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Archiv für den Monat Juli 2017

Drei Jahre Lehrerin am Gymnasium Nr.1 in Nischni Nowgorod


Nach drei Jahren Unterricht am Gymnasium Nr. 1 mit erweitertem Deutschunterricht in Nischni Nowgorod möchte ich „Nachlese halten“, schildern, was diese Zeit geprägt hat, was gut und was nicht so gut war. Um es vorweg zu sagen: Meine Erfahrungen sind aus mehreren Gründen wahrscheinlich überdurchschnittlich positiv:

  1. handelt es sich bei meiner Schule um ein Gymnasium mit erweitertem Deutschunterricht, einer Schule also, in der ein überdurchschnittlich großes Interesse an meinem Fach herrscht.
  2. habe ich überwiegend Schülerinnen und Schüler unterrichtet, die auf unterschiedlichen Stufen (A1-C1) ein Zertifikat oder Sprachdiplom (DSD) erwerben wollten und dadurch besonders motiviert waren.
  3. erhielt mein Gymnasium in diesem Jahr zum 3. Mal in Folge das Prädikat „eine der 500 besten Schulen Russlands“.

Trotzdem gilt das, was ich im Folgenden schildern werde, in der Tendenz sicher auch für andere Schulen.

Der Schulbetrieb in Russland im Allgemeinen und am Gymnasium Nr. 1 im Besonderen unterscheidet sich in vieler Hinsicht von dem in deutschen Schulen:

In vielen Schulen gibt es aus Platzmangel Schichtunterricht: morgens werden die Klassen 1, sowie 5 -11 unterrichtet (nicht 12 – die Schüler machen ihr Abitur hier nach Klasse 11), nachmittags die Klassen 2 – 4. Samstags haben nur die Großen Unterricht. Durch den Halbtagesbetrieb besteht der Vormittag für die Kleinen aus Hausaufgaben-Machen, auch herrscht reges Treiben auf den Spielplätzen der Stadt. Die Großen gehen am schulfreien Nachmittag entweder in Musik- Kunst- Tanz- oder Sportschulen, die in Russland so preisgünstig sind, dass es sich jede Familie leisten kann, ihr Kind dorthin zu schicken (im Sozialismus waren sie kostenlos) und die sehr professionell arbeiten: drei- viermal die Woche 2-3 Stunden, mit hochqualifizierten Lehrern und Trainern. In den Musik- und Kunstschulen gibt es festgeschriebene Lehrpläne, regelmäßige Prüfungen, Abschlussexamen, Abschlusszeugnisse, in den Tanz- und Sportschulen immer wieder Wettbewerbe und Wettkämpfe. Nicht von ungefähr findet man in vielen künstlerischen und sportlichen Bereichen auch im Ausland Russen.

Eine mindestens genauso wichtige Nachmittagsbeschäftigung ist der Gang zur Repetitorin. Das ist keine Nachhilfelehrerin für die Schwachen, sondern eine Trainerin für diejenigen, die in einem Fach ЕГЭ (Единый Государственный Экзамен), d.h. Abitur machen möchten. Im Gegensatz zu Deutschland ist die Schule in Russland nicht verpflichtet, den für alle Prüfungsfächer notwendigen Abiturstoff zu vermitteln, sondern lediglich den Pflichtstoff für Mathematik und Russisch und ein breites Basiswissen in den anderen Fächern. Wenn sich z.B. ein Schüler entscheidet, in Geschichte Abitur zu machen, das an unserer Schule nur einstündig unterrichtet wird, braucht er dafür einen Repetitor, den die Eltern bezahlen müssen. Lehrerinnen bessern durch diese Privatstunden ihr miserables Gehalt auf, böse Zungen behaupten immer wieder, dass sie sich im Unterricht morgens schonen, um nachmittags fit für ihre Privatschüler zu sein. Fakt ist, dass eine Lehrerin nach einem Morgen an der Schule und einem Nachmittag voller Repetitorenstunden den Unterricht nicht mehr so akribisch  vorbereiten kann, wie ein deutscher Lehrer. Allerdings ist dies in Russland auch weniger nötig, denn der Unterricht muss methodisch nicht so abwechslungsreich sein (die Schüler bleiben auch so bei der Stange), er muss keinen Spaß machen (Lernen ist Arbeit, der Spaßfaktor spielt keine Rolle), und: er muss ja nur das Basiswissen vermitteln, alles Weitere holen sich die Schüler beim Repetitor – womit sich der Kreis schließt. Alles in allem ist jedoch der sozialistische Anspruch einer kostenlosen Bildung nicht mehr gegeben.

Eine meiner Kolleginnen hat 27 – 30 Privatschüler, die sie montags bis einschließlich samstags von 14 – 21 Uhr in Gruppen von 2-3 Schülern unterrichtet. Sie verlangt dafür 800 Rubel für eine Doppelstunde. Die rund 57 000 Rubel, die sie dadurch monatlich verdient, sind ein angenehmes Zubrot zu ihrem Lehrergehalt, das ca. 18 000 Rubel beträgt.
Ein Kind hat neun Monate lang zwei Doppelstunden pro Woche. Bei meiner Kollegin ist garantiert, dass die Schüler das Abitur bestehen, viele von ihnen erreichen sehr hohe Punktzahlen. Ich habe neulich das Gespräch zweier Mütter unfreiwillig mitangehört, die sagten, „lieber 30 000 Rubel für den Repetitor bezahlen, als eine Aufnahmeprüfung für die Universität kaufen.“ Hierbei wiederum ist zu bemerken, dass Aufnahmeprüfungen theoretisch kostenlos sind. Theoretisch….
Die Repetitorenstunden werden natürlich schwarz bezahlt, doch wird der Staat sich hüten, einzugreifen, da er so Kosten auf die Eltern abwälzt, die er sonst selber tragen müsste.

Obwohl der Unterricht nicht so zeitaufwändig vorbereitet wird wie in Deutschland, ist er meist gut: Die Lehrerinnen sind sehr gut ausgebildet, sprechen z.B. hervorragend Deutsch. Auch sind sie in der Regel engagierte Pädagoginnen – sonst würden sie ihren Beruf bei einem Gehalt von durchschnittlich 18 000 Rubeln (derzeit 260 €, wobei das Preisniveau hier natürlich niedriger ist als in Deutschland) nicht ausüben. Doch fällt auf, dass im Sprachunterricht weniger Wert auf kommunikative Kompetenz als auf Grammatik, Schreiben, Übersetzen, Auswendiglernen gelegt wird. So sprechen manche Schüler überraschend schlecht – angesichts der Tatsache, dass sie ab der zweiten Klasse Deutsch lernen, am Ende der siebten Klasse  850 Stunden hatten und in den Klassen zehn und elf 8 Wochenstunden Deutsch haben, DSD-Schüler sogar 10. Meines Erachtens wird der Luxus der kleinen Gruppen – im Sprachunterricht werden die Klassen halbiert, sodass es nie mehr als 15 Schüler in einer Gruppe gibt – nicht genügend für freies Sprechen genutzt. Jeder Fehler wird sofort verbessert, die dazugehörige Grammatikregel mitgeliefert. Das Prinzip „fluency before accuracy“ („flüssiges Sprechen ist wichtiger als richtiges Sprechen“), das allerdings auch in Deutschland erst seit etwa 10 bis 15 Jahren gilt, ist hier noch nicht angekommen, interaktiver Unterricht eher die Ausnahme als die Regel. In den Klassen zehn und elf werden 3 Wochenstunden Übersetzungstechnik unterrichtet, wo die Schüler einen theoretischen Text nach dem andern vor sich hin übersetzen. Wie gut könnte man diese Zeit für Sprechtraining nutzen!

Erziehung

Was bei den Lehrerinnen auffällt, ist der Mut zur Erziehung. Während in Deutschland Erziehen oft als leidiges Geschäft betrachtet wird, weil man es – bewusst oder unbewusst – als Dressur oder Drill oder als undemokratisch empfindet (in Deutschland wird eher ausdiskutiert), wird hier ruhig, verlässlich und konstant erzogen. Dadurch ist vieles einfach klar: Man grüßt jeden Lehrer (und macht das nicht von der Tagesform oder von einem gerade herrschenden Konflikt abhängig), man redet nicht mit seinen Nachbarn im Unterricht (und macht das nicht davon abhängig, ob der Lehrer Disziplin halten kann oder nicht), man trägt formale Kleidung oder wird heimgeschickt, um sich umzuziehen, man hat einen angemessenen Ton, zeigt Respekt (der nicht den Beigeschmack von Unterwürfigkeit hat).

Ab Klasse 8 werden „Empfangskomitees“ gebildet, die – meistens im Beisein ihrer Klassenlehrerinnen jeden Morgen unpassend gekleidete Schüler wieder heimschicken

Lehrer sind Erwachsene und Schüler sind Kinder – das ist ein Fakt von erfrischender Klarheit. Immer wieder kamen Schülerinnen von Austauschen oder dem Goebel-Programm (3monatiger Aufenthalt in Deutschland mit Unterrichtsbesuch) zurück und sagten: „Die Lehrer in Deutschland wollen die Freunde der Schüler sein. Sie tragen Jeans, reden wie Gleichaltrige, sitzen auf dem Tisch…“ Allerdings sagten manche auch: „Mit deutschen Lehrern kann man über alles reden, mit unseren nicht“.

Trotz klarer Abgrenzung zwischen Lehrern und Schülern, herrscht zwischen ihnen oft ein sehr emotionales Verhältnis, das systembedingt ist: Man hat nicht nur die Klassenlehrerin, sondern auch die Fachlehrerinnen möglichst während der ganzen Schulzeit. Dadurch kennt man einander, umarmt als Kleiner mal zärtlich die Lehrerin, klebt am Lehrertag einen Zettel an die Kabinett-Tür, auf dem steht: »Мы Вас любим»! (Wir lieben Sie!), kommt als Ehemaliger immer wieder in der Schule vorbei oder besucht als Klasse die Klassenlehrerin zu ihrem Geburtstag. Aber die Lehrerin ist nicht Freundin, sondern eine verehrte Respektsperson. 

Coolness

Was bei den russischen Schülern auffällt, ist die Abwesenheit von Coolness. Während es in deutschen Schulen von entscheidender Wichtigkeit ist, cool zu sein, muss man in Russland den Schülern ausführlich erklären, was Coolness ist.

In Russland darf man sich z.B. für die Schule anstrengen, es ist mit Prestige behaftet, zu den Besten zu gehören. Wenn man schlecht ist, schämt man sich in der Regel dafür und gehört nicht zu den Tonangebenden in der Klasse. In Deutschland werden gute Schüler zwar auch manchmal (insgeheim) bewundert, aber oft, obwohl sie gut sind, nicht, weil sie gut sind. Vor allem ist es „mega-out“, hart dafür zu arbeiten. Ein ‚Streber‘ zu sein ist das Allerletzte: wenn, dann muss einem der Erfolg im Schlaf zufliegen. Nachmittags zu chillen ist cool, zu lernen ist uncool. In Russland hingegen steht man zu seinem Leistungswillen, bei der Beschreibung seines Tagesablaufs (wird im Sprachunterricht immer wieder auf verschiedenen Niveaus thematisiert), arbeitet man bis spät in die Nacht, Freizeit hat man nur am Sonntag, und auch da nicht immer, und in den Ferien arbeitet man seine riesige Literaturliste durch. Anders ist die Lektüre von „Krieg und Frieden“, „Anna Karenina“, „Schuld und Sühne“ „Der Stille Don“ – um nur einige zu nennen – nicht zu schaffen.

Ein zweiter Aspekt des ‚Nicht-Cool-Sein-Müssens‘ in Russland ist, dass man hier Emotionen zeigen darf, die bei den deutschen Schülern nicht so angesehen sind. Man zeigt Freude und Zuneigung ebenso deutlich wie Trauer. Es kommt durchaus vor, dass einer Schülerin in der elften Klasse Tränen in die Augen treten, wenn sie eine schlechte Note bekommt. In deutschen Schulen ist das Zeigen solcher Gefühle vor allem in der Pubertät tendenziell ober-uncool. Viel höher im Kurs stehen Null-Bock, Empörung, Wut, oder keine Emotionen, im Sinne von: „Mich kann nichts erschüttern“. Die ersten drei dieser Gefühle sind mir bei meinen russischen Schülern nie begegnet, zur Schau gestellte Emotionslosigkeit höchstens, um Wut und Empörung vor dem Lehrer zu verbergen.

Ein dritter Aspekt des Nicht-Cool-Sein-Müssens ist, dass man Zuneigung auch Lehrern gegenüber offen zeigen darf. Grüßen tun, wie oben erläutert, alle. Aber hier darf man dabei auch strahlen. Man darf einer Lehrerin auch einmal etwas Nettes sagen, man darf ihr etwas aus dem Urlaub mitbringen. Die Karten, die Lehrerinnen zum 8. März (dem Internationalen Tag der Frau) bekommen, sind oft die reinsten Liebeserklärungen. In Deutschland wird so etwas tunlichst vermieden, denn mindestens genauso uncool, wie ein ‚Streber‘ zu sein, ist es, ein ‚Schleimer‘ zu sein. Beides sind übrigens ebenfalls Wörter, die man hier ausführlich erklären muss, und die trotzdem auf Unverständnis stoßen.

 Eine Delegation der 10. Klasse gratuliert ihrer Lehrerin zum Geburtstag

 

Last but not least ist eine Folge des Nicht-Cool-Sein-Müssens, dass es hier praktisch kein Mobbing gibt, ein weiteres Wort, das meine russischen Schüler nicht verstanden. Mobbing-Opfer in Deutschland sind in der Regel Schüler, die im obigen Sinne uncool sind. Sie werden aus der tonangebenden Gruppe der Coolen ausgeschlossen und oft nach allen Regeln der Kunst gequält. In Russland gibt es natürlich auch Schüler, die höher im Kurs stehen als andere, aber diskriminiert wird niemand.

Kein Wunder also, dass oft Schüler, die ursprünglich in Deutschland studieren wollten, nach ihrem Goebel-Aufenthalt keine Lust mehr dazu haben, weil sie die deutschen Schüler „komisch“ finden. Zum Beispiel bei einer Geburtstagsparty stellte jeder seinen Nudelsalat o.ä. auf den Tisch und chillte dann mit seinem Handy, wobei man sich mit Alkohol volllaufen ließ. Meine russischen Schülerinnen zeigen ihre Freude über ein Fest, essen, trinken, lachen und singen zusammen. Alkohol, wenn überhaupt vorhanden, spielt eine sekundäre Rolle.

Der Aspekt der Erziehung und die Abwesenheit von Coolness sind die beiden Gründe, warum mir das Unterrichten hier grenzenlos Freude gemacht hat. Wie viel einfacher und angenehmer dadurch das Schulleben ist, sowohl für die Lehrer, als auch für die Schüler! Ich möchte sogar so weit gehen zu behaupten, dass in Deutschland ein wesentlicher Grund für das ‚Burn-out‘-Syndrom der Lehrer ist, dass Lehrer und Eltern aus einem falsch verstandenen Liberalismus heraus zu wenig erziehen, und dass – vielleicht als Folge davon – Kinder cool sein müssen.

Was hat mir noch gefallen an meiner Schule?

  • Die ‚Kabinette‘: Hier haben nicht Klassen ihr Klassenzimmer, sondern Lehrer ihr Unterrichtszimmer, in dem sich alle ihre Unterrichtsmaterialen befinden, Wörterbücher, Grammatikplakate, Deutschlandkarten….; meist auch ein Drucker und ein Computer, in selteneren Fällen ein Beamer und – der absolute Luxus – ein Whiteboard (eine weiße, abwaschbare Tafel, die auch für Präsentationen genutzt werden kann.) Die Kabinette sind sehr unterschiedlich und individuell gestaltet, ihre Ausstattung hängt vom Engagement der Eltern ab. So ist es keine Ausnahme, dass Eltern der Klassenlehrerin ihrer Kinder (die sie wie gesagt 11 Jahre führt) zum Schuljahresende einen Laptop schenken, in den Sommerferien den Raum weißeln, Vorhänge nähen, sogar Doppelfenster einbauen lassen. Denn die Investitionen kommen ihren Kindern zugute und die Schule hat kein Geld.
  • Die Schulfeste und Theateraufführungen, die häufiger, bunter und kreativer sind, als in Deutschland. Ein Grund dafür ist, dass die Schüler an ihren Kunst- Musik- Tanz- und Sportschulen so viel lernen, dass es für sie ein Leichtes ist, eine hochkarätige Bühnenshow zusammenzustellen. So schufen die diesjährigen Elfer für «Последний Звонок», „Das Letzte Läuten“ (eine Festveranstaltung zum Ende der elfjährigen Unterrichtszeit, bevor die Prüfungsphase beginnt) ein Musical, in dem jedes Fach durch einen Rock/Pop-Song mit selbstgemachten Texten und hervorragenden Tanzeinlagen dargestellt wurde.

Die Schulabgänger stellen hier das Fach Gesellschaftskunde dar. Auf der Russlandfahne steht: Verfassung der Russischen Föderation

 

Zum Niveau solcher Veranstaltungen trägt aber auch bei, dass unsere Schule (wie viele andere auch) eine eigene Vollzeit-Theaterlehrerin beschäftigt, mit einem Wochendeputat von 32 Stunden. Die ausgebildete Schauspielerin kann nicht nur Sprach- und Stimmbildung, sie ist auch mimisch und gestisch ein absoluter Profi. Dadurch besetzen unsere Schüler bei jedem Vortrags-Wettbewerb (bei denen es um den Vortrag von Gedichten geht) die ersten Plätze. Auch bei der Inszenierung von „Komm wieder, aber ohne Waffen“ stand die Theaterlehrerin immer wieder bei Proben mit Rat und Tat zur Seite.

Hier zeigt die Theaterlehrerin den „deutschen Kriegsgefangenen“, wie man pantomimisch einfädelt

 

  • Das Phänomen des „Methodentages“. Alle Lehrerinnen eines Fachbereichs haben an einem Tag der Woche unterrichtsfrei. Für die Schüler bedeutet das z.B., dass ein bestimmtes Fach an einem Tag in keiner Klasse unterrichtet wird, für die Lehrer, dass sie an diesem Tag Fortbildungen machen können. Faktisch heißt es aber natürlich, dass die Lehrer ihre Methodenkenntnisse ihren Privatschülern zugutekommen lassen. An meiner Schule ist der Methodentag für die Deutschlehrer montags, was mir persönlich grundsätzlich ein langes Wochenende bescherte.

Natürlich gab es aber auch Dinge, die mir nicht gefallen haben:

  • Der viele Unterrichtsausfall. Dieser ist in erster Linie durch die unzähligen Olympiaden bedingt, die in fast jedem Fach zuerst auf Schul- dann auf Stadt-, dann auf Regions-, dann auf Landesebene abgehalten werden. Weil die Olympiaden der verschiedenen Fächer an unterschiedlichen Tagen stattfinden, und weil unterschiedliche Schüler unterschiedliche Stärken haben, gibt es Phasen, in denen die Lerngruppe fast nie vollständig ist.

Unterricht kann aber auch dadurch ausfallen, dass nach dreimonatiger Sommerpause, zweiwöchige Fortbildungen im September stattfinden. Oder dadurch, dass Lehrer ihren Urlaub im September nehmen, weil es in der Nachsaison billiger ist, oder weil der Ehemann seinen sechzigsten Geburtstag in Ägypten feiern will. Zum besseren Verständnis sei gesagt, dass Lehrer 56 Urlaubstage pro Schuljahr haben, die sie in der Regel während der Sommerpause nehmen, was sie aber nicht müssen.

Auch Schüler fahren mit ihren Eltern während der Schulzeit in Urlaub. Es genügt eine schriftliche oder mündliche Abmachung mit dem Schulleiter. Dieser findet so etwas zwar nicht gut, kann aber – nach eigener Aussage – die Schüler nicht an die Leine legen, wenn die Eltern wegfahren wollen.

Ein weiterer Grund für Unterrichtsausfall ist die Quarantäne-Woche, die mit großer Regelmäßigkeit einmal pro Jahr verordnet wird, vorzugsweise im Januar oder Februar. Die Quarantäne-Woche legt nicht der Schulleiter fest, sondern die Stadt. Sie gilt jeweils für einen ganzen Stadtbezirk. Ärgerlich ist sie dann, wenn sich Schüler bester Gesundheit erfreuen. So geschehen letzten Winter bei meinen 11ern, von denen nur ein kleiner Teil einen grippalen Infekt hatte.

Und dann gibt es natürlich Klassenfahrten, Schulausflüge (die nicht für die ganze Schule am gleichen Tag gemacht werden), Sprachfahrten nach Deutschland, die in der Regel teils in den Ferien, teils in der Schulzeit stattfinden und Austausche, die immer während der Schulzeit durchgeführt werden. Interessant ist dabei allerdings, dass die Lehrerinnen, die Austausche begleiten, nicht nur selber für Ersatzlehrerinnen für ihre anderen Klassen sorgen, sondern diese auch aus eigener Tasche bezahlen müssen!  

  • Das Notensystem.

Theoretisch gibt es Noten von Eins bis Fünf, wobei Fünf die beste Note ist. Praktisch jedoch werden nur die Noten von Fünf bis Drei vergeben, Zweien gibt es nur für nicht gemachte Hausaufgaben, denn eine Zwei bedeutet: nicht bestanden. Ich erinnere mich an eine Lehrerkonferenz, auf der der Schulleiter verkündete, wenn ein Lehrer einem Schüler eine Zwei gebe, müsse er ihm dies schriftlich mitteilen und aufzeigen, welche Versuche er, der Lehrer, unternommen habe, um diese Note zu vermeiden. Gängige Verfahren sind dabei, den Schüler die gleiche Arbeit noch einmal schreiben zu lassen oder ihn mündlich abzufragen. In Klasse 11 sind Zweien kategorisch verboten. Über Einsen wird während der ganzen Schulzeit nicht geredet. Doch abgesehen davon, dass es praktisch nur die Noten „sehr gut, gut und befriedigend“ gibt, ist es auch üblich, «пятёрки» (Fünfen) geradezu inflationär zu vergeben. Schüler, die in allen Fächern Fünfen haben, sind nicht selten. Sie sind sogenannte „Medaillen-Schüler“. Hat eine Klassenlehrerin solche in ihrer Klasse, legt sie vor der Notenabgabe einen Zettel mit den Namen ins Klassenbuch. Dies ist ein impliziter Hinweis, dass man den Schülern nicht die Medaille vermasseln soll, indem man ihnen eine Vier gibt. Die vielen tollen Noten werden am Ende jeder Stunde im Klassenbuch festgehalten und können minutiös nachgewiesen werden.

Um zum Schluss zu kommen: Ministerpräsident Medwedjew, der landauf landab sehr kritisch gesehen wird, ist u.a. für zwei Aussagen in Bezug auf die Lehrer berühmt: 1. „Wenn die Lehrer unzufrieden sind mit ihrem Gehalt, sollen sie doch in die Industrie gehen.“ 2. „Lehrer verdienen so wenig, denn Lehrer-Sein ist kein Beruf, sondern eine Berufung.“ Die Lehrer am Gymnasium Nr. 1 arbeiten nicht dort, weil sie in der Industrie keiner nimmt, sondern weil sie ihre Aufgabe als Berufung empfinden, und/oder, weil sie sich mit dieser Schule identifizieren. Sehr viele von ihnen waren schon als Schüler an der Schule, viele Kollegen sind ehemalige Schulkameraden. Dies prägt ihre Einstellung und die Schulatmosphäre und dies hat mir drei Schuljahre ermöglicht, die ich auf keinen Fall missen möchte.

P.S. Seit letzter Woche ist bekannt, dass das Schulgebäude ab Januar 2018 geräumt werden muss, weil es renoviert wird. Die Mittelstufe wird in das Gymnasium Nr. 13, die Oberstufe in das Gymnasium Nr. 8 evakuiert. (Die Unterstufe wurde Gott sei Dank schon bisher in einer Filiale unterrichtet.) Wie das organisiert werden soll, wenn z.B. Lehrer in beiden Stufen unterrichten, oder wo die Klassen in den Ausweichschulen unterkommen, sind offene Fragen. Sollte es darauf hinauslaufen, dass unsere Schüler grundsätzlich in der zweiten Schicht unterrichtet werden, bricht für unsere Lehrerinnen die lebensnotwendige Einnahmequelle durch das Repetitorentum weg, weshalb es durchaus sein kann, dass sie von ihrem Recht Gebrauch machen, einen «творческий отпуск» (ein Sabbatjahr) zu nehmen.

 Warum plötzlich diese überfällige Sanierung mitten im Schuljahr? Das marode, jedoch repräsentative Gebäudes in bester Lage soll die Schaltzentrale für die Fußballweltmeisterschaft 2018 beherbergen.

 Das „Letzte Läuten“

 Ein Erstklässler repräsentiert das „Erste Läuten“, die Elftklässler repräsentieren das letzte

 Zungenbrecher zum Schuljahresende

  Anspruchsvolle Deutschprüfungen in allen Klassen zum Schuljahresende

 Lockerer geht es da bei meinen „Sternchen-Prüfungen“ für das A1 Zertifikat zu….

 …..bei denen alle Teilnehmer ein Zertifikat bekommen.