Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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Altgläubige

Wie das Leben so spielt! Da melde ich mich im Februar bei CREF, dem Center für Russisch, Englisch und Französisch, zu einem russischen Sprachkurs an, eigentlich wenig sinnvoll für die letzten fünf Monate unseres Russlandaufenthaltes und siehe da, nicht nur verbessert der Kurs wie erwartet mein Russisch (etwas), er hat auch einen unerwarteten Nebeneffekt. Eine der Russischlehrerinnen stellt sich als hochinteressante Frau heraus. Sie hat im Fach Altrussisch promoviert und ist Russischlehrerin für Ausländer an der hiesigen medizinischen Universität. In der SU-Zeit wurde sie wegen ihres jüdischen Aussehens diskriminiert, sie erwarb deshalb ihr Wissen im Abendstudium. Wie sie selbst sagt, hat sie eher Zigeunerblut in den Adern. Ihr Vater wurde eineinhalb Jahre nach dem Tod des Großvaters geboren (ihre Worte), weder er noch ihre Mutter haben zur Klärung dieses Rätsels beigetragen.

Zum Abschied lud sie uns in ihr kleines „Literaturmuseum“ ein, wie sie es nannte. Der Eingang liegt in einem Hof, der, so warnte sie uns, „dreckig, aber ungefährlich ist“. Durch eine der hier üblichen Stahltüren und über ein kahles Betontreppenhaus kamen wir in das Museum, das sich als eine Schatzkammer entpuppte. Hier lagen in einer Vitrine uralte Bücher aus der Zeit vor der orthodoxen Kirchenspaltung von 1667 und Manuskripte, Ergebnisse der Kunstfertigkeiten der Altgläubigen.

Eingang zum kleinen „Literaturmuseum“

Die Altgläubigen lehnten die Reformen der Texte und Riten der russisch-orthodoxen Gottesdienste durch den Patriarchen Nikon ab.  Sie wurden deshalb auf einer Synode 1666/67 mit dem Kirchenbann belegt und bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts blutig verfolgt. Erst 1905 erhielten sie die Bürgerrechte. Den Verfolgungen entzogen sie sich durch Flucht in die Wälder Russlands, auch in die Umgebung von Nischni Nowgorod. So geht die Matrjoschka-Fabrik in Semjonow (80 km von Nischni entfernt) auf geflüchtete Altgläubige zurück, die das Schnitzer-Handwerk mitbrachten.

Für die Altgläubigen ist die strikte Einhaltung der überlieferten Formen eine wesentliche Bedingung für den rechten Glauben. Als Beispiel wird oft das Kreuzzeichen genannt: Richtig ist „Zwei Finger gerade, drei gekrümmt“ und nicht wie bei Nikon „Drei Finger gerade und zwei gekrümmt“. Prozessionen müssen sich im Uhrzeigersinn (mit dem Sonnenlauf) und nicht andersherum bewegen. Der Name Christi lautet Iсусь (Isus) statt Iисусь (Jisus), wie bei Nikon. Unterschiede gibt auch in den heiligen Texten. Im Glaubensbekenntnis: „…an den Heiligen Geist, den wahren Herren“ gegenüber „…an den Heiligen Geist, den Herren“. Für uns ist das nicht zu verstehen, aber (Zitat nach Wikipedia): „Zur Erhaltung eines Mikroklimas, in dem der Mensch seine Seele retten kann, sei nicht nur das Befolgen der Gebote Christi erforderlich, sondern auch eine sorgfältige Bewahrung der kirchlichen Überlieferung, die geistige Kräfte und spirituelle Erfahrung vieler Jahrhunderten in sich trägt, deren Formen zwar äußerlich, aber nicht willkürlich seien“.

Deshalb weigerten sich die Altgläubigen die nach der Kirchenspaltung von den Orthodoxen gedruckten Bücher zu lesen, weil sie Abweichungen von den ursprünglichen Texten befürchteten, durch die die neuen Bücher unheilig würden. Deshalb nutzten sie nur die alten Bücher weiter und retteten sie so in unsere Tage.

Gedrucktes Buch (vor 1667) mit Leseanweisungen am Rand. Es überstand einen Brand – dank des schweren Ledereinbandes und der Eisenschnallen, die es fest verschlossen.

 

Ebenso eindrucksvoll waren die von Hand geschriebenen Bücher mit ihren Buchmalereien, Gebetbücher, die Leidensgeschichte oder Ordensregeln, aber auch Briefe und theologische Abhandlungen. Einen Eindruck geben eine handgeschriebene Ordensregel oder eine Seite eines Gesangbuches mit altrussischen Neumen, noten-ähnlichen Zeichen.

Ordensregel, Handschrift aus dem 16. Jh. Über dem Buch liegt eine Lestowka (Лестовка), der lederne Rosenkranz der Altgläubigen

Handschrift, Altrussische Neumen Ende 19./Anfang 20. Jh.

 

Eine bewegende Geschichte hat ein im Museum ausgestellter Schuh aus Birkenrinde. Er stammt von der sechsköpfigen Familie Lykow (Лыков), die 1936 in die sibirischen Taiga geflohen war, um der staatlichen Verfolgung zu entgehen. Sie gelangte an den Abakan und zog sich, wenn sie entdeckt wurde, immer weiter zum Oberlauf dieses Flusses zurück, bis man sie schließlich vergaß. Sie lebte dort völlig isoliert, 250 km von der nächsten menschlichen Siedlung entfernt, bis 1978 ein Team von Geologen zufällig auf sie stieß. 1978 war 7486 Jahre nach Erschaffung der Welt, die die Altgläubigen auf das Jahr 5508 vor Christus datieren. Die Familie bestand damals aus dem Vater, zwei Söhnen und zwei Töchtern, die Mutter war schon 1961 gestorben, wahrscheinlich verhungert. Die jüngste Tochter Agafja lebt bis heute allein in der Einsamkeit. Die Vorfahren der Lykows stammen aus der Gegend von Nischni Nowgorod, sie lebten in den Wäldern am Kerschenez, einem kleinen Nebenfluss der Wolga.

Birkenrinden-Schuh der Familie Lykow

 

Wikipedia nennt zwei Bücher über diese Familie:

  • Wassili Peskow: Die Vergessenen der Taiga: die unglaubliche Geschichte einer sibirischen Familie jenseits der Zivilisation. Goldmann, München 1996, ISBN 3-442-12637-1.
  • Jens Mühling: Mein russisches Abenteuer. Auf der Suche nach der wahren russischen Seele. Dumont Buchverlag, Köln 2012, ISBN 978-3-8321-9589-2.

Das sind alles sehr spannende Geschichten, vor allem wenn man unverhofft handfest damit in Berührung kommt. Der Titel von Jens Mühlings Reisebeschreibung spricht uns aus der Seele: „Mein russisches Abenteuer“. Unser russisches Abenteuer ist noch nicht ganz zu Ende, aber das Ende rückt immer näher.

Gorochowez – eine alte russische Stadt

Russland ist wie eine geheimnisvolle Schatztruhe, in der man immer wieder unerwartet auf Schmuckstücke stößt.

Am 30. April wollten wir mit Lena und Andrej, unseren Freunden aus Sankt Petersburg, in die uns bekannte Museumsstadt Gorodez (Городец) mit ihren schmucken Holzhäusern fahren, aber Roses Kollegin Marina überredete uns, stattdessen das uns nicht bekannte Gorochowez (Гороховец) zu besuchen, es sei eine viel authentischere alte russische Stadt. So fuhren wir, begleitet von Marina, mit dem Bus etwa eineinhalb Stunden in diesen schon im Oblast Wladimir liegenden Ort (80 km von Nischni), in dem Marina ihre Kindheit verbracht hatte – und wir bereuten es nicht!

Gorochowez wurde 1158 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Es war zunächst ein militärischer Stützpunkt an der Kljasma, einem Nebenfluss der Oka. Seine Blütezeit erlebte es im 17. Jh. durch Webereien, Gerbereien und Schmieden. Aus dieser Zeit stammen vier Klöster und viele steinerne Kaufmannshäuser. Die Industrialisierung des 19. Jh. und der Sowjetzeit berührten den Ort nur wenig, das alte Stadtbild blieb weitgehend erhalten.

Das Heilige-Dreifaltigkeits-Nikolai-Männer-Kloster in Gorochowez (Свято-Троице-Никольский Мужской Монастырь)

Hoch über der Kljasma liegt das Heilige-Dreifaltigkeits-Nikolai-Männer- Kloster (Свято-Троице-Никольский Мужской Монастырь), von dem man die Stadt mit ihren Kirchen und Klöstern und jenseits des Flusses das Frauenkloster Erscheinung-Mariä (Знаменский монастырь) bewundern kann.

Blick vom Nikolai-Kloster auf Gorochowez und das jenseits der Kljasma liegende Frauenkloster (Знаменский епархиальный женский монастырь)

Die Dreifaltigkeits-Nikolai-Kirche (Троице-Никольская Церковь) im Kloster ist in dem bei Altgläubigen oft zu findenden Stil einer Kreuzkirche gebaut: auf einem quadratischen Baukörper mit flachem Zeltdach ein hoher Zwiebelturm und vier kleinere.

Dreifaltigkeits-Nikolai-Kirche im Dreifaltigkeits-Nikolai-Kloster in Gorochowez

Im Nikolai-Kloster

Treppen führten hinunter in die Stadt. Auf halber Höhe wies uns ein Schild auf die heilige Quelle zu Ehren der Heiligen Dreifaltigkeit hin und nach wenigen Schritte kamen wir zu einer Anlage mit kleinen Blockhäusern, Bänken und Tischen. In einem mit Kreuzen und Heiligenbildern geschmückten Häuschen floss gut schmeckendes Wasser aus einem Eisenrohr in ein Wasserbecken. Natürlich folgten wir Lenas Rat, eine Plastikflasche mit dem kostbaren Heiligen Wasser zu füllen. Im Nebenhaus stiegen wir – ob nach Pfarrer Kneipp oder nach dem heiligen Nikolai sei offengelassen – bis zu den Knien in ein Tauchbecken. Dann verließ uns der Mut.

Heilige Quelle in Gorochowez

Hinten das Quellhaus, links das Haus mit dem Tauchbecken

Gestärkt an der Seele, was wir hofften, und erfrischt an den Beinen, was wir spürten, stiegen wir hinunter in den Ort, in dem uns als erstes eine Hebewerkzeuge- und Kranfabrik begrüßte. Rasch kamen wir in ein Viertel mit dem Reiz einer Kaufmannsstadt des alten Russland: breite Straßen, gesäumt von Steinhäusern der damaligen Zeit. Eines der ältesten Häuser vom Ende des 17.Jh. ist heute ein Museum. Es wurde von Semen Nikoforowitsch Erschow errichtet, einem Winzer und Händler mit Beeren- und Obstwein. Interessant ist, dass er einer der Altgläubigen war, die sich nach der Kirchenspaltung im 17. Jh. in diese abgelegene Gegend zurückgezogen hatten. Die Altgläubigen seien fleißig, absolut ehrlich und sozial gewesen. Zwischen 1680 und 1700 sind fünf Kirchen und viele Häuser gebaut worden, die teilweise heute noch bestehen.

Kloster Mariä Reinigung (Сретенский монастырь)

Kloster Mariä Reinigung in der Abendsonne am 30.04 2017

Altes Haus in Gorochowez

Vergeblich suchten wir in diesem schönen, um Fremdenverkehr werbenden Ort nach einem gemütlichen Café oder Restaurant. Nach den weiten Spaziergängen in der noch ungewohnten Frühjahrswärme hätten wir eine Rast mit Tee oder Kaffee nötig gehabt. Wir standen vor einem geschlossenen Café. Die Touristeninformation konnte uns nur einen alten Bus empfehlen, der zu einer Art Bistro umgebaut war und wo man nur, etwas beengt sitzend, Bliny (Pfannkuchen) und Okroschka, eine kalte Suppe auf Kwas-Basis (ein ostslawisches Getränk, was durch Gärung aus Brot hergestellt wird; http://www.chefkoch.de/rs/s0/Okroschka/Rezepte.html) aus Plastikgeschirr bekam. Wir haben schon öfter verwundert bemerkt, dass es an touristisch interessanten Orten an einer ansprechenden Gastronomie mangelt.

Aus neuerer Zeit stammt eine Rarität an der Straße M7 von Nischni Nowgorod nach Moskau: ein 1902 gebautes Holzhaus im Jugendstil, in Russisch „русский псевдо модерн“ (Russischer Pseudo-Jugendstil). Die Wände bestehen aus dicken Baumstämmen, die Fenster und Türen sind wie die alten russischen Häuser mit Verzierungen umrahmt, hier mit den Ornamenten und den Formen des Jungendstils. Das Haus wurde von dem Kaufmann Schorin errichtet. Heute ist es eine Volkskunststätte für Näh-, Bastel- und Tanzkurse. Die in der Sowjetzeit als Schule genutzten Räume sind als Museum hergerichtet, auch wenn die ursprünglichen Möbel verloren gegangen sind.

Das Jugendstil-Haus „Dom Schorina“ in Gorochowez

Fenster des Schorin-Hauses

Amüsant zu vermelden: Unsere Führung wurde von aufziehenden Erbsbreigerüchen unterbrochen, die Museumsleiterin rief: „Moja Kascha!“ (Mein Brei) und lief in die Küche. Das russische Wort für Erbse lautet „Гороx“ (Goroch) und der ähnlich klingende Ortsname hat wohl seine Herkunft vom früheren Erbsenanbau. Deshalb sind im Stadtwappen Erbsen-Pflanzen dargestellt.

Die ortskundige Marina verschaffte uns außer diesen architektonischen Eindrücken noch ein besonderes Naturerlebnis. Sie führte uns zum „Лысая Гора“ (Kahler Berg), einem baumlosen Bergsporn über der Kljasma. Uns bot sich ein faszinierender Blick auf den natürlichen, leicht mäandernden Fluss und die weite waldige Moorlandschaft, ungestört von Siedlungen oder Straßen. Und das bei strahlendem Sonnenschein an dem ersten warmen Tag dieses Jahres. Eine Familie mit einem großen Fernglas sah in der Ferne Elche. Wir genossen unser Picknick, es war eine Idylle.

Picknick am „Kahlen Berg“ bei Gorochowez, Blick auf die Kljasma nach Westen

Blick nach Osten vom Kahlen Berg bei Gorochowez (aufgenommen am 30.04.2017)

Wir verstanden den Regisseur Michalkow, der in Gorochowez zwei seiner Filme gedreht hat («Утомлённые солнцем» „Die Sonne, die uns täuscht“ und «Солнечный Удар» „Sonnenstich“) und einen Schauspieler ausrufen lässt: „Hier ist Russland am schönsten!“

Straße in Gorochowez

An der Straße M7 von Nischni Nowgorod nach Moskau

Nachtrag für alle, die Freude an alten Büchern haben: Bei der Suche nach Informationen über Gorochowez stieß ich in Internet auf ein Buch mit dem Titel:

„Vollständige und neueste Erdbeschreibung des Russischen Reichs in Europa nebst Polen mit einer Einleitung zur Statistik des ganzen Russischen Reichs.  Bearbeitet von Dr. G. Hassel“. Erschienen 1821 in Weimar im Verlage des Geographischen Instituts.

Der 8. und der 9. Mai 2017 in Moskau

Die elfte Reise nach Moskau in den zweieinhalb Jahren unseres Russlandaufenthaltes galt der Feier des 8. Mai. Der erste Metro-Zug am Kursker Bahnhof in Moskau empfing uns martialisch mit Fotos und Plakaten zum Tag des Sieges: an den Türen Bilder von Waffen und russischen Soldaten aus dem 2. Weltkrieg und im Wagen Beschreibungen der großen siegreichen Schlachten. Allerdings haben wir bei den fünf weiteren Metro-Fahrten dies nicht mehr gesehen, da hing in den Wagen wie in der Vergangenheit vor allem Werbung, unter anderem für (billige?) Kredite mit 12,5 % Zinsen.

Die Stadt war für den großen russischen Feiertag üppig geschmückt. Das oft zu sehende offizielle Logo bestand aus den Worten „Tag des Sieges 9. Mai“ und dem Georgsband aus dem weiße Blüten wachsen. Groß prangte es auf den hellblauen Rückwänden der „Public Viewing“ Bildschirme für die Übertragung der Parade auf dem Roten Platz.

Das diesjährige Logo zum Tag des 9.Mai

In vielen Schaufenstern hingen kleinere Formate in verschiedenen Ausführungen. Wie immer bei solchen Festen waren in den Fußgängerzonen und auf den Plätzen viele Pavillons mit Cafés, Verkaufsbuden und kleine Bühnen aufgebaut. Im Rahmen des Moskauer Frühlings sangen an 49 Stellen in der Stadt a capella Gruppen. In der Nähe unseres Hotels ein georgisches Trio in landesüblicher Tracht mit den stilisierten Patronengürteln über der Brust.

Nach einem ausgezeichneten (frühen) Abendessen am Vorabend unseres Festes im besten usbekischen Restaurant Moskaus „Weiße Wüstensonne“ mit Plov, Reis und Fleischspießen – ohne die später dort zu bewundernde Bauchtänzerin – gingen wir in die Tschaikowski-Philharmonie am Triumphplatz zu einem Gala-Chorkonzert, das im Rahmen des 16. von Waleri Gergijew geleiteten Moskauer Osterfestivals (ХVI Сезон Пасхальный Фестиваль) stattfand.

Schlussauftritt aller Chöre im Tschaikowski-Saal

Aus Russland waren ein St. Petersburger und ein Moskauer Chor zu hören, die anderen Chöre kamen aus Sofia, Stockholm, Tiflis, Prag. Der tschechische Jugendchor aus Prag belebte das eher ernste Programm mit volkstümlichen Weisen und Tänzen. Besonders beeindruckte uns der georgische Jugendchor Mdslewari  (kein Tippfehler) mit seinen kräftigen Stimmen und ungewohnten, sich leicht reibenden Harmonien vor allem in den Oberstimmen. Auch sonst war das Programm sehr vielseitig, es reichte von einer achtstimmigen Madrigale von Diletzki aus dem 17. Jh. (gesungen von den dreizehn Sängern vom „Chor der sieben Heiligen“ aus Sofia), schwedischen Sommerliedern bis zu alten und modernen Kirchenliedern der russischen Ensembles. Am Schluss sangen alle Chöre stimmkräftig einen österlichen Choral „Christus ist auferstanden“.

Nach diesem gebührenden Auftaktabend wollten wir am nächsten Tag, unserem Festtag, die Mjasnizkaja Uliza mit ihren Jugendstil-Häusern, dem konstruktivistischen Centrosojus-Haus von Le Corbusier und dem vom Teehändler Perlowa errichteten Teehaus im chinesischen Stil ansehen. Wir gingen trotz schlechten Wetters los, doch es war – gelinde gesagt – wenig genussreich: die Schirme behinderten die Sicht und Fotografieren war wegen des Regens kaum möglich. Als es dann auch noch in dicken Flocken zu schneien begann, gaben wir auf und flüchteten –  weil Museen montags auch in Moskau geschlossen sind – zurück in unser Hotel Budapest. Die a capella Gruppen ließen sich offensichtlich weder vom Wind, noch von Schnee oder Kälte stören. Auf der Kusnetzski Most sangen junge Russen in Winterkleidung und geschützt von der Konzertmuschel vor einem spärlichen Publikum.

Rose lauscht unter blauem Schirm dem Gesang

Dennoch war der Tag für uns noch nicht verloren. Mitternacht war schon überschritten, als wir uns nach einem anregenden Abend mit Freunden bei leichtem Regen auf den Heimweg machten – zu Fuß, aus Drang nach Bewegung. Nachts sieht die Welt anders aus, vor allem wenn Straßenbauarbeiten auf dem Boulevardring zu Umwegen zwingen. Wir ahnten nicht, dass wir einen jungen Mann mit unserer Frage nach dem Weg glücklich machen. „Was, ihr seid Ausländer? Und ihr lauft hier nach Mitternacht bei Regen herum! Und wollt kein Taxi! Und sprecht Englisch?“ Da machte er buchstäblich einen Freudensprung. „Ich habe seit vielen Jahren kein Englisch mehr gesprochen. Darf ich euch ins Hotel begleiten?“ Er rief sofort seine Frau an und erzählte ihr von seinem Glück. Und dann umtanzte er uns förmlich, lief rückwärts vor uns her und radebrechte drauf los. Unbegreiflich für ihn, dass Deutsche aus Stuttgart keinen Porsche oder mindestens Mercedes fahren. Er bedauerte, uns sagen zu müssen, wie sehr er sich freue, dass Russlands Hockey-Team die Deutschen soeben 6 : 3 besiegt habe, und das ein Tag vor dem 9. Mai! Kurzweilig unterhalten und ziemlich durchnässt kamen wir nach einer dreiviertel Stunde schließlich in unser Hotel und so endete Roses Festtag, ihr halbrunder Geburtstag, vergnüglicher als es das unfreundliche Wetter erwarten ließ.

Stellwände mit Kriegserinnerungen auf dem Boulevardring, nachts um eins

Am Dienstag dann der 9. Mai, der Tag des Sieges, der große Feiertag in Russland! Der Rote Platz war weiträumig abgesperrt, selbst auf den Theaterplatz und auf die Twerskaja kam man, für uns unerwartet, nur mit einem Passierschein. So gelang uns auch kein Blick auf einen der Bildschirme, die wir tags zuvor gesehen hatten und damit auch nicht auf die Parade. Selbst „Безмертный Полк“, das „Unsterbliche Regiment“ blieb uns verwehrt. Bei diesem Umzug tragen die Teilnehmer Fotos der Gefallenen – und wie wir auf den Schildern gesehen haben – auch überlebender Kriegsteilnehmer des 2. Weltkrieges. Diese Erinnerung an die Angehörigen ist bei der Bevölkerung beliebter als die Militärparaden und findet in allen Städten statt. Auch in Nischni Nowgorod war der Zug – wie uns berichtet wurde – sehr eindrucksvoll.

Mit vielen anderen liefen wir zunächst etwas enttäuscht herum, vorbei an Händlern und kleinen Verkaufsständen, die Fahnen in den russischen Nationalfarben und mit dem 9.Mai-Logo anboten, sowie Georgsbänder und die typischen olivfarbenen Militärmützen, die Pilotkas (Пилотка). Das Wetter war sehr kühl und feucht, aber es regnete nicht immer.

Warten auf den Beginn des Umzuges oder auch ohne Passierschein?

Nachdem wir eine der nicht geschlossenen Metrostationen gefunden hatten, fuhren wir zur „ВДНХ“, der früheren „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“. Auf einem Gelände in der Größe einer Weltausstellung stellte sich jede Republik der Sowjetunion in einem eigenen Pavillon vor, der meist ein riesiges Gebäude war. Jetzt wird der Park für Ausstellungen, für die Erholung und für Messen genutzt.

Ausstellungsgebäude im БДНХ-Park: „Russland – Meine Geschichte“

Von der Metrostation läuft man gut eine halbe Stunde vorbei an dem Kosmonauten-Denkmal bis zum Ausstellungspavillon für die Geschichte Russlands, die dort wird in drei Teilen behandelt wird: die Dynastien der Ruriks, der Romanows und die Zeit der Sowjetunion von 1917 bis 1945. Ein weiterer Abschnitt, von 1945 bis 2000, wird noch in diesem Jahr eröffnet. Mit einem Audioguide in Englisch war die Ausstellung auch für mich höchst interessant. Auf einer als Zeitleiste gestalteten Wand sind die Ereignisse chronologisch dargestellt, davor interaktive Bildschirme, auf denen man in Russisch detaillierte Informationen abrufen kann. Auf der gegenüberliegenden Seite Schautafeln mit Statistiken, Texten und Fotos zu Personen und Ereignissen und immer wieder interaktive Bildschirme. In kleineren Räumen laufen Filme oder es werden einzelne Themen behandelt. Regelmäßig gibt es für bestimmte Zeitabschnitte eine Graphik, in der die Fläche, die Einwohnerzahl und das Bruttoinlandsprodukt der Sowjetunion dargestellt sind. Alles sehr informativ, modern präsentiert; es ist verständlich, dass russische Freunde dort einen ganzen Tag verbrachten.

Infographiken über Fläche, Einwohnerzahl und Bruttoinlandsprodukt 1940 und 1945

Als ein weiteres Beispiel für die Art der Darstellung ein Ausschnitt der Zeitleiste vom Sommer 1939. Unter anderem sind da aufgeführt: Der Molotow-Rippentrop-Vertrag vom 23. August, der Beginn des 2. Weltkrieges am 1. September, die Besetzung der Westukraine und Weißrusslands durch die Rote Armee am 17. September und der Russisch-Finnische Krieg vom 30. November bis 12. März 1940.

Der Sommer 1939 in der Ausstellung

Glücklich erreichten wir abends unseren Zug nach Nischni am Kursker Bahnhof. Glücklich, weil wir trotz des nassen und kalten Wetters und des für uns nicht zugänglichen Stadtzentrums wieder viel Interessantes in Moskau erlebt hatten, aber auch glücklich, dass wir den Zug trotz eines großen Umweges gerade noch erwischten. Denn leider hatten uns nicht einmal die Wachtposten sagen können, wann und wo die Absperrungen aufgehoben werden und welche Metrostationen geschlossen sind. Der Zug fuhr ab, zwei Minuten nach dem wir eingestiegen waren.

Erster Raum der Ausstellung: Ende des Zarenreiches

Karte mit den Lagern des Gulag 1946, Zahl der Häftlinge: 1 355 739

Maiakowski Denkmal am Triumph Platz (7. Mai 2017)

Mit allen Symbolen ausgestattet: Fahne mit Logo, Georgsband und Käppi

Partisanen, Foto von der Plakatwand am Boulevardring 

Schulnotizen zum 9. Mai

Meine Schüler haben durchweg ein unambivalentes Verhältnis zum 9. Mai: ‚Es ist ein sehr schöner und großer Feiertag‘. ‚Wir sind stolz und dankbar, dass unsere Urgroßeltern das Land von den Faschisten befreiten.‘ ‚Wir möchten uns erinnern, und ihnen danken.‘

Wie sie mit ihren Familien den Tag verbringen? Sie legen Blumen am ewigen Feuer im Kreml nieder, schauen die Moskauer Parade im Fernsehen an, essen gut, sehen mit der Familie alte Fotoalben an, singen Kriegslieder. Wobei man wissen muss, dass diese Lieder nichts Chauvinistisches haben. Das berühmteste, „Katjuscha“ ist auch in Deutschland bekannt und hat Volksliedcharakter. Es erzählt von der treuen Geliebten, Katjuscha, die die Liebe schützt, während ihr Geliebter das Vaterland beschützt. Meistens aber sind die Lieder von einer tiefen Trauer (über den Sohn, Mann, Vater, der nicht aus der Schlacht zurückkam (»Он не вернулся из боя…»). Sie handeln von der Anonymität des Sterbens («На братских мотилах не ставят крестов»), von Opferbereitschaft, Kameradschaft, Tapferkeit.

Letztes Jahr besuchten wir ein Konzert von Kriegsliedern in der Oper. Dies ist der passende Rahmen. Hier wird keine Marschmusik gespielt, eher Romanzen und Chansons. Oft sind sie voller Poesie. Um die Stimmung zu zeigen, möchte ich hier eines der berühmtesten Lieder von Mark Bernes abdrucken, das kongenial ins Deutsche übersetzt wurde. Man kann es gleichzeitig unter folgendem Link als YouTube Film anschauen und hören:

https://www.youtube.com/watch?v=XZZHISSfHv4

Zhuravli (Журавли)

Мне кажется порою, что солдаты,

С кровавых не пришедшие полей,

Не в землю нашу полегли когда-то,

А превратились в белых журавлей.

 

Они до сей поры с времен тех дальних

Летят и подают нам голоса.

Не потому ль так часто и печально

Мы замолкаем, глядя в небеса?

 

 

Летит, летит по небу клин усталый,

Летит в тумане на исходе дня,

И в том строю есть промежуток малый,

Быть может, это место для меня.

 

Настанет день, и с журавлиной стаей

Я поплыву в такой же сизой мгле,

Из-под небес по-птичьи окликая

Всех вас, кого оставил на земле.

 

 

Мне кажется порою, что солдаты,

С кровавых не пришедшие полей,

Не в землю нашу полегли когда-то,

А превратились в белых журавлей..

———————————

 

Автор текста: Расул Гамзатов

Композитор: Ян Френкель

Исполняет: Марк Бернес

 

Kraniche

Ich denke manchmal, unsere Soldaten –

dahingemäht auf blutdurchtränktem Feld –

Ruh’n nicht, wo Kameraden sie verscharrten:

Sie sind nun Kraniche am Himmelszelt.

 

Laut rufend zieh’n sie ständig ihre Bahnen

Als weiße Kraniche seit eh und je.

Und weil wir unbewusst die Nähe ahnen

Schau’n wir betrübt und schweigend in die Höh‘

 

Dort fliegen sie und fliegen, unsre Lieben

Im Nebel bis ans Ende ihrer Zeit.

Ein kleiner Zwischenraum ist nur geblieben –

Vielleicht hält man den Platz für mich bereit?

 

 

Dann zög‘ auch ich an trüben, grauen Tagen

mit ihrem Schwarm, der mir die Richtung wies,

Würd‘ aus der Höhe vogelartig klagen

Euch rufend, die auf Erden ich verließ.

 

Ich denke manchmal, unsere Soldaten-

dahingemäht auf blutdurchtränktem Feld –

ruh’n nicht, wo Kameraden sie verscharrten:

Sie sind nun Kraniche am Himmelszelt.

 

 

Autor des Textes: Rasul Gamzatow

Komponist: Jan Frenkel

Interpret: Mark Bernes

 

 

Nicht so poetisch, aber sehr pazifistisch ist auch das Lied „Für den Rest des Lebens“ – «На всю оставшуюся жизнь»

https://www.youtube.com/watch?v=EwMna0eDdvw

Автор: В.Баснер—П.Фоменко,Б.Вахтин

Альбом: Звездопад

 Сестра,ты помнишь как из боя Меня ты вынесла в санбат? Остались живы мы с тобою В тот раз, товарищ мой и брат. На всю оставшуюся жизнь Нам хватит подвигов и славы, Победы над врагом кровавым,- На всю оставшуюся жизнь. 

 

 

Горел Днепр, Нева и Волга, Горели небо и поля… Одна беда, одна тревога, Одна судьба, одна земля… На всю оставшуюся жизнь Нам хватит горя и печали. Где те, кого мы потеряли На всю оставшуюся жизнь? 

 

 

Сестра и брат…Взаимной верой Мы были сильными вдвойне. Мы шли к любви и милосердию В немилосердной той войне. На всю оставшуюся жизнь Запомним братство фронтовое, Как завещание святое На всю оставшуюся жизнь.

 

 

 

 

 

Schwester, erinnerst du dich, wie du mich auf der Bahre aus der Schlacht getragen hast? Dieses Mal sind wir am Leben geblieben, wir zwei, und auch mein Kamerad und Bruder.

Für den Rest des Lebens

Haben wir genug von Heldentaten und Ruhm,

vom Sieg über den blutigen Feind,-

für den Rest des Lebens.

 

Es brannte der Dnepr, die Newa und die Wolga, es brannten der Himmel und die Felder…

Nur Leid, nur Аngst,

nur Schicksal, nur Erde…

Für den Rest unseres Lebens

Reichen uns der Schmerz und die Trauer.

Wo sind die, die wir verloren haben

Für den Rest unseres Lebens?

 

Schwester und Bruder….im gegenseitigen Glauben waren wir doppelt so stark.

Wir gingen zu Liebe und Barmherzigkeit

In diesem erbarmungslosen Krieg.

Für den Rest unseres Lebens

Erinnern wir uns an die Brüderlichkeit an der Front, wie ein heiliges Vermächtnis

Für den Rest unseres Lebens.

 Alles in allem ist der 9. Mai ein heiliger Feiertag. Es geht es hier um große Gefühle.

Aber es gibt noch andere Aspekte. Meine Geschichtslehrer-Kollegin beklagt, dass die Schüler in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg voller Emotionen, aber ohne Wissen sind. Andere Kollegen haben ein gespaltenes Verhältnis zu den Paraden, die in postsowjetischer Zeit 2005 wiederaufgenommen wurden und wuchtige Demonstrationen militärischer Stärke darstellen. Freunde kritisieren die Militarisierung schon im Kindergarten, wo die kleinen Jungen in Soldaten- und die kleinen Mädchen in Krankenschwester-Uniformen zum Erinnerungsfoto aufgestellt werden. Oder den seit einiger Zeit öfter zu hörenden Spruch: »Можем повторить» – „Wir können das wiederholen.“ 

Das Wachpersonal an unserer Schule sind durchweg Armee- (nicht Kriegs-) Veteranen. Einer von ihnen besuchte auch unser Stück „Komm wieder, aber ohne Waffen“ und war zutiefst beeindruckt. Am 7. Mai schenkte er mir zwei Pralinen mit dem Kommentar: Frau Rosa, früher haben wir euch verdroschen, aber jetzt möchte ich Ihnen das schenken, «от душы» – aus tiefster Seele.

 

 

 

 

 

 

Wasser – Gas – Wärme

 

Nischni Nowgorod grenzt an zwei Städte, die den zweifelhaften Ruf haben, die ökologisch am stärksten verschmutzten Orte Russlands zu sein. Etwa 30 km Oka aufwärts liegt Dserschinsk mit vielen Chemiebetrieben, 20 km Wolga abwärts siedelte sich in Kstowo die Ölindustrie an. Das hat Folgen für das Grundwasser und die Flüsse, aus denen das Trinkwasser gewonnen wird, und das deshalb intensiv aufbereitet werden muss. Das Wasser aus der Wasserleitung riecht manchmal mehr, manchmal weniger nach Chemie, was man beim Duschen merkt. Deshalb filtern es viele Leute, bevor sie es trinken oder zum Kochen benutzen. Wir vermeiden das, in dem wir Trinkwasser kaufen. In unserer Wohnung lesen wir die verbrauchten Mengen von kaltem und heißem Leitungswasser an je zwei Zählern ab. (Wasserpreis 27,68 Rubel pro m³, ca. 45 cts).

Das ist in Nischni nicht überall so. In vielen alten Häusern gibt es noch keine Zähler; dort wird für den Verbrauch von einem pro Kopf-Pauschalbetrag ausgegangen. Weil die Stadt erreichen will, dass sich alle Eigentümer Wasserzähler einbauen lassen, liegt dieser Pauschalbetrag deutlich höher als wenn der Verbrauch gemessen wird.

Leitungswasserzapfen an der Uliza Gogolja

Zusätzlich gibt es an einigen Stellen in der Stadt noch Hydranten, aus denen jedermann in beliebiger Menge Wasser holen kann, was ziemlich verblüffend ist. Die Kosten für dieses Wasser werden auf die Allgemeinheit umgelegt.  An einer Straßenecke bei unserem Haus füllen da Leute oft viele Flaschen oder Eimer, manchmal einen PKW-Anhänger voller großer Gefäße. Siegie meint, früher in sozialistischen Zeiten, als Wasser generell kostenlos abgegeben wurde, gab es an jeder Ecke solche Hydranten.

Dieser Hydrant auf der Uliza Schewtschenko wird offensichtlich auch im Winter genutzt.

Unser Trinkwasser beziehen wir von der Firma „Wasser Schwesterchen“ (Вода Сестрица), die es aus Tiefbrunnen in einem über 300 km östlich von Nischni gelegenen Naturschutzgebiet der autonomen Republik Mari El gewinnt und in großen 18,9 Liter-Flaschen für 160 Rubel liefert, (8,5 Rubel/Liter oder 14 cts/Liter). Im Herbst 2014 kostete es 145 Rubel. Im Internet bestellt, wird es am nächsten Tag im gewünschten Zeitraum zuverlässig in die Wohnung gebracht. Bei Lieferung sind die Flaschen, in blaue, leider löchrige Plastiksäcke gehüllt. Mit einer auf die Flasche geschraubten Plastikpumpe wird das Wasser abgezapft. Es schmeckt auch bei Raumtemperatur gut.

Trinkwasser für das Gymnasium Nr.1 mit Schülern im Spiegel

Zum Kochen verwenden wir Gas, das von Gazprom für 5,22489 Rubel pro m³ (8,7 cts) geliefert wird. Den Verbrauch lesen wir einmal im Jahr an einem Zähler in der Küche ab. Auch Gaszähler gibt es erst seit der Wende, in sowjetischen Zeiten wurde der Verbrauch pauschal pro Kopf berechnet.

Die im Winter üppigst gelieferte Heizwärme und der Wärmebedarf für warmes Wasser werden nicht gemessen, sondern pauschal pro m² Wohnfläche berechnet und von uns mit der Miete bezahlt. Unsere Vermieterin musste erst die счёточка, etwa das „Rechnung-chen“ befragen, ehe sie uns den Betrag von 7000 Rubel (116 €) pro Monat für unsere etwa 100 m² große Wohnung nennen konnte.

Die Kassiererinnen bei Euro-Spar fragen auch nicht nach der Kunden-Karte (Карта), sondern nach dem Kärtchen (Карточка), das Rausgeld sind Rubelchen und Wasser ist Woda (Вода), daraus wird schnell ein Wässerchen, auch Woditschka oder kurz Wodka genannt und so weiter-chen.

Schulnotizen

Auch dieses Jahr schickte ich wieder eine Lesefüchsin zum Regionalfinale nach Moskau, diesmal in Begleitung einer russischen Kollegin. Nachdem unsere Schulsiegerinnen in den vergangenen zwei Jahren das Regionalfinale gewannen und also am internationalen Wettbewerb in Berlin teilnehmen durften, machten wir uns auch dieses Jahr gewisse Hoffnungen auf den Sieg, obwohl unsere diesjährige Teilnehmerin erst in der neunten Klasse ist und gegen gestandene Elftklässlerinnen antreten musste. Doch Tassja belegte ‚nur‘ den zweiten Platz. Warum? Die Finalistinnen mussten im Losverfahren ein Buch ziehen, das sie dann resümieren und interpretieren sollten. Die Nebensitzerin von Tassja, die Kandidatin aus Kasan, zog ausgerechnet ein Buch, das sie nicht gelesen hatte. Tassja, voll Mitleid, bot ihr an, heimlich die Bücher zu tauschen. Die Folge: Das Kasaner Mädchen machte den ersten Platz und fährt jetzt nach Berlin. Tassja bleibt in Nischni. Tassja, wir lieben dich für deine soziale Ader!

Am 4. Mai führten wir „Komm wieder, aber ohne Waffen“ für die Schülerinnen und Schüler der Unterstufe auf, die nicht zur Premiere eingeladen waren. Da abzusehen war, dass ich etwas später in meinen Unterricht kommen würde, schrieb ich meinen Elftklässlerinnen auf, welche Aufgaben sie bis dahin erledigen sollten. Als ich kam, waren meine Mädels eifrig am Diskutieren, die Aufgaben waren nicht gemacht. Meine Standpauke fiel milder aus als nötig, als ich das Tafelbild sah:

Розочка ( Rosotschka, Röschen)

 

Farbtupfer an Schule und Hochschule

Nach der ereignisvollen Woche mit dem Projekt „Komm wieder, aber ohne Waffen“ tritt bei uns der Alltag ein. Uns wird auch bewusst, dass sich unsere Zeit in Nischni langsam dem Ende zuneigt. Genau heute in vier Monaten fliegen wir nach Deutschland zurück. Und wenn wir uns auch auf Familie und Freunde, auf Fahrrad und Wandern freuen, so stellt sich doch so etwas wie Abschiedswehmut ein.

In Deutschland werden wir die vielen kleinen Erlebnisse nicht haben, die uns hier als gern gesehenen Ausländern immer wieder begegnen. So wird mir der Friseur sicher den Lohn für seine Arbeit ohne weiteres abnehmen. Hier wollte die junge Friseurin in dem kleinen Laden nebenan kein Geld von mir, weil sie es so aufregend fand, einem Ausländer die Haare schneiden zu können. Sie nannte auch keinen Preis und nahm die Scheine erst nach langem Zögern.

Auch die unerschöpfliche Quelle für überraschende Beobachtungen in der Straßenbahn wird sich in Deutschland nicht auftun. Beispiele: Durch einen Stau kommt die Tram nur schrittweise voran. Das nutzt der Fahrkartenschaffner, um nach einem kurzen Gespräch mit der Fahrerin auszusteigen und bis zur nächsten Ampel nebenherlaufend eine Zigarette zu rauchen. Oder die Schaffnerin, die die Zugestiegenen nur nach jeder zweiten Haltestelle abkassiert, weil sie auf dem in allen Wägen reservierten Platz für den Kondukteur sitzt und ein offensichtlich spannendes Buch liest.

Und nicht zuletzt die Fußgängerzone Bolschaja Pokrowskaja, die immer heiter zu sein scheint mit ihren Verkaufsständen, Musikern, Prospektverteilern,  auf der es aber auch häufig politische Aktionen gibt.

Am letzten Samstag standen in der Nähe des Theaters in gebührendem Abstand voneinander sieben junge Menschen, die mit Schildern in den Händen gegen die Verfolgung der Teilnehmer an die von Nawalny organisierten Antikorruptionsdemonstrationen protestierten. Es ist hier erlaubt, als Einzelner mit Plakaten für seine politischen Ansichten zu werben, mehrere Personen müssten für ihre Aktion eine Genehmigung einholen. So haben wir schon öfter einzelne Personen stehen sehen, die auf Plakaten ihre Forderungen erheben.  Dabei gibt es ein weites Themenspektrum von der Freilassung von Angehörigen aus der Haft bis zur Rehabilitierung von Stalin.

Einer der sieben Protestierenden auf der Bolschaja Pokrowskajа (22.04.17)

Eineinhalbtausend Festnahmen in Russland, über tausend in Moskau, über 40 in Nischni. Strafen von 10 – 20 Tausend Rubeln. Strafverfahren. Was ist das? (gemeint ist: was machen wir hier?) Ein Staats-Umsturz? Nein, es ist ein Meeting gegen Korruption.

Auf anderen Plakaten wurde gegen den politischen Druck protestiert, dem Schüler, die an den Demonstrationen teilnahmen und deren Eltern ausgesetzt sind. Oder es wurde gefragt, warum das in der Verfassung garantierte Recht auf Demonstrationen nicht eingehalten wird. In den Diskussionen haben vor allem ältere Leute den Erfolg dieser Aktionen bezweifelt, denn: „In allen Ländern dieser Welt gibt es Korruption“ und: „Gerechtigkeit gibt es nur im Himmel.“

Zu diesen Beobachtungen passt eine Information aus dem Blog Erlangenwladimir.wordpress.com vom 22.04.17. Dort schreibt Peter Steger:

„Seit gestern hat Alexej Nawalny auch in Wladimir eine Vertretung, von wo aus sein Wahlkampf um das Präsidentenamt im nächsten Jahr unterstützt werden soll. Derzeit bereist der Oppositionspolitiker die Hauptstädte des Goldenen Rings, um – wie in allen Regionen des Landes – Büros zu eröffnen. (Einschub von mir: Das gilt dann wohl auch für Nischni). .……. Bei aller Kritik also, die man äußern mag, ist die russische Demokratie doch lebendig genug, auch einen derart umstrittenen Kopf um Stimmen werben zu lassen.“

Die Diskussionen hatten uns durstig gemacht, wir gingen nach einem Spaziergang entlang der Kremlmauer in das Restaurant „Expedizia“ unterhalb des Kreml, ein Lokal von dem man einen schönen Blick auf die Wolga hat. Mit einem echten Hubschrauber, einer künstlichen Jurte und drei noch künstlicheren Eisbären ist es ungewöhnlich ausgestattet. Es bietet Speisen und Delikatessen aus den nördlichen und östlichen Regionen Russlands an. Alles ist sehr exquisit: Wir tranken einen Tee aus 36 sibirischen Kräutern, wirklich ungewöhnlich guter Geschmack, ungewöhnlich auch der Preis von 600 Rubel (10 Euro) für 0,8 Liter. Aber wieder eine gern gemachte Erfahrung in diesem Land der Gegensätze!

Promenade an der Westmauer des Kreml mit Blick auf die Wolga

Schulnotizen

Letzten Freitag wurde der Film, den zwei Kamerateams während Wolfgang Morells Aufenthalt in Nischni aufnahmen, innerhalb der Hauptnachrichten von NTV um 19 Uhr gesendet. Gezeigt wurde das Wiedersehen von Wolfgang, dem ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen und Zhanna, der ehemaligen Komsomolzin nach 68 Jahren! Es ist ein bewegender Film, auch für Leute, die den russischen Kommentator nicht verstehen: http://www.ntv.ru/novosti/1798545/. Der Film kann demnächst auch unter YouTube angesehen werden, Titel: „Wolfgang Morell und Zhanna Woronzowa“.

Aber auch sonst hatten die letzten Wochen außer dem Projekt einige ‚Farbtupfer‘ aufzuweisen:

Am Tag vor dem 23. Februar, dem Tag des Vaterlandsverteidigers, wurde bei uns an der Schule der ‚König der Schule‘ gekürt. Ein zweistündiges Programm, in dem die Mädchen den Jungs bewundernde Lieder sangen, und die Jungs ihre Männlichkeit beweisen mussten: Wer kann am besten Nägel einschlagen? und: Wer ist der Stärkste beim Armdrücken…?

Am 18. März, nach dem internationalen Frauentag am 8.3. wurde dann die ‚Königin der Schule‘ gesucht und gefunden: Wer kann jeweils innerhalb von 3-5 Minuten am besten Knöpfe annähen, mit 250 Rubel den attraktivsten Einkaufszettel für ein Frühstück zu zweit erstellen, die kreativste Glückwunschkarte zum 8. März anfertigen, seinen Traummann zeichnen? Und dann – im zweiten Teil – den besten Beitrag für ein Konzert (Tanzen, Singen) liefern? Abgesehen davon, dass beide Veranstaltungen zeigten, dass hierzulande die Welt bezüglich der Rollenverteilung noch in Ordnung ist, zeugten vor allem die kreativen Teile von großer Meisterschaft: Die Karten und Zeichnungen, die professionelle Art zu tanzen und zu singen machten wieder einmal bewusst, wo unsere Schülerinnen und Schüler die Nachmittage (zweimal die Woche, drei bis vier Stunden) verbringen: in einer Kunst- Musik- oder Tanzschule. Diese sind – ein Relikt aus sowjetischer Zeit – fast kostenlos und werden immer noch von der Bevölkerung sehr angenommen.

     

 

Auch an der Linguistischen Universität gab es zwei Wettbewerbe, bei denen ich in der Jury war. Der erste – der Phonetik-Wettbewerb war, dem trockenen Namen zum Trotz – sehr kurzweilig. Im ersten Teil sollten die Studentinnen und Studenten des 1. Studienjahres ein Gedicht ihrer Wahl aufsagen; im zweiten Teil einen unbekannten Prosatext, den sie wie ein Los zogen, unvorbereitet lesen. Interessant für Jury und Zuhörer waren die Gedichte (Schiller, Goethe, Heine, Rilke, aber auch Mascha Koleko…) vor allem durch die phantasievolle Art der Präsentation: durch ein Frühlingskleid, passende Hintergrundbilder… Denn, um das Alltagsgeschäft der Phonetik ging es auch im 1. Studienjahr schon nicht mehr. Klassische Probleme wie das rollende ‚R‘, zu stimmhafte Konsonanten oder falsche und zu kurze Vokale (Man muss das Läbben äbben nämmen, wie das Läbben äbben ist!) hatte man längst überwunden.

Beim 2. Studienjahr wurden im ersten Teil dann keine Gedichte, sondern selbstgewählte Prosatexte auswendig deklamiert. Die Auswahl reichte von einem Auszug aus dem Kommunistischen Manifest („Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“) über Kafka („Brief an Felice“), Klaus Mann („Mephisto“) bis zur „Blechtrommel“ von Günter Grass.

Zwei Wochen später durfte ich bei einem weiteren, höchst vergnüglichen Wettbewerb an der Linguistischen Universität in der Jury mitstimmen: Dem Festival des deutschen Liedes. Teilnehmer waren sowohl Schüler als auch Studenten. Hier die Fotos der Preisträger.

„Alle Vögel sind schon da“ erhielt den 3. Preis in der Gruppen-Kategorie

 2. Platz: „Was wollen wir trinken 7 Tage lang?…“ (von der holländischen Gruppe Bots, 2000)

 Den 1. Preis in der Kategorie „Solo“ bekam ein kleines Mädchen mit einem Jahreszeitenlied. 

Das Foto des 1. Preises der Gruppen-Kategorie fehlt: Schüler aus unserer Schule mit dem Lied: „Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann“ (Erinnert ihr euch: Trude Herr, 1965). Die Bühnenshow war so atemberaubend, dass ich vergaß zu fotografieren.

Und ansonsten: eine nette Feier zum 55. Geburtstag im Lehrerzimmer…

 

…und Ostern in der 3. Klasse:

 

 

 

 

 

 

Die Aufführungen des Theaterstückes: „Komm wieder – aber ohne Waffen“

Eine Woche unter dem Motto: „Komm wieder – aber ohne Waffen“: In Wladimir die Präsentation der russischen Ausgabe des Buches mit diesem Titel und, für uns besonders aufregend, die Premiere des von Rose angeregten Theaterstückes zum gleichen Thema. Dann in Nischni Nowgorod die Aufführung im Gymnasium Nr.1 und die Wiederbegegnung des ehemaligen Kriegsgefangenen Wolfgang Morell mit seiner russischen Freundin der damaligen Zeit, mit Schanna Woronzowa (Жанна Воронцова).

In Wladimir eröffneten die Städte Erlangen und Wladimir am Montag (10.04.17) zunächst ein neues Kapitel ihrer schon fast 35jährigen Partnerschaft. Olga Alexandrowna Dejewa, die Bürgermeisterin von Wladimir und der Erlanger OB Florian Janik unterschrieben den Vertrag zur Gründung eines Gesprächsforums über aktuelle Fragen aus Politik und Gesellschaft. Der OB war dazu mit einer großen Delegation angereist und wir „Nischegoroder Erlanger“ durften dabei sein. Das direkt anschließende erste Treffen des Forums stand unter dem Thema: „Aktuelle Probleme der Migrationspolitik“. Es stieß von russischer Seite auf ein unerwartet großes Interesse, viele Diskutanten und Zuhörer, Fernsehen und Zeitungen und sogar der Vizegouverneur der Region Michael Kolkow waren anwesend. Peter Steger berichtet ausführlich im Blog vom 11. April 2017 >Erlangenwladimir.wordpress.com< darüber.

Am Dienstag die Präsentation der russischen Fassung des Buches „Komm wieder – aber ohne Waffen“ (Возвращайся – но без оружия). Es war eine feierliche, vom Wladimirer Historiker Vitali Gurinowitsch geleitete Veranstaltung. Er hatte schon die deutsche und jetzt auch die russische Ausgabe wissenschaftlich betreut. Die Wladimirer Bürgermeisterin und der Erlanger OB lobten den großen Einsatz der vielen, die zu dem Buch beigetragen haben. Sie hoben vor allem die Leistung von Peter Steger hervor, ohne den es das deutsche und das russische Buch nicht gäbe Von der deutschen Botschaft aus Moskau war der Regionalbevollmächtige Lutz-Michael Meyer anwesend. Er nannte die Partnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir eine ganz besondere unter den vielen Städtepartnerschaften. (Hierüber berichtet der Blog >Erlangenwladimir.wordpress.com< vom 12. April 2017. Im Blog vom 14. April 2017, erläutert Peter Steger die Entstehung des Buches).

Teil der Veranstaltung war die Aufführung von zwei Szenen aus dem Theaterstück „Komm wieder – aber ohne Waffen“ durch Schüler des Gymnasiums Nr.1 aus Nischni Nowgorod. Roses Kollegin Marina Kotschkina, unter deren Federführung der Text entstanden war, und die Regie führte, kam mit den zwanzig Schauspielern aus Nischni Nowgorod angereist; die Kosten wurden von den Eltern getragen. Die Aufführung wurde ein großer Erfolg; wir hatten das nach dem Aufwand für die Vorbereitung zwar erwartet, waren aber dann doch erleichtert zu sehen, dass sich die viele Arbeit gelohnt hat. Der Eifer der Schüler und ihre Schauspielkünste waren so überzeugend, dass auch die nicht Russisch sprechenden Zuschauer berührt waren. Der Erlanger OB lud das Ensemble spontan ein, dieses Stück im Herbst in Erlangen aufzuführen.

Marina Kotschkina und Rose sagen im Museum Palata die Szenen 5 und 6 des Theaterstückes an

Wolfgang Morell (95), dessen Erlebnisse in russischer Kriegsgefangenschaft in dem Buch geschildert sind und den die Hauptfigur in dem Theaterstück teilweise verkörpert, war zu diesem Anlass nach Wladimir gereist. Er wurde von den Anwesenden begeistert gefeiert. Mühsam, aber selbstständig, stieg er auf die Bühne, lehnte den angebotenen Stuhl ab, stand aufrecht hinter dem Rednerpult und erzählte von seinen Erlebnissen in der Gefangenschaft – in Russisch. Vor allem die Schüler waren bewegt, eine Figur ihres Stückes zu treffen und ließen sich das an alle Teilnehmer ausgegebene Buch auch von ihm und natürlich vom Verfasser Peter Steger signieren.

Wolfgang Morell im Gespräch mit den jungen Schauspielern

Am Mittwoch (12.04.17) war dann die Premiere des ganzen Stückes im Saal des Offiziershauses.

Ausruhen vor der Vorstellung in der Künstlergarderobe des Offiziershauses

Auch hier im Saal des Offiziershauses war das Publikum von der Handlung berührt und sparte am Schluss nicht mit Beifall. Szenenapplaus gab es, als die alte Frau aus dem Volke zu einem Heimkehrenden ging und den Satz sagte, der dem Buch den Titel gab: Komm wieder – aber ohne Waffen. Das ist tatsächlich 1949 so geschehen. Und wieder viel Beifall für die jungen Schauspieler, für Marina und für Rose. Der Vorsitzende des Veteranenvereins und Nicolai Matweewitsch Schtschelkonogow, einer der wenigen noch lebenden und gehfähigen Veteranen des 2. Weltkrieges, bedankten sich auf der Bühne bei den Ausführenden, letzterer, in dem er ein vom ihm geschriebenes und vertontes Loblied auf die Partnerstadt sang, in dessen Refrain immer wieder Erla-a-angen, Erla-a-angen erklang.

Rose mit dem Kriegsveteran Nikolai Matweewitsch Schtschelkonogow, zwei Schülern, Wolfgang Morell und Alex, dem Hauptdarsteller.

Wieder war Wolfgang Morell als deutscher Kriegsveteran im Mittelpunkt des Interesses des überwiegend älteren Publikums. Vitali Gurinowitsch hatte vor dem Stück die historischen Fakten zu den Lagern im Wladimirer Raum erläutert.

Zufrieden, aber müde, stiegen wir Nischegoroder am Abend in die Transsib. Die meisten Schüler nahmen die von der Schaffnerin angebotene Bettwäsche gern an und schliefen auf der dreistündigen Heimfahrt.

Nach einem Tag Pause – für Rose hieß das Schule – kam am Freitagnachmittag Wolfgang Morell (in einem von einer befreundeten Wladimirer Familie bereit gestellten Toyota mit Fahrer) nach Nischni Nowgorod. Hier traf er Schanna. Als Rose die 87jährige Schanna anrief, um sie zu fragen, ob sie zu einem Treffen bereit sei, klang ihre Stimme bei der Begrüßung noch müde, doch als sie hörte, dass „Wolodja“ kommt, war sie wie umgewandelt, lebhaft und fröhlich, stimmte einem Besuch sofort zu und war auch mit Fernsehaufnahmen einverstanden.

Wolodja und Schanna genießen ein Wässerchen, Wodka

Der Fernsehsender NTV filmte nämlich Wolfgangs Besuch in Nischni, seine Ankunft, den Kauf von Rosen, das Wiedersehen der beiden und das gemeinsame Mahl und fuhr am Samstag mit Wolfgang noch zu zwei erinnerungsträchtigen Orten: der von deutschen Kriegsgefangenen gebauten Tschkalow-Treppe und zu dem Kulturpalast, in dem Schanna damals arbeitete.

Programm für das Theaterstück und die russische Ausgabe des Buches

Am Samstag dann die Theateraufführung im Gymnasium Nr.1. In der Nacht hatte es geschneit, alles war wieder weiß und schlimmer: die Bürgersteige waren von einer dicken Eisschicht bedeckt. Dies blieb nicht die einzige Überraschung. Als ich mit Wolfgang zur Schule fahren wollte, war der Minin-Platz vor der Schule abgesperrt, weil für den 9. Mai geübt wurde, dem Tag des Kriegsendes, an dem in Russland Militärparaden stattfinden. Mit einem kleinen Umweg durften wir dann aber trotzdem in die Nähe des Schuleinganges fahren.

Marina begrüßte die Gäste und den aus Deutschland angereisten Kriegsveteranen Wolfgang. Nach einer Schweigeminute für die Gefallenen begann die Aufführung, die in dem intimen Rahmen des Theatersaales der Schule eine besonders intensive Ausstrahlung entwickelte. Ich machte bei mir eine eigenartige Beobachtung. Obwohl ich die gesprochenen Worte nur wenig verstand, hatte ich starke Empfindungen. Es war, als ob sich die Emotionen der Sprache und der Handlung durch eine nonverbale Verständigung auf mich übertrugen. Auch das Publikum war wie gebannt, es gab Szenenapplaus und am Schluss langen Beifall mit dem hier üblichen rhythmischen Klatschen.

Rose mit den Darstellern von Schanna und Alex

Der Schulleiter Igor Nikolaewitsch mahnte in seiner Dankesrede, die Lehren aus dieser schrecklichen, jetzt schon lange zurückliegenden Vergangenheit nicht zu vergessen und für Verständigung unserer Völker einzutreten. Auch die Vertreter der historischen und linguistischen Fakultäten meldeten sich zu Wort.

Während der Vorstellung drangen immer wieder – leise, aber doch deutlich vernehmbar – Militärmusik und Kommandorufe von den für die Parade übenden Soldaten in den Raum. Ein bedenkenswertes Zusammentreffen!

Sitzend von links: Stellvertretende Schulleiterin Marina Andreewna, Wolfgang Morell, die junge Schanna. Neben ihr stehend Marina Kotschkina, die Regisseurin.

Das Theaterstück „Komm wieder – aber ohne Waffen“

  Szenenbilder aus den folgenden drei Aufführungen:

  • In Nischni Nowgorod am 15.04.17 im Gymnasium Nr.1.
  • In Wladimir am 12.04.17 im Offiziershaus
  • Szenen 5 und 6 am 11.04.17 im Museum Palata bei der Präsentation der russischen Ausgabe des Buches.

Ausführende: Schüler des Gymnasiums Nr. 1 in Nischni Nowgorod. Regie: Marina Kotschkina, Idee: Rose Ebding, Text erarbeitet unter Federführung von Marina Kotschkina nach Motiven aus dem Buch „Komm wieder – aber ohne Waffen“ , Peter Steger, (2015). 

Das Stück „Komm wieder – aber ohne Waffen“ veranschaulicht in sechs Szenen die im gleichnamigen, von Peter Steger herausgegebenen Buch geschilderten Erlebnisse von Claus Fritzsche, Wolfgang Morell und anderer deutscher Soldaten über die sowjetische Kriegsgefangenschaft: Wie sie als junge Menschen – manche mit Begeisterung –  in den Krieg gegen Russland ziehen, gefangen genommen werden, in den Lagern Krankheiten und Hunger erleiden und schwere Arbeit leisten müssen, aber entgegen der Nazipropaganda korrekt behandelt werden und von den russischen Menschen Mitleid und Hilfe und manche sogar Liebe erfahren.  Der ‚Held‘ heißt im Stück Alex Llerom, er vereinigt Claus und Wolfgang in sich. Von den Russen wird er Sascha genannt.

Szene 1

beschreibt die euphorische Stimmung in Saschas (Claus Fritzsches) Bordfunkerschule.

Die jungen Männer verbinden Krieg mit Ruhm und Heldentum und können es nicht erwarten, an die Front zu kommen.

 Instruktion vor dem Einsatz an die Front über den Charakter dieses Krieges. Es ist ein Vernichtungskrieg, der russische Mensch darf nicht geschont werden.

Alex (hier Claus Fritzsche) hofft auf einen baldigen Einsatz an der Front. Der Wunsch wird ihm erfüllt: er kommt nach Russland an die Ostfront.

Szene 2

zeigt die deutschen Soldaten frierend im russischen Winter und die Gefangennahme von Sascha (Wolfgang Morell) nach nur acht Tagen an der Front.

Frierend auf Horchposten  im Winter 1943

Alex Llerom (hier Wolfgang Morell) wird am achten Tag seines Fronteinsatzes gefangen genommen. Er wollte sich aus Angst vor der Gefangenschaft selbst erschießen, doch sein Karabiner versagte.   

Szene 3

schildert die Härte der sowjetischen Kriegsgefangenschaft: die schwere Arbeit, die Kälte, den Hunger, aber auch immer wieder Momente der Annäherung mit Russen.

Schwerstarbeit beim Torfabbau

 Alex gibt dem kleinen hungrigen russischen Mädchen sein Brot

Das kleine Mädchen erzählt seiner Tante voller Entsetzen, dass sie von einem Faschisten Brot angenommen hat. Diese tröstet: „Verzeih, dann verzeiht dir Gott.“ Das Mädchen fragt: „Und Stalin, verzeiht der auch?“ 

Szene 4 zeigt die ideologische Beeinflussung durch die sowjetischen Funktionäre und die Kulturarbeit der Gefangenen im Lager.

Ankündigung eines politischen Vortrages während des Nähens

Ein sowjetischer Professor spricht über den Bolschewismus. Ein politischer Riss geht durch das Lager: Die einen sympathisieren mit der Antifa, die andern empfinden das als Verrat.

 Bei der Vorbereitung zu einem Konzert spielen die Kameraden im Scherz eine Szene aus Faust II. Faust stirbt, umgeben von Mephisto und den Lemuren.

Alex stürzt herein mit einer freudigen Botschaft: Nach zwei Jahren der erste Brief aus der Heimat. Der gerade wieder auferstandene Faust sagt zu ihm: „Verweile doch, du bist so schön!“ 

In Szene 5 findet das Konzert statt, in dem sich Sascha und Schanna begegnen und sich verlieben.

Bei einem deutsch-russischen Konzert für die Gefangenen und für die Russen begegnen sich Schanna als Ansagerin und Sascha als Dolmetscher. Beide empfinden vom ersten Augenblick an eine tiefe Zuneigung zueinander.

Ein russischer Programmpunkt: Kalinka, das alte russische Volkslied

 Der letzte Programmpunkt: „Davon geht die Welt nicht unter“, ein deutscher Schlager der 40er Jahre von Zarah Leander

In Szene 6 dürfen die deutschen Kriegsgefangenen endlich nach Hause.

 Letzte Instruktion vor der Heimkehr. Die ehemaligen Gefangenen werden aufgefordert, die Überzeugung mit nach Hause zu nehmen, dass es unbedingt notwendig ist, den Frieden zwischen den Völkern zu erhalten.

Schanna verabschiedet sich innig von Sascha und….

… weist den Kommissar zurecht, der ihr dies verbieten will. Die anderen Deutschen sitzen schon im Zug.

Das Abschiedskonzert für die Gefangenen vor der Abfahrt – in Wirklichkeit spielte eine russische Blaskapelle. 

Im letzten Augenblick vor Abfahrt läuft eine alte Frau aus der Menge auf Sascha zu und ruft: „Komm wieder – komm wieder – aber ohne Waffen!“

 

 

 

 

 

 

WM 2018 in Nischni Nowgorod

Die Welt spielt verrückt! Mir ist nicht zum Scherzen zumute. Ich traue mich nicht, diesen Bericht mit einer harmlosen Übertreibung zu beginnen. Wenn ich mich traute, hätte ich geschrieben:

Nischni Nowgorod ist an dem wirklich größten und wichtigsten Ereignis des nächsten Jahres beteiligt, an der WM und baut dafür ein Stadion. Im Februar vor einem Jahr lief ich über riesige Schneeberge an der Baustelle vorbei (51. Bericht). Am 7. April dieses Jahres tat ich dies wieder, diesmal ohne Schnee und konnte den Fortschritt der Bauarbeiten sehen.

Ein Blick auf das Stadion von Westen aus einem Park.

Ansicht von der Samarkanskaja Uliza aus

Von dem großen Parkplatz beim Einkaufszentrum „Siebenter Himmel“ aus sieht man die Dachstrukturen und die Treppen zu den Tribünen.

Das Maskottchen der WM: Der Torschütze.

Auf dem Plakat sind auch drei Nischegoroder Symbole zu sehen: Der Hirsch als Wappentier der Stadt, der Kremlturm und das Gorki-Denkmal vom Gorki-Platz

Werbung auf dem Gorki Platz, wieder mit den drei Symbolen.

An diesem Stand in der Uni hätten wir uns gern als fremdsprachige Führer für die WM beworben. Leider haben wir das maximale Alter für diese Aufgabe, 30 Jahre, schon etwas überschritten. So bleibt uns nur übrig, 2018 als normale Fußballtouristen nach Nischni zu reisen, was wir im Hinterkopf schon planen! Es sei denn: die Welt spielt noch verrückter als derzeit.

 

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Lilac Daisies

Muddy Reflections

The end

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