Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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Winter in Nischni Nowgorod

„Drei Tage sind viel zu wenig für Moskau. Vollgestopft mit Eindrücken stiegen wir nach dieser kurzen Zeit in den Zug „Strisch“ (Mauersegler) nach Nischni Nowgorod“. So endete der Blog vom 27.01 2019 über unseren kurzen Aufenthalt in Moskau. Und so ging es weiter:
Müde von den vielen Eindrücken saßen wir im Zug und ruhten uns aus. Die vielleicht 30 Fahrten zwischen Nischni und Moskau in den letzten fünf Jahren empfanden wir immer als entspannend. Mit der Fahrkarte (1028 Rubel) kauft man gleichzeitig seinen Platz, Stehplätze gibt es nicht, die Gänge bleiben frei, für Koffer gibt es Ablageregale. Die Wagennummer ist am Bahnsteig auf einem festangeschraubten Schild zu lesen und der Waggon steht an der angegebenen Stelle. Änderungen der Wagenreihung haben wir nur einmal erlebt. Beim Einsteigen werden die Pässe aller Fahrgäste kontrolliert und geprüft, ob die Daten mit denen übereinstimmen, die in den Handcomputern der Schaffnerinnen oder der Schaffner gespeichert sind. Bei Bedarf hilft der Schaffner, den Koffer in den Wagen zu heben, so auch diesmal. Während der Fahrt werden Getränke, Gebäck und Sandwiches angeboten. Aus einem Kessel kann man sich heißes Wasser für Kaffee oder Tee holen. An den Zwischenstationen wird an getrennten Türen ein- und ausgestiegen, so dass nicht zwei Menschenströme mit ihrem Gepäck aufeinanderstoßen. In jedem Wagen gibt es eine Schaffnerin oder einen Schaffner und im Zug Bahnpolizisten. Alles verläuft ruhig und unaufgeregt. Auch diesmal kamen wir pünktlich in Nischni an.
Hier erwartete uns die Vermieterin in der Ferienwohnung (2000 Rubel pro Tag). Im Haus machten wir eine typische Erfahrung. Wir traten in ein abgewohntes Treppenhaus mit schadhaften Betonstufen und standen nach vier Stockwerken vor einer schweren Eisentür. Als sich diese öffnete empfing uns eine freundliche Frau in einer freundlichen, sauberen und gut eingerichteten Wohnung mit Blick auf die weihnachtlich geschmückte Fußgängerzone und die gegenüberliegende russische Staatsbank, eines der auffallendsten Gebäude der Stadt. Die gegensätzlichen Gefühle, die der unfreundliche Hausflur und die freundliche Wohnung in uns auslösten, zeigten: wir waren angekommen, angekommen in dem manchmal schwer zu verstehendem Russland.


Der Blick aus dem Fenster auf die Nationalbank

Der auskunftsfreudige Taxifahrer, der uns zu unserem Haus brachte, erzählte von dem neuen großen EUROSPAR Geschäft an der Ulitza Piskunowa. Dieses stellte sich dann wirklich als riesig heraus. Es gibt vierzehn Kassen mit Kassiererinnen und sechs Plätze, an denen die Kunden ihren Einkauf selbst einscannen und an denen bargeldlos mit der Kreditkarte gezahlt wird. In allen Geschäften konnten wir mit Karte zahlen, oft durch kurzes Halten der Karte über dem Scanner Fenster. Die SPAR-Filiale, in der wir drei Jahre lang eingekauft hatten, war geschlossen worden. Eine der damaligen Kassiererinnen trafen wir im neuen SPAR wieder.


Der neue Euro-SPAR Supermarkt

Die Preise in den zwei oder drei Geschäften, in denen wir in der kurzen Zeit einkauften, waren für die russischen Grundnahrungsmittel nach wie vor niedrig. Das klassische russische Kastenbrot (17 Rubel für 600 g), Kartoffeln (17,90 Rubel pro kg), Milch (57 Rubel pro 960 ml) kostete so viel wie im letzten Jahr. Unser gewohntes 180 g Stück Butter kostete in einem Laden 99 Rubel, in einem anderen, nur 300 m entfernten 79 Rubel. Dafür hatten wir in unseren drei Jahren Nischni am Anfang 60 Rubel, zwischendurch aber auch 120 Rubel gezahlt. Die Preise von Gemüse und Obst schienen uns höher als letztes Jahr. Ein kurzer Blick auf das reichhaltige Angebot von Käse, Fleisch und Wurstwaren zeigte mehr Preisschilder mit über 400 Rubel für das Kilo als früher. Zehn Eier kosteten je nach Sorte 74,90 bzw. 76 Rubel. Schon 2016 haben wir für zehn Eier einmal 74 Rubel gezahlt, aber auch viel weniger. Für uns als Normalkunden war die Bewertung der Preisentwicklung schon in den drei Jahren schwierig, weil es ständig Sonderangebote gibt und die Preise von Geschäft zu Geschäft stark schwanken können, meinem Eindruck nach mehr als bei uns. Die Treibstoffpreise sind deutlich gestiegen. Der Liter kostet jetzt zwischen 42 und 49 Rubel pro Liter und ist um ganze 10 Rubel höher als vor drei Jahren. (Inflationsrate 2018 nach „Statistikportal“ 2,75%, 75 Rubel = 1 Euro)
Das erhöhte Renteneintrittsalter (jetzt 60 Jahre für Frauen und 65 Jahre für Männer) in Russland hat in unseren Gesprächen mit Freunden einen breiteren Raum eingenommen als die steigenden Preise. In der Regel arbeiten die Menschen nach ihrer Pensionierung weiter, erhalten ihren Lohn und beziehen die Rente, was ohne Abzüge möglich ist. Auf dieses doppelte Einkommen müssen die Arbeitnehmer jetzt fünf Jahre länger warten. Sogar eine Verkäuferin hat mich darauf angesprochen, obwohl sie mein schlechtes Russisch immer mit Lachen quittierte. Sie erwartet eine Rente von 12000 Rubel (160 €). Was hätte ich ihr über die Renten in Deutschland sagen sollen, wenn ich ihre Sprache beherrschte?
Wie vergleicht man den Lebensstandard? Diese Frage hat uns hier immer beschäftigt. In Russland bekommt der Arbeitnehmer den vereinbarten Lohn zu 100% ausgezahlt, die Sozialabgaben (20%) und die Steuer (13%) überweist der Arbeitgeber direkt an den Staat. Um diese Abgaben zu verringern, wird offiziell ein niedrigerer Lohn gemeldet, der Arbeitnehmer bekommt die Differenz auf die Hand. Er erhält dann den mit dem Arbeitgeber vereinbarten Lohn. Sein Krankenversicherungsschutz ist unabhängig vom Verdienst, der Rentenanspruch verringert sich, er ist vom gemeldeten Lohn abhängig.
Uns ist aufgefallen, dass diesmal häufiger über Politik gesprochen wurde als früher. Ist das ein Zeichen wachsender Vertrautheit mit uns oder wachsender politischer Unruhe? Dabei gingen die Meinungen über Putin und die russische Politik von strikter Ablehnung bis zu voller Zustimmung. Übereinstimmung gab es bei dem Vorwurf an die Regierung, die Öleinnahmen in der Hochpreisphase nicht für eine Modernisierung der Wirtschaft genutzt zu haben. Allein von Öl- und Gasexporten könne Russland nicht leben und selbst wenn jetzt der Weizenexport hinzukommt, bringe das nicht viel. Die Menschen sind mit der Abgrenzung gegenüber „Europa“ nicht einverstanden. Der Drang nach dem Westen ist  in der Bevölkerung und in der Wirtschaft groß. Aeroflot und ihre Tochter S 7 bieten Wochenendflüge in westliche Städte an, Berlin, Rom und Neapel und viele andere. Konzerte mit westeuropäischen Künstlern finden häufig statt. Der Musikaustausch selbst mit den baltischen Staaten lebt, wie die Gastspiele der estnischen Staatsoper in Moskau und eines litauischen Kammerorchesters in Nischni zeigen. Wir waren in einem Jazz-Konzert mit dem Trio des Pianisten Daniel Kramer in dem die New Yorker Jazz-Sängerin Tessa Suter auftrat. Tief in den russischen Wäldern (oder weniger dramatisch: im Wald am Gorki-Meer) sahen wir ein Schild, auf dem Holzschutzmittel und Farben aus Deutschland angeboten werden. In der Straßenbahn trug eine junge Frau stolz einen Instrumentenkoffer mit den Aufklebern Italien, Spanien, Zürich.


In der „2“, Koffer mit Aufklebern aus Italien, Spanien und Zürich

Der Austausch zwischen den Menschen lebt (und wir wollen nicht versäumen zu erwähnen: zwischen den Kommunen). Wie jedes Mal überwältigte uns die Herzlichkeit und Gastfreundschaft, die wir wieder überreichlich genossen haben.
Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt in eine Datscha. Und das mitten im Winter. Statt Skifahren war dann auch Schneeschippen unsere überwiegende körperliche Betätigung. Die Zufahrt zum Grundstück musste freigeschaufelt werden.

Eine Edel-Datscha

Diese Datscha gehörte zu der edleren Sorte. Fußbodenheizung erwärmte große Räume, die moderne Einrichtung war für dauernden Aufenthalt sommers und winters ausgelegt. Da wären wir gern länger geblieben. Die Wölfe, die es dort in großer Zahl geben soll, haben sich weder sehen, was wir nicht erwarteten, noch hören lassen, was wir wohl verdient hätten. (Oder war das ein Bär, den man uns aufgebunden hat und den wir auch nicht gesehen haben?) Die absolute Stille, der viele Schnee und die frische Luft – alles war wie ein Märchen.
Dazu passte ein kurzer Besuch beim Brunnen des heiligen Nikola, an dem man heiliges Wasser holen kann, was nicht nur wir, sondern auch viele andere taten. Mit Wasserkanistern und großen Flaschen wurde es aus dem vereisten Brunnen geschöpft, dessen Heiligkeit dem unvorbereiteten Betrachter nicht sofort sichtbar wurde.

Das heilige Wasser des heiligen Nikola

Der Brunnen und das Becken, in das Gläubige sommers wie winters eintauchen, waren in einem neuen Haus aus Holzstämmen untergebracht. Dazu gehörte ein offener Raum voller Ikonen, Kreuzen und Heiligenfiguren, der zeigte, dass der Ort viel besucht wird und vertrauensvoll dem Schutz des Heiligen und der Ehrlichkeit der Besucher unterstellt ist.


Das Brunnenhaus des heiligen Nikola

Vor dem Häuschen stand ein großer Holztisch, auf dem alte und behinderte Menschen, die nicht mehr selbst in das Becken tauchen können, mit dem heiligen Wasser übergossen werden. Ob nur bei warmem Wetter, weiß man in einem Land nicht in dem Eisbaden ein Vergnügen ist. In der Nacht vom 18. auf den 19. Januar gehört es anlässlich des Festes der Taufe Christi zu den religiösen Bräuchen.
Zurück in Nischni wurden Rose zu einem Koljadki-Fest an der Linguistischen Universität eingeladen. Ungefähr zehn Brauchtumsgruppen aus Nischni und Umgebung waren gekommen, um eine alte Tradition wieder zum Leben zu erwecken: Koljadowanie. Zwischen dem orthodoxen Weihnachten (6. Januar) und dem Fest der Taufe Christi (19. Januar) zogen früher Gruppen von Haus zu Haus, die Lieder (Koljadki) auf das Wohl des Hauses sangen und dafür nahrhafte Geschenke bekamen oder fürstlich bewirtet wurden. Die Lieder hatten humoristischen Charakter, die Atmosphäre – auch beim Fest an der Uni – erinnerte an Masleniza (Fastnacht).

Da der Brauch heidnischen Ursprungs ist und dabei heidnische gegen christliche Kräfte kämpfen, finden sich bei Gruppenteilnehmern teils heidnische Elemente: Teufelohren, Ziegenhörner. Die Koljadki enden am Tauffest mit dem Sieg des Christentums.

Auch im Gymnasium Nr. 1 zog eine Schülergruppe Koljadki singend von Klassenzimmer zu Klassenzimmer.

In Nischni besuchten wir zwei Ausstellungen. Nach einem zweistündigen Spaziergang bei minus 17° helfen weder Sonne noch der immer wieder überwältigende Blick über Oka und Wolga, die Kälte kriecht in die Kleider und man sucht ein warmes Plätzchen. Dies fanden wir in einer Ausstellung des russischen Fotografen Iwan Bogdanow (geb.1937). mit Portraits von seinen Freunden und von bekannten Persönlichkeiten und mit lebensnahen Aufnahmen aus dem letzten Jahrhundert. Alle Bilder in Schwarzweiß. Wir waren überrascht, sie wirkten manchmal nuancenreicher als Farbfotos. Eindrucksvoll wurden die 90er Jahre gezeigt, die Zeit, in der Russland vom wilden Kapitalismus heimgesucht wurde, eine Erfahrung, die immer noch ein Trauma für viele Russen ist.


„Die Welt ändert sich“ Foto von Bogdanow, Anfang der 90er Jahre

Ebenfalls in die Vergangenheit führte uns die Ausstellung „Россиа – моя история“ (Russland – meine Geschichte), die seit November 2017 in der Messe (Jarmarka) eingerichtet ist. Sie ist eine Kopie der gleichen Ausstellung im großen Ausstellungspark WDNCH in Moskau, die noch in acht weiteren WM Städten zu sehen ist; die Computertechnik macht‘s möglich. In drei Abteilungen wird Russlands Geschichte von den Anfängen bis ins 16. Jh., in der Zeit der Romanows und des 20. Jahrhunderts in einer Überfülle von Bildern, Grafiken, Tabellen, alles oft auf interaktiven Bildschirmen, erlebbar gemacht. Sehr viel Material, man kann sich da stundenlang aufhalten und studieren – wenn man des Russischen mächtig ist. Im letzten Raum beschließen die ersten Jahre unseres Jahrhunderts bis 2016 die Ausstellung, aus denen nur Erfolge berichtet werden.
Zwei Begegnungen mit Kindern, die ein unterschiedliches Schicksal haben: Da sind einmal die fünf kleinen „Цыгани“ (Zigani), politisch korrekt übersetzt „Roma“, die ich in Bor, der Stadt am gegenüberliegenden Wolga Ufer traf. Sie werden von Claudia betreut, die sich um insgesamt zehn von den vierzehn Kindern zweier Roma-Familien kümmert. Sie sorgt dafür, dass ihre Schützlinge regelmäßig in die Schule gehen, ist stolz, dass es ihr gelungen ist, drei besonders Lernschwache in Förderklassen untergebracht zu haben, sie kauft Kleidung und gibt ihnen Essen. Fünf Kinder schlafen in ihrer 41 qm großen Zweizimmer-Wohnung, die anderen müssen bei ihren Eltern übernachten, wo eine zehnköpfige Familie in einem Raum lebt und die Kinder dort Problemen wie Enge, Alkoholmissbrauch und Streitereien ausgesetzt sind. Einem zehnjährigen Mädchen, das bisher ohne Registrierung und ohne irgendwelche Dokumente lebte und damit amtlich nicht existierte, konnte sie bei den letztlich hilfsbereiten Ämtern einen Geburtsschein beschaffen, eine Grundlage für jeden behördlichen Kontakt im künftigen Leben. Claudia ist durch die christliche Gemeinschaft DMG nach Bor gesandt und mit dieser Aufgabe betraut worden, die sie mit Geduld, Hoffnung auf Erfolg und großer Glaubenskraft erfüllt. Bewundernswert. (Das Hilfswerk heißt DMG international e.V. DMG steht für „Damit Menschen Gott begegnen“)

Eine zweite Begegnung mit Kindern verschafften uns Siegie und Ira mit einem Besuch von „Piano“, der Theatergruppe des Internats für taubstumme Kinder in Nischni. Über diese erstaunliche Einrichtung hatten wir schon mehrfach berichtet. Diesmal wurden wir Zeugen einer Theaterprobe, bei der die kleinen Künstler ihre pantomimischen Spiele übten. Uns bewegten die wachen, leuchtenden Augen, die Gesten und Berührungen, mit denen die Kinder untereinander und mit uns in Kontakt traten. Wir wurden wieder zum Mitmachen eingeladen. Die Truppe bereitet sich mit ihrem Leiter Wladimir Tschikischew auf eine Tournee im April/Mai nach Deutschland vor. (Nach Erlangen und an den Bodensee).

Gruppenbild mit den jungen Künstlern des Theaters Piano

Über einige weitere Eindrücke und Erlebnisse in Kurzform:
Die Vermieterin musste für unsere Anmeldung bei der Einwanderungsbehörde 24 Seiten ausfüllen, da sie einen Eigentumsnachweis zu erbringen hatte. Ein solcher wird bei uns auch gefordert, wenn wir Russen einladen, der allerdings mit weniger Papier auskommt.

Es war erstaunlich zu sehen, wie in der Stadt auf den Hauptstraßen der ständig fallende Schnee beseitigt wird. Jede Nacht waren es nur wenige Zentimeter Neuschnee. Er wird sofort von Schipptrupps oder Räumgeräten auf Haufen zusammengeschoben und von LKW abtransportiert. Viel Tausalz lässt selbst bei Temperaturen unter minus 10 Grad wässrige Pfützen auf den Bürgersteigen entstehen.

Langlaufen konnten wir im Naturschutzgebiet „Schjolokowski Chutor“ nur zweimal und das gleich nach unserer Ankunft. Dann wurde es zu kalt (-17°) und unser Terminplan zu voll. Die Ausleihe einer Ausrüstung inklusive eines Bechers Tee am Schluss kostete für drei Stunden noch immer 300 Rubel, wobei die drei Stunden auch mehr als 180 Minuten enthalten können, wie uns die jungen Betreiber sagten.
Noch einige Fotos:


Werbung für Holzschutzmittel aus Deutschland – tief im Wald


Werbung für Pelmenje mit dem schwarzen Quadrat von Malewitsch

Lange Schatten auf dem Weg zur Newski-Kathedrale

Lange Schatten auf der Oka


Gorki Theater


Die Messe (Jarmarka) in neuen Farben. Hier ist die Ausstellung
„Russland – Meine Geschichte“ untergebracht.

Zum Schluss gebe ich ein kurzes Gespräch mit einem Freund wieder, der seit 26 Jahren in Nischni lebt. Wir hatten aus vollem Herzen über die Politik und die schleppende Wirtschaft, über die schlechten Straßen und das löchrige Pflaster gelästert, auf dem wir gerade liefen. Es war auf der Bolschaja Pokrowskaja, der Fußgängerzone, die für die WM 2018 renoviert und im unteren Bereich mit grauen Platten belegt worden war. Jetzt war das Pflaster schon wieder voller Vertiefungen, die Platten lagen locker und gaben beim darüber Laufen ein lustiges Geklapper von sich. Ich: „Bist du gern hier?“ Er: „Doch, sonst wäre ich schon längst fort“. Ich: „Was gefällt dir“ Er: „Das große Land ist nicht so eng und das Leben ist interessanter, es ist nicht alles so glatt und geschniegelt wie in Europa.“

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GULAG: Denkmal und Museum in Moskau

Freunde hatten im vergangenen Jahr zweimal vor den verschlossenen Türen des GULAG-Museums gestanden und befürchtet, es werde nicht wieder geöffnet. Wir wollten uns selbst vergewissern und besuchten das Museum erneut, das uns im September 2016 schon einmal beeindruckt hatte.
Allerdings begannen wir den Tag beim GULAG-Denkmal – eine passende Einstimmung in das traurige Thema. Die „Mauer der Trauer“, das riesige Denkmal für die Opfer der GULAGs, wirkte an dem düsteren Januartag noch bedrückender als bei meinem ersten Besuch im Mai 2018. Es lag auch diesmal verlassen auf dem großen Gelände. Dem mächtigen Denkmal sieht man nicht an, dass es umstritten ist. Oppositionelle kritisieren es, weil es nur an die Opfer, nicht aber an die für die GULAGs Verantwortlichen erinnert. Eindrucksvoll ist es allemal, zwei km vom Zentrum entfernt und mit der Metro (Station Sretenski Boulevard) und einem kurzen Fußmarsch bis zu der Kreuzung des Akademik-Sacharow-Prospektes mit der Sadowaja Spasskaja Ulitza leicht zu erreichen. Letztere ist ein Teil des Garten-Ringes, der das Zentrum Moskaus umgibt.


GULAG-Denkmal am 11. Januar 2019

Der Weg von dort zum GULAG-Museum gestaltete sich abenteuerlich, weil wir der 2Gis Routenbeschreibung auf dem Smartphone nicht glaubten. Ein älterer Mann, den wir fragten als wir unseren Irrtum bemerkten, kannte zwar die Samostechni Gasse (Самостехний Пер), sagte aber: „Gibt es da ein GULAG-Museum, sehr interessant!“ Ein jüngerer Zeitgenosse führte uns mit Hilfe seines Smartphones dahin. Er habe Zeit, da er ein selbstständiger Eventmanager sei. Von der Existenz des Museums wusste er, hatte es aber noch nicht von innen gesehen.


Eingang zum GULAG-Museum

Das GULAG Museum ist seit Dezember 2018 nach einer gründlichen Umgestaltung wieder täglich von 12 bis 21 Uhr geöffnet, montags und am letzten Freitag jeden Monats geschlossen.
Die neue Konzeption unterscheidet sich deutlich von der, die wir bei unserem Besuch im September 2016 gesehen hatten. Jetzt ist die Ausstellung fast vollständig in kleineren Räumen und engen Gängen untergebracht. Schwarze Wände oder grobes Ziegelmauerwerk erzeugen bei schwacher Beleuchtung eine bedrückende, dem Thema angemessene Atmosphäre. Exponate in kleinen, in die Wände eingelassenen Vitrinen werden auf Täfelchen und mit Kopfhörern in Russisch und in Englisch beschrieben. Filme zeigen Ausschnitte von Ansprachen Lenins, aus Sitzungen des ZK und Schauprozessen. Die auffallendsten Änderungen sind die vielen interaktiven Bildschirme an Wänden oder auf Tischen. Von der das Thema angebenden Anfangsseite kann man sich zu immer detaillierteren Informationen weiterklicken.
Ein Beispiel: Früher hing eine große Karte mit allen Lagern der Sowjetunion an einer Wand. Für jemanden, der in der Vorcomputerzeit aufgewachsen ist, eine klare übersichtliche Angelegenheit. Viele Leute konnten gleichzeitig davorstehen und diese betrachten. Heute ist die Karte auf zwei Tischbildschirmen zu finden, zwei Stück, um mehreren Besuchern Platz zu bieten. Beide Schirme sind getrennt bedienbar. Durch Berühren eines auf der Karte verzeichneten Lagers, bekommt man detaillierte Informationen über seine geographische Lage, seine Bedeutung, die Zahl der Insassen und die Zahl der Toten, jeweils in einem auf einer Zeitleiste wählbaren Jahr. Eine englischsprechende junge Angestellte des Museums half uns bei der Bedienung.
In Themenräumen gibt es Exponate und Bildschirme zu der Entstehung der Lager, den rechtlichen Grundlagen der Repressionen, den verschiedenen Terrorwellen wie dem Roten Terror (1918 -1921) und dem Großen Terror (1937/38), den Lagern in den Regionen der Sowjetunion, den verschiedenen Opfergruppen und den Schauprozessen. Wir fanden es schwieriger als in der alten Konzeption einen zusammenfassenden Überblick zu gewinnen, weil die Ausstellung thematisch kleinteiliger untergliedert ist.
Auffallend viele kleine Bildschirme zeigen Einzelschicksale. Kopfhörer mit Erklärungen in Russisch oder Englisch und zweisprachige Täfelchen mit kurzen Beschreibungen geben nähere Informationen.
In einem Raum zum Thema „Erschießungen während des Großen Terrors“ (1937/38) liegen auf dem Fußboden 700000 Patronenhülsen – eine für jeden Toten. Dazu an einer Wand Dokumente mit der vom Zentralkomitee angeordneten Zahl der zu Verurteilenden, entweder zu Lagerhaft oder zum Erschießen. An einer rohen Ziegelwand werden in kurzen Abständen Fotos der Opfer eingeblendet. Eine sehr eindrucksvolle Installation.
Manche Dokumente und Darstellungen der früheren Ausstellung vermissten wir. Es ist natürlich möglich, dass diese an einem der interaktiven Bildschirme aufrufbar sind.

Von 1930 bis 1956 wurden 20 Millionen Menschen durch das GULAG-System geschleust, davon kamen zwei Millionen durch Hunger, Krankheit oder Erschießen ums Leben.
Am Schluss kamen wir in einen Tageslichtraum, in dem in einem Schrank Ordner mit Kopien von Urteilen, von politischen Anweisungen mit den Unterschriften der Verantwortlichen standen.
Auf einem Bildschirm wurde eine Umfrage unter der Moskauer Bevölkerung gezeigt, in der viele angaben, von den GULAGs nichts gehört zu haben. Von denen, die GULAGs kannten, wurde die Zahl der Toten mit 10000 bis einige Millionen genannt. Es zeigt die Notwendigkeit dieses Museums. An dem Samstagnachmittag war es gut besucht, überwiegend von jungen Russen.
In der Zeitung „Kommersant“ vom 9. Januar 2019 wurde berichtet, dass der Leiter des GULAG Museums zusammen mit „Memorial“ die Veröffentlichung von zunächst 100000 Namen von GULAG-Opfern und deren Schicksal im Internet vorbereitet. Memorial ist eine 1988 gegründete Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Moskau.
Einige Fotos als Beispiele:

Fotografieren war in den dunklen Räumen schwierig (zumindest mit unserer nur aus Smartphones bestehenden Ausrüstung). Als Beispiel der Bildschirm von Solschenizyn und das Fenster mit dem Buch „Archipel GULAG“ und persönlichen Gegenständen des Autors. In einem getrennten Raum außerhalb der Ausstellung sind noch einmal Ausgaben von „Archipel GULAG“ zu sehen, darunter auch eine Samisdatabschrift und viele Entwürfe für Buchdeckel.


Fotos von Kindern, deren Eltern in den GULAGs waren, konstrastieren mit einer Büste von Stalin als väterlichem Beschützer.


Von Häftlingen hergestellte Essnäpfe, Löffel, Suppenkelle.

Geheimmeldung an Stalin vom 11.11.1937: Hier der Text der Geheimmeldung: „Ihre Anweisung zur Zerschlagung der konterrevolutionären Basisorganisation wurde ausgeführt. Verurteilt wurden in der ersten Kategorie (Zwangsarbeit) 2500, in der zweiten Kategorie (Erschießen) 4000. Zusammen 6500 Menschen. Um die Sache zu Ende zu führen, bitte ich um Erlaubnis, in der ersten Kategorie noch 700 und in der zweiten Kategorie noch 1000 verurteilen zu dürfen, also insgesamt 1700 Menschen. Sekretär des Kalininer Bezirkskomitets, Rabow“
Quer, erste rote Unterschrift: „Einverstanden, Stalin“ und zwei weitere Unterschriften.


Die Goldminen von Tscheljabinsk, in denen von 1930 bis in die 1940er Jahre die Leichen von Erschossenen abgelegt wurden. Menschliche Überreste wurden in zehn Minen gefunden.


Das Solowetzki Lager war das erste Straflager der Sowjetunion

20 Millionen Gesamtopfer in 26 Jahren

Zwei Millionen Tote


Kopien von Akten mit Urteilen

Drei Tage im winterlichen Moskau, Januar 2019

 

Drei Tage im winterlichen Moskau

Am 9. Januar 2019 war Moskau noch ganz im Schmuck der Feiern zum neuen Jahr, die Russland viele Tage lang in eine Mischung aus Winterschlaf und Festrausch versetzen. Winterschlaf, was Behörden und Betriebe betrifft und Festrausch, was die Menschen angeht. Auf allen großen Straßen und Plätzen der Innenstadt glitzernde Installationen, mit flackernden LED-Bändern geschmückte Buden und Häuser und Weihnachtsbäume. Auf Spruchbändern Neujahreswünsche in Russisch „С Новим Годом“ und in Englisch „Happy New Year“.


Weihnachtsschmuck am Puschkinplatz


….und am Roten Platz

Unser Standard-Spaziergang führte uns am ersten Tag über die weihnachtlich geschmückte Twerskaja Ulitza zur Ausstellungshalle „Manege“, in der gerade Bilder der mexikanischen Malerin Frida Kahlo und ihres Mannes Diego Rivera gezeigt wurden, die wir allerdings nicht besuchten.


Vor der Manege

 

Auf dem Roten Platz viel Weihnachtsrummel mit Buden, Spielen und Karussells. Der Eintritt in die große Schlittschuhbahn vor dem Kaufhaus „GUM“ ist vormittags frei, ab 15.30 kostet die Stunde für Kinder 200 Rubel, für Erwachsene 400 Rubel (Derzeitiger Wechselkurs 1:76). Jung und Alt zogen zu lauter Musik munter ihre Kreise. Ein älterer Mann steuerte aus der Menge direkt auf uns zu und wollte uns zum Mitfahren überreden. Er hatte uns sofort als Ausländer erkannt. Wir wundern uns oft darüber, woran man das merkt, wo doch Rose in ihrem schwarzen hier gekauften Wintermantel und ich mit meiner Russenmütze, tief in die Stirn gezogen und nur das Gesicht freilassend, hiesig wirken sollten. In diesem lauten und fröhlichen Treiben konnte uns auch unsere Sprache nicht verraten haben.

Eisbahn auf dem Roten Platz vor dem Kaufhaus GUM

Die nächste Station unseres Standard-Bummels ist die Große Moskwa-Brücke, auf der am 27. Februar 2015 der Oppositionspolitiker Boris Nemzow erschossen wurde. Dort stehen noch immer Plakate und regelmäßig erneuerte Blumensträuße und ein Schild, das die Zahl der seit dem Mord vergangenen Tage angibt, an diesem 10. Januar waren es 1413. Immer sind da auch zwei oder drei Bürger Moskaus, die diese inoffizielle Gedenkstätte bewachen und die ausharren wollen, bis die Brücke in Nemzow-Brücke umbenannt ist. „Wenn in Moskau eine Kadyrow Straße möglich ist, dann sollte es auch eine Nemzow Brücke geben können“, sagte uns einer der dort Wachenden.

Hier wurde Boris Nemzow vor 1413 Tagen ermordet

Neu ist der Zarjadje Park, nur wenige Schritte vom Kreml entfernt. Er wurde auf dem Gelände des Hotels Rossija errichtet. In der Stalinzeit waren Pläne für ein riesiges Verwaltungszentrum bereits fertiggestellt, deren Verwirklichung der Zweite Weltkrieg verhinderte. Fünf teils unterirdische Pavillons, eine über die Moskwa reichende Aussichtsbrücke und breite Wege laden zum Spazierengehen ein.

Blick vom Zarjadje Park auf den Kreml

Immer wieder hat man überwältigende Ausblicke auf den nahen Kreml und die Basilius-Kathedrale. Dieser Park für die Bürger auf teuerstem Baugrund mitten in der Stadt ist ein großer Gewinn für Moskau.

In der Philharmonie wird die h-moll Messe von Bach angekündigt.
Der Konzertsaal verbirgt sich unter der schneebedeckten Betonschale


Durchblick auf Kremlturm und Basilius-Kathedrale

Am Nachmittag führte uns Marina in ein Café namens „Гречка Лаб“ (Buchweizengrütze) in der Nähe des Bolschoi Theaters. Bei Selbstbedienung und aus Bioprodukten zubereiteten Speisen ist es preiswert und zu empfehlen. Dort tranken wir zum ersten Mal in unserem Leben Buchweizentee, der Geschmack erinnert an zerbissene Weizenkörner.

Unsere Freundin Marina hatte uns zu einer Aufführung von Puccinis Oper „Tosca“ ins Bolschoi Theater eingeladen, zu der sie die Karten am „Black Friday“ günstig kaufen konnte. Diesen Tag mit Sonderangeboten gibt es also auch in Russland. Wir revanchierten uns mit einer Einladung zu dem modernen Ballett „Modigliani – ein verfluchter (cursed) Künstler“ von Thomas Edur nach der Musik von Tauno Aints, ebenfalls im Bolschoi Theater. Leider konnten wir keine Sonderangebote nutzen. Unsere Karten waren mit ca 80 Euro dreimal teurer.
Beide Aufführungen waren Teil einer „Гастроли“ („Gastroli“, Gastspielreise) der Estnischen Staatsoper, die „einer der Höhepunkte der Feiern zum 100jährigen Bestehen der Republik von Estland 2018“ waren, wie der General Manager der Estnischen Staatsoper Aivar Mäe im Programmheft schrieb. Zu dem Gastspiel gehörten auch das Ballett „Schneewittchen und die 7 Zwerge“ von Tibor Kocsak und ein Gala Konzertabend.

Marina fand die Musik zu dem Ballett weniger ansprechend als die klassische Oper und wir stimmten ihr zu. Umso vorbehaltsloser begeisterte uns „Tosca“. Orchester, Sänger und Tänzer wurden in den ausverkauften Vorstellungen vom, wie uns schien, überwiegend russischen Publikum mit langem Schlussbeifall bedacht. Zwei Abende in Moskau mit hochkarätigen Veranstaltungen der estnischen Staatsoper: ein unerwarteter Beginn unserer Winterreise nach Russland. Der kulturelle Austausch ist trotz politischer Spannungen möglich, eine ebenso überraschende wie tröstliche Erkenntnis.
Eine vielleicht nebensächliche Frage unter diesem politischen Aspekt: Was zieht man an, wenn man in das berühmte Bolschoi Theater geht. Die Antwort gaben uns die anderen Besucher. Ihre Kleidung zeigte an beiden Abenden eine große Vielfalt; „ordentlich angezogen“ reichte. Die Damenwelt brillierte mit langen Abendkleidern bis hin zu den schicken kurzen, auch sehr kurzen „Kleinen“. Röcke mit Pullovern oder Hosen mit Blusen waren ebenfalls zu sehen. Die Herren trugen die ganze Breite guter Kleidung, den traditionellen Anzug mit Hemd und Krawatte, Hemd und Hose ohne Jacke und ohne Binder, oft auch Pullover. Alles eher locker statt steif und formell. Vor den Garderoben wurden in drangvoller Enge die Winterstiefel gegen die Ausgehschuhe gewechselt.
Sonderausstellungen lockten uns in die Neue Tretjakow Galerie. Das vielseitige Lebenswerk des Malers Michael Larionow (1881 – 1964) wurde ausführlich gezeigt. Er gehörte der russischen Avantgarde an, war mit Natalia Gontscharowa verheiratet und lebte ab 1915 in Paris. Er war vom französischen Impressionismus beeinflusst, wandte sich aber immer neuen Malweisen zu und ist deshalb schwer einer Stilrichtung zuzuordnen. Von der Bandbreite seiner Stile zeugen die folgenden drei Venusbilder.

Zeitnäher sind die Bilder des Moskauer Malers Iwan Nikolaew (1940 – 2017), der laut Informationstafel ein herausragender Vertreter sowohl konformistischer als auch nonkonformistischer Kunst war. 1978 entstand mit „Der Tod Popkows“ eine der ersten Installationen der Sowjetkunst. Das Bild „Bierkneipe“, auf dem düstere Gestalten mit entstellten Gesichtern dargestellt sind, stammt ebenfalls aus dieser Zeit. Еrstaunlich, dass in den 70er Jahren solche Werke in Russland entstehen konnten. (Wieder konnte man kostenfrei fotografieren.)

Installation „Tod Popkows“ 1978

 

Die Fülle der Bilder in der Dauerausstellung, die wir schon in früheren Berichten beschrieben haben, überstieg unser Aufnahmevermögen nach drei Stunden Museumsbesuch. Da hilft nur: Wiederkommen!
Einen weiteren Tag widmeten wir ganz dem Thema „Gulag“. Wir besuchten das Gulag-Denkmal und das wiedereröffnete Gulag-Museum. Hierzu folgt ein eigener Bericht.
Und sonst?
Der Winter in Moskau zeigte sich von der gnädigen Seite. Die Temperaturen lagen zwischen minus vier und minus zehn Grad, wenig Wind und der Himmel bis auf kurze Aufhellungen von einer grauen Wolkenschicht bedeckt, aus der es oft leicht schneite. Der Schnee wird ständig geräumt, von Hand oder von großen Räumfahrzeugen. Zudem wird mit Tausalz nicht gespart.
Ein Garderobier im Bolschoi Restaurant schockierte uns mit einem Witz: „Wir haben Französisch gelernt und sind bis Paris gekommen. Wir lernten Deutsch und kamen bis Berlin. Jetzt lernen wir Englisch“.
Da ist uns der Portier im Hotel Budapest lieber, der uns fragte, ob er uns ein Bild eines russischen Dorfes schenken dürfe, das er in den Nachtstunden malen würde. Wer sagt da Nein? Am nächsten Morgen überreichte er uns sein Werk, Kugelschreiber auf Pappe. (Das sollte hier stehen, leider kann ich es nicht hochladen – wie immer, weiß man nicht warum. Schade) Russisches Dorf, Kugelschreiber auf Pappe (Boris, 2019)

Drei Tage sind viel zu wenig für Moskau. Vollgestopft mit Eindrücken stiegen wir nach dieser kurzen Zeit in den Zug „Strisch“ (Mauersegler) nach Nischni Nowgorod.

Gorochowez – eine alte russische Stadt

Ein zweitägiger Ausflug führte uns nach Gorochowez, das wir 2017 schon einmal besucht hatten. (Blog vom 22.05.17) Marina, Roses Kollegin und Autorin des Theaterstückes „Kommt wieder – aber ohne Waffen“, hatte uns wieder dahin eingeladen.

Die kleine Reise begann mit einem Irrtum, denn Marina hatte unser Zusammentreffen am Bahnhof in Nischni Nowgorod eine Stunde zu früh angesetzt. Das war aber kein Grund zum Ärgern, eher im Gegenteil. So konnten wir noch einen Spaziergang in den Park „1. Mai“ machen. Es regnete zwar, aber es war nicht mehr kalt. Der Park war für den „Tag Russlands“ geschmückt (12. Juni). Aus dem Irrtum wurde in typisch russischer Art ein Vergnügen gemacht.


Im Park „1. Mai“ am „Tag Russlands“ 2018.

Als wir nach etwa anderthalb Stunden Fahrt in Gorochowez aus der Elektrischka stiegen, wurden wir sofort umschwärmt und zwar von „Moschki“, kleinen Fliegen, die unter die Brillenbügel, in die Ärmel und die Anorak Kapuze kriechen, um an die Haut zu gelangen und dort ihr schmerzhaftes Treiben beginnen zu können. Das schwüle feuchte Wetter machte die Plagegeister besonders aktiv. Kurze Pausen brachten uns nur die gelegentlichen Regenschauer. Die Meschki kommen nicht in Wohnräume, anders als die Stechmücken, die dort auch umherschwirrten, aber vergleichsweise harmlos blieben.


Moschki, Mitches, Kriebelmücken, Gnitzen, egal welche Sprache – sie sind immer lästig

Gorochowez, der 80 km westlich von Nischni Nowgorod gelegene 13.000 Einwohner-Ort an der Kljasma feiert vom 20. bis 22. Juli sein 850jähriges Gründungsjubiläum. In dieser Kleinstadt gibt es drei aktive Klöster, zehn Kirchen und – wie uns die Führerin stolz erzählte – sieben steinerne Kaufmannspaläste aus dem 17. Jh. In ganz Russland sind zwanzig erhalten, in Nischni Nowgorod stehen nur drei davon. Gorochowez hofft ins Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen zu werden.

Der Ort war zuerst militärischer Stützpunkt an der Kljasma, seine Blütezeit begann im 17. Jh. als altgläubige Kaufleute durch Handel und durch die Erzeugung von Obst- und Beerenweinen zu Reichtum kamen, mit dem sie, ihrem Glauben gemäß zum Mäzenatentum verpflichtet, Kirchen und Klöster bauten. Nach einem Stillstand im 18. Jh. brachte dann der Schiffsbau im 19. Jh. einen erneuten Aufschwung, jetzt wurden vor allem Schulen, Kranken- und Waisenhäuser errichtet.


Ein steinernes Kaufmannshaus aus dem 17. Jahrhundert.

Zur Feier des 850-jährigen Bestehens erwartet der Ort Putin und den Patriarchen Alexej. Die Vorbereitungen für das Fest sind im vollen Gange. Einige Kirchen sind eingerüstet, andere bieten mit rohem Ziegelmauerwerk einen ungewöhnlichen Anblick, weil der Putz entfernt und noch nicht wieder aufgebracht wurde. Bei unserem ersten Besuch hatten wir sie noch im strahlenden Weiß erlebt. Bis zu den Festlichkeiten in fünf Wochen scheint nur wenig Zeit, um alles wieder in den schmucken ursprünglichen Zustand zu bringen, aber da wir erlebt haben, wie schnell man in Nischni Nowgorod ganze Straßenzüge für die WM restaurierte, haben wir keinen Zweifel, dass alles rechtzeitig fertig wird. Die Arbeiten in Gorochowez waren noch voll im Gange – mit viel Lärm und viel Staub, der die Umgebung einnebelte.


Die Kirche des Maria-Reinigung Klosters ohne Putz.


Das Dreifaltigkeits-Nikolei Kloster, auf einem 80 m hohen Hügel über der Stadt gelegen, prangte noch in strahlendem Weiß.


Das Abschleifen des Putzes ist eine staubige Angelegenheit

Marina kam angesichts der Moschki und des Staubes ein Spruch Puschkins in den Sinn (obgleich es bei ihm kein Baustaub, sondern Straßenstaub war):

Ах, лето красное, любил бы я тебя,
Когда б не пыль, да комары, да мухи.

Ach, schöner Sommer, wie liebt‘ ich dich
Gäb es nicht Staub und Mücken und Fliegen.


Backsteinhaus aus dem 19. Jahrhundert

Aus dem 19. Jh. sind ansehnliche Backsteinhäuser erhalten und, besonders interessant, einige Holzhäuser im Jugendstil. Im letzten Jahr wurde im Marosow Haus ein Museum eingerichtet, in dem Möbel und Gebrauchsgegenstände der Werftbesitzer aus dem 19. Jh. zu sehen sind.


Kaufmannshaus im Jungendstil aus Holz

Wir wohnten in dem modernen Hotel „Купическая Изба“ (Kaufmannshütte), das Ferienwohnungen in Blockhäusern, eine Banja (Sauna) und ein Schwimmbecken anbietet und das wir sehr empfehlen können.


Im Hotel „купеческая Изба“ Kaufmannshütte (auf der Leninstraße)

Im Blog „erlangenwladimir.wordpress.com“ wird Gorochowez ein vergessenes Kleinod des Goldenen Ringes genannt. Es ist tatsächlich ein architekturhistorisches Gesamtdenkmal mit charakteristischen Bauwerken aus vielen Jahrhunderten.

 

Flugpionier Tschkalow

In dem kleinen Ort Tschkalowsk an der Wolga, der bis 1937 Wassiljowo (Василёво) hieß, wurde der berühmte Testpilot Waleri Pawlowitsch Tschkalow geboren. Sein Denkmal steht in Nischni oberhalb der nach ihm benannten Tschkalow-Treppe. Er flog 1937 von Moskau über den Nordpol nach Vancouver – zusammen mit zwei weiteren Piloten, die meist nur am Rande erwähnt werden. (Georgi Filippowitsch Baidukow und Alexander Wassiljewitsch Beljakow). Tschkalow wurde mit allen möglichen Ehrungen und Orden der Sowjetunion bedacht. In dem Ort ist das Museum, sein Elternhaus, ganz seinem Leben und seinen Flügen gewidmet.

Die ANT-25, mit dem 1937 der Rekordflug von Moskau nach Vancouver gelang

Eine große Überraschung war der Besuch des Hangars neben dem Museum. Die dort ausgestellten Flugzeuge wurden alle von Tschkalow getestet, auch die ANT-25, mit der 1937 der spektakuläre Flug über den Nordpol nach Vancouver gelang. Ich will gestehen, dass ich mich bisher für die Geschichte der Luftfahrt nicht sonderlich interessierte, deshalb war ich sehr erstaunt zu lernen, dass in den 30er Jahren schon solch riesige Flugzeuge gebaut und geflogen werden konnten. Die ANT-25 hatte eine Spannweite von 34 Metern, ein Fluggewicht von 11 Tonnen und eine Reichweite von 15000 km. Die drei Piloten saßen hintereinander in dem engen Rumpf. In Beschriftungen und auf den Landkarten des Fluges ist Vancouver, das ja in Kanada liegt, mit dem Zusatz „USA“ versehen. Dies konnte niemand erklären, auch nicht eine der zahlreichen, sonst gut informierten Museumsführerinnen. Ein Flug in die USA, nämlich nach San Francisco, fand erst später statt.

Es bleibt interessant in Nischni Nowgorod

 

Die letzte Station unserer dreiwöchigen Russlandreise nach den Aufenthalten in Moskau und in Wladimir war Nischni Nowgorod. Siehe hierzu die Beiträge „Vier Tage in Moskau“ vom 3. Juni 2018, „Ein Russionär zwei Tage in Wladimir“ vom 7. Juni 2018 und „In Nischni Nowgorod – vor der WM“ vom 11. Juni 2018. Hier noch einige Ergänzungen.
Unsere Ankunft in Nischni Nowgorod, der Stadt, in der wir von 2014 bis 2017 gelebt hatten, brachte gleich eine Überraschung. Der Zug Lastotschka (Schwalbe), fuhr gerade in den Bahnhof ein, als der Vermieter unserer Ferienwohnung anrief. Wir könnten das gewünschte Appartement nicht bekommen, weil aus der darüberliegenden Wohnung Wasser tropfe und deren Besitzer nicht auffindbar sei. Deshalb sei das Wasser im Haus abgestellt. Es könne länger dauern bis das Problem gelöst sei. Er bot uns eine andere Wohnung an, die uns aber nicht gefiel. Da hatte meine Frau die großartige Idee, die Vermieterin der Wohnung anzurufen, in der wir die drei Jahre vorher gewohnt hatten. Und siehe da, die Wohnung war frei. „Gerne könnten wir sofort einziehen“. Das war die beste aller denkbaren Lösungen.
Die nächste Hürde, die es zu überwinden galt, war die der Registrierung im Migrationsbüro, eine Aufgabe unserer Vermieterin. Bisher erledigten dies die Hotels oder das Gymnasium, in dem meine Frau arbeitete. Jetzt erlebten wir hautnah, was die hiesige Bürokratie an Schwierigkeiten zu bieten hat. Bei dem Ausfüllen des zweiseitigen Formulars darf es keinerlei Ausbesserungen geben. Ein Buchstabe einmal übermalt führt gnadenlos dazu, dass alles neu geschrieben werden muss. Unsere Vermieterin war an zwei Tagen dort jeweils knapp zwei Stunden mit dem Ausfüllen der Papiere beschäftigt. Unser Mitleid lehnte sie ab. „Das ist noch schnell gegangen, weil ich die einzige Kundin war. Wenn viele Leute dort sind, muss man sich mit den neu geschriebenen Seiten immer am Ende der Schlange anstellen und falls man in den Dienststunden nicht mehr drankommt, am nächsten Tag wiedererscheinen. Manche brauchen dazu eine Woche.“
Nicht weit von unserer Wohnung verläuft eine Schlucht hinunter zur Oka. Den Weg an ihrem Rand gingen wir in den letzten Jahren oft, wenn wir dem Verkehr entgehen und das üppige Grün genießen wollten. Jetzt stand am Wegesrand, dort wo die Universitetskaja Ulitza über eine Fußgängerbrücke führt, ein Holzkreuz. Es ist ein Denkmal für die Opfer des Roten Terrors (1917 bis 1921), dem in Russland unzählige Menschen zum Opfer fielen. In Nischni Nowgorod wurden sie an dieser Stelle erschossen. Unser beliebter Spazierweg war vor hundert Jahren ein Ort des Schreckens, eine schockierende Vorstellung.


Aufschrift: Denkmal für die Nischegoroder, die hier an der Potschaninski Schlucht in den Jahren des Roten Terrors von den Tschekisten erschossen wurden

Unser Aufenthalt in Nischni Nowgorod vom 30. Mai bis 14. Juni 2018 wurde durch das kühle und feuchte Wetter ziemlich beeinträchtigt, da wir weder von unseren Erwartungen noch von unserer Kleidung her darauf vorbereitet waren. Morgens etwa 4 Grad, mittags maximal 12, dazu ein kalter Wind und Regenschauer, damit hatten wir nicht gerechnet. Umso mehr genossen wir die Sonnenstunden, in denen sich die Fußgängerzone Bolschaja Pokrowskaja mit Spaziergängern füllt, Musikgruppen aufspielen, die Verkaufsbuden öffnen und ein buntes Treiben einsetzt, was sich auch von den Ausbesserungs- und Verschönerungsarbeiten nicht stören lässt. Da werden Pflastersteine ausgewechselt, Informationssäulen für die WM aufgestellt, Wände gestrichen – und das alles mitten im Strom der Spaziergänger.

Fußgängerzone Pokrowka, mal ohne Regen

Nach einer langen Fotopirsch beim WM-Stadion (siehe die Fotos im vorigen Beitrag vom 11.06.18) wollte ich vom Einkaufszentrum „Siebter Himmel“ mit der Metro fahren, die neuerdings bis zum Stadion ausgebaut ist. Auf meine Frage nach dem Weg wurde mir die Richtung gewiesen und tatsächlich sah ich bald ein großes Schild „METRO“. Leider handelte es sich hier um einen Laden des Großhandels mit diesem Namen. Ein junger Mann klärte mich auf: Die U-Bahn Metro wird auf der zweiten Silbe betont, die Handelskette auf der ersten, was ich natürlich bei meiner Frage nach dem Weg nicht wusste. Als ich dann endlich – mit beginnenden Ermüdungserscheinungen – bei der auf der zweiten Silbe betonten Metró ankam, war die Station wegen Bauarbeiten geschlossen. An der nächsten Ampel fragte ich einen Mann mit Kinderwagen nach dem Weg zur einer Bushaltestelle. Er erkannte meine Sprachprobleme, sagte kurz entschlossen „dawaj, poschli“ und führte mich sogar bis zum Moskauer Bahnhof – weiter als ich eigentlich laufen wollte. Dabei musste er den Kinderwagen bei der Brücke über die sechsspurige Straße treppauf, treppab tragen. Für ihn sei das kein Umweg, er wolle sowieso spazieren gehen, antwortete er auf meine Frage, ob das nicht zu weit für ihn wäre und er zeigte auf den Kinderwagen mit seinem Enkel. Zum Abschied strahlte er über das ganze Gesicht. Nach dieser kurzen Begegnung vergaß ich meine Müdigkeit, die Bürokratie und das schlechte Wetter.


Der hilfsbereite Weglotse an einer Straßenbrücke

Von Nischni Nowgorod aus machten wir kurze Reisen nach Tschkalowsk und nach Gorochowez. Darüber folgt ein eigener Betrag.

In Nischni Nowgorod – vor der WM

Im Juni dieses Jahres waren wir vierzehn Tage in Nischni Nowgorod, in der Stadt, in der wir bis August 2017 drei Jahre gelebt hatten. Hier finden sechs Spiele der WM 2018 statt und wir waren gespannt, was wir von den Vorbereitungen bemerken würden. Mit einem Satz: Sie sind unübersehbar. Wenn „König Fußball“ kommt, wird die ganze Stadt geschmückt.
Gleich der erste Spaziergang führte uns an das hohe Oka-Ufer, von dem wir in den letzten drei Jahren oft auf die Alexander-Newski-Kathedrale jenseits des Flusses und die dahinterliegende Baustelle des WM-Stadions geblickt hatten. Wir waren neugierig darauf zu sehen, wie sich das große Stadion in die Umgebung einfügt und waren überrascht: Es erdrückt die anderen Gebäude nicht. Seine Außenwand besteht aus einem weißen Säulenring, deshalb wirkt der große Baukörper leicht und luftig. Die „Strelka“ (Landzunge zwischen Wolga und Oka) ist immer noch ein schöner Anblick: Das weiße Stadion bildet einen guten Kontrast zu der gelben Kirche. Zudem: Die Hafenkräne, die bisher bei der Kathedrale standen und das Bild verschandelten, sind verschwunden.

Hinter der Kanawinski Brücke der Säulenring des WM- Stadions, rechts die Newski-Kathedrale, vorn links die goldene Kuppel des Maria-Verkündigung Klosters


WM-Stadion vom Vorplatz der Newski-Kathedrale aus gesehen


Der Säulenring wirkt freundlich


Hier wird noch gearbeitet (10.06.2018)

Ein großer Gewinn ist die neu zugänglich gemachte Uferpromenade „Nischnewolschskaja Nabereschnaja“, auf der man jetzt von der Kanawinski Brücke bis zur Tschkalow-Treppe spazieren kann, zunächst an der Oka und dann an der Wolga, was von den Nischegerodern gern genutzt wird. Auffallend ist wieder, dass es auf der ganzen Strecke – es sind zwei Kilometer – keine Essen- oder Getränkeangebote gibt, lediglich einige Eisverkäufer bieten ihre Ware feil.


Von der neuen Uferpromenade blickt man auf die Newski-Kathedrale und das Stadion.


Letzte Arbeiten auf der neuen Promenade

Besonders auffällig sind die neu gestrichenen Häuser in vielen Straßen. Die Ilinskaja gleich bei unserer Wohnung ist kaum wiederzuerkennen. Mit Farbe wurde nicht gespart. Ob diese Verschönerungen immer nachhaltig sind, wird von Nischegerodern bezweifelt, weil die Untergründe nicht saniert wurden. Wir sahen an den letzten Tagen oft zwei oder drei Leute an Mauern oder Pfosten dick Farbe auftragen, grundiert wurde nicht. Aber dennoch freuen sich alle über das schönere Straßenbild. Erwähnt seien auch die erneuerten Straßenbeläge – zumindest auf den Hauptstraßen.
Ein Beispiel für die Verschönerung der Häuser zeigen zwei Fotos eines Hauses auf der Swesdinka Uliza, direkt vor dem Eingang der katholischen Kirche. Von den bröckelnden Fassaden des Hauses ist nichts mehr zu sehen.


Haus bei der katholischen Kirche an der Uliza Lestwinka, Foto vom 24. März 2017.


…. und am 3. Juni 2018

Kaum zu glauben ist die Veränderung der näheren Umgebung des Stadions. Hier war vor kurzem noch eine Wohngegend mit hässlichen Plattenbauten, großen ungepflegten Parkplätzen und schlechten Straßen. Heute sind da Grünanlagen, bunt gestrichene Häuser und sechsspurige moderne Straßen.


Frisch gestrichene Häuser gegenüber dem Stadion


Sechsspurige Straße zum Stadion (Uliza Betankura)

Das „Fifa-Fan-Fest“ findet auf dem Minin-Platz statt, der weiträumig abgesperrt ist. Dort wird eine große Leinwand für das Public Viewing aufgebaut. Das Gymnasium Nr. 1 und das Tschkalow-Denkmal, immerhin ein wichtiger touristischer Aussichtspunkt, sind zurzeit nur über einen Umweg zu erreichen. Darüber hinaus soll während der WM die Kanawinski-Brücke für den Autoverkehr gesperrt werden. Die Fanmeile soll dann vom Minin-Platz bis zum Stadion reichen. Bemerkenswert ist auch: Wir sahen häufig Polizeistreifen, meistens zwei Männer und eine Frau, die in ihren schwarzen Uniformen langsam durch die Straßen schlendern. Sicherheit wird großgeschrieben.


Eingang zum FIFA FAN FEST am Minin-Platz, rechts das Gymnasium Nr. 1,

Plakate an Laternenpfählen und Hauswänden und Bildständer sieht man viele. Beim Moskauer Bahnhof ein großes Plakat mit den Daten der sechs Spiele in Nischni Nowgorod.


Vier Gruppenspiele, je ein Achtel- und ein Viertelfinale in Nischni Nowgorod

Die Stadt erwartet die Besucher und selbst wenn hier und da noch gearbeitet wird: es gibt keinen Zweifel, dass die WM ein Fest wird. Im Notfall hilft die russische Fähigkeit zum Improvisieren. Es warten natürlich auch die Geschäftsleute und die Geschäftemacher. Davon haben wir einiges selbst erlebt. Bei der Suche nach einer Ferienwohnung sagte uns ein Vermieter, er erhöhe seine Preise ab Beginn der WM auf das Zehnfache. (Unsere Wohnung ist davon nicht betroffen. Wie immer auf der Welt gibt es auch Menschen, die solche Sachen nicht mitmachen). Wir hörten von Mieten in Wohnungen nahe beim Stadion von 500 USD pro Tag. Die Hotels seien schon lange ausgebucht, trotz der irren Preise. Und wie immer bei solchen Großereignissen wird von Korruption und Lohnbetrug gesprochen.
Aber wenn wir sehen, wie die Stadt schöner geworden ist, wie viele auch dauerhafte Verbesserungen es gibt (nicht nur äußere an Fassaden), dann kann man sagen: die WM hat sich schon gelohnt, bevor sie begonnen hat. Und das ist den Menschen hier aus vollem Herzen zu gönnen. Der Dortmunder OB Ulrich Sierau schreibt in einem offenen Brief an die Fußballfreunde und die WM-Touristen „Fußball kann Brücken bauen, Vorurteile abbauen und Menschen friedlich und fröhlich zusammenführen. Und genau das wünsche ich mir auch für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland.“ (www.deutsch-russische-begegnung.de)

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