Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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Das Buch: Komm wieder – aber ohne Waffen

In den Sommerferien stieß ich in Erlangen auf das Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen! – Erinnerungen an Krieg und Gefangenschaft in Wladimirer Lagern – 70 Jahre Frieden“, das 2015 von Peter Steger, dem Partnerschaftsbeauftragten der Stadt Erlangen, herausgegeben wurde. 2002 wurde dieser durch den Bundespräsidenten mit dem „Ersten Preis für bürgerschaftliches Engagement in Russland“ ausgezeichnet, 2010 erhielt er die Ehrenbürgerschaft der Stadt Wladimir, eine ungewöhnliche Ehrung für einen Deutschen.

Peter Steger sammelte von 2009 bis 2015 Berichte von ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen aus Lagern in der Stadt und der Region Wladimir. Viele Veteranen besuchte und interviewte er, zeichnete ihre Erinnerungen auf und veröffentlichte sie in dem bewegenden Buch. Er schreibt in seinem Vorwort: „Die Leser erhalten hier …. ein wahrheitsgemäßes und bezeugtes Bild der Lebensbedingungen in den Wladimirer Lagern, vor allem jedoch ein beeindruckendes Panorama der Menschlichkeit in Zeiten von Krieg und Zerstörung“.

 k-85-ber-6Herausgeber: Peter Steger, Bürgermeister- und Presseamt der Stadt Erlangen (2015) 340 Seiten;  ISBN 978-3-944452-09-8

In einem einführenden Kapitel beschreibt der Historiker Vitalij Gurinowitsch, der in der Zeit der Abfassung dieses Buches im historischen Museum in Wladimir arbeitete, das System und die Geschichte der Gefangenenlager aus russischer Sicht. Er schreibt:

 „Der Sieg wurde der Sowjetunion nicht geschenkt…. Es war eine Zeit voll der Widersprüche. Patriotismus und Furcht vor Repressionen, Armut, Hunger und Arbeitseinsatz bis zur Selbstaufgabe, Grausamkeit und Barmherzigkeit – alles vermischte sich in jener Epoche.“ Zu den Grausamkeiten gehört z.B. wie im Winter 1943 die Gefangenen nach der Schlacht um Stalingrad in Wladimir ankamen: „Hunderte von den 2.500 Männern waren in den Güterwaggons erfroren… Die Waggons hatten keine Öffnungen für die Exkremente und die Gefangenen erhielten unterwegs kaum etwas zu essen.“ (S. 13)

Andererseits berichtet Gurinowitsch von Ärzten und Krankenschwestern, die die Kranken bis zur Selbstaufgabe pflegten. Bei der Behandlung von Fleckfieber erkrankten mehr als 80 Krankenschwestern und Ärzte selbst an der Krankheit, sechs davon verstarben. Das Sonderhospital für Kriegsgefangene gehörte formell nicht zum Lagersystem. In der Stadt Wladimir mit ihren damals 66.000 Einwohnern gab es 18 Krankenhäuser, in denen während der Kriegsjahre 260.000 Verwundete behandelt wurden.

In den Erinnerungen der Veteranen ist viel von Hunger, Erfrierungen und anderen Krankheiten, Fleckfieber und anderen Epidemien, die Rede. Auffallend ist jedoch, dass allen Berichten zum Ausdruck kommt, dass die Gefangenen fair und mit Respekt behandelt wurden. Sie arbeiteten hart im Torfabbau, in der Ziegelei, im Traktorenwerk, Seite an Seite mit den wenigen jugendlichen und alten Männern, die nicht eingezogen worden waren und mit russischen Frauen, deren Männer gefallen oder als Zwangsarbeiter in Deutschland waren. Ihre Arbeit wurde mit den Kosten für ihre Verpflegung verrechnet, die mit 400 Rubel pro Monat veranschlagt wurde. Verdienten sie mehr als 400 Rubel, wurde ihnen das ausbezahlt. Ernährt wurden sie – wenn möglich – nach den Vorgaben des Roten Kreuzes, nach den Missernten von 1947 und 1948 teilten sie den Hunger mit der einheimischen Bevölkerung.

„Die Gefangenen versuchten, ein wenig Farbe in ihr Leben zu bringen und die Lagerleitung half ihnen gerne dabei. So gut wie in jeder Lagerabteilung gründete man ein Orchester. Die Musiker des Hauptlagers gaben sogar Konzerte in den Außenlagern und in der Philharmonie vor Wladimirer Publikum. Ein Offizier der Zentralabteilung erzählte mir, wie 1947 die Gefangenen ihr verdientes Geld zusammenlegten und ihn darum baten, dafür Musikinstrumente für das Orchester zu kaufen. Er erhielt vom Lagerleiter dazu die Genehmigung, fuhr nach Moskau in einen Musikalienladen und kaufte dort alles, was auf der Liste stand.“ (Gurinowitsch, S. 19)

Die Aufzeichnungen, in denen immer wieder von Mitleid und Barmherzigkeit gesprochen wird, erinnerten mich in vielem an die Erzählungen meines Vaters, von denen im Prolog die Rede war (Bericht 84). Dies ist der Nährboden für unser deutsch-russisches Schulprojekt, über das ich in den kommenden Berichten schreiben werde. Wir wollen zeigen, dass Menschlichkeit stärker ist als Hass, selbst in Zeiten des Krieges.

Im Krankenhaus

 

Unser Freund Siegie war im Krankenhaus. Am letzten Sonntag wurden seine Herzprobleme so beängstigend, dass er vom Notdienst in die Klinik gebracht werden musste. Schon am Dienstag bekam er einen Herzschrittmacher eingesetzt. Als wir ihn am Freitag besuchten, war er wieder auf den Beinen und guten Mutes. Er hat viel zu diesem Bericht beigetragen.

Bis vor wenigen Jahren mussten Patienten auf so einen Eingriff lange warten, weil keine Herzschrittmacher da waren. Zurzeit gibt es aber, auch zur Verwunderung des Arztes, einen Vorrat von Geräten, die in Russland hergestellt werden. Möglicherweise sei dies das Ergebnis des Bestrebens, Russland von Importen unabhängig zu machen.

In Russland besteht eine Krankenversicherungspflicht für alle. Die Beiträge für die Arbeitnehmer zahlt der Arbeitgeber. Siegie als Selbstständigem kostet das jährlich 20000,- Rubel. Zum Vergleich: das monatliche Durchschnittseinkommen in Russland lag 2015 bei 34000,- Rubel (nach The Moscow Times vom 30.10.2015). Für die nichtarbeitenden russischen Bürger werden die Beiträge aus öffentlichen Kassen gezahlt. Außerdem gibt es eine freiwillige Zusatzversicherung.

Siegie ergänzt dazu: „In russischen Krankenhäusern wird (noch!) keine Tagespauschale erhoben, in den öffentlichen Einrichtungen ist die Behandlung kostenfrei, wer etwas mehr erwartet, kann gern kostenpflichtig buchen. Da gibt es dann auch bessere Verpflegung. Russische Krankenhäuser sind verpflichtet, Patienten für drei Tage kostenfrei aufzunehmen und zu behandeln. In der Zeit muss geklärt werden, was für Beschwerden vorliegen und wer die Behandlung zu tragen hat.“

Die „ГБУЗ НО ГОРОДСКАЯ КЛИНИЧЕСКАЯ БОЛЬНИЦА Nr. 5“ (Staatliche Einrichtung des Gesundheitswesens in Öffentlicher Trägerschaft der Oblast Nischni Nowgorod, Krankenhaus Nr.5) ist in einem gut 200 Meter langem vielstöckigen Gebäude, bestehend aus einem neueren und einem älteren Teil, untergebracht. Man betritt sie durch einen kleinen Eingangsbereich mit Pförtner, einem Kiosk und einer Garderobe, in der man auch die Plastiküberschuhe (Бахилы) bekommt. Durch ein von einem Sicherheitsmann bewachtes Drehkreuz gelangt man ins Innere, was sich für den Besucher als ein Gewirr von langen Gängen, Treppen und Türen darstellt.

k-85-ber-1Städtische Klinik Nr. 5 in Nischni Nowgorod

Zum Herzzentrum muss man erst durch den neuen Gebäudeteil, der mit hell gestrichenen Wänden und gefliesten Fußböden einen modernen Eindruck macht.

k-85-ber-2Lange Flure im neuen Teil des Krankenhauses Nr. 5

Weniger ansprechend ist dann der alte Gebäudeteil, der mit seinen bröckeligen Treppen, den Plastikfußböden, dringend auf die angekündigte Renovierung wartet. Der schlechte Zustand einiger staatlicher Kliniken wird auch in den russischen Zeitungen immer wieder angeprangert. Die Krankenzimmer, die wir im Vorbeigehen sahen, haben drei oder vier Betten. In Siegies Dreibett-Zimmer war in einer gefliesten Ecke ein Waschbecken, daneben ein kleiner Tisch mit Stühlen. Zu jedem Bett gehört ein Stuhl und ein kleines Schränkchen. Es gab keine Leselampen und keinen Fernseher.

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Flur im alten Teil

k-85-ber-4Krankenzimmer

Siegie ist beeindruckt von den Leistungen der Ärzte und des Personals, die unter schwierigen Bedingungen arbeiten müssen und versuchen, das Beste für die Patienten zu erzielen. Und das Wichtigste: medizinisch ist alles problemlos gelaufen. Sein Herz arbeitet wieder normal und die OP-Wunde heilt.

k-85-ber-5Siegie, drei Tage nach der OP, mit Ira und Rose

Ein interessantes Detail: Über der Tür ist im Krankenzimmer unter der hohen Decke eine lange Quarzlampe angebracht, mit deren harter UV-Strahlung Bakterien und Keime getötet werden sollen. Sie wird natürlich nur eingeschaltet, wenn niemand im Zimmer ist. Danach ist großes Lüften angesagt.

 

Komm wieder- aber ohne Waffen

Auf der Oberen Wolga Uferstraße (Верхне Волжская Набережная) steht neben der hellblau gestrichenen Stadtvilla der Rukawischnikows ein ockerfarbenes Haus, das 1953 kurz vor Stalins Tod fertiggestellt wurde und als Wohnhaus für verdiente Wissenschaftler, Künstler und Politiker diente.

k-84-ber-1Das ockerfarbige Wohnhaus auf der Oberen Uferstraße (Aufgenommen am 21.09.2014)

Wir waren von einer Kollegin von Rose, einer Lehrerin am Gymnasium Nr.1, in dieses Haus eingeladen worden. Sie lebt dort mit ihrer Familie im fünften Stock in einer großen Vier-Zimmer-Wohnung. Diese war ihrem Schwiegervater Nikolaj Sacharowitsch Tremasov, einem der Gründer des НИИИС (Sedakov-Forschungsinstituts für atomare Messanlagen) und dessen führender Konstrukteur, als Dienstwohnung zugewiesen worden. Er hätte sie nach seiner Pensionierung verlassen müssen, aber die Wende kam dazwischen. Die Wohnung ging in der Jelzin-Ära im Rahmen der allgemeinen Privatisierung von staatlichem Wohnungseigentum an die Familie über.

Da ist, wie zu erwarten, alles großzügig: eine große Diele, große Zimmer, Küche, Bad und WC, hohe Räume mit stuckverzierten Decken und ehrwürdige Möbel.  An den Wänden viele Bilder, oft Werke der Schwester, einer in Moskau lebenden Malerin, Andenken und Fotos aus der Schaffenszeit des Schwiegervaters und viele Bücher. Überwältigend ist die Aussicht über die Wolga auf die Stadt Bor und das weite Land, selbst bei Dunkelheit.

k-84-ber-2Abendlicher Blick auf Wolga und die gegenüberliegende Stadt Bor (05.02.17)

Das alte Haus mit seinen schlecht isolierten Wänden und die Lage der Wohnung im obersten Stockwerk hatten eine von uns nicht erwartete Konsequenz: die Wohnung lässt sich schlecht heizen und es ist das erste Mal seit wir in Russland leben, dass wir in kühlen Räumen saßen und uns gern Decken über die Schultern legen ließen.

Wer kennt „Russe blau“? Das hat nichts mit einem Russen nach erhöhtem Wodkakonsum zu tun, sondern ist der Name einer Katzenrasse, von der ein Vertreter in der Familie unserer Gastgeberin lebt. Wikipedia schildert diese Katze als mittelgroß, elegant und in allem ausbalanciert. Es handelt sich um eine Naturrasse, d. h., sie wurde nicht zu ihrem Aussehen gezüchtet, sondern trat so in der Natur auf.“ Ihr wird eine ausgeglichene, verschmuste,

k-84-ber-3Russe blau – die elegante Katze.

ruhige Art mit starker Bindung zu Menschen nachgesagt. Was wir bestätigen können: sie interessierte sehr für mich und war erst zufrieden, als sie nach dem reichhaltigen Essen auf meinem Schoß schnurren durfte.

k-84-ber-4Eingang zum Парк им. 1. Мая – wörtlich Park namens 1. Mai

Unsere Gastgeberin führte uns danach in den Park 1. Mai, der in der Nähe des Moskauer Bahnhofs in der Unterstadt liegt. Früher sei es ein stiller Park gewesen, jetzt hörte man aus den Fahrgeschäften und aus den Vergnügungspavillons laute Musik. Gegenüber steht eine mächtige Ruine, der ehemalige Lenin-Kulturpalast (Дворец культуры им. Ленина), der seit 20 Jahren dem Verfall preisgegeben ist.

k-84-ber-5Ruine des Kulturpalastes Lenin

Bei großer Kälte (-19°) liefen wir durch abendliche Straßen zu unserem nächsten Ziel: einem russischen Holzhaus aus den 1930er Jahren, das der Familie der Gastgeberin gehört. In der Nähe von großen Plattenbauten auf der Hauptstraße stehen in einer Nebenstraße eine Reihe von zweistöckigen Holzhäusern. In einem davon lebt der Bruder mit seiner Frau. Wir wurden auch hier wieder gastfreundlich empfangen und verbrachten bei russischen Leckereien und lebhaften Gesprächen einen interessanten Abend.

k-84-ber-6Wie im Märchen – und das mitten in der Stadt

Den Eheleuten gehört an der Oka am Stadtrand ein großes Terrassengelände, auf dem sie Obst und Gemüse anbauen. Stolz wurden uns Erdbeer- und Himbeer-Varenje (flüssige Marmelade), Pilze und eingelegte Salzgurken aus dem eigenen Garten angeboten. Sogar Weintrauben reifen in den warmen Sommern dort. Der gekelterte Wein wird allerdings mit Zucker nachgesüßt. Die Weinstöcke werden im Winter abgedeckt und überstehen so den Frost. Jetzt sind die beiden dabei, in Eigenbau auf dem Grundstück ihren künftigen Wohnsitz zu errichten. Wir sind zu einer Besichtigung in drei Jahren eingeladen. Dann soll das Haus fertig sein – wir würden der Einladung sehr gern folgen. Schaun mer mal.

 

Im Blog „Erlangenwladimir“ vom 8. Februar 2017 erwähnt Wladimirpeter einen Luftangriff der deutschen Luftwaffe auf Nischni Nowgorod im Zweiten Weltkrieg. Es heißt dort in der Einleitung:

„Dieser Tage veröffentlichte die Internetplattform Zebra-TV eine Aufnahme der Deutschen Luftwaffe, die 1945 in den Bestand des Nationalarchivs und der Bibliothek des Kongresses überführt wurde (s. https://is.gd/TQC9VS). Entstanden ist das überraschend scharfe Bild am 21. Juli 1942, also gerade einmal einen Monat nach dem Überfall auf die UdSSR, aus einer Höhe von 8.700 Metern, wohl beim Überflug einer Junker 88 auf dem Weg nach Gorkij, dem heutigen Nischnij Nowgorod, wo die Bomben abgeworfen wurden“.

Zum Thema deutsche Luftangriffe gibt es hier in Nischni eine merkwürdige „Stadtlegende“. die uns ein Taxifahrer im September 2016 mit voller Überzeugung erzählte. (Siehe unseren 63. Bericht). Der Hinweis im Blog Erlangenwladimir veranlasst uns zu schreiben, was wir in der Zwischenzeit darüber erfahren haben. Von 1934 bis 1937 wurde in der Nähe des hiesigen Autowerkes die Poliklinik Nr. 37 gebaut. Wie die Luftaufnahme (Google Earth) zeigt, erinnert ihr Grundriss an ein Hakenkreuz und das ist Anlass, zu der abenteuerlichen Legende. Danach hätten deutsche Architekten die Klinik absichtlich in dieser Form errichtet, um den deutschen Bombern den Weg zu der Auto- und Waffenfabrik zu weisen. Das ist absurd, wird aber offensichtlich weitererzählt und geglaubt. Auf das damalige Gorki und auf das Autowerk gab es vor allem ab Juni 1943 viele Bombenangriffe, mit denen die Waffenproduktion gestoppt werden sollte, was aber nicht gelang.

k-84-ber-7Poliklinik Nr. 37

 

 

Schulnotizen – „Komm wieder, aber ohne Waffen“

Mit meiner Kollegin Marina und den Schülerinnen und Schülern der zehnten Klasse, mache ich zurzeit ein Projekt über deutsche Kriegsgefangene in Wladimir und Gorki (heute: Nischni Novgorod) mit dem Titel „Komm wieder, aber ohne Waffen“.

Prolog – Mein Vater

Mein Vater wurde 1914 in Schramberg im Schwarzwald geboren. Eigentlich wollte er Sprachen studieren, doch weil er als einziger Sohn einer Kriegerwitwe aus dem Ersten Weltkrieg die väterliche Bäckerei übernehmen sollte, lernte er nolens volens Bäcker – als Kompromiss im französischsprachigen Genf. Ab 1940 war er Soldat, 1944 geriet er im Baltikum in sowjetische Kriegsgefangenschaft, bis 1950 war er in Lagern in Kritschew und Mogilew (Weißrussland). Mein Bruder und ich sind in den frühen 50er Jahren geboren und unsere Kindheit war geprägt durch die Geschichten unseres Vaters von der Gefangenschaft. Ich weiß es noch wie heute, wie wir jeden Sonntag auf seinem Schoß saßen und seinen Geschichten zuhörten. Diese ist eine davon:

Sie hockten im Schützengraben. Um sie herum seit Tagen Granateinschläge und Gewehrfeuer. Kameraden wurden getroffen, schrien vor Schmerz, starben „wie die Fliegen“. Alle wussten, wie hoffnungslos die Lage war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis man auch erwischt wurde – oder in Gefangenschaft kam. Dann war es soweit. Franz blickte aus seinem Schützengraben auf zu einem Rotarmisten, der das Gewehr auf ihn gerichtet hatte und ruhig sagte: „пошли“ („gehen wir“). Der Soldat hatte Schlitzaugen, war vielleicht ein Kasache. Er untersuchte Franz nicht nach Waffen. Der hatte noch seine Mauser und dachte: „In Gefangenschaft gehe ich nicht. Bei nächster Gelegenheit erschieße ich den ‚Russen‘ und dann mich.“ Als sie an einem Apfelbaum vorbeikamen, holte der Kasache einen Apfel vom Baum und gab ihn Franz. Dann pflückte er einen zweiten, den er selbst aß. Franz warf seine Mauser ins Getreidefeld und ging in Gefangenschaft, wo er fünf Jahre bleiben sollte.

Im Lager wurde er Lagerbäcker. Ein tschechischer Pfarrer brachte ihm Russisch bei: Mit Kohle schrieb er Vokabeln und Grammatikregeln auf leere Mehlsäcke. Später wurde er Lagerdolmetscher – beide Aufgaben haben ihm wohl das Leben gerettet.

Russland und die Russen haben meinen Vater sein Leben lang nicht losgelassen. Als er mit 55 einen Herzinfarkt hatte, gab er die Bäckerei auf und leitete das Fremdenverkehrsamt in Schramberg. Abends gab er Russisch- und Italienischkurse an der Volkshochschule (Italienisch hatte er neben Französisch in Genf gelernt). Nach seiner Pensionierung wurde er Reiseleiter und führte mehrere Reisen u.a. nach Russland.

Mich haben seine Geschichten auch geprägt und sie sind sicher ein Grund, warum ich russische Literaturwissenschaft studiert habe und jetzt in Nischni Nowgorod lebe. Und so sind sie die Vorgeschichte zu meinem derzeitigen Projekt, von dem ich im nächsten Bericht erzählen werde.

 

Business Lunch – Mailwechsel mit Vika

Auf der Ilinskaja Ulitza bekommt man im „Кафе Луиджи“ (Café Luigi) für wenig Geld ein „Бизнес Ланч“ (Bisnes Lantsch), wie auch in vielen anderen Restaurants der Stadt. Das Café Luigi liegt nur 100 Meter von uns entfernt und wir essen dort seit einiger Zeit hin und wieder zu Mittag.

k-83-ber-1Café Luigi auf der Ulitza Ilinskaja

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Im Café Luigi

In dem kleinen Gastraum mit sechs Tischen bedienen zwei junge Frauen mit Umsicht und Eifer. Für die täglichen Stammgäste sind zwei Tische reserviert. Es war wieder interessant zu beobachten: das erste Mal wurden Rose und ich wie üblich korrekt bedient, beim zweiten Mal empfing uns ein wiedererkennendes Lächeln und jetzt sind wir ebenfalls so etwas wie Stammgäste.

Die Speisekarte weist für jeden der vier Gänge (Salate, Suppen, Hauptgericht, Beilagen) jeweils drei kleine Gerichte zur Auswahl aus. Wenn man für mehr als 160 Rubel (2,50€) bestellt, ist ein Getränk frei, und dann bekommt man noch 10% Rabatt (Снидки) auf das Ganze. Die Speisen werden frisch zubereitet, die Portionen sind nicht groß, aber ausreichend. Für Leute wie mich, die wegen der Fructose/Sorbit-Intoleranz nicht alles essen dürfen, wird auch rasch etwas anderes zubereitet, wenn sich auf der Speisekarte nichts Sorbitfreies findet. Wir zahlen für uns Zwei im Mittel etwa 600 Rubel, nach derzeitigem Kurs etwas weniger als zehn Euro. (1 € = 64 Rubel). Wie in allen Restaurants läuft ständig das Fernsehen – hier auf zwei Apparaten -, allerdings mit Filmen vom Wellenreiten in der Südsee oder vom Tauchen und Schnorcheln. Und die Musik stammt im Café Luigi natürlich aus Italien, oft Schlager aus den 60er und 70er Jahren.

Kürzlich begrüßte uns Ira mit „Es ist warm draußen, nur minus 12 Grad“ –gestern waren 18 bis 20 Grad. Dies hat unseren Plan bestärkt, im Naturschutzgebiet Scholkowski Chutor Ski zu fahren.

k-83-ber-3Start zum Langlauf im Naturschutzgebiet Scholkowski Chutor

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Hier gibt es Tschai, Kofe, Bliny – und das On Line

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Schlitten sind nicht zu sehen – nur Schlauchboote und Reifen

Schulnotizen

Heute möchte ich einen kleinen Mailwechsel – anlässlich der Vorbereitung der mündlichen Prüfung für DSD 1 – veröffentlichen, der beispielhaft zeigen soll, warum ich so entzückt bin von den Schülern hier. Den Namen der Schülerin habe ich geändert. 

Liebe Rose

Thema heiß „Deutsche Hunderasse“

Plan: 1)Welche Rassen gibt es in Deutschland 2)Meine Liblingshunderasse ist Spitz 3)Geschichte der Rasse 4)Die Relevanz der Rasse in Russland 5)Warum will ich gerade Spitz Viele Grüße

deine Vika

 Liebe Vika,

zuerst muss ich dich als deine Deutschlehrerin ein bisschen sprachlich korrigieren: Der Anfang deiner Mail muss heißen: Liebe Frau Ebding, der Schluss: Ihre Vika.

Zu deiner Struktur: Mein Thema heißt „Deutsche Hunderassen“ Sage auch, warum du das Thema gewählt hast. Zu 2) Meine Lieblingshunderasse ist der Spitz (Das ist vermutlich das gleiche wie 5?) 3 und 4 ist ok.

Viele Grüße R. Ebding

entschuldigen Sie bitte! Ich weiß nicht in welcher der korrekten Form schreiben E-Mails. Also ich wollte Euch nicht beleidigen! Aber ich habe alles verstanden! Danke schön,dass Sie mich korrigieren.

Okay,und dann muss man so sein?

1))Deutsche Hunderrasse und warum ich habe diese Theme  gewählen 2) Meine Liblingshunderasse ist Spitz und warum 3)Geschichte der Rasse 4)Die Relevanz der Rasse in Russland

 

Sprachprüfungen – Puschkin Museum in Nischni Nowgorod

Kürzlich sind wir von einem in Deutschland lebenden Deutschen gefragt worden, ob wir ihm Informationen über die Einwanderung nach Russland schicken könnten, weil er eventuell hierher immigrieren möchte. Er war durch unseren Blog „stuttgartnishnij.wordpress.com“ auf uns aufmerksam geworden. Wir konnten dem Mann nicht helfen, nur eines haben wir ihm spontan geantwortet: Ohne gute Sprachkenntnisse ist es nicht möglich, hier Fuß zu fassen. Als Tourist oder für kurze Aufenthalte kann man sich mit Deutsch oder Englisch durchschlagen, aber selbst da sind mindestens Grundkenntnisse des Russischen insbesondere der kyrillischen Schrift sehr, sehr nützlich – wie ich täglich am eignen Leibe erfahre.

Seit 2014 müssen „Arbeitsimmigranten“ bei der Einwanderung russische Sprachkenntnisse nachweisen und dann zuerst nach drei, später alle fünf Jahre eine Prüfung ablegen, wenn sie ihre Aufenthaltsgenehmigung verlängern. Siegie hat gerade eine solche Sprachprüfung hinter sich. Er lebt seit zehn Jahren hier, ist mit einer Russin verheiratet und arbeitet als Übersetzer und Dolmetscher, natürlich ordnungsgemäß angemeldet. Dennoch: er musste antreten. Die Prüfung sei keineswegs läppisch gewesen, sie dauerte dreieinhalb Stunden. In einem ausführlichen schriftlichen Teil waren Fragen zu grammatikalischen, geschichtlichen und rechtlichen Themen zu beantworten. Dann musste eine Bewerbung als Klempner geschrieben werden. Die anschließende mündliche Prüfung sei eine nette Unterhaltung mit netten Menschen gewesen. Das Ganze kostet 5000 Rubel, wobei nochmal 3500 Rubel für die Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung hinzukommen.

Siegie hat empört auf seine Erfahrungen bei dieser Prüfung reagiert, ich zitiere ihn weitgehend. „Mit mir gemeinsam wurden drei Auswanderer aus der Ukraine, ein Usbeke russischer Abstammung und zwei Frauen aus Weißrussland geprüft. Für sie alle ist Russisch quasi Muttersprache. Weshalb dann diese Prüfung, die bei jeder Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung, also alle fünf Jahre, wiederholt werden muss und wieder Geld kostet?“ Auch über manche Fragen hat er den Kopf geschüttelt. Eine zur russischen Geschichte lautete: „An welchem Fluss befand sich das Hauptlager der Goldenen Horde?“ Beim Bereich Recht und Ordnung wurde u.a. gefragt, wie viele Tage die Bearbeitung von Eingaben der Bürger dauern dürfe, also Abläufe in der Verwaltung und keineswegs das tägliche Leben eines Menschen betreffend, „der nichts anderes will, als hier zu leben und in Ruhe gelassen zu werden“. Für Siegie war es die letzte Prüfung dieser Art, denn ab 65 entfällt sie. „Das lässt mich aber trotzdem nicht in Ruhe. Ich denke an all die, die erheblich mehr Schwierigkeiten mit der russischen Sprache haben“, weil dieser „Formalismus dazu geeignet ist, Menschen abzuschrecken, die vielleicht eine Übersiedlung in ihre Lebensplanung aufgenommen haben. Dabei ist Russland auf Zuzug angewiesen.“

 

Hommage à Puschkin

Alexander Sergejewitsch Puschkin ist zweifellos der größte russische Dichter. Dies werden 99 % (oder 100%?) aller befragten Russen antworten. Wenn man in Deutschland bei seinem Namen eher an Wodka denkt, liegt dies daran, dass man die Eleganz und Leichtigkeit seiner Verse nicht ins Deutsche übertragen kann. Viele haben es versucht, wenige annähernd geschafft, keiner hat ihn erreicht.

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Selbstbildnis von 1831

Nun gibt es bei uns im Schulgebäude ein kleines Puschkin-Museum, denn früher war die Schule ein Gasthaus, in dem Puschkin im September 1833 abstieg. Das Ziel seiner Reise war Orenburg im Ural; der Grund, die Stationen des Bauernführers Pugatschow nachzufahren, weil er an einem Roman über den Rebellen schrieb („Die Hauptmannstochter“)

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Über Pugatschow findet sich bei Wikipedia folgende Information:

Jemeljan Iwanowitsch Pugatschow , 1742 – 1775, war ein Don-Kosake und der Anführer des nach ihm benannten Bauernaufstands von 1773 bis 1775. Er nahm als Soldat der zaristischen Armee am Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) und am Russisch-Türkischen Krieg 1768 bis 1774 teil. Pugatschow behauptete im August 1773, er sei der verstorbene Zar Peter Fjodorowitsch (Peter III.) und habe durch ein Wunder den Mordversuch seiner untreuen Frau (der deutschstämmigen Katharina II.) überlebt.

Die Aufständischen besetzten weite Gebiete zwischen Ural und Wolga und wurden schließlich in Kasan gestoppt. Dort wurde Pugatschow gefangengenommen und 1775 in Moskau hingerichtet.

Das Museum, dessen Eingang im Torbogen versteckt ist, ist winzig: es besteht aus zwei Räumen, einem größeren, in dem Vorträge und literarische Abende, auch mit zeitgenössischen Dichtern stattfinden, und einem kleineren Zimmer, dem eigentlichen Museum. Es enthält typische Möbel und Kleidungsstücke aus der Epoche, so sieht man eine schwarze Pelerine und einen Zylinder, wie sie Puschkin und sein berühmtester (Anti)Held Eugen Onegin – der auch sein Alter Ego ist –  oft getragen haben. An die Wände ist die Aussicht gemalt, die Puschkin aus seinem Hotelzimmer auf den Minin-Platz hatte – damals standen dort noch 2 Kirchen.

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Und was tat Puschkin konkret in Nischni? Er besuchte den Gouverneur der Stadt, der ihm das Archiv im Demetrius-Turm des Kremls aufschloss und ihn dort ein paar Stunden mit den Unterlagen über Pugatschow arbeiten ließ. Er machte eine Stadtführung und fuhr zur Messe, die aber Ende August geendet hatte. Und so schrieb er an seine geliebte Frau, Nathalia Gontscharowa, eine berühmte Petersburger Schönheit, deren Ehre er vier Jahre später im Duell verteidigte, was für ihn tödlich enden sollte: „Die Messe war wie ein Ball, nachdem ihn die Gontscharows verlassen haben.“ Abschriften der Briefe sind an den Wänden zu sehen.

Das Museum ist übrigens eine Filiale des 250 km entfernten Boldino, einem Landsitz der Familie Puschkin. Dort war Puschkin insgesamt dreimal, das erste Mal 1830, um ein Dokument in Empfang zu nehmen, das ihm 200 Leibeigene überschrieb. Damit bekam er auf seiner Moskauer Bank 45000 Rubel, die er für die Hochzeit mit Natalja brauchte. So viel Geld für eine Hochzeit? Ja, denn er musste nicht nur das Fest, sondern auch die Mitgift für seine zukünftige Frau finanzieren, die aus einem verarmten Adelsgeschlecht stammte.

All dieses erfuhren wir von Michail, einem jungen Historiker, der uns mit ungeheurer Begeisterung nicht nur alle Einzelheiten von Puschkins Aufenthalt in Nischni erzählte, sondern auch lange Passagen aus Puschkins Werken auswendig deklamierte. Ob es auch vorkomme, dass er auf eine Frage keine Antwort wisse? Naja, er sei Historiker, kein Literaturwissenschaftler. Deshalb könne es auf literarischem Gebiet schon sein. Wir jedenfalls haben nicht die kleinste Wissenslücke entdeckt und waren nach den eineinhalb Stunden, die wir mit ihm in dem kleinen Raum verbrachten, voll von seiner Begeisterung angesteckt. Danke Michail!

P.S. Puschkin übernachtete von 2. auf 3. September 1833 in Nischni Nowgorod.

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Eines der Exponate ist auch das Skizzenbuch von Puschkin, der ein hervorragender Zeichner war. Es handelt sich um eine Kopie, die 1984 von einem Leningrader Künstler angefertigt wurde: auf Papier aus dem 18. Jh. mit einer Feder und Tinte wie aus Puschkins Zeit.

 

 

Wintereindrücke aus Nischni Nowgorod

Eine Erkältung hat uns zur Ruhe gezwungen. Wir hatten so Gelegenheit, mehr als sonst Nachrichten zu hören und Zeitungen zu lesen; in beiden war in der vergangenen Woche Trump das Hauptthema. Seine Vereidigung und die Amtsübergabe an ihn wurden in den Abendnachrichten des russischen Fernsehens als erste Meldung gebracht, unseres Eindruckes nach sachlich und ausführlicher als in der ARD, wobei die einzelnen Themen hier generell länger abgehandelt werden als bei uns. Ein Taxifahrer sagte uns, ein neuer, unbekannter US-Präsident sei besser als eine allzu wohlbekannte Hillary, von der man weiß, dass sie Russland gegenüber sehr negativ eingestellt ist. Außerdem könne es (das russisch-amerikanische Verhältnis), nur besser, kaum schlechter werden.

An der Brücke „Universitetsky“ über die Schlucht ganz in unserer Nähe wird oft das Abseilen geübt, vermutlich von Sportstudenten, bei dieser Tage etwa minus acht Grad. Ein Stück weiter an der Schlucht bei der alten Poststraße fand am Sonntag wieder Bungee Jumping statt. Beides nicht gerade typische Wintersportarten! Die Kälte hat offensichtlich nicht sehr gestört.

k-81-ber-1Abseilen an der Brücke „Universitetsky“

Die Spielplätze zwischen den Häuserblöcken sind dick mit Schnee bedeckt, die bunten Rutschen und Schaukeln werden von den Kindern dennoch eifrig benutzt.

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Winter“-Spielplatz

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Eiszapfen

Weil vor vielen Häusern kleine Vorgärten sind, gefährden die Eiszapfen, die drohend an manchen Balkonen hängen, niemanden wenn sie herunterbrechen. In der Regel werden sie gezielt abgeschlagen, was ein spektakuläres Schauspiel sein kann!

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Obststand bei Euro-SPAR, Aufnahme vom 24.01. 2017

Ich habe bei Euro-SPAR notiert, woher das angebotene Obst stammt:

  1. Ananas                             Elfenbeinküste
  2. Äpfel                                Russland, Serbien, China
  3. Aprikosen                        Südafrika
  4. Avocado                            Israel
  5. Bananen                           Ecuador
  6. Birnen                               Argentinien, Russland
  7. Granatäpfel                        Ägypten
  8. Grapefruit                          Türkei, Israel,
  9. Kokosnuss                         Elfenbeinküste
  10. Mandarinen                         Marokko
  11. Mango                              Peru
  12. Melonen                            Brasilien
  13. Orangen                            Türkei
  14. Papaya                             Brasilien
  15. Pfirsich                              Marokko
  16. Pflaumen                           Südafrika
  17. Wassermelonen                  Thailand
  18. Zitronen                            Türkei

Gestern hat es den ganzen Tag geschneit. Die Schneeräumer kamen kaum nach. Die am Morgen geparkten Autos waren abends mit mehr als 20 cm Schnee eingepackt. Heute ist die Temperatur auf minus 14 Grad gesunken und es ist sonnig und wolkenlos. Accu-Weather verspricht uns morgen minus 23 Grad.

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k-81-ber-7..und das alles mitten in der Stadt

 

 

Mein Schulweg in Nischni Nowgorod

 

Heute will ich meinen Schulweg beschreiben, der mich immer wieder aufs Neue freut. Bis vorgestern war er noch weihnachtlich geschmückt. Jetzt – nachdem das „Neue Alte Jahr“ (am 13. Januar, eine Woche nach dem orthodoxen Weihnachten am 6. Januar) vorbei ist, wird die Weihnachtsdekoration überall abgebaut.

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Die erste Schönheit auf meinem Schulweg, schräg gegenüber von unserem Haus, ist das ЗАГС , das Standesamt. Еs ist in der ehemaligen Villa des Kaufmanns Ikonnikov  untergebracht und wurde von 1903-1905 im eklektizistischen Stil gebaut. Vor allem am Wochenende werden wir Zeugen vieler Märchenhochzeiten mit Stretchlimousinen, Hubkonzerten und Fototerminen im kleinen Park unter der Eberesche oder auf den schmiedeeisernen Brückchen und Bänkchen.

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Gleich daneben liegt eine Filiale der  SAROV Business Bank (САРОВ Бизнес Банк), ein Juwel im Neo-Jugendstil, das im Volksmund „die kleine Truhe mit dem Schlösschen“ (Сундучок с Замочком) genannt wird. Die Bank wurde in den 90er Jahren vom berühmten Nischegoroder Architekten Aleksander E. Charitonov erbaut. Auf meinem Schulweg mit weihnachtlicher Dekoration sieht sie so aus:

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Danach muss ich mich entscheiden, ob ich über die Schlucht oder die Fußgängerzone weitergehe. Da es noch dunkel ist, entscheide ich mich für die Fußgängerzone.

Dann biege ich nach links in die Fußgängerzone ein. Sie ist 1,3 Kilometer lang und neigt sich ein bisschen nach unten Richtung Kreml, den man deshalb immer im Blick hat. Die Gebäude rechts und links sind zumeist Kaufmannshäuser aus dem 19. Jahrhundert, als Nischni durch die Messe zum „Geldbeutel Russlands“ wurde. (Man nannte damals Moskau das Herz, St. Petersburg den Kopf und Nischni den Geldbeutel des Landes)

Zu jedem Gebäude könnte man eine Geschichte erzählen und Fotos zeigen, und wir haben dies auch schon an anderer Stelle getan. Ich aber muss in die Schule, die um 8 Uhr beginnt. Deshalb eile ich die Pokrowka, wie sie auch kurz genannt wird, hinunter und halte erst wieder vor dem Theater, das mich auch in der vorweihnachtlichen Schneekulisse wieder begeistert. Gerade wird das Nachtasyl (На Дне) von Maxim Gorki gespielt, dem berühmtesten Sohn der Stadt, nach welchem diese von 1932 bis 1990 benannt war.

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Ich begrüße kurz Ewgeni Jewstignejew, den berühmten sowjetischen Schauspieler, der 1926 in Nischni Nowgorod geboren wurde, und 1992 in London starb.

 

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Inzwischen bin ich so nahe am Kreml, dass ich ihn schon gut fotografieren kann:

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Am Ende der Pokrowka liegt der Minin-Platz, auf dem sich auch meine Schule befindet. In der Ferne vor dem Tschkalov-Denkmal und rechts vom Kreml leuchtet der größte Weihnachtsbaum der Stadt. 

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Es ist schon fast hell, als ich um 7.45 Uhr nach etwa 30 Minuten bei meiner Schule ankomme.

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 Jetzt habe ich noch 15 Minuten. Das reicht, um meine dicke Winterkleidung abzulegen. Es herrschen minus 18 Grad.

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Am Nachmittag wähle ich den Heimweg über die Schlucht. Wenn man danach nach Hause kommt, ist man fast schon wieder erholt.

 

Flickr Fotos

Lightning Strikes near Le Brévent

Mossy Grotto Falls (Columbia Gorge, OR)

Grandview Moon

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