhalb der Ausstellung sind noch einmal Ausgaben von „Archipel GULAG“ zu sehen, darunter auch eine Samisdatabschrift und viele Entwürfe für Buchdeckel.


Fotos von Kindern, deren Eltern in den GULAGs waren, konstrastieren mit einer Büste von Stalin als väterlichem Beschützer.


Von Häftlingen hergestellte Essnäpfe, Löffel, Suppenkelle.

Geheimmeldung an Stalin vom 11.11.1937: Hier der Text der Geheimmeldung: „Ihre Anweisung zur Zerschlagung der konterrevolutionären Basisorganisation wurde ausgeführt. Verurteilt wurden in der ersten Kategorie (Zwangsarbeit) 2500, in der zweiten Kategorie (Erschießen) 4000. Zusammen 6500 Menschen. Um die Sache zu Ende zu führen, bitte ich um Erlaubnis, in der ersten Kategorie noch 700 und in der zweiten Kategorie noch 1000 verurteilen zu dürfen, also insgesamt 1700 Menschen. Sekretär des Kalininer Bezirkskomitets, Rabow“
Quer, erste rote Unterschrift: „Einverstanden, Stalin“ und zwei weitere Unterschriften.


Die Goldminen von Tscheljabinsk, in denen von 1930 bis in die 1940er Jahre die Leichen von Erschossenen abgelegt wurden. Menschliche Überreste wurden in zehn Minen gefunden.


Das Solowetzki Lager war das erste Straflager der Sowjetunion

20 Millionen Gesamtopfer in 26 Jahren

Zwei Millionen Tote


Kopien von Akten mit Urteilen

Drei Tage im winterlichen Moskau, Januar 2019

 

Drei Tage im winterlichen Moskau

Am 9. Januar 2019 war Moskau noch ganz im Schmuck der Feiern zum neuen Jahr, die Russland viele Tage lang in eine Mischung aus Winterschlaf und Festrausch versetzen. Winterschlaf, was Behörden und Betriebe betrifft und Festrausch, was die Menschen angeht. Auf allen großen Straßen und Plätzen der Innenstadt glitzernde Installationen, mit flackernden LED-Bändern geschmückte Buden und Häuser und Weihnachtsbäume. Auf Spruchbändern Neujahreswünsche in Russisch „С Новим Годом“ und in Englisch „Happy New Year“.


Weihnachtsschmuck am Puschkinplatz


….und am Roten Platz

Unser Standard-Spaziergang führte uns am ersten Tag über die weihnachtlich geschmückte Twerskaja Ulitza zur Ausstellungshalle „Manege“, in der gerade Bilder der mexikanischen Malerin Frida Kahlo und ihres Mannes Diego Rivera gezeigt wurden, die wir allerdings nicht besuchten.


Vor der Manege

 

Auf dem Roten Platz viel Weihnachtsrummel mit Buden, Spielen und Karussells. Der Eintritt in die große Schlittschuhbahn vor dem Kaufhaus „GUM“ ist vormittags frei, ab 15.30 kostet die Stunde für Kinder 200 Rubel, für Erwachsene 400 Rubel (Derzeitiger Wechselkurs 1:76). Jung und Alt zogen zu lauter Musik munter ihre Kreise. Ein älterer Mann steuerte aus der Menge direkt auf uns zu und wollte uns zum Mitfahren überreden. Er hatte uns sofort als Ausländer erkannt. Wir wundern uns oft darüber, woran man das merkt, wo doch Rose in ihrem schwarzen hier gekauften Wintermantel und ich mit meiner Russenmütze, tief in die Stirn gezogen und nur das Gesicht freilassend, hiesig wirken sollten. In diesem lauten und fröhlichen Treiben konnte uns auch unsere Sprache nicht verraten haben.

Eisbahn auf dem Roten Platz vor dem Kaufhaus GUM

Die nächste Station unseres Standard-Bummels ist die Große Moskwa-Brücke, auf der am 27. Februar 2015 der Oppositionspolitiker Boris Nemzow erschossen wurde. Dort stehen noch immer Plakate und regelmäßig erneuerte Blumensträuße und ein Schild, das die Zahl der seit dem Mord vergangenen Tage angibt, an diesem 10. Januar waren es 1413. Immer sind da auch zwei oder drei Bürger Moskaus, die diese inoffizielle Gedenkstätte bewachen und die ausharren wollen, bis die Brücke in Nemzow-Brücke umbenannt ist. „Wenn in Moskau eine Kadyrow Straße möglich ist, dann sollte es auch eine Nemzow Brücke geben können“, sagte uns einer der dort Wachenden.

Hier wurde Boris Nemzow vor 1413 Tagen ermordet

Neu ist der Zarjadje Park, nur wenige Schritte vom Kreml entfernt. Er wurde auf dem Gelände des Hotels Rossija errichtet. In der Stalinzeit waren Pläne für ein riesiges Verwaltungszentrum bereits fertiggestellt, deren Verwirklichung der Zweite Weltkrieg verhinderte. Fünf teils unterirdische Pavillons, eine über die Moskwa reichende Aussichtsbrücke und breite Wege laden zum Spazierengehen ein.

Blick vom Zarjadje Park auf den Kreml

Immer wieder hat man überwältigende Ausblicke auf den nahen Kreml und die Basilius-Kathedrale. Dieser Park für die Bürger auf teuerstem Baugrund mitten in der Stadt ist ein großer Gewinn für Moskau.

In der Philharmonie wird die h-moll Messe von Bach angekündigt.
Der Konzertsaal verbirgt sich unter der schneebedeckten Betonschale


Durchblick auf Kremlturm und Basilius-Kathedrale

Am Nachmittag führte uns Marina in ein Café namens „Гречка Лаб“ (Buchweizengrütze) in der Nähe des Bolschoi Theaters. Bei Selbstbedienung und aus Bioprodukten zubereiteten Speisen ist es preiswert und zu empfehlen. Dort tranken wir zum ersten Mal in unserem Leben Buchweizentee, der Geschmack erinnert an zerbissene Weizenkörner.

Unsere Freundin Marina hatte uns zu einer Aufführung von Puccinis Oper „Tosca“ ins Bolschoi Theater eingeladen, zu der sie die Karten am „Black Friday“ günstig kaufen konnte. Diesen Tag mit Sonderangeboten gibt es also auch in Russland. Wir revanchierten uns mit einer Einladung zu dem modernen Ballett „Modigliani – ein verfluchter (cursed) Künstler“ von Thomas Edur nach der Musik von Tauno Aints, ebenfalls im Bolschoi Theater. Leider konnten wir keine Sonderangebote nutzen. Unsere Karten waren mit ca 80 Euro dreimal teurer.
Beide Aufführungen waren Teil einer „Гастроли“ („Gastroli“, Gastspielreise) der Estnischen Staatsoper, die „einer der Höhepunkte der Feiern zum 100jährigen Bestehen der Republik von Estland 2018“ waren, wie der General Manager der Estnischen Staatsoper Aivar Mäe im Programmheft schrieb. Zu dem Gastspiel gehörten auch das Ballett „Schneewittchen und die 7 Zwerge“ von Tibor Kocsak und ein Gala Konzertabend.

Marina fand die Musik zu dem Ballett weniger ansprechend als die klassische Oper und wir stimmten ihr zu. Umso vorbehaltsloser begeisterte uns „Tosca“. Orchester, Sänger und Tänzer wurden in den ausverkauften Vorstellungen vom, wie uns schien, überwiegend russischen Publikum mit langem Schlussbeifall bedacht. Zwei Abende in Moskau mit hochkarätigen Veranstaltungen der estnischen Staatsoper: ein unerwarteter Beginn unserer Winterreise nach Russland. Der kulturelle Austausch ist trotz politischer Spannungen möglich, eine ebenso überraschende wie tröstliche Erkenntnis.
Eine vielleicht nebensächliche Frage unter diesem politischen Aspekt: Was zieht man an, wenn man in das berühmte Bolschoi Theater geht. Die Antwort gaben uns die anderen Besucher. Ihre Kleidung zeigte an beiden Abenden eine große Vielfalt; „ordentlich angezogen“ reichte. Die Damenwelt brillierte mit langen Abendkleidern bis hin zu den schicken kurzen, auch sehr kurzen „Kleinen“. Röcke mit Pullovern oder Hosen mit Blusen waren ebenfalls zu sehen. Die Herren trugen die ganze Breite guter Kleidung, den traditionellen Anzug mit Hemd und Krawatte, Hemd und Hose ohne Jacke und ohne Binder, oft auch Pullover. Alles eher locker statt steif und formell. Vor den Garderoben wurden in drangvoller Enge die Winterstiefel gegen die Ausgehschuhe gewechselt.
Sonderausstellungen lockten uns in die Neue Tretjakow Galerie. Das vielseitige Lebenswerk des Malers Michael Larionow (1881 – 1964) wurde ausführlich gezeigt. Er gehörte der russischen Avantgarde an, war mit Natalia Gontscharowa verheiratet und lebte ab 1915 in Paris. Er war vom französischen Impressionismus beeinflusst, wandte sich aber immer neuen Malweisen zu und ist deshalb schwer einer Stilrichtung zuzuordnen. Von der Bandbreite seiner Stile zeugen die folgenden drei Venusbilder.

Zeitnäher sind die Bilder des Moskauer Malers Iwan Nikolaew (1940 – 2017), der laut Informationstafel ein herausragender Vertreter sowohl konformistischer als auch nonkonformistischer Kunst war. 1978 entstand mit „Der Tod Popkows“ eine der ersten Installationen der Sowjetkunst. Das Bild „Bierkneipe“, auf dem düstere Gestalten mit entstellten Gesichtern dargestellt sind, stammt ebenfalls aus dieser Zeit. Еrstaunlich, dass in den 70er Jahren solche Werke in Russland entstehen konnten. (Wieder konnte man kostenfrei fotografieren.)

Installation „Tod Popkows“ 1978

 

Die Fülle der Bilder in der Dauerausstellung, die wir schon in früheren Berichten beschrieben haben, überstieg unser Aufnahmevermögen nach drei Stunden Museumsbesuch. Da hilft nur: Wiederkommen!
Einen weiteren Tag widmeten wir ganz dem Thema „Gulag“. Wir besuchten das Gulag-Denkmal und das wiedereröffnete Gulag-Museum. Hierzu folgt ein eigener Bericht.
Und sonst?
Der Winter in Moskau zeigte sich von der gnädigen Seite. Die Temperaturen lagen zwischen minus vier und minus zehn Grad, wenig Wind und der Himmel bis auf kurze Aufhellungen von einer grauen Wolkenschicht bedeckt, aus der es oft leicht schneite. Der Schnee wird ständig geräumt, von Hand oder von großen Räumfahrzeugen. Zudem wird mit Tausalz nicht gespart.
Ein Garderobier im Bolschoi Restaurant schockierte uns mit einem Witz: „Wir haben Französisch gelernt und sind bis Paris gekommen. Wir lernten Deutsch und kamen bis Berlin. Jetzt lernen wir Englisch“.
Da ist uns der Portier im Hotel Budapest lieber, der uns fragte, ob er uns ein Bild eines russischen Dorfes schenken dürfe, das er in den Nachtstunden malen würde. Wer sagt da Nein? Am nächsten Morgen überreichte er uns sein Werk, Kugelschreiber auf Pappe. (Das sollte hier stehen, leider kann ich es nicht hochladen – wie immer, weiß man nicht warum. Schade) Russisches Dorf, Kugelschreiber auf Pappe (Boris, 2019)

Drei Tage sind viel zu wenig für Moskau. Vollgestopft mit Eindrücken stiegen wir nach dieser kurzen Zeit in den Zug „Strisch“ (Mauersegler) nach Nischni Nowgorod.

Gorochowez – eine alte russische Stadt

Ein zweitägiger Ausflug führte uns nach Gorochowez, das wir 2017 schon einmal besucht hatten. (Blog vom 22.05.17) Marina, Roses Kollegin und Autorin des Theaterstückes „Kommt wieder – aber ohne Waffen“, hatte uns wieder dahin eingeladen.

Die kleine Reise begann mit einem Irrtum, denn Marina hatte unser Zusammentreffen am Bahnhof in Nischni Nowgorod eine Stunde zu früh angesetzt. Das war aber kein Grund zum Ärgern, eher im Gegenteil. So konnten wir noch einen Spaziergang in den Park „1. Mai“ machen. Es regnete zwar, aber es war nicht mehr kalt. Der Park war für den „Tag Russlands“ geschmückt (12. Juni). Aus dem Irrtum wurde in typisch russischer Art ein Vergnügen gemacht.


Im Park „1. Mai“ am „Tag Russlands“ 2018.

Als wir nach etwa anderthalb Stunden Fahrt in Gorochowez aus der Elektrischka stiegen, wurden wir sofort umschwärmt und zwar von „Moschki“, kleinen Fliegen, die unter die Brillenbügel, in die Ärmel und die Anorak Kapuze kriechen, um an die Haut zu gelangen und dort ihr schmerzhaftes Treiben beginnen zu können. Das schwüle feuchte Wetter machte die Plagegeister besonders aktiv. Kurze Pausen brachten uns nur die gelegentlichen Regenschauer. Die Meschki kommen nicht in Wohnräume, anders als die Stechmücken, die dort auch umherschwirrten, aber vergleichsweise harmlos blieben.


Moschki, Mitches, Kriebelmücken, Gnitzen, egal welche Sprache – sie sind immer lästig

Gorochowez, der 80 km westlich von Nischni Nowgorod gelegene 13.000 Einwohner-Ort an der Kljasma feiert vom 20. bis 22. Juli sein 850jähriges Gründungsjubiläum. In dieser Kleinstadt gibt es drei aktive Klöster, zehn Kirchen und – wie uns die Führerin stolz erzählte – sieben steinerne Kaufmannspaläste aus dem 17. Jh. In ganz Russland sind zwanzig erhalten, in Nischni Nowgorod stehen nur drei davon. Gorochowez hofft ins Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen zu werden.

Der Ort war zuerst militärischer Stützpunkt an der Kljasma, seine Blütezeit begann im 17. Jh. als altgläubige Kaufleute durch Handel und durch die Erzeugung von Obst- und Beerenweinen zu Reichtum kamen, mit dem sie, ihrem Glauben gemäß zum Mäzenatentum verpflichtet, Kirchen und Klöster bauten. Nach einem Stillstand im 18. Jh. brachte dann der Schiffsbau im 19. Jh. einen erneuten Aufschwung, jetzt wurden vor allem Schulen, Kranken- und Waisenhäuser errichtet.


Ein steinernes Kaufmannshaus aus dem 17. Jahrhundert.

Zur Feier des 850-jährigen Bestehens erwartet der Ort Putin und den Patriarchen Alexej. Die Vorbereitungen für das Fest sind im vollen Gange. Einige Kirchen sind eingerüstet, andere bieten mit rohem Ziegelmauerwerk einen ungewöhnlichen Anblick, weil der Putz entfernt und noch nicht wieder aufgebracht wurde. Bei unserem ersten Besuch hatten wir sie noch im strahlenden Weiß erlebt. Bis zu den Festlichkeiten in fünf Wochen scheint nur wenig Zeit, um alles wieder in den schmucken ursprünglichen Zustand zu bringen, aber da wir erlebt haben, wie schnell man in Nischni Nowgorod ganze Straßenzüge für die WM restaurierte, haben wir keinen Zweifel, dass alles rechtzeitig fertig wird. Die Arbeiten in Gorochowez waren noch voll im Gange – mit viel Lärm und viel Staub, der die Umgebung einnebelte.


Die Kirche des Maria-Reinigung Klosters ohne Putz.


Das Dreifaltigkeits-Nikolei Kloster, auf einem 80 m hohen Hügel über der Stadt gelegen, prangte noch in strahlendem Weiß.


Das Abschleifen des Putzes ist eine staubige Angelegenheit

Marina kam angesichts der Moschki und des Staubes ein Spruch Puschkins in den Sinn (obgleich es bei ihm kein Baustaub, sondern Straßenstaub war):

Ах, лето красное, любил бы я тебя,
Когда б не пыль, да комары, да мухи.

Ach, schöner Sommer, wie liebt‘ ich dich
Gäb es nicht Staub und Mücken und Fliegen.


Backsteinhaus aus dem 19. Jahrhundert

Aus dem 19. Jh. sind ansehnliche Backsteinhäuser erhalten und, besonders interessant, einige Holzhäuser im Jugendstil. Im letzten Jahr wurde im Marosow Haus ein Museum eingerichtet, in dem Möbel und Gebrauchsgegenstände der Werftbesitzer aus dem 19. Jh. zu sehen sind.


Kaufmannshaus im Jungendstil aus Holz

Wir wohnten in dem modernen Hotel „Купическая Изба“ (Kaufmannshütte), das Ferienwohnungen in Blockhäusern, eine Banja (Sauna) und ein Schwimmbecken anbietet und das wir sehr empfehlen können.


Im Hotel „купеческая Изба“ Kaufmannshütte (auf der Leninstraße)

Im Blog „erlangenwladimir.wordpress.com“ wird Gorochowez ein vergessenes Kleinod des Goldenen Ringes genannt. Es ist tatsächlich ein architekturhistorisches Gesamtdenkmal mit charakteristischen Bauwerken aus vielen Jahrhunderten.

 

Flugpionier Tschkalow

In dem kleinen Ort Tschkalowsk an der Wolga, der bis 1937 Wassiljowo (Василёво) hieß, wurde der berühmte Testpilot Waleri Pawlowitsch Tschkalow geboren. Sein Denkmal steht in Nischni oberhalb der nach ihm benannten Tschkalow-Treppe. Er flog 1937 von Moskau über den Nordpol nach Vancouver – zusammen mit zwei weiteren Piloten, die meist nur am Rande erwähnt werden. (Georgi Filippowitsch Baidukow und Alexander Wassiljewitsch Beljakow). Tschkalow wurde mit allen möglichen Ehrungen und Orden der Sowjetunion bedacht. In dem Ort ist das Museum, sein Elternhaus, ganz seinem Leben und seinen Flügen gewidmet.

Die ANT-25, mit dem 1937 der Rekordflug von Moskau nach Vancouver gelang

Eine große Überraschung war der Besuch des Hangars neben dem Museum. Die dort ausgestellten Flugzeuge wurden alle von Tschkalow getestet, auch die ANT-25, mit der 1937 der spektakuläre Flug über den Nordpol nach Vancouver gelang. Ich will gestehen, dass ich mich bisher für die Geschichte der Luftfahrt nicht sonderlich interessierte, deshalb war ich sehr erstaunt zu lernen, dass in den 30er Jahren schon solch riesige Flugzeuge gebaut und geflogen werden konnten. Die ANT-25 hatte eine Spannweite von 34 Metern, ein Fluggewicht von 11 Tonnen und eine Reichweite von 15000 km. Die drei Piloten saßen hintereinander in dem engen Rumpf. In Beschriftungen und auf den Landkarten des Fluges ist Vancouver, das ja in Kanada liegt, mit dem Zusatz „USA“ versehen. Dies konnte niemand erklären, auch nicht eine der zahlreichen, sonst gut informierten Museumsführerinnen. Ein Flug in die USA, nämlich nach San Francisco, fand erst später statt.

Es bleibt interessant in Nischni Nowgorod

 

Die letzte Station unserer dreiwöchigen Russlandreise nach den Aufenthalten in Moskau und in Wladimir war Nischni Nowgorod. Siehe hierzu die Beiträge „Vier Tage in Moskau“ vom 3. Juni 2018, „Ein Russionär zwei Tage in Wladimir“ vom 7. Juni 2018 und „In Nischni Nowgorod – vor der WM“ vom 11. Juni 2018. Hier noch einige Ergänzungen.
Unsere Ankunft in Nischni Nowgorod, der Stadt, in der wir von 2014 bis 2017 gelebt hatten, brachte gleich eine Überraschung. Der Zug Lastotschka (Schwalbe), fuhr gerade in den Bahnhof ein, als der Vermieter unserer Ferienwohnung anrief. Wir könnten das gewünschte Appartement nicht bekommen, weil aus der darüberliegenden Wohnung Wasser tropfe und deren Besitzer nicht auffindbar sei. Deshalb sei das Wasser im Haus abgestellt. Es könne länger dauern bis das Problem gelöst sei. Er bot uns eine andere Wohnung an, die uns aber nicht gefiel. Da hatte meine Frau die großartige Idee, die Vermieterin der Wohnung anzurufen, in der wir die drei Jahre vorher gewohnt hatten. Und siehe da, die Wohnung war frei. „Gerne könnten wir sofort einziehen“. Das war die beste aller denkbaren Lösungen.
Die nächste Hürde, die es zu überwinden galt, war die der Registrierung im Migrationsbüro, eine Aufgabe unserer Vermieterin. Bisher erledigten dies die Hotels oder das Gymnasium, in dem meine Frau arbeitete. Jetzt erlebten wir hautnah, was die hiesige Bürokratie an Schwierigkeiten zu bieten hat. Bei dem Ausfüllen des zweiseitigen Formulars darf es keinerlei Ausbesserungen geben. Ein Buchstabe einmal übermalt führt gnadenlos dazu, dass alles neu geschrieben werden muss. Unsere Vermieterin war an zwei Tagen dort jeweils knapp zwei Stunden mit dem Ausfüllen der Papiere beschäftigt. Unser Mitleid lehnte sie ab. „Das ist noch schnell gegangen, weil ich die einzige Kundin war. Wenn viele Leute dort sind, muss man sich mit den neu geschriebenen Seiten immer am Ende der Schlange anstellen und falls man in den Dienststunden nicht mehr drankommt, am nächsten Tag wiedererscheinen. Manche brauchen dazu eine Woche.“
Nicht weit von unserer Wohnung verläuft eine Schlucht hinunter zur Oka. Den Weg an ihrem Rand gingen wir in den letzten Jahren oft, wenn wir dem Verkehr entgehen und das üppige Grün genießen wollten. Jetzt stand am Wegesrand, dort wo die Universitetskaja Ulitza über eine Fußgängerbrücke führt, ein Holzkreuz. Es ist ein Denkmal für die Opfer des Roten Terrors (1917 bis 1921), dem in Russland unzählige Menschen zum Opfer fielen. In Nischni Nowgorod wurden sie an dieser Stelle erschossen. Unser beliebter Spazierweg war vor hundert Jahren ein Ort des Schreckens, eine schockierende Vorstellung.


Aufschrift: Denkmal für die Nischegoroder, die hier an der Potschaninski Schlucht in den Jahren des Roten Terrors von den Tschekisten erschossen wurden

Unser Aufenthalt in Nischni Nowgorod vom 30. Mai bis 14. Juni 2018 wurde durch das kühle und feuchte Wetter ziemlich beeinträchtigt, da wir weder von unseren Erwartungen noch von unserer Kleidung her darauf vorbereitet waren. Morgens etwa 4 Grad, mittags maximal 12, dazu ein kalter Wind und Regenschauer, damit hatten wir nicht gerechnet. Umso mehr genossen wir die Sonnenstunden, in denen sich die Fußgängerzone Bolschaja Pokrowskaja mit Spaziergängern füllt, Musikgruppen aufspielen, die Verkaufsbuden öffnen und ein buntes Treiben einsetzt, was sich auch von den Ausbesserungs- und Verschönerungsarbeiten nicht stören lässt. Da werden Pflastersteine ausgewechselt, Informationssäulen für die WM aufgestellt, Wände gestrichen – und das alles mitten im Strom der Spaziergänger.

Fußgängerzone Pokrowka, mal ohne Regen

Nach einer langen Fotopirsch beim WM-Stadion (siehe die Fotos im vorigen Beitrag vom 11.06.18) wollte ich vom Einkaufszentrum „Siebter Himmel“ mit der Metro fahren, die neuerdings bis zum Stadion ausgebaut ist. Auf meine Frage nach dem Weg wurde mir die Richtung gewiesen und tatsächlich sah ich bald ein großes Schild „METRO“. Leider handelte es sich hier um einen Laden des Großhandels mit diesem Namen. Ein junger Mann klärte mich auf: Die U-Bahn Metro wird auf der zweiten Silbe betont, die Handelskette auf der ersten, was ich natürlich bei meiner Frage nach dem Weg nicht wusste. Als ich dann endlich – mit beginnenden Ermüdungserscheinungen – bei der auf der zweiten Silbe betonten Metró ankam, war die Station wegen Bauarbeiten geschlossen. An der nächsten Ampel fragte ich einen Mann mit Kinderwagen nach dem Weg zur einer Bushaltestelle. Er erkannte meine Sprachprobleme, sagte kurz entschlossen „dawaj, poschli“ und führte mich sogar bis zum Moskauer Bahnhof – weiter als ich eigentlich laufen wollte. Dabei musste er den Kinderwagen bei der Brücke über die sechsspurige Straße treppauf, treppab tragen. Für ihn sei das kein Umweg, er wolle sowieso spazieren gehen, antwortete er auf meine Frage, ob das nicht zu weit für ihn wäre und er zeigte auf den Kinderwagen mit seinem Enkel. Zum Abschied strahlte er über das ganze Gesicht. Nach dieser kurzen Begegnung vergaß ich meine Müdigkeit, die Bürokratie und das schlechte Wetter.


Der hilfsbereite Weglotse an einer Straßenbrücke

Von Nischni Nowgorod aus machten wir kurze Reisen nach Tschkalowsk und nach Gorochowez. Darüber folgt ein eigener Betrag.

In Nischni Nowgorod – vor der WM

Im Juni dieses Jahres waren wir vierzehn Tage in Nischni Nowgorod, in der Stadt, in der wir bis August 2017 drei Jahre gelebt hatten. Hier finden sechs Spiele der WM 2018 statt und wir waren gespannt, was wir von den Vorbereitungen bemerken würden. Mit einem Satz: Sie sind unübersehbar. Wenn „König Fußball“ kommt, wird die ganze Stadt geschmückt.
Gleich der erste Spaziergang führte uns an das hohe Oka-Ufer, von dem wir in den letzten drei Jahren oft auf die Alexander-Newski-Kathedrale jenseits des Flusses und die dahinterliegende Baustelle des WM-Stadions geblickt hatten. Wir waren neugierig darauf zu sehen, wie sich das große Stadion in die Umgebung einfügt und waren überrascht: Es erdrückt die anderen Gebäude nicht. Seine Außenwand besteht aus einem weißen Säulenring, deshalb wirkt der große Baukörper leicht und luftig. Die „Strelka“ (Landzunge zwischen Wolga und Oka) ist immer noch ein schöner Anblick: Das weiße Stadion bildet einen guten Kontrast zu der gelben Kirche. Zudem: Die Hafenkräne, die bisher bei der Kathedrale standen und das Bild verschandelten, sind verschwunden.

Hinter der Kanawinski Brücke der Säulenring des WM- Stadions, rechts die Newski-Kathedrale, vorn links die goldene Kuppel des Maria-Verkündigung Klosters


WM-Stadion vom Vorplatz der Newski-Kathedrale aus gesehen


Der Säulenring wirkt freundlich


Hier wird noch gearbeitet (10.06.2018)

Ein großer Gewinn ist die neu zugänglich gemachte Uferpromenade „Nischnewolschskaja Nabereschnaja“, auf der man jetzt von der Kanawinski Brücke bis zur Tschkalow-Treppe spazieren kann, zunächst an der Oka und dann an der Wolga, was von den Nischegerodern gern genutzt wird. Auffallend ist wieder, dass es auf der ganzen Strecke – es sind zwei Kilometer – keine Essen- oder Getränkeangebote gibt, lediglich einige Eisverkäufer bieten ihre Ware feil.


Von der neuen Uferpromenade blickt man auf die Newski-Kathedrale und das Stadion.


Letzte Arbeiten auf der neuen Promenade

Besonders auffällig sind die neu gestrichenen Häuser in vielen Straßen. Die Ilinskaja gleich bei unserer Wohnung ist kaum wiederzuerkennen. Mit Farbe wurde nicht gespart. Ob diese Verschönerungen immer nachhaltig sind, wird von Nischegerodern bezweifelt, weil die Untergründe nicht saniert wurden. Wir sahen an den letzten Tagen oft zwei oder drei Leute an Mauern oder Pfosten dick Farbe auftragen, grundiert wurde nicht. Aber dennoch freuen sich alle über das schönere Straßenbild. Erwähnt seien auch die erneuerten Straßenbeläge – zumindest auf den Hauptstraßen.
Ein Beispiel für die Verschönerung der Häuser zeigen zwei Fotos eines Hauses auf der Swesdinka Uliza, direkt vor dem Eingang der katholischen Kirche. Von den bröckelnden Fassaden des Hauses ist nichts mehr zu sehen.


Haus bei der katholischen Kirche an der Uliza Lestwinka, Foto vom 24. März 2017.


…. und am 3. Juni 2018

Kaum zu glauben ist die Veränderung der näheren Umgebung des Stadions. Hier war vor kurzem noch eine Wohngegend mit hässlichen Plattenbauten, großen ungepflegten Parkplätzen und schlechten Straßen. Heute sind da Grünanlagen, bunt gestrichene Häuser und sechsspurige moderne Straßen.


Frisch gestrichene Häuser gegenüber dem Stadion


Sechsspurige Straße zum Stadion (Uliza Betankura)

Das „Fifa-Fan-Fest“ findet auf dem Minin-Platz statt, der weiträumig abgesperrt ist. Dort wird eine große Leinwand für das Public Viewing aufgebaut. Das Gymnasium Nr. 1 und das Tschkalow-Denkmal, immerhin ein wichtiger touristischer Aussichtspunkt, sind zurzeit nur über einen Umweg zu erreichen. Darüber hinaus soll während der WM die Kanawinski-Brücke für den Autoverkehr gesperrt werden. Die Fanmeile soll dann vom Minin-Platz bis zum Stadion reichen. Bemerkenswert ist auch: Wir sahen häufig Polizeistreifen, meistens zwei Männer und eine Frau, die in ihren schwarzen Uniformen langsam durch die Straßen schlendern. Sicherheit wird großgeschrieben.


Eingang zum FIFA FAN FEST am Minin-Platz, rechts das Gymnasium Nr. 1,

Plakate an Laternenpfählen und Hauswänden und Bildständer sieht man viele. Beim Moskauer Bahnhof ein großes Plakat mit den Daten der sechs Spiele in Nischni Nowgorod.


Vier Gruppenspiele, je ein Achtel- und ein Viertelfinale in Nischni Nowgorod

Die Stadt erwartet die Besucher und selbst wenn hier und da noch gearbeitet wird: es gibt keinen Zweifel, dass die WM ein Fest wird. Im Notfall hilft die russische Fähigkeit zum Improvisieren. Es warten natürlich auch die Geschäftsleute und die Geschäftemacher. Davon haben wir einiges selbst erlebt. Bei der Suche nach einer Ferienwohnung sagte uns ein Vermieter, er erhöhe seine Preise ab Beginn der WM auf das Zehnfache. (Unsere Wohnung ist davon nicht betroffen. Wie immer auf der Welt gibt es auch Menschen, die solche Sachen nicht mitmachen). Wir hörten von Mieten in Wohnungen nahe beim Stadion von 500 USD pro Tag. Die Hotels seien schon lange ausgebucht, trotz der irren Preise. Und wie immer bei solchen Großereignissen wird von Korruption und Lohnbetrug gesprochen.
Aber wenn wir sehen, wie die Stadt schöner geworden ist, wie viele auch dauerhafte Verbesserungen es gibt (nicht nur äußere an Fassaden), dann kann man sagen: die WM hat sich schon gelohnt, bevor sie begonnen hat. Und das ist den Menschen hier aus vollem Herzen zu gönnen. Der Dortmunder OB Ulrich Sierau schreibt in einem offenen Brief an die Fußballfreunde und die WM-Touristen „Fußball kann Brücken bauen, Vorurteile abbauen und Menschen friedlich und fröhlich zusammenführen. Und genau das wünsche ich mir auch für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland.“ (www.deutsch-russische-begegnung.de)

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