Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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Flugpionier Tschkalow

In dem kleinen Ort Tschkalowsk an der Wolga, der bis 1937 Wassiljowo (Василёво) hieß, wurde der berühmte Testpilot Waleri Pawlowitsch Tschkalow geboren. Sein Denkmal steht in Nischni oberhalb der nach ihm benannten Tschkalow-Treppe. Er flog 1937 von Moskau über den Nordpol nach Vancouver – zusammen mit zwei weiteren Piloten, die meist nur am Rande erwähnt werden. (Georgi Filippowitsch Baidukow und Alexander Wassiljewitsch Beljakow). Tschkalow wurde mit allen möglichen Ehrungen und Orden der Sowjetunion bedacht. In dem Ort ist das Museum, sein Elternhaus, ganz seinem Leben und seinen Flügen gewidmet.

Die ANT-25, mit dem 1937 der Rekordflug von Moskau nach Vancouver gelang

Eine große Überraschung war der Besuch des Hangars neben dem Museum. Die dort ausgestellten Flugzeuge wurden alle von Tschkalow getestet, auch die ANT-25, mit der 1937 der spektakuläre Flug über den Nordpol nach Vancouver gelang. Ich will gestehen, dass ich mich bisher für die Geschichte der Luftfahrt nicht sonderlich interessierte, deshalb war ich sehr erstaunt zu lernen, dass in den 30er Jahren schon solch riesige Flugzeuge gebaut und geflogen werden konnten. Die ANT-25 hatte eine Spannweite von 34 Metern, ein Fluggewicht von 11 Tonnen und eine Reichweite von 15000 km. Die drei Piloten saßen hintereinander in dem engen Rumpf. In Beschriftungen und auf den Landkarten des Fluges ist Vancouver, das ja in Kanada liegt, mit dem Zusatz „USA“ versehen. Dies konnte niemand erklären, auch nicht eine der zahlreichen, sonst gut informierten Museumsführerinnen. Ein Flug in die USA, nämlich nach San Francisco, fand erst später statt.

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Es bleibt interessant in Nischni Nowgorod

 

Die letzte Station unserer dreiwöchigen Russlandreise nach den Aufenthalten in Moskau und in Wladimir war Nischni Nowgorod. Siehe hierzu die Beiträge „Vier Tage in Moskau“ vom 3. Juni 2018, „Ein Russionär zwei Tage in Wladimir“ vom 7. Juni 2018 und „In Nischni Nowgorod – vor der WM“ vom 11. Juni 2018. Hier noch einige Ergänzungen.
Unsere Ankunft in Nischni Nowgorod, der Stadt, in der wir von 2014 bis 2017 gelebt hatten, brachte gleich eine Überraschung. Der Zug Lastotschka (Schwalbe), fuhr gerade in den Bahnhof ein, als der Vermieter unserer Ferienwohnung anrief. Wir könnten das gewünschte Appartement nicht bekommen, weil aus der darüberliegenden Wohnung Wasser tropfe und deren Besitzer nicht auffindbar sei. Deshalb sei das Wasser im Haus abgestellt. Es könne länger dauern bis das Problem gelöst sei. Er bot uns eine andere Wohnung an, die uns aber nicht gefiel. Da hatte meine Frau die großartige Idee, die Vermieterin der Wohnung anzurufen, in der wir die drei Jahre vorher gewohnt hatten. Und siehe da, die Wohnung war frei. „Gerne könnten wir sofort einziehen“. Das war die beste aller denkbaren Lösungen.
Die nächste Hürde, die es zu überwinden galt, war die der Registrierung im Migrationsbüro, eine Aufgabe unserer Vermieterin. Bisher erledigten dies die Hotels oder das Gymnasium, in dem meine Frau arbeitete. Jetzt erlebten wir hautnah, was die hiesige Bürokratie an Schwierigkeiten zu bieten hat. Bei dem Ausfüllen des zweiseitigen Formulars darf es keinerlei Ausbesserungen geben. Ein Buchstabe einmal übermalt führt gnadenlos dazu, dass alles neu geschrieben werden muss. Unsere Vermieterin war an zwei Tagen dort jeweils knapp zwei Stunden mit dem Ausfüllen der Papiere beschäftigt. Unser Mitleid lehnte sie ab. „Das ist noch schnell gegangen, weil ich die einzige Kundin war. Wenn viele Leute dort sind, muss man sich mit den neu geschriebenen Seiten immer am Ende der Schlange anstellen und falls man in den Dienststunden nicht mehr drankommt, am nächsten Tag wiedererscheinen. Manche brauchen dazu eine Woche.“
Nicht weit von unserer Wohnung verläuft eine Schlucht hinunter zur Oka. Den Weg an ihrem Rand gingen wir in den letzten Jahren oft, wenn wir dem Verkehr entgehen und das üppige Grün genießen wollten. Jetzt stand am Wegesrand, dort wo die Universitetskaja Ulitza über eine Fußgängerbrücke führt, ein Holzkreuz. Es ist ein Denkmal für die Opfer des Roten Terrors (1917 bis 1921), dem in Russland unzählige Menschen zum Opfer fielen. In Nischni Nowgorod wurden sie an dieser Stelle erschossen. Unser beliebter Spazierweg war vor hundert Jahren ein Ort des Schreckens, eine schockierende Vorstellung.


Aufschrift: Denkmal für die Nischegoroder, die hier an der Potschaninski Schlucht in den Jahren des Roten Terrors von den Tschekisten erschossen wurden

Unser Aufenthalt in Nischni Nowgorod vom 30. Mai bis 14. Juni 2018 wurde durch das kühle und feuchte Wetter ziemlich beeinträchtigt, da wir weder von unseren Erwartungen noch von unserer Kleidung her darauf vorbereitet waren. Morgens etwa 4 Grad, mittags maximal 12, dazu ein kalter Wind und Regenschauer, damit hatten wir nicht gerechnet. Umso mehr genossen wir die Sonnenstunden, in denen sich die Fußgängerzone Bolschaja Pokrowskaja mit Spaziergängern füllt, Musikgruppen aufspielen, die Verkaufsbuden öffnen und ein buntes Treiben einsetzt, was sich auch von den Ausbesserungs- und Verschönerungsarbeiten nicht stören lässt. Da werden Pflastersteine ausgewechselt, Informationssäulen für die WM aufgestellt, Wände gestrichen – und das alles mitten im Strom der Spaziergänger.

Fußgängerzone Pokrowka, mal ohne Regen

Nach einer langen Fotopirsch beim WM-Stadion (siehe die Fotos im vorigen Beitrag vom 11.06.18) wollte ich vom Einkaufszentrum „Siebter Himmel“ mit der Metro fahren, die neuerdings bis zum Stadion ausgebaut ist. Auf meine Frage nach dem Weg wurde mir die Richtung gewiesen und tatsächlich sah ich bald ein großes Schild „METRO“. Leider handelte es sich hier um einen Laden des Großhandels mit diesem Namen. Ein junger Mann klärte mich auf: Die U-Bahn Metro wird auf der zweiten Silbe betont, die Handelskette auf der ersten, was ich natürlich bei meiner Frage nach dem Weg nicht wusste. Als ich dann endlich – mit beginnenden Ermüdungserscheinungen – bei der auf der zweiten Silbe betonten Metró ankam, war die Station wegen Bauarbeiten geschlossen. An der nächsten Ampel fragte ich einen Mann mit Kinderwagen nach dem Weg zur einer Bushaltestelle. Er erkannte meine Sprachprobleme, sagte kurz entschlossen „dawaj, poschli“ und führte mich sogar bis zum Moskauer Bahnhof – weiter als ich eigentlich laufen wollte. Dabei musste er den Kinderwagen bei der Brücke über die sechsspurige Straße treppauf, treppab tragen. Für ihn sei das kein Umweg, er wolle sowieso spazieren gehen, antwortete er auf meine Frage, ob das nicht zu weit für ihn wäre und er zeigte auf den Kinderwagen mit seinem Enkel. Zum Abschied strahlte er über das ganze Gesicht. Nach dieser kurzen Begegnung vergaß ich meine Müdigkeit, die Bürokratie und das schlechte Wetter.


Der hilfsbereite Weglotse an einer Straßenbrücke

Von Nischni Nowgorod aus machten wir kurze Reisen nach Tschkalowsk und nach Gorochowez. Darüber folgt ein eigener Betrag.

In Nischni Nowgorod – vor der WM

Im Juni dieses Jahres waren wir vierzehn Tage in Nischni Nowgorod, in der Stadt, in der wir bis August 2017 drei Jahre gelebt hatten. Hier finden sechs Spiele der WM 2018 statt und wir waren gespannt, was wir von den Vorbereitungen bemerken würden. Mit einem Satz: Sie sind unübersehbar. Wenn „König Fußball“ kommt, wird die ganze Stadt geschmückt.
Gleich der erste Spaziergang führte uns an das hohe Oka-Ufer, von dem wir in den letzten drei Jahren oft auf die Alexander-Newski-Kathedrale jenseits des Flusses und die dahinterliegende Baustelle des WM-Stadions geblickt hatten. Wir waren neugierig darauf zu sehen, wie sich das große Stadion in die Umgebung einfügt und waren überrascht: Es erdrückt die anderen Gebäude nicht. Seine Außenwand besteht aus einem weißen Säulenring, deshalb wirkt der große Baukörper leicht und luftig. Die „Strelka“ (Landzunge zwischen Wolga und Oka) ist immer noch ein schöner Anblick: Das weiße Stadion bildet einen guten Kontrast zu der gelben Kirche. Zudem: Die Hafenkräne, die bisher bei der Kathedrale standen und das Bild verschandelten, sind verschwunden.

Hinter der Kanawinski Brücke der Säulenring des WM- Stadions, rechts die Newski-Kathedrale, vorn links die goldene Kuppel des Maria-Verkündigung Klosters


WM-Stadion vom Vorplatz der Newski-Kathedrale aus gesehen


Der Säulenring wirkt freundlich


Hier wird noch gearbeitet (10.06.2018)

Ein großer Gewinn ist die neu zugänglich gemachte Uferpromenade „Nischnewolschskaja Nabereschnaja“, auf der man jetzt von der Kanawinski Brücke bis zur Tschkalow-Treppe spazieren kann, zunächst an der Oka und dann an der Wolga, was von den Nischegerodern gern genutzt wird. Auffallend ist wieder, dass es auf der ganzen Strecke – es sind zwei Kilometer – keine Essen- oder Getränkeangebote gibt, lediglich einige Eisverkäufer bieten ihre Ware feil.


Von der neuen Uferpromenade blickt man auf die Newski-Kathedrale und das Stadion.


Letzte Arbeiten auf der neuen Promenade

Besonders auffällig sind die neu gestrichenen Häuser in vielen Straßen. Die Ilinskaja gleich bei unserer Wohnung ist kaum wiederzuerkennen. Mit Farbe wurde nicht gespart. Ob diese Verschönerungen immer nachhaltig sind, wird von Nischegerodern bezweifelt, weil die Untergründe nicht saniert wurden. Wir sahen an den letzten Tagen oft zwei oder drei Leute an Mauern oder Pfosten dick Farbe auftragen, grundiert wurde nicht. Aber dennoch freuen sich alle über das schönere Straßenbild. Erwähnt seien auch die erneuerten Straßenbeläge – zumindest auf den Hauptstraßen.
Ein Beispiel für die Verschönerung der Häuser zeigen zwei Fotos eines Hauses auf der Swesdinka Uliza, direkt vor dem Eingang der katholischen Kirche. Von den bröckelnden Fassaden des Hauses ist nichts mehr zu sehen.


Haus bei der katholischen Kirche an der Uliza Lestwinka, Foto vom 24. März 2017.


…. und am 3. Juni 2018

Kaum zu glauben ist die Veränderung der näheren Umgebung des Stadions. Hier war vor kurzem noch eine Wohngegend mit hässlichen Plattenbauten, großen ungepflegten Parkplätzen und schlechten Straßen. Heute sind da Grünanlagen, bunt gestrichene Häuser und sechsspurige moderne Straßen.


Frisch gestrichene Häuser gegenüber dem Stadion


Sechsspurige Straße zum Stadion (Uliza Betankura)

Das „Fifa-Fan-Fest“ findet auf dem Minin-Platz statt, der weiträumig abgesperrt ist. Dort wird eine große Leinwand für das Public Viewing aufgebaut. Das Gymnasium Nr. 1 und das Tschkalow-Denkmal, immerhin ein wichtiger touristischer Aussichtspunkt, sind zurzeit nur über einen Umweg zu erreichen. Darüber hinaus soll während der WM die Kanawinski-Brücke für den Autoverkehr gesperrt werden. Die Fanmeile soll dann vom Minin-Platz bis zum Stadion reichen. Bemerkenswert ist auch: Wir sahen häufig Polizeistreifen, meistens zwei Männer und eine Frau, die in ihren schwarzen Uniformen langsam durch die Straßen schlendern. Sicherheit wird großgeschrieben.


Eingang zum FIFA FAN FEST am Minin-Platz, rechts das Gymnasium Nr. 1,

Plakate an Laternenpfählen und Hauswänden und Bildständer sieht man viele. Beim Moskauer Bahnhof ein großes Plakat mit den Daten der sechs Spiele in Nischni Nowgorod.


Vier Gruppenspiele, je ein Achtel- und ein Viertelfinale in Nischni Nowgorod

Die Stadt erwartet die Besucher und selbst wenn hier und da noch gearbeitet wird: es gibt keinen Zweifel, dass die WM ein Fest wird. Im Notfall hilft die russische Fähigkeit zum Improvisieren. Es warten natürlich auch die Geschäftsleute und die Geschäftemacher. Davon haben wir einiges selbst erlebt. Bei der Suche nach einer Ferienwohnung sagte uns ein Vermieter, er erhöhe seine Preise ab Beginn der WM auf das Zehnfache. (Unsere Wohnung ist davon nicht betroffen. Wie immer auf der Welt gibt es auch Menschen, die solche Sachen nicht mitmachen). Wir hörten von Mieten in Wohnungen nahe beim Stadion von 500 USD pro Tag. Die Hotels seien schon lange ausgebucht, trotz der irren Preise. Und wie immer bei solchen Großereignissen wird von Korruption und Lohnbetrug gesprochen.
Aber wenn wir sehen, wie die Stadt schöner geworden ist, wie viele auch dauerhafte Verbesserungen es gibt (nicht nur äußere an Fassaden), dann kann man sagen: die WM hat sich schon gelohnt, bevor sie begonnen hat. Und das ist den Menschen hier aus vollem Herzen zu gönnen. Der Dortmunder OB Ulrich Sierau schreibt in einem offenen Brief an die Fußballfreunde und die WM-Touristen „Fußball kann Brücken bauen, Vorurteile abbauen und Menschen friedlich und fröhlich zusammenführen. Und genau das wünsche ich mir auch für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland.“ (www.deutsch-russische-begegnung.de)

Vier Tage in Moskau

Nach der wie immer einfachen Einreise nach Russland am Flughafen Scheremetewo – keine Fragebögen, keine Fingerabdrücke, nach einer langen Busfahrt zur Metrostation Flussbahnhof und von dort mit der Metro zum Theaterplatz, standen wir fast auf den Tag genau nach neun Monaten wieder vor dem Bolschoi-Theater: wir waren angekommen!


Bolschoi Theater

Der Rote Platz zeigte uns dann das schon bekannte Bild: Immer wird irgendetwas aufgebaut, diesmal eine große Bühne vor der Basilius-Kathedrale (Public Viewing für die WM?) und wie immer wimmelte es von Menschen, darunter auffallend viele aus China, gefühlt mehr als in den Jahren davor. Liegt das daran, dass sich westliche Touristen mit Reisen


Der Rote Platz, hinten das Kaufhaus GUM, links das Historische Museum

nach Russland zurückhalten? Das wäre eine beunruhigende Entwicklung. Warum lässt Europa sein großes Nachbarland links liegen und zwingt es gleichsam, sich China verstärkt zuzuwenden? In unserem Hotel Budapest fanden wir den Hotelführer jetzt auch in Chinesisch außer in Russisch und Englisch.

Einen erfreulicheren Eindruck bekamen wir bei einem Spaziergang auf dem Boulevard-Ring. Dort war bei der Metrostation Tschistye Prudy an Plakatständern eine Ausstellung der AHK zu sehen, der Außenhandelskammer der deutschen Industrie. Die Arbeit von etwa 20 deutschen Unternehmen in Russland, großer und kleiner, und ihr Beitrag zur russischen Wirtschaft wurden vorgestellt.

Vertreten waren unter anderem Siemens mit dem Hochgeschwindigkeitszug Sapsan (deutsch: Wanderfalke), VW, Schäffler, Knauf, Continental, Bezgraniz (ein Mode-Label für Behinderte) und der deutsche Landwirt Stefan Dürr, der mit 100 000 Kühen der größte Produzent von Rohmilch in Russland ist und der, wie besonders vermerkt wurde, seit ein paar Jahren die russische Staatsangehörigkeit hat.

Und was noch erfreulicher war: die anschaulichen Plakate wurden von vielen Menschen betrachtet. Ein Zeichen für das breite Interesse an Deutschland und hier speziell an seiner Industrie. Auf dem Boulevard-Ring waren an diesem Sonntag bei dem strahlenden Sonnenschein Scharen von Spaziergängern unterwegs.


Siemens: Wartung des Sapsan in der Fabrik bei St. Petersburg

Ganz anders war es bei dem im Oktober 2017 von Putin und dem Patriarchen Kyrill I. eröffneten Gulag-Denkmal, der „Mauer der Trauer“, einer Gedenkstätte für die Opfer des Stalinismus. Diese liegt an der Kreuzung des Garten-Rings (einer Stadtautobahn) und dem Akademik-Sacharow-Prospekt (ebenfalls eine große Verkehrsstraße). Dort war ich bis auf zwei oder drei Leute, die das große Areal rasch durcheilten, allein. Ein junger Mann wunderte sich offensichtlich über mein Interesse an dieser Gedenkstätte und sagte ziemlich barsch: „Putin made that and our political system is not correct“. Ein Hinweis auf die Umstrittenheit dieses Denkmals. Von der Opposition wird kritisiert, dass man das Gedenken an die Opfer in den Vordergrund stellt und nicht über die Schuld der Täter spricht.


Das Gulag-Denkmal „Mauer der Trauer“ in Moskau,
rechts eine kleinere Mauer mit Gravuren: „Vergesst nie“

Diese Gedenkstätte ist ohne Zweifel ein eindrucksvolles Mahnmal, schon allein durch ihre Größe: die „Mauer der Trauer“ ist 30 Meter lang und 5,60 Meter hoch, aber auch durch ihre Gestaltung: bronzefarbene menschliche, in sich verschlungene Gestalten ohne Gesicht schweben himmelwärts, Symbol für die geschundenen und getöteten Millionen von Opfern. Das Kunstwerk heißt „Niemals wieder“. Putin habe bei der Eröffnung gesagt: „Für diese Verbrechen gibt es keine Rechtfertigung“. Die Witwe Solschenizyns, Autor des Romans „Archipel Gulag“, war bei der Zeremonie anwesend. (Wikipedia). Der Entwurf stammt von Georgi Franguljan.


Gulag-Denkmal

Auf dem schiefergrau gepflasterten Areal stehen einige Steinsäulen und eine Wand mit eingravierten Botschaften in verschiedenen Sprachen, wie sie von Häftlingen in Gefängnismauern geritzt worden sein könnten: „Vergesst nie, recuerda, remember, помни…“

Ein angenehmerer Ausflug in die russische Geschichte war der Besuch des Tolstoi-Museums oder besser der Tolstoi-Museen. Unser Navi hatte uns zunächst, wie von uns eingegeben, in das Tolstoi Museum geführt, in dem sich das Archiv mit den Manuskripten Tolstois befindet, was wir erst nach Bezahlen des Eintritts (des teuren Tarifs für Ausländer) bemerkten und was der Computer nicht rückgängig machen konnte. Wir wollten eigentlich ins Tolstoi-Haus. Die betrübte Kassiererin wusste Rat: wir sollten die kleine Ausstellung besuchen und dann an einem Ball aus der Zeit Tolstois teilnehmen, einer Abschiedsfeier von zehnjährigen Schülern einer Moskauer Grundschule. Das war ein unerwartetes, eher landeskundliches als künstlerisches Ereignis. Die Lehrerinnen und die Profis des Museums traten in historischen Kleidern auf. Die ebenfalls wohl geschmückten Kinder versuchten sich mit Tänzen, mit Polonaisen, mit Klavier- und Gitarrenstücken, manche mit Können und Vergnügen, andere mit Stolpern und verzweifelten Gesichtern.


Aufstellung zur Polonaise

Am nächsten Tag schafften wir es dann tatsächlich in das Tolstoi-Haus, in die Stadtvilla von Tolstoi in der Tolstoi Straße. Überraschenderweise kannten diese aber vor allem jüngere Moskauer nicht, die wir nach dem Weg fragten. Tolstoi (1828 – 1910), der große russische Schriftsteller, hatte hier ein stattliches Anwesen mit seinem Wohnhaus, einigen Nebengebäuden und einem großen Park – eine Idylle mitten in Moskau. Bemerkenswert ist, dass Lenin dies alles schon 1921, dem Wunsch von Tolstois Witwe entsprechend, zum Museum erklärte. So ist es im ursprünglichen Zustand erhalten geblieben, bis auf die nachträglich eingebaute Elektroinstallation. Interessant auch: Edison, der amerikanische Erfinder vieler elektrischer Geräte, schenkte Tolstoi 1908 zu dessen 80. Geburtstag eine eigens für ihn hergestellte Schallplatte, die Tolstoi selbst besprochen hatte und die im Museum zu hören ist. Die Museumsführerin sagte stolz: „Die Stimme des Zaren Nikolaus II. ist nicht erhalten geblieben, die des Dichters Tolstoi dagegen wohl.“ Die Kultur überdauert die Macht – kein unsympathischer Gedanke!

Und schließlich war da auch noch Tolstois Fahrrad zu sehen, das mit einer Stempelbremse und mit Luftreifen ausgestattet ist. Selbst das am Sattel befestigte Werkzeugtäschchen fehlt nicht. (Als Einwohner der Fahrradfahrerstadt Erlangen sei mir der Hinweis auf dieses eher unbedeutende Detail aus dem Lebens eines großen Schriftstellers gestattet.)

Tolstois Fahrrad mit Luftreifen und Stempelbremse

Ein anderes kulturelles Ereignis war die Aufführung von Tschaikowskis „Pique Dame“ in der Helikon Oper, die uns mit den hervorragenden Stimmen der Sängerinnen und Sänger, dem großartigen Orchester und der ungewöhnlichen Regie wieder höchstes Vergnügen bereitete. Das Bühnenbild russisch prall, vorn an der Bühne stand in allen Szenen ein Spieltisch, dahinter saß dichtgedrängt das Orchester und darüber eine Empore, auf der sich oft der ebenfalls ausgezeichnete Chor aufhielt. Dieses kleine Opernhaus hat einen steil ansteigenden Zuschauerraum, dadurch sieht man von allen Plätzen gut über die Köpfe der vor einem Sitzenden hinweg. Die Atmosphäre ist intimer als im sehr viel größeren Bolschoi Theater.

Drei Wochen vor der Fußball-WM 2018 hatten wir in der Stadt viel Reklame erwartet. Wir haben nicht allzu viel gesehen. Im Flughafen Scheremetewo Begrüßungsplakate, davor ragten an einer Hauswand drei überlebensgroße fußballspielende Figuren waagerecht in die Straße. Dieses sehr ungewöhnliche Arrangement konnten wir leider nicht fotografieren, weil unser Bus zu schnell vorbei rauschte. In einem von zehn Metrozügen sahen wir WM-Reklame, auf den Straßen gelegentlich Plakate. Auf dem Manege- Platz in der Nähe des Kreml war ein Parcours, der an den Stadtsymbolen der Austragungsorte vorbeiführte. Nischni Nowgorod war mit deм Demetrios Turm seines Kreml vertreten. Dies war eine großflächige Installation, die aber keinesfalls dominierte. Die vielfältige Weltstadt Moskau integriert auch so ein Großereignis wie eine WM locker.

Der Nischegoroder Demetrios Turm steht für einen Austragungsort der WM


WM Werbung auf dem Manege-Platz

Wir sind dieses Mal oft auf Nebenstraßen fernab vom Autoverkehr gelaufen. Hier lässt es sich gemütlich schlendern. Zumindest innerhalb des Gartenringes erfreuen uns die vielen alten Häuser immer wieder, auch die häufigen Parks und kleinen Grünflächen. Der Flieder und die Tulpen sind jetzt Ende Mai gerade am Verblühen, Bäume und Sträucher zeigen ihr frisches Grün. Das Wetter war ideal für Stadtbesichtigungen, sonnig und ein kühler Wind. Wir haben Moskau wieder sehr genossen.

Ulitza Ulanski – eine Parallelstraße zum Sacharow Prospekt

Rollerverleih auf der Ulitza Roschdeswenska

An verschiedenen Stellen der Stadt werden neuerdings Leihroller angeboten. Der Versuch von Rose und ihrer Freundin Anke, welche auszuleihen, scheiterte, weil sie einen Tag vorher hätten reservieren müssen. So blieb es bei Fahrrädern (150 Rubel pro Tag). Mit großer Freude fuhren sie fast den ganzen Boulevard Ring ab, den sie sich an diesem sonnigen Sonntag mit vielen Fußgängern teilen mussten.

Auf der Großen Moskwa-Brücke stehen an der Stelle, wo Nemzow am 27. Februar 2015 ermordet wurde, noch immer frische Blumen, elf Sträuße, Fotos und kleine Plakate und ein Schild mit der täglich erneuerten Zahl der seit dem Mord vergangenen Tage: 1183 waren es am 24. Mai dieses Jahres. Noch immer bewachen Mitglieder der Bürgerinitiative diesen Ort. Sie wollen ausharren bis die Brücke in „Nemzow-Brücke“ umbenannt ist.

Auf der Großen Moskwa-Brücke, 1183 Tage nach der Ermordung von Nemzow.
Dahinter eingerüstete Kremltürme, Baubuden bis zur Basilius Kathedrale

Noch einige Fotos:


Kirche (1645) aus Archangelsk im Freilichtmuseum in Kolomenskoje

Im neu eröffneten Zariadje Park: Freilichtbühne, Liegewiese, Kreml


Die Türme der Basilius-Kathedrale spitzen über Grashügel im Zariadje Park

Manege-Platz

WM Werbung auf dem Zwetnoi Boulevard

Komm wieder, aber ohne Waffen – Tourneeplan

Die Gastspielreise unserer russischen Schülergruppe naht. In Russland wird intensiv geprobt, in Deutschland die Tournee mit Hochdruck vorbereitet. Hier ist der Tourneeplan. Ganz besonders ans Herz legen möchten wir Ihnen unseren Trailer:
https://www.youtube.com/watch?v=QI8aM7RMDUw&feature=youtu.be
(Bitte Link in neuem Fenster öffnen)
Er zeigt noch einmal deutlich, worum es (uns) geht. Wir würden uns sehr freuen, Sie bei einer unserer Vorstellungen begrüßen zu können.

Gastspielreise „Kommt wieder, aber ohne Waffen“
Erlangen – Leinfelden – Bodensee

Erlangen
So 22.10. 17.00 Gemeindezentrum der Kirche St. Xystus
91056 Erlangen-Büchenbach, Kolpingweg 16

Mo 23.10. vorm. Waldorfschule Erlangen

Leinfelden
Di 24.10.19.00 Immanuel-Kant-Gymnasium
70 771 Leinfelden, Anemonenstraße 15

Bodensee
Do 26.10. vorm. Gymnasium Markdorf

Do 26.10. 19.30 Waldorfschule Überlingen,
88662 Überlingen, Rengoldshauser Str. 20

Fr 27.10.vorm. Graf-Zeppelin-Gymnasium Friedrichshafen

So 29.10. 16 Uhr Bürgersaal im Rathaus in Immenstaad
88090 Immenstaad, Dr. Zimmermannstrasse 1

Unser Russland-Abenteuer ist zu Ende

Eigentlich sollte der lange Bericht über unsere Kamtschatka-Reise der letzte sein. Aber wir haben in den letzten Wochen unseres Aufenthaltes in Nischni Nowgorod und dann an den drei Tagen in Moskau noch mehr oder weniger Bedeutendes erlebt, was uns so interessant erscheint, dass wir einiges davon berichten müssen/wollen.

Zu einem Abenteuer der besonderen Art entwickelte sich das Aufgeben eines Postpaketes mit Kleidung, Büchern und anderem Umzugsgut nach Deutschland. Wir hätten gewarnt sein können, denn „in Russland gibt es zwei Filialen der Hölle“, sagte Witali, unser Reiseführer auf Kamtschatka, „die Polikliniken und die Post“. Auf dem Postamt wurde alles, wirklich alles, was in das Paket kam, gezählt und gewogen: Ein Paar Schuhe 850g, 8 Stück Kosmetika 900g, 2 Souvenirs 500g, 50 Stück Kleidung 7,3 kg, 16 DVD 400 g, 30 Bücher 12,3 kg usw. usw. Die hinter uns Wartenden waren ebenso geduldig wie die uns bedienende Beamtin, die freundlich und entspannt die langwierige Prozedur abwickelte und immer mal unterbrach, wenn sie ihren Chef fragen ging, ob Medikamente verschickt werden dürfen (nein) oder wie Bücher zu behandeln sind. Letzteres fragte sie erst am Schluss und kam mit der Antwort zurück, dass Bücher getrennt verschickt und an einem eigenen Schalter aufgegeben werden müssen. Das hieß noch einmal Umpacken und noch einmal Anstellen. Dann wurden pro Sendung drei Formulare ausgefüllt, Adressen gedruckt und aufgeklebt. Nach fast eineinhalb Stunden verließen wir erleichtert die „Filiale der Hölle“. Die Pakete sollten in zwei Wochen bis in zwei Monaten in Erlangen ankommen. (Tatsächlich trafen sie schon nach zwei Wochen am Zollamt in Erlangen ein. Leider ist wohl bei einer nochmaligen russischen Kontrolle das Päckchen mit dem Iwan-Tee nicht wieder richtig verschlossen worden. Als ich das Paket vor dem Zöllner öffnete, stieg eine Duftwolke empor. In allen Kleidern steckten die kleinen Tee-Körnchen.)

Um im Bild zu bleiben: In Russland gibt es auch „Filialen des Himmels“. Eine davon erlebten wir am Sonntag (13. August) in Arsamas, einer 95 km südlich von Nischni liegenden Stadt. Dort war Kyrill I., der „Patriarch Moskaus und ganz Russlands“ zu Besuch. Nach einer Messe in der Kathedrale weihte er ein Denkmal zum 150. Geburtstag des in Arsamas geborenen Patriarchen Sergej (1867 – 1944) ein. Ein großes kirchliches Ereignis, vergleichbar mit einem Papstbesuch bei uns in Deutschland. Und wir waren mitten drin!

Zu verdanken hatten wir das „unserer“ Kira, der Kantorin der Alexander-Newski-Kathedrale, deren Chor bei den Feierlichkeiten sang. Mit dem Chor gelangten wir mit in die Auferstehungskathedrale. Diese und die umliegenden Plätze der Stadt waren weiträumig abgesperrt, nur durch Sicherheitsschleusen und nach Taschenkontrollen durch die reichlich vorhandene Polizei und andere Sicherheitsleute zugänglich. In der Kirche standen wir mit dem Chor nahe bei dem freigehaltenen Raum vor dem Ikonostas, vermutlich beneidet von den Massen an Gläubigen, die sich hinter den Absperrungen in der Kathedrale drängten und auf dem großen Platz davor, wo die Messe auf Großleinwand übertragen wurde.

Vor dem Gottesdienst in der Kathedrale von Arsamas

Während des Gottesdienstes

Während des Gottesdienstes war uns die Sicht durch die vielen Priester und Diakone versperrt, die sich in goldfarbigen Gewändern in langen Reihen aufstellten. In der Feier  verhielten sie sich für unser Empfinden entspannt und eher locker. Immer wieder mal verließ einer von ihnen seinen Platz, umarmte Freunde und Bekannte und plauderte kurz mit ihnen. Einer holte das Handy hervor, fotografierte seinen Patriarchen und den Chor hinter sich.

Kira in Aktion

Wir standen über vier Stunden neben dem Chor und überstanden die vier Stunden gut, gefangen von der feierlichen Atmosphäre und vor allem eingehüllt von den Gesängen des Chores und der Priester. Kira leitete den Chor energisch, unterstützt von ihrem Mann, einem ranghohen Geistlichen, der immer zum Altar blickte und ihr das Signal zum Einsatz gab.

Übergabe einer Ikone an die Gemeinde durch Patriarch Kyrill

Am Schluss folgte, wie in der orthodoxen Kirche üblich, eine Predigt. Der Patriarch sprach über das Leben von Sergej I., der in der Stalinzeit eine schwere, nicht unumstrittene Rolle zu spielen hatte. Kyrill übergab der Gemeinde eine Ikone von Sergej. Danach wurde mit einem im Wechselgesang oft wiederholten Ruf „Gratios, Gratios“ die lange Feier beendet.

Mittagessen in einer Kapelle

Der Chor – und damit auch wir – waren zu einem Mittagessen in einer innerhalb des abgesperrten Bereiches liegenden Kapelle eingeladen.

Straße in Arsamas

Den Nachmittag nutzten wir zu Spaziergängen durch die typisch russische Kleinstadt (105000 Einwohner) mit den flachen Häusern an breiten Straßen. Nach der Einweihung des Denkmals ging es in einem langen Stau zurück nach Nischni Nowgorod.

Noch ein paar Beobachtungen zu anderen Themen:

Überraschend hörte ich im Fitness-Center Fiskult zum ersten Mal deutsche Musik aus den Lautsprechern, die in den drei vergangenen Jahren den Raum sonst mit englischsprachigem und manchmal russischem Pop oder Rock ausfüllten. „Rosenrot, oh Rosenrot – tiefe Wasser sind nicht still“. klang es bedrohlich in dem dumpfen Sound der Band Rammstein. Wikipedia schreibt dazu: „Die zur „Neuen deutschen Härte“ zählende Gruppe Rammstein wird – obwohl bis heute immer wieder kontrovers betrachtet – mittlerweile in der internationalen Medienlandschaft mehrheitlich als einer der wichtigsten musikalisch-zeitgenössischen „Kulturexporte“ Deutschlands gesehen“. (Ende des bemerkenswerten Zitats). Wir haben häufig Plakate von deutschen und westlichen Rock- und Popbands gesehen, Beispiel „Skorpions“. Auch dieser Kulturaustausch klappt wenigstens noch in der verfahrenen politischen Situation.

Ankündigung eines Konzertes der Scorpions für den 9. November. Aufgenommen am 25. Juni 2017 in Jekaterinburg/Sibirien

Hier in Nischni sind in den drei letzten Jahren viele neue Wohnhäuser, einige Hotels und Einkaufszentren entstanden, denen die an Basare erinnernden Märkte und die alten typischen Holzhäuser weichen müssen. Ein besonders prächtiges davon fiel uns schon im Herbst 2014 mit dem Graffitispruch auf: „Дай жильё! Мы люди, а не крысы. – Gebt uns Wohnraum! Wir sind Menschen und keine Ratten“. Dieses Haus an der Slawanskaja Straße (Славанская Улица) und die Graffiti daran sind noch unverändert – ich habe es bei einem Abschiedsgang durch die Stadt wiederentdeckt.

Graffiti: Gebt uns Raum! Wir sind Menschen und keine Ratten.

Ab 15. August wurden die Fahrpreise für den öffentlichen Nahverkehr drastisch erhöht, jetzt kostet eine Fahrt mit Bussen und Bahnen 28 Rubel, bisher waren es 20 Rubel, bei der Seilbahn nach Bor 100 statt bisher 90 Rubel. Eine bessere Nachricht, wenn auch für uns ohne direkte Bedeutung, aber für die Stadt wichtig: die neue Wolgabrücke wurde dem Verkehr übergeben. Ein Segen für die Autofahrer in Richtung Norden.

Ein letzter Blick auf Oka, Wolga und die Strelka mit der Alexander-Newski-Kahtedrale in Nischni Nowgorod

Unsere letzten Abende in der schönen Stadt nutzten wir zu Abschieds-Spaziergängen an die von uns besonders geliebten Orte, an erster Stelle an das Oka-Ufer. Wie oft haben wir in den letzten drei Jahren dort gestanden und die majestätischen Flüsse bestaunt, die je nach Jahreszeit, Wetter und Sonnenstand anders aussahen. Wir bekamen eine Ahnung davon, was die Maler „das russische Licht“ nennen. Der Blick in die Ferne, die ruhige Stimmung, die Weite der Landschaft, das ist es, was wir vermissen werden.

Zum Abschluss unserer drei Jahre in Russland waren wir noch einmal drei Tage in Moskau, dieser unglaublichen, aufregenden und widersprüchlichen Stadt. Es war unser dreizehnter Besuch, aber der erste im Sommer.

Moskau: Warten auf den Einsatz

Moskau glich einer einzigen Baustelle. Viele Straßen und Bürgersteige wurden neu gepflastert, wohl schon als Vorbereitung auf den 760. Geburtstag der Stadt oder auf die WM 2018, auf das Ereignis des nächsten Jahres. Die kurze Taxi-Fahrt vom Kursker Bahnhof zu unserem Stamm-Hotel Budapest dauerte lange, Stau reihte sich an Stau.

Die Bürgersteige werden mit eleganten Platten belegt

Der Rote Platz war von einer riesigen Bühne für das Militärmusikfestival Spasskaja Baschnaja (Спасская Башная, benannt nach dem Kremlturm) am folgenden Wochenende vollgestellt. Es wurde schon eifrig geprobt. 22 Musik- und Folkloregruppen aus 12 Ländern nahmen teil, darunter auch deutsche und ukrainische (lt. Russischen Nachrichten). Im abgesperrten Gelände sahen wir eine Biker Gruppe (oder waren es zwei?) mit der schweizerischen und der australischen Flagge. Als Star im Eröffnungskonzert war Mireille Mathieu angekündigt.

Auf der Großen Moskwa Brücke standen an der Gedenkstelle für Nemzow noch immer Blumen, Fotos und ein Schild mit der Zahl der seit dem Mord vergangenen Tage: 909. Die Initiative will erreichen, dass die Brücke in Nemzow-Brücke umbenannt wird.

Seit dem Mord an Nemzow sind 909 Tage vergangen

Die drei Tage in Moskau nutzten wir bei angenehmem Sommerwetter zu Ausflügen in Parkanlagen und in die Umgebung.

Eine halbstündige Fahrt mit der Metro brachte uns vom Theater-Platz (Театралнaя Плошадь) zur Station Zarizyno (Царицыно), von der man in wenigen Minuten den gleichnamigen großen Park erreicht, in dem ein Schloss Katharinas der Großen steht. Der Park ist eines der beliebtesten Ausflugsziele der Moskauer, er soll an den Wochenenden überfüllt sein. Davon war bei unserem Besuch, einem Dienstag, nicht die Rede. Auf 25 ha gibt es zwei große Teiche, einen englischen Garten, einen Wald und auf einem Hügel das Schloss. Nach den anstrengenden Tagen in Nischni verbrachten wir dort ein paar entspannende Stunden im Museum über das Leben Katharinas, auf Spazierwegen und auf einer Wiese unter Bäumen, von der aus wir die Springbrunnen der Musikinsel sehen und klassischer Musik lauschen konnten.

See im Park Zaryzino

Das Schloss, das Katharina nie bewohnt hat

Dieser Park hat eine eigenartige Geschichte. Katharina wollte vor den Toren Moskaus eine Sommerresidenz errichten. Das vom Architekten Baschenow gebaute Schloss gefiel ihr nicht, sie ließ es 1785 wieder abreißen. Auch der zweite Versuch des Architekten Kasakow fand wenig Gefallen bei ihr, sie verlor das Interesse und die Arbeiten wurden 1793 eingestellt. Das Hauptgebäude, ein paar Pavillons und Brücken blieben halbfertig stehen. Kaum zu glauben, welche Launen sich eine Herrscherin damals leisten konnte! Im 19. Jh. wurden einige kleinere Gebäude im neogotischen Stil fertiggestellt, die Ruinen und der Park entwickelten sich zu einem beliebten Ausflugsziel. Nachdem ab 1858 hier Land für die Errichtung von Datschen freigegeben wurde, wurde Zarizyno zum Sommerdomizil für namhafte Persönlichkeiten aus Aristokratie und Kunst, u.a. Iwan Bunin und Andrej Bely. Auch Peter Tschaikowski und Anton Tschechow weilten hier, angezogen durch die romantischen Ruinen. Erst Anfang dieses Jahrtausend ließ die Moskauer Stadtverwaltung den Park und die Gebäude sanieren.

„Neben“gebäude in Zaryzino

Launen der Herrschenden gab es nicht nur bei den Zaren, die zeigten auch die neuen Herrscher nach der Oktober-Revolution, wie wir im Lenin- Museum in Gorki Leninskie (Горки Ленинские) mit einiger Verwunderung erleben konnten.

Die Anfahrt dahin entwickelte sich zu einem spannenden Erlebnis, weil wir wegen eines Missverständnisses mit dem Busfahrer über unser Ziel hinausfuhren. Der aus dem nächsten Ort gekommene Taxifahrer „weigerte“ sich, uns zum Lenin-Museum zu bringen, denn die Autostraße mache einen 10 km langen Umweg, was teuer sei, während es einen viel kürzeren Trampelpfad durch Gestrüpp gebe.

Rose in den russischen Wäldern

Er fuhr uns ein paar Meter zum Beginn des Trampelpfades, wo er uns absetzte, uns auf der anderen Seite eines tiefen Tales unser Ziel, den alten Herrensitz, zeigte und sich mit einem freundlichen „Do Swidanja“ das Geschäft einer längeren Fahrt entgehen ließ. Auf dem schmalen Weg durch Brombeerengestrüpp und Brennnesseln gelangten wir dann wohlbehalten zu Lenins Wohnsitz, dem heutigen Lenin Museum.

Hauptgebäude in Lenins Vorstadtresidenz

Lenin beschlagnahmte 1918 das der Familie Morosow-Reinbot gehörende Herrenhaus als Vorstadtresidenz für sich, was den Vorteil hat, dass es von den Bolschewiki nicht geplündert wurde und dort Möbel und Einrichtungen vom Beginn des 20. Jh. erhalten sind. Man kann sehen, in welchem Luxus die reichen Leute damals lebten und darüber staunen, dass dem auch der Führer der Weltrevolution nicht abgeneigt war. Alle Räume waren äußerst geschmackvoll eingerichtet. Lenin verbrachte hier während seiner Krankheit die letzten Monate seines Lebens, er starb am 21. Januar 1924.

Gorki Leninskie, das früher Wyschnie Gorki hieß, liegt 35 km südlich von Moskau und Lenin brauchte natürlich ein Auto, um zwischen den Orten pendeln zu können. Dazu kaufte er in England einen Rolls Royce Silver Ghost, den er für den Winter mit Raupenketten und Skiuntersätzen an den Vorderrädern ausrüsten ließ. Der Silver Ghost war das schnellste, leiseste und teuerste Auto der damaligen Zeit. Es fuhr im Originalzustand 125 km/h, mit den Raupenketten maximal 60 km/h und verbrauchte dabei 37 Liter Benzin pro 100 km. Uns kam anlässlich dieses Luxus unwillkürlich der Roman „Animal Farm“ von George Orwell in den Sinn, in dem es heißt „Alle Tiere sind gleich, manche sind gleicher“. Er schildert darin, dass die Anführer einer Revolution die Forderung nach Gleichheit schnell vergessen, wenn sie erst einmal an der Macht sind.

Lenins Rolls Royce „Silver Ghost“

In einiger Entfernung vom Herrensitz entdeckten wir unter dem Motto „Monumentale Propaganda in der SSSR“ eine interessante Ausstellung. Zum einen etwa 20 Skulpturen aus der Sowjetzeit, 15 Mal Lenin in allen bekannten Posen, drei von Stalin und je eine von Marx und von Engels. Zum anderen waren Schautafeln aufgestellt, die zeigten, wie Fotos in der Stalinzeit der politischen Opportunität angepasst, also gefälscht wurden. Unliebsam gewordene Personen, die nicht mehr mit Stalin oder Lenin gezeigt werden sollten, wurden aus der Aufnahme entfernt. Auch dieses erinnert an einen Roman von Orwell, an „1984″.

Gefälschte Fotos und ihre Originale

Unser letzter Ausflug in die Umgebung ging nach Peredelkino, einer Siedlung mit etwa 50 Datschen für verdiente Dichter und Schriftsteller der Sowjetunion. Wir fuhren die 20 km vom Kiewer Bahnhof mit einer „Elektritschka“, einem Vorortzug, hin und zurück für 64 Rubel, also für knapp einen Euro.

In der Elektritschka von Peredelkino nach Moskau

Die Datschen sind hier große Holzhäuser auf parkähnlichen, einen Hektar großen Grundstücken, bei deren Betreten man sofort von der ruhigen, besinnlichen Atmosphäre eingefangen wird. Hier könnte man die Muße finden zum Dichten und Schreiben – wenn es der politische Druck zulässt!

Datscha von Boris Pasternak

Das Haus von Boris Pasternak, dem Autor von Dr. Schiwago, ist als Museum eingerichtet. Man kann die Räume ohne Führung besichtigen, allerdings gefolgt von einer streng blickenden Aufpasserin. Die Einrichtung ist sehr spartanisch. Pasternak hatte in seinem Arbeitszimmer außer der Bibel und einem deutschen Wörterbuch keine Bücher. Er meinte „Ein Stuhl, ein Tisch, ein Bett, mehr braucht ein Dichter nicht – das weitere muss die Fantasie machen“.

Pasternak feiert den Nobelpreis für Literatur 1958

Nach der durch Chrustschow erzwungenen Ablehnung des Literatur-Nobelpreises 1958 erkrankte Pasternak an Lungenkrebs, er starb am 30. Mai 1960. Der seelische Druck war zu groß. Obwohl sein Tod offiziell verheimlicht wurde, kamen 5000 Menschen zu seiner Beerdigung.

Datscha von Tschukowski

Nicht weit entfernt das Haus von Kornej Tschukowski, einem der bekanntesten sowjetischen Kinderbuchautoren. Dieser folgte dem Aufruf Stalins und Gorkis, gute Kinderbücher zu schreiben – und blieb sein ganzes Leben dabei. „In der Stalin-Epoche geriet Tschukowski mit seinen Werken bei den Machthabern in Ungnade – auch und insbesondere mit etlichen seiner Kinderbücher, da unter anderem das Märchen von dem Riesenkakerlak von einigen regimetreuen Kritikern jener Zeit als ein Pamphlet gegen Stalin angeprangert wurde. Viele Werke Tschukowskis wurden daher verboten und erst in der Tauwetter-Periode nach Stalins Tod und der Machtergreifung Nikita Chruschtschows wieder freigegeben.“ (Wikipedia) 

Sein erstes Kinderbuch schrieb er schon 1916, es hieß „Das Krokodil“. Dieses wandert durch Russland und stellt so den jungen Lesern ihre Heimat vor. Hier konnten wir das Haus nur mit einer Führung besichtigen, die eine junge Frau in gutem Englisch lebhaft gestaltete. Alle Zimmer waren voller Bücher, seine eigenen, die in viele Sprachen übersetzt wurden, Bücher von Walt Whitman, die er ins Russische übersetzte, Bücher von befreundeten Schriftstellern, die Bücher, die er in den Wochen vor seinem Tod las…. Tschukowski pflegte enge Beziehungen zu Schriftstellern in Japan und in den USA. Er war auch mit Solschenizyn befreundet, der viele Jahre im Gulag verbrachte und vor seiner Ausbürgerung mehrere Wochen in Tschukowkis Datscha lebte.

Foto von Solschenizyn in Tschukowskis Bücherschrank

 

Wir verließen diese besondere Datschensiedlung mit gemischten Gefühlen: einerseits die idyllischen Häuser, Parks und Gärten, Orte der Besinnung und des schöpferischen Schaffens, andererseits der politische Druck, der die Bewohner zur Systemtreue zwang.

Die drei Tage in Moskau haben uns noch einmal den Zwiespalt zwischen der Politik der Regierung(en) und dem alltäglichen Leben der Menschen bewusstgemacht, in der Vergangenheit und heute. Die auffallend vielen, immer großen chinesischen Reisegruppen waren nicht zu übersehen. Ausschilderungen in Geschäften und auf den Speisekarten findet man inzwischen öfter in Chinesisch als in Englisch. Beides ist ein Zeichen für die Öffnung Russlands nach China, weg von Westeuropa, das – für uns unbegreiflich – dieser Entwicklung tatenlos zuschaut. Dabei sagen viele Russen selbst, dass sie zwar anders seien als die „Europäer“, aber sich in Kultur und Geschichte dem nahen Westen viel näher fühlen als dem fernen Osten.

Auf dem Boulevard-Ring war eine von der Stadt Moskau veranstaltete Ausstellung zur Geschichte der Russischen Eisenbahn zu sehen. Dort gab es auch ein Bild von der am 17. Dezember 2016 erfolgten Eröffnung der Zugverbindung Moskau – Berlin mit dem Zug „Strisch“, zu Deutsch „Mauersegler“. Ist das eine letzte Schwalbe der besseren Beziehungen zu Deutschland vergangener Jahre oder doch ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft? (Für die Ornithologen: Ich weiß, dass Mauersegler keine Schwalben sind.) Ob man heute noch einmal so ein Projekt beginnen würde?

Eröffnung der Zugverbindung Moskau – Berlin 2016

Wir waren auch hier in Moskau wieder berührt von der freundlichen Haltung vieler Russen gegenüber Deutschland. Oft hörten wir „Deutschland gut“, wenn wir erkannt wurden. Dies erlebten wir auch in Nischni bis zum letzten Tag immer wieder. Da haben die Verbrechen, die im Zweiten Weltkrieg verübt wurden und die Leiden, die Deutschland über die russischen Menschen gebracht hat, keinen Hass hinterlassen, auch wenn nichts vergessen ist. Und leider spüren wir auf deutscher Seite oft Ablehnung, Skepsis, Angst vor den Russen oder eine Haltung der moralischen Überlegenheit. Die drei Jahre in Russland haben uns gezeigt, dass dies falsch ist. Deshalb halten wir die persönlichen oder kommunalen Kontakte für so wichtig. Sie können mithelfen, eine Grundlage für bessere Beziehungen unserer beiden Länder zu schaffen. „Ich möchte nicht, dass meine Enkel einst in einem Europa leben, das nur noch ein amerikanischer Brückenkopf in einem chinesisch-russischen Eurasien ist. Ich möchte nicht, dass alter Hass und neuer Unverstand Russland in eine Allianz treibt, die es nicht will und die Europa extrem verletzbar und abhängig machen müsste“. Erhard Eppler in seiner Rede vom 22.6.2016 zum 75. Jahrestag des Beginns des Russland-Feldzuges.

Unser Russlandabenteuer hat ja noch handfeste Nachwirkungen: Im Oktober kommen die Schüler des Gymnasiums Nr. 1 aus Nischni Nowgorod mit dem Theaterstück „Komm wieder – aber ohne Waffen“ zu einer Tournee nach Deutschland. Die Termine für die Aufführungen werden wir noch mitteilen. Jeder ist herzlich eingeladen.

 

Kamtschatka

Die Halbinsel Kamtschatka erstreckt sich im Nordosten Sibiriens über 1600 km Länge vom 51. nördlichen Breitengrad (entspricht etwa Jena mit 50,9° oder Erfurt) bis zum 62. (entspricht Trondheim in Norwegen). Im Osten liegt der Stille Ozean, im Westen das Ochotskische Meer und Sibirien. Vom russischen Festland aus gibt es keine Straßen oder Bahnen, Kamtschatka ist daher für Reisende nur mit dem Flugzeug oder dem Schiff zu erreichen. Zu der vor zehn Jahren gegründeten Region Kamtschatka (Край Камчатка) gehören noch Teile des Festlandes, diese Region ist so groß wie Deutschland und Österreich zusammen. In ihr lebten 2016 etwas über 316000 Menschen.

Здесь начинаетса Россия – Hier beginnt Russland. Berlin 7846 km, Sotschi 7809 km

 

Petropawlowsk-Kamtschatski, die Hauptstadt der Region Kamtschatka ist aus einer 1740 an der Awatschinski-Bucht errichteten Siedlung hervorgegangen. Es hatte bis zum Beginn des 20. Jh. nur wenige Hundert Einwohner. In der Sowjetzeit wurde die Halbinsel zum militärischen Sperrgebiet erklärt und in der Bucht ein großer Hafen für die sowjetische Pazifikflotte gebaut. 1990 lebten etwa 300000 Menschen in Petropawlowsk, die Einwohnerzahl nimmt seitdem ab und betrug 2016 nur noch 180000. In der Stadt überwiegen Plattenbauten mit hässlichen Fassaden. Es ist eine Stadt zum Essen, Schlafen und Wegfahren, nämlich in die wilde Natur der Umgebung. Dies sagte einer unserer Reiseführer. Er lobte die deutsche Hilfe bei der Verbesserung des Naturschutzes und bei der Einrichtung von Reservaten.

Die Sommersaison auf Kamtschatka ist kurz, zehn bis zwölf Wochen bleibt es in Petropawlowsk und in den tieferen Lagen schneefrei. Mensch und Natur müssen diese kurze Zeit nutzen. Dies merkte man an den Hotelpreisen, den Baustellen in der Stadt und an den vielen Festen. Wir kamen am 1. Juli gerade zur Feier des 10jährigen Bestehens der Region Kamtschatka zurecht. Auf einer großen Bühne am Leninplatz an der Leninstraße vor dem monumentalen Lenin-Denkmal unterhielten Sänger, Chöre und Tanzgruppen ein zahlreiches Publikum. Eine indigene Trachtengruppe zeigte alte Tänze. Frauen ahmten mit schrillen Schreien Seevögel nach – sehr ungewöhnlich, Männer tanzten wild mit großen ledernen Handtrommeln. Der Festplatz liegt an der 20 km breiten Awatschinski-Bucht, bei klarem Wetter kann man von dort den Wiljutschinski Vulkan am gegenüberliegenden Ufer bewundern.

Auf der Bühne traditioneller Tanz mit ledernen Trommeln, hinter der Bühne Lenin, hinter Lenin Gasprom

Auch die Natur beeilt sich, die kurze Saison zu nutzen: wo vor fünf Wochen noch Schnee lag, ist jetzt ein dichtes Grün von Sträuchern und Gräsern mit vielen Blumen. In den Wäldern überwiegen die Erle und die Steinbirke (Betula Ermani), letztere ist zum Baum Kamtschatkas gewählt worden.

Wir konnten die üppige Natur gleich am ersten Tag bewundern, denn wir folgten der Empfehlung unserer Vermieterin Olga, eine Ethnoschau zu besuchen. Dahin fuhren wir mit einem Jeep durch Wald mit wucherndem Bodenbewuchs bis wir ein großes Gelände erreichten, auf dem Schlittenhunde und Rentiere gezüchtet werden.

Dort führte uns eine junge Frau aus dem Volk der Korjaken zunächst in das Leben der indigenen Völker Kamtschatkas ein, von denen es noch Itelmenen, Tschuktschen, Evenen, Ainu und Aleuten gibt, Völker mit nur noch wenigen Angehörigen, die versuchen, ihre alte Lebensweise trotz der notwendigen Modernisierung zu erhalten und zu pflegen. Es folgten Führungen zu den Schlittenhunden und in ein Rentiergehege. Zum Abschluss gab es ein Abendessen in einer modernen Jurte aus Holz.

Schlittenhunde, Vulkane

Dies alles war lehrreich und interessant, es wurde anschaulich und lebhaft dargeboten. Noch mehr berührt hat uns aber die Begegnung mit den Schlittenhunden, von denen es dort 144 aus verschiedenen Rassen gibt, vor allem sibirische Huskys und Musher. Wir wurden von den angeleinten Hunden jaulend und bellend begrüßt, sie rannten um ihre Hütten und sprangen wild umher. Ich hatte die Warnungen vor angeketteten Hofhunden im Kopf und war sehr überrascht, als uns Andrej, der Besitzer des Anwesens, ermunterte: „Geht doch mal da durch, die Hunde freuen sich darüber.“ Und so war es dann auch. Die Hunde warteten darauf, gestreichelt oder umarmt zu werden. Das führte bei den anderen zu noch wilderem Jaulen – aus Eifersucht und aus Angst, nicht auch beachtet zu werden. Die Rentiere im Gehege stürzten sich auf uns wegen der Futter-Körner, die wir zuvor in unsere Hände geschüttet bekommen hatten, die Hunde suchten nur den Kontakt und die Berührung! Sehr bewegend. Zu einer Ausfahrt mit einem Rennwagen wurden sechs Hunde eingespannt, die vor Begeisterung kaum zu bändigen waren und deren Gebelle das enttäuschte Gejaule derer übertönte, die nicht ausgewählt worden waren.

Das Besitzerehepaar Andrej und Nastia Semaschkin (sechs Kinder) nimmt mit großen Erfolgen an der Beringia, dem berühmten Hundeschlittenrennen teil. Es führt durch ganz Kamtschakta bis aufs Festland. Andrej gewann schon viermal den ersten Platz, Nastja einmal den dritten. Eines ihrer Kinder hatte auch ein Rennen gewonnen, aber den angebotenen Pokal abgelehnt, denn: „Wir haben schon genug zu Hause!“ Auch für die Hunde ist dies eine Herausforderung, die aber gierig und gern angenommen wird.  Die Beringia wird seit 1990 ausgetragen. Sie gehört zu den Bemühungen, die traditionelle Lebensweise und die eigenartige Kultur indigener Völkerschaften des nordöstlichen Russlands wiederzubeleben. (>http://www.snowdogskamchatka.com<  E-Mail: sled_dog_offiсe@mail.ru.)

Wir hatten bei der Reiseagentur „Vision of Kamtschatka“ ein achttägiges Touren-Paket mit Unterbringung in einem Hotel gebucht. Vor und nach der Tour mieteten wir Ferienwohnungen. Dabei machten wir die uns schon bekannte Erfahrung: Plattenbau, ungepflegte Fassade, abgewohnter Hausflur, aber hinter der (eisernen) Wohnungstür saubere, modern eingerichtete Räume. Beide Vermieterinnen sagten uns, dass wir Wasser aus der Leitung trinken können, das saubere Wasser sei der Stolz der Menschen hier. Auch bei den Touren kamen wir an Bächen mit trinkbarem Wasser vorbei. Die Luft ist rein, weil es außer einer Fischverarbeitungsfabrik keine Industrie gibt. Strom wird in Thermalwärme-Kraftwerken erzeugt. Luftverschmutzer sind der Autoverkehr, der in den letzten Jahren stark zugenommen hat und die Vulkane, die Gase und Staub ausstoßen. Kamtschatka liegt am „Pazifischen Feuerring“. Dort schiebt sich die Pazifische Erdplatte unter die Eurasische Kontinentalplatte, was zur Entstehung der vielen Vulkane führte und noch führt. In der Region gibt es 130 Vulkane, von denen 29 aktiv sind.

Drei unserer Touren führten in Vulkangebiete. Sie begannen immer mit langen Anfahrten, einmal mit einem Mitsubishi Pajero, zweimal mit umgebauten Allradantrieb-Militär-LKWs, auf deren Ladefläche eine Personenkabine montiert war, in der wir schon auf den Straßen und dann vor allem auf den Stein- und Schneepisten kräftig durchgeschüttelt wurden.

Umgebauter LKW mit Allradantrieb, Rast in Flussbett

Das feuchte und wechselhafte Wetter ist ein weiteres Merkmal Kamtschatkas. Der nahe, kalte Ozean und die hohen Berge führen zu raschen Wechseln und schwieriger Vorhersagbarkeit. Innerhalb von wenigen Minuten kann der Nebel verschwinden und blauem Himmel mit Sonnenschein Platz machen – was wir erfreut erlebten – oder er bleibt trotz anderslautender Vorhersage hängen – was wir ebenfalls erfahren mussten.

Start bei Nebel zur Wanderung auf den Aussichtsberg „Kamel“

Die Wanderung auf dem Plateau zwischen den Vulkanen Awatschinski und Korjakski begann an einer „Turbasa“ (Hütte) bei Nebel auf Sandwegen. Gerade als wir auf ein Schneefeld wechselten, kam die Sonne hervor und der Aufstieg auf den kleinen Aussichtsberg „Kamel“ (Верблюд) zwischen den Vulkanen wurde zu einer Genusswanderung.

Am Ziel Sonne! Der Vulkan Korjarski vom „Kamel“ (Верблюд) aus gesehen.

Eine unserer Mitwanderenden konnte das Tempo nicht mithalten, die Gruppe wartete immer wieder geduldig und auch die Frau selbst zeigte keinen Stress. Sie folgte der Gruppe langsam und vergnügt bis zum Gipfel. Auf dem Rückweg gab es in der Turbasa ein Mittagessen: Salat, Gemüsesuppe, Lachssteak mit Reis, Tee und Gebäck als Nachtisch. In dem Raum merkte man sofort, dass er nach der Erfindung von Plastik möbliert wurde. Stühle, Geschirr und Tischdecken waren aus diesem Material, das Ambiente nicht mit der Gemütlichkeit unserer Alpenhütten zu vergleichen. Aber das Essen war gut, Wodka gehörte dazu!

In der Turbasa

Pech mit dem Wetter hatten wir bei der Wanderung auf dem Plateau zwischen den Vulkanen Wiljutschinski und Goreli. Hier begleiteten uns Nebel und Regen von der Abfahrt in der Stadt bis zum Ziel in 850 m Höhe nach ca. 110 km Fahrt. Wir liefen über Schneefelder oder über Tundra-Boden, ohne von den Gipfeln irgendetwas zu sehen. Vitali, unser Reiseführer zeigte uns mitleidig auf dem Handy, was uns hier entging. Das Laufen auf dem angetauten Boden war manchmal schwierig, oben waren zwei Zentimeter weich und darunter war es noch hart gefroren. Besser ging man auf den Schneefeldern. Wir fanden Fährten von einem Vielfraß (Wolverine, росомаха) und dessen Jungen. Diese Raubtiere seien hier relativ häufig.

Unser Ziel, der Wasserfall „Veronikas Haare“, war mehr zu hören als zu sehen. In unserem Auto gab es nach der feuchten Nebelwanderung ein romantisches Mittagessen: Salat, Suppe, Lachs mit Reis und Nachtisch, auch hier fehlte der Wodka nicht.

Vor dem Wasserfall „Veronikas Haare“

Eine dritte Vulkan-Wanderung machten wir mit der Reiseagentur „Kamtschatka Wildtours“. Unser Ziel war der Krater des Кoselski Vulkans.

Ski-Lager, Rechts die Skipiste

Nach der Anfahrt war Startpunkt wieder eine Turbasa, diesmal ein Basislager für Skifahrer. Es bestand aus einer Hütte und mehreren ausgedienten Militär-LKWs mit Aufbauten, in denen Doppelstockbetten standen. Direkt daneben ein langes Schneefeld, auf dem sich Skifahrer tummelten, wie wir hörten, Leistungssportler und eine Schülergruppe. Typisch russisch waren die „Aufstiegshilfen“. Sehr einfach und billig, aber funktionierend: Ein Stahlseil im Schnee liegend, ohne Stützen, ohne Bügel, eine Rolle unten mit Dieselantrieb und eine oben am Berg. Der Skifahrer klemmt einen Bügel mit einem Haken an das Seil und wird hochgeschleppt. Oben wird der Bügel gelöst und von ihm oder anderen gesammelt wieder hinunter transportiert.

Diesmal lagen im Tal über der Stadt niedrig hängende Wolken und hoch über den Gipfeln eine zweite dünne Wolkenschicht. Die ungewöhnliche Beleuchtung bescherte eigenartige Ausblicke auf die schwarzbraunen Lava-Felder mit Schnee-Streifen und den unter uns liegenden Wolken.

Bald am Ziel

Wir hatten Gelegenheit, diese Aussicht oft und lange zu genießen, weil wir bei dem sehr mühsamen Anstieg in der leichten Bimsstein-Schlacke immer wieder Pausen einlegen mussten. Bei jedem Schritt sanken wir knöcheltief ein und rutschten ein Stück zurück. Obwohl wir die Fußstapfen unserer drei Wanderführer benutzten, war das sehr anstrengend.  Leichter ging es, wenn wir über Schneefelder aufsteigen konnten. Erschöpft erreichten wir wenigstens den unteren Rand des schon lange erloschenen Vulkans. In dieser Höhe gab es nur Schlacken und Schnee und kühlen Wind und dennoch überraschend viele Mücken. Ausgerechnet heute hatten wir unseren Antibrumm Forte im Auto gelassen – zur Gewichtserleichterung. Der Abstieg in der tiefen Lava-Asche war danach ein Kinderspiel, hier rutschte die Schlacke in die richtige Richtung und es ging flott abwärts.

Zum Abschluss gab es unterhalb der Turbasa auf einem dichtbewachsenen Lava-Feld ein Picknick, in dieser stillen Landschaft ein besonderes Erlebnis. Die von unseren Führern frisch gegrillten Schaschliks wurden direkt von den Spießen gegessen und schmeckten nach der anstrengenden Wanderung zusammen mit dem (zu viel) angebotenen Wodka sehr gut.

Von den heißen Quellen Kamtschatkas gehörten drei mit unterschiedlicher Qualität zu unserem Reiseprogramm. In Selenewski Oserki (sehr einfach) und in Paratunka (gepflegt) badeten wir in warmem bis heißem Wasser in Becken. Dort gab es Häuser mit Umkleiden und Kioske, aber keine Cafés oder Restaurants, in denen man sich nach den Badefreuden hätte ausruhen können.

Dampfende Tümpel in Malki

In Malki waren es mehrere naturbelassene Tümpel, in deren kniehohem Wasser mit unterschiedlichen Temperaturen man sich tummeln konnte oder die man besser mied, wie eine kleine schmerzhaft heiße Quelle neben einem reißenden Flüsschen. Der angrenzende große Zeltplatz war nur wenig belegt, wir konnten in Ruhe baden. Auch hier keine Einkehrmöglichkeit. Da bleibt nichts anderes übrig als zurück in die Stadt (120 km) zu fahren, mit zwei Stunden wieder viel Aufwand für ein kurzes, wenn auch ungewöhnliches Vergnügen!

Kurz waren dagegen die Wege zu Schiffsrundfahrten in der Awatschinski Bucht und auf dem Stillen Ozean. Eine vierstündige Fahrt gehörte zum Tour- Programm, eine ganztägige zur Russischen Bucht buchten wir selbst. Bei beiden Touren war die Luft kalt und wer die Mahnung von Vitali befolgt hatte, sich warm anzuziehen, war gut beraten.

 Die Awatschinski Bucht mit den „Drei Brüdern“, hinten der Wiljutschinski Vulkan

Die von den Amerikanern seit 1952 so genannte „Russische Bucht“, die bis dahin Ahomten Bucht hieß, ein itelmenischer Name. Im 2. Weltkrieg wurden hier die Lieferungen aus Amerika und Kanada (Nahrungsmittel und strategische Güter) auf andere Schiffe zur Fahrt nach Wladiwostok umgeladen.

Bei der Fahrt zur Russischen Bucht zeigte der Bordcomputer beim Ablegen morgens um acht im Nebel 11,8° Lufttemperatur, nachmittags bei strahlender Sonne und abends bei Rückkehr waren es 12,4°. Das Schiff, die Orca, hatte einen offenen, nur mit einem Zelt überdachten Steuerraum, in dem der Kapitän in einer dick gefütterten Plastikjacke dem kalten Wind trotzte und das Schiff durch den Nebel lenkte. Die Besatzung bot uns ebenfalls solche winddichten Jacken an. In der Stadt war es den ganzen Tag über angenehm warm gewesen.

Morgens: Nebel. Fahrgäste und Kapitän, warm gekleidet

Mittags wichen Nebel und Wolken schlagartig, plötzlich sahen wir den Ozean bis zum Horizont und die imponierende Bergwelt an Land. Beeindruckend die steilen Felsufer und die ungewöhnlichen Felsen, die vielen, von Vogelscharen bewohnten Inseln, Seehunde, die ihre Köpfe neugierig aus dem Wasser streckten oder in Scharen lärmend auf flachen Steinen lagerten.

Mittags: Sonne. Felsen, Seehunde, blaues Meer am Steilufer des Pazifik

Angeln war bei beiden Schiffstouren ein wichtiger Teil des Programms. Die Fische bissen rasch an, und der Erfolg war einkalkuliert, denn der Fang wurde umgehend als Fischsuppe und, besonders köstlich, gebraten zubereitet. Die Krebse holte ein Taucher vom Meeresgrund.  Für die nicht seekranken Mitfahrenden, zu denen wir glücklicherweise gehörten, war dies alles auf den heftig schaukelnden Schiffen ein Vergnügen.

Der Taucher zeigt stolz den Fang

Vor dem Mahl: Fotos

Rose hat zwei Hubschrauber-Ausflüge sehr genossen. Hier ihr Bericht:

Der erste Ausflug führte zum Kronotski Naturreservat. Dieses liegt etwa 180 Kilometer nordöstlich von Petropawlowsk-Kamtschatski und ist mit dem Hubschrauber in 70 Minuten zu erreichen. Mit seinen aktiven und erloschenen Vulkanen, Fumarolen (kleine vulkanische Dämpfe), und Geysiren ist es das Juwel unter den Schutzgebieten Kamtschatkas. Seit 1984 ist das Gebiet ein Biosphärenreservat der UNESCO. Die Fläche beträgt 10000 Quadratkilometer, das entspricht einem Drittel von Baden-Württemberg. Laut Naturschutzgesetz ist Tourismus ausdrücklich nicht erwünscht, nur in einigen Gebieten darf mit Sondergenehmigung gewandert werden. Doch gibt es eine begrenzte Zahl von Helikopterflügen.

 

Man hatte uns gewarnt: Es könne lange Wartezeiten geben, bis der Nebel weicht. Geflogen wird nur wenn die Sicht, nicht nur in Nikolaewka, unserem Hubschrauber-Flugplatz bei Petropawlowsk, sondern auch unterwegs und im Tal der Geysire gut ist. Aber wir hatten Glück. Kaum am Flugplatz angekommen, bekamen wir auch schon unsere Teilnehmerplakette und wurden zu einem Hubschrauber geführt, der innen wie Militärhubschrauber aussah: Man saß mit dem Rücken zu den Bullaugenfenstern. Unsere Flugbegleiterin, die uns auch den ganzen Tag führte, eine kompetente junge Frau, händigte die Ohrenschützer aus und erklärte die Ziele: Das Tal der Geysire, die Uzon-Caldera, der Nalycheva-Naturpark. Doch zunächst einmal der Flug, den man so zusammenfassen kann: eine unbequeme Sitz-Situation aber spektakuläre Ausblicke über grüne Täler, Schneefelder, vorbei an den erloschenen und aktiven Vulkanen mit ihren Fumarolen.

Unser erster Landeplatz war im „Tal der Geysire“. Dort bewegt man sich nur auf Holzstegen und nur mit bewaffneten Inspektoren, um die Natur vor Menschen und die Menschen vor Bären zu schützen. Hier leben etwa 600 Braunbären.

Das sechs Kilometer lange Tal, das erst 1941 von der Wissenschaftlerin Tatjana Ustinova entdeckt wurde, weist 90 Geysire auf und ist somit eines der weltweit größten Gebiete heißer Quellen. Hier zischt und brodelt es überall, 35 – 100 ° heißes Wasser schießt minutenlang bis in Höhen von 25 Metern. Besonders beeindruckend ist der Geysir „Velikan“ (Riese), der zuverlässig alle 60 Minuten ausbricht.

Unser zweiter Landeplatz war die neun mal zwölf Kilometer große Uzon-Caldera, die sich vor 40 000 Jahren durch mehrere gewaltige Explosionen bildete. Eine Caldera entsteht, wenn die Flanken des Vulkankegels wegbrechen und der Vulkankegel in die Tiefe sinkt.

  

Wieder wurden wir durch Inspektoren auf Holzstegen geführt, denn an einigen Stellen ist die Erdkruste gefährlich dünn, die Erde heiß und das Wasser nicht nur manchmal kochend, sondern auch schwefelhaltig. Auch hier gibt es viele Bären. 

 

Unsere dritte Landung war im Naturpark „Nalychewa“, wo wir in natürlichen Thermalquellen bei 40° warmem Wasser badeten. Nach dem Bad hatte man eine lange Tafel auf der grünen Wiese für uns gedeckt. Es gab wie immer auf Kamtschatka Lachs.

Der Heimflug bot wieder großartige Ausblicke, wie dieses Beispiel zeigt.

 Erfüllt von diesen einmaligen Natureindrücken konnte ich der Verlockung nicht widerstehen, ein paar Tage später noch einen Hubschrauber-Ausflug zu machen.

Diesmal ging es 90 Minuten nach Süden, zum Kurilensee. Erfahren, wie ich jetzt schon war, ergatterte ich den Sitz neben dem Einstieg. Dort kann man eine Vierteldrehung zur Tür hin machen und dann in Fahrtrichtung sitzen, wobei man eine freie Sicht durch die Tür hat. Ein ganz anderes Flugerlebnis!

 

Das Juschno-Kamtschatski-Naturreservat, in dem der Kurilensee gelegen ist, wurde bereits 1882 vom Zaren eingerichtet, um die wertvollen Zobelbestände zu erhalten. Der Kurilensee füllt einen vor etwa 8400 Jahren eingebrochenen Krater aus. Er ist für seinen Reichtum an Lachsen bekannt. In dem klaren und kalten Wasser laichen die Lachse, die von März bis September vom Ochotskischen Meer hochwandern. Es gibt eine Lachszählstation, an der jährlich bis zu fünf Millionen Fische gezählt werden. Dies wissen auch die Seeadler und die etwa 200 Bären, die hier auf die Lachse warten und sich ihren Winterspeck anfressen. Würden wir welche zu sehen bekommen? Dies war die Frage, die alle in unserer 20köpfigen Gruppe umtrieb. Zunächst einmal wurden wir mit einem kleinen Motorboot über den malerischen See gefahren.

Und da waren auch schon die ersten: eine Bärenmama mit ihren zwei Kleinen! Unser Bootsmann schaltete den Motor ab, wir fuhren bis auf zwanzig Meter ans Ufer heran. Die Bären ließen sich durch uns nicht stören.

 

Auch auf dem Rückweg kamen wir an einem weiteren Prachtexemplar vorbei. Und dann zurück am Landesteg sahen wir noch einen Bären, der am Strand schlief – vermeintlich! Denn plötzlich sprang er auf und fing einen Lachs, den er aufrecht im Wasser sitzend in beiden Pratzen hielt und wie eine Banane fraß.

Wen schützt der elektrisch geladene Zaun – die Menschen oder die Bären? Dieses Meisterfoto gelang leider nicht mir, sondern einem Mitglied unserer Reisegruppe, der vier Tage früher hier war

Von unserer Führerin erfuhren wir interessante Details aus dem Bärenleben. Zum Beispiel, dass Bärinnen ihre Jungen während ihres Winterschlafs gebären. Die Neugeborenen wiegen nur ca. 400 Gramm, durch Winseln machen sie die Mutter auf sich aufmerksam. Deren Muttermilch ist so fetthaltig, dass die Bärchen innerhalb von vier Wochen auf drei bis vier Kilo heranwachsen. Noch eine interessante Information: Nach dem Winterschlaf fressen die hungrigen Bären die ganzen Lachse. Wenn sie satt sind, im August, nur noch ihren Kaviar.

Hochzufrieden stiegen wir nach eineinhalb Stunden wieder in den Hubschrauber und flogen zu unserem nächsten Ziel: der Caldera des Vulkans Ksudatsch. Das Wasser hatte wieder 40 Grad und es war eine Wonne, auf dem warmen Lavastrand zu liegen. Doch baden durften wir erst am nächsten Ziel, in den heißen Quellen am Fuße des Vulkans Chodutka. Nach dem Baden wartete wieder ein gedeckter Tisch im Freien auf uns und auch diesmal gab es natürlich – Lachs!

 

Noch einige allgemeine Erfahrungen dieser Reise.

Die achttägige Tour mit dem Reiseunternehmen „Vision of Kamtschatka“ hat sich bewährt, Organisation und Durchführung unserer Unternehmungen klappten gut und pünktlich. Untergebracht waren wir im Awatscha-Hotel (Авача), das enge Zimmer hatte, die großen Betten ließen nur schmale Gänge. Frühstück und Küche waren gut, das Personal freundlich und hilfsbereit. Vitali, unser Reiseführer,  sprach englisch, (was eine Ausnahme ist, ohne Russischkenntnisse ist eine Reise dorthin schwierig). Ob wir den 10%igen Rabatt auf unsere Zertifikate Nr. 788 und 789 bei der nächsten Buchung nutzen werden, lassen wir getrost offen, zumal sie 72 Jahre gültig sind.

Eine andere Möglichkeit auf Kamtschatka ist es, Ferienwohnungen zu mieten, die viel billiger als Hotels sind und Ausflüge und Wanderungen bei einem der vielen kleinen Touristenbüros zu buchen. Wir machten gute Erfahrungen mit der neugegründeten Agentur „Kamtschatka Wildtours“. Die jungen Leute gingen flexibel auf unsere Wünsche ein.