Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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Tournee russischer Schüler: „Kommt wieder, aber ohne Waffen“

 

Wir waren uns sicher: die 18 russischen Schüler des Gymnasiums Nr. 1 aus Nischni Nowgorod würden ihr Theaterstück „Kommt wieder, aber ohne Waffen“ auch in Deutschland gekonnt aufführen. Jetzt am Ende der Tournee durch Süddeutschland hat es sich bestätigt: sieben Vorstellungen in acht Tagen wurden mit Bravour dargeboten.

Wir waren uns dessen sicher, weil wir die Schüler kannten und die Aufführungen in Wladimir und vier weitere in Nischni Nowgorod gesehen hatten. Allerdings wussten wir nicht, wie das Stück beim deutschen Publikum ankommen würde. Wir sind erleichtert, jetzt sagen zu können: alle Aufführungen haben einen tiefen Eindruck hinterlassen.

 Schulvorstellung in der Waldorfschule Erlangen

Besonders bemerkenswert die Reaktionen der jungen Generation bei den drei Schulaufführungen. Die Schülerinnen und Schüler der Waldorfschule in Erlangen, des Bildungszentrums Markdorf und des Zeppelin-Gymnasiums in Friedrichshafen lauschten atemlos und sichtlich beeindruckt bis zum Schluss den Darbietungen der gleichaltrigen russischen Darsteller. Viele verließen mit betroffenen Gesichtern den Saal, manche mit Tränen in den Augen.  Eine Lehrerin sagte, sie habe noch keine Schultheatervorstellung erlebt, in der die Schüler so ruhig und konzentriert zuhörten wie dieses Mal.

Langer Schlussapplaus der Oberstufenschüler im Bildungszentrum Markdorf.

Die Vorstellung in Friedrichshafen fiel auf die letzten zwei Schulstunden vor den Herbstferien. Das schienen schlechte Bedingungen zu sein. Würden die Schüler bis zuletzt aushalten? Wer erinnert sich nicht an seine Schulzeit und daran, mit welcher Ungeduld man das Klingeln vor den Ferien erwartete und wie wenig man sich in der letzten Stunde für den Lehrstoff interessierte.

Beifall im Zeppelin-Gymnasium Friedrichshafen – über den Ferienbeginn hinaus

Die Schulleitung hatte darum gebeten, pünktlich Schluss zu machen, weil ein Teil der Schüler die Schulbusse erreichen müsse. Jedoch herrschte in dem vollbesetzten Saal bis zum Schluss aufmerksame Ruhe, keiner verließ vorzeitig den Raum. Die Schulglocke hatte längst geläutet, der Beifall nahm kein Ende, vor allem als Wolfgang Morell, der mitgereiste Zeitzeuge, auf die Bühne ging. Nachdem die Fahrschüler dann doch zu ihren Bussen gegangen waren, blieben noch viele Zuschauer im Saal, um mit den Schauspielern und dem Zeitzeugen zu diskutieren, viel länger als geplant.

Das überwiegend ältere Publikum der vier öffentlichen Aufführungen beim Kolpingverein im Gemeindezentrum St. Xystus in Erlangen, im Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden-Echterdingen bei Stuttgart, in der Waldorfschule in Überlingen und im Rathaussaal in Immenstaad reagierte ebenfalls immer mit langem Beifall. Auch hier waren alle Vorstellungen sehr gut besucht, auch hier beeindruckten die schauspielerischen Leistungen. Bemerkenswert ist, dass die Vorstellungen trotz mancher technischer Unzulänglichkeiten gut aufgenommen wurden, so, wenn die eingeblendeten Übertitel mit den Übersetzungen der russischen Texte nicht lesbar waren, weil der Beamer nicht funktionierte. Oder auch wenn die russischen Schüler, die die deutschen Kriegsgefangenen darstellten und deshalb deutsch sprachen, manchmal wegen des russischen Akzents nur schwer zu verstehen waren.

Hier im Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden funktioniert der Beamer.

Bewundernswert die Leistungen der Regisseurin Marina Kotschkina. Rasch stellte sie sich auf die unterschiedlichen Räume, die Größe und Ausstattung der Bühnen ein. Die Zeit für die Vorbereitungen oder die Durchlaufprobe war oft sehr kurz. Bei einer Vorstellung musste Marina wegen Erkrankung einer Schülerin spontan mehrere Rollen umbesetzen.

Hohe Anerkennung verdienen die schauspielenden Schülerinnen und Schüler aus Nischni Nowgorod. Sie sind ja keine gelernten Schauspieler. Sieben Vorstellungen in acht Tagen, und alle spielten konzentriert und präsent bis zum letzten Wort. Vor allem die deutschen Lehrer bewunderten die jungen Russen, die ihre Texte eineinhalb Stunden lang in Deutsch, in einer für sie fremden Sprache, vortrugen – und das ohne Stocken. Eine Souffleuse gab es nicht.

Der jüngste Schauspieler, der achtjährige Maxim.

Erstaunlich auch ihre Improvisationsfähigkeit. Sie waren verständlicherweise nach der Reise, den Vorstellungen und den neuen Eindrücken müde, manche sehr müde. Einmal war der Ballettmeister hinter der Bühne eingeschlafen und verpasste seinen Auftritt. Die auf der Bühne wartenden Lemuren bei der Probe für „Faust“ stockten nur kurz, dann übernahm einer von ihnen die Tanzanweisungen. Das Publikum bemerkte nicht, dass hier etwas schiefgegangen war.

Der russische und der deutsche Offizier sind müde – vor der Vorstellung

Präsent auf der Bühne, der deutsche Offizier bei der Instruktion der Soldaten vor dem Marschbefehl an die Ostfront

Nach der Aufführung des Stückes im bis auf den letzten Platz gefüllten Pfarrzentrum St. Xystus fragte eine Zuschauerin, ob die Darstellung des Schicksals deutscher Kriegsgefangener in sowjetischen Lagern nicht doch ein wenig geschönt sei. Sie habe da anderes gehört. Viel mehr Schreckliches. Eine Frage, die so oder ähnlich oft gestellt wurde. Was soll man darauf antworten: Natürlich gab es auch die schlimmen Zustände, Entbehrung, Leid, Hunger und Tod. Im Stück selbst wird ja offen ausgesprochen, dass ein Drittel der Deutschen (über eine Million) die russische Kriegsgefangenschaft nicht überlebte, dass Schwerstarbeit zu leisten war und Hunger und Not herrschten, dass diese Zeit für viele Deutsche ein Trauma blieb. Ich fand es von Anfang an bemerkenswert, dass Marina Kotschkina, die Autorin dieses Stückes, die Schrecken und Leiden der Deutschen in den sowjetischen Lagern nicht ausgeblendet hat.

Aber es gab eben auch die andere Seite: das heimlich zugesteckte Brot, die verständnisvolle Geste, sogar Respekt, Zuneigung und Liebe, durch die viele den Lebensmut wiederfanden. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch die etwa fünfzig Berichte der ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen in dem Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen“, die dem Theaterstück zugrunde liegen.

Der Kriegsveteran Wolfgang Morell, der zusammen mit seinem Freund Claus Fritzsche die Vorlage war für den Helden Alex, begleitete die gesamte Tournee. Nach den Vorstellungen bestieg der 95jährige Zeitzeuge mühsam die Bühnen und stellte sich dann mit bewundernswerter geistiger Frische den Fragen. Er bestätigte die Berichte über die schlechten Lebensbedingungen in den Lagern, über die vielen Toten durch Hunger und Seuchen. Aber das galt nicht nur für die deutschen Gefangenen. Die russische Bevölkerung hungerte auch. Das Wachpersonal, die Ärzte und Krankenschwestern in den Lagern waren in ähnlichem Maße von Seuchen und Tod betroffen wie die Gefangenen. Er konnte keine bewusste Politik zur Vernichtung der Gefangenen feststellen, wie sie beschämenderweise im Dritten Reich gegenüber den russischen Gefangenen geübt wurde, von denen zwei Drittel (3,6 Millionen) als Folge des von Hitler ausgerufenen „Vernichtungskrieges gegen die russischen Untermenschen“ ums Leben kamen.

Im Theaterstück: 1949, Schanna und Sascha, dessen Rolle aus den Personen Wolfgang Morell und Claus Fritzsche zusammengesetzt wurde

Im Stück ist der Beginn der Beziehung Wolfgang Morells zu der russischen Frau, Schanna Worontzowa, die zwei Jahre dauerte, nur kurz dargestellt. Schüler fragten, wie diese berührende Geschichte weiterging. Während des Kalten Krieges wäre der Kontakt zu einem Westdeutschen für eine Russin gefährlich gewesen, deshalb unterblieb er.

2017: Schanna und Wolfgang Morell im wirklichen Leben

Anlässlich der Vorstellung der russischen Ausgabe des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen“ in Wladimir und der Aufführung des Theaterstückes reiste Morell nach Nischni Nowgorod. Dort traf er nach 68 Jahren Schanna wieder – ein Ereignis, das vom russischen Fernsehen mit einem Film am Schluss der Abendnachrichten gewürdigt wurde.

Zu der Aufführung in Erlangen war ein weiterer Zeitzeuge angereist: Alfons Rujner, mit fast 90 Jahren aus Berlin kommend, erkennt sein Schicksal wieder, nicht nur in dem alten Mütterchen, das ihn kurz vor dem Heimtransport in Wladimir am Ärmel zupfte und ihm zurief: „Komm wieder, aber ohne Waffen!“, sondern auch in der Indoktrinierung durch die Nazis mit ihren Zerrbildern von Sowjets, die Hörner trugen und als rote Teufel gezeichnet wurden, sowie in der Umerziehung, die er als damals siebzehnjähriger Jüngling als Befreiung vom ideologischen Ballast der Faschisten empfand.

Alfons Rujner, Wolfgang Morell, Erlangens Oberbürgermeister Florian Janik

Und so kam denn Alfons Rujner als Antifaschist aus dem Lager zurück und kann sagen: „Bis heute bin ich ein solcher geblieben, und ich möchte nie mehr sehen, wie Nazis durch das Brandenburger Tor marschieren!“ Florian Janik dankt er für dessen Engagement für die Völkerverständigung und Partnerschaft mit den Worten: „Hätte ich die Macht dazu, ich würde Dich, lieber Florian, zum Oberhaupt einer Friedensstadt ernennen!“ Erlangen als Friedensstadt. Welch eine Auszeichnung aus dem Mund eines Kriegsveteranen!

Keine Tournee ohne kleine Katastrophen. Eine ereignete sich gleich zu Beginn: Weil die Sicherheitskontrolle am Flughafen in Frankfurt sehr lange dauerte, verpassten einige den Flug nach Nürnberg. Hier entstiegen dem Flieger statt der von uns erwarteten zwanzig nur neun Gäste. Der ohnehin ausreichende Bus musste mit vielen leeren Sitzen in das Hotel Rangau in Dechsendorf fahren, das geplante Begrüßungsessen genossen nur die wenigen schon Eingetroffenen. Die in Frankfurt Zurückgebliebenen hatten zumindest das Glück, im nächsten Flugzeug Plätze zu bekommen. Wir, die Abholenden, hatten das Glück, dass Peter Steger mit dem Kleinbus des Jugendringes beim Transport aushelfen konnte. Gegen Mitternacht waren dann alle im Hotel.

Eine andere kleine Katastrophe hätte sich zumindest für den Betroffenen leicht zu einer größeren ausweiten können. Ein Schüler ließ im Intercity nach München seinen Rucksack mit Pass und Visum liegen. Gott sei Dank bemerkte er es beim Umsteigen in Nürnberg sofort. Der Zugbegleiter im ICE konnte rasch erreicht werden, dieser fand den Rucksack am angegebenen Platz und versprach, ihn in München auf die Fundstelle zu bringen. Von den hilfsbereiten Mitarbeitern wurde er gesichert und dort vom Kurierdienst „Time:Matters“ abgeholt. Nach einiger Telefoniererei konnten wir ihn am nächsten Tag wohlbehalten am Bahnhof in Lindau in Empfang nehmen. Hier haben die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Bundesbahn und des Time:Matters-Teams ein Lob verdient!

Keine Tournee ohne Nebenprogramm: Die russischen Schüler waren sehr angetan von den Stadtführungen durch deutsche russischsprechende Schüler in Erlangen vom Verein Brücken e. V., in Überlingen von der Waldorfschule und in Konstanz von einer offiziellen Stadtführerin. In Leinfelden-Echterdingen war es ein Nachmittag mit den Gastfamilien, in Friedrichshafen ein Besuch des Zeppelin-Museums. Erstaunen erregte in Konstanz ein kurzer Grenzübertritt in die Schweiz, der ohne Passkontrolle einfach so möglich war. Sehr überraschend für die jungen Russen.

Fotostop kurz vor dem Abstecher in die Schweiz

Und schließlich: Keine Tournee ohne die Hilfsbereitschaft so vieler Hände! Die liebevolle Betreuung durch den Kolpingverein in St. Xystus in Erlangen-Büchenbach und den Brücken e.V., die Übernachtungen in den Gastfamilien in Leinfelden-Echterdingen und schließlich die Unterbringung der ganzen Gruppe in den Ferienwohnungen des Obsthofes Lehle in Immenstaad, die die Schüler zu Begeisterungsrufen animierte.

Obsthof Lehle in Immenstaad

Das dortige Katholische Bildungswerk, geleitet von Frau Monika Bauer und das Team um Hubert und Carmen Lehle, Konrad und Monika Veeser, Udo und Hanne Kampmann haben entscheidend zum Wohlbefinden aller Gäste beigetragen. Die Schulleitungen, die die Räume zur Verfügung stellten, die Techniker, die sich rasch und flexibel auf unsere Wünsche einstellten, allen voran Fjodor Nevelski, der mit seiner professionellen Ausrüstung in Erlangen beide Vorstellungen bediente, die Lehrer, die ihre Schüler zum Besuch der Vorstellungen anregten und nicht zu vergessen, das Küchenpersonal und die manchmal geplagten Hausmeister („Mir ist gesagt worden, ich soll nur den Saal aufschließen!“ Weit gefehlt, was musste nicht alles an Stühlen, Tischen, Kabeln und Körben herangeschafft werden). Dann die unerwartet vielen Spenden auf das Konto des Bildungswerkes und in die Körbe an den Ausgängen, die Spenden von Sponsoren wie das Katholische Bildungswerk, der Stiftung West-Östliche Begegnungen, der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke. Zum Abschluss der Tournee konnte das Stück dank des Immenstaader Bürgermeisters, Jürgen Beisswenger, im repräsentativen Saal des Immenstaader Rathauses aufgeführt werden. Dankbar nahm die Gruppe auch Herrn Beisswengers Geschenke und seine Einladung zum Abschiedsessen in die Pizzeria Il Centro an.

Und doch: Roses Idee, aus Peter Stegers Buch mit ihren Schülern und Marina Kotschkina ein Theaterstück zu machen, hätte im Mai 2017 mit einigen Aufführungen in Russland geendet, wenn der Erlanger Oberbürgermeister im April bei der Präsentation der russischen Ausgabe des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen“ nicht so beeindruckt gewesen wäre von den zwei Szenen, die von der extra aus Nischni Nowgorod angereisten Schülergruppe aufgeführt wurden. Spontan lud er alle nach Erlangen ein. Ihm sei dafür besonders gedankt und Peter Steger für die vielen Vorbereitungen, für Rat und Tat bei der Planung und Durchführung der Reise und natürlich für die geniale Idee, das Buch zu schreiben.

Materialien zu dem Stück:

Literaturliste

  • „Komm wieder, aber ohne Waffen“, Peter Steger,2015, Stadt Erlangen/ Stadtarchiv Erlangen. ISBN: 978-3-944452-09-8. Erhältlich beim Stadtarchiv Erlangen,
  • „Возвращайся, но без оружия“, Peter Steger, auf Anfrage digital erhältlich bei Rose Ebding: roseebding@gmail.com
  • Programmheft, Rose Ebding, auf Anfrage digital erhältlich bei Rose Ebding
  • „Mit 17 Jahren hinter Stacheldraht“, Alfons Rujner, 2001, Alfons Rujner ISBN:3-8311-2584-8
  • „Das Ziel – Überleben“, Claus Fritzsche, 2000, VDM Heinz Nickel ISBN: 3-925 480-44-7
  • „Rose für Tamara“, Fritz Wittmann, 2001, Taschenbuch

Im Internet abrufbar:

  • Text des Theaterstückes: „Kommt wieder, aber ohne Waffen“,

o   https://drive.google.com/file/d/0B__G9GV0N3MdOGc3V0JQZ2ZOSVU/view

  • Trailer: „Kommt wieder, aber ohne Waffen“,

o   https://www.youtube.com/watch?v=QI8aM7RMDUw&feature=youtu.be

  • текст: „Возващайтесь, но только без оружия“,

o   https://drive.google.com/file/d/0B__G9GV0N3MdRnd5Yjhqbm5KR2s/view

  • трейлер: „Возващайтесь, но только без оружия“,

o   https://www.youtube.com/watch?v=fCnu0H4xMmg 

  • Film von NTV über die Begegnung von Wolfgang Morell und Schanna Worontzowa im April 2017 (auf Russisch)

„Wolfgang Morell und Schanna Woronzowa“ Youtube

  • Weitere Informationen finden sich in den Blogs:

–      stuttgartnishnij.wordpress.com

–      erlangenwladimir.wordpress.com

In Kürze wird auch der Mitschnitt der Aufführung in der Waldorfschule Erlangen am 23.10.2017 von Herrn Werner Schramm vom Aischtaler Filmtheater e.V. erhältlich sein.

 

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Komm wieder, aber ohne Waffen – Tourneeplan

Die Gastspielreise unserer russischen Schülergruppe naht. In Russland wird intensiv geprobt, in Deutschland die Tournee mit Hochdruck vorbereitet. Hier ist der Tourneeplan. Ganz besonders ans Herz legen möchten wir Ihnen unseren Trailer:
https://www.youtube.com/watch?v=QI8aM7RMDUw&feature=youtu.be
(Bitte Link in neuem Fenster öffnen)
Er zeigt noch einmal deutlich, worum es (uns) geht. Wir würden uns sehr freuen, Sie bei einer unserer Vorstellungen begrüßen zu können.

Gastspielreise „Kommt wieder, aber ohne Waffen“
Erlangen – Leinfelden – Bodensee

Erlangen
So 22.10. 17.00 Gemeindezentrum der Kirche St. Xystus
91056 Erlangen-Büchenbach, Kolpingweg 16

Mo 23.10. vorm. Waldorfschule Erlangen

Leinfelden
Di 24.10.19.00 Immanuel-Kant-Gymnasium
70 771 Leinfelden, Anemonenstraße 15

Bodensee
Do 26.10. vorm. Gymnasium Markdorf

Do 26.10. 19.30 Waldorfschule Überlingen,
88662 Überlingen, Rengoldshauser Str. 20

Fr 27.10.vorm. Graf-Zeppelin-Gymnasium Friedrichshafen

So 29.10. 16 Uhr Bürgersaal im Rathaus in Immenstaad
88090 Immenstaad, Dr. Zimmermannstrasse 1

Unser Russland-Abenteuer ist zu Ende

Eigentlich sollte der lange Bericht über unsere Kamtschatka-Reise der letzte sein. Aber wir haben in den letzten Wochen unseres Aufenthaltes in Nischni Nowgorod und dann an den drei Tagen in Moskau noch mehr oder weniger Bedeutendes erlebt, was uns so interessant erscheint, dass wir einiges davon berichten müssen/wollen.

Zu einem Abenteuer der besonderen Art entwickelte sich das Aufgeben eines Postpaketes mit Kleidung, Büchern und anderem Umzugsgut nach Deutschland. Wir hätten gewarnt sein können, denn „in Russland gibt es zwei Filialen der Hölle“, sagte Witali, unser Reiseführer auf Kamtschatka, „die Polikliniken und die Post“. Auf dem Postamt wurde alles, wirklich alles, was in das Paket kam, gezählt und gewogen: Ein Paar Schuhe 850g, 8 Stück Kosmetika 900g, 2 Souvenirs 500g, 50 Stück Kleidung 7,3 kg, 16 DVD 400 g, 30 Bücher 12,3 kg usw. usw. Die hinter uns Wartenden waren ebenso geduldig wie die uns bedienende Beamtin, die freundlich und entspannt die langwierige Prozedur abwickelte und immer mal unterbrach, wenn sie ihren Chef fragen ging, ob Medikamente verschickt werden dürfen (nein) oder wie Bücher zu behandeln sind. Letzteres fragte sie erst am Schluss und kam mit der Antwort zurück, dass Bücher getrennt verschickt und an einem eigenen Schalter aufgegeben werden müssen. Das hieß noch einmal Umpacken und noch einmal Anstellen. Dann wurden pro Sendung drei Formulare ausgefüllt, Adressen gedruckt und aufgeklebt. Nach fast eineinhalb Stunden verließen wir erleichtert die „Filiale der Hölle“. Die Pakete sollten in zwei Wochen bis in zwei Monaten in Erlangen ankommen. (Tatsächlich trafen sie schon nach zwei Wochen am Zollamt in Erlangen ein. Leider ist wohl bei einer nochmaligen russischen Kontrolle das Päckchen mit dem Iwan-Tee nicht wieder richtig verschlossen worden. Als ich das Paket vor dem Zöllner öffnete, stieg eine Duftwolke empor. In allen Kleidern steckten die kleinen Tee-Körnchen.)

Um im Bild zu bleiben: In Russland gibt es auch „Filialen des Himmels“. Eine davon erlebten wir am Sonntag (13. August) in Arsamas, einer 95 km südlich von Nischni liegenden Stadt. Dort war Kyrill I., der „Patriarch Moskaus und ganz Russlands“ zu Besuch. Nach einer Messe in der Kathedrale weihte er ein Denkmal zum 150. Geburtstag des in Arsamas geborenen Patriarchen Sergej (1867 – 1944) ein. Ein großes kirchliches Ereignis, vergleichbar mit einem Papstbesuch bei uns in Deutschland. Und wir waren mitten drin!

Zu verdanken hatten wir das „unserer“ Kira, der Kantorin der Alexander-Newski-Kathedrale, deren Chor bei den Feierlichkeiten sang. Mit dem Chor gelangten wir mit in die Auferstehungskathedrale. Diese und die umliegenden Plätze der Stadt waren weiträumig abgesperrt, nur durch Sicherheitsschleusen und nach Taschenkontrollen durch die reichlich vorhandene Polizei und andere Sicherheitsleute zugänglich. In der Kirche standen wir mit dem Chor nahe bei dem freigehaltenen Raum vor dem Ikonostas, vermutlich beneidet von den Massen an Gläubigen, die sich hinter den Absperrungen in der Kathedrale drängten und auf dem großen Platz davor, wo die Messe auf Großleinwand übertragen wurde.

Vor dem Gottesdienst in der Kathedrale von Arsamas

Während des Gottesdienstes

Während des Gottesdienstes war uns die Sicht durch die vielen Priester und Diakone versperrt, die sich in goldfarbigen Gewändern in langen Reihen aufstellten. In der Feier  verhielten sie sich für unser Empfinden entspannt und eher locker. Immer wieder mal verließ einer von ihnen seinen Platz, umarmte Freunde und Bekannte und plauderte kurz mit ihnen. Einer holte das Handy hervor, fotografierte seinen Patriarchen und den Chor hinter sich.

Kira in Aktion

Wir standen über vier Stunden neben dem Chor und überstanden die vier Stunden gut, gefangen von der feierlichen Atmosphäre und vor allem eingehüllt von den Gesängen des Chores und der Priester. Kira leitete den Chor energisch, unterstützt von ihrem Mann, einem ranghohen Geistlichen, der immer zum Altar blickte und ihr das Signal zum Einsatz gab.

Übergabe einer Ikone an die Gemeinde durch Patriarch Kyrill

Am Schluss folgte, wie in der orthodoxen Kirche üblich, eine Predigt. Der Patriarch sprach über das Leben von Sergej I., der in der Stalinzeit eine schwere, nicht unumstrittene Rolle zu spielen hatte. Kyrill übergab der Gemeinde eine Ikone von Sergej. Danach wurde mit einem im Wechselgesang oft wiederholten Ruf „Gratios, Gratios“ die lange Feier beendet.

Mittagessen in einer Kapelle

Der Chor – und damit auch wir – waren zu einem Mittagessen in einer innerhalb des abgesperrten Bereiches liegenden Kapelle eingeladen.

Straße in Arsamas

Den Nachmittag nutzten wir zu Spaziergängen durch die typisch russische Kleinstadt (105000 Einwohner) mit den flachen Häusern an breiten Straßen. Nach der Einweihung des Denkmals ging es in einem langen Stau zurück nach Nischni Nowgorod.

Noch ein paar Beobachtungen zu anderen Themen:

Überraschend hörte ich im Fitness-Center Fiskult zum ersten Mal deutsche Musik aus den Lautsprechern, die in den drei vergangenen Jahren den Raum sonst mit englischsprachigem und manchmal russischem Pop oder Rock ausfüllten. „Rosenrot, oh Rosenrot – tiefe Wasser sind nicht still“. klang es bedrohlich in dem dumpfen Sound der Band Rammstein. Wikipedia schreibt dazu: „Die zur „Neuen deutschen Härte“ zählende Gruppe Rammstein wird – obwohl bis heute immer wieder kontrovers betrachtet – mittlerweile in der internationalen Medienlandschaft mehrheitlich als einer der wichtigsten musikalisch-zeitgenössischen „Kulturexporte“ Deutschlands gesehen“. (Ende des bemerkenswerten Zitats). Wir haben häufig Plakate von deutschen und westlichen Rock- und Popbands gesehen, Beispiel „Skorpions“. Auch dieser Kulturaustausch klappt wenigstens noch in der verfahrenen politischen Situation.

Ankündigung eines Konzertes der Scorpions für den 9. November. Aufgenommen am 25. Juni 2017 in Jekaterinburg/Sibirien

Hier in Nischni sind in den drei letzten Jahren viele neue Wohnhäuser, einige Hotels und Einkaufszentren entstanden, denen die an Basare erinnernden Märkte und die alten typischen Holzhäuser weichen müssen. Ein besonders prächtiges davon fiel uns schon im Herbst 2014 mit dem Graffitispruch auf: „Дай жильё! Мы люди, а не крысы. – Gebt uns Wohnraum! Wir sind Menschen und keine Ratten“. Dieses Haus an der Slawanskaja Straße (Славанская Улица) und die Graffiti daran sind noch unverändert – ich habe es bei einem Abschiedsgang durch die Stadt wiederentdeckt.

Graffiti: Gebt uns Raum! Wir sind Menschen und keine Ratten.

Ab 15. August wurden die Fahrpreise für den öffentlichen Nahverkehr drastisch erhöht, jetzt kostet eine Fahrt mit Bussen und Bahnen 28 Rubel, bisher waren es 20 Rubel, bei der Seilbahn nach Bor 100 statt bisher 90 Rubel. Eine bessere Nachricht, wenn auch für uns ohne direkte Bedeutung, aber für die Stadt wichtig: die neue Wolgabrücke wurde dem Verkehr übergeben. Ein Segen für die Autofahrer in Richtung Norden.

Ein letzter Blick auf Oka, Wolga und die Strelka mit der Alexander-Newski-Kahtedrale in Nischni Nowgorod

Unsere letzten Abende in der schönen Stadt nutzten wir zu Abschieds-Spaziergängen an die von uns besonders geliebten Orte, an erster Stelle an das Oka-Ufer. Wie oft haben wir in den letzten drei Jahren dort gestanden und die majestätischen Flüsse bestaunt, die je nach Jahreszeit, Wetter und Sonnenstand anders aussahen. Wir bekamen eine Ahnung davon, was die Maler „das russische Licht“ nennen. Der Blick in die Ferne, die ruhige Stimmung, die Weite der Landschaft, das ist es, was wir vermissen werden.

Zum Abschluss unserer drei Jahre in Russland waren wir noch einmal drei Tage in Moskau, dieser unglaublichen, aufregenden und widersprüchlichen Stadt. Es war unser dreizehnter Besuch, aber der erste im Sommer.

Moskau: Warten auf den Einsatz

Moskau glich einer einzigen Baustelle. Viele Straßen und Bürgersteige wurden neu gepflastert, wohl schon als Vorbereitung auf den 760. Geburtstag der Stadt oder auf die WM 2018, auf das Ereignis des nächsten Jahres. Die kurze Taxi-Fahrt vom Kursker Bahnhof zu unserem Stamm-Hotel Budapest dauerte lange, Stau reihte sich an Stau.

Die Bürgersteige werden mit eleganten Platten belegt

Der Rote Platz war von einer riesigen Bühne für das Militärmusikfestival Spasskaja Baschnaja (Спасская Башная, benannt nach dem Kremlturm) am folgenden Wochenende vollgestellt. Es wurde schon eifrig geprobt. 22 Musik- und Folkloregruppen aus 12 Ländern nahmen teil, darunter auch deutsche und ukrainische (lt. Russischen Nachrichten). Im abgesperrten Gelände sahen wir eine Biker Gruppe (oder waren es zwei?) mit der schweizerischen und der australischen Flagge. Als Star im Eröffnungskonzert war Mireille Mathieu angekündigt.

Auf der Großen Moskwa Brücke standen an der Gedenkstelle für Nemzow noch immer Blumen, Fotos und ein Schild mit der Zahl der seit dem Mord vergangenen Tage: 909. Die Initiative will erreichen, dass die Brücke in Nemzow-Brücke umbenannt wird.

Seit dem Mord an Nemzow sind 909 Tage vergangen

Die drei Tage in Moskau nutzten wir bei angenehmem Sommerwetter zu Ausflügen in Parkanlagen und in die Umgebung.

Eine halbstündige Fahrt mit der Metro brachte uns vom Theater-Platz (Театралнaя Плошадь) zur Station Zarizyno (Царицыно), von der man in wenigen Minuten den gleichnamigen großen Park erreicht, in dem ein Schloss Katharinas der Großen steht. Der Park ist eines der beliebtesten Ausflugsziele der Moskauer, er soll an den Wochenenden überfüllt sein. Davon war bei unserem Besuch, einem Dienstag, nicht die Rede. Auf 25 ha gibt es zwei große Teiche, einen englischen Garten, einen Wald und auf einem Hügel das Schloss. Nach den anstrengenden Tagen in Nischni verbrachten wir dort ein paar entspannende Stunden im Museum über das Leben Katharinas, auf Spazierwegen und auf einer Wiese unter Bäumen, von der aus wir die Springbrunnen der Musikinsel sehen und klassischer Musik lauschen konnten.

See im Park Zaryzino

Das Schloss, das Katharina nie bewohnt hat

Dieser Park hat eine eigenartige Geschichte. Katharina wollte vor den Toren Moskaus eine Sommerresidenz errichten. Das vom Architekten Baschenow gebaute Schloss gefiel ihr nicht, sie ließ es 1785 wieder abreißen. Auch der zweite Versuch des Architekten Kasakow fand wenig Gefallen bei ihr, sie verlor das Interesse und die Arbeiten wurden 1793 eingestellt. Das Hauptgebäude, ein paar Pavillons und Brücken blieben halbfertig stehen. Kaum zu glauben, welche Launen sich eine Herrscherin damals leisten konnte! Im 19. Jh. wurden einige kleinere Gebäude im neogotischen Stil fertiggestellt, die Ruinen und der Park entwickelten sich zu einem beliebten Ausflugsziel. Nachdem ab 1858 hier Land für die Errichtung von Datschen freigegeben wurde, wurde Zarizyno zum Sommerdomizil für namhafte Persönlichkeiten aus Aristokratie und Kunst, u.a. Iwan Bunin und Andrej Bely. Auch Peter Tschaikowski und Anton Tschechow weilten hier, angezogen durch die romantischen Ruinen. Erst Anfang dieses Jahrtausend ließ die Moskauer Stadtverwaltung den Park und die Gebäude sanieren.

„Neben“gebäude in Zaryzino

Launen der Herrschenden gab es nicht nur bei den Zaren, die zeigten auch die neuen Herrscher nach der Oktober-Revolution, wie wir im Lenin- Museum in Gorki Leninskie (Горки Ленинские) mit einiger Verwunderung erleben konnten.

Die Anfahrt dahin entwickelte sich zu einem spannenden Erlebnis, weil wir wegen eines Missverständnisses mit dem Busfahrer über unser Ziel hinausfuhren. Der aus dem nächsten Ort gekommene Taxifahrer „weigerte“ sich, uns zum Lenin-Museum zu bringen, denn die Autostraße mache einen 10 km langen Umweg, was teuer sei, während es einen viel kürzeren Trampelpfad durch Gestrüpp gebe.

Rose in den russischen Wäldern

Er fuhr uns ein paar Meter zum Beginn des Trampelpfades, wo er uns absetzte, uns auf der anderen Seite eines tiefen Tales unser Ziel, den alten Herrensitz, zeigte und sich mit einem freundlichen „Do Swidanja“ das Geschäft einer längeren Fahrt entgehen ließ. Auf dem schmalen Weg durch Brombeerengestrüpp und Brennnesseln gelangten wir dann wohlbehalten zu Lenins Wohnsitz, dem heutigen Lenin Museum.

Hauptgebäude in Lenins Vorstadtresidenz

Lenin beschlagnahmte 1918 das der Familie Morosow-Reinbot gehörende Herrenhaus als Vorstadtresidenz für sich, was den Vorteil hat, dass es von den Bolschewiki nicht geplündert wurde und dort Möbel und Einrichtungen vom Beginn des 20. Jh. erhalten sind. Man kann sehen, in welchem Luxus die reichen Leute damals lebten und darüber staunen, dass dem auch der Führer der Weltrevolution nicht abgeneigt war. Alle Räume waren äußerst geschmackvoll eingerichtet. Lenin verbrachte hier während seiner Krankheit die letzten Monate seines Lebens, er starb am 21. Januar 1924.

Gorki Leninskie, das früher Wyschnie Gorki hieß, liegt 35 km südlich von Moskau und Lenin brauchte natürlich ein Auto, um zwischen den Orten pendeln zu können. Dazu kaufte er in England einen Rolls Royce Silver Ghost, den er für den Winter mit Raupenketten und Skiuntersätzen an den Vorderrädern ausrüsten ließ. Der Silver Ghost war das schnellste, leiseste und teuerste Auto der damaligen Zeit. Es fuhr im Originalzustand 125 km/h, mit den Raupenketten maximal 60 km/h und verbrauchte dabei 37 Liter Benzin pro 100 km. Uns kam anlässlich dieses Luxus unwillkürlich der Roman „Animal Farm“ von George Orwell in den Sinn, in dem es heißt „Alle Tiere sind gleich, manche sind gleicher“. Er schildert darin, dass die Anführer einer Revolution die Forderung nach Gleichheit schnell vergessen, wenn sie erst einmal an der Macht sind.

Lenins Rolls Royce „Silver Ghost“

In einiger Entfernung vom Herrensitz entdeckten wir unter dem Motto „Monumentale Propaganda in der SSSR“ eine interessante Ausstellung. Zum einen etwa 20 Skulpturen aus der Sowjetzeit, 15 Mal Lenin in allen bekannten Posen, drei von Stalin und je eine von Marx und von Engels. Zum anderen waren Schautafeln aufgestellt, die zeigten, wie Fotos in der Stalinzeit der politischen Opportunität angepasst, also gefälscht wurden. Unliebsam gewordene Personen, die nicht mehr mit Stalin oder Lenin gezeigt werden sollten, wurden aus der Aufnahme entfernt. Auch dieses erinnert an einen Roman von Orwell, an „1984″.

Gefälschte Fotos und ihre Originale

Unser letzter Ausflug in die Umgebung ging nach Peredelkino, einer Siedlung mit etwa 50 Datschen für verdiente Dichter und Schriftsteller der Sowjetunion. Wir fuhren die 20 km vom Kiewer Bahnhof mit einer „Elektritschka“, einem Vorortzug, hin und zurück für 64 Rubel, also für knapp einen Euro.

In der Elektritschka von Peredelkino nach Moskau

Die Datschen sind hier große Holzhäuser auf parkähnlichen, einen Hektar großen Grundstücken, bei deren Betreten man sofort von der ruhigen, besinnlichen Atmosphäre eingefangen wird. Hier könnte man die Muße finden zum Dichten und Schreiben – wenn es der politische Druck zulässt!

Datscha von Boris Pasternak

Das Haus von Boris Pasternak, dem Autor von Dr. Schiwago, ist als Museum eingerichtet. Man kann die Räume ohne Führung besichtigen, allerdings gefolgt von einer streng blickenden Aufpasserin. Die Einrichtung ist sehr spartanisch. Pasternak hatte in seinem Arbeitszimmer außer der Bibel und einem deutschen Wörterbuch keine Bücher. Er meinte „Ein Stuhl, ein Tisch, ein Bett, mehr braucht ein Dichter nicht – das weitere muss die Fantasie machen“.

Pasternak feiert den Nobelpreis für Literatur 1958

Nach der durch Chrustschow erzwungenen Ablehnung des Literatur-Nobelpreises 1958 erkrankte Pasternak an Lungenkrebs, er starb am 30. Mai 1960. Der seelische Druck war zu groß. Obwohl sein Tod offiziell verheimlicht wurde, kamen 5000 Menschen zu seiner Beerdigung.

Datscha von Tschukowski

Nicht weit entfernt das Haus von Kornej Tschukowski, einem der bekanntesten sowjetischen Kinderbuchautoren. Dieser folgte dem Aufruf Stalins und Gorkis, gute Kinderbücher zu schreiben – und blieb sein ganzes Leben dabei. „In der Stalin-Epoche geriet Tschukowski mit seinen Werken bei den Machthabern in Ungnade – auch und insbesondere mit etlichen seiner Kinderbücher, da unter anderem das Märchen von dem Riesenkakerlak von einigen regimetreuen Kritikern jener Zeit als ein Pamphlet gegen Stalin angeprangert wurde. Viele Werke Tschukowskis wurden daher verboten und erst in der Tauwetter-Periode nach Stalins Tod und der Machtergreifung Nikita Chruschtschows wieder freigegeben.“ (Wikipedia) 

Sein erstes Kinderbuch schrieb er schon 1916, es hieß „Das Krokodil“. Dieses wandert durch Russland und stellt so den jungen Lesern ihre Heimat vor. Hier konnten wir das Haus nur mit einer Führung besichtigen, die eine junge Frau in gutem Englisch lebhaft gestaltete. Alle Zimmer waren voller Bücher, seine eigenen, die in viele Sprachen übersetzt wurden, Bücher von Walt Whitman, die er ins Russische übersetzte, Bücher von befreundeten Schriftstellern, die Bücher, die er in den Wochen vor seinem Tod las…. Tschukowski pflegte enge Beziehungen zu Schriftstellern in Japan und in den USA. Er war auch mit Solschenizyn befreundet, der viele Jahre im Gulag verbrachte und vor seiner Ausbürgerung mehrere Wochen in Tschukowkis Datscha lebte.

Foto von Solschenizyn in Tschukowskis Bücherschrank

 

Wir verließen diese besondere Datschensiedlung mit gemischten Gefühlen: einerseits die idyllischen Häuser, Parks und Gärten, Orte der Besinnung und des schöpferischen Schaffens, andererseits der politische Druck, der die Bewohner zur Systemtreue zwang.

Die drei Tage in Moskau haben uns noch einmal den Zwiespalt zwischen der Politik der Regierung(en) und dem alltäglichen Leben der Menschen bewusstgemacht, in der Vergangenheit und heute. Die auffallend vielen, immer großen chinesischen Reisegruppen waren nicht zu übersehen. Ausschilderungen in Geschäften und auf den Speisekarten findet man inzwischen öfter in Chinesisch als in Englisch. Beides ist ein Zeichen für die Öffnung Russlands nach China, weg von Westeuropa, das – für uns unbegreiflich – dieser Entwicklung tatenlos zuschaut. Dabei sagen viele Russen selbst, dass sie zwar anders seien als die „Europäer“, aber sich in Kultur und Geschichte dem nahen Westen viel näher fühlen als dem fernen Osten.

Auf dem Boulevard-Ring war eine von der Stadt Moskau veranstaltete Ausstellung zur Geschichte der Russischen Eisenbahn zu sehen. Dort gab es auch ein Bild von der am 17. Dezember 2016 erfolgten Eröffnung der Zugverbindung Moskau – Berlin mit dem Zug „Strisch“, zu Deutsch „Mauersegler“. Ist das eine letzte Schwalbe der besseren Beziehungen zu Deutschland vergangener Jahre oder doch ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft? (Für die Ornithologen: Ich weiß, dass Mauersegler keine Schwalben sind.) Ob man heute noch einmal so ein Projekt beginnen würde?

Eröffnung der Zugverbindung Moskau – Berlin 2016

Wir waren auch hier in Moskau wieder berührt von der freundlichen Haltung vieler Russen gegenüber Deutschland. Oft hörten wir „Deutschland gut“, wenn wir erkannt wurden. Dies erlebten wir auch in Nischni bis zum letzten Tag immer wieder. Da haben die Verbrechen, die im Zweiten Weltkrieg verübt wurden und die Leiden, die Deutschland über die russischen Menschen gebracht hat, keinen Hass hinterlassen, auch wenn nichts vergessen ist. Und leider spüren wir auf deutscher Seite oft Ablehnung, Skepsis, Angst vor den Russen oder eine Haltung der moralischen Überlegenheit. Die drei Jahre in Russland haben uns gezeigt, dass dies falsch ist. Deshalb halten wir die persönlichen oder kommunalen Kontakte für so wichtig. Sie können mithelfen, eine Grundlage für bessere Beziehungen unserer beiden Länder zu schaffen. „Ich möchte nicht, dass meine Enkel einst in einem Europa leben, das nur noch ein amerikanischer Brückenkopf in einem chinesisch-russischen Eurasien ist. Ich möchte nicht, dass alter Hass und neuer Unverstand Russland in eine Allianz treibt, die es nicht will und die Europa extrem verletzbar und abhängig machen müsste“. Erhard Eppler in seiner Rede vom 22.6.2016 zum 75. Jahrestag des Beginns des Russland-Feldzuges.

Unser Russlandabenteuer hat ja noch handfeste Nachwirkungen: Im Oktober kommen die Schüler des Gymnasiums Nr. 1 aus Nischni Nowgorod mit dem Theaterstück „Komm wieder – aber ohne Waffen“ zu einer Tournee nach Deutschland. Die Termine für die Aufführungen werden wir noch mitteilen. Jeder ist herzlich eingeladen.

 

Kamtschatka

Die Halbinsel Kamtschatka erstreckt sich im Nordosten Sibiriens über 1600 km Länge vom 51. nördlichen Breitengrad (entspricht etwa Jena mit 50,9° oder Erfurt) bis zum 62. (entspricht Trondheim in Norwegen). Im Osten liegt der Stille Ozean, im Westen das Ochotskische Meer und Sibirien. Vom russischen Festland aus gibt es keine Straßen oder Bahnen, Kamtschatka ist daher für Reisende nur mit dem Flugzeug oder dem Schiff zu erreichen. Zu der vor zehn Jahren gegründeten Region Kamtschatka (Край Камчатка) gehören noch Teile des Festlandes, diese Region ist so groß wie Deutschland und Österreich zusammen. In ihr lebten 2016 etwas über 316000 Menschen.

Здесь начинаетса Россия – Hier beginnt Russland. Berlin 7846 km, Sotschi 7809 km

 

Petropawlowsk-Kamtschatski, die Hauptstadt der Region Kamtschatka ist aus einer 1740 an der Awatschinski-Bucht errichteten Siedlung hervorgegangen. Es hatte bis zum Beginn des 20. Jh. nur wenige Hundert Einwohner. In der Sowjetzeit wurde die Halbinsel zum militärischen Sperrgebiet erklärt und in der Bucht ein großer Hafen für die sowjetische Pazifikflotte gebaut. 1990 lebten etwa 300000 Menschen in Petropawlowsk, die Einwohnerzahl nimmt seitdem ab und betrug 2016 nur noch 180000. In der Stadt überwiegen Plattenbauten mit hässlichen Fassaden. Es ist eine Stadt zum Essen, Schlafen und Wegfahren, nämlich in die wilde Natur der Umgebung. Dies sagte einer unserer Reiseführer. Er lobte die deutsche Hilfe bei der Verbesserung des Naturschutzes und bei der Einrichtung von Reservaten.

Die Sommersaison auf Kamtschatka ist kurz, zehn bis zwölf Wochen bleibt es in Petropawlowsk und in den tieferen Lagen schneefrei. Mensch und Natur müssen diese kurze Zeit nutzen. Dies merkte man an den Hotelpreisen, den Baustellen in der Stadt und an den vielen Festen. Wir kamen am 1. Juli gerade zur Feier des 10jährigen Bestehens der Region Kamtschatka zurecht. Auf einer großen Bühne am Leninplatz an der Leninstraße vor dem monumentalen Lenin-Denkmal unterhielten Sänger, Chöre und Tanzgruppen ein zahlreiches Publikum. Eine indigene Trachtengruppe zeigte alte Tänze. Frauen ahmten mit schrillen Schreien Seevögel nach – sehr ungewöhnlich, Männer tanzten wild mit großen ledernen Handtrommeln. Der Festplatz liegt an der 20 km breiten Awatschinski-Bucht, bei klarem Wetter kann man von dort den Wiljutschinski Vulkan am gegenüberliegenden Ufer bewundern.

Auf der Bühne traditioneller Tanz mit ledernen Trommeln, hinter der Bühne Lenin, hinter Lenin Gasprom

Auch die Natur beeilt sich, die kurze Saison zu nutzen: wo vor fünf Wochen noch Schnee lag, ist jetzt ein dichtes Grün von Sträuchern und Gräsern mit vielen Blumen. In den Wäldern überwiegen die Erle und die Steinbirke (Betula Ermani), letztere ist zum Baum Kamtschatkas gewählt worden.

Wir konnten die üppige Natur gleich am ersten Tag bewundern, denn wir folgten der Empfehlung unserer Vermieterin Olga, eine Ethnoschau zu besuchen. Dahin fuhren wir mit einem Jeep durch Wald mit wucherndem Bodenbewuchs bis wir ein großes Gelände erreichten, auf dem Schlittenhunde und Rentiere gezüchtet werden.

Dort führte uns eine junge Frau aus dem Volk der Korjaken zunächst in das Leben der indigenen Völker Kamtschatkas ein, von denen es noch Itelmenen, Tschuktschen, Evenen, Ainu und Aleuten gibt, Völker mit nur noch wenigen Angehörigen, die versuchen, ihre alte Lebensweise trotz der notwendigen Modernisierung zu erhalten und zu pflegen. Es folgten Führungen zu den Schlittenhunden und in ein Rentiergehege. Zum Abschluss gab es ein Abendessen in einer modernen Jurte aus Holz.

Schlittenhunde, Vulkane

Dies alles war lehrreich und interessant, es wurde anschaulich und lebhaft dargeboten. Noch mehr berührt hat uns aber die Begegnung mit den Schlittenhunden, von denen es dort 144 aus verschiedenen Rassen gibt, vor allem sibirische Huskys und Musher. Wir wurden von den angeleinten Hunden jaulend und bellend begrüßt, sie rannten um ihre Hütten und sprangen wild umher. Ich hatte die Warnungen vor angeketteten Hofhunden im Kopf und war sehr überrascht, als uns Andrej, der Besitzer des Anwesens, ermunterte: „Geht doch mal da durch, die Hunde freuen sich darüber.“ Und so war es dann auch. Die Hunde warteten darauf, gestreichelt oder umarmt zu werden. Das führte bei den anderen zu noch wilderem Jaulen – aus Eifersucht und aus Angst, nicht auch beachtet zu werden. Die Rentiere im Gehege stürzten sich auf uns wegen der Futter-Körner, die wir zuvor in unsere Hände geschüttet bekommen hatten, die Hunde suchten nur den Kontakt und die Berührung! Sehr bewegend. Zu einer Ausfahrt mit einem Rennwagen wurden sechs Hunde eingespannt, die vor Begeisterung kaum zu bändigen waren und deren Gebelle das enttäuschte Gejaule derer übertönte, die nicht ausgewählt worden waren.

Das Besitzerehepaar Andrej und Nastia Semaschkin (sechs Kinder) nimmt mit großen Erfolgen an der Beringia, dem berühmten Hundeschlittenrennen teil. Es führt durch ganz Kamtschakta bis aufs Festland. Andrej gewann schon viermal den ersten Platz, Nastja einmal den dritten. Eines ihrer Kinder hatte auch ein Rennen gewonnen, aber den angebotenen Pokal abgelehnt, denn: „Wir haben schon genug zu Hause!“ Auch für die Hunde ist dies eine Herausforderung, die aber gierig und gern angenommen wird.  Die Beringia wird seit 1990 ausgetragen. Sie gehört zu den Bemühungen, die traditionelle Lebensweise und die eigenartige Kultur indigener Völkerschaften des nordöstlichen Russlands wiederzubeleben. (>http://www.snowdogskamchatka.com<  E-Mail: sled_dog_offiсe@mail.ru.)

Wir hatten bei der Reiseagentur „Vision of Kamtschatka“ ein achttägiges Touren-Paket mit Unterbringung in einem Hotel gebucht. Vor und nach der Tour mieteten wir Ferienwohnungen. Dabei machten wir die uns schon bekannte Erfahrung: Plattenbau, ungepflegte Fassade, abgewohnter Hausflur, aber hinter der (eisernen) Wohnungstür saubere, modern eingerichtete Räume. Beide Vermieterinnen sagten uns, dass wir Wasser aus der Leitung trinken können, das saubere Wasser sei der Stolz der Menschen hier. Auch bei den Touren kamen wir an Bächen mit trinkbarem Wasser vorbei. Die Luft ist rein, weil es außer einer Fischverarbeitungsfabrik keine Industrie gibt. Strom wird in Thermalwärme-Kraftwerken erzeugt. Luftverschmutzer sind der Autoverkehr, der in den letzten Jahren stark zugenommen hat und die Vulkane, die Gase und Staub ausstoßen. Kamtschatka liegt am „Pazifischen Feuerring“. Dort schiebt sich die Pazifische Erdplatte unter die Eurasische Kontinentalplatte, was zur Entstehung der vielen Vulkane führte und noch führt. In der Region gibt es 130 Vulkane, von denen 29 aktiv sind.

Drei unserer Touren führten in Vulkangebiete. Sie begannen immer mit langen Anfahrten, einmal mit einem Mitsubishi Pajero, zweimal mit umgebauten Allradantrieb-Militär-LKWs, auf deren Ladefläche eine Personenkabine montiert war, in der wir schon auf den Straßen und dann vor allem auf den Stein- und Schneepisten kräftig durchgeschüttelt wurden.

Umgebauter LKW mit Allradantrieb, Rast in Flussbett

Das feuchte und wechselhafte Wetter ist ein weiteres Merkmal Kamtschatkas. Der nahe, kalte Ozean und die hohen Berge führen zu raschen Wechseln und schwieriger Vorhersagbarkeit. Innerhalb von wenigen Minuten kann der Nebel verschwinden und blauem Himmel mit Sonnenschein Platz machen – was wir erfreut erlebten – oder er bleibt trotz anderslautender Vorhersage hängen – was wir ebenfalls erfahren mussten.

Start bei Nebel zur Wanderung auf den Aussichtsberg „Kamel“

Die Wanderung auf dem Plateau zwischen den Vulkanen Awatschinski und Korjakski begann an einer „Turbasa“ (Hütte) bei Nebel auf Sandwegen. Gerade als wir auf ein Schneefeld wechselten, kam die Sonne hervor und der Aufstieg auf den kleinen Aussichtsberg „Kamel“ (Верблюд) zwischen den Vulkanen wurde zu einer Genusswanderung.

Am Ziel Sonne! Der Vulkan Korjarski vom „Kamel“ (Верблюд) aus gesehen.

Eine unserer Mitwanderenden konnte das Tempo nicht mithalten, die Gruppe wartete immer wieder geduldig und auch die Frau selbst zeigte keinen Stress. Sie folgte der Gruppe langsam und vergnügt bis zum Gipfel. Auf dem Rückweg gab es in der Turbasa ein Mittagessen: Salat, Gemüsesuppe, Lachssteak mit Reis, Tee und Gebäck als Nachtisch. In dem Raum merkte man sofort, dass er nach der Erfindung von Plastik möbliert wurde. Stühle, Geschirr und Tischdecken waren aus diesem Material, das Ambiente nicht mit der Gemütlichkeit unserer Alpenhütten zu vergleichen. Aber das Essen war gut, Wodka gehörte dazu!

In der Turbasa

Pech mit dem Wetter hatten wir bei der Wanderung auf dem Plateau zwischen den Vulkanen Wiljutschinski und Goreli. Hier begleiteten uns Nebel und Regen von der Abfahrt in der Stadt bis zum Ziel in 850 m Höhe nach ca. 110 km Fahrt. Wir liefen über Schneefelder oder über Tundra-Boden, ohne von den Gipfeln irgendetwas zu sehen. Vitali, unser Reiseführer zeigte uns mitleidig auf dem Handy, was uns hier entging. Das Laufen auf dem angetauten Boden war manchmal schwierig, oben waren zwei Zentimeter weich und darunter war es noch hart gefroren. Besser ging man auf den Schneefeldern. Wir fanden Fährten von einem Vielfraß (Wolverine, росомаха) und dessen Jungen. Diese Raubtiere seien hier relativ häufig.

Unser Ziel, der Wasserfall „Veronikas Haare“, war mehr zu hören als zu sehen. In unserem Auto gab es nach der feuchten Nebelwanderung ein romantisches Mittagessen: Salat, Suppe, Lachs mit Reis und Nachtisch, auch hier fehlte der Wodka nicht.

Vor dem Wasserfall „Veronikas Haare“

Eine dritte Vulkan-Wanderung machten wir mit der Reiseagentur „Kamtschatka Wildtours“. Unser Ziel war der Krater des Кoselski Vulkans.

Ski-Lager, Rechts die Skipiste

Nach der Anfahrt war Startpunkt wieder eine Turbasa, diesmal ein Basislager für Skifahrer. Es bestand aus einer Hütte und mehreren ausgedienten Militär-LKWs mit Aufbauten, in denen Doppelstockbetten standen. Direkt daneben ein langes Schneefeld, auf dem sich Skifahrer tummelten, wie wir hörten, Leistungssportler und eine Schülergruppe. Typisch russisch waren die „Aufstiegshilfen“. Sehr einfach und billig, aber funktionierend: Ein Stahlseil im Schnee liegend, ohne Stützen, ohne Bügel, eine Rolle unten mit Dieselantrieb und eine oben am Berg. Der Skifahrer klemmt einen Bügel mit einem Haken an das Seil und wird hochgeschleppt. Oben wird der Bügel gelöst und von ihm oder anderen gesammelt wieder hinunter transportiert.

Diesmal lagen im Tal über der Stadt niedrig hängende Wolken und hoch über den Gipfeln eine zweite dünne Wolkenschicht. Die ungewöhnliche Beleuchtung bescherte eigenartige Ausblicke auf die schwarzbraunen Lava-Felder mit Schnee-Streifen und den unter uns liegenden Wolken.

Bald am Ziel

Wir hatten Gelegenheit, diese Aussicht oft und lange zu genießen, weil wir bei dem sehr mühsamen Anstieg in der leichten Bimsstein-Schlacke immer wieder Pausen einlegen mussten. Bei jedem Schritt sanken wir knöcheltief ein und rutschten ein Stück zurück. Obwohl wir die Fußstapfen unserer drei Wanderführer benutzten, war das sehr anstrengend.  Leichter ging es, wenn wir über Schneefelder aufsteigen konnten. Erschöpft erreichten wir wenigstens den unteren Rand des schon lange erloschenen Vulkans. In dieser Höhe gab es nur Schlacken und Schnee und kühlen Wind und dennoch überraschend viele Mücken. Ausgerechnet heute hatten wir unseren Antibrumm Forte im Auto gelassen – zur Gewichtserleichterung. Der Abstieg in der tiefen Lava-Asche war danach ein Kinderspiel, hier rutschte die Schlacke in die richtige Richtung und es ging flott abwärts.

Zum Abschluss gab es unterhalb der Turbasa auf einem dichtbewachsenen Lava-Feld ein Picknick, in dieser stillen Landschaft ein besonderes Erlebnis. Die von unseren Führern frisch gegrillten Schaschliks wurden direkt von den Spießen gegessen und schmeckten nach der anstrengenden Wanderung zusammen mit dem (zu viel) angebotenen Wodka sehr gut.

Von den heißen Quellen Kamtschatkas gehörten drei mit unterschiedlicher Qualität zu unserem Reiseprogramm. In Selenewski Oserki (sehr einfach) und in Paratunka (gepflegt) badeten wir in warmem bis heißem Wasser in Becken. Dort gab es Häuser mit Umkleiden und Kioske, aber keine Cafés oder Restaurants, in denen man sich nach den Badefreuden hätte ausruhen können.

Dampfende Tümpel in Malki

In Malki waren es mehrere naturbelassene Tümpel, in deren kniehohem Wasser mit unterschiedlichen Temperaturen man sich tummeln konnte oder die man besser mied, wie eine kleine schmerzhaft heiße Quelle neben einem reißenden Flüsschen. Der angrenzende große Zeltplatz war nur wenig belegt, wir konnten in Ruhe baden. Auch hier keine Einkehrmöglichkeit. Da bleibt nichts anderes übrig als zurück in die Stadt (120 km) zu fahren, mit zwei Stunden wieder viel Aufwand für ein kurzes, wenn auch ungewöhnliches Vergnügen!

Kurz waren dagegen die Wege zu Schiffsrundfahrten in der Awatschinski Bucht und auf dem Stillen Ozean. Eine vierstündige Fahrt gehörte zum Tour- Programm, eine ganztägige zur Russischen Bucht buchten wir selbst. Bei beiden Touren war die Luft kalt und wer die Mahnung von Vitali befolgt hatte, sich warm anzuziehen, war gut beraten.

 Die Awatschinski Bucht mit den „Drei Brüdern“, hinten der Wiljutschinski Vulkan

Die von den Amerikanern seit 1952 so genannte „Russische Bucht“, die bis dahin Ahomten Bucht hieß, ein itelmenischer Name. Im 2. Weltkrieg wurden hier die Lieferungen aus Amerika und Kanada (Nahrungsmittel und strategische Güter) auf andere Schiffe zur Fahrt nach Wladiwostok umgeladen.

Bei der Fahrt zur Russischen Bucht zeigte der Bordcomputer beim Ablegen morgens um acht im Nebel 11,8° Lufttemperatur, nachmittags bei strahlender Sonne und abends bei Rückkehr waren es 12,4°. Das Schiff, die Orca, hatte einen offenen, nur mit einem Zelt überdachten Steuerraum, in dem der Kapitän in einer dick gefütterten Plastikjacke dem kalten Wind trotzte und das Schiff durch den Nebel lenkte. Die Besatzung bot uns ebenfalls solche winddichten Jacken an. In der Stadt war es den ganzen Tag über angenehm warm gewesen.

Morgens: Nebel. Fahrgäste und Kapitän, warm gekleidet

Mittags wichen Nebel und Wolken schlagartig, plötzlich sahen wir den Ozean bis zum Horizont und die imponierende Bergwelt an Land. Beeindruckend die steilen Felsufer und die ungewöhnlichen Felsen, die vielen, von Vogelscharen bewohnten Inseln, Seehunde, die ihre Köpfe neugierig aus dem Wasser streckten oder in Scharen lärmend auf flachen Steinen lagerten.

Mittags: Sonne. Felsen, Seehunde, blaues Meer am Steilufer des Pazifik

Angeln war bei beiden Schiffstouren ein wichtiger Teil des Programms. Die Fische bissen rasch an, und der Erfolg war einkalkuliert, denn der Fang wurde umgehend als Fischsuppe und, besonders köstlich, gebraten zubereitet. Die Krebse holte ein Taucher vom Meeresgrund.  Für die nicht seekranken Mitfahrenden, zu denen wir glücklicherweise gehörten, war dies alles auf den heftig schaukelnden Schiffen ein Vergnügen.

Der Taucher zeigt stolz den Fang

Vor dem Mahl: Fotos

Rose hat zwei Hubschrauber-Ausflüge sehr genossen. Hier ihr Bericht:

Der erste Ausflug führte zum Kronotski Naturreservat. Dieses liegt etwa 180 Kilometer nordöstlich von Petropawlowsk-Kamtschatski und ist mit dem Hubschrauber in 70 Minuten zu erreichen. Mit seinen aktiven und erloschenen Vulkanen, Fumarolen (kleine vulkanische Dämpfe), und Geysiren ist es das Juwel unter den Schutzgebieten Kamtschatkas. Seit 1984 ist das Gebiet ein Biosphärenreservat der UNESCO. Die Fläche beträgt 10000 Quadratkilometer, das entspricht einem Drittel von Baden-Württemberg. Laut Naturschutzgesetz ist Tourismus ausdrücklich nicht erwünscht, nur in einigen Gebieten darf mit Sondergenehmigung gewandert werden. Doch gibt es eine begrenzte Zahl von Helikopterflügen.

 

Man hatte uns gewarnt: Es könne lange Wartezeiten geben, bis der Nebel weicht. Geflogen wird nur wenn die Sicht, nicht nur in Nikolaewka, unserem Hubschrauber-Flugplatz bei Petropawlowsk, sondern auch unterwegs und im Tal der Geysire gut ist. Aber wir hatten Glück. Kaum am Flugplatz angekommen, bekamen wir auch schon unsere Teilnehmerplakette und wurden zu einem Hubschrauber geführt, der innen wie Militärhubschrauber aussah: Man saß mit dem Rücken zu den Bullaugenfenstern. Unsere Flugbegleiterin, die uns auch den ganzen Tag führte, eine kompetente junge Frau, händigte die Ohrenschützer aus und erklärte die Ziele: Das Tal der Geysire, die Uzon-Caldera, der Nalycheva-Naturpark. Doch zunächst einmal der Flug, den man so zusammenfassen kann: eine unbequeme Sitz-Situation aber spektakuläre Ausblicke über grüne Täler, Schneefelder, vorbei an den erloschenen und aktiven Vulkanen mit ihren Fumarolen.

Unser erster Landeplatz war im „Tal der Geysire“. Dort bewegt man sich nur auf Holzstegen und nur mit bewaffneten Inspektoren, um die Natur vor Menschen und die Menschen vor Bären zu schützen. Hier leben etwa 600 Braunbären.

Das sechs Kilometer lange Tal, das erst 1941 von der Wissenschaftlerin Tatjana Ustinova entdeckt wurde, weist 90 Geysire auf und ist somit eines der weltweit größten Gebiete heißer Quellen. Hier zischt und brodelt es überall, 35 – 100 ° heißes Wasser schießt minutenlang bis in Höhen von 25 Metern. Besonders beeindruckend ist der Geysir „Velikan“ (Riese), der zuverlässig alle 60 Minuten ausbricht.

Unser zweiter Landeplatz war die neun mal zwölf Kilometer große Uzon-Caldera, die sich vor 40 000 Jahren durch mehrere gewaltige Explosionen bildete. Eine Caldera entsteht, wenn die Flanken des Vulkankegels wegbrechen und der Vulkankegel in die Tiefe sinkt.

  

Wieder wurden wir durch Inspektoren auf Holzstegen geführt, denn an einigen Stellen ist die Erdkruste gefährlich dünn, die Erde heiß und das Wasser nicht nur manchmal kochend, sondern auch schwefelhaltig. Auch hier gibt es viele Bären. 

 

Unsere dritte Landung war im Naturpark „Nalychewa“, wo wir in natürlichen Thermalquellen bei 40° warmem Wasser badeten. Nach dem Bad hatte man eine lange Tafel auf der grünen Wiese für uns gedeckt. Es gab wie immer auf Kamtschatka Lachs.

Der Heimflug bot wieder großartige Ausblicke, wie dieses Beispiel zeigt.

 Erfüllt von diesen einmaligen Natureindrücken konnte ich der Verlockung nicht widerstehen, ein paar Tage später noch einen Hubschrauber-Ausflug zu machen.

Diesmal ging es 90 Minuten nach Süden, zum Kurilensee. Erfahren, wie ich jetzt schon war, ergatterte ich den Sitz neben dem Einstieg. Dort kann man eine Vierteldrehung zur Tür hin machen und dann in Fahrtrichtung sitzen, wobei man eine freie Sicht durch die Tür hat. Ein ganz anderes Flugerlebnis!

 

Das Juschno-Kamtschatski-Naturreservat, in dem der Kurilensee gelegen ist, wurde bereits 1882 vom Zaren eingerichtet, um die wertvollen Zobelbestände zu erhalten. Der Kurilensee füllt einen vor etwa 8400 Jahren eingebrochenen Krater aus. Er ist für seinen Reichtum an Lachsen bekannt. In dem klaren und kalten Wasser laichen die Lachse, die von März bis September vom Ochotskischen Meer hochwandern. Es gibt eine Lachszählstation, an der jährlich bis zu fünf Millionen Fische gezählt werden. Dies wissen auch die Seeadler und die etwa 200 Bären, die hier auf die Lachse warten und sich ihren Winterspeck anfressen. Würden wir welche zu sehen bekommen? Dies war die Frage, die alle in unserer 20köpfigen Gruppe umtrieb. Zunächst einmal wurden wir mit einem kleinen Motorboot über den malerischen See gefahren.

Und da waren auch schon die ersten: eine Bärenmama mit ihren zwei Kleinen! Unser Bootsmann schaltete den Motor ab, wir fuhren bis auf zwanzig Meter ans Ufer heran. Die Bären ließen sich durch uns nicht stören.

 

Auch auf dem Rückweg kamen wir an einem weiteren Prachtexemplar vorbei. Und dann zurück am Landesteg sahen wir noch einen Bären, der am Strand schlief – vermeintlich! Denn plötzlich sprang er auf und fing einen Lachs, den er aufrecht im Wasser sitzend in beiden Pratzen hielt und wie eine Banane fraß.

Wen schützt der elektrisch geladene Zaun – die Menschen oder die Bären? Dieses Meisterfoto gelang leider nicht mir, sondern einem Mitglied unserer Reisegruppe, der vier Tage früher hier war

Von unserer Führerin erfuhren wir interessante Details aus dem Bärenleben. Zum Beispiel, dass Bärinnen ihre Jungen während ihres Winterschlafs gebären. Die Neugeborenen wiegen nur ca. 400 Gramm, durch Winseln machen sie die Mutter auf sich aufmerksam. Deren Muttermilch ist so fetthaltig, dass die Bärchen innerhalb von vier Wochen auf drei bis vier Kilo heranwachsen. Noch eine interessante Information: Nach dem Winterschlaf fressen die hungrigen Bären die ganzen Lachse. Wenn sie satt sind, im August, nur noch ihren Kaviar.

Hochzufrieden stiegen wir nach eineinhalb Stunden wieder in den Hubschrauber und flogen zu unserem nächsten Ziel: der Caldera des Vulkans Ksudatsch. Das Wasser hatte wieder 40 Grad und es war eine Wonne, auf dem warmen Lavastrand zu liegen. Doch baden durften wir erst am nächsten Ziel, in den heißen Quellen am Fuße des Vulkans Chodutka. Nach dem Baden wartete wieder ein gedeckter Tisch im Freien auf uns und auch diesmal gab es natürlich – Lachs!

 

Noch einige allgemeine Erfahrungen dieser Reise.

Die achttägige Tour mit dem Reiseunternehmen „Vision of Kamtschatka“ hat sich bewährt, Organisation und Durchführung unserer Unternehmungen klappten gut und pünktlich. Untergebracht waren wir im Awatscha-Hotel (Авача), das enge Zimmer hatte, die großen Betten ließen nur schmale Gänge. Frühstück und Küche waren gut, das Personal freundlich und hilfsbereit. Vitali, unser Reiseführer,  sprach englisch, (was eine Ausnahme ist, ohne Russischkenntnisse ist eine Reise dorthin schwierig). Ob wir den 10%igen Rabatt auf unsere Zertifikate Nr. 788 und 789 bei der nächsten Buchung nutzen werden, lassen wir getrost offen, zumal sie 72 Jahre gültig sind.

Eine andere Möglichkeit auf Kamtschatka ist es, Ferienwohnungen zu mieten, die viel billiger als Hotels sind und Ausflüge und Wanderungen bei einem der vielen kleinen Touristenbüros zu buchen. Wir machten gute Erfahrungen mit der neugegründeten Agentur „Kamtschatka Wildtours“. Die jungen Leute gingen flexibel auf unsere Wünsche ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit der Transsib nach Nowosibirsk

Wir sind zurück von unserer großen Reise nach Kamtschatka, das neun Zeitzonen östlich von Nischni Nowgorod liegt. Um die Zeitumstellung besser zu verkraften und etwas von Sibirien zu sehen, fuhren wir mit der Transsib bis nach Nowosibirsk. Von dort flogen wir nach Petropawlowsk-Kamtschatka. In Jekaterinburg und in Omsk unterbrachen wir die Zugfahrten für kurze Aufenthalte.

Nach 21 Stunden Fahrt mit der Transsib ab Nischni Nowgorod erreichten wir morgens um 3.22 Uhr (Ortszeit) Jekaterinburg, das 40 km östlich des Ural liegt, der imaginären Grenze zwischen Europa und Asien. Die Stadt wurde 1723 von Peter I. gegründet, um Industrie zur Ausnutzung der Erz- und Edelstein-Vorkommen anzusiedeln. Daher finden sich dort heute noch viele Wohnhäuser und Fabrikbauten aus dem 18. und 19.Jh., die zusammen mit konstruktivistischen Gebäuden aus den 20er und 30er Jahren ein charakteristisches Stadtbild ergeben. Bis 1991 hieß Jekaterinburg Swerdlowsk. Es war wegen der Waffenindustrie eine geschlossene Stadt.

Alter Fabrikbau in Jekaterinburg

Jugendstil-Holzhaus

Schmiedeeiserenes Geländer am Städtischen Teich, im Hintergrund die „Kathedrale auf dem Blut“

Am 17. Juli 1918 wurde im Haus des Kaufmanns Ipatjew der letzte russische Zar Nikolaus II. zusammen mit seiner Frau, vier Töchtern und dem Kronprinzen sowie vier Bediensteten von den Bolschewiken erschossen. Die Toten transportierte man an den Stadtrand, begoss sie in der Grube Ganina Jama mit Schwefelsäure und verbrannte sie. Die Leichen wurden in einem Massengrab beerdigt, der Boden wurde befestigt, in dem man LKWs darüberfahren ließ. So hoffte man, jegliche Spuren der Zarenfamilie und die Erinnerung an sie ausgelöscht zu haben. Das misslang gründlich.

1977 ließ Boris Jelzin, damals Parteichef des Oblasts Jekaterinburg auf Anordnung des Politbüros, das Ipatjew-Haus in einer Nacht unangekündigt abreißen, um zu verhindern, dass hier eine Erinnerungsstätte an den Zaren entsteht. Bemerkenswert: Nach 60 Jahren kommunistischer Diktatur und Propaganda, also nach zwei Generationen, sieht man sich veranlasst, dieses Haus in einer Nacht- und Nebelaktion zu beseitigen. 1979 gab es von privater Seite heimliche Grabungen im Wald, bei denen Skelettteile und Stoffreste gefunden wurden. Die Menschen wussten also, wo sie graben müssen, um etwas zu finden. Und sie hatten den Mut, dieses damals höchst illegale Werk zu unternehmen. Die Erinnerung an den Zaren war nicht verschwunden.

1991, nach dem Ende der Sowjetunion, wurden zunächst neun Skelette ausgegraben und genanalytisch eindeutig den Ermordeten zugeordnet. Zwei fehlten: der Kronprinz Alexej und seine Schwester Maria, was zu Spekulationen Anlass gab, sie hätten das Massaker überlebt. Aber später wurden an einer anderen Stelle Knochen der beiden fehlenden Opfer gefunden und ihre Zugehörigkeit zur Zarenfamilie 2007 gentechnisch bestätigt. Damit ist auch die Frau als Lügnerin entlarvt, die seit 1920 behauptet hatte, dem Mord entkommen und die Zarentochter Anastasia zu sein.

„Kathedrale auf dem Blut“

Heute steht an der Stelle des Ipatjew-Hauses die mächtige „Kathedrale auf dem Blut“, die sich zu einem Wallfahrtsort für Zaren-Anhänger und orthodoxe Gläubige entwickelt hat. In der Nähe der Grube, in der man die Leichen verbrannte, wurde ein Kloster mit sieben Kirchen errichtet, eine für jedes Mitglied der Zarenfamilie. Diese wurde 2000 von der orthodoxen Kirche heiliggesprochen, zusammen mit tausend Geistlichen, die in der Sowjetunion ihres Glaubens wegen verfolgt und getötet worden waren. Am 17. Juli, dem Tag der Ermordung, pilgern jedes Jahr Zehntausende die 24 km von der „Kathedrale auf dem Blut“ zu dem Kloster bei Janina Jamal.

Da die Kathedrale gerade renoviert wurde, konnten wir nur die Unterkirche besichtigen, in der sich Mauerreste des Ipatjew-Hauses befinden. Dort war gerade Gottesdienst. Ein Laie sang eine lange Litanei. Er wurde abgelöst durch einen Popen, dessen Bass-Stimme uns fast erschaudern ließ: wohltönend und voll und eindringlich. Wir dachten anfangs, er sänge mit Mikrofon. Unglaublich.

Eine Gedenkstätte ganz anderer Art ist das 2015 in Anwesenheit von Putin eröffnete „Boris Jelzin Präsidenten Zentrum“, ein moderner Bau aus Glas und Beton. Es enthält das Boris-Jelzin-Museum, das der zeitgenössischen Geschichte Russlands gewidmet ist. In sieben Abteilungen, genannt „Tage, die Russland veränderten“ sind die Präsidentschaft Jelzins und seine Epoche dargestellt. Leider war es, wie die meisten Museen auf der Welt, montags geschlossen. Gern hätten wir gesehen, was zur Übergangszeit von der Sowjetunion zu Russland gezeigt wird, und was zu den Putschversuchen 1991 und 1993 oder zum wilden Kapitalismus Ende der 90er Jahre, die von den meisten Russen als sehr schmerzhaft erlebt wurden.

Boris Jelzin Präsidenten Zentrum

Doch wir konnten das Gebäude besichtigen, in dem ein Konferenz- und Bildungszentrum, eine Bibliothek und Büros von Ämtern und Firmen untergebracht sind. Gleich am Eingang steht Jelzins Karosse aus seiner Zeit als Parteichef von Swerdlowsk. In den Vorräumen zum Museum wurden einige Exponate zu Jelzin gezeigt, in einer Art Vorschau: Jelzin in allen denkbaren Rollen, als Familienvater, als Ehemann, als Sportler, als Jäger, als Zeitungsleser und natürlich als Politiker in seinen vielen Funktionen. Dies lässt erahnen, welch Personenkult in der Ausstellung zu erwarten ist.

Vorraum zum Jelzin Museum: Jelzin als Jäger, als Großvater, als Ehemann

Blick aus dem 52. Stockwerk des Wyssotzki-Turmes auf die Stadt mit dem Städtischen Teich

Jekaterinburg ist eine moderne Stadt mit vielen Hochhäusern. Im Café Vertikal im 52. Stock des Wyssotzki Turmes genossen wir gutes Essen und einen weiten Blick über die Stadt, über die Wälder bis hin zu den Ausläufern des Ural. Unser Hotel Senator lag 15 Minuten vom Stadtzentrum entfernt, gut geführt mit modern eingerichteten Zimmern. Angetan von dieser freundlichen Stadt stiegen wir abends in die Transsib zur Fahrt nach Omsk, weitere 14 Stunden Fahrt, (drei Zeitzonen von Nischni entfernt).

Omsk entwickelte sich aus einer 1716 auf Erlass Peters des Großen gegründeten Festung an der Mündung des Om in den Irtysch. Von hier aus begannen Expeditionen auf der Suche nach Gold und Pelzen. Im 19. Jh. war Omsk ein Verbannungsort. Dostojewski verbrachte hier vier Jahre in einem Arbeitslager. Die unsäglichen Bedingungen beschrieb er in seinem Roman „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus.“

Die Stadt empfing uns am Vormittag mit großer Hitze. Wir erreichten das Hotel Nika gegen 10 Uhr. Es lag etwas außerhalb in einem Park am Irtysch und stellte sich als ein Sanatorium heraus. Erfreulicherweise konnten wir unser Zimmer gleich beziehen (obwohl wir vier Stunden zu früh da waren) und noch ein Frühstück bekommen (obwohl das Buffet gerade abgeräumt worden war).

Als wir am Nachmittag mit dem Bus in die Stadt fuhren, löste Roses Frage nach einer Haltestelle im Stadtzentrum eine Diskussion unter den Fahrgästen darüber aus, wo das Zentrum zu finden sei. Schließlich wurden wir gefragt, was wir denn sehen und wo wir hinwollten. Rose sagte: „Irgendwo ins Zentrum, wo es schön ist“. Da rief ein junger Mann: „Hier ist es nirgends schön!“. Das stellte sich dann doch als etwas übertrieben heraus. Auf der Leninstrasse, fanden wir ansehnliche Bauten aus dem 19. Jh., in den Parkanlagen am Om die Stadttore und Kasernen der Festung.

Die Hitze und die etwas unruhige Nacht im Zug machten uns zu schaffen und wir suchten Schatten und Kühle im Wrubel-Museum. Wrubel gilt als der berühmteste Vertreter des russischen Jugendstils.

Im Wrubel-Museum in Omsk. Im kleinen Kasten rechts unten ist das Gemälde „Uferstraße einer östlichen Stadt“ von Iwan Aiwasowski (1852) für Blinde ertastbar reliefartig wiedergegeben.

Außer Gemälden von Wrubel und anderer russischer Maler gab es eine Sonderausstellung, die uns als bemerkenswert empfohlen wurde. Das war sie wirklich!  Anatoli I Konenko (geboren 1954) bezeichnet sich selbst als Mikro-Miniatur-Künstler. Er schafft kleinste Kunstwerke. Ein Reiskorn beschriftet er mit einem Spruch, ein Stecknadelkopf großer Knubbel entpuppt sich unter dem Mikroskop als Rosenblüte und besonders überraschend: In einem Nadelöhr nicht etwa nur das berühmte biblische Kamel, was da schwer durchgehen soll, sondern eine ganze Karawane von Kamelen und noch zwei Palmen! Die Nadel war etwa 5 cm lang, ohne Mikroskop war im Öhr kaum etwas zu sehen. Faszinierend!

Die Karawane im Nadelöhr

Im Park am Om kamen wir gerade rechtzeitig zur Abfahrt eines Schiffes, das uns eine Stunde lang auf dem Irtysch gemütlich hin und her fuhr. Der Irtysch entspringt in China und mündet in den Ob. Abends aßen wir im Restaurant Senkewitsch an der Irtysch Uferpromenade, genossen die Abendkühle und gutes Essen.

Am Strand des Irtysch in Omsk – anders als man sich Sibirien vorstellt!

Am nächsten Morgen trieb uns die Hitze wieder in ein Museum, diesmal ins Heimatmuseum. Dort wurden wir zunächst durch Abteilungen über die Geschichte der Stadt, Lebensweise, Handwerk und Kunst der Stadt geschleust. Eindrucksvoll das Skelett eines Mammuts.

Doch eine Überraschung war die Sonderausstellung „500 Jahre Reformation“, die in einem großen Saal in vielen Vitrinen Lutherbibeln, Gesang- und Gebetbücher in Deutsch zeigte. Über das Leben und Wirken Luthers und anderer Reformatoren informierten Tafeln. Es folgte ein Überblick über die Geschichte der von deutschen Einwanderern gegründeten protestantischen Gemeinden in Omsk und Umgebung bis hin zu den Verfolgungen in der Stalinzeit. Die Museumswärterin in diesem Raum war Mormonin, die von ihrer Reise nach Utah schwärmte.

Omsk hatte sich uns von einer freundlichen Seite gezeigt. Wir waren hilfsbereiten aufgeschlossenen Menschen begegnet. Sehr auffällig auch eine Beobachtung: Omsk als Stadt der blauen Augen. Blaue Augen sind ein Kennzeichen vieler Sibirjaken, aber hier sahen wir sie in allen denkbaren Variationen von tiefblau bis wässrig-durchsichtig.

Kurz nach Mitternacht stiegen wir wieder in die Transsib und fuhren nach Nowosibirsk, das wir nach neun Stunden gegen zehn Uhr Ortszeit erreichten. (Vier Stunden Zeitunterschied zu Nischni). Hier war es noch heißer als am Vortag in Omsk. Nowosibirsk wurde erst 1894 gegründet. Die kaum 25 Jahre bis zur Oktoberrevolution reichten nicht aus, der Stadt ein architektonisches Gepräge zu geben. Es folgten bald die sowjetischen Riesenbauten für Verwaltung und Kultur und die großen Plattenbauten. Die Stadt wirkte unorganisch und planlos auf uns.

Der Bahnhof von Nowosibirsk

Stadtbild in Nowosibirsk.

Das Opernhaus von Nowosibirsk am Leninplatz fasst 1800 Plätze, es wurde 1944 fertiggestellt. In dem großen Park davor lief ein Floristen-Wettbewerb mit fantasievollen Objekten aus Weidenrutengeflechten und vor dem monumentalen Lenindenkmal demonstrierte gerade eine Nawalny nahestehende Bürgerinitiative gegen Putin.

Am Opernhaus werden angekündigt: Romeo und Julia, Carmen und Spartak

Putin! Es reicht, Diebe auf unsere Kosten zu mästen. Geh und nimm Edinaja Rossia mit. Putin! Ändere die Regierung und den wirtschaftlichen Kurs oder geh.

Demonstranten vor dem Lenin-Denkmal

Gegen Mitternacht starteten wir zusammen mit Roses Kollegin Anke zum sechsstündigen Flug nach Petropawlowsk-Kamtschatka.

Erster Blick auf Kamtschatka: Vulkane, Schnee

 

Nachtrag zu unseren Fahrten mit den Transsib-Zügen:

Auf den Fahrten mit der Transsib machten wir unerwartete Erfahrungen. Wir hatten für die ersten zwei Züge ganze Abteile (Coupes) für uns gebucht, also vier Plätze, d.h. vier Betten. Der erste Zug ab Nischni war ein „фирменный поезд“, ein Privatzug. Hier bekamen wir Begrüßungspakete mit Wasser und Gebäck und Mittagessen, und zwar vier Portionen, denn vier Mal gebucht ist vier Mal gebucht! Im Speisewagen wurden Spezialitäten wie Rentiersteak oder Bärenbraten angeboten.

Im einfacheren zweiten Zug ab Jekaterinburg gab es dann leider keinen Speisewagen, auch wurde kein Essen angeboten, aber wir erhielten vier Bettbezüge. Bei den Zwischenhalten auf den einfachen, nicht überdachten Bahnhöfen konnte man aus einem reichen Angebot an Obst und Lebensmitteln auswählen. Es gab Seife, Zahnbürsten, Cremes, einfache Kleidung und auch der übliche Souvenirschrutz fehlte nicht.

Eine halbe Stunde Aufenthalt in Balesino (Балезино)

Unser großer Koffer – mit 78 cm wenig ein wenig zu lang – passte in beiden Zügen nicht in die Ablage unter den Sitzen. Das war kein Problem, weil wir ihn auf einem Sitz ablegen konnten. Schwierig wäre es geworden, wenn wir das Abteil nicht für uns allein gehabt hätten.

Im platzkartnyj Wagon

Für die letzte Fahrt ab Omsk hatten wir kein Abteil, sondern zwei Plätze in einem „platzkartnyj Wagon“ gebucht. Dort gibt es Sechs-Personen-„Abteile“. Das sind keine Abteile im eigentlichen Sinne, da sie zum Gang hin offen sind. Vier Liegen, jeweils zwei übereinander, wie im normalen Abteil quer zum Gang, sowie zwei Liegen übereinander auf der anderen Seite des Ganges in Längsrichtung. Wir hatten die Gangplätze gewählt, weil man da den anderen nicht so auf die Pelle rückt. Nachteilig ist, dass diese Plätze wegen der häufig Vorbeilaufenden unruhiger sind als die in den „Abteilen“ und dass die Pritschen – wie uns schien – schmaler sind. Das ist für eine kurze Nacht mal erträglich, bei Fahrten über mehrere Tage wäre das weniger vergnüglich. Irgendwie ungewöhnlich war es für uns, nachts in einen vollbesetzten Wagon mit schlafenden Menschen zu steigen und dann seine Betten zu machen, was beim unteren Bett am Gang heißt, den Tisch und die Sitze umzuklappen. Unser sehr schwerer Koffer musste aus Sicherheitsgründen in die Ablage über dem oberen Bett gehievt werden, was uns in der Nacht mit Hilfe einer jungen Frau auch gelang.

 

Drei Jahre Lehrerin am Gymnasium Nr.1 in Nischni Nowgorod


Nach drei Jahren Unterricht am Gymnasium Nr. 1 mit erweitertem Deutschunterricht in Nischni Nowgorod möchte ich „Nachlese halten“, schildern, was diese Zeit geprägt hat, was gut und was nicht so gut war. Um es vorweg zu sagen: Meine Erfahrungen sind aus mehreren Gründen wahrscheinlich überdurchschnittlich positiv:

  1. handelt es sich bei meiner Schule um ein Gymnasium mit erweitertem Deutschunterricht, einer Schule also, in der ein überdurchschnittlich großes Interesse an meinem Fach herrscht.
  2. habe ich überwiegend Schülerinnen und Schüler unterrichtet, die auf unterschiedlichen Stufen (A1-C1) ein Zertifikat oder Sprachdiplom (DSD) erwerben wollten und dadurch besonders motiviert waren.
  3. erhielt mein Gymnasium in diesem Jahr zum 3. Mal in Folge das Prädikat „eine der 500 besten Schulen Russlands“.

Trotzdem gilt das, was ich im Folgenden schildern werde, in der Tendenz sicher auch für andere Schulen.

Der Schulbetrieb in Russland im Allgemeinen und am Gymnasium Nr. 1 im Besonderen unterscheidet sich in vieler Hinsicht von dem in deutschen Schulen:

In vielen Schulen gibt es aus Platzmangel Schichtunterricht: morgens werden die Klassen 1, sowie 5 -11 unterrichtet (nicht 12 – die Schüler machen ihr Abitur hier nach Klasse 11), nachmittags die Klassen 2 – 4. Samstags haben nur die Großen Unterricht. Durch den Halbtagesbetrieb besteht der Vormittag für die Kleinen aus Hausaufgaben-Machen, auch herrscht reges Treiben auf den Spielplätzen der Stadt. Die Großen gehen am schulfreien Nachmittag entweder in Musik- Kunst- Tanz- oder Sportschulen, die in Russland so preisgünstig sind, dass es sich jede Familie leisten kann, ihr Kind dorthin zu schicken (im Sozialismus waren sie kostenlos) und die sehr professionell arbeiten: drei- viermal die Woche 2-3 Stunden, mit hochqualifizierten Lehrern und Trainern. In den Musik- und Kunstschulen gibt es festgeschriebene Lehrpläne, regelmäßige Prüfungen, Abschlussexamen, Abschlusszeugnisse, in den Tanz- und Sportschulen immer wieder Wettbewerbe und Wettkämpfe. Nicht von ungefähr findet man in vielen künstlerischen und sportlichen Bereichen auch im Ausland Russen.

Eine mindestens genauso wichtige Nachmittagsbeschäftigung ist der Gang zur Repetitorin. Das ist keine Nachhilfelehrerin für die Schwachen, sondern eine Trainerin für diejenigen, die in einem Fach ЕГЭ (Единый Государственный Экзамен), d.h. Abitur machen möchten. Im Gegensatz zu Deutschland ist die Schule in Russland nicht verpflichtet, den für alle Prüfungsfächer notwendigen Abiturstoff zu vermitteln, sondern lediglich den Pflichtstoff für Mathematik und Russisch und ein breites Basiswissen in den anderen Fächern. Wenn sich z.B. ein Schüler entscheidet, in Geschichte Abitur zu machen, das an unserer Schule nur einstündig unterrichtet wird, braucht er dafür einen Repetitor, den die Eltern bezahlen müssen. Lehrerinnen bessern durch diese Privatstunden ihr miserables Gehalt auf, böse Zungen behaupten immer wieder, dass sie sich im Unterricht morgens schonen, um nachmittags fit für ihre Privatschüler zu sein. Fakt ist, dass eine Lehrerin nach einem Morgen an der Schule und einem Nachmittag voller Repetitorenstunden den Unterricht nicht mehr so akribisch  vorbereiten kann, wie ein deutscher Lehrer. Allerdings ist dies in Russland auch weniger nötig, denn der Unterricht muss methodisch nicht so abwechslungsreich sein (die Schüler bleiben auch so bei der Stange), er muss keinen Spaß machen (Lernen ist Arbeit, der Spaßfaktor spielt keine Rolle), und: er muss ja nur das Basiswissen vermitteln, alles Weitere holen sich die Schüler beim Repetitor – womit sich der Kreis schließt. Alles in allem ist jedoch der sozialistische Anspruch einer kostenlosen Bildung nicht mehr gegeben.

Eine meiner Kolleginnen hat 27 – 30 Privatschüler, die sie montags bis einschließlich samstags von 14 – 21 Uhr in Gruppen von 2-3 Schülern unterrichtet. Sie verlangt dafür 800 Rubel für eine Doppelstunde. Die rund 57 000 Rubel, die sie dadurch monatlich verdient, sind ein angenehmes Zubrot zu ihrem Lehrergehalt, das ca. 18 000 Rubel beträgt.
Ein Kind hat neun Monate lang zwei Doppelstunden pro Woche. Bei meiner Kollegin ist garantiert, dass die Schüler das Abitur bestehen, viele von ihnen erreichen sehr hohe Punktzahlen. Ich habe neulich das Gespräch zweier Mütter unfreiwillig mitangehört, die sagten, „lieber 30 000 Rubel für den Repetitor bezahlen, als eine Aufnahmeprüfung für die Universität kaufen.“ Hierbei wiederum ist zu bemerken, dass Aufnahmeprüfungen theoretisch kostenlos sind. Theoretisch….
Die Repetitorenstunden werden natürlich schwarz bezahlt, doch wird der Staat sich hüten, einzugreifen, da er so Kosten auf die Eltern abwälzt, die er sonst selber tragen müsste.

Obwohl der Unterricht nicht so zeitaufwändig vorbereitet wird wie in Deutschland, ist er meist gut: Die Lehrerinnen sind sehr gut ausgebildet, sprechen z.B. hervorragend Deutsch. Auch sind sie in der Regel engagierte Pädagoginnen – sonst würden sie ihren Beruf bei einem Gehalt von durchschnittlich 18 000 Rubeln (derzeit 260 €, wobei das Preisniveau hier natürlich niedriger ist als in Deutschland) nicht ausüben. Doch fällt auf, dass im Sprachunterricht weniger Wert auf kommunikative Kompetenz als auf Grammatik, Schreiben, Übersetzen, Auswendiglernen gelegt wird. So sprechen manche Schüler überraschend schlecht – angesichts der Tatsache, dass sie ab der zweiten Klasse Deutsch lernen, am Ende der siebten Klasse  850 Stunden hatten und in den Klassen zehn und elf 8 Wochenstunden Deutsch haben, DSD-Schüler sogar 10. Meines Erachtens wird der Luxus der kleinen Gruppen – im Sprachunterricht werden die Klassen halbiert, sodass es nie mehr als 15 Schüler in einer Gruppe gibt – nicht genügend für freies Sprechen genutzt. Jeder Fehler wird sofort verbessert, die dazugehörige Grammatikregel mitgeliefert. Das Prinzip „fluency before accuracy“ („flüssiges Sprechen ist wichtiger als richtiges Sprechen“), das allerdings auch in Deutschland erst seit etwa 10 bis 15 Jahren gilt, ist hier noch nicht angekommen, interaktiver Unterricht eher die Ausnahme als die Regel. In den Klassen zehn und elf werden 3 Wochenstunden Übersetzungstechnik unterrichtet, wo die Schüler einen theoretischen Text nach dem andern vor sich hin übersetzen. Wie gut könnte man diese Zeit für Sprechtraining nutzen!

Erziehung

Was bei den Lehrerinnen auffällt, ist der Mut zur Erziehung. Während in Deutschland Erziehen oft als leidiges Geschäft betrachtet wird, weil man es – bewusst oder unbewusst – als Dressur oder Drill oder als undemokratisch empfindet (in Deutschland wird eher ausdiskutiert), wird hier ruhig, verlässlich und konstant erzogen. Dadurch ist vieles einfach klar: Man grüßt jeden Lehrer (und macht das nicht von der Tagesform oder von einem gerade herrschenden Konflikt abhängig), man redet nicht mit seinen Nachbarn im Unterricht (und macht das nicht davon abhängig, ob der Lehrer Disziplin halten kann oder nicht), man trägt formale Kleidung oder wird heimgeschickt, um sich umzuziehen, man hat einen angemessenen Ton, zeigt Respekt (der nicht den Beigeschmack von Unterwürfigkeit hat).

Ab Klasse 8 werden „Empfangskomitees“ gebildet, die – meistens im Beisein ihrer Klassenlehrerinnen jeden Morgen unpassend gekleidete Schüler wieder heimschicken

Lehrer sind Erwachsene und Schüler sind Kinder – das ist ein Fakt von erfrischender Klarheit. Immer wieder kamen Schülerinnen von Austauschen oder dem Goebel-Programm (3monatiger Aufenthalt in Deutschland mit Unterrichtsbesuch) zurück und sagten: „Die Lehrer in Deutschland wollen die Freunde der Schüler sein. Sie tragen Jeans, reden wie Gleichaltrige, sitzen auf dem Tisch…“ Allerdings sagten manche auch: „Mit deutschen Lehrern kann man über alles reden, mit unseren nicht“.

Trotz klarer Abgrenzung zwischen Lehrern und Schülern, herrscht zwischen ihnen oft ein sehr emotionales Verhältnis, das systembedingt ist: Man hat nicht nur die Klassenlehrerin, sondern auch die Fachlehrerinnen möglichst während der ganzen Schulzeit. Dadurch kennt man einander, umarmt als Kleiner mal zärtlich die Lehrerin, klebt am Lehrertag einen Zettel an die Kabinett-Tür, auf dem steht: »Мы Вас любим»! (Wir lieben Sie!), kommt als Ehemaliger immer wieder in der Schule vorbei oder besucht als Klasse die Klassenlehrerin zu ihrem Geburtstag. Aber die Lehrerin ist nicht Freundin, sondern eine verehrte Respektsperson. 

Coolness

Was bei den russischen Schülern auffällt, ist die Abwesenheit von Coolness. Während es in deutschen Schulen von entscheidender Wichtigkeit ist, cool zu sein, muss man in Russland den Schülern ausführlich erklären, was Coolness ist.

In Russland darf man sich z.B. für die Schule anstrengen, es ist mit Prestige behaftet, zu den Besten zu gehören. Wenn man schlecht ist, schämt man sich in der Regel dafür und gehört nicht zu den Tonangebenden in der Klasse. In Deutschland werden gute Schüler zwar auch manchmal (insgeheim) bewundert, aber oft, obwohl sie gut sind, nicht, weil sie gut sind. Vor allem ist es „mega-out“, hart dafür zu arbeiten. Ein ‚Streber‘ zu sein ist das Allerletzte: wenn, dann muss einem der Erfolg im Schlaf zufliegen. Nachmittags zu chillen ist cool, zu lernen ist uncool. In Russland hingegen steht man zu seinem Leistungswillen, bei der Beschreibung seines Tagesablaufs (wird im Sprachunterricht immer wieder auf verschiedenen Niveaus thematisiert), arbeitet man bis spät in die Nacht, Freizeit hat man nur am Sonntag, und auch da nicht immer, und in den Ferien arbeitet man seine riesige Literaturliste durch. Anders ist die Lektüre von „Krieg und Frieden“, „Anna Karenina“, „Schuld und Sühne“ „Der Stille Don“ – um nur einige zu nennen – nicht zu schaffen.

Ein zweiter Aspekt des ‚Nicht-Cool-Sein-Müssens‘ in Russland ist, dass man hier Emotionen zeigen darf, die bei den deutschen Schülern nicht so angesehen sind. Man zeigt Freude und Zuneigung ebenso deutlich wie Trauer. Es kommt durchaus vor, dass einer Schülerin in der elften Klasse Tränen in die Augen treten, wenn sie eine schlechte Note bekommt. In deutschen Schulen ist das Zeigen solcher Gefühle vor allem in der Pubertät tendenziell ober-uncool. Viel höher im Kurs stehen Null-Bock, Empörung, Wut, oder keine Emotionen, im Sinne von: „Mich kann nichts erschüttern“. Die ersten drei dieser Gefühle sind mir bei meinen russischen Schülern nie begegnet, zur Schau gestellte Emotionslosigkeit höchstens, um Wut und Empörung vor dem Lehrer zu verbergen.

Ein dritter Aspekt des Nicht-Cool-Sein-Müssens ist, dass man Zuneigung auch Lehrern gegenüber offen zeigen darf. Grüßen tun, wie oben erläutert, alle. Aber hier darf man dabei auch strahlen. Man darf einer Lehrerin auch einmal etwas Nettes sagen, man darf ihr etwas aus dem Urlaub mitbringen. Die Karten, die Lehrerinnen zum 8. März (dem Internationalen Tag der Frau) bekommen, sind oft die reinsten Liebeserklärungen. In Deutschland wird so etwas tunlichst vermieden, denn mindestens genauso uncool, wie ein ‚Streber‘ zu sein, ist es, ein ‚Schleimer‘ zu sein. Beides sind übrigens ebenfalls Wörter, die man hier ausführlich erklären muss, und die trotzdem auf Unverständnis stoßen.

 Eine Delegation der 10. Klasse gratuliert ihrer Lehrerin zum Geburtstag

 

Last but not least ist eine Folge des Nicht-Cool-Sein-Müssens, dass es hier praktisch kein Mobbing gibt, ein weiteres Wort, das meine russischen Schüler nicht verstanden. Mobbing-Opfer in Deutschland sind in der Regel Schüler, die im obigen Sinne uncool sind. Sie werden aus der tonangebenden Gruppe der Coolen ausgeschlossen und oft nach allen Regeln der Kunst gequält. In Russland gibt es natürlich auch Schüler, die höher im Kurs stehen als andere, aber diskriminiert wird niemand.

Kein Wunder also, dass oft Schüler, die ursprünglich in Deutschland studieren wollten, nach ihrem Goebel-Aufenthalt keine Lust mehr dazu haben, weil sie die deutschen Schüler „komisch“ finden. Zum Beispiel bei einer Geburtstagsparty stellte jeder seinen Nudelsalat o.ä. auf den Tisch und chillte dann mit seinem Handy, wobei man sich mit Alkohol volllaufen ließ. Meine russischen Schülerinnen zeigen ihre Freude über ein Fest, essen, trinken, lachen und singen zusammen. Alkohol, wenn überhaupt vorhanden, spielt eine sekundäre Rolle.

Der Aspekt der Erziehung und die Abwesenheit von Coolness sind die beiden Gründe, warum mir das Unterrichten hier grenzenlos Freude gemacht hat. Wie viel einfacher und angenehmer dadurch das Schulleben ist, sowohl für die Lehrer, als auch für die Schüler! Ich möchte sogar so weit gehen zu behaupten, dass in Deutschland ein wesentlicher Grund für das ‚Burn-out‘-Syndrom der Lehrer ist, dass Lehrer und Eltern aus einem falsch verstandenen Liberalismus heraus zu wenig erziehen, und dass – vielleicht als Folge davon – Kinder cool sein müssen.

Was hat mir noch gefallen an meiner Schule?

  • Die ‚Kabinette‘: Hier haben nicht Klassen ihr Klassenzimmer, sondern Lehrer ihr Unterrichtszimmer, in dem sich alle ihre Unterrichtsmaterialen befinden, Wörterbücher, Grammatikplakate, Deutschlandkarten….; meist auch ein Drucker und ein Computer, in selteneren Fällen ein Beamer und – der absolute Luxus – ein Whiteboard (eine weiße, abwaschbare Tafel, die auch für Präsentationen genutzt werden kann.) Die Kabinette sind sehr unterschiedlich und individuell gestaltet, ihre Ausstattung hängt vom Engagement der Eltern ab. So ist es keine Ausnahme, dass Eltern der Klassenlehrerin ihrer Kinder (die sie wie gesagt 11 Jahre führt) zum Schuljahresende einen Laptop schenken, in den Sommerferien den Raum weißeln, Vorhänge nähen, sogar Doppelfenster einbauen lassen. Denn die Investitionen kommen ihren Kindern zugute und die Schule hat kein Geld.
  • Die Schulfeste und Theateraufführungen, die häufiger, bunter und kreativer sind, als in Deutschland. Ein Grund dafür ist, dass die Schüler an ihren Kunst- Musik- Tanz- und Sportschulen so viel lernen, dass es für sie ein Leichtes ist, eine hochkarätige Bühnenshow zusammenzustellen. So schufen die diesjährigen Elfer für «Последний Звонок», „Das Letzte Läuten“ (eine Festveranstaltung zum Ende der elfjährigen Unterrichtszeit, bevor die Prüfungsphase beginnt) ein Musical, in dem jedes Fach durch einen Rock/Pop-Song mit selbstgemachten Texten und hervorragenden Tanzeinlagen dargestellt wurde.

Die Schulabgänger stellen hier das Fach Gesellschaftskunde dar. Auf der Russlandfahne steht: Verfassung der Russischen Föderation

 

Zum Niveau solcher Veranstaltungen trägt aber auch bei, dass unsere Schule (wie viele andere auch) eine eigene Vollzeit-Theaterlehrerin beschäftigt, mit einem Wochendeputat von 32 Stunden. Die ausgebildete Schauspielerin kann nicht nur Sprach- und Stimmbildung, sie ist auch mimisch und gestisch ein absoluter Profi. Dadurch besetzen unsere Schüler bei jedem Vortrags-Wettbewerb (bei denen es um den Vortrag von Gedichten geht) die ersten Plätze. Auch bei der Inszenierung von „Komm wieder, aber ohne Waffen“ stand die Theaterlehrerin immer wieder bei Proben mit Rat und Tat zur Seite.

Hier zeigt die Theaterlehrerin den „deutschen Kriegsgefangenen“, wie man pantomimisch einfädelt

 

  • Das Phänomen des „Methodentages“. Alle Lehrerinnen eines Fachbereichs haben an einem Tag der Woche unterrichtsfrei. Für die Schüler bedeutet das z.B., dass ein bestimmtes Fach an einem Tag in keiner Klasse unterrichtet wird, für die Lehrer, dass sie an diesem Tag Fortbildungen machen können. Faktisch heißt es aber natürlich, dass die Lehrer ihre Methodenkenntnisse ihren Privatschülern zugutekommen lassen. An meiner Schule ist der Methodentag für die Deutschlehrer montags, was mir persönlich grundsätzlich ein langes Wochenende bescherte.

Natürlich gab es aber auch Dinge, die mir nicht gefallen haben:

  • Der viele Unterrichtsausfall. Dieser ist in erster Linie durch die unzähligen Olympiaden bedingt, die in fast jedem Fach zuerst auf Schul- dann auf Stadt-, dann auf Regions-, dann auf Landesebene abgehalten werden. Weil die Olympiaden der verschiedenen Fächer an unterschiedlichen Tagen stattfinden, und weil unterschiedliche Schüler unterschiedliche Stärken haben, gibt es Phasen, in denen die Lerngruppe fast nie vollständig ist.

Unterricht kann aber auch dadurch ausfallen, dass nach dreimonatiger Sommerpause, zweiwöchige Fortbildungen im September stattfinden. Oder dadurch, dass Lehrer ihren Urlaub im September nehmen, weil es in der Nachsaison billiger ist, oder weil der Ehemann seinen sechzigsten Geburtstag in Ägypten feiern will. Zum besseren Verständnis sei gesagt, dass Lehrer 56 Urlaubstage pro Schuljahr haben, die sie in der Regel während der Sommerpause nehmen, was sie aber nicht müssen.

Auch Schüler fahren mit ihren Eltern während der Schulzeit in Urlaub. Es genügt eine schriftliche oder mündliche Abmachung mit dem Schulleiter. Dieser findet so etwas zwar nicht gut, kann aber – nach eigener Aussage – die Schüler nicht an die Leine legen, wenn die Eltern wegfahren wollen.

Ein weiterer Grund für Unterrichtsausfall ist die Quarantäne-Woche, die mit großer Regelmäßigkeit einmal pro Jahr verordnet wird, vorzugsweise im Januar oder Februar. Die Quarantäne-Woche legt nicht der Schulleiter fest, sondern die Stadt. Sie gilt jeweils für einen ganzen Stadtbezirk. Ärgerlich ist sie dann, wenn sich Schüler bester Gesundheit erfreuen. So geschehen letzten Winter bei meinen 11ern, von denen nur ein kleiner Teil einen grippalen Infekt hatte.

Und dann gibt es natürlich Klassenfahrten, Schulausflüge (die nicht für die ganze Schule am gleichen Tag gemacht werden), Sprachfahrten nach Deutschland, die in der Regel teils in den Ferien, teils in der Schulzeit stattfinden und Austausche, die immer während der Schulzeit durchgeführt werden. Interessant ist dabei allerdings, dass die Lehrerinnen, die Austausche begleiten, nicht nur selber für Ersatzlehrerinnen für ihre anderen Klassen sorgen, sondern diese auch aus eigener Tasche bezahlen müssen!  

  • Das Notensystem.

Theoretisch gibt es Noten von Eins bis Fünf, wobei Fünf die beste Note ist. Praktisch jedoch werden nur die Noten von Fünf bis Drei vergeben, Zweien gibt es nur für nicht gemachte Hausaufgaben, denn eine Zwei bedeutet: nicht bestanden. Ich erinnere mich an eine Lehrerkonferenz, auf der der Schulleiter verkündete, wenn ein Lehrer einem Schüler eine Zwei gebe, müsse er ihm dies schriftlich mitteilen und aufzeigen, welche Versuche er, der Lehrer, unternommen habe, um diese Note zu vermeiden. Gängige Verfahren sind dabei, den Schüler die gleiche Arbeit noch einmal schreiben zu lassen oder ihn mündlich abzufragen. In Klasse 11 sind Zweien kategorisch verboten. Über Einsen wird während der ganzen Schulzeit nicht geredet. Doch abgesehen davon, dass es praktisch nur die Noten „sehr gut, gut und befriedigend“ gibt, ist es auch üblich, «пятёрки» (Fünfen) geradezu inflationär zu vergeben. Schüler, die in allen Fächern Fünfen haben, sind nicht selten. Sie sind sogenannte „Medaillen-Schüler“. Hat eine Klassenlehrerin solche in ihrer Klasse, legt sie vor der Notenabgabe einen Zettel mit den Namen ins Klassenbuch. Dies ist ein impliziter Hinweis, dass man den Schülern nicht die Medaille vermasseln soll, indem man ihnen eine Vier gibt. Die vielen tollen Noten werden am Ende jeder Stunde im Klassenbuch festgehalten und können minutiös nachgewiesen werden.

Um zum Schluss zu kommen: Ministerpräsident Medwedjew, der landauf landab sehr kritisch gesehen wird, ist u.a. für zwei Aussagen in Bezug auf die Lehrer berühmt: 1. „Wenn die Lehrer unzufrieden sind mit ihrem Gehalt, sollen sie doch in die Industrie gehen.“ 2. „Lehrer verdienen so wenig, denn Lehrer-Sein ist kein Beruf, sondern eine Berufung.“ Die Lehrer am Gymnasium Nr. 1 arbeiten nicht dort, weil sie in der Industrie keiner nimmt, sondern weil sie ihre Aufgabe als Berufung empfinden, und/oder, weil sie sich mit dieser Schule identifizieren. Sehr viele von ihnen waren schon als Schüler an der Schule, viele Kollegen sind ehemalige Schulkameraden. Dies prägt ihre Einstellung und die Schulatmosphäre und dies hat mir drei Schuljahre ermöglicht, die ich auf keinen Fall missen möchte.

P.S. Seit letzter Woche ist bekannt, dass das Schulgebäude ab Januar 2018 geräumt werden muss, weil es renoviert wird. Die Mittelstufe wird in das Gymnasium Nr. 13, die Oberstufe in das Gymnasium Nr. 8 evakuiert. (Die Unterstufe wurde Gott sei Dank schon bisher in einer Filiale unterrichtet.) Wie das organisiert werden soll, wenn z.B. Lehrer in beiden Stufen unterrichten, oder wo die Klassen in den Ausweichschulen unterkommen, sind offene Fragen. Sollte es darauf hinauslaufen, dass unsere Schüler grundsätzlich in der zweiten Schicht unterrichtet werden, bricht für unsere Lehrerinnen die lebensnotwendige Einnahmequelle durch das Repetitorentum weg, weshalb es durchaus sein kann, dass sie von ihrem Recht Gebrauch machen, einen «творческий отпуск» (ein Sabbatjahr) zu nehmen.

 Warum plötzlich diese überfällige Sanierung mitten im Schuljahr? Das marode, jedoch repräsentative Gebäudes in bester Lage soll die Schaltzentrale für die Fußballweltmeisterschaft 2018 beherbergen.

 Das „Letzte Läuten“

 Ein Erstklässler repräsentiert das „Erste Läuten“, die Elftklässler repräsentieren das letzte

 Zungenbrecher zum Schuljahresende

  Anspruchsvolle Deutschprüfungen in allen Klassen zum Schuljahresende

 Lockerer geht es da bei meinen „Sternchen-Prüfungen“ für das A1 Zertifikat zu….

 …..bei denen alle Teilnehmer ein Zertifikat bekommen.

 

Das letzte Läuten

Mit der „Nacht der Museen“ (Ночь Музеев) am dritten Mai-Wochenende verhielt es sich hier ebenso wie in Stuttgart und möglicherweise überall auf der Welt: die Museen waren überfüllt, vor den Eingängen standen lange Warteschlangen. Deshalb führte uns Roses Kollegin Marina in den Park des Sieges (Парк Победы). Er liegt an der Wolga unterhalb des steilen Uferhanges und zeigt Waffen aller Art: Panzer, Geschütze, Minenwerfer, Katjuschas. In dem Übersichtsprospekt, der die 26 sich beteiligenden Museen aufführt, wird der Besucher des Parks aufgefordert herauszufinden, welche der Waffen im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurden.

In einem abgetrennten Gelände krochen wir durch Schützengräben und Unterstände. Dabei stießen wir plötzlich auf Soldaten in russischen und deutschen Uniformen. Marina und Rose erfuhren von einem „Deutschen“, der sich Johann nannte, dass heute eine Nachtschlacht geschlagen wird.

Vor der Nachtschlacht: Marina und Rose sprechen mit einem „Deutschen“.

Um 23 Uhr – nach langem Warten bei Regen – begann das Spektakel. Ein Trupp Russen griff die Deutschen an, die sich in den Schützengräben verschanzt hatten. Mit Böllern, Feuerwerksraketen, Leuchtkugeln, Gewehr- und MG-Schüssen wurde ein Höllenlärm veranstaltet. Viel war nicht zu sehen, der Ausgang ohnehin klar. Ein Sprecher animierte die zahlreichen Zuschauer immer wieder „Giftler kaput – für Stalin – für das Vaterland“ zu rufen. Nach einer halben Stunde war alles vorbei.

Marina antwortete auf unsere skeptischen Kommentare zu dem gerade erlebten Schauspiel, die Russen sähen darin nicht viel Anderes als ein historisches Spiel, ähnlich wie mittelalterliche Ritterspiele. Wir fragten uns, was bei uns los wäre, wenn wir den Krieg gewonnen hätten? Wie sagte Erich Kästner schon 1930 in seinem Gedicht „Die andere Möglichkeit“ (Erste und letzte Strophe):

  • Wenn wir den Krieg gewonnen hätten, mit Wogenprall und Sturmgebraus, dann wäre Deutschland nicht zu retten und gliche einem Irrenhaus.
  • Dann läge die Vernunft in Ketten. Und stünde stündlich vor Gericht. Und Kriege gäb’s wie Operetten. Wenn wir den Krieg gewonnen hätten – zum Glück gewannen wir ihn nicht!

Weil kein Taxi kam, stiegen wir durch den dunklen Wald den Hang hinauf zur Oberen Wolga-Uferstraße. Auf dem Heimweg durch die Stadt sahen wir vor den Museen trotz des Regens noch immer Menschen auf Einlass warten, die Nacht der Museen ging bis ein Uhr.

Vor diesem Ausflug ins Kriegerische hatte uns Marina etwas Erbaulicheres gezeigt: einen „Hügel der Poeten“ (холм поетов), den Nischegoroder Dichter, unter anderen auch ihr Mann, am 25. Juli 1998 ohne behördliche Genehmigung an der Kremlmauer einrichteten, markiert mit einer schlecht zu lesenden Aluminiumplatte am Boden und einer kleinen, leicht zu übersehenden Nachtigall aus Eisen hoch an der Ziegelwand. Es finden dort noch immer alternative Dichtertreffen mit Lesungen statt. Wir gingen hier schon oft vorbei, ohne den geheimnisvollen Reiz des Ortes zu entdecken. Die Ansicht, die der Zusammenfluss von Wolga und Oka bietet, ist bei jedem Wetter so grandios, dass man sich nicht nach der Mauer umdreht.

Hügel der Dichter – Die Nachtigall an der Kremlmauer

Der immer wieder grandiose Blick auf Oka und Wolga

Unterhalb des Kreml liegt ein altes Kaufmannsviertel mit reichen Häusern aus dem 19. und 20. Jh. auf der Рождественская (Weihnachtsstraße) und der Unteren Wolga-Uferstraße. In einem Jugendstil-Haus logiert die „Galerie Futuro“ mit wechselnden Ausstellungen zeitgenössischer Maler aus ganz Russland.

Jugendstil-Haus an der Roschdestwenskaja Straße mit der Galerie FUTURO

In den geschmackvoll renovierten Räumen mit rohbelassenen Wänden war eine Ausstellung zum Thema „Frauen“ zu bewundern, überraschend, weil nicht der sonst hier häufige naturalistische Stil zu sehen war. Die ungerahmten Bilder zeigten ein breites Spektrum von Stilen, meist mit wenigen Pinselstrichen und wenig Farbe.

Ausstellungsraum in der Galerie FUTURO

Eingangsbild in der Galerie FUTURO

Dieses klobige Denkmal von Seeleuten aus der Stalinzeit vor dem Flussbahnhof bildet einen krassen Gegensatz zu den wohlproportionierten und reich verzierten Häusern der anliegenden Straßen. Man beachte: es wurden Blumen abgelegt!

Das letzte Läuten

Последний Звонок, das letzte Läuten, ist in Russland der letzte Schultag für die Аbiturienten vor ihren Prüfungen und wird in allen Schulen groß gefeiert. In unserem Gymnasium Nr.1 war dies eine lockere, fröhliche Schau in der Aula. Nach Reden des Schulleiters, eines Vertreters der Schulbehörde und dem Abspielen (eines Teils) der Nationalhymne, zu der alle aufstanden, führte die Abi-Klasse ein selbst verfasstes schwungvolles Musical über ihr Schulleben und ihre Lehrer auf. Die Rock- Pop- und Hiphop-Nummern wurden mit stürmischem Beifall bedacht. Und immer wieder Dank an die Lehrer und die Eltern.

 Die Abi-Klasse beim Letzten Läuten 

Von einer Schülerin bekam ich einen Blumenstrauß, der so groß und schwer war, dass wir mit dem Taxi nach Hause fahren mussten. Für mich und die DSD-Schüler folgt jetzt noch ein zweiwöchiger Intensivkurs, dann endet dieses Schuljahr in Nischni auch für mich. Es war mein letztes hier in Nischni Nowgorod – und überhaupt.

 

 

 

 

 

 

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