Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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Der 8. und der 9. Mai 2017 in Moskau

Die elfte Reise nach Moskau in den zweieinhalb Jahren unseres Russlandaufenthaltes galt der Feier des 8. Mai. Der erste Metro-Zug am Kursker Bahnhof in Moskau empfing uns martialisch mit Fotos und Plakaten zum Tag des Sieges: an den Türen Bilder von Waffen und russischen Soldaten aus dem 2. Weltkrieg und im Wagen Beschreibungen der großen siegreichen Schlachten. Allerdings haben wir bei den fünf weiteren Metro-Fahrten dies nicht mehr gesehen, da hing in den Wagen wie in der Vergangenheit vor allem Werbung, unter anderem für (billige?) Kredite mit 12,5 % Zinsen.

Die Stadt war für den großen russischen Feiertag üppig geschmückt. Das oft zu sehende offizielle Logo bestand aus den Worten „Tag des Sieges 9. Mai“ und dem Georgsband aus dem weiße Blüten wachsen. Groß prangte es auf den hellblauen Rückwänden der „Public Viewing“ Bildschirme für die Übertragung der Parade auf dem Roten Platz.

Das diesjährige Logo zum Tag des 9.Mai

In vielen Schaufenstern hingen kleinere Formate in verschiedenen Ausführungen. Wie immer bei solchen Festen waren in den Fußgängerzonen und auf den Plätzen viele Pavillons mit Cafés, Verkaufsbuden und kleine Bühnen aufgebaut. Im Rahmen des Moskauer Frühlings sangen an 49 Stellen in der Stadt a capella Gruppen. In der Nähe unseres Hotels ein georgisches Trio in landesüblicher Tracht mit den stilisierten Patronengürteln über der Brust.

Nach einem ausgezeichneten (frühen) Abendessen am Vorabend unseres Festes im besten usbekischen Restaurant Moskaus „Weiße Wüstensonne“ mit Plov, Reis und Fleischspießen – ohne die später dort zu bewundernde Bauchtänzerin – gingen wir in die Tschaikowski-Philharmonie am Triumphplatz zu einem Gala-Chorkonzert, das im Rahmen des 16. von Waleri Gergijew geleiteten Moskauer Osterfestivals (ХVI Сезон Пасхальный Фестиваль) stattfand.

Schlussauftritt aller Chöre im Tschaikowski-Saal

Aus Russland waren ein St. Petersburger und ein Moskauer Chor zu hören, die anderen Chöre kamen aus Sofia, Stockholm, Tiflis, Prag. Der tschechische Jugendchor aus Prag belebte das eher ernste Programm mit volkstümlichen Weisen und Tänzen. Besonders beeindruckte uns der georgische Jugendchor Mdslewari  (kein Tippfehler) mit seinen kräftigen Stimmen und ungewohnten, sich leicht reibenden Harmonien vor allem in den Oberstimmen. Auch sonst war das Programm sehr vielseitig, es reichte von einer achtstimmigen Madrigale von Diletzki aus dem 17. Jh. (gesungen von den dreizehn Sängern vom „Chor der sieben Heiligen“ aus Sofia), schwedischen Sommerliedern bis zu alten und modernen Kirchenliedern der russischen Ensembles. Am Schluss sangen alle Chöre stimmkräftig einen österlichen Choral „Christus ist auferstanden“.

Nach diesem gebührenden Auftaktabend wollten wir am nächsten Tag, unserem Festtag, die Mjasnizkaja Uliza mit ihren Jugendstil-Häusern, dem konstruktivistischen Centrosojus-Haus von Le Corbusier und dem vom Teehändler Perlowa errichteten Teehaus im chinesischen Stil ansehen. Wir gingen trotz schlechten Wetters los, doch es war – gelinde gesagt – wenig genussreich: die Schirme behinderten die Sicht und Fotografieren war wegen des Regens kaum möglich. Als es dann auch noch in dicken Flocken zu schneien begann, gaben wir auf und flüchteten –  weil Museen montags auch in Moskau geschlossen sind – zurück in unser Hotel Budapest. Die a capella Gruppen ließen sich offensichtlich weder vom Wind, noch von Schnee oder Kälte stören. Auf der Kusnetzski Most sangen junge Russen in Winterkleidung und geschützt von der Konzertmuschel vor einem spärlichen Publikum.

Rose lauscht unter blauem Schirm dem Gesang

Dennoch war der Tag für uns noch nicht verloren. Mitternacht war schon überschritten, als wir uns nach einem anregenden Abend mit Freunden bei leichtem Regen auf den Heimweg machten – zu Fuß, aus Drang nach Bewegung. Nachts sieht die Welt anders aus, vor allem wenn Straßenbauarbeiten auf dem Boulevardring zu Umwegen zwingen. Wir ahnten nicht, dass wir einen jungen Mann mit unserer Frage nach dem Weg glücklich machen. „Was, ihr seid Ausländer? Und ihr lauft hier nach Mitternacht bei Regen herum! Und wollt kein Taxi! Und sprecht Englisch?“ Da machte er buchstäblich einen Freudensprung. „Ich habe seit vielen Jahren kein Englisch mehr gesprochen. Darf ich euch ins Hotel begleiten?“ Er rief sofort seine Frau an und erzählte ihr von seinem Glück. Und dann umtanzte er uns förmlich, lief rückwärts vor uns her und radebrechte drauf los. Unbegreiflich für ihn, dass Deutsche aus Stuttgart keinen Porsche oder mindestens Mercedes fahren. Er bedauerte, uns sagen zu müssen, wie sehr er sich freue, dass Russlands Hockey-Team die Deutschen soeben 6 : 3 besiegt habe, und das ein Tag vor dem 9. Mai! Kurzweilig unterhalten und ziemlich durchnässt kamen wir nach einer dreiviertel Stunde schließlich in unser Hotel und so endete Roses Festtag, ihr halbrunder Geburtstag, vergnüglicher als es das unfreundliche Wetter erwarten ließ.

Stellwände mit Kriegserinnerungen auf dem Boulevardring, nachts um eins

Am Dienstag dann der 9. Mai, der Tag des Sieges, der große Feiertag in Russland! Der Rote Platz war weiträumig abgesperrt, selbst auf den Theaterplatz und auf die Twerskaja kam man, für uns unerwartet, nur mit einem Passierschein. So gelang uns auch kein Blick auf einen der Bildschirme, die wir tags zuvor gesehen hatten und damit auch nicht auf die Parade. Selbst „Безмертный Полк“, das „Unsterbliche Regiment“ blieb uns verwehrt. Bei diesem Umzug tragen die Teilnehmer Fotos der Gefallenen – und wie wir auf den Schildern gesehen haben – auch überlebender Kriegsteilnehmer des 2. Weltkrieges. Diese Erinnerung an die Angehörigen ist bei der Bevölkerung beliebter als die Militärparaden und findet in allen Städten statt. Auch in Nischni Nowgorod war der Zug – wie uns berichtet wurde – sehr eindrucksvoll.

Mit vielen anderen liefen wir zunächst etwas enttäuscht herum, vorbei an Händlern und kleinen Verkaufsständen, die Fahnen in den russischen Nationalfarben und mit dem 9.Mai-Logo anboten, sowie Georgsbänder und die typischen olivfarbenen Militärmützen, die Pilotkas (Пилотка). Das Wetter war sehr kühl und feucht, aber es regnete nicht immer.

Warten auf den Beginn des Umzuges oder auch ohne Passierschein?

Nachdem wir eine der nicht geschlossenen Metrostationen gefunden hatten, fuhren wir zur „ВДНХ“, der früheren „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“. Auf einem Gelände in der Größe einer Weltausstellung stellte sich jede Republik der Sowjetunion in einem eigenen Pavillon vor, der meist ein riesiges Gebäude war. Jetzt wird der Park für Ausstellungen, für die Erholung und für Messen genutzt.

Ausstellungsgebäude im БДНХ-Park: „Russland – Meine Geschichte“

Von der Metrostation läuft man gut eine halbe Stunde vorbei an dem Kosmonauten-Denkmal bis zum Ausstellungspavillon für die Geschichte Russlands, die dort wird in drei Teilen behandelt wird: die Dynastien der Ruriks, der Romanows und die Zeit der Sowjetunion von 1917 bis 1945. Ein weiterer Abschnitt, von 1945 bis 2000, wird noch in diesem Jahr eröffnet. Mit einem Audioguide in Englisch war die Ausstellung auch für mich höchst interessant. Auf einer als Zeitleiste gestalteten Wand sind die Ereignisse chronologisch dargestellt, davor interaktive Bildschirme, auf denen man in Russisch detaillierte Informationen abrufen kann. Auf der gegenüberliegenden Seite Schautafeln mit Statistiken, Texten und Fotos zu Personen und Ereignissen und immer wieder interaktive Bildschirme. In kleineren Räumen laufen Filme oder es werden einzelne Themen behandelt. Regelmäßig gibt es für bestimmte Zeitabschnitte eine Graphik, in der die Fläche, die Einwohnerzahl und das Bruttoinlandsprodukt der Sowjetunion dargestellt sind. Alles sehr informativ, modern präsentiert; es ist verständlich, dass russische Freunde dort einen ganzen Tag verbrachten.

Infographiken über Fläche, Einwohnerzahl und Bruttoinlandsprodukt 1940 und 1945

Als ein weiteres Beispiel für die Art der Darstellung ein Ausschnitt der Zeitleiste vom Sommer 1939. Unter anderem sind da aufgeführt: Der Molotow-Rippentrop-Vertrag vom 23. August, der Beginn des 2. Weltkrieges am 1. September, die Besetzung der Westukraine und Weißrusslands durch die Rote Armee am 17. September und der Russisch-Finnische Krieg vom 30. November bis 12. März 1940.

Der Sommer 1939 in der Ausstellung

Glücklich erreichten wir abends unseren Zug nach Nischni am Kursker Bahnhof. Glücklich, weil wir trotz des nassen und kalten Wetters und des für uns nicht zugänglichen Stadtzentrums wieder viel Interessantes in Moskau erlebt hatten, aber auch glücklich, dass wir den Zug trotz eines großen Umweges gerade noch erwischten. Denn leider hatten uns nicht einmal die Wachtposten sagen können, wann und wo die Absperrungen aufgehoben werden und welche Metrostationen geschlossen sind. Der Zug fuhr ab, zwei Minuten nach dem wir eingestiegen waren.

Erster Raum der Ausstellung: Ende des Zarenreiches

Karte mit den Lagern des Gulag 1946, Zahl der Häftlinge: 1 355 739

Maiakowski Denkmal am Triumph Platz (7. Mai 2017)

Mit allen Symbolen ausgestattet: Fahne mit Logo, Georgsband und Käppi

Partisanen, Foto von der Plakatwand am Boulevardring 

Schulnotizen zum 9. Mai

Meine Schüler haben durchweg ein unambivalentes Verhältnis zum 9. Mai: ‚Es ist ein sehr schöner und großer Feiertag‘. ‚Wir sind stolz und dankbar, dass unsere Urgroßeltern das Land von den Faschisten befreiten.‘ ‚Wir möchten uns erinnern, und ihnen danken.‘

Wie sie mit ihren Familien den Tag verbringen? Sie legen Blumen am ewigen Feuer im Kreml nieder, schauen die Moskauer Parade im Fernsehen an, essen gut, sehen mit der Familie alte Fotoalben an, singen Kriegslieder. Wobei man wissen muss, dass diese Lieder nichts Chauvinistisches haben. Das berühmteste, „Katjuscha“ ist auch in Deutschland bekannt und hat Volksliedcharakter. Es erzählt von der treuen Geliebten, Katjuscha, die die Liebe schützt, während ihr Geliebter das Vaterland beschützt. Meistens aber sind die Lieder von einer tiefen Trauer (über den Sohn, Mann, Vater, der nicht aus der Schlacht zurückkam (»Он не вернулся из боя…»). Sie handeln von der Anonymität des Sterbens («На братских мотилах не ставят крестов»), von Opferbereitschaft, Kameradschaft, Tapferkeit.

Letztes Jahr besuchten wir ein Konzert von Kriegsliedern in der Oper. Dies ist der passende Rahmen. Hier wird keine Marschmusik gespielt, eher Romanzen und Chansons. Oft sind sie voller Poesie. Um die Stimmung zu zeigen, möchte ich hier eines der berühmtesten Lieder von Mark Bernes abdrucken, das kongenial ins Deutsche übersetzt wurde. Man kann es gleichzeitig unter folgendem Link als YouTube Film anschauen und hören:

https://www.youtube.com/watch?v=XZZHISSfHv4

Zhuravli (Журавли)

Мне кажется порою, что солдаты,

С кровавых не пришедшие полей,

Не в землю нашу полегли когда-то,

А превратились в белых журавлей.

 

Они до сей поры с времен тех дальних

Летят и подают нам голоса.

Не потому ль так часто и печально

Мы замолкаем, глядя в небеса?

 

 

Летит, летит по небу клин усталый,

Летит в тумане на исходе дня,

И в том строю есть промежуток малый,

Быть может, это место для меня.

 

Настанет день, и с журавлиной стаей

Я поплыву в такой же сизой мгле,

Из-под небес по-птичьи окликая

Всех вас, кого оставил на земле.

 

 

Мне кажется порою, что солдаты,

С кровавых не пришедшие полей,

Не в землю нашу полегли когда-то,

А превратились в белых журавлей..

———————————

 

Автор текста: Расул Гамзатов

Композитор: Ян Френкель

Исполняет: Марк Бернес

 

Kraniche

Ich denke manchmal, unsere Soldaten –

dahingemäht auf blutdurchtränktem Feld –

Ruh’n nicht, wo Kameraden sie verscharrten:

Sie sind nun Kraniche am Himmelszelt.

 

Laut rufend zieh’n sie ständig ihre Bahnen

Als weiße Kraniche seit eh und je.

Und weil wir unbewusst die Nähe ahnen

Schau’n wir betrübt und schweigend in die Höh‘

 

Dort fliegen sie und fliegen, unsre Lieben

Im Nebel bis ans Ende ihrer Zeit.

Ein kleiner Zwischenraum ist nur geblieben –

Vielleicht hält man den Platz für mich bereit?

 

 

Dann zög‘ auch ich an trüben, grauen Tagen

mit ihrem Schwarm, der mir die Richtung wies,

Würd‘ aus der Höhe vogelartig klagen

Euch rufend, die auf Erden ich verließ.

 

Ich denke manchmal, unsere Soldaten-

dahingemäht auf blutdurchtränktem Feld –

ruh’n nicht, wo Kameraden sie verscharrten:

Sie sind nun Kraniche am Himmelszelt.

 

 

Autor des Textes: Rasul Gamzatow

Komponist: Jan Frenkel

Interpret: Mark Bernes

 

 

Nicht so poetisch, aber sehr pazifistisch ist auch das Lied „Für den Rest des Lebens“ – «На всю оставшуюся жизнь»

https://www.youtube.com/watch?v=EwMna0eDdvw

Автор: В.Баснер—П.Фоменко,Б.Вахтин

Альбом: Звездопад

 Сестра,ты помнишь как из боя Меня ты вынесла в санбат? Остались живы мы с тобою В тот раз, товарищ мой и брат. На всю оставшуюся жизнь Нам хватит подвигов и славы, Победы над врагом кровавым,- На всю оставшуюся жизнь. 

 

 

Горел Днепр, Нева и Волга, Горели небо и поля… Одна беда, одна тревога, Одна судьба, одна земля… На всю оставшуюся жизнь Нам хватит горя и печали. Где те, кого мы потеряли На всю оставшуюся жизнь? 

 

 

Сестра и брат…Взаимной верой Мы были сильными вдвойне. Мы шли к любви и милосердию В немилосердной той войне. На всю оставшуюся жизнь Запомним братство фронтовое, Как завещание святое На всю оставшуюся жизнь.

 

 

 

 

 

Schwester, erinnerst du dich, wie du mich auf der Bahre aus der Schlacht getragen hast? Dieses Mal sind wir am Leben geblieben, wir zwei, und auch mein Kamerad und Bruder.

Für den Rest des Lebens

Haben wir genug von Heldentaten und Ruhm,

vom Sieg über den blutigen Feind,-

für den Rest des Lebens.

 

Es brannte der Dnepr, die Newa und die Wolga, es brannten der Himmel und die Felder…

Nur Leid, nur Аngst,

nur Schicksal, nur Erde…

Für den Rest unseres Lebens

Reichen uns der Schmerz und die Trauer.

Wo sind die, die wir verloren haben

Für den Rest unseres Lebens?

 

Schwester und Bruder….im gegenseitigen Glauben waren wir doppelt so stark.

Wir gingen zu Liebe und Barmherzigkeit

In diesem erbarmungslosen Krieg.

Für den Rest unseres Lebens

Erinnern wir uns an die Brüderlichkeit an der Front, wie ein heiliges Vermächtnis

Für den Rest unseres Lebens.

 Alles in allem ist der 9. Mai ein heiliger Feiertag. Es geht es hier um große Gefühle.

Aber es gibt noch andere Aspekte. Meine Geschichtslehrer-Kollegin beklagt, dass die Schüler in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg voller Emotionen, aber ohne Wissen sind. Andere Kollegen haben ein gespaltenes Verhältnis zu den Paraden, die in postsowjetischer Zeit 2005 wiederaufgenommen wurden und wuchtige Demonstrationen militärischer Stärke darstellen. Freunde kritisieren die Militarisierung schon im Kindergarten, wo die kleinen Jungen in Soldaten- und die kleinen Mädchen in Krankenschwester-Uniformen zum Erinnerungsfoto aufgestellt werden. Oder den seit einiger Zeit öfter zu hörenden Spruch: »Можем повторить» – „Wir können das wiederholen.“ 

Das Wachpersonal an unserer Schule sind durchweg Armee- (nicht Kriegs-) Veteranen. Einer von ihnen besuchte auch unser Stück „Komm wieder, aber ohne Waffen“ und war zutiefst beeindruckt. Am 7. Mai schenkte er mir zwei Pralinen mit dem Kommentar: Frau Rosa, früher haben wir euch verdroschen, aber jetzt möchte ich Ihnen das schenken, «от душы» – aus tiefster Seele.

 

 

 

 

 

 

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Die Aufführungen des Theaterstückes: „Komm wieder – aber ohne Waffen“

Eine Woche unter dem Motto: „Komm wieder – aber ohne Waffen“: In Wladimir die Präsentation der russischen Ausgabe des Buches mit diesem Titel und, für uns besonders aufregend, die Premiere des von Rose angeregten Theaterstückes zum gleichen Thema. Dann in Nischni Nowgorod die Aufführung im Gymnasium Nr.1 und die Wiederbegegnung des ehemaligen Kriegsgefangenen Wolfgang Morell mit seiner russischen Freundin der damaligen Zeit, mit Schanna Woronzowa (Жанна Воронцова).

In Wladimir eröffneten die Städte Erlangen und Wladimir am Montag (10.04.17) zunächst ein neues Kapitel ihrer schon fast 35jährigen Partnerschaft. Olga Alexandrowna Dejewa, die Bürgermeisterin von Wladimir und der Erlanger OB Florian Janik unterschrieben den Vertrag zur Gründung eines Gesprächsforums über aktuelle Fragen aus Politik und Gesellschaft. Der OB war dazu mit einer großen Delegation angereist und wir „Nischegoroder Erlanger“ durften dabei sein. Das direkt anschließende erste Treffen des Forums stand unter dem Thema: „Aktuelle Probleme der Migrationspolitik“. Es stieß von russischer Seite auf ein unerwartet großes Interesse, viele Diskutanten und Zuhörer, Fernsehen und Zeitungen und sogar der Vizegouverneur der Region Michael Kolkow waren anwesend. Peter Steger berichtet ausführlich im Blog vom 11. April 2017 >Erlangenwladimir.wordpress.com< darüber.

Am Dienstag die Präsentation der russischen Fassung des Buches „Komm wieder – aber ohne Waffen“ (Возвращайся – но без оружия). Es war eine feierliche, vom Wladimirer Historiker Vitali Gurinowitsch geleitete Veranstaltung. Er hatte schon die deutsche und jetzt auch die russische Ausgabe wissenschaftlich betreut. Die Wladimirer Bürgermeisterin und der Erlanger OB lobten den großen Einsatz der vielen, die zu dem Buch beigetragen haben. Sie hoben vor allem die Leistung von Peter Steger hervor, ohne den es das deutsche und das russische Buch nicht gäbe Von der deutschen Botschaft aus Moskau war der Regionalbevollmächtige Lutz-Michael Meyer anwesend. Er nannte die Partnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir eine ganz besondere unter den vielen Städtepartnerschaften. (Hierüber berichtet der Blog >Erlangenwladimir.wordpress.com< vom 12. April 2017. Im Blog vom 14. April 2017, erläutert Peter Steger die Entstehung des Buches).

Teil der Veranstaltung war die Aufführung von zwei Szenen aus dem Theaterstück „Komm wieder – aber ohne Waffen“ durch Schüler des Gymnasiums Nr.1 aus Nischni Nowgorod. Roses Kollegin Marina Kotschkina, unter deren Federführung der Text entstanden war, und die Regie führte, kam mit den zwanzig Schauspielern aus Nischni Nowgorod angereist; die Kosten wurden von den Eltern getragen. Die Aufführung wurde ein großer Erfolg; wir hatten das nach dem Aufwand für die Vorbereitung zwar erwartet, waren aber dann doch erleichtert zu sehen, dass sich die viele Arbeit gelohnt hat. Der Eifer der Schüler und ihre Schauspielkünste waren so überzeugend, dass auch die nicht Russisch sprechenden Zuschauer berührt waren. Der Erlanger OB lud das Ensemble spontan ein, dieses Stück im Herbst in Erlangen aufzuführen.

Marina Kotschkina und Rose sagen im Museum Palata die Szenen 5 und 6 des Theaterstückes an

Wolfgang Morell (95), dessen Erlebnisse in russischer Kriegsgefangenschaft in dem Buch geschildert sind und den die Hauptfigur in dem Theaterstück teilweise verkörpert, war zu diesem Anlass nach Wladimir gereist. Er wurde von den Anwesenden begeistert gefeiert. Mühsam, aber selbstständig, stieg er auf die Bühne, lehnte den angebotenen Stuhl ab, stand aufrecht hinter dem Rednerpult und erzählte von seinen Erlebnissen in der Gefangenschaft – in Russisch. Vor allem die Schüler waren bewegt, eine Figur ihres Stückes zu treffen und ließen sich das an alle Teilnehmer ausgegebene Buch auch von ihm und natürlich vom Verfasser Peter Steger signieren.

Wolfgang Morell im Gespräch mit den jungen Schauspielern

Am Mittwoch (12.04.17) war dann die Premiere des ganzen Stückes im Saal des Offiziershauses.

Ausruhen vor der Vorstellung in der Künstlergarderobe des Offiziershauses

Auch hier im Saal des Offiziershauses war das Publikum von der Handlung berührt und sparte am Schluss nicht mit Beifall. Szenenapplaus gab es, als die alte Frau aus dem Volke zu einem Heimkehrenden ging und den Satz sagte, der dem Buch den Titel gab: Komm wieder – aber ohne Waffen. Das ist tatsächlich 1949 so geschehen. Und wieder viel Beifall für die jungen Schauspieler, für Marina und für Rose. Der Vorsitzende des Veteranenvereins und Nicolai Matweewitsch Schtschelkonogow, einer der wenigen noch lebenden und gehfähigen Veteranen des 2. Weltkrieges, bedankten sich auf der Bühne bei den Ausführenden, letzterer, in dem er ein vom ihm geschriebenes und vertontes Loblied auf die Partnerstadt sang, in dessen Refrain immer wieder Erla-a-angen, Erla-a-angen erklang.

Rose mit dem Kriegsveteran Nikolai Matweewitsch Schtschelkonogow, zwei Schülern, Wolfgang Morell und Alex, dem Hauptdarsteller.

Wieder war Wolfgang Morell als deutscher Kriegsveteran im Mittelpunkt des Interesses des überwiegend älteren Publikums. Vitali Gurinowitsch hatte vor dem Stück die historischen Fakten zu den Lagern im Wladimirer Raum erläutert.

Zufrieden, aber müde, stiegen wir Nischegoroder am Abend in die Transsib. Die meisten Schüler nahmen die von der Schaffnerin angebotene Bettwäsche gern an und schliefen auf der dreistündigen Heimfahrt.

Nach einem Tag Pause – für Rose hieß das Schule – kam am Freitagnachmittag Wolfgang Morell (in einem von einer befreundeten Wladimirer Familie bereit gestellten Toyota mit Fahrer) nach Nischni Nowgorod. Hier traf er Schanna. Als Rose die 87jährige Schanna anrief, um sie zu fragen, ob sie zu einem Treffen bereit sei, klang ihre Stimme bei der Begrüßung noch müde, doch als sie hörte, dass „Wolodja“ kommt, war sie wie umgewandelt, lebhaft und fröhlich, stimmte einem Besuch sofort zu und war auch mit Fernsehaufnahmen einverstanden.

Wolodja und Schanna genießen ein Wässerchen, Wodka

Der Fernsehsender NTV filmte nämlich Wolfgangs Besuch in Nischni, seine Ankunft, den Kauf von Rosen, das Wiedersehen der beiden und das gemeinsame Mahl und fuhr am Samstag mit Wolfgang noch zu zwei erinnerungsträchtigen Orten: der von deutschen Kriegsgefangenen gebauten Tschkalow-Treppe und zu dem Kulturpalast, in dem Schanna damals arbeitete.

Programm für das Theaterstück und die russische Ausgabe des Buches

Am Samstag dann die Theateraufführung im Gymnasium Nr.1. In der Nacht hatte es geschneit, alles war wieder weiß und schlimmer: die Bürgersteige waren von einer dicken Eisschicht bedeckt. Dies blieb nicht die einzige Überraschung. Als ich mit Wolfgang zur Schule fahren wollte, war der Minin-Platz vor der Schule abgesperrt, weil für den 9. Mai geübt wurde, dem Tag des Kriegsendes, an dem in Russland Militärparaden stattfinden. Mit einem kleinen Umweg durften wir dann aber trotzdem in die Nähe des Schuleinganges fahren.

Marina begrüßte die Gäste und den aus Deutschland angereisten Kriegsveteranen Wolfgang. Nach einer Schweigeminute für die Gefallenen begann die Aufführung, die in dem intimen Rahmen des Theatersaales der Schule eine besonders intensive Ausstrahlung entwickelte. Ich machte bei mir eine eigenartige Beobachtung. Obwohl ich die gesprochenen Worte nur wenig verstand, hatte ich starke Empfindungen. Es war, als ob sich die Emotionen der Sprache und der Handlung durch eine nonverbale Verständigung auf mich übertrugen. Auch das Publikum war wie gebannt, es gab Szenenapplaus und am Schluss langen Beifall mit dem hier üblichen rhythmischen Klatschen.

Rose mit den Darstellern von Schanna und Alex

Der Schulleiter Igor Nikolaewitsch mahnte in seiner Dankesrede, die Lehren aus dieser schrecklichen, jetzt schon lange zurückliegenden Vergangenheit nicht zu vergessen und für Verständigung unserer Völker einzutreten. Auch die Vertreter der historischen und linguistischen Fakultäten meldeten sich zu Wort.

Während der Vorstellung drangen immer wieder – leise, aber doch deutlich vernehmbar – Militärmusik und Kommandorufe von den für die Parade übenden Soldaten in den Raum. Ein bedenkenswertes Zusammentreffen!

Sitzend von links: Stellvertretende Schulleiterin Marina Andreewna, Wolfgang Morell, die junge Schanna. Neben ihr stehend Marina Kotschkina, die Regisseurin.

Das Theaterstück „Komm wieder – aber ohne Waffen“

  Szenenbilder aus den folgenden drei Aufführungen:

  • In Nischni Nowgorod am 15.04.17 im Gymnasium Nr.1.
  • In Wladimir am 12.04.17 im Offiziershaus
  • Szenen 5 und 6 am 11.04.17 im Museum Palata bei der Präsentation der russischen Ausgabe des Buches.

Ausführende: Schüler des Gymnasiums Nr. 1 in Nischni Nowgorod. Regie: Marina Kotschkina, Idee: Rose Ebding, Text erarbeitet unter Federführung von Marina Kotschkina nach Motiven aus dem Buch „Komm wieder – aber ohne Waffen“ , Peter Steger, (2015). 

Das Stück „Komm wieder – aber ohne Waffen“ veranschaulicht in sechs Szenen die im gleichnamigen, von Peter Steger herausgegebenen Buch geschilderten Erlebnisse von Claus Fritzsche, Wolfgang Morell und anderer deutscher Soldaten über die sowjetische Kriegsgefangenschaft: Wie sie als junge Menschen – manche mit Begeisterung –  in den Krieg gegen Russland ziehen, gefangen genommen werden, in den Lagern Krankheiten und Hunger erleiden und schwere Arbeit leisten müssen, aber entgegen der Nazipropaganda korrekt behandelt werden und von den russischen Menschen Mitleid und Hilfe und manche sogar Liebe erfahren.  Der ‚Held‘ heißt im Stück Alex Llerom, er vereinigt Claus und Wolfgang in sich. Von den Russen wird er Sascha genannt.

Szene 1

beschreibt die euphorische Stimmung in Saschas (Claus Fritzsches) Bordfunkerschule.

Die jungen Männer verbinden Krieg mit Ruhm und Heldentum und können es nicht erwarten, an die Front zu kommen.

 Instruktion vor dem Einsatz an die Front über den Charakter dieses Krieges. Es ist ein Vernichtungskrieg, der russische Mensch darf nicht geschont werden.

Alex (hier Claus Fritzsche) hofft auf einen baldigen Einsatz an der Front. Der Wunsch wird ihm erfüllt: er kommt nach Russland an die Ostfront.

Szene 2

zeigt die deutschen Soldaten frierend im russischen Winter und die Gefangennahme von Sascha (Wolfgang Morell) nach nur acht Tagen an der Front.

Frierend auf Horchposten  im Winter 1943

Alex Llerom (hier Wolfgang Morell) wird am achten Tag seines Fronteinsatzes gefangen genommen. Er wollte sich aus Angst vor der Gefangenschaft selbst erschießen, doch sein Karabiner versagte.   

Szene 3

schildert die Härte der sowjetischen Kriegsgefangenschaft: die schwere Arbeit, die Kälte, den Hunger, aber auch immer wieder Momente der Annäherung mit Russen.

Schwerstarbeit beim Torfabbau

 Alex gibt dem kleinen hungrigen russischen Mädchen sein Brot

Das kleine Mädchen erzählt seiner Tante voller Entsetzen, dass sie von einem Faschisten Brot angenommen hat. Diese tröstet: „Verzeih, dann verzeiht dir Gott.“ Das Mädchen fragt: „Und Stalin, verzeiht der auch?“ 

Szene 4 zeigt die ideologische Beeinflussung durch die sowjetischen Funktionäre und die Kulturarbeit der Gefangenen im Lager.

Ankündigung eines politischen Vortrages während des Nähens

Ein sowjetischer Professor spricht über den Bolschewismus. Ein politischer Riss geht durch das Lager: Die einen sympathisieren mit der Antifa, die andern empfinden das als Verrat.

 Bei der Vorbereitung zu einem Konzert spielen die Kameraden im Scherz eine Szene aus Faust II. Faust stirbt, umgeben von Mephisto und den Lemuren.

Alex stürzt herein mit einer freudigen Botschaft: Nach zwei Jahren der erste Brief aus der Heimat. Der gerade wieder auferstandene Faust sagt zu ihm: „Verweile doch, du bist so schön!“ 

In Szene 5 findet das Konzert statt, in dem sich Sascha und Schanna begegnen und sich verlieben.

Bei einem deutsch-russischen Konzert für die Gefangenen und für die Russen begegnen sich Schanna als Ansagerin und Sascha als Dolmetscher. Beide empfinden vom ersten Augenblick an eine tiefe Zuneigung zueinander.

Ein russischer Programmpunkt: Kalinka, das alte russische Volkslied

 Der letzte Programmpunkt: „Davon geht die Welt nicht unter“, ein deutscher Schlager der 40er Jahre von Zarah Leander

In Szene 6 dürfen die deutschen Kriegsgefangenen endlich nach Hause.

 Letzte Instruktion vor der Heimkehr. Die ehemaligen Gefangenen werden aufgefordert, die Überzeugung mit nach Hause zu nehmen, dass es unbedingt notwendig ist, den Frieden zwischen den Völkern zu erhalten.

Schanna verabschiedet sich innig von Sascha und….

… weist den Kommissar zurecht, der ihr dies verbieten will. Die anderen Deutschen sitzen schon im Zug.

Das Abschiedskonzert für die Gefangenen vor der Abfahrt – in Wirklichkeit spielte eine russische Blaskapelle. 

Im letzten Augenblick vor Abfahrt läuft eine alte Frau aus der Menge auf Sascha zu und ruft: „Komm wieder – komm wieder – aber ohne Waffen!“

 

 

 

 

 

 

Komm wieder – aber ohne Waffen (Teil 5) Das Projekt

Nachdem ich Peter Stegers Sammelband „Komm wieder, aber ohne Waffen“ und die Protagonisten vorgestellt habe, ist es jetzt an der Zeit, unser Projekt zu beschreiben: Mit Schülerinnen aus der zehnten Klasse unter Federführung meiner Kollegin Marina haben wir ein Stück aus fünf Szenen geschrieben, das sich der Erlebnisse von Wolfgang Morell, Claus Fritzsche und Zhanna Woronzowa bedient, darüber hinaus aber noch viele Erinnerungen anderer deutscher Soldaten an die sowjetische Kriegsgefangenschaft in sich aufgenommen hat. Unser ‚Held‘ heißt Alex, (Zhanna nennt ihn Sascha) und vereinigt Claus und Wolfgang in sich.

Szene 1 beschreibt die euphorische Stimmung in Saschas (Claus Fritzsches) Bordfunkerschule. Die jungen Männer verbinden Krieg mit Ruhm und Heldentum und können es nicht erwarten, an die Front zu kommen.

Szene 2 zeigt die Gefangennahme von Sascha (Wolfgang Morell).

Szene 3 schildert die Härte der sowjetischen Kriegsgefangenschaft: die schwere Arbeit, die Kälte, den Hunger, aber auch immer wieder Momente der Annäherung mit Russen.

Szene 4 zeigt den Vortrag eines sowjetischen Professors über den Bolschewismus und in dem Zusammenhang den weltanschaulichen Riss der durch das Lager geht: Antifa oder nicht Antifa – das ist hier die Frage.

In Szene 5 findet das Konzert statt, in dem sich Sascha und Zhanna begegnen und verlieben.

In Szene 6 dürfen die deutschen Kriegsgefangenen endlich nach Hause.

Im Epilog liest Sascha Zhannas Liebesbrief.

Unsere Darsteller sind Schülerinnen und Schüler der zehnten Klasse. Es ist anrührend, sich klarzumachen, dass die 16-Jährigen nicht viel jünger sind, als Claus und Wolfgang bei Ausbruch des Krieges. Immer wieder werden   Ausschnitte aus den Interviews eingeblendet, die ich mit Wolfgang und Zhanna in den letzten Monaten gemacht habe. Claus, der in Moritzburg wohnt, konnte ich leider nicht interviewen. Er hat uns aber einen Dokumentarfilm über sein Leben zur Verfügung gestellt, aus dem wir einen Ausschnitt zeigen. Dadurch entsteht der Effekt, dass sich die Senioren zurückerinnern und dann der Gegenstand ihrer Erinnerungen auf der Bühne gezeigt wird.

Hinterlegt wird die szenische Darstellung durch Fotos und Bilder vom Krieg, untermalt wird sie immer wieder durch Musik: Ausschnitte aus Beethovens Neunter Symphonie, Schostakowitschs Neunter Symphonie, Carl Orffs „Carmina Burana“…

Regie führt Marina, die zwar zwei Studienabschlüsse in Geschichte und Musik hat, aber gerne Regisseurin geworden wäre. Unterstützt wird sie von unserer Schul-Theaterlehrerin (so jemand haben wir. Ethel ist nicht nur für Schulaufführungen zuständig, sie bereitet auch Schüler für Vortragswettbewerbe in Poesie vor, von denen sie regelmäßig mit Preisen zurückkommen) und von mir. Große Hilfe leisten auch Claus und Wolfgang, denen ich immer wieder Szenen schicke (in russischer Sprache wohlgemerkt!)  mit der Bitte, sie auf biografische und historische Richtigkeit hin kritisch durchzulesen. Prompt kommen sie dann kommentiert zurück. Eine große Bereicherung sind auch die Materialen, die uns die beiden Veteranen zur Verfügung gestellt haben. Von Wolfgang haben wir Fotos von Karten und Briefen erhalten, die er zwischen 1945 und 1949 aus dem Lager nach Hause geschickt hat. Ich habe sie mit Schülerinnen und Schülern meiner elften Klasse ins Russische übersetzt, meine Kollegin Galina hat sie redigiert. Sie werden Bestandteil unserer Ausstellung, ebenso wie die Fotos aus der Gefangenschaft, die uns Claus Fritzsche geschickt hat. Sie sind eine absolute Rarität, denn wer hatte schon im Lager einen Fotoapparat, und – wer konnte Fotos über die Grenze bringen? Claus gelang es, indem er den Zöllner mit einer Stange Papyrossi schmierte.

Unser Projekt weckt allseits Interesse. Neulich spielten wir den Elternvertretern eine Szene vor, um sie um ihre Mithilfe zu bitten. Die Resonanz war riesig. Die Eltern überboten sich mit Vorschlägen, wo man Kostüme und Requisiten herbekommen kann. Letzte Woche mussten wir einer Elternvertreterin eine Liste mit Schuh- und Kleidergrößen schicken.  Unsere Arbeit wird auch von der Schulleitung mitgetragen, die ein Auge zudrückt, wenn zunehmend öfter Schüler aus dem Unterricht genommen und zu Proben geholt werden.

Denn nächste Woche ist es soweit: Peter Stegers „Komm wieder – aber ohne Waffen“ wurde ins Russische übersetzt. Аm 11. April wird „Возвращайся, но без оружия“ in Wladimir präsentiert. Anreisen werden zu diesem Zweck nicht nur Peter Steger und der Erlanger Oberbürgermeister. Zu unserer großen Freude hat sich auch der 95-jährige Wolfgang Morell entschlossen, mitzukommen. Wenn alles klappt, werden wir im Rahmen der Feierlichkeiten zwei oder drei Szenen aus unserem Stück aufführen und das ganze Stück am 12. April vor Veteranen zeigen. Die Premiere an unserer Schule ist am 15. April, Wolfgang Morell wird der Ehrengast sein.

Das Redaktionsteam in Marinas Wohnung ist zufrieden mit seiner Arbeit. Gerade wurden die Film- und Musikausschnitte geschnitten und montiert.

Ethel, unsere Theaterlehrerin, zeigt den ‚Kriegsgefangenen‘, wie lang der Faden beim Nähen maximal sein soll. Im Lager 469/1 gab es eine Schneiderwerkstatt.

 Aufmerksam lauschen die Schauspieler und Marina der konstruktiven Kritik einer Lehrerin der Schauspielschule. Sie sagt den Schülern, sie müssen noch ‚deutscher‘ werden.

 

Demonstrationen – Komm wieder, aber ohne Waffen (Teil 4)


 

Zum „Tag der Wiedervereinigung der Krim mit Russland“ versammelten sich am 18. März Honoratioren, Bürgerinnen und Bürger Nischni Nowgorods am Platz der Einheit unterhalb des Kreml zu einer Kundgebung. Die Teilnehmer aus dem „Sowjetski Rayon“ der Oberstadt zogen durch die Talstraße zum Veranstaltungsort. Ich lief oben an der Kremlmauer, nicht ahnend, dass der Abgang zum Einheitsplatz wegen Eis und Schnee gesperrt war. So sah und hörte ich das Treiben nur aus der Ferne: Musik aus Lautsprechern, Reden mit Rufen „Крым наш“ („Die Krim ist unser“) und viele Fahnen. Von einem Teilnehmer erfuhren wir, dass wichtige Amtsinhaber zu dieser Veranstaltung „eingeladen“ worden waren. Doch nach 25 Minuten war alles vorbei.

Die Oberstädter auf dem Weg zum Platz der Einheit am 18. März 2017

 

Nach einem langen Spaziergang mit Roses Kollegin Anke, einer in Perm arbeitenden deutschen Programmlehrerin, hatten wir am letzten Sonntag (26.03.17) gerade im Restaurant Pjatkin zu einer Essens- und Aufwärmungspause Platz genommen. Da sahen wir auf der Straße Roshdestwenskaja eine große Menschenmenge vorbeiziehen. Wir vermuteten gleich, dass es sich um eine der Demonstrationen handelte zu denen Nawalny aufgerufen hatte, was die Kellnerin aufgeregt mit dem Ruf „Nawalny“ bestätigte. Auf Plakaten wurde gegen Korruption protestiert, u.a.: „Die Korruption stiehlt die Zukunft“, (Коррупция ворует Будушее) und „Nischni ist in der Grube – der Oberbürgermeister in Miami“, im Russischen reimt sich Grube fast auf Miami (Нижний – в Яме, а Мэр – в Майами). „Schande, Schande“ wurde gerufen. Ein einsamer Polizist stand eng umgeben von Demonstranten und wurde beschimpft „Es hat noch nie einen Polizisten gegeben, der nicht bestechlich ist.“ Aber, soweit wir das sehen und hören konnten, blieb alles friedlich – obwohl dies nicht der genehmigte Versammlungsort war. Am eindrucksvollsten war jedoch: die Demonstranten waren überwiegend junge Menschen, viele Schüler und Studenten. Protest der Jugend – ein starkes Signal an die Regierung.

Demonstranten auf der Roshdestwenskaja gegen Korruption

Demonstranten auf der Wachtanowa Gasse, Nebenstraße zur Roshdestwenskaja

„Korruption stiehlt die Zukunft“

Nischni – in der Grube, aber der OB – in Miami

Im Blog >http://www.erlangenwladimir.wordpress.com&lt; vom 27.03.2017 findet sich ein ausführlicher Bericht mit vielen Fotos über die ebenfalls friedlich verlaufene Demonstration in Erlangens Partnerstadt Wladimir.

 

Komm wieder – aber ohne Waffen (Teil 4)

Als Claus Fritzsche 1943, kurz nach seinem zwanzigsten Geburtstag, den Einsatzbefehl an die Ostfront bekommt, ist er außer sich vor Freude. Er ist ein romantischer junger Mann, der sich schon ordensbehängt sieht und trotz der schweren Verluste 1942/43 immer noch unerschütterlich an den Endsieg glaubt. Gleichzeitig freut er sich wirklich auf die Begegnung mit russischen Menschen und den engen Umgang mit ihnen und kauft sich sofort ein russisches Lehrbuch.

Genau eine Woche nach seinem Eintreffen an der Front wird sein Kampfflugzeug, dessen Besatzung er als Bordfunker angehört, über dem Kaspischen Meer abgeschossen. Seine Gefangennahme verläuft nicht so ‚freundschaftlich‘ wie bei Wolfgang Morell. Ihr im Meer treibendes Schlauchboot wird von einem Fischkutter gesichtet. Sie werden aufgegriffen, mit Knüppeln blutig geschlagen, ihr Major, der mit dem Ritterkreuz an Bord geht, wird zu Tode geprügelt. Später erfahren sie, dass die Ehefrauen und Kinder von einigen der Russen, die sie gefangen nahmen, in der Nacht vorher bei einem deutschen Bombenangriff ums Leben gekommen sind. Der Kommandeur, dem die Gefangenen in Astrachan übergeben werden, hat jedoch kein Verständnis für die Misshandlung. Der Kapitän des Fischkutters erhält einen KO-Haken, den Deutschen werden die Fesseln abgenommen und Zigaretten angeboten.

Claus Fritzsches Gefangenschaft beginnt in Astrachan. Da er medizinische Vorkenntnisse hat, wird er als Sanitäter eingesetzt. Er bekommt ein Wörterbuch und den Auftrag, zur besseren Verständigung mit der Ärztin, Russisch zu lernen. Mit Begeisterung stürzt er sich in das Sprachstudium und bereits auf der Fahrt nach Stalingrad, vier Monate später, kann er sich auf dem Schiff mit den russischen Mitreisenden über einfache Themen unterhalten.

In Stalingrad bekommen die Gefangenen höchstens die Hälfte der ihnen zustehenden Ration. Die russische Zivilbevölkerung hungert auch, und die Verpflegung der Rotarmisten ist fern der Front kaum besser. Claus magert bis auf 46 Kilo ab. Die Versorgung wird erst besser, als eine Kommission aus Moskau Aufbaunahrung verordnet.

Schon im ersten Kriegsgefangenenlager im Wolgadelta wird ein Politoffizier auf Claus aufmerksam und fragt ihn, ob er nicht etwas über die Ideologie seines Gegners lernen möchte. Er hadert inzwischen mit der Weltanschauung der Nazis, setzt sich mit Marx und Engels auseinander. Besonders angezogen fühlt er sich durch die Lehren des historischen und dialektischen Materialismus. In seinem ausgezeichneten Buch „Das Ziel – Überleben“ ISBN-13: 978-3925480447 („Цель – выжить), das bei Amazon antiquarisch erhältlich ist, schreibt Fritzsche:

Ich gebe zu, dass ich von Monat zu Monat gläubiger wurde, und ich fühlte mich von Gläubigen umgeben. Ich suchte nach einem neuen Glauben. Ich wollte glauben können.

Fritzsche wird Antifa-Aktivist, doch er bleibt ein kritischer Geist. Als er die Redakteure der in Moskau herausgegebenen Wochenzeitschrift „Freies Deutschland“ bittet, die Welt nicht schwarz-weiß, sondern mit Zwischentönen darzustellen, kommt er in ein Straflager.

Zhanna lernt Claus – wie Wolfgang – bei einem Konzert kennen, bei einem Wettbewerb der Kulturgruppen verschiedener Lager im Umkreis von Gorki (Nischni Nowgorod). Zhanna als Mitarbeiterin des Kulturpalastes, Claus als Dolmetscher führen durch das Programm. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Nach dem Konzert fährt Claus mit seiner Gruppe wieder in sein Lager zurück, aber die beiden können einander nicht vergessen.

Ausgerechnet Wolfgang Morell hilft ihnen, einander wiederzufinden: 1949 – Claus ist schon heimgekehrt, Wolfgang noch in Gorki – sieht Wolfgang in der DDR Zeitung „Neues Deutschland“ eine Anzeige, in der sich Claus Fritzsche als technischer Übersetzer für Russisch anbietet. Zhanna hatte Wolfgang erzählt, wie gerne sie mit Claus wiederfinden würde, Wolfgang wird zum Vermittler. Und so bekommt Claus eines Tages einen Brief aus der Sowjetunion. Ich kann mich der Versuchung nicht erwehren, den zweiten Brief des nun folgenden Briefwechsels abzudrucken: 

                                                                              Gorki, 28.9.49

Mein teurer Freund!

Du kannst Dir nicht vorstellen, welch große Freude mir Dein Brief gebracht hat. Lange habe ich darauf gewartet. Und eines schönen Tages hatte ich einen Auftritt auf der Bühne eines der Konzertsäle in Gorki und war vor dem Auftreten sehr nervös. In diesem Zustand erreichte mich ein Anruf von zu Hause mit der Nachricht, dass ein Brief aus Deutschland gekommen sei.

Ich hatte schon alle Hoffnung auf eine Antwort von Dir aufgegeben und kam zu dem Schluss, dass der Brief von Wolfgang sein müsste. Über eine Nachricht von ihm konnte ich mich auch freuen, denn er ist ein wunderbarer Mensch. Jeder der ihn kannte, hatte nur die allerbeste Meinung über ihn.

Wenn er bei Dir wäre, dann hätte ich keine Sorgen um Dich. Mit einem solchen Freund und Genossen ist es leicht und einfach, selbst auf unebenen Wegen zu gehen.

Ihr beide seid, wie mir scheint, verschiedene Menschen. Ich kenn Dich zwar nur sehr wenig, habe aber den Eindruck, dass Du Deiner Natur nach sehr kapriziös und unausgeglichen bist. Vielleicht irre ich mich, alles ist möglich.

Kolja, mich hat Deine Kenntnis der russischen Sprache in Erstaunen versetzt. Die Literatursprache zu beherrschen, ist eine große Errungenschaft. Ich habe an Deinen Fähigkeiten selbstverständlich nicht gezweifelt, aber nach diesem Brief gilt Dir mein begeisterter Applaus.

Die Tatsache, dass Du keine Langeweile hast und viel arbeitest, finde ich gut, dass Du noch nicht verheiratet bist, ist auch gut, aber ich wünschte so sehr, dass Du zu irgendwem gehörst.

Du hattest in der letzten Zeit und hast vielleicht auch noch jetzt irgendwelche gesundheitliche Unannehmlichkeiten. Worum ging es da, mein Lieber? Überhaupt, schreibe mir, wie es um Deine Gesundheit steht, den Dein ”so einigermaßen gut” gefällt mir gar nicht. Ach wenn Du nur wüsstest, wie ich mich über Deinen Brief gefreut habe, und was mit mir los war, als ich erfuhr, dass der Brief von Dir war. Ich wurde bleich und lief gleich wieder rot an und kreiselte plötzlich in einem irren Walzer durchs Zimmer – sehr zur Verwunderung meiner Mutter, die gerade ein trauriges Nocturno spielte.

Kolja, wie groß ist mein Wunsch, bei Dir zu sein. Ist es wirklich nicht möglich, zu uns zurück zu kommen? Du liebst doch meine Heimat und mein Volk. Ach, wie ich mir das wünsche.

Schreibe mir über alles, ich warte mit Ungeduld auf Deine Antwort.

Gruß  Zhanna

 

Claus ist auch verliebt, aber…. In seinem Buch „Das Ziel – Überleben“ schreibt er: „Das war die Liebeserklärung, die ich ach so gern erwidert hätte, aber – zurück in die Sowjetunion?

Unvorstellbar!  Dieses ganze Land stellte sich mir als ein riesengroßes Gefängnis dar, und dem war ich ja gerade entronnen. Außerdem, wovon hätte ich dort eine Familie ernähren sollen? Außer meinen Russischkenntnissen besaß ich ja keinerlei professionell verwertbare Berufsgrundlagen. Auch die gerade 19jährige Zhanna hatte sich wohl gänzlich ihren Gefühlen und Sehnsüchten hingegeben, ohne die realen Möglichkeiten in Betracht zu ziehen.

Es wurden noch einige Briefe geschrieben und empfangen, aber die menschenfeindlichen Realitäten dieser historischen Periode standen unseren Wünschen zu stark entgegen. Der Briefwechsel schlief ein, ohne dass ich es je aufgegeben hätte, von Zhanna zu träumen.“ (S. 288)

1958 ist Claus im Rahmen einer Geschäftsreise in Moskau. Zhanna ‚fliegt zu ihm‘, doch sie gehen schweren Herzens wieder auseinander. Beide haben inzwischen Familien, ein anderes Leben.

1989 schreibt Claus seine Erinnerungen. Er bittet Zhanna, ihm bei der russischen Fassung zu helfen. Kapitel für Kapitel trifft aus Deutschland ein. In Zhannas Familie liest man sie einander laut vor.

Als Zhanna verwitwet ist, besucht sie Claus in Moritzburg. Sie verstehen sich wunderbar, aber Zhanna kehrt zurück, in ihre Heimat, zu ihrem Sohn. 

 

Auch heute noch sind die beiden befreundet. Mit leuchtenden Augen erzählt die jetzt 87jährige Zhanna, wie ihr Kolja hilft, wo er kann. Zusammen mit seiner Nichte Almut, die auch seit Jahren mit Zhanna befreundet ist, bessert er monatlich ihre Rente auf. Er ruft regelmäßig an, jede Weihnachten kommt ein Päckchen mit Nürnberger Lebkuchen. Als ihr vor einigen Jahren die Tasche aufgeschnitten und die Rente gestohlen wurde, traf kurze Zeit später eine Geldsendung ein, die den Verlust ersetzte. „Eines ist sicher“, sagt Zhanna, „ich werde ihn immer lieben.“

Die Teile 1 bis 3 des Projektes „Komm wieder – aber ohne Waffen“ wurden am 13.02.17, 22.02.17 und 15.03.17 veröffentlicht

 

 

 

Komm wieder – aber ohne Waffen (Teil 3)

Teile 1 und 2 in den Blogs vom 13. und 22. Februar 2017

‚Am 21. Januar 1942 lagen sie zu dritt auf Horchposten im Wald. Bei minus 42 Grad hatten sie nur Tuchmäntel ohne Pelz und ungefütterte Handschuhe. Plötzlich tauchte eine Reiterpatrouille auf. Wolfgang bleibt unentdeckt, seine Kameraden werden vor seinen Augen gefangengenommen. Eine Stunde lang irrt er allein durch den Wald, dann sieht er weiße Gestalten auf sich zukommen. Wolfgang möchte um keinen Preis in russische Gefangenschaft geraten. Er entsichert seinen Karabiner, will sich erschießen, aber – vielleicht aufgrund der großen Kälte – geht der Schuss nicht los. Für die Sibiriaken ist Wolfgang wohl der erste „Fritz“, den sie zu sehen bekommen. Ohne jegliche Feindseligkeit, begleitet von den aufmunternden Worten eines älteren Rotarmisten, die wohl bedeuten mochten „Der Krieg ist für dich aus“, nehmen sie ihm das geladene und entsicherte Gewehr aus der erhobenen Hand. Die Leibesvisitation befördert u.a. eine volle Schachtel R6 Zigaretten zutage und eine Zahnbürste, die Anlass zu Gelächter gibt. Von den Rauchern erhält jeder eine Zigarette, den Rest geben sie ihm zurück. Seine armselige, absolut nicht wintertaugliche Montur löst allgemeines Mitleid aus. Einer deutet auf sie mit dem Hinweis: „Das ist Hitler!“ Stolz betastet man dann die eigene Montur: Pelzmütze, Pelzmantel, darunter Wattejacke und Wattehose, Filzstiefel und Skier: „ Und das ist Stalin!“  Auf dem Weg zum Regimentsstab bleibt Wolfgang immer wieder im tiefen Schnee stecken. Der alte Rotarmist hat Mitleid mit ihm. Er lässt ihn hinten auf seine Skier aufsteigen und schleppt ihn mit.

Dies ist die fast wörtliche Wiedergabe der Erzählung von Wolfgang Morell über seine Gefangennahme. Heute lebt er, fünfundneunzigjährig, in einem Seniorenheim in Erlangen. Er ist einer der Veteranen, die in Peter Stegers Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen“ zu Wort kommen, das die Grundlage für unser derzeitiges Schulprojekt über deutsche Kriegsgefangene in Wladimir und Gorki (heute Nischni Nowgorod) bildet. In den Weihnachtsferien besuchten wir Wolfgang. Ich machte ein fast zweistündiges Interview mit ihm, Jochen filmte.

Wolfgangs Gefangenschaft wird bis 1949 dauern und ihn in etwa 20 Lager führen. Zunächst kommt er aber mit seinen Erfrierungen in Wladimir in ein Militärkrankenhaus. 1942 gibt es noch sehr wenige Gefangenenlager und die haben keine Hospitäler. Deshalb legt man ihn zusammen mit fünfzehn anderen Deutschen in ein Krankenhaus für Rotarmisten. Sie haben Einzelbetten, weiß bezogen, mit täglicher Visite und bekommen fast die gleiche Kost wie die russischen Soldaten.

 Wolfgang Morell und Rose Ebding beim Interview am 6. Januar 2017 

Natürlich bleibt es nicht bei diesen paradiesischen Umständen. Nach seiner Genesung kommt er in ein landwirtschaftliches Lager in der udmurtischen Republik im Föderationskreis Wolga. Die Arbeit ist hart, der Hunger so groß, dass sie die Kartoffeln roh essen. Im folgenden Winter (42/43) sterben 700 von 1500 Gefangenen am wolhynischen Fieber, auch Schützengrabenfieber genannt. Die Lastwagen, die morgens das Brot ins Lager bringen, nehmen abends die Toten mit hinaus. Wolfgang ist nur noch Haut- und Knochen, aus Vitaminmangel wird er nachtblind. Aber er überlebt.

Wir machen einen großen zeitlichen Sprung, bis ins Jahr 1947. Wolfgang hat inzwischen Russisch gelernt. Er ist der Dolmetscher in einem Arbeitslager in Gorki. Ende 1946 hat man ein großes Orchester  aufgebaut.  Die Noten werden aus dem Kopf aufgeschrieben. Es gibt keine gedruckten Noten. Man führt „Die Czardasfürstin“ und die „Zirkusprinzessin“ auf. Kalman, leichte  Sachen, nicht die 9. Symphonie und man lädt dazu immer die russische Lagerleitung ein. Eines Tages kündigen die Russen an, sich mit einem russischen Konzert für die deutschen Kriegsgefangenen revanchieren zu wollen. Russische Tänze und Lieder stehen auf dem Programm. Die Moderatorin ist ein hübsches, 18jähriges Mädchen, Zhanna. Wolfgangs Aufgabe ist,  Zhannas Ansagen für die tausendköpfige Zuschauermenge ins Deutsche zu übersetzen. Dies ist der Beginn einer Freundschaft, die nicht nur bis zu Wolfgangs Heimkehr 1949 dauert. Die beiden haben bis heute Kontakt.

Zhanna ist die zweite Protagonistin in unserer szenischen Collage. Sie lebt, 88jährig, immer noch in Nishni Nowgorod und auch mit ihr habe ich ein Interview gemacht. Ihre Geschichte – und die von Claus – werde ich im nächsten Blog erzählen.

Das Buch: Komm wieder – aber ohne Waffen

In den Sommerferien stieß ich in Erlangen auf das Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen! – Erinnerungen an Krieg und Gefangenschaft in Wladimirer Lagern – 70 Jahre Frieden“, das 2015 von Peter Steger, dem Partnerschaftsbeauftragten der Stadt Erlangen, herausgegeben wurde. 2002 wurde dieser durch den Bundespräsidenten mit dem „Ersten Preis für bürgerschaftliches Engagement in Russland“ ausgezeichnet, 2010 erhielt er die Ehrenbürgerschaft der Stadt Wladimir, eine ungewöhnliche Ehrung für einen Deutschen.

Peter Steger sammelte von 2009 bis 2015 Berichte von ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen aus Lagern in der Stadt und der Region Wladimir. Viele Veteranen besuchte und interviewte er, zeichnete ihre Erinnerungen auf und veröffentlichte sie in dem bewegenden Buch. Er schreibt in seinem Vorwort: „Die Leser erhalten hier …. ein wahrheitsgemäßes und bezeugtes Bild der Lebensbedingungen in den Wladimirer Lagern, vor allem jedoch ein beeindruckendes Panorama der Menschlichkeit in Zeiten von Krieg und Zerstörung“.

 k-85-ber-6Herausgeber: Peter Steger, Bürgermeister- und Presseamt der Stadt Erlangen (2015) 340 Seiten;  ISBN 978-3-944452-09-8

In einem einführenden Kapitel beschreibt der Historiker Vitalij Gurinowitsch, der in der Zeit der Abfassung dieses Buches im historischen Museum in Wladimir arbeitete, das System und die Geschichte der Gefangenenlager aus russischer Sicht. Er schreibt:

 „Der Sieg wurde der Sowjetunion nicht geschenkt…. Es war eine Zeit voll der Widersprüche. Patriotismus und Furcht vor Repressionen, Armut, Hunger und Arbeitseinsatz bis zur Selbstaufgabe, Grausamkeit und Barmherzigkeit – alles vermischte sich in jener Epoche.“ Zu den Grausamkeiten gehört z.B. wie im Winter 1943 die Gefangenen nach der Schlacht um Stalingrad in Wladimir ankamen: „Hunderte von den 2.500 Männern waren in den Güterwaggons erfroren… Die Waggons hatten keine Öffnungen für die Exkremente und die Gefangenen erhielten unterwegs kaum etwas zu essen.“ (S. 13)

Andererseits berichtet Gurinowitsch von Ärzten und Krankenschwestern, die die Kranken bis zur Selbstaufgabe pflegten. Bei der Behandlung von Fleckfieber erkrankten mehr als 80 Krankenschwestern und Ärzte selbst an der Krankheit, sechs davon verstarben. Das Sonderhospital für Kriegsgefangene gehörte formell nicht zum Lagersystem. In der Stadt Wladimir mit ihren damals 66.000 Einwohnern gab es 18 Krankenhäuser, in denen während der Kriegsjahre 260.000 Verwundete behandelt wurden.

In den Erinnerungen der Veteranen ist viel von Hunger, Erfrierungen und anderen Krankheiten, Fleckfieber und anderen Epidemien, die Rede. Auffallend ist jedoch, dass allen Berichten zum Ausdruck kommt, dass die Gefangenen fair und mit Respekt behandelt wurden. Sie arbeiteten hart im Torfabbau, in der Ziegelei, im Traktorenwerk, Seite an Seite mit den wenigen jugendlichen und alten Männern, die nicht eingezogen worden waren und mit russischen Frauen, deren Männer gefallen oder als Zwangsarbeiter in Deutschland waren. Ihre Arbeit wurde mit den Kosten für ihre Verpflegung verrechnet, die mit 400 Rubel pro Monat veranschlagt wurde. Verdienten sie mehr als 400 Rubel, wurde ihnen das ausbezahlt. Ernährt wurden sie – wenn möglich – nach den Vorgaben des Roten Kreuzes, nach den Missernten von 1947 und 1948 teilten sie den Hunger mit der einheimischen Bevölkerung.

„Die Gefangenen versuchten, ein wenig Farbe in ihr Leben zu bringen und die Lagerleitung half ihnen gerne dabei. So gut wie in jeder Lagerabteilung gründete man ein Orchester. Die Musiker des Hauptlagers gaben sogar Konzerte in den Außenlagern und in der Philharmonie vor Wladimirer Publikum. Ein Offizier der Zentralabteilung erzählte mir, wie 1947 die Gefangenen ihr verdientes Geld zusammenlegten und ihn darum baten, dafür Musikinstrumente für das Orchester zu kaufen. Er erhielt vom Lagerleiter dazu die Genehmigung, fuhr nach Moskau in einen Musikalienladen und kaufte dort alles, was auf der Liste stand.“ (Gurinowitsch, S. 19)

Die Aufzeichnungen, in denen immer wieder von Mitleid und Barmherzigkeit gesprochen wird, erinnerten mich in vielem an die Erzählungen meines Vaters, von denen im Prolog die Rede war (Bericht 84). Dies ist der Nährboden für unser deutsch-russisches Schulprojekt, über das ich in den kommenden Berichten schreiben werde. Wir wollen zeigen, dass Menschlichkeit stärker ist als Hass, selbst in Zeiten des Krieges.

Komm wieder- aber ohne Waffen

Auf der Oberen Wolga Uferstraße (Верхне Волжская Набережная) steht neben der hellblau gestrichenen Stadtvilla der Rukawischnikows ein ockerfarbenes Haus, das 1953 kurz vor Stalins Tod fertiggestellt wurde und als Wohnhaus für verdiente Wissenschaftler, Künstler und Politiker diente.

k-84-ber-1Das ockerfarbige Wohnhaus auf der Oberen Uferstraße (Aufgenommen am 21.09.2014)

Wir waren von einer Kollegin von Rose, einer Lehrerin am Gymnasium Nr.1, in dieses Haus eingeladen worden. Sie lebt dort mit ihrer Familie im fünften Stock in einer großen Vier-Zimmer-Wohnung. Diese war ihrem Schwiegervater Nikolaj Sacharowitsch Tremasov, einem der Gründer des НИИИС (Sedakov-Forschungsinstituts für atomare Messanlagen) und dessen führender Konstrukteur, als Dienstwohnung zugewiesen worden. Er hätte sie nach seiner Pensionierung verlassen müssen, aber die Wende kam dazwischen. Die Wohnung ging in der Jelzin-Ära im Rahmen der allgemeinen Privatisierung von staatlichem Wohnungseigentum an die Familie über.

Da ist, wie zu erwarten, alles großzügig: eine große Diele, große Zimmer, Küche, Bad und WC, hohe Räume mit stuckverzierten Decken und ehrwürdige Möbel.  An den Wänden viele Bilder, oft Werke der Schwester, einer in Moskau lebenden Malerin, Andenken und Fotos aus der Schaffenszeit des Schwiegervaters und viele Bücher. Überwältigend ist die Aussicht über die Wolga auf die Stadt Bor und das weite Land, selbst bei Dunkelheit.

k-84-ber-2Abendlicher Blick auf Wolga und die gegenüberliegende Stadt Bor (05.02.17)

Das alte Haus mit seinen schlecht isolierten Wänden und die Lage der Wohnung im obersten Stockwerk hatten eine von uns nicht erwartete Konsequenz: die Wohnung lässt sich schlecht heizen und es ist das erste Mal seit wir in Russland leben, dass wir in kühlen Räumen saßen und uns gern Decken über die Schultern legen ließen.

Wer kennt „Russe blau“? Das hat nichts mit einem Russen nach erhöhtem Wodkakonsum zu tun, sondern ist der Name einer Katzenrasse, von der ein Vertreter in der Familie unserer Gastgeberin lebt. Wikipedia schildert diese Katze als mittelgroß, elegant und in allem ausbalanciert. Es handelt sich um eine Naturrasse, d. h., sie wurde nicht zu ihrem Aussehen gezüchtet, sondern trat so in der Natur auf.“ Ihr wird eine ausgeglichene, verschmuste,

k-84-ber-3Russe blau – die elegante Katze.

ruhige Art mit starker Bindung zu Menschen nachgesagt. Was wir bestätigen können: sie interessierte sehr für mich und war erst zufrieden, als sie nach dem reichhaltigen Essen auf meinem Schoß schnurren durfte.

k-84-ber-4Eingang zum Парк им. 1. Мая – wörtlich Park namens 1. Mai

Unsere Gastgeberin führte uns danach in den Park 1. Mai, der in der Nähe des Moskauer Bahnhofs in der Unterstadt liegt. Früher sei es ein stiller Park gewesen, jetzt hörte man aus den Fahrgeschäften und aus den Vergnügungspavillons laute Musik. Gegenüber steht eine mächtige Ruine, der ehemalige Lenin-Kulturpalast (Дворец культуры им. Ленина), der seit 20 Jahren dem Verfall preisgegeben ist.

k-84-ber-5Ruine des Kulturpalastes Lenin

Bei großer Kälte (-19°) liefen wir durch abendliche Straßen zu unserem nächsten Ziel: einem russischen Holzhaus aus den 1930er Jahren, das der Familie der Gastgeberin gehört. In der Nähe von großen Plattenbauten auf der Hauptstraße stehen in einer Nebenstraße eine Reihe von zweistöckigen Holzhäusern. In einem davon lebt der Bruder mit seiner Frau. Wir wurden auch hier wieder gastfreundlich empfangen und verbrachten bei russischen Leckereien und lebhaften Gesprächen einen interessanten Abend.

k-84-ber-6Wie im Märchen – und das mitten in der Stadt

Den Eheleuten gehört an der Oka am Stadtrand ein großes Terrassengelände, auf dem sie Obst und Gemüse anbauen. Stolz wurden uns Erdbeer- und Himbeer-Varenje (flüssige Marmelade), Pilze und eingelegte Salzgurken aus dem eigenen Garten angeboten. Sogar Weintrauben reifen in den warmen Sommern dort. Der gekelterte Wein wird allerdings mit Zucker nachgesüßt. Die Weinstöcke werden im Winter abgedeckt und überstehen so den Frost. Jetzt sind die beiden dabei, in Eigenbau auf dem Grundstück ihren künftigen Wohnsitz zu errichten. Wir sind zu einer Besichtigung in drei Jahren eingeladen. Dann soll das Haus fertig sein – wir würden der Einladung sehr gern folgen. Schaun mer mal.

 

Im Blog „Erlangenwladimir“ vom 8. Februar 2017 erwähnt Wladimirpeter einen Luftangriff der deutschen Luftwaffe auf Nischni Nowgorod im Zweiten Weltkrieg. Es heißt dort in der Einleitung:

„Dieser Tage veröffentlichte die Internetplattform Zebra-TV eine Aufnahme der Deutschen Luftwaffe, die 1945 in den Bestand des Nationalarchivs und der Bibliothek des Kongresses überführt wurde (s. https://is.gd/TQC9VS). Entstanden ist das überraschend scharfe Bild am 21. Juli 1942, also gerade einmal einen Monat nach dem Überfall auf die UdSSR, aus einer Höhe von 8.700 Metern, wohl beim Überflug einer Junker 88 auf dem Weg nach Gorkij, dem heutigen Nischnij Nowgorod, wo die Bomben abgeworfen wurden“.

Zum Thema deutsche Luftangriffe gibt es hier in Nischni eine merkwürdige „Stadtlegende“. die uns ein Taxifahrer im September 2016 mit voller Überzeugung erzählte. (Siehe unseren 63. Bericht). Der Hinweis im Blog Erlangenwladimir veranlasst uns zu schreiben, was wir in der Zwischenzeit darüber erfahren haben. Von 1934 bis 1937 wurde in der Nähe des hiesigen Autowerkes die Poliklinik Nr. 37 gebaut. Wie die Luftaufnahme (Google Earth) zeigt, erinnert ihr Grundriss an ein Hakenkreuz und das ist Anlass, zu der abenteuerlichen Legende. Danach hätten deutsche Architekten die Klinik absichtlich in dieser Form errichtet, um den deutschen Bombern den Weg zu der Auto- und Waffenfabrik zu weisen. Das ist absurd, wird aber offensichtlich weitererzählt und geglaubt. Auf das damalige Gorki und auf das Autowerk gab es vor allem ab Juni 1943 viele Bombenangriffe, mit denen die Waffenproduktion gestoppt werden sollte, was aber nicht gelang.

k-84-ber-7Poliklinik Nr. 37

 

 

Schulnotizen – „Komm wieder, aber ohne Waffen“

Mit meiner Kollegin Marina und den Schülerinnen und Schülern der zehnten Klasse, mache ich zurzeit ein Projekt über deutsche Kriegsgefangene in Wladimir und Gorki (heute: Nischni Novgorod) mit dem Titel „Komm wieder, aber ohne Waffen“.

Prolog – Mein Vater

Mein Vater wurde 1914 in Schramberg im Schwarzwald geboren. Eigentlich wollte er Sprachen studieren, doch weil er als einziger Sohn einer Kriegerwitwe aus dem Ersten Weltkrieg die väterliche Bäckerei übernehmen sollte, lernte er nolens volens Bäcker – als Kompromiss im französischsprachigen Genf. Ab 1940 war er Soldat, 1944 geriet er im Baltikum in sowjetische Kriegsgefangenschaft, bis 1950 war er in Lagern in Kritschew und Mogilew (Weißrussland). Mein Bruder und ich sind in den frühen 50er Jahren geboren und unsere Kindheit war geprägt durch die Geschichten unseres Vaters von der Gefangenschaft. Ich weiß es noch wie heute, wie wir jeden Sonntag auf seinem Schoß saßen und seinen Geschichten zuhörten. Diese ist eine davon:

Sie hockten im Schützengraben. Um sie herum seit Tagen Granateinschläge und Gewehrfeuer. Kameraden wurden getroffen, schrien vor Schmerz, starben „wie die Fliegen“. Alle wussten, wie hoffnungslos die Lage war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis man auch erwischt wurde – oder in Gefangenschaft kam. Dann war es soweit. Franz blickte aus seinem Schützengraben auf zu einem Rotarmisten, der das Gewehr auf ihn gerichtet hatte und ruhig sagte: „пошли“ („gehen wir“). Der Soldat hatte Schlitzaugen, war vielleicht ein Kasache. Er untersuchte Franz nicht nach Waffen. Der hatte noch seine Mauser und dachte: „In Gefangenschaft gehe ich nicht. Bei nächster Gelegenheit erschieße ich den ‚Russen‘ und dann mich.“ Als sie an einem Apfelbaum vorbeikamen, holte der Kasache einen Apfel vom Baum und gab ihn Franz. Dann pflückte er einen zweiten, den er selbst aß. Franz warf seine Mauser ins Getreidefeld und ging in Gefangenschaft, wo er fünf Jahre bleiben sollte.

Im Lager wurde er Lagerbäcker. Ein tschechischer Pfarrer brachte ihm Russisch bei: Mit Kohle schrieb er Vokabeln und Grammatikregeln auf leere Mehlsäcke. Später wurde er Lagerdolmetscher – beide Aufgaben haben ihm wohl das Leben gerettet.

Russland und die Russen haben meinen Vater sein Leben lang nicht losgelassen. Als er mit 55 einen Herzinfarkt hatte, gab er die Bäckerei auf und leitete das Fremdenverkehrsamt in Schramberg. Abends gab er Russisch- und Italienischkurse an der Volkshochschule (Italienisch hatte er neben Französisch in Genf gelernt). Nach seiner Pensionierung wurde er Reiseleiter und führte mehrere Reisen u.a. nach Russland.

Mich haben seine Geschichten auch geprägt und sie sind sicher ein Grund, warum ich russische Literaturwissenschaft studiert habe und jetzt in Nischni Nowgorod lebe. Und so sind sie die Vorgeschichte zu meinem derzeitigen Projekt, von dem ich im nächsten Bericht erzählen werde.