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Kamtschatka

Die Halbinsel Kamtschatka erstreckt sich im Nordosten Sibiriens über 1600 km Länge vom 51. nördlichen Breitengrad (entspricht etwa Jena mit 50,9° oder Erfurt) bis zum 62. (entspricht Trondheim in Norwegen). Im Osten liegt der Stille Ozean, im Westen das Ochotskische Meer und Sibirien. Vom russischen Festland aus gibt es keine Straßen oder Bahnen, Kamtschatka ist daher für Reisende nur mit dem Flugzeug oder dem Schiff zu erreichen. Zu der vor zehn Jahren gegründeten Region Kamtschatka (Край Камчатка) gehören noch Teile des Festlandes, diese Region ist so groß wie Deutschland und Österreich zusammen. In ihr lebten 2016 etwas über 316000 Menschen.

Здесь начинаетса Россия – Hier beginnt Russland. Berlin 7846 km, Sotschi 7809 km

 

Petropawlowsk-Kamtschatski, die Hauptstadt der Region Kamtschatka ist aus einer 1740 an der Awatschinski-Bucht errichteten Siedlung hervorgegangen. Es hatte bis zum Beginn des 20. Jh. nur wenige Hundert Einwohner. In der Sowjetzeit wurde die Halbinsel zum militärischen Sperrgebiet erklärt und in der Bucht ein großer Hafen für die sowjetische Pazifikflotte gebaut. 1990 lebten etwa 300000 Menschen in Petropawlowsk, die Einwohnerzahl nimmt seitdem ab und betrug 2016 nur noch 180000. In der Stadt überwiegen Plattenbauten mit hässlichen Fassaden. Es ist eine Stadt zum Essen, Schlafen und Wegfahren, nämlich in die wilde Natur der Umgebung. Dies sagte einer unserer Reiseführer. Er lobte die deutsche Hilfe bei der Verbesserung des Naturschutzes und bei der Einrichtung von Reservaten.

Die Sommersaison auf Kamtschatka ist kurz, zehn bis zwölf Wochen bleibt es in Petropawlowsk und in den tieferen Lagen schneefrei. Mensch und Natur müssen diese kurze Zeit nutzen. Dies merkte man an den Hotelpreisen, den Baustellen in der Stadt und an den vielen Festen. Wir kamen am 1. Juli gerade zur Feier des 10jährigen Bestehens der Region Kamtschatka zurecht. Auf einer großen Bühne am Leninplatz an der Leninstraße vor dem monumentalen Lenin-Denkmal unterhielten Sänger, Chöre und Tanzgruppen ein zahlreiches Publikum. Eine indigene Trachtengruppe zeigte alte Tänze. Frauen ahmten mit schrillen Schreien Seevögel nach – sehr ungewöhnlich, Männer tanzten wild mit großen ledernen Handtrommeln. Der Festplatz liegt an der 20 km breiten Awatschinski-Bucht, bei klarem Wetter kann man von dort den Wiljutschinski Vulkan am gegenüberliegenden Ufer bewundern.

Auf der Bühne traditioneller Tanz mit ledernen Trommeln, hinter der Bühne Lenin, hinter Lenin Gasprom

Auch die Natur beeilt sich, die kurze Saison zu nutzen: wo vor fünf Wochen noch Schnee lag, ist jetzt ein dichtes Grün von Sträuchern und Gräsern mit vielen Blumen. In den Wäldern überwiegen die Erle und die Steinbirke (Betula Ermani), letztere ist zum Baum Kamtschatkas gewählt worden.

Wir konnten die üppige Natur gleich am ersten Tag bewundern, denn wir folgten der Empfehlung unserer Vermieterin Olga, eine Ethnoschau zu besuchen. Dahin fuhren wir mit einem Jeep durch Wald mit wucherndem Bodenbewuchs bis wir ein großes Gelände erreichten, auf dem Schlittenhunde und Rentiere gezüchtet werden.

Dort führte uns eine junge Frau aus dem Volk der Korjaken zunächst in das Leben der indigenen Völker Kamtschatkas ein, von denen es noch Itelmenen, Tschuktschen, Evenen, Ainu und Aleuten gibt, Völker mit nur noch wenigen Angehörigen, die versuchen, ihre alte Lebensweise trotz der notwendigen Modernisierung zu erhalten und zu pflegen. Es folgten Führungen zu den Schlittenhunden und in ein Rentiergehege. Zum Abschluss gab es ein Abendessen in einer modernen Jurte aus Holz.

Schlittenhunde, Vulkane

Dies alles war lehrreich und interessant, es wurde anschaulich und lebhaft dargeboten. Noch mehr berührt hat uns aber die Begegnung mit den Schlittenhunden, von denen es dort 144 aus verschiedenen Rassen gibt, vor allem sibirische Huskys und Musher. Wir wurden von den angeleinten Hunden jaulend und bellend begrüßt, sie rannten um ihre Hütten und sprangen wild umher. Ich hatte die Warnungen vor angeketteten Hofhunden im Kopf und war sehr überrascht, als uns Andrej, der Besitzer des Anwesens, ermunterte: „Geht doch mal da durch, die Hunde freuen sich darüber.“ Und so war es dann auch. Die Hunde warteten darauf, gestreichelt oder umarmt zu werden. Das führte bei den anderen zu noch wilderem Jaulen – aus Eifersucht und aus Angst, nicht auch beachtet zu werden. Die Rentiere im Gehege stürzten sich auf uns wegen der Futter-Körner, die wir zuvor in unsere Hände geschüttet bekommen hatten, die Hunde suchten nur den Kontakt und die Berührung! Sehr bewegend. Zu einer Ausfahrt mit einem Rennwagen wurden sechs Hunde eingespannt, die vor Begeisterung kaum zu bändigen waren und deren Gebelle das enttäuschte Gejaule derer übertönte, die nicht ausgewählt worden waren.

Das Besitzerehepaar Andrej und Nastia Semaschkin (sechs Kinder) nimmt mit großen Erfolgen an der Beringia, dem berühmten Hundeschlittenrennen teil. Es führt durch ganz Kamtschakta bis aufs Festland. Andrej gewann schon viermal den ersten Platz, Nastja einmal den dritten. Eines ihrer Kinder hatte auch ein Rennen gewonnen, aber den angebotenen Pokal abgelehnt, denn: „Wir haben schon genug zu Hause!“ Auch für die Hunde ist dies eine Herausforderung, die aber gierig und gern angenommen wird.  Die Beringia wird seit 1990 ausgetragen. Sie gehört zu den Bemühungen, die traditionelle Lebensweise und die eigenartige Kultur indigener Völkerschaften des nordöstlichen Russlands wiederzubeleben. (>http://www.snowdogskamchatka.com<  E-Mail: sled_dog_offiсe@mail.ru.)

Wir hatten bei der Reiseagentur „Vision of Kamtschatka“ ein achttägiges Touren-Paket mit Unterbringung in einem Hotel gebucht. Vor und nach der Tour mieteten wir Ferienwohnungen. Dabei machten wir die uns schon bekannte Erfahrung: Plattenbau, ungepflegte Fassade, abgewohnter Hausflur, aber hinter der (eisernen) Wohnungstür saubere, modern eingerichtete Räume. Beide Vermieterinnen sagten uns, dass wir Wasser aus der Leitung trinken können, das saubere Wasser sei der Stolz der Menschen hier. Auch bei den Touren kamen wir an Bächen mit trinkbarem Wasser vorbei. Die Luft ist rein, weil es außer einer Fischverarbeitungsfabrik keine Industrie gibt. Strom wird in Thermalwärme-Kraftwerken erzeugt. Luftverschmutzer sind der Autoverkehr, der in den letzten Jahren stark zugenommen hat und die Vulkane, die Gase und Staub ausstoßen. Kamtschatka liegt am „Pazifischen Feuerring“. Dort schiebt sich die Pazifische Erdplatte unter die Eurasische Kontinentalplatte, was zur Entstehung der vielen Vulkane führte und noch führt. In der Region gibt es 130 Vulkane, von denen 29 aktiv sind.

Drei unserer Touren führten in Vulkangebiete. Sie begannen immer mit langen Anfahrten, einmal mit einem Mitsubishi Pajero, zweimal mit umgebauten Allradantrieb-Militär-LKWs, auf deren Ladefläche eine Personenkabine montiert war, in der wir schon auf den Straßen und dann vor allem auf den Stein- und Schneepisten kräftig durchgeschüttelt wurden.

Umgebauter LKW mit Allradantrieb, Rast in Flussbett

Das feuchte und wechselhafte Wetter ist ein weiteres Merkmal Kamtschatkas. Der nahe, kalte Ozean und die hohen Berge führen zu raschen Wechseln und schwieriger Vorhersagbarkeit. Innerhalb von wenigen Minuten kann der Nebel verschwinden und blauem Himmel mit Sonnenschein Platz machen – was wir erfreut erlebten – oder er bleibt trotz anderslautender Vorhersage hängen – was wir ebenfalls erfahren mussten.

Start bei Nebel zur Wanderung auf den Aussichtsberg „Kamel“

Die Wanderung auf dem Plateau zwischen den Vulkanen Awatschinski und Korjakski begann an einer „Turbasa“ (Hütte) bei Nebel auf Sandwegen. Gerade als wir auf ein Schneefeld wechselten, kam die Sonne hervor und der Aufstieg auf den kleinen Aussichtsberg „Kamel“ (Верблюд) zwischen den Vulkanen wurde zu einer Genusswanderung.

Am Ziel Sonne! Der Vulkan Korjarski vom „Kamel“ (Верблюд) aus gesehen.

Eine unserer Mitwanderenden konnte das Tempo nicht mithalten, die Gruppe wartete immer wieder geduldig und auch die Frau selbst zeigte keinen Stress. Sie folgte der Gruppe langsam und vergnügt bis zum Gipfel. Auf dem Rückweg gab es in der Turbasa ein Mittagessen: Salat, Gemüsesuppe, Lachssteak mit Reis, Tee und Gebäck als Nachtisch. In dem Raum merkte man sofort, dass er nach der Erfindung von Plastik möbliert wurde. Stühle, Geschirr und Tischdecken waren aus diesem Material, das Ambiente nicht mit der Gemütlichkeit unserer Alpenhütten zu vergleichen. Aber das Essen war gut, Wodka gehörte dazu!

In der Turbasa

Pech mit dem Wetter hatten wir bei der Wanderung auf dem Plateau zwischen den Vulkanen Wiljutschinski und Goreli. Hier begleiteten uns Nebel und Regen von der Abfahrt in der Stadt bis zum Ziel in 850 m Höhe nach ca. 110 km Fahrt. Wir liefen über Schneefelder oder über Tundra-Boden, ohne von den Gipfeln irgendetwas zu sehen. Vitali, unser Reiseführer zeigte uns mitleidig auf dem Handy, was uns hier entging. Das Laufen auf dem angetauten Boden war manchmal schwierig, oben waren zwei Zentimeter weich und darunter war es noch hart gefroren. Besser ging man auf den Schneefeldern. Wir fanden Fährten von einem Vielfraß (Wolverine, росомаха) und dessen Jungen. Diese Raubtiere seien hier relativ häufig.

Unser Ziel, der Wasserfall „Veronikas Haare“, war mehr zu hören als zu sehen. In unserem Auto gab es nach der feuchten Nebelwanderung ein romantisches Mittagessen: Salat, Suppe, Lachs mit Reis und Nachtisch, auch hier fehlte der Wodka nicht.

Vor dem Wasserfall „Veronikas Haare“

Eine dritte Vulkan-Wanderung machten wir mit der Reiseagentur „Kamtschatka Wildtours“. Unser Ziel war der Krater des Кoselski Vulkans.

Ski-Lager, Rechts die Skipiste

Nach der Anfahrt war Startpunkt wieder eine Turbasa, diesmal ein Basislager für Skifahrer. Es bestand aus einer Hütte und mehreren ausgedienten Militär-LKWs mit Aufbauten, in denen Doppelstockbetten standen. Direkt daneben ein langes Schneefeld, auf dem sich Skifahrer tummelten, wie wir hörten, Leistungssportler und eine Schülergruppe. Typisch russisch waren die „Aufstiegshilfen“. Sehr einfach und billig, aber funktionierend: Ein Stahlseil im Schnee liegend, ohne Stützen, ohne Bügel, eine Rolle unten mit Dieselantrieb und eine oben am Berg. Der Skifahrer klemmt einen Bügel mit einem Haken an das Seil und wird hochgeschleppt. Oben wird der Bügel gelöst und von ihm oder anderen gesammelt wieder hinunter transportiert.

Diesmal lagen im Tal über der Stadt niedrig hängende Wolken und hoch über den Gipfeln eine zweite dünne Wolkenschicht. Die ungewöhnliche Beleuchtung bescherte eigenartige Ausblicke auf die schwarzbraunen Lava-Felder mit Schnee-Streifen und den unter uns liegenden Wolken.

Bald am Ziel

Wir hatten Gelegenheit, diese Aussicht oft und lange zu genießen, weil wir bei dem sehr mühsamen Anstieg in der leichten Bimsstein-Schlacke immer wieder Pausen einlegen mussten. Bei jedem Schritt sanken wir knöcheltief ein und rutschten ein Stück zurück. Obwohl wir die Fußstapfen unserer drei Wanderführer benutzten, war das sehr anstrengend.  Leichter ging es, wenn wir über Schneefelder aufsteigen konnten. Erschöpft erreichten wir wenigstens den unteren Rand des schon lange erloschenen Vulkans. In dieser Höhe gab es nur Schlacken und Schnee und kühlen Wind und dennoch überraschend viele Mücken. Ausgerechnet heute hatten wir unseren Antibrumm Forte im Auto gelassen – zur Gewichtserleichterung. Der Abstieg in der tiefen Lava-Asche war danach ein Kinderspiel, hier rutschte die Schlacke in die richtige Richtung und es ging flott abwärts.

Zum Abschluss gab es unterhalb der Turbasa auf einem dichtbewachsenen Lava-Feld ein Picknick, in dieser stillen Landschaft ein besonderes Erlebnis. Die von unseren Führern frisch gegrillten Schaschliks wurden direkt von den Spießen gegessen und schmeckten nach der anstrengenden Wanderung zusammen mit dem (zu viel) angebotenen Wodka sehr gut.

Von den heißen Quellen Kamtschatkas gehörten drei mit unterschiedlicher Qualität zu unserem Reiseprogramm. In Selenewski Oserki (sehr einfach) und in Paratunka (gepflegt) badeten wir in warmem bis heißem Wasser in Becken. Dort gab es Häuser mit Umkleiden und Kioske, aber keine Cafés oder Restaurants, in denen man sich nach den Badefreuden hätte ausruhen können.

Dampfende Tümpel in Malki

In Malki waren es mehrere naturbelassene Tümpel, in deren kniehohem Wasser mit unterschiedlichen Temperaturen man sich tummeln konnte oder die man besser mied, wie eine kleine schmerzhaft heiße Quelle neben einem reißenden Flüsschen. Der angrenzende große Zeltplatz war nur wenig belegt, wir konnten in Ruhe baden. Auch hier keine Einkehrmöglichkeit. Da bleibt nichts anderes übrig als zurück in die Stadt (120 km) zu fahren, mit zwei Stunden wieder viel Aufwand für ein kurzes, wenn auch ungewöhnliches Vergnügen!

Kurz waren dagegen die Wege zu Schiffsrundfahrten in der Awatschinski Bucht und auf dem Stillen Ozean. Eine vierstündige Fahrt gehörte zum Tour- Programm, eine ganztägige zur Russischen Bucht buchten wir selbst. Bei beiden Touren war die Luft kalt und wer die Mahnung von Vitali befolgt hatte, sich warm anzuziehen, war gut beraten.

 Die Awatschinski Bucht mit den „Drei Brüdern“, hinten der Wiljutschinski Vulkan

Die von den Amerikanern seit 1952 so genannte „Russische Bucht“, die bis dahin Ahomten Bucht hieß, ein itelmenischer Name. Im 2. Weltkrieg wurden hier die Lieferungen aus Amerika und Kanada (Nahrungsmittel und strategische Güter) auf andere Schiffe zur Fahrt nach Wladiwostok umgeladen.

Bei der Fahrt zur Russischen Bucht zeigte der Bordcomputer beim Ablegen morgens um acht im Nebel 11,8° Lufttemperatur, nachmittags bei strahlender Sonne und abends bei Rückkehr waren es 12,4°. Das Schiff, die Orca, hatte einen offenen, nur mit einem Zelt überdachten Steuerraum, in dem der Kapitän in einer dick gefütterten Plastikjacke dem kalten Wind trotzte und das Schiff durch den Nebel lenkte. Die Besatzung bot uns ebenfalls solche winddichten Jacken an. In der Stadt war es den ganzen Tag über angenehm warm gewesen.

Morgens: Nebel. Fahrgäste und Kapitän, warm gekleidet

Mittags wichen Nebel und Wolken schlagartig, plötzlich sahen wir den Ozean bis zum Horizont und die imponierende Bergwelt an Land. Beeindruckend die steilen Felsufer und die ungewöhnlichen Felsen, die vielen, von Vogelscharen bewohnten Inseln, Seehunde, die ihre Köpfe neugierig aus dem Wasser streckten oder in Scharen lärmend auf flachen Steinen lagerten.

Mittags: Sonne. Felsen, Seehunde, blaues Meer am Steilufer des Pazifik

Angeln war bei beiden Schiffstouren ein wichtiger Teil des Programms. Die Fische bissen rasch an, und der Erfolg war einkalkuliert, denn der Fang wurde umgehend als Fischsuppe und, besonders köstlich, gebraten zubereitet. Die Krebse holte ein Taucher vom Meeresgrund.  Für die nicht seekranken Mitfahrenden, zu denen wir glücklicherweise gehörten, war dies alles auf den heftig schaukelnden Schiffen ein Vergnügen.

Der Taucher zeigt stolz den Fang

Vor dem Mahl: Fotos

Rose hat zwei Hubschrauber-Ausflüge sehr genossen. Hier ihr Bericht:

Der erste Ausflug führte zum Kronotski Naturreservat. Dieses liegt etwa 180 Kilometer nordöstlich von Petropawlowsk-Kamtschatski und ist mit dem Hubschrauber in 70 Minuten zu erreichen. Mit seinen aktiven und erloschenen Vulkanen, Fumarolen (kleine vulkanische Dämpfe), und Geysiren ist es das Juwel unter den Schutzgebieten Kamtschatkas. Seit 1984 ist das Gebiet ein Biosphärenreservat der UNESCO. Die Fläche beträgt 10000 Quadratkilometer, das entspricht einem Drittel von Baden-Württemberg. Laut Naturschutzgesetz ist Tourismus ausdrücklich nicht erwünscht, nur in einigen Gebieten darf mit Sondergenehmigung gewandert werden. Doch gibt es eine begrenzte Zahl von Helikopterflügen.

 

Man hatte uns gewarnt: Es könne lange Wartezeiten geben, bis der Nebel weicht. Geflogen wird nur wenn die Sicht, nicht nur in Nikolaewka, unserem Hubschrauber-Flugplatz bei Petropawlowsk, sondern auch unterwegs und im Tal der Geysire gut ist. Aber wir hatten Glück. Kaum am Flugplatz angekommen, bekamen wir auch schon unsere Teilnehmerplakette und wurden zu einem Hubschrauber geführt, der innen wie Militärhubschrauber aussah: Man saß mit dem Rücken zu den Bullaugenfenstern. Unsere Flugbegleiterin, die uns auch den ganzen Tag führte, eine kompetente junge Frau, händigte die Ohrenschützer aus und erklärte die Ziele: Das Tal der Geysire, die Uzon-Caldera, der Nalycheva-Naturpark. Doch zunächst einmal der Flug, den man so zusammenfassen kann: eine unbequeme Sitz-Situation aber spektakuläre Ausblicke über grüne Täler, Schneefelder, vorbei an den erloschenen und aktiven Vulkanen mit ihren Fumarolen.

Unser erster Landeplatz war im „Tal der Geysire“. Dort bewegt man sich nur auf Holzstegen und nur mit bewaffneten Inspektoren, um die Natur vor Menschen und die Menschen vor Bären zu schützen. Hier leben etwa 600 Braunbären.

Das sechs Kilometer lange Tal, das erst 1941 von der Wissenschaftlerin Tatjana Ustinova entdeckt wurde, weist 90 Geysire auf und ist somit eines der weltweit größten Gebiete heißer Quellen. Hier zischt und brodelt es überall, 35 – 100 ° heißes Wasser schießt minutenlang bis in Höhen von 25 Metern. Besonders beeindruckend ist der Geysir „Velikan“ (Riese), der zuverlässig alle 60 Minuten ausbricht.

Unser zweiter Landeplatz war die neun mal zwölf Kilometer große Uzon-Caldera, die sich vor 40 000 Jahren durch mehrere gewaltige Explosionen bildete. Eine Caldera entsteht, wenn die Flanken des Vulkankegels wegbrechen und der Vulkankegel in die Tiefe sinkt.

  

Wieder wurden wir durch Inspektoren auf Holzstegen geführt, denn an einigen Stellen ist die Erdkruste gefährlich dünn, die Erde heiß und das Wasser nicht nur manchmal kochend, sondern auch schwefelhaltig. Auch hier gibt es viele Bären. 

 

Unsere dritte Landung war im Naturpark „Nalychewa“, wo wir in natürlichen Thermalquellen bei 40° warmem Wasser badeten. Nach dem Bad hatte man eine lange Tafel auf der grünen Wiese für uns gedeckt. Es gab wie immer auf Kamtschatka Lachs.

Der Heimflug bot wieder großartige Ausblicke, wie dieses Beispiel zeigt.

 Erfüllt von diesen einmaligen Natureindrücken konnte ich der Verlockung nicht widerstehen, ein paar Tage später noch einen Hubschrauber-Ausflug zu machen.

Diesmal ging es 90 Minuten nach Süden, zum Kurilensee. Erfahren, wie ich jetzt schon war, ergatterte ich den Sitz neben dem Einstieg. Dort kann man eine Vierteldrehung zur Tür hin machen und dann in Fahrtrichtung sitzen, wobei man eine freie Sicht durch die Tür hat. Ein ganz anderes Flugerlebnis!

 

Das Juschno-Kamtschatski-Naturreservat, in dem der Kurilensee gelegen ist, wurde bereits 1882 vom Zaren eingerichtet, um die wertvollen Zobelbestände zu erhalten. Der Kurilensee füllt einen vor etwa 8400 Jahren eingebrochenen Krater aus. Er ist für seinen Reichtum an Lachsen bekannt. In dem klaren und kalten Wasser laichen die Lachse, die von März bis September vom Ochotskischen Meer hochwandern. Es gibt eine Lachszählstation, an der jährlich bis zu fünf Millionen Fische gezählt werden. Dies wissen auch die Seeadler und die etwa 200 Bären, die hier auf die Lachse warten und sich ihren Winterspeck anfressen. Würden wir welche zu sehen bekommen? Dies war die Frage, die alle in unserer 20köpfigen Gruppe umtrieb. Zunächst einmal wurden wir mit einem kleinen Motorboot über den malerischen See gefahren.

Und da waren auch schon die ersten: eine Bärenmama mit ihren zwei Kleinen! Unser Bootsmann schaltete den Motor ab, wir fuhren bis auf zwanzig Meter ans Ufer heran. Die Bären ließen sich durch uns nicht stören.

 

Auch auf dem Rückweg kamen wir an einem weiteren Prachtexemplar vorbei. Und dann zurück am Landesteg sahen wir noch einen Bären, der am Strand schlief – vermeintlich! Denn plötzlich sprang er auf und fing einen Lachs, den er aufrecht im Wasser sitzend in beiden Pratzen hielt und wie eine Banane fraß.

Wen schützt der elektrisch geladene Zaun – die Menschen oder die Bären? Dieses Meisterfoto gelang leider nicht mir, sondern einem Mitglied unserer Reisegruppe, der vier Tage früher hier war

Von unserer Führerin erfuhren wir interessante Details aus dem Bärenleben. Zum Beispiel, dass Bärinnen ihre Jungen während ihres Winterschlafs gebären. Die Neugeborenen wiegen nur ca. 400 Gramm, durch Winseln machen sie die Mutter auf sich aufmerksam. Deren Muttermilch ist so fetthaltig, dass die Bärchen innerhalb von vier Wochen auf drei bis vier Kilo heranwachsen. Noch eine interessante Information: Nach dem Winterschlaf fressen die hungrigen Bären die ganzen Lachse. Wenn sie satt sind, im August, nur noch ihren Kaviar.

Hochzufrieden stiegen wir nach eineinhalb Stunden wieder in den Hubschrauber und flogen zu unserem nächsten Ziel: der Caldera des Vulkans Ksudatsch. Das Wasser hatte wieder 40 Grad und es war eine Wonne, auf dem warmen Lavastrand zu liegen. Doch baden durften wir erst am nächsten Ziel, in den heißen Quellen am Fuße des Vulkans Chodutka. Nach dem Baden wartete wieder ein gedeckter Tisch im Freien auf uns und auch diesmal gab es natürlich – Lachs!

 

Noch einige allgemeine Erfahrungen dieser Reise.

Die achttägige Tour mit dem Reiseunternehmen „Vision of Kamtschatka“ hat sich bewährt, Organisation und Durchführung unserer Unternehmungen klappten gut und pünktlich. Untergebracht waren wir im Awatscha-Hotel (Авача), das enge Zimmer hatte, die großen Betten ließen nur schmale Gänge. Frühstück und Küche waren gut, das Personal freundlich und hilfsbereit. Vitali, unser Reiseführer,  sprach englisch, (was eine Ausnahme ist, ohne Russischkenntnisse ist eine Reise dorthin schwierig). Ob wir den 10%igen Rabatt auf unsere Zertifikate Nr. 788 und 789 bei der nächsten Buchung nutzen werden, lassen wir getrost offen, zumal sie 72 Jahre gültig sind.

Eine andere Möglichkeit auf Kamtschatka ist es, Ferienwohnungen zu mieten, die viel billiger als Hotels sind und Ausflüge und Wanderungen bei einem der vielen kleinen Touristenbüros zu buchen. Wir machten gute Erfahrungen mit der neugegründeten Agentur „Kamtschatka Wildtours“. Die jungen Leute gingen flexibel auf unsere Wünsche ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Drei Jahre Lehrerin am Gymnasium Nr.1 in Nischni Nowgorod


Nach drei Jahren Unterricht am Gymnasium Nr. 1 mit erweitertem Deutschunterricht in Nischni Nowgorod möchte ich „Nachlese halten“, schildern, was diese Zeit geprägt hat, was gut und was nicht so gut war. Um es vorweg zu sagen: Meine Erfahrungen sind aus mehreren Gründen wahrscheinlich überdurchschnittlich positiv:

  1. handelt es sich bei meiner Schule um ein Gymnasium mit erweitertem Deutschunterricht, einer Schule also, in der ein überdurchschnittlich großes Interesse an meinem Fach herrscht.
  2. habe ich überwiegend Schülerinnen und Schüler unterrichtet, die auf unterschiedlichen Stufen (A1-C1) ein Zertifikat oder Sprachdiplom (DSD) erwerben wollten und dadurch besonders motiviert waren.
  3. erhielt mein Gymnasium in diesem Jahr zum 3. Mal in Folge das Prädikat „eine der 500 besten Schulen Russlands“.

Trotzdem gilt das, was ich im Folgenden schildern werde, in der Tendenz sicher auch für andere Schulen.

Der Schulbetrieb in Russland im Allgemeinen und am Gymnasium Nr. 1 im Besonderen unterscheidet sich in vieler Hinsicht von dem in deutschen Schulen:

In vielen Schulen gibt es aus Platzmangel Schichtunterricht: morgens werden die Klassen 1, sowie 5 -11 unterrichtet (nicht 12 – die Schüler machen ihr Abitur hier nach Klasse 11), nachmittags die Klassen 2 – 4. Samstags haben nur die Großen Unterricht. Durch den Halbtagesbetrieb besteht der Vormittag für die Kleinen aus Hausaufgaben-Machen, auch herrscht reges Treiben auf den Spielplätzen der Stadt. Die Großen gehen am schulfreien Nachmittag entweder in Musik- Kunst- Tanz- oder Sportschulen, die in Russland so preisgünstig sind, dass es sich jede Familie leisten kann, ihr Kind dorthin zu schicken (im Sozialismus waren sie kostenlos) und die sehr professionell arbeiten: drei- viermal die Woche 2-3 Stunden, mit hochqualifizierten Lehrern und Trainern. In den Musik- und Kunstschulen gibt es festgeschriebene Lehrpläne, regelmäßige Prüfungen, Abschlussexamen, Abschlusszeugnisse, in den Tanz- und Sportschulen immer wieder Wettbewerbe und Wettkämpfe. Nicht von ungefähr findet man in vielen künstlerischen und sportlichen Bereichen auch im Ausland Russen.

Eine mindestens genauso wichtige Nachmittagsbeschäftigung ist der Gang zur Repetitorin. Das ist keine Nachhilfelehrerin für die Schwachen, sondern eine Trainerin für diejenigen, die in einem Fach ЕГЭ (Единый Государственный Экзамен), d.h. Abitur machen möchten. Im Gegensatz zu Deutschland ist die Schule in Russland nicht verpflichtet, den für alle Prüfungsfächer notwendigen Abiturstoff zu vermitteln, sondern lediglich den Pflichtstoff für Mathematik und Russisch und ein breites Basiswissen in den anderen Fächern. Wenn sich z.B. ein Schüler entscheidet, in Geschichte Abitur zu machen, das an unserer Schule nur einstündig unterrichtet wird, braucht er dafür einen Repetitor, den die Eltern bezahlen müssen. Lehrerinnen bessern durch diese Privatstunden ihr miserables Gehalt auf, böse Zungen behaupten immer wieder, dass sie sich im Unterricht morgens schonen, um nachmittags fit für ihre Privatschüler zu sein. Fakt ist, dass eine Lehrerin nach einem Morgen an der Schule und einem Nachmittag voller Repetitorenstunden den Unterricht nicht mehr so akribisch  vorbereiten kann, wie ein deutscher Lehrer. Allerdings ist dies in Russland auch weniger nötig, denn der Unterricht muss methodisch nicht so abwechslungsreich sein (die Schüler bleiben auch so bei der Stange), er muss keinen Spaß machen (Lernen ist Arbeit, der Spaßfaktor spielt keine Rolle), und: er muss ja nur das Basiswissen vermitteln, alles Weitere holen sich die Schüler beim Repetitor – womit sich der Kreis schließt. Alles in allem ist jedoch der sozialistische Anspruch einer kostenlosen Bildung nicht mehr gegeben.

Eine meiner Kolleginnen hat 27 – 30 Privatschüler, die sie montags bis einschließlich samstags von 14 – 21 Uhr in Gruppen von 2-3 Schülern unterrichtet. Sie verlangt dafür 800 Rubel für eine Doppelstunde. Die rund 57 000 Rubel, die sie dadurch monatlich verdient, sind ein angenehmes Zubrot zu ihrem Lehrergehalt, das ca. 18 000 Rubel beträgt.
Ein Kind hat neun Monate lang zwei Doppelstunden pro Woche. Bei meiner Kollegin ist garantiert, dass die Schüler das Abitur bestehen, viele von ihnen erreichen sehr hohe Punktzahlen. Ich habe neulich das Gespräch zweier Mütter unfreiwillig mitangehört, die sagten, „lieber 30 000 Rubel für den Repetitor bezahlen, als eine Aufnahmeprüfung für die Universität kaufen.“ Hierbei wiederum ist zu bemerken, dass Aufnahmeprüfungen theoretisch kostenlos sind. Theoretisch….
Die Repetitorenstunden werden natürlich schwarz bezahlt, doch wird der Staat sich hüten, einzugreifen, da er so Kosten auf die Eltern abwälzt, die er sonst selber tragen müsste.

Obwohl der Unterricht nicht so zeitaufwändig vorbereitet wird wie in Deutschland, ist er meist gut: Die Lehrerinnen sind sehr gut ausgebildet, sprechen z.B. hervorragend Deutsch. Auch sind sie in der Regel engagierte Pädagoginnen – sonst würden sie ihren Beruf bei einem Gehalt von durchschnittlich 18 000 Rubeln (derzeit 260 €, wobei das Preisniveau hier natürlich niedriger ist als in Deutschland) nicht ausüben. Doch fällt auf, dass im Sprachunterricht weniger Wert auf kommunikative Kompetenz als auf Grammatik, Schreiben, Übersetzen, Auswendiglernen gelegt wird. So sprechen manche Schüler überraschend schlecht – angesichts der Tatsache, dass sie ab der zweiten Klasse Deutsch lernen, am Ende der siebten Klasse  850 Stunden hatten und in den Klassen zehn und elf 8 Wochenstunden Deutsch haben, DSD-Schüler sogar 10. Meines Erachtens wird der Luxus der kleinen Gruppen – im Sprachunterricht werden die Klassen halbiert, sodass es nie mehr als 15 Schüler in einer Gruppe gibt – nicht genügend für freies Sprechen genutzt. Jeder Fehler wird sofort verbessert, die dazugehörige Grammatikregel mitgeliefert. Das Prinzip „fluency before accuracy“ („flüssiges Sprechen ist wichtiger als richtiges Sprechen“), das allerdings auch in Deutschland erst seit etwa 10 bis 15 Jahren gilt, ist hier noch nicht angekommen, interaktiver Unterricht eher die Ausnahme als die Regel. In den Klassen zehn und elf werden 3 Wochenstunden Übersetzungstechnik unterrichtet, wo die Schüler einen theoretischen Text nach dem andern vor sich hin übersetzen. Wie gut könnte man diese Zeit für Sprechtraining nutzen!

Erziehung

Was bei den Lehrerinnen auffällt, ist der Mut zur Erziehung. Während in Deutschland Erziehen oft als leidiges Geschäft betrachtet wird, weil man es – bewusst oder unbewusst – als Dressur oder Drill oder als undemokratisch empfindet (in Deutschland wird eher ausdiskutiert), wird hier ruhig, verlässlich und konstant erzogen. Dadurch ist vieles einfach klar: Man grüßt jeden Lehrer (und macht das nicht von der Tagesform oder von einem gerade herrschenden Konflikt abhängig), man redet nicht mit seinen Nachbarn im Unterricht (und macht das nicht davon abhängig, ob der Lehrer Disziplin halten kann oder nicht), man trägt formale Kleidung oder wird heimgeschickt, um sich umzuziehen, man hat einen angemessenen Ton, zeigt Respekt (der nicht den Beigeschmack von Unterwürfigkeit hat).

Ab Klasse 8 werden „Empfangskomitees“ gebildet, die – meistens im Beisein ihrer Klassenlehrerinnen jeden Morgen unpassend gekleidete Schüler wieder heimschicken

Lehrer sind Erwachsene und Schüler sind Kinder – das ist ein Fakt von erfrischender Klarheit. Immer wieder kamen Schülerinnen von Austauschen oder dem Goebel-Programm (3monatiger Aufenthalt in Deutschland mit Unterrichtsbesuch) zurück und sagten: „Die Lehrer in Deutschland wollen die Freunde der Schüler sein. Sie tragen Jeans, reden wie Gleichaltrige, sitzen auf dem Tisch…“ Allerdings sagten manche auch: „Mit deutschen Lehrern kann man über alles reden, mit unseren nicht“.

Trotz klarer Abgrenzung zwischen Lehrern und Schülern, herrscht zwischen ihnen oft ein sehr emotionales Verhältnis, das systembedingt ist: Man hat nicht nur die Klassenlehrerin, sondern auch die Fachlehrerinnen möglichst während der ganzen Schulzeit. Dadurch kennt man einander, umarmt als Kleiner mal zärtlich die Lehrerin, klebt am Lehrertag einen Zettel an die Kabinett-Tür, auf dem steht: »Мы Вас любим»! (Wir lieben Sie!), kommt als Ehemaliger immer wieder in der Schule vorbei oder besucht als Klasse die Klassenlehrerin zu ihrem Geburtstag. Aber die Lehrerin ist nicht Freundin, sondern eine verehrte Respektsperson. 

Coolness

Was bei den russischen Schülern auffällt, ist die Abwesenheit von Coolness. Während es in deutschen Schulen von entscheidender Wichtigkeit ist, cool zu sein, muss man in Russland den Schülern ausführlich erklären, was Coolness ist.

In Russland darf man sich z.B. für die Schule anstrengen, es ist mit Prestige behaftet, zu den Besten zu gehören. Wenn man schlecht ist, schämt man sich in der Regel dafür und gehört nicht zu den Tonangebenden in der Klasse. In Deutschland werden gute Schüler zwar auch manchmal (insgeheim) bewundert, aber oft, obwohl sie gut sind, nicht, weil sie gut sind. Vor allem ist es „mega-out“, hart dafür zu arbeiten. Ein ‚Streber‘ zu sein ist das Allerletzte: wenn, dann muss einem der Erfolg im Schlaf zufliegen. Nachmittags zu chillen ist cool, zu lernen ist uncool. In Russland hingegen steht man zu seinem Leistungswillen, bei der Beschreibung seines Tagesablaufs (wird im Sprachunterricht immer wieder auf verschiedenen Niveaus thematisiert), arbeitet man bis spät in die Nacht, Freizeit hat man nur am Sonntag, und auch da nicht immer, und in den Ferien arbeitet man seine riesige Literaturliste durch. Anders ist die Lektüre von „Krieg und Frieden“, „Anna Karenina“, „Schuld und Sühne“ „Der Stille Don“ – um nur einige zu nennen – nicht zu schaffen.

Ein zweiter Aspekt des ‚Nicht-Cool-Sein-Müssens‘ in Russland ist, dass man hier Emotionen zeigen darf, die bei den deutschen Schülern nicht so angesehen sind. Man zeigt Freude und Zuneigung ebenso deutlich wie Trauer. Es kommt durchaus vor, dass einer Schülerin in der elften Klasse Tränen in die Augen treten, wenn sie eine schlechte Note bekommt. In deutschen Schulen ist das Zeigen solcher Gefühle vor allem in der Pubertät tendenziell ober-uncool. Viel höher im Kurs stehen Null-Bock, Empörung, Wut, oder keine Emotionen, im Sinne von: „Mich kann nichts erschüttern“. Die ersten drei dieser Gefühle sind mir bei meinen russischen Schülern nie begegnet, zur Schau gestellte Emotionslosigkeit höchstens, um Wut und Empörung vor dem Lehrer zu verbergen.

Ein dritter Aspekt des Nicht-Cool-Sein-Müssens ist, dass man Zuneigung auch Lehrern gegenüber offen zeigen darf. Grüßen tun, wie oben erläutert, alle. Aber hier darf man dabei auch strahlen. Man darf einer Lehrerin auch einmal etwas Nettes sagen, man darf ihr etwas aus dem Urlaub mitbringen. Die Karten, die Lehrerinnen zum 8. März (dem Internationalen Tag der Frau) bekommen, sind oft die reinsten Liebeserklärungen. In Deutschland wird so etwas tunlichst vermieden, denn mindestens genauso uncool, wie ein ‚Streber‘ zu sein, ist es, ein ‚Schleimer‘ zu sein. Beides sind übrigens ebenfalls Wörter, die man hier ausführlich erklären muss, und die trotzdem auf Unverständnis stoßen.

 Eine Delegation der 10. Klasse gratuliert ihrer Lehrerin zum Geburtstag

 

Last but not least ist eine Folge des Nicht-Cool-Sein-Müssens, dass es hier praktisch kein Mobbing gibt, ein weiteres Wort, das meine russischen Schüler nicht verstanden. Mobbing-Opfer in Deutschland sind in der Regel Schüler, die im obigen Sinne uncool sind. Sie werden aus der tonangebenden Gruppe der Coolen ausgeschlossen und oft nach allen Regeln der Kunst gequält. In Russland gibt es natürlich auch Schüler, die höher im Kurs stehen als andere, aber diskriminiert wird niemand.

Kein Wunder also, dass oft Schüler, die ursprünglich in Deutschland studieren wollten, nach ihrem Goebel-Aufenthalt keine Lust mehr dazu haben, weil sie die deutschen Schüler „komisch“ finden. Zum Beispiel bei einer Geburtstagsparty stellte jeder seinen Nudelsalat o.ä. auf den Tisch und chillte dann mit seinem Handy, wobei man sich mit Alkohol volllaufen ließ. Meine russischen Schülerinnen zeigen ihre Freude über ein Fest, essen, trinken, lachen und singen zusammen. Alkohol, wenn überhaupt vorhanden, spielt eine sekundäre Rolle.

Der Aspekt der Erziehung und die Abwesenheit von Coolness sind die beiden Gründe, warum mir das Unterrichten hier grenzenlos Freude gemacht hat. Wie viel einfacher und angenehmer dadurch das Schulleben ist, sowohl für die Lehrer, als auch für die Schüler! Ich möchte sogar so weit gehen zu behaupten, dass in Deutschland ein wesentlicher Grund für das ‚Burn-out‘-Syndrom der Lehrer ist, dass Lehrer und Eltern aus einem falsch verstandenen Liberalismus heraus zu wenig erziehen, und dass – vielleicht als Folge davon – Kinder cool sein müssen.

Was hat mir noch gefallen an meiner Schule?

  • Die ‚Kabinette‘: Hier haben nicht Klassen ihr Klassenzimmer, sondern Lehrer ihr Unterrichtszimmer, in dem sich alle ihre Unterrichtsmaterialen befinden, Wörterbücher, Grammatikplakate, Deutschlandkarten….; meist auch ein Drucker und ein Computer, in selteneren Fällen ein Beamer und – der absolute Luxus – ein Whiteboard (eine weiße, abwaschbare Tafel, die auch für Präsentationen genutzt werden kann.) Die Kabinette sind sehr unterschiedlich und individuell gestaltet, ihre Ausstattung hängt vom Engagement der Eltern ab. So ist es keine Ausnahme, dass Eltern der Klassenlehrerin ihrer Kinder (die sie wie gesagt 11 Jahre führt) zum Schuljahresende einen Laptop schenken, in den Sommerferien den Raum weißeln, Vorhänge nähen, sogar Doppelfenster einbauen lassen. Denn die Investitionen kommen ihren Kindern zugute und die Schule hat kein Geld.
  • Die Schulfeste und Theateraufführungen, die häufiger, bunter und kreativer sind, als in Deutschland. Ein Grund dafür ist, dass die Schüler an ihren Kunst- Musik- Tanz- und Sportschulen so viel lernen, dass es für sie ein Leichtes ist, eine hochkarätige Bühnenshow zusammenzustellen. So schufen die diesjährigen Elfer für «Последний Звонок», „Das Letzte Läuten“ (eine Festveranstaltung zum Ende der elfjährigen Unterrichtszeit, bevor die Prüfungsphase beginnt) ein Musical, in dem jedes Fach durch einen Rock/Pop-Song mit selbstgemachten Texten und hervorragenden Tanzeinlagen dargestellt wurde.

Die Schulabgänger stellen hier das Fach Gesellschaftskunde dar. Auf der Russlandfahne steht: Verfassung der Russischen Föderation

 

Zum Niveau solcher Veranstaltungen trägt aber auch bei, dass unsere Schule (wie viele andere auch) eine eigene Vollzeit-Theaterlehrerin beschäftigt, mit einem Wochendeputat von 32 Stunden. Die ausgebildete Schauspielerin kann nicht nur Sprach- und Stimmbildung, sie ist auch mimisch und gestisch ein absoluter Profi. Dadurch besetzen unsere Schüler bei jedem Vortrags-Wettbewerb (bei denen es um den Vortrag von Gedichten geht) die ersten Plätze. Auch bei der Inszenierung von „Komm wieder, aber ohne Waffen“ stand die Theaterlehrerin immer wieder bei Proben mit Rat und Tat zur Seite.

Hier zeigt die Theaterlehrerin den „deutschen Kriegsgefangenen“, wie man pantomimisch einfädelt

 

  • Das Phänomen des „Methodentages“. Alle Lehrerinnen eines Fachbereichs haben an einem Tag der Woche unterrichtsfrei. Für die Schüler bedeutet das z.B., dass ein bestimmtes Fach an einem Tag in keiner Klasse unterrichtet wird, für die Lehrer, dass sie an diesem Tag Fortbildungen machen können. Faktisch heißt es aber natürlich, dass die Lehrer ihre Methodenkenntnisse ihren Privatschülern zugutekommen lassen. An meiner Schule ist der Methodentag für die Deutschlehrer montags, was mir persönlich grundsätzlich ein langes Wochenende bescherte.

Natürlich gab es aber auch Dinge, die mir nicht gefallen haben:

  • Der viele Unterrichtsausfall. Dieser ist in erster Linie durch die unzähligen Olympiaden bedingt, die in fast jedem Fach zuerst auf Schul- dann auf Stadt-, dann auf Regions-, dann auf Landesebene abgehalten werden. Weil die Olympiaden der verschiedenen Fächer an unterschiedlichen Tagen stattfinden, und weil unterschiedliche Schüler unterschiedliche Stärken haben, gibt es Phasen, in denen die Lerngruppe fast nie vollständig ist.

Unterricht kann aber auch dadurch ausfallen, dass nach dreimonatiger Sommerpause, zweiwöchige Fortbildungen im September stattfinden. Oder dadurch, dass Lehrer ihren Urlaub im September nehmen, weil es in der Nachsaison billiger ist, oder weil der Ehemann seinen sechzigsten Geburtstag in Ägypten feiern will. Zum besseren Verständnis sei gesagt, dass Lehrer 56 Urlaubstage pro Schuljahr haben, die sie in der Regel während der Sommerpause nehmen, was sie aber nicht müssen.

Auch Schüler fahren mit ihren Eltern während der Schulzeit in Urlaub. Es genügt eine schriftliche oder mündliche Abmachung mit dem Schulleiter. Dieser findet so etwas zwar nicht gut, kann aber – nach eigener Aussage – die Schüler nicht an die Leine legen, wenn die Eltern wegfahren wollen.

Ein weiterer Grund für Unterrichtsausfall ist die Quarantäne-Woche, die mit großer Regelmäßigkeit einmal pro Jahr verordnet wird, vorzugsweise im Januar oder Februar. Die Quarantäne-Woche legt nicht der Schulleiter fest, sondern die Stadt. Sie gilt jeweils für einen ganzen Stadtbezirk. Ärgerlich ist sie dann, wenn sich Schüler bester Gesundheit erfreuen. So geschehen letzten Winter bei meinen 11ern, von denen nur ein kleiner Teil einen grippalen Infekt hatte.

Und dann gibt es natürlich Klassenfahrten, Schulausflüge (die nicht für die ganze Schule am gleichen Tag gemacht werden), Sprachfahrten nach Deutschland, die in der Regel teils in den Ferien, teils in der Schulzeit stattfinden und Austausche, die immer während der Schulzeit durchgeführt werden. Interessant ist dabei allerdings, dass die Lehrerinnen, die Austausche begleiten, nicht nur selber für Ersatzlehrerinnen für ihre anderen Klassen sorgen, sondern diese auch aus eigener Tasche bezahlen müssen!  

  • Das Notensystem.

Theoretisch gibt es Noten von Eins bis Fünf, wobei Fünf die beste Note ist. Praktisch jedoch werden nur die Noten von Fünf bis Drei vergeben, Zweien gibt es nur für nicht gemachte Hausaufgaben, denn eine Zwei bedeutet: nicht bestanden. Ich erinnere mich an eine Lehrerkonferenz, auf der der Schulleiter verkündete, wenn ein Lehrer einem Schüler eine Zwei gebe, müsse er ihm dies schriftlich mitteilen und aufzeigen, welche Versuche er, der Lehrer, unternommen habe, um diese Note zu vermeiden. Gängige Verfahren sind dabei, den Schüler die gleiche Arbeit noch einmal schreiben zu lassen oder ihn mündlich abzufragen. In Klasse 11 sind Zweien kategorisch verboten. Über Einsen wird während der ganzen Schulzeit nicht geredet. Doch abgesehen davon, dass es praktisch nur die Noten „sehr gut, gut und befriedigend“ gibt, ist es auch üblich, «пятёрки» (Fünfen) geradezu inflationär zu vergeben. Schüler, die in allen Fächern Fünfen haben, sind nicht selten. Sie sind sogenannte „Medaillen-Schüler“. Hat eine Klassenlehrerin solche in ihrer Klasse, legt sie vor der Notenabgabe einen Zettel mit den Namen ins Klassenbuch. Dies ist ein impliziter Hinweis, dass man den Schülern nicht die Medaille vermasseln soll, indem man ihnen eine Vier gibt. Die vielen tollen Noten werden am Ende jeder Stunde im Klassenbuch festgehalten und können minutiös nachgewiesen werden.

Um zum Schluss zu kommen: Ministerpräsident Medwedjew, der landauf landab sehr kritisch gesehen wird, ist u.a. für zwei Aussagen in Bezug auf die Lehrer berühmt: 1. „Wenn die Lehrer unzufrieden sind mit ihrem Gehalt, sollen sie doch in die Industrie gehen.“ 2. „Lehrer verdienen so wenig, denn Lehrer-Sein ist kein Beruf, sondern eine Berufung.“ Die Lehrer am Gymnasium Nr. 1 arbeiten nicht dort, weil sie in der Industrie keiner nimmt, sondern weil sie ihre Aufgabe als Berufung empfinden, und/oder, weil sie sich mit dieser Schule identifizieren. Sehr viele von ihnen waren schon als Schüler an der Schule, viele Kollegen sind ehemalige Schulkameraden. Dies prägt ihre Einstellung und die Schulatmosphäre und dies hat mir drei Schuljahre ermöglicht, die ich auf keinen Fall missen möchte.

P.S. Seit letzter Woche ist bekannt, dass das Schulgebäude ab Januar 2018 geräumt werden muss, weil es renoviert wird. Die Mittelstufe wird in das Gymnasium Nr. 13, die Oberstufe in das Gymnasium Nr. 8 evakuiert. (Die Unterstufe wurde Gott sei Dank schon bisher in einer Filiale unterrichtet.) Wie das organisiert werden soll, wenn z.B. Lehrer in beiden Stufen unterrichten, oder wo die Klassen in den Ausweichschulen unterkommen, sind offene Fragen. Sollte es darauf hinauslaufen, dass unsere Schüler grundsätzlich in der zweiten Schicht unterrichtet werden, bricht für unsere Lehrerinnen die lebensnotwendige Einnahmequelle durch das Repetitorentum weg, weshalb es durchaus sein kann, dass sie von ihrem Recht Gebrauch machen, einen «творческий отпуск» (ein Sabbatjahr) zu nehmen.

 Warum plötzlich diese überfällige Sanierung mitten im Schuljahr? Das marode, jedoch repräsentative Gebäudes in bester Lage soll die Schaltzentrale für die Fußballweltmeisterschaft 2018 beherbergen.

 Das „Letzte Läuten“

 Ein Erstklässler repräsentiert das „Erste Läuten“, die Elftklässler repräsentieren das letzte

 Zungenbrecher zum Schuljahresende

  Anspruchsvolle Deutschprüfungen in allen Klassen zum Schuljahresende

 Lockerer geht es da bei meinen „Sternchen-Prüfungen“ für das A1 Zertifikat zu….

 …..bei denen alle Teilnehmer ein Zertifikat bekommen.

 

Das letzte Läuten

Mit der „Nacht der Museen“ (Ночь Музеев) am dritten Mai-Wochenende verhielt es sich hier ebenso wie in Stuttgart und möglicherweise überall auf der Welt: die Museen waren überfüllt, vor den Eingängen standen lange Warteschlangen. Deshalb führte uns Roses Kollegin Marina in den Park des Sieges (Парк Победы). Er liegt an der Wolga unterhalb des steilen Uferhanges und zeigt Waffen aller Art: Panzer, Geschütze, Minenwerfer, Katjuschas. In dem Übersichtsprospekt, der die 26 sich beteiligenden Museen aufführt, wird der Besucher des Parks aufgefordert herauszufinden, welche der Waffen im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurden.

In einem abgetrennten Gelände krochen wir durch Schützengräben und Unterstände. Dabei stießen wir plötzlich auf Soldaten in russischen und deutschen Uniformen. Marina und Rose erfuhren von einem „Deutschen“, der sich Johann nannte, dass heute eine Nachtschlacht geschlagen wird.

Vor der Nachtschlacht: Marina und Rose sprechen mit einem „Deutschen“.

Um 23 Uhr – nach langem Warten bei Regen – begann das Spektakel. Ein Trupp Russen griff die Deutschen an, die sich in den Schützengräben verschanzt hatten. Mit Böllern, Feuerwerksraketen, Leuchtkugeln, Gewehr- und MG-Schüssen wurde ein Höllenlärm veranstaltet. Viel war nicht zu sehen, der Ausgang ohnehin klar. Ein Sprecher animierte die zahlreichen Zuschauer immer wieder „Giftler kaput – für Stalin – für das Vaterland“ zu rufen. Nach einer halben Stunde war alles vorbei.

Marina antwortete auf unsere skeptischen Kommentare zu dem gerade erlebten Schauspiel, die Russen sähen darin nicht viel Anderes als ein historisches Spiel, ähnlich wie mittelalterliche Ritterspiele. Wir fragten uns, was bei uns los wäre, wenn wir den Krieg gewonnen hätten? Wie sagte Erich Kästner schon 1930 in seinem Gedicht „Die andere Möglichkeit“ (Erste und letzte Strophe):

  • Wenn wir den Krieg gewonnen hätten, mit Wogenprall und Sturmgebraus, dann wäre Deutschland nicht zu retten und gliche einem Irrenhaus.
  • Dann läge die Vernunft in Ketten. Und stünde stündlich vor Gericht. Und Kriege gäb’s wie Operetten. Wenn wir den Krieg gewonnen hätten – zum Glück gewannen wir ihn nicht!

Weil kein Taxi kam, stiegen wir durch den dunklen Wald den Hang hinauf zur Oberen Wolga-Uferstraße. Auf dem Heimweg durch die Stadt sahen wir vor den Museen trotz des Regens noch immer Menschen auf Einlass warten, die Nacht der Museen ging bis ein Uhr.

Vor diesem Ausflug ins Kriegerische hatte uns Marina etwas Erbaulicheres gezeigt: einen „Hügel der Poeten“ (холм поетов), den Nischegoroder Dichter, unter anderen auch ihr Mann, am 25. Juli 1998 ohne behördliche Genehmigung an der Kremlmauer einrichteten, markiert mit einer schlecht zu lesenden Aluminiumplatte am Boden und einer kleinen, leicht zu übersehenden Nachtigall aus Eisen hoch an der Ziegelwand. Es finden dort noch immer alternative Dichtertreffen mit Lesungen statt. Wir gingen hier schon oft vorbei, ohne den geheimnisvollen Reiz des Ortes zu entdecken. Die Ansicht, die der Zusammenfluss von Wolga und Oka bietet, ist bei jedem Wetter so grandios, dass man sich nicht nach der Mauer umdreht.

Hügel der Dichter – Die Nachtigall an der Kremlmauer

Der immer wieder grandiose Blick auf Oka und Wolga

Unterhalb des Kreml liegt ein altes Kaufmannsviertel mit reichen Häusern aus dem 19. und 20. Jh. auf der Рождественская (Weihnachtsstraße) und der Unteren Wolga-Uferstraße. In einem Jugendstil-Haus logiert die „Galerie Futuro“ mit wechselnden Ausstellungen zeitgenössischer Maler aus ganz Russland.

Jugendstil-Haus an der Roschdestwenskaja Straße mit der Galerie FUTURO

In den geschmackvoll renovierten Räumen mit rohbelassenen Wänden war eine Ausstellung zum Thema „Frauen“ zu bewundern, überraschend, weil nicht der sonst hier häufige naturalistische Stil zu sehen war. Die ungerahmten Bilder zeigten ein breites Spektrum von Stilen, meist mit wenigen Pinselstrichen und wenig Farbe.

Ausstellungsraum in der Galerie FUTURO

Eingangsbild in der Galerie FUTURO

Dieses klobige Denkmal von Seeleuten aus der Stalinzeit vor dem Flussbahnhof bildet einen krassen Gegensatz zu den wohlproportionierten und reich verzierten Häusern der anliegenden Straßen. Man beachte: es wurden Blumen abgelegt!

Das letzte Läuten

Последний Звонок, das letzte Läuten, ist in Russland der letzte Schultag für die Аbiturienten vor ihren Prüfungen und wird in allen Schulen groß gefeiert. In unserem Gymnasium Nr.1 war dies eine lockere, fröhliche Schau in der Aula. Nach Reden des Schulleiters, eines Vertreters der Schulbehörde und dem Abspielen (eines Teils) der Nationalhymne, zu der alle aufstanden, führte die Abi-Klasse ein selbst verfasstes schwungvolles Musical über ihr Schulleben und ihre Lehrer auf. Die Rock- Pop- und Hiphop-Nummern wurden mit stürmischem Beifall bedacht. Und immer wieder Dank an die Lehrer und die Eltern.

 Die Abi-Klasse beim Letzten Läuten 

Von einer Schülerin bekam ich einen Blumenstrauß, der so groß und schwer war, dass wir mit dem Taxi nach Hause fahren mussten. Für mich und die DSD-Schüler folgt jetzt noch ein zweiwöchiger Intensivkurs, dann endet dieses Schuljahr in Nischni auch für mich. Es war mein letztes hier in Nischni Nowgorod – und überhaupt.

 

 

 

 

 

 

Spenden für „Komm wieder – aber ohne Waffen“

Um mit Sepp Herberger zu sprechen: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Das Projekt „Komm wieder, aber ohne Waffen“ war mit unserer Aufführung am Gymnasium Nr. 1 nicht beendet. Wir hatten eine weitere Aufführung an der Linguistischen Universität, für die wir eine der Szenen auf Deutsch einstudierten. Weitere Szenen werden folgen, denn im Herbst tritt das Ensemble eine Gastspielreise nach Deutschland an! Jochen und ich werden sie empfangen und begleiten.

Alles begann mit der Einladung nach Erlangen, die Oberbürgermeister Janik nach unserer Aufführung in Wladimir spontan aussprach. Inzwischen hat diese Idee konkrete Formen angenommen: Wir werden „Komm wieder, aber ohne Waffen“ im Oktober in drei Städten aufführen: Von 21.-24. Oktober in Erlangen, wo Peter Steger, der Herausgeber des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen“ für uns Auftritte organisiert. Dort werden wir im Theater Brücken zu sehen sein und vielleicht auch im Wohnstift Rathsberg, in dem Wolfgang Morell wohnt, der zusammen mit Claus Fritzsche die Vorlage für unseren Protagonisten Alex (Sascha) war. Am 25. Oktober zeigen wir das Stück im Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden, meiner früheren Schule. Von 25.-30. Oktober sind wir in Immenstaad zu Gast, wo unsere Gastgeber Hubert Lehle und Konrad Veeser in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Bildungswerk Aufführungen im Rathaussaal in Immenstaad und voraussichtlich auch an der Waldorfschule in Überlingen und einem Gymnasium in Friedrichshafen organisieren

Nun möchten wir uns mit einer Bitte an euch wenden: Obwohl die Stadt Erlangen großzügig alle Kosten für Kost, Logis und Transfers in Erlangen übernimmt, wir in Leinfelden in Familien von Schülern des Immanuel-Kant-Gymnasiums wohnen und in Immenstaad auf dem Obsthof Lehle, fallen doch Kosten für Flug, Fahrten zwischen und in den Städten und Verpflegung in Immenstaad an, die die Eltern unserer Schüler tragen müssen, und die zwischen 450 und 500 € liegen. Dies ist für viele Familien eine große Belastung, zwei Schauspieler können definitiv nicht mitfahren. Natürlich hoffen wir auf Spenden bei unseren Aufführungen, aber das wird nicht reichen. Deshalb haben wir beim Bildungswerk Immenstaad ein Spendenkonto eingerichtet und bitten um finanzielle Unterstützung.

Katholisches Bildungswerk Immenstaad

Volksbank Überlingen

BIC: GENODE61UBE

IBAN: DE 8969061800 0075 4481 04

Verwendungszweck: Komm wieder, aber ohne Waffen (Bitte auf keinen Fall vergessen)

Falls eine Spendenbescheinigung erwünscht wird,  die Adresse angeben und den Vermerk: Spendenbescheinigung erwünscht.

Wir danken schon jetzt für eure Hilfe und laden euch ganz herzlich zu einer Theateraufführung ein!

Altgläubige

Wie das Leben so spielt! Da melde ich mich im Februar bei CREF, dem Center für Russisch, Englisch und Französisch, zu einem russischen Sprachkurs an, eigentlich wenig sinnvoll für die letzten fünf Monate unseres Russlandaufenthaltes und siehe da, nicht nur verbessert der Kurs wie erwartet mein Russisch (etwas), er hat auch einen unerwarteten Nebeneffekt. Eine der Russischlehrerinnen stellt sich als hochinteressante Frau heraus. Sie hat im Fach Altrussisch promoviert und ist Russischlehrerin für Ausländer an der hiesigen medizinischen Universität. In der SU-Zeit wurde sie wegen ihres jüdischen Aussehens diskriminiert, sie erwarb deshalb ihr Wissen im Abendstudium. Wie sie selbst sagt, hat sie eher Zigeunerblut in den Adern. Ihr Vater wurde eineinhalb Jahre nach dem Tod des Großvaters geboren (ihre Worte), weder er noch ihre Mutter haben zur Klärung dieses Rätsels beigetragen.

Zum Abschied lud sie uns in ihr kleines „Literaturmuseum“ ein, wie sie es nannte. Der Eingang liegt in einem Hof, der, so warnte sie uns, „dreckig, aber ungefährlich ist“. Durch eine der hier üblichen Stahltüren und über ein kahles Betontreppenhaus kamen wir in das Museum, das sich als eine Schatzkammer entpuppte. Hier lagen in einer Vitrine uralte Bücher aus der Zeit vor der orthodoxen Kirchenspaltung von 1667 und Manuskripte, Ergebnisse der Kunstfertigkeiten der Altgläubigen.

Eingang zum kleinen „Literaturmuseum“

Die Altgläubigen lehnten die Reformen der Texte und Riten der russisch-orthodoxen Gottesdienste durch den Patriarchen Nikon ab.  Sie wurden deshalb auf einer Synode 1666/67 mit dem Kirchenbann belegt und bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts blutig verfolgt. Erst 1905 erhielten sie die Bürgerrechte. Den Verfolgungen entzogen sie sich durch Flucht in die Wälder Russlands, auch in die Umgebung von Nischni Nowgorod. So geht die Matrjoschka-Fabrik in Semjonow (80 km von Nischni entfernt) auf geflüchtete Altgläubige zurück, die das Schnitzer-Handwerk mitbrachten.

Für die Altgläubigen ist die strikte Einhaltung der überlieferten Formen eine wesentliche Bedingung für den rechten Glauben. Als Beispiel wird oft das Kreuzzeichen genannt: Richtig ist „Zwei Finger gerade, drei gekrümmt“ und nicht wie bei Nikon „Drei Finger gerade und zwei gekrümmt“. Prozessionen müssen sich im Uhrzeigersinn (mit dem Sonnenlauf) und nicht andersherum bewegen. Der Name Christi lautet Iсусь (Isus) statt Iисусь (Jisus), wie bei Nikon. Unterschiede gibt auch in den heiligen Texten. Im Glaubensbekenntnis: „…an den Heiligen Geist, den wahren Herren“ gegenüber „…an den Heiligen Geist, den Herren“. Für uns ist das nicht zu verstehen, aber (Zitat nach Wikipedia): „Zur Erhaltung eines Mikroklimas, in dem der Mensch seine Seele retten kann, sei nicht nur das Befolgen der Gebote Christi erforderlich, sondern auch eine sorgfältige Bewahrung der kirchlichen Überlieferung, die geistige Kräfte und spirituelle Erfahrung vieler Jahrhunderten in sich trägt, deren Formen zwar äußerlich, aber nicht willkürlich seien“.

Deshalb weigerten sich die Altgläubigen die nach der Kirchenspaltung von den Orthodoxen gedruckten Bücher zu lesen, weil sie Abweichungen von den ursprünglichen Texten befürchteten, durch die die neuen Bücher unheilig würden. Deshalb nutzten sie nur die alten Bücher weiter und retteten sie so in unsere Tage.

Gedrucktes Buch (vor 1667) mit Leseanweisungen am Rand. Es überstand einen Brand – dank des schweren Ledereinbandes und der Eisenschnallen, die es fest verschlossen.

 

Ebenso eindrucksvoll waren die von Hand geschriebenen Bücher mit ihren Buchmalereien, Gebetbücher, die Leidensgeschichte oder Ordensregeln, aber auch Briefe und theologische Abhandlungen. Einen Eindruck geben eine handgeschriebene Ordensregel oder eine Seite eines Gesangbuches mit altrussischen Neumen, noten-ähnlichen Zeichen.

Ordensregel, Handschrift aus dem 16. Jh. Über dem Buch liegt eine Lestowka (Лестовка), der lederne Rosenkranz der Altgläubigen

Handschrift, Altrussische Neumen Ende 19./Anfang 20. Jh.

 

Eine bewegende Geschichte hat ein im Museum ausgestellter Schuh aus Birkenrinde. Er stammt von der sechsköpfigen Familie Lykow (Лыков), die 1936 in die sibirischen Taiga geflohen war, um der staatlichen Verfolgung zu entgehen. Sie gelangte an den Abakan und zog sich, wenn sie entdeckt wurde, immer weiter zum Oberlauf dieses Flusses zurück, bis man sie schließlich vergaß. Sie lebte dort völlig isoliert, 250 km von der nächsten menschlichen Siedlung entfernt, bis 1978 ein Team von Geologen zufällig auf sie stieß. 1978 war 7486 Jahre nach Erschaffung der Welt, die die Altgläubigen auf das Jahr 5508 vor Christus datieren. Die Familie bestand damals aus dem Vater, zwei Söhnen und zwei Töchtern, die Mutter war schon 1961 gestorben, wahrscheinlich verhungert. Die jüngste Tochter Agafja lebt bis heute allein in der Einsamkeit. Die Vorfahren der Lykows stammen aus der Gegend von Nischni Nowgorod, sie lebten in den Wäldern am Kerschenez, einem kleinen Nebenfluss der Wolga.

Birkenrinden-Schuh der Familie Lykow

 

Wikipedia nennt zwei Bücher über diese Familie:

  • Wassili Peskow: Die Vergessenen der Taiga: die unglaubliche Geschichte einer sibirischen Familie jenseits der Zivilisation. Goldmann, München 1996, ISBN 3-442-12637-1.
  • Jens Mühling: Mein russisches Abenteuer. Auf der Suche nach der wahren russischen Seele. Dumont Buchverlag, Köln 2012, ISBN 978-3-8321-9589-2.

Das sind alles sehr spannende Geschichten, vor allem wenn man unverhofft handfest damit in Berührung kommt. Der Titel von Jens Mühlings Reisebeschreibung spricht uns aus der Seele: „Mein russisches Abenteuer“. Unser russisches Abenteuer ist noch nicht ganz zu Ende, aber das Ende rückt immer näher.

Gorochowez – eine alte russische Stadt

Russland ist wie eine geheimnisvolle Schatztruhe, in der man immer wieder unerwartet auf Schmuckstücke stößt.

Am 30. April wollten wir mit Lena und Andrej, unseren Freunden aus Sankt Petersburg, in die uns bekannte Museumsstadt Gorodez (Городец) mit ihren schmucken Holzhäusern fahren, aber Roses Kollegin Marina überredete uns, stattdessen das uns nicht bekannte Gorochowez (Гороховец) zu besuchen, es sei eine viel authentischere alte russische Stadt. So fuhren wir, begleitet von Marina, mit dem Bus etwa eineinhalb Stunden in diesen schon im Oblast Wladimir liegenden Ort (80 km von Nischni), in dem Marina ihre Kindheit verbracht hatte – und wir bereuten es nicht!

Gorochowez wurde 1158 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Es war zunächst ein militärischer Stützpunkt an der Kljasma, einem Nebenfluss der Oka. Seine Blütezeit erlebte es im 17. Jh. durch Webereien, Gerbereien und Schmieden. Aus dieser Zeit stammen vier Klöster und viele steinerne Kaufmannshäuser. Die Industrialisierung des 19. Jh. und der Sowjetzeit berührten den Ort nur wenig, das alte Stadtbild blieb weitgehend erhalten.

Das Heilige-Dreifaltigkeits-Nikolai-Männer-Kloster in Gorochowez (Свято-Троице-Никольский Мужской Монастырь)

Hoch über der Kljasma liegt das Heilige-Dreifaltigkeits-Nikolai-Männer- Kloster (Свято-Троице-Никольский Мужской Монастырь), von dem man die Stadt mit ihren Kirchen und Klöstern und jenseits des Flusses das Frauenkloster Erscheinung-Mariä (Знаменский монастырь) bewundern kann.

Blick vom Nikolai-Kloster auf Gorochowez und das jenseits der Kljasma liegende Frauenkloster (Знаменский епархиальный женский монастырь)

Die Dreifaltigkeits-Nikolai-Kirche (Троице-Никольская Церковь) im Kloster ist in dem bei Altgläubigen oft zu findenden Stil einer Kreuzkirche gebaut: auf einem quadratischen Baukörper mit flachem Zeltdach ein hoher Zwiebelturm und vier kleinere.

Dreifaltigkeits-Nikolai-Kirche im Dreifaltigkeits-Nikolai-Kloster in Gorochowez

Im Nikolai-Kloster

Treppen führten hinunter in die Stadt. Auf halber Höhe wies uns ein Schild auf die heilige Quelle zu Ehren der Heiligen Dreifaltigkeit hin und nach wenigen Schritte kamen wir zu einer Anlage mit kleinen Blockhäusern, Bänken und Tischen. In einem mit Kreuzen und Heiligenbildern geschmückten Häuschen floss gut schmeckendes Wasser aus einem Eisenrohr in ein Wasserbecken. Natürlich folgten wir Lenas Rat, eine Plastikflasche mit dem kostbaren Heiligen Wasser zu füllen. Im Nebenhaus stiegen wir – ob nach Pfarrer Kneipp oder nach dem heiligen Nikolai sei offengelassen – bis zu den Knien in ein Tauchbecken. Dann verließ uns der Mut.

Heilige Quelle in Gorochowez

Hinten das Quellhaus, links das Haus mit dem Tauchbecken

Gestärkt an der Seele, was wir hofften, und erfrischt an den Beinen, was wir spürten, stiegen wir hinunter in den Ort, in dem uns als erstes eine Hebewerkzeuge- und Kranfabrik begrüßte. Rasch kamen wir in ein Viertel mit dem Reiz einer Kaufmannsstadt des alten Russland: breite Straßen, gesäumt von Steinhäusern der damaligen Zeit. Eines der ältesten Häuser vom Ende des 17.Jh. ist heute ein Museum. Es wurde von Semen Nikoforowitsch Erschow errichtet, einem Winzer und Händler mit Beeren- und Obstwein. Interessant ist, dass er einer der Altgläubigen war, die sich nach der Kirchenspaltung im 17. Jh. in diese abgelegene Gegend zurückgezogen hatten. Die Altgläubigen seien fleißig, absolut ehrlich und sozial gewesen. Zwischen 1680 und 1700 sind fünf Kirchen und viele Häuser gebaut worden, die teilweise heute noch bestehen.

Kloster Mariä Reinigung (Сретенский монастырь)

Kloster Mariä Reinigung in der Abendsonne am 30.04 2017

Altes Haus in Gorochowez

Vergeblich suchten wir in diesem schönen, um Fremdenverkehr werbenden Ort nach einem gemütlichen Café oder Restaurant. Nach den weiten Spaziergängen in der noch ungewohnten Frühjahrswärme hätten wir eine Rast mit Tee oder Kaffee nötig gehabt. Wir standen vor einem geschlossenen Café. Die Touristeninformation konnte uns nur einen alten Bus empfehlen, der zu einer Art Bistro umgebaut war und wo man nur, etwas beengt sitzend, Bliny (Pfannkuchen) und Okroschka, eine kalte Suppe auf Kwas-Basis (ein ostslawisches Getränk, was durch Gärung aus Brot hergestellt wird; http://www.chefkoch.de/rs/s0/Okroschka/Rezepte.html) aus Plastikgeschirr bekam. Wir haben schon öfter verwundert bemerkt, dass es an touristisch interessanten Orten an einer ansprechenden Gastronomie mangelt.

Aus neuerer Zeit stammt eine Rarität an der Straße M7 von Nischni Nowgorod nach Moskau: ein 1902 gebautes Holzhaus im Jugendstil, in Russisch „русский псевдо модерн“ (Russischer Pseudo-Jugendstil). Die Wände bestehen aus dicken Baumstämmen, die Fenster und Türen sind wie die alten russischen Häuser mit Verzierungen umrahmt, hier mit den Ornamenten und den Formen des Jungendstils. Das Haus wurde von dem Kaufmann Schorin errichtet. Heute ist es eine Volkskunststätte für Näh-, Bastel- und Tanzkurse. Die in der Sowjetzeit als Schule genutzten Räume sind als Museum hergerichtet, auch wenn die ursprünglichen Möbel verloren gegangen sind.

Das Jugendstil-Haus „Dom Schorina“ in Gorochowez

Fenster des Schorin-Hauses

Amüsant zu vermelden: Unsere Führung wurde von aufziehenden Erbsbreigerüchen unterbrochen, die Museumsleiterin rief: „Moja Kascha!“ (Mein Brei) und lief in die Küche. Das russische Wort für Erbse lautet „Гороx“ (Goroch) und der ähnlich klingende Ortsname hat wohl seine Herkunft vom früheren Erbsenanbau. Deshalb sind im Stadtwappen Erbsen-Pflanzen dargestellt.

Die ortskundige Marina verschaffte uns außer diesen architektonischen Eindrücken noch ein besonderes Naturerlebnis. Sie führte uns zum „Лысая Гора“ (Kahler Berg), einem baumlosen Bergsporn über der Kljasma. Uns bot sich ein faszinierender Blick auf den natürlichen, leicht mäandernden Fluss und die weite waldige Moorlandschaft, ungestört von Siedlungen oder Straßen. Und das bei strahlendem Sonnenschein an dem ersten warmen Tag dieses Jahres. Eine Familie mit einem großen Fernglas sah in der Ferne Elche. Wir genossen unser Picknick, es war eine Idylle.

Picknick am „Kahlen Berg“ bei Gorochowez, Blick auf die Kljasma nach Westen

Blick nach Osten vom Kahlen Berg bei Gorochowez (aufgenommen am 30.04.2017)

Wir verstanden den Regisseur Michalkow, der in Gorochowez zwei seiner Filme gedreht hat («Утомлённые солнцем» „Die Sonne, die uns täuscht“ und «Солнечный Удар» „Sonnenstich“) und einen Schauspieler ausrufen lässt: „Hier ist Russland am schönsten!“

Straße in Gorochowez

An der Straße M7 von Nischni Nowgorod nach Moskau

Nachtrag für alle, die Freude an alten Büchern haben: Bei der Suche nach Informationen über Gorochowez stieß ich in Internet auf ein Buch mit dem Titel:

„Vollständige und neueste Erdbeschreibung des Russischen Reichs in Europa nebst Polen mit einer Einleitung zur Statistik des ganzen Russischen Reichs.  Bearbeitet von Dr. G. Hassel“. Erschienen 1821 in Weimar im Verlage des Geographischen Instituts.

Der 8. und der 9. Mai 2017 in Moskau

Die elfte Reise nach Moskau in den zweieinhalb Jahren unseres Russlandaufenthaltes galt der Feier des 8. Mai. Der erste Metro-Zug am Kursker Bahnhof in Moskau empfing uns martialisch mit Fotos und Plakaten zum Tag des Sieges: an den Türen Bilder von Waffen und russischen Soldaten aus dem 2. Weltkrieg und im Wagen Beschreibungen der großen siegreichen Schlachten. Allerdings haben wir bei den fünf weiteren Metro-Fahrten dies nicht mehr gesehen, da hing in den Wagen wie in der Vergangenheit vor allem Werbung, unter anderem für (billige?) Kredite mit 12,5 % Zinsen.

Die Stadt war für den großen russischen Feiertag üppig geschmückt. Das oft zu sehende offizielle Logo bestand aus den Worten „Tag des Sieges 9. Mai“ und dem Georgsband aus dem weiße Blüten wachsen. Groß prangte es auf den hellblauen Rückwänden der „Public Viewing“ Bildschirme für die Übertragung der Parade auf dem Roten Platz.

Das diesjährige Logo zum Tag des 9.Mai

In vielen Schaufenstern hingen kleinere Formate in verschiedenen Ausführungen. Wie immer bei solchen Festen waren in den Fußgängerzonen und auf den Plätzen viele Pavillons mit Cafés, Verkaufsbuden und kleine Bühnen aufgebaut. Im Rahmen des Moskauer Frühlings sangen an 49 Stellen in der Stadt a capella Gruppen. In der Nähe unseres Hotels ein georgisches Trio in landesüblicher Tracht mit den stilisierten Patronengürteln über der Brust.

Nach einem ausgezeichneten (frühen) Abendessen am Vorabend unseres Festes im besten usbekischen Restaurant Moskaus „Weiße Wüstensonne“ mit Plov, Reis und Fleischspießen – ohne die später dort zu bewundernde Bauchtänzerin – gingen wir in die Tschaikowski-Philharmonie am Triumphplatz zu einem Gala-Chorkonzert, das im Rahmen des 16. von Waleri Gergijew geleiteten Moskauer Osterfestivals (ХVI Сезон Пасхальный Фестиваль) stattfand.

Schlussauftritt aller Chöre im Tschaikowski-Saal

Aus Russland waren ein St. Petersburger und ein Moskauer Chor zu hören, die anderen Chöre kamen aus Sofia, Stockholm, Tiflis, Prag. Der tschechische Jugendchor aus Prag belebte das eher ernste Programm mit volkstümlichen Weisen und Tänzen. Besonders beeindruckte uns der georgische Jugendchor Mdslewari  (kein Tippfehler) mit seinen kräftigen Stimmen und ungewohnten, sich leicht reibenden Harmonien vor allem in den Oberstimmen. Auch sonst war das Programm sehr vielseitig, es reichte von einer achtstimmigen Madrigale von Diletzki aus dem 17. Jh. (gesungen von den dreizehn Sängern vom „Chor der sieben Heiligen“ aus Sofia), schwedischen Sommerliedern bis zu alten und modernen Kirchenliedern der russischen Ensembles. Am Schluss sangen alle Chöre stimmkräftig einen österlichen Choral „Christus ist auferstanden“.

Nach diesem gebührenden Auftaktabend wollten wir am nächsten Tag, unserem Festtag, die Mjasnizkaja Uliza mit ihren Jugendstil-Häusern, dem konstruktivistischen Centrosojus-Haus von Le Corbusier und dem vom Teehändler Perlowa errichteten Teehaus im chinesischen Stil ansehen. Wir gingen trotz schlechten Wetters los, doch es war – gelinde gesagt – wenig genussreich: die Schirme behinderten die Sicht und Fotografieren war wegen des Regens kaum möglich. Als es dann auch noch in dicken Flocken zu schneien begann, gaben wir auf und flüchteten –  weil Museen montags auch in Moskau geschlossen sind – zurück in unser Hotel Budapest. Die a capella Gruppen ließen sich offensichtlich weder vom Wind, noch von Schnee oder Kälte stören. Auf der Kusnetzski Most sangen junge Russen in Winterkleidung und geschützt von der Konzertmuschel vor einem spärlichen Publikum.

Rose lauscht unter blauem Schirm dem Gesang

Dennoch war der Tag für uns noch nicht verloren. Mitternacht war schon überschritten, als wir uns nach einem anregenden Abend mit Freunden bei leichtem Regen auf den Heimweg machten – zu Fuß, aus Drang nach Bewegung. Nachts sieht die Welt anders aus, vor allem wenn Straßenbauarbeiten auf dem Boulevardring zu Umwegen zwingen. Wir ahnten nicht, dass wir einen jungen Mann mit unserer Frage nach dem Weg glücklich machen. „Was, ihr seid Ausländer? Und ihr lauft hier nach Mitternacht bei Regen herum! Und wollt kein Taxi! Und sprecht Englisch?“ Da machte er buchstäblich einen Freudensprung. „Ich habe seit vielen Jahren kein Englisch mehr gesprochen. Darf ich euch ins Hotel begleiten?“ Er rief sofort seine Frau an und erzählte ihr von seinem Glück. Und dann umtanzte er uns förmlich, lief rückwärts vor uns her und radebrechte drauf los. Unbegreiflich für ihn, dass Deutsche aus Stuttgart keinen Porsche oder mindestens Mercedes fahren. Er bedauerte, uns sagen zu müssen, wie sehr er sich freue, dass Russlands Hockey-Team die Deutschen soeben 6 : 3 besiegt habe, und das ein Tag vor dem 9. Mai! Kurzweilig unterhalten und ziemlich durchnässt kamen wir nach einer dreiviertel Stunde schließlich in unser Hotel und so endete Roses Festtag, ihr halbrunder Geburtstag, vergnüglicher als es das unfreundliche Wetter erwarten ließ.

Stellwände mit Kriegserinnerungen auf dem Boulevardring, nachts um eins

Am Dienstag dann der 9. Mai, der Tag des Sieges, der große Feiertag in Russland! Der Rote Platz war weiträumig abgesperrt, selbst auf den Theaterplatz und auf die Twerskaja kam man, für uns unerwartet, nur mit einem Passierschein. So gelang uns auch kein Blick auf einen der Bildschirme, die wir tags zuvor gesehen hatten und damit auch nicht auf die Parade. Selbst „Безмертный Полк“, das „Unsterbliche Regiment“ blieb uns verwehrt. Bei diesem Umzug tragen die Teilnehmer Fotos der Gefallenen – und wie wir auf den Schildern gesehen haben – auch überlebender Kriegsteilnehmer des 2. Weltkrieges. Diese Erinnerung an die Angehörigen ist bei der Bevölkerung beliebter als die Militärparaden und findet in allen Städten statt. Auch in Nischni Nowgorod war der Zug – wie uns berichtet wurde – sehr eindrucksvoll.

Mit vielen anderen liefen wir zunächst etwas enttäuscht herum, vorbei an Händlern und kleinen Verkaufsständen, die Fahnen in den russischen Nationalfarben und mit dem 9.Mai-Logo anboten, sowie Georgsbänder und die typischen olivfarbenen Militärmützen, die Pilotkas (Пилотка). Das Wetter war sehr kühl und feucht, aber es regnete nicht immer.

Warten auf den Beginn des Umzuges oder auch ohne Passierschein?

Nachdem wir eine der nicht geschlossenen Metrostationen gefunden hatten, fuhren wir zur „ВДНХ“, der früheren „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“. Auf einem Gelände in der Größe einer Weltausstellung stellte sich jede Republik der Sowjetunion in einem eigenen Pavillon vor, der meist ein riesiges Gebäude war. Jetzt wird der Park für Ausstellungen, für die Erholung und für Messen genutzt.

Ausstellungsgebäude im БДНХ-Park: „Russland – Meine Geschichte“

Von der Metrostation läuft man gut eine halbe Stunde vorbei an dem Kosmonauten-Denkmal bis zum Ausstellungspavillon für die Geschichte Russlands, die dort wird in drei Teilen behandelt wird: die Dynastien der Ruriks, der Romanows und die Zeit der Sowjetunion von 1917 bis 1945. Ein weiterer Abschnitt, von 1945 bis 2000, wird noch in diesem Jahr eröffnet. Mit einem Audioguide in Englisch war die Ausstellung auch für mich höchst interessant. Auf einer als Zeitleiste gestalteten Wand sind die Ereignisse chronologisch dargestellt, davor interaktive Bildschirme, auf denen man in Russisch detaillierte Informationen abrufen kann. Auf der gegenüberliegenden Seite Schautafeln mit Statistiken, Texten und Fotos zu Personen und Ereignissen und immer wieder interaktive Bildschirme. In kleineren Räumen laufen Filme oder es werden einzelne Themen behandelt. Regelmäßig gibt es für bestimmte Zeitabschnitte eine Graphik, in der die Fläche, die Einwohnerzahl und das Bruttoinlandsprodukt der Sowjetunion dargestellt sind. Alles sehr informativ, modern präsentiert; es ist verständlich, dass russische Freunde dort einen ganzen Tag verbrachten.

Infographiken über Fläche, Einwohnerzahl und Bruttoinlandsprodukt 1940 und 1945

Als ein weiteres Beispiel für die Art der Darstellung ein Ausschnitt der Zeitleiste vom Sommer 1939. Unter anderem sind da aufgeführt: Der Molotow-Rippentrop-Vertrag vom 23. August, der Beginn des 2. Weltkrieges am 1. September, die Besetzung der Westukraine und Weißrusslands durch die Rote Armee am 17. September und der Russisch-Finnische Krieg vom 30. November bis 12. März 1940.

Der Sommer 1939 in der Ausstellung

Glücklich erreichten wir abends unseren Zug nach Nischni am Kursker Bahnhof. Glücklich, weil wir trotz des nassen und kalten Wetters und des für uns nicht zugänglichen Stadtzentrums wieder viel Interessantes in Moskau erlebt hatten, aber auch glücklich, dass wir den Zug trotz eines großen Umweges gerade noch erwischten. Denn leider hatten uns nicht einmal die Wachtposten sagen können, wann und wo die Absperrungen aufgehoben werden und welche Metrostationen geschlossen sind. Der Zug fuhr ab, zwei Minuten nach dem wir eingestiegen waren.

Erster Raum der Ausstellung: Ende des Zarenreiches

Karte mit den Lagern des Gulag 1946, Zahl der Häftlinge: 1 355 739

Maiakowski Denkmal am Triumph Platz (7. Mai 2017)

Mit allen Symbolen ausgestattet: Fahne mit Logo, Georgsband und Käppi

Partisanen, Foto von der Plakatwand am Boulevardring 

Schulnotizen zum 9. Mai

Meine Schüler haben durchweg ein unambivalentes Verhältnis zum 9. Mai: ‚Es ist ein sehr schöner und großer Feiertag‘. ‚Wir sind stolz und dankbar, dass unsere Urgroßeltern das Land von den Faschisten befreiten.‘ ‚Wir möchten uns erinnern, und ihnen danken.‘

Wie sie mit ihren Familien den Tag verbringen? Sie legen Blumen am ewigen Feuer im Kreml nieder, schauen die Moskauer Parade im Fernsehen an, essen gut, sehen mit der Familie alte Fotoalben an, singen Kriegslieder. Wobei man wissen muss, dass diese Lieder nichts Chauvinistisches haben. Das berühmteste, „Katjuscha“ ist auch in Deutschland bekannt und hat Volksliedcharakter. Es erzählt von der treuen Geliebten, Katjuscha, die die Liebe schützt, während ihr Geliebter das Vaterland beschützt. Meistens aber sind die Lieder von einer tiefen Trauer (über den Sohn, Mann, Vater, der nicht aus der Schlacht zurückkam (»Он не вернулся из боя…»). Sie handeln von der Anonymität des Sterbens («На братских мотилах не ставят крестов»), von Opferbereitschaft, Kameradschaft, Tapferkeit.

Letztes Jahr besuchten wir ein Konzert von Kriegsliedern in der Oper. Dies ist der passende Rahmen. Hier wird keine Marschmusik gespielt, eher Romanzen und Chansons. Oft sind sie voller Poesie. Um die Stimmung zu zeigen, möchte ich hier eines der berühmtesten Lieder von Mark Bernes abdrucken, das kongenial ins Deutsche übersetzt wurde. Man kann es gleichzeitig unter folgendem Link als YouTube Film anschauen und hören:

https://www.youtube.com/watch?v=XZZHISSfHv4

Zhuravli (Журавли)

Мне кажется порою, что солдаты,

С кровавых не пришедшие полей,

Не в землю нашу полегли когда-то,

А превратились в белых журавлей.

 

Они до сей поры с времен тех дальних

Летят и подают нам голоса.

Не потому ль так часто и печально

Мы замолкаем, глядя в небеса?

 

 

Летит, летит по небу клин усталый,

Летит в тумане на исходе дня,

И в том строю есть промежуток малый,

Быть может, это место для меня.

 

Настанет день, и с журавлиной стаей

Я поплыву в такой же сизой мгле,

Из-под небес по-птичьи окликая

Всех вас, кого оставил на земле.

 

 

Мне кажется порою, что солдаты,

С кровавых не пришедшие полей,

Не в землю нашу полегли когда-то,

А превратились в белых журавлей..

———————————

 

Автор текста: Расул Гамзатов

Композитор: Ян Френкель

Исполняет: Марк Бернес

 

Kraniche

Ich denke manchmal, unsere Soldaten –

dahingemäht auf blutdurchtränktem Feld –

Ruh’n nicht, wo Kameraden sie verscharrten:

Sie sind nun Kraniche am Himmelszelt.

 

Laut rufend zieh’n sie ständig ihre Bahnen

Als weiße Kraniche seit eh und je.

Und weil wir unbewusst die Nähe ahnen

Schau’n wir betrübt und schweigend in die Höh‘

 

Dort fliegen sie und fliegen, unsre Lieben

Im Nebel bis ans Ende ihrer Zeit.

Ein kleiner Zwischenraum ist nur geblieben –

Vielleicht hält man den Platz für mich bereit?

 

 

Dann zög‘ auch ich an trüben, grauen Tagen

mit ihrem Schwarm, der mir die Richtung wies,

Würd‘ aus der Höhe vogelartig klagen

Euch rufend, die auf Erden ich verließ.

 

Ich denke manchmal, unsere Soldaten-

dahingemäht auf blutdurchtränktem Feld –

ruh’n nicht, wo Kameraden sie verscharrten:

Sie sind nun Kraniche am Himmelszelt.

 

 

Autor des Textes: Rasul Gamzatow

Komponist: Jan Frenkel

Interpret: Mark Bernes

 

 

Nicht so poetisch, aber sehr pazifistisch ist auch das Lied „Für den Rest des Lebens“ – «На всю оставшуюся жизнь»

https://www.youtube.com/watch?v=EwMna0eDdvw

Автор: В.Баснер—П.Фоменко,Б.Вахтин

Альбом: Звездопад

 Сестра,ты помнишь как из боя Меня ты вынесла в санбат? Остались живы мы с тобою В тот раз, товарищ мой и брат. На всю оставшуюся жизнь Нам хватит подвигов и славы, Победы над врагом кровавым,- На всю оставшуюся жизнь. 

 

 

Горел Днепр, Нева и Волга, Горели небо и поля… Одна беда, одна тревога, Одна судьба, одна земля… На всю оставшуюся жизнь Нам хватит горя и печали. Где те, кого мы потеряли На всю оставшуюся жизнь? 

 

 

Сестра и брат…Взаимной верой Мы были сильными вдвойне. Мы шли к любви и милосердию В немилосердной той войне. На всю оставшуюся жизнь Запомним братство фронтовое, Как завещание святое На всю оставшуюся жизнь.

 

 

 

 

 

Schwester, erinnerst du dich, wie du mich auf der Bahre aus der Schlacht getragen hast? Dieses Mal sind wir am Leben geblieben, wir zwei, und auch mein Kamerad und Bruder.

Für den Rest des Lebens

Haben wir genug von Heldentaten und Ruhm,

vom Sieg über den blutigen Feind,-

für den Rest des Lebens.

 

Es brannte der Dnepr, die Newa und die Wolga, es brannten der Himmel und die Felder…

Nur Leid, nur Аngst,

nur Schicksal, nur Erde…

Für den Rest unseres Lebens

Reichen uns der Schmerz und die Trauer.

Wo sind die, die wir verloren haben

Für den Rest unseres Lebens?

 

Schwester und Bruder….im gegenseitigen Glauben waren wir doppelt so stark.

Wir gingen zu Liebe und Barmherzigkeit

In diesem erbarmungslosen Krieg.

Für den Rest unseres Lebens

Erinnern wir uns an die Brüderlichkeit an der Front, wie ein heiliges Vermächtnis

Für den Rest unseres Lebens.

 Alles in allem ist der 9. Mai ein heiliger Feiertag. Es geht es hier um große Gefühle.

Aber es gibt noch andere Aspekte. Meine Geschichtslehrer-Kollegin beklagt, dass die Schüler in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg voller Emotionen, aber ohne Wissen sind. Andere Kollegen haben ein gespaltenes Verhältnis zu den Paraden, die in postsowjetischer Zeit 2005 wiederaufgenommen wurden und wuchtige Demonstrationen militärischer Stärke darstellen. Freunde kritisieren die Militarisierung schon im Kindergarten, wo die kleinen Jungen in Soldaten- und die kleinen Mädchen in Krankenschwester-Uniformen zum Erinnerungsfoto aufgestellt werden. Oder den seit einiger Zeit öfter zu hörenden Spruch: »Можем повторить» – „Wir können das wiederholen.“ 

Das Wachpersonal an unserer Schule sind durchweg Armee- (nicht Kriegs-) Veteranen. Einer von ihnen besuchte auch unser Stück „Komm wieder, aber ohne Waffen“ und war zutiefst beeindruckt. Am 7. Mai schenkte er mir zwei Pralinen mit dem Kommentar: Frau Rosa, früher haben wir euch verdroschen, aber jetzt möchte ich Ihnen das schenken, «от душы» – aus tiefster Seele.