Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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Unser Russland-Abenteuer ist zu Ende

Eigentlich sollte der lange Bericht über unsere Kamtschatka-Reise der letzte sein. Aber wir haben in den letzten Wochen unseres Aufenthaltes in Nischni Nowgorod und dann an den drei Tagen in Moskau noch mehr oder weniger Bedeutendes erlebt, was uns so interessant erscheint, dass wir einiges davon berichten müssen/wollen.

Zu einem Abenteuer der besonderen Art entwickelte sich das Aufgeben eines Postpaketes mit Kleidung, Büchern und anderem Umzugsgut nach Deutschland. Wir hätten gewarnt sein können, denn „in Russland gibt es zwei Filialen der Hölle“, sagte Witali, unser Reiseführer auf Kamtschatka, „die Polikliniken und die Post“. Auf dem Postamt wurde alles, wirklich alles, was in das Paket kam, gezählt und gewogen: Ein Paar Schuhe 850g, 8 Stück Kosmetika 900g, 2 Souvenirs 500g, 50 Stück Kleidung 7,3 kg, 16 DVD 400 g, 30 Bücher 12,3 kg usw. usw. Die hinter uns Wartenden waren ebenso geduldig wie die uns bedienende Beamtin, die freundlich und entspannt die langwierige Prozedur abwickelte und immer mal unterbrach, wenn sie ihren Chef fragen ging, ob Medikamente verschickt werden dürfen (nein) oder wie Bücher zu behandeln sind. Letzteres fragte sie erst am Schluss und kam mit der Antwort zurück, dass Bücher getrennt verschickt und an einem eigenen Schalter aufgegeben werden müssen. Das hieß noch einmal Umpacken und noch einmal Anstellen. Dann wurden pro Sendung drei Formulare ausgefüllt, Adressen gedruckt und aufgeklebt. Nach fast eineinhalb Stunden verließen wir erleichtert die „Filiale der Hölle“. Die Pakete sollten in zwei Wochen bis in zwei Monaten in Erlangen ankommen. (Tatsächlich trafen sie schon nach zwei Wochen am Zollamt in Erlangen ein. Leider ist wohl bei einer nochmaligen russischen Kontrolle das Päckchen mit dem Iwan-Tee nicht wieder richtig verschlossen worden. Als ich das Paket vor dem Zöllner öffnete, stieg eine Duftwolke empor. In allen Kleidern steckten die kleinen Tee-Körnchen.)

Um im Bild zu bleiben: In Russland gibt es auch „Filialen des Himmels“. Eine davon erlebten wir am Sonntag (13. August) in Arsamas, einer 95 km südlich von Nischni liegenden Stadt. Dort war Kyrill I., der „Patriarch Moskaus und ganz Russlands“ zu Besuch. Nach einer Messe in der Kathedrale weihte er ein Denkmal zum 150. Geburtstag des in Arsamas geborenen Patriarchen Sergej (1867 – 1944) ein. Ein großes kirchliches Ereignis, vergleichbar mit einem Papstbesuch bei uns in Deutschland. Und wir waren mitten drin!

Zu verdanken hatten wir das „unserer“ Kira, der Kantorin der Alexander-Newski-Kathedrale, deren Chor bei den Feierlichkeiten sang. Mit dem Chor gelangten wir mit in die Auferstehungskathedrale. Diese und die umliegenden Plätze der Stadt waren weiträumig abgesperrt, nur durch Sicherheitsschleusen und nach Taschenkontrollen durch die reichlich vorhandene Polizei und andere Sicherheitsleute zugänglich. In der Kirche standen wir mit dem Chor nahe bei dem freigehaltenen Raum vor dem Ikonostas, vermutlich beneidet von den Massen an Gläubigen, die sich hinter den Absperrungen in der Kathedrale drängten und auf dem großen Platz davor, wo die Messe auf Großleinwand übertragen wurde.

Vor dem Gottesdienst in der Kathedrale von Arsamas

Während des Gottesdienstes

Während des Gottesdienstes war uns die Sicht durch die vielen Priester und Diakone versperrt, die sich in goldfarbigen Gewändern in langen Reihen aufstellten. In der Feier  verhielten sie sich für unser Empfinden entspannt und eher locker. Immer wieder mal verließ einer von ihnen seinen Platz, umarmte Freunde und Bekannte und plauderte kurz mit ihnen. Einer holte das Handy hervor, fotografierte seinen Patriarchen und den Chor hinter sich.

Kira in Aktion

Wir standen über vier Stunden neben dem Chor und überstanden die vier Stunden gut, gefangen von der feierlichen Atmosphäre und vor allem eingehüllt von den Gesängen des Chores und der Priester. Kira leitete den Chor energisch, unterstützt von ihrem Mann, einem ranghohen Geistlichen, der immer zum Altar blickte und ihr das Signal zum Einsatz gab.

Übergabe einer Ikone an die Gemeinde durch Patriarch Kyrill

Am Schluss folgte, wie in der orthodoxen Kirche üblich, eine Predigt. Der Patriarch sprach über das Leben von Sergej I., der in der Stalinzeit eine schwere, nicht unumstrittene Rolle zu spielen hatte. Kyrill übergab der Gemeinde eine Ikone von Sergej. Danach wurde mit einem im Wechselgesang oft wiederholten Ruf „Gratios, Gratios“ die lange Feier beendet.

Mittagessen in einer Kapelle

Der Chor – und damit auch wir – waren zu einem Mittagessen in einer innerhalb des abgesperrten Bereiches liegenden Kapelle eingeladen.

Straße in Arsamas

Den Nachmittag nutzten wir zu Spaziergängen durch die typisch russische Kleinstadt (105000 Einwohner) mit den flachen Häusern an breiten Straßen. Nach der Einweihung des Denkmals ging es in einem langen Stau zurück nach Nischni Nowgorod.

Noch ein paar Beobachtungen zu anderen Themen:

Überraschend hörte ich im Fitness-Center Fiskult zum ersten Mal deutsche Musik aus den Lautsprechern, die in den drei vergangenen Jahren den Raum sonst mit englischsprachigem und manchmal russischem Pop oder Rock ausfüllten. „Rosenrot, oh Rosenrot – tiefe Wasser sind nicht still“. klang es bedrohlich in dem dumpfen Sound der Band Rammstein. Wikipedia schreibt dazu: „Die zur „Neuen deutschen Härte“ zählende Gruppe Rammstein wird – obwohl bis heute immer wieder kontrovers betrachtet – mittlerweile in der internationalen Medienlandschaft mehrheitlich als einer der wichtigsten musikalisch-zeitgenössischen „Kulturexporte“ Deutschlands gesehen“. (Ende des bemerkenswerten Zitats). Wir haben häufig Plakate von deutschen und westlichen Rock- und Popbands gesehen, Beispiel „Skorpions“. Auch dieser Kulturaustausch klappt wenigstens noch in der verfahrenen politischen Situation.

Ankündigung eines Konzertes der Scorpions für den 9. November. Aufgenommen am 25. Juni 2017 in Jekaterinburg/Sibirien

Hier in Nischni sind in den drei letzten Jahren viele neue Wohnhäuser, einige Hotels und Einkaufszentren entstanden, denen die an Basare erinnernden Märkte und die alten typischen Holzhäuser weichen müssen. Ein besonders prächtiges davon fiel uns schon im Herbst 2014 mit dem Graffitispruch auf: „Дай жильё! Мы люди, а не крысы. – Gebt uns Wohnraum! Wir sind Menschen und keine Ratten“. Dieses Haus an der Slawanskaja Straße (Славанская Улица) und die Graffiti daran sind noch unverändert – ich habe es bei einem Abschiedsgang durch die Stadt wiederentdeckt.

Graffiti: Gebt uns Raum! Wir sind Menschen und keine Ratten.

Ab 15. August wurden die Fahrpreise für den öffentlichen Nahverkehr drastisch erhöht, jetzt kostet eine Fahrt mit Bussen und Bahnen 28 Rubel, bisher waren es 20 Rubel, bei der Seilbahn nach Bor 100 statt bisher 90 Rubel. Eine bessere Nachricht, wenn auch für uns ohne direkte Bedeutung, aber für die Stadt wichtig: die neue Wolgabrücke wurde dem Verkehr übergeben. Ein Segen für die Autofahrer in Richtung Norden.

Ein letzter Blick auf Oka, Wolga und die Strelka mit der Alexander-Newski-Kahtedrale in Nischni Nowgorod

Unsere letzten Abende in der schönen Stadt nutzten wir zu Abschieds-Spaziergängen an die von uns besonders geliebten Orte, an erster Stelle an das Oka-Ufer. Wie oft haben wir in den letzten drei Jahren dort gestanden und die majestätischen Flüsse bestaunt, die je nach Jahreszeit, Wetter und Sonnenstand anders aussahen. Wir bekamen eine Ahnung davon, was die Maler „das russische Licht“ nennen. Der Blick in die Ferne, die ruhige Stimmung, die Weite der Landschaft, das ist es, was wir vermissen werden.

Zum Abschluss unserer drei Jahre in Russland waren wir noch einmal drei Tage in Moskau, dieser unglaublichen, aufregenden und widersprüchlichen Stadt. Es war unser dreizehnter Besuch, aber der erste im Sommer.

Moskau: Warten auf den Einsatz

Moskau glich einer einzigen Baustelle. Viele Straßen und Bürgersteige wurden neu gepflastert, wohl schon als Vorbereitung auf den 760. Geburtstag der Stadt oder auf die WM 2018, auf das Ereignis des nächsten Jahres. Die kurze Taxi-Fahrt vom Kursker Bahnhof zu unserem Stamm-Hotel Budapest dauerte lange, Stau reihte sich an Stau.

Die Bürgersteige werden mit eleganten Platten belegt

Der Rote Platz war von einer riesigen Bühne für das Militärmusikfestival Spasskaja Baschnaja (Спасская Башная, benannt nach dem Kremlturm) am folgenden Wochenende vollgestellt. Es wurde schon eifrig geprobt. 22 Musik- und Folkloregruppen aus 12 Ländern nahmen teil, darunter auch deutsche und ukrainische (lt. Russischen Nachrichten). Im abgesperrten Gelände sahen wir eine Biker Gruppe (oder waren es zwei?) mit der schweizerischen und der australischen Flagge. Als Star im Eröffnungskonzert war Mireille Mathieu angekündigt.

Auf der Großen Moskwa Brücke standen an der Gedenkstelle für Nemzow noch immer Blumen, Fotos und ein Schild mit der Zahl der seit dem Mord vergangenen Tage: 909. Die Initiative will erreichen, dass die Brücke in Nemzow-Brücke umbenannt wird.

Seit dem Mord an Nemzow sind 909 Tage vergangen

Die drei Tage in Moskau nutzten wir bei angenehmem Sommerwetter zu Ausflügen in Parkanlagen und in die Umgebung.

Eine halbstündige Fahrt mit der Metro brachte uns vom Theater-Platz (Театралнaя Плошадь) zur Station Zarizyno (Царицыно), von der man in wenigen Minuten den gleichnamigen großen Park erreicht, in dem ein Schloss Katharinas der Großen steht. Der Park ist eines der beliebtesten Ausflugsziele der Moskauer, er soll an den Wochenenden überfüllt sein. Davon war bei unserem Besuch, einem Dienstag, nicht die Rede. Auf 25 ha gibt es zwei große Teiche, einen englischen Garten, einen Wald und auf einem Hügel das Schloss. Nach den anstrengenden Tagen in Nischni verbrachten wir dort ein paar entspannende Stunden im Museum über das Leben Katharinas, auf Spazierwegen und auf einer Wiese unter Bäumen, von der aus wir die Springbrunnen der Musikinsel sehen und klassischer Musik lauschen konnten.

See im Park Zaryzino

Das Schloss, das Katharina nie bewohnt hat

Dieser Park hat eine eigenartige Geschichte. Katharina wollte vor den Toren Moskaus eine Sommerresidenz errichten. Das vom Architekten Baschenow gebaute Schloss gefiel ihr nicht, sie ließ es 1785 wieder abreißen. Auch der zweite Versuch des Architekten Kasakow fand wenig Gefallen bei ihr, sie verlor das Interesse und die Arbeiten wurden 1793 eingestellt. Das Hauptgebäude, ein paar Pavillons und Brücken blieben halbfertig stehen. Kaum zu glauben, welche Launen sich eine Herrscherin damals leisten konnte! Im 19. Jh. wurden einige kleinere Gebäude im neogotischen Stil fertiggestellt, die Ruinen und der Park entwickelten sich zu einem beliebten Ausflugsziel. Nachdem ab 1858 hier Land für die Errichtung von Datschen freigegeben wurde, wurde Zarizyno zum Sommerdomizil für namhafte Persönlichkeiten aus Aristokratie und Kunst, u.a. Iwan Bunin und Andrej Bely. Auch Peter Tschaikowski und Anton Tschechow weilten hier, angezogen durch die romantischen Ruinen. Erst Anfang dieses Jahrtausend ließ die Moskauer Stadtverwaltung den Park und die Gebäude sanieren.

„Neben“gebäude in Zaryzino

Launen der Herrschenden gab es nicht nur bei den Zaren, die zeigten auch die neuen Herrscher nach der Oktober-Revolution, wie wir im Lenin- Museum in Gorki Leninskie (Горки Ленинские) mit einiger Verwunderung erleben konnten.

Die Anfahrt dahin entwickelte sich zu einem spannenden Erlebnis, weil wir wegen eines Missverständnisses mit dem Busfahrer über unser Ziel hinausfuhren. Der aus dem nächsten Ort gekommene Taxifahrer „weigerte“ sich, uns zum Lenin-Museum zu bringen, denn die Autostraße mache einen 10 km langen Umweg, was teuer sei, während es einen viel kürzeren Trampelpfad durch Gestrüpp gebe.

Rose in den russischen Wäldern

Er fuhr uns ein paar Meter zum Beginn des Trampelpfades, wo er uns absetzte, uns auf der anderen Seite eines tiefen Tales unser Ziel, den alten Herrensitz, zeigte und sich mit einem freundlichen „Do Swidanja“ das Geschäft einer längeren Fahrt entgehen ließ. Auf dem schmalen Weg durch Brombeerengestrüpp und Brennnesseln gelangten wir dann wohlbehalten zu Lenins Wohnsitz, dem heutigen Lenin Museum.

Hauptgebäude in Lenins Vorstadtresidenz

Lenin beschlagnahmte 1918 das der Familie Morosow-Reinbot gehörende Herrenhaus als Vorstadtresidenz für sich, was den Vorteil hat, dass es von den Bolschewiki nicht geplündert wurde und dort Möbel und Einrichtungen vom Beginn des 20. Jh. erhalten sind. Man kann sehen, in welchem Luxus die reichen Leute damals lebten und darüber staunen, dass dem auch der Führer der Weltrevolution nicht abgeneigt war. Alle Räume waren äußerst geschmackvoll eingerichtet. Lenin verbrachte hier während seiner Krankheit die letzten Monate seines Lebens, er starb am 21. Januar 1924.

Gorki Leninskie, das früher Wyschnie Gorki hieß, liegt 35 km südlich von Moskau und Lenin brauchte natürlich ein Auto, um zwischen den Orten pendeln zu können. Dazu kaufte er in England einen Rolls Royce Silver Ghost, den er für den Winter mit Raupenketten und Skiuntersätzen an den Vorderrädern ausrüsten ließ. Der Silver Ghost war das schnellste, leiseste und teuerste Auto der damaligen Zeit. Es fuhr im Originalzustand 125 km/h, mit den Raupenketten maximal 60 km/h und verbrauchte dabei 37 Liter Benzin pro 100 km. Uns kam anlässlich dieses Luxus unwillkürlich der Roman „Animal Farm“ von George Orwell in den Sinn, in dem es heißt „Alle Tiere sind gleich, manche sind gleicher“. Er schildert darin, dass die Anführer einer Revolution die Forderung nach Gleichheit schnell vergessen, wenn sie erst einmal an der Macht sind.

Lenins Rolls Royce „Silver Ghost“

In einiger Entfernung vom Herrensitz entdeckten wir unter dem Motto „Monumentale Propaganda in der SSSR“ eine interessante Ausstellung. Zum einen etwa 20 Skulpturen aus der Sowjetzeit, 15 Mal Lenin in allen bekannten Posen, drei von Stalin und je eine von Marx und von Engels. Zum anderen waren Schautafeln aufgestellt, die zeigten, wie Fotos in der Stalinzeit der politischen Opportunität angepasst, also gefälscht wurden. Unliebsam gewordene Personen, die nicht mehr mit Stalin oder Lenin gezeigt werden sollten, wurden aus der Aufnahme entfernt. Auch dieses erinnert an einen Roman von Orwell, an „1984″.

Gefälschte Fotos und ihre Originale

Unser letzter Ausflug in die Umgebung ging nach Peredelkino, einer Siedlung mit etwa 50 Datschen für verdiente Dichter und Schriftsteller der Sowjetunion. Wir fuhren die 20 km vom Kiewer Bahnhof mit einer „Elektritschka“, einem Vorortzug, hin und zurück für 64 Rubel, also für knapp einen Euro.

In der Elektritschka von Peredelkino nach Moskau

Die Datschen sind hier große Holzhäuser auf parkähnlichen, einen Hektar großen Grundstücken, bei deren Betreten man sofort von der ruhigen, besinnlichen Atmosphäre eingefangen wird. Hier könnte man die Muße finden zum Dichten und Schreiben – wenn es der politische Druck zulässt!

Datscha von Boris Pasternak

Das Haus von Boris Pasternak, dem Autor von Dr. Schiwago, ist als Museum eingerichtet. Man kann die Räume ohne Führung besichtigen, allerdings gefolgt von einer streng blickenden Aufpasserin. Die Einrichtung ist sehr spartanisch. Pasternak hatte in seinem Arbeitszimmer außer der Bibel und einem deutschen Wörterbuch keine Bücher. Er meinte „Ein Stuhl, ein Tisch, ein Bett, mehr braucht ein Dichter nicht – das weitere muss die Fantasie machen“.

Pasternak feiert den Nobelpreis für Literatur 1958

Nach der durch Chrustschow erzwungenen Ablehnung des Literatur-Nobelpreises 1958 erkrankte Pasternak an Lungenkrebs, er starb am 30. Mai 1960. Der seelische Druck war zu groß. Obwohl sein Tod offiziell verheimlicht wurde, kamen 5000 Menschen zu seiner Beerdigung.

Datscha von Tschukowski

Nicht weit entfernt das Haus von Kornej Tschukowski, einem der bekanntesten sowjetischen Kinderbuchautoren. Dieser folgte dem Aufruf Stalins und Gorkis, gute Kinderbücher zu schreiben – und blieb sein ganzes Leben dabei. „In der Stalin-Epoche geriet Tschukowski mit seinen Werken bei den Machthabern in Ungnade – auch und insbesondere mit etlichen seiner Kinderbücher, da unter anderem das Märchen von dem Riesenkakerlak von einigen regimetreuen Kritikern jener Zeit als ein Pamphlet gegen Stalin angeprangert wurde. Viele Werke Tschukowskis wurden daher verboten und erst in der Tauwetter-Periode nach Stalins Tod und der Machtergreifung Nikita Chruschtschows wieder freigegeben.“ (Wikipedia) 

Sein erstes Kinderbuch schrieb er schon 1916, es hieß „Das Krokodil“. Dieses wandert durch Russland und stellt so den jungen Lesern ihre Heimat vor. Hier konnten wir das Haus nur mit einer Führung besichtigen, die eine junge Frau in gutem Englisch lebhaft gestaltete. Alle Zimmer waren voller Bücher, seine eigenen, die in viele Sprachen übersetzt wurden, Bücher von Walt Whitman, die er ins Russische übersetzte, Bücher von befreundeten Schriftstellern, die Bücher, die er in den Wochen vor seinem Tod las…. Tschukowski pflegte enge Beziehungen zu Schriftstellern in Japan und in den USA. Er war auch mit Solschenizyn befreundet, der viele Jahre im Gulag verbrachte und vor seiner Ausbürgerung mehrere Wochen in Tschukowkis Datscha lebte.

Foto von Solschenizyn in Tschukowskis Bücherschrank

 

Wir verließen diese besondere Datschensiedlung mit gemischten Gefühlen: einerseits die idyllischen Häuser, Parks und Gärten, Orte der Besinnung und des schöpferischen Schaffens, andererseits der politische Druck, der die Bewohner zur Systemtreue zwang.

Die drei Tage in Moskau haben uns noch einmal den Zwiespalt zwischen der Politik der Regierung(en) und dem alltäglichen Leben der Menschen bewusstgemacht, in der Vergangenheit und heute. Die auffallend vielen, immer großen chinesischen Reisegruppen waren nicht zu übersehen. Ausschilderungen in Geschäften und auf den Speisekarten findet man inzwischen öfter in Chinesisch als in Englisch. Beides ist ein Zeichen für die Öffnung Russlands nach China, weg von Westeuropa, das – für uns unbegreiflich – dieser Entwicklung tatenlos zuschaut. Dabei sagen viele Russen selbst, dass sie zwar anders seien als die „Europäer“, aber sich in Kultur und Geschichte dem nahen Westen viel näher fühlen als dem fernen Osten.

Auf dem Boulevard-Ring war eine von der Stadt Moskau veranstaltete Ausstellung zur Geschichte der Russischen Eisenbahn zu sehen. Dort gab es auch ein Bild von der am 17. Dezember 2016 erfolgten Eröffnung der Zugverbindung Moskau – Berlin mit dem Zug „Strisch“, zu Deutsch „Mauersegler“. Ist das eine letzte Schwalbe der besseren Beziehungen zu Deutschland vergangener Jahre oder doch ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft? (Für die Ornithologen: Ich weiß, dass Mauersegler keine Schwalben sind.) Ob man heute noch einmal so ein Projekt beginnen würde?

Eröffnung der Zugverbindung Moskau – Berlin 2016

Wir waren auch hier in Moskau wieder berührt von der freundlichen Haltung vieler Russen gegenüber Deutschland. Oft hörten wir „Deutschland gut“, wenn wir erkannt wurden. Dies erlebten wir auch in Nischni bis zum letzten Tag immer wieder. Da haben die Verbrechen, die im Zweiten Weltkrieg verübt wurden und die Leiden, die Deutschland über die russischen Menschen gebracht hat, keinen Hass hinterlassen, auch wenn nichts vergessen ist. Und leider spüren wir auf deutscher Seite oft Ablehnung, Skepsis, Angst vor den Russen oder eine Haltung der moralischen Überlegenheit. Die drei Jahre in Russland haben uns gezeigt, dass dies falsch ist. Deshalb halten wir die persönlichen oder kommunalen Kontakte für so wichtig. Sie können mithelfen, eine Grundlage für bessere Beziehungen unserer beiden Länder zu schaffen. „Ich möchte nicht, dass meine Enkel einst in einem Europa leben, das nur noch ein amerikanischer Brückenkopf in einem chinesisch-russischen Eurasien ist. Ich möchte nicht, dass alter Hass und neuer Unverstand Russland in eine Allianz treibt, die es nicht will und die Europa extrem verletzbar und abhängig machen müsste“. Erhard Eppler in seiner Rede vom 22.6.2016 zum 75. Jahrestag des Beginns des Russland-Feldzuges.

Unser Russlandabenteuer hat ja noch handfeste Nachwirkungen: Im Oktober kommen die Schüler des Gymnasiums Nr. 1 aus Nischni Nowgorod mit dem Theaterstück „Komm wieder – aber ohne Waffen“ zu einer Tournee nach Deutschland. Die Termine für die Aufführungen werden wir noch mitteilen. Jeder ist herzlich eingeladen.

 

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Mit der Transsib nach Nowosibirsk

Wir sind zurück von unserer großen Reise nach Kamtschatka, das neun Zeitzonen östlich von Nischni Nowgorod liegt. Um die Zeitumstellung besser zu verkraften und etwas von Sibirien zu sehen, fuhren wir mit der Transsib bis nach Nowosibirsk. Von dort flogen wir nach Petropawlowsk-Kamtschatka. In Jekaterinburg und in Omsk unterbrachen wir die Zugfahrten für kurze Aufenthalte.

Nach 21 Stunden Fahrt mit der Transsib ab Nischni Nowgorod erreichten wir morgens um 3.22 Uhr (Ortszeit) Jekaterinburg, das 40 km östlich des Ural liegt, der imaginären Grenze zwischen Europa und Asien. Die Stadt wurde 1723 von Peter I. gegründet, um Industrie zur Ausnutzung der Erz- und Edelstein-Vorkommen anzusiedeln. Daher finden sich dort heute noch viele Wohnhäuser und Fabrikbauten aus dem 18. und 19.Jh., die zusammen mit konstruktivistischen Gebäuden aus den 20er und 30er Jahren ein charakteristisches Stadtbild ergeben. Bis 1991 hieß Jekaterinburg Swerdlowsk. Es war wegen der Waffenindustrie eine geschlossene Stadt.

Alter Fabrikbau in Jekaterinburg

Jugendstil-Holzhaus

Schmiedeeiserenes Geländer am Städtischen Teich, im Hintergrund die „Kathedrale auf dem Blut“

Am 17. Juli 1918 wurde im Haus des Kaufmanns Ipatjew der letzte russische Zar Nikolaus II. zusammen mit seiner Frau, vier Töchtern und dem Kronprinzen sowie vier Bediensteten von den Bolschewiken erschossen. Die Toten transportierte man an den Stadtrand, begoss sie in der Grube Ganina Jama mit Schwefelsäure und verbrannte sie. Die Leichen wurden in einem Massengrab beerdigt, der Boden wurde befestigt, in dem man LKWs darüberfahren ließ. So hoffte man, jegliche Spuren der Zarenfamilie und die Erinnerung an sie ausgelöscht zu haben. Das misslang gründlich.

1977 ließ Boris Jelzin, damals Parteichef des Oblasts Jekaterinburg auf Anordnung des Politbüros, das Ipatjew-Haus in einer Nacht unangekündigt abreißen, um zu verhindern, dass hier eine Erinnerungsstätte an den Zaren entsteht. Bemerkenswert: Nach 60 Jahren kommunistischer Diktatur und Propaganda, also nach zwei Generationen, sieht man sich veranlasst, dieses Haus in einer Nacht- und Nebelaktion zu beseitigen. 1979 gab es von privater Seite heimliche Grabungen im Wald, bei denen Skelettteile und Stoffreste gefunden wurden. Die Menschen wussten also, wo sie graben müssen, um etwas zu finden. Und sie hatten den Mut, dieses damals höchst illegale Werk zu unternehmen. Die Erinnerung an den Zaren war nicht verschwunden.

1991, nach dem Ende der Sowjetunion, wurden zunächst neun Skelette ausgegraben und genanalytisch eindeutig den Ermordeten zugeordnet. Zwei fehlten: der Kronprinz Alexej und seine Schwester Maria, was zu Spekulationen Anlass gab, sie hätten das Massaker überlebt. Aber später wurden an einer anderen Stelle Knochen der beiden fehlenden Opfer gefunden und ihre Zugehörigkeit zur Zarenfamilie 2007 gentechnisch bestätigt. Damit ist auch die Frau als Lügnerin entlarvt, die seit 1920 behauptet hatte, dem Mord entkommen und die Zarentochter Anastasia zu sein.

„Kathedrale auf dem Blut“

Heute steht an der Stelle des Ipatjew-Hauses die mächtige „Kathedrale auf dem Blut“, die sich zu einem Wallfahrtsort für Zaren-Anhänger und orthodoxe Gläubige entwickelt hat. In der Nähe der Grube, in der man die Leichen verbrannte, wurde ein Kloster mit sieben Kirchen errichtet, eine für jedes Mitglied der Zarenfamilie. Diese wurde 2000 von der orthodoxen Kirche heiliggesprochen, zusammen mit tausend Geistlichen, die in der Sowjetunion ihres Glaubens wegen verfolgt und getötet worden waren. Am 17. Juli, dem Tag der Ermordung, pilgern jedes Jahr Zehntausende die 24 km von der „Kathedrale auf dem Blut“ zu dem Kloster bei Janina Jamal.

Da die Kathedrale gerade renoviert wurde, konnten wir nur die Unterkirche besichtigen, in der sich Mauerreste des Ipatjew-Hauses befinden. Dort war gerade Gottesdienst. Ein Laie sang eine lange Litanei. Er wurde abgelöst durch einen Popen, dessen Bass-Stimme uns fast erschaudern ließ: wohltönend und voll und eindringlich. Wir dachten anfangs, er sänge mit Mikrofon. Unglaublich.

Eine Gedenkstätte ganz anderer Art ist das 2015 in Anwesenheit von Putin eröffnete „Boris Jelzin Präsidenten Zentrum“, ein moderner Bau aus Glas und Beton. Es enthält das Boris-Jelzin-Museum, das der zeitgenössischen Geschichte Russlands gewidmet ist. In sieben Abteilungen, genannt „Tage, die Russland veränderten“ sind die Präsidentschaft Jelzins und seine Epoche dargestellt. Leider war es, wie die meisten Museen auf der Welt, montags geschlossen. Gern hätten wir gesehen, was zur Übergangszeit von der Sowjetunion zu Russland gezeigt wird, und was zu den Putschversuchen 1991 und 1993 oder zum wilden Kapitalismus Ende der 90er Jahre, die von den meisten Russen als sehr schmerzhaft erlebt wurden.

Boris Jelzin Präsidenten Zentrum

Doch wir konnten das Gebäude besichtigen, in dem ein Konferenz- und Bildungszentrum, eine Bibliothek und Büros von Ämtern und Firmen untergebracht sind. Gleich am Eingang steht Jelzins Karosse aus seiner Zeit als Parteichef von Swerdlowsk. In den Vorräumen zum Museum wurden einige Exponate zu Jelzin gezeigt, in einer Art Vorschau: Jelzin in allen denkbaren Rollen, als Familienvater, als Ehemann, als Sportler, als Jäger, als Zeitungsleser und natürlich als Politiker in seinen vielen Funktionen. Dies lässt erahnen, welch Personenkult in der Ausstellung zu erwarten ist.

Vorraum zum Jelzin Museum: Jelzin als Jäger, als Großvater, als Ehemann

Blick aus dem 52. Stockwerk des Wyssotzki-Turmes auf die Stadt mit dem Städtischen Teich

Jekaterinburg ist eine moderne Stadt mit vielen Hochhäusern. Im Café Vertikal im 52. Stock des Wyssotzki Turmes genossen wir gutes Essen und einen weiten Blick über die Stadt, über die Wälder bis hin zu den Ausläufern des Ural. Unser Hotel Senator lag 15 Minuten vom Stadtzentrum entfernt, gut geführt mit modern eingerichteten Zimmern. Angetan von dieser freundlichen Stadt stiegen wir abends in die Transsib zur Fahrt nach Omsk, weitere 14 Stunden Fahrt, (drei Zeitzonen von Nischni entfernt).

Omsk entwickelte sich aus einer 1716 auf Erlass Peters des Großen gegründeten Festung an der Mündung des Om in den Irtysch. Von hier aus begannen Expeditionen auf der Suche nach Gold und Pelzen. Im 19. Jh. war Omsk ein Verbannungsort. Dostojewski verbrachte hier vier Jahre in einem Arbeitslager. Die unsäglichen Bedingungen beschrieb er in seinem Roman „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus.“

Die Stadt empfing uns am Vormittag mit großer Hitze. Wir erreichten das Hotel Nika gegen 10 Uhr. Es lag etwas außerhalb in einem Park am Irtysch und stellte sich als ein Sanatorium heraus. Erfreulicherweise konnten wir unser Zimmer gleich beziehen (obwohl wir vier Stunden zu früh da waren) und noch ein Frühstück bekommen (obwohl das Buffet gerade abgeräumt worden war).

Als wir am Nachmittag mit dem Bus in die Stadt fuhren, löste Roses Frage nach einer Haltestelle im Stadtzentrum eine Diskussion unter den Fahrgästen darüber aus, wo das Zentrum zu finden sei. Schließlich wurden wir gefragt, was wir denn sehen und wo wir hinwollten. Rose sagte: „Irgendwo ins Zentrum, wo es schön ist“. Da rief ein junger Mann: „Hier ist es nirgends schön!“. Das stellte sich dann doch als etwas übertrieben heraus. Auf der Leninstrasse, fanden wir ansehnliche Bauten aus dem 19. Jh., in den Parkanlagen am Om die Stadttore und Kasernen der Festung.

Die Hitze und die etwas unruhige Nacht im Zug machten uns zu schaffen und wir suchten Schatten und Kühle im Wrubel-Museum. Wrubel gilt als der berühmteste Vertreter des russischen Jugendstils.

Im Wrubel-Museum in Omsk. Im kleinen Kasten rechts unten ist das Gemälde „Uferstraße einer östlichen Stadt“ von Iwan Aiwasowski (1852) für Blinde ertastbar reliefartig wiedergegeben.

Außer Gemälden von Wrubel und anderer russischer Maler gab es eine Sonderausstellung, die uns als bemerkenswert empfohlen wurde. Das war sie wirklich!  Anatoli I Konenko (geboren 1954) bezeichnet sich selbst als Mikro-Miniatur-Künstler. Er schafft kleinste Kunstwerke. Ein Reiskorn beschriftet er mit einem Spruch, ein Stecknadelkopf großer Knubbel entpuppt sich unter dem Mikroskop als Rosenblüte und besonders überraschend: In einem Nadelöhr nicht etwa nur das berühmte biblische Kamel, was da schwer durchgehen soll, sondern eine ganze Karawane von Kamelen und noch zwei Palmen! Die Nadel war etwa 5 cm lang, ohne Mikroskop war im Öhr kaum etwas zu sehen. Faszinierend!

Die Karawane im Nadelöhr

Im Park am Om kamen wir gerade rechtzeitig zur Abfahrt eines Schiffes, das uns eine Stunde lang auf dem Irtysch gemütlich hin und her fuhr. Der Irtysch entspringt in China und mündet in den Ob. Abends aßen wir im Restaurant Senkewitsch an der Irtysch Uferpromenade, genossen die Abendkühle und gutes Essen.

Am Strand des Irtysch in Omsk – anders als man sich Sibirien vorstellt!

Am nächsten Morgen trieb uns die Hitze wieder in ein Museum, diesmal ins Heimatmuseum. Dort wurden wir zunächst durch Abteilungen über die Geschichte der Stadt, Lebensweise, Handwerk und Kunst der Stadt geschleust. Eindrucksvoll das Skelett eines Mammuts.

Doch eine Überraschung war die Sonderausstellung „500 Jahre Reformation“, die in einem großen Saal in vielen Vitrinen Lutherbibeln, Gesang- und Gebetbücher in Deutsch zeigte. Über das Leben und Wirken Luthers und anderer Reformatoren informierten Tafeln. Es folgte ein Überblick über die Geschichte der von deutschen Einwanderern gegründeten protestantischen Gemeinden in Omsk und Umgebung bis hin zu den Verfolgungen in der Stalinzeit. Die Museumswärterin in diesem Raum war Mormonin, die von ihrer Reise nach Utah schwärmte.

Omsk hatte sich uns von einer freundlichen Seite gezeigt. Wir waren hilfsbereiten aufgeschlossenen Menschen begegnet. Sehr auffällig auch eine Beobachtung: Omsk als Stadt der blauen Augen. Blaue Augen sind ein Kennzeichen vieler Sibirjaken, aber hier sahen wir sie in allen denkbaren Variationen von tiefblau bis wässrig-durchsichtig.

Kurz nach Mitternacht stiegen wir wieder in die Transsib und fuhren nach Nowosibirsk, das wir nach neun Stunden gegen zehn Uhr Ortszeit erreichten. (Vier Stunden Zeitunterschied zu Nischni). Hier war es noch heißer als am Vortag in Omsk. Nowosibirsk wurde erst 1894 gegründet. Die kaum 25 Jahre bis zur Oktoberrevolution reichten nicht aus, der Stadt ein architektonisches Gepräge zu geben. Es folgten bald die sowjetischen Riesenbauten für Verwaltung und Kultur und die großen Plattenbauten. Die Stadt wirkte unorganisch und planlos auf uns.

Der Bahnhof von Nowosibirsk

Stadtbild in Nowosibirsk.

Das Opernhaus von Nowosibirsk am Leninplatz fasst 1800 Plätze, es wurde 1944 fertiggestellt. In dem großen Park davor lief ein Floristen-Wettbewerb mit fantasievollen Objekten aus Weidenrutengeflechten und vor dem monumentalen Lenindenkmal demonstrierte gerade eine Nawalny nahestehende Bürgerinitiative gegen Putin.

Am Opernhaus werden angekündigt: Romeo und Julia, Carmen und Spartak

Putin! Es reicht, Diebe auf unsere Kosten zu mästen. Geh und nimm Edinaja Rossia mit. Putin! Ändere die Regierung und den wirtschaftlichen Kurs oder geh.

Demonstranten vor dem Lenin-Denkmal

Gegen Mitternacht starteten wir zusammen mit Roses Kollegin Anke zum sechsstündigen Flug nach Petropawlowsk-Kamtschatka.

Erster Blick auf Kamtschatka: Vulkane, Schnee

 

Nachtrag zu unseren Fahrten mit den Transsib-Zügen:

Auf den Fahrten mit der Transsib machten wir unerwartete Erfahrungen. Wir hatten für die ersten zwei Züge ganze Abteile (Coupes) für uns gebucht, also vier Plätze, d.h. vier Betten. Der erste Zug ab Nischni war ein „фирменный поезд“, ein Privatzug. Hier bekamen wir Begrüßungspakete mit Wasser und Gebäck und Mittagessen, und zwar vier Portionen, denn vier Mal gebucht ist vier Mal gebucht! Im Speisewagen wurden Spezialitäten wie Rentiersteak oder Bärenbraten angeboten.

Im einfacheren zweiten Zug ab Jekaterinburg gab es dann leider keinen Speisewagen, auch wurde kein Essen angeboten, aber wir erhielten vier Bettbezüge. Bei den Zwischenhalten auf den einfachen, nicht überdachten Bahnhöfen konnte man aus einem reichen Angebot an Obst und Lebensmitteln auswählen. Es gab Seife, Zahnbürsten, Cremes, einfache Kleidung und auch der übliche Souvenirschrutz fehlte nicht.

Eine halbe Stunde Aufenthalt in Balesino (Балезино)

Unser großer Koffer – mit 78 cm wenig ein wenig zu lang – passte in beiden Zügen nicht in die Ablage unter den Sitzen. Das war kein Problem, weil wir ihn auf einem Sitz ablegen konnten. Schwierig wäre es geworden, wenn wir das Abteil nicht für uns allein gehabt hätten.

Im platzkartnyj Wagon

Für die letzte Fahrt ab Omsk hatten wir kein Abteil, sondern zwei Plätze in einem „platzkartnyj Wagon“ gebucht. Dort gibt es Sechs-Personen-„Abteile“. Das sind keine Abteile im eigentlichen Sinne, da sie zum Gang hin offen sind. Vier Liegen, jeweils zwei übereinander, wie im normalen Abteil quer zum Gang, sowie zwei Liegen übereinander auf der anderen Seite des Ganges in Längsrichtung. Wir hatten die Gangplätze gewählt, weil man da den anderen nicht so auf die Pelle rückt. Nachteilig ist, dass diese Plätze wegen der häufig Vorbeilaufenden unruhiger sind als die in den „Abteilen“ und dass die Pritschen – wie uns schien – schmaler sind. Das ist für eine kurze Nacht mal erträglich, bei Fahrten über mehrere Tage wäre das weniger vergnüglich. Irgendwie ungewöhnlich war es für uns, nachts in einen vollbesetzten Wagon mit schlafenden Menschen zu steigen und dann seine Betten zu machen, was beim unteren Bett am Gang heißt, den Tisch und die Sitze umzuklappen. Unser sehr schwerer Koffer musste aus Sicherheitsgründen in die Ablage über dem oberen Bett gehievt werden, was uns in der Nacht mit Hilfe einer jungen Frau auch gelang.

 

Gorochowez – eine alte russische Stadt

Russland ist wie eine geheimnisvolle Schatztruhe, in der man immer wieder unerwartet auf Schmuckstücke stößt.

Am 30. April wollten wir mit Lena und Andrej, unseren Freunden aus Sankt Petersburg, in die uns bekannte Museumsstadt Gorodez (Городец) mit ihren schmucken Holzhäusern fahren, aber Roses Kollegin Marina überredete uns, stattdessen das uns nicht bekannte Gorochowez (Гороховец) zu besuchen, es sei eine viel authentischere alte russische Stadt. So fuhren wir, begleitet von Marina, mit dem Bus etwa eineinhalb Stunden in diesen schon im Oblast Wladimir liegenden Ort (80 km von Nischni), in dem Marina ihre Kindheit verbracht hatte – und wir bereuten es nicht!

Gorochowez wurde 1158 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Es war zunächst ein militärischer Stützpunkt an der Kljasma, einem Nebenfluss der Oka. Seine Blütezeit erlebte es im 17. Jh. durch Webereien, Gerbereien und Schmieden. Aus dieser Zeit stammen vier Klöster und viele steinerne Kaufmannshäuser. Die Industrialisierung des 19. Jh. und der Sowjetzeit berührten den Ort nur wenig, das alte Stadtbild blieb weitgehend erhalten.

Das Heilige-Dreifaltigkeits-Nikolai-Männer-Kloster in Gorochowez (Свято-Троице-Никольский Мужской Монастырь)

Hoch über der Kljasma liegt das Heilige-Dreifaltigkeits-Nikolai-Männer- Kloster (Свято-Троице-Никольский Мужской Монастырь), von dem man die Stadt mit ihren Kirchen und Klöstern und jenseits des Flusses das Frauenkloster Erscheinung-Mariä (Знаменский монастырь) bewundern kann.

Blick vom Nikolai-Kloster auf Gorochowez und das jenseits der Kljasma liegende Frauenkloster (Знаменский епархиальный женский монастырь)

Die Dreifaltigkeits-Nikolai-Kirche (Троице-Никольская Церковь) im Kloster ist in dem bei Altgläubigen oft zu findenden Stil einer Kreuzkirche gebaut: auf einem quadratischen Baukörper mit flachem Zeltdach ein hoher Zwiebelturm und vier kleinere.

Dreifaltigkeits-Nikolai-Kirche im Dreifaltigkeits-Nikolai-Kloster in Gorochowez

Im Nikolai-Kloster

Treppen führten hinunter in die Stadt. Auf halber Höhe wies uns ein Schild auf die heilige Quelle zu Ehren der Heiligen Dreifaltigkeit hin und nach wenigen Schritte kamen wir zu einer Anlage mit kleinen Blockhäusern, Bänken und Tischen. In einem mit Kreuzen und Heiligenbildern geschmückten Häuschen floss gut schmeckendes Wasser aus einem Eisenrohr in ein Wasserbecken. Natürlich folgten wir Lenas Rat, eine Plastikflasche mit dem kostbaren Heiligen Wasser zu füllen. Im Nebenhaus stiegen wir – ob nach Pfarrer Kneipp oder nach dem heiligen Nikolai sei offengelassen – bis zu den Knien in ein Tauchbecken. Dann verließ uns der Mut.

Heilige Quelle in Gorochowez

Hinten das Quellhaus, links das Haus mit dem Tauchbecken

Gestärkt an der Seele, was wir hofften, und erfrischt an den Beinen, was wir spürten, stiegen wir hinunter in den Ort, in dem uns als erstes eine Hebewerkzeuge- und Kranfabrik begrüßte. Rasch kamen wir in ein Viertel mit dem Reiz einer Kaufmannsstadt des alten Russland: breite Straßen, gesäumt von Steinhäusern der damaligen Zeit. Eines der ältesten Häuser vom Ende des 17.Jh. ist heute ein Museum. Es wurde von Semen Nikoforowitsch Erschow errichtet, einem Winzer und Händler mit Beeren- und Obstwein. Interessant ist, dass er einer der Altgläubigen war, die sich nach der Kirchenspaltung im 17. Jh. in diese abgelegene Gegend zurückgezogen hatten. Die Altgläubigen seien fleißig, absolut ehrlich und sozial gewesen. Zwischen 1680 und 1700 sind fünf Kirchen und viele Häuser gebaut worden, die teilweise heute noch bestehen.

Kloster Mariä Reinigung (Сретенский монастырь)

Kloster Mariä Reinigung in der Abendsonne am 30.04 2017

Altes Haus in Gorochowez

Vergeblich suchten wir in diesem schönen, um Fremdenverkehr werbenden Ort nach einem gemütlichen Café oder Restaurant. Nach den weiten Spaziergängen in der noch ungewohnten Frühjahrswärme hätten wir eine Rast mit Tee oder Kaffee nötig gehabt. Wir standen vor einem geschlossenen Café. Die Touristeninformation konnte uns nur einen alten Bus empfehlen, der zu einer Art Bistro umgebaut war und wo man nur, etwas beengt sitzend, Bliny (Pfannkuchen) und Okroschka, eine kalte Suppe auf Kwas-Basis (ein ostslawisches Getränk, was durch Gärung aus Brot hergestellt wird; http://www.chefkoch.de/rs/s0/Okroschka/Rezepte.html) aus Plastikgeschirr bekam. Wir haben schon öfter verwundert bemerkt, dass es an touristisch interessanten Orten an einer ansprechenden Gastronomie mangelt.

Aus neuerer Zeit stammt eine Rarität an der Straße M7 von Nischni Nowgorod nach Moskau: ein 1902 gebautes Holzhaus im Jugendstil, in Russisch „русский псевдо модерн“ (Russischer Pseudo-Jugendstil). Die Wände bestehen aus dicken Baumstämmen, die Fenster und Türen sind wie die alten russischen Häuser mit Verzierungen umrahmt, hier mit den Ornamenten und den Formen des Jungendstils. Das Haus wurde von dem Kaufmann Schorin errichtet. Heute ist es eine Volkskunststätte für Näh-, Bastel- und Tanzkurse. Die in der Sowjetzeit als Schule genutzten Räume sind als Museum hergerichtet, auch wenn die ursprünglichen Möbel verloren gegangen sind.

Das Jugendstil-Haus „Dom Schorina“ in Gorochowez

Fenster des Schorin-Hauses

Amüsant zu vermelden: Unsere Führung wurde von aufziehenden Erbsbreigerüchen unterbrochen, die Museumsleiterin rief: „Moja Kascha!“ (Mein Brei) und lief in die Küche. Das russische Wort für Erbse lautet „Гороx“ (Goroch) und der ähnlich klingende Ortsname hat wohl seine Herkunft vom früheren Erbsenanbau. Deshalb sind im Stadtwappen Erbsen-Pflanzen dargestellt.

Die ortskundige Marina verschaffte uns außer diesen architektonischen Eindrücken noch ein besonderes Naturerlebnis. Sie führte uns zum „Лысая Гора“ (Kahler Berg), einem baumlosen Bergsporn über der Kljasma. Uns bot sich ein faszinierender Blick auf den natürlichen, leicht mäandernden Fluss und die weite waldige Moorlandschaft, ungestört von Siedlungen oder Straßen. Und das bei strahlendem Sonnenschein an dem ersten warmen Tag dieses Jahres. Eine Familie mit einem großen Fernglas sah in der Ferne Elche. Wir genossen unser Picknick, es war eine Idylle.

Picknick am „Kahlen Berg“ bei Gorochowez, Blick auf die Kljasma nach Westen

Blick nach Osten vom Kahlen Berg bei Gorochowez (aufgenommen am 30.04.2017)

Wir verstanden den Regisseur Michalkow, der in Gorochowez zwei seiner Filme gedreht hat («Утомлённые солнцем» „Die Sonne, die uns täuscht“ und «Солнечный Удар» „Sonnenstich“) und einen Schauspieler ausrufen lässt: „Hier ist Russland am schönsten!“

Straße in Gorochowez

An der Straße M7 von Nischni Nowgorod nach Moskau

Nachtrag für alle, die Freude an alten Büchern haben: Bei der Suche nach Informationen über Gorochowez stieß ich in Internet auf ein Buch mit dem Titel:

„Vollständige und neueste Erdbeschreibung des Russischen Reichs in Europa nebst Polen mit einer Einleitung zur Statistik des ganzen Russischen Reichs.  Bearbeitet von Dr. G. Hassel“. Erschienen 1821 in Weimar im Verlage des Geographischen Instituts.

Sankt Petersburg und Nicht nur Schulnotizen zur US-Wahl

 

Der russische Nationalfeiertag am 4. November, der „Tag der Einheit des Volkes“, bescherte uns ein verlängertes Wochenende. Wir nutzten es zu einer Reise nach Sankt Petersburg, wo wir bei unseren Freunden Lena und Andrej wohnen konnten. Lena war viele Jahre Partnerin von Rose beim Schüleraustausch zwischen dem Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden-Echterdingen und dem Petersburger Klassischen Gymnasium. Es waren drei anregende, ausgefüllte Tage.

Wir haben uns möglichst abseits der Touristenströme gehalten; so waren wir nicht im Winterpalast und auch nicht in der Isaaks-Kathedrale, weil wir beide schon früher besichtigt hatten. Es gibt ja so viel zu sehen. Die historische Innenstadt mit 2300 Palästen und Schlössern ist Weltkulturerbe der UNESCO. Und ein ehemaliger Siemensianer wird an die Geschichte seiner Firma erinnert, wenn er an der Mojka entlang spaziert. Siemens errichtete schon vor 163 Jahren ein Büro in der damaligen russischen Hauptstadt.

k-76-ber-1Der bekannte blaue Schriftzug am Haus Mojka 36

Im östlichen Flügel des Generalstabsgebäudes eröffnete die Ermitage 2010 neue Museumsräume. Dort findet man unter anderem viele Bilder von Matisse und Picasso, Skulpturen von Rodin, sowie eine Abteilung mit russischer Avantgarde, darunter Werke von Kandinsky und Malewitsch. Die Innenhöfe des alten Gebäudes wurden mit Glasdächern überdacht; dadurch entstanden neue Ausstellungsräume und es gab Platz für eine imposante Treppe. Allein die Architektur lohnt einen Besuch.

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Im linken Flügel befindet sich das neue Museum für zeitgenössische Kunst

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Treppe im Innenhof: Eingang zu den Ausstellungsräumen

Wir sahen uns vor allem die Sonderausstellung von Werken des belgischen Künstlers Jan Fabre an, die in der langen Reihe der Innenhöfe untergebracht war. Die hellen Räume, von oben belichtet, sind der passende Rahmen für die manchmal sehr großen Installationen. Die Ausstellung war gut besucht, Rose wurde an der Kasse aus statistischen Gründen nach ihrer Nationalität gefragt und erfuhr dabei, dass 80% der Besucher Russen sind. Dies sieht im Winterpalast, in der alten Ermitage, anders aus, dort überwiegen die ausländischen Touristen.

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Jan Fabre „Der Karneval der toten Straßenhunde“ (2006) vor einem Gemälde von Paul de Vos aus dem 17. Jh.

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Selbstbildnis, die Oberflächen sind mit Reißzwecken belegt. Dem Künstler sollte keiner zu nahekommen!

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Schlossplatz St. Petersburg am 5. November 2016 – nicht 1896

Das Museum „Erarta“ für zeitgenössische Kunst wurde ebenfalls 2010 eröffnet. Hier sind Gemälde und Installationen russischer Künstler zu sehen. Sie stammen teils noch aus Sowjetzeiten und konnten bis zur Perestroika nur heimlich gezeigt werden. Wir bekamen überraschende Einblicke in die neuere russische Kunst und können den Besuch des auf der Wassili-Insel und damit etwas abseits der Touristenströme gelegenen Museums sehr empfehlen.

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13 Plätze laden zum Abendmahl

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Aufklärender Ausschnitt

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Sofort zu erkennen: Das letzte Abendmahl nach Leonardo Da Vinci (von Pawel Grischin)

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Sawely Lapitzki: Pritsche (Нары) 1986

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Im Erarta wird Kunst nicht nur ausgestellt, sie findet sich im Museumsrestaurant auch auf den Tellern: ein kubistisches Dessert – zu bewundern und zu schmecken.

Wir waren auch im alternativ ausgerichteten „Loft Projekt Etage“ (Лофт Проект Этажи). In einem alten Lagerhaus sind auf fünf Stockwerken über enge Treppen Ausstellungsräume mit Gemälden und Fotos, Cafés und basarähnliche Läden zu erreichen. Vieles machte einen unfertigen Eindruck und wir verließen diese Stätte mit zwiespältigen Meinungen. Interessant war eine Tafel, auf der man den Satz „Solange ich lebe, möchte ich …“ ergänzen konnte. Das wurde viel genutzt. Neben Wünschen nach Gesundheit, Wohlergehen und Frieden in der Welt hatte jemand geschrieben: „Solange ich lebe, möchte ich ….eine Morgendämmerung in Deutschland erleben“.

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Solange ich lebe, möchte ich …

In der „Sankt Petersburg Oper“ sahen wir eine rasante Aufführung von Jaques Offenbachs Operette „Die schöne Helena“. Die Sankt Petersburg Oper ist im Haus des deutsch-stämmigen Barons von Derviz untergebracht, der das Anwesen 1880 erwarb und zu einer intimen, üppig ausgestatteten Musikstätte ausbaute, die überraschenderweise trotz der Nutzung als Club-Haus während der Sowjetzeit intakt blieb. Seit dem 27. Mai 2003, dem 300. Geburtstag von Sankt Petersburg, wird hier wieder Theater gespielt und musiziert.

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Bühne im Haus des Barons von Derviz

Anlässlich des russischen Nationalfeiertages gab das Marine-Blasorchester „Peter der Große“ ein Konzert im Weißen Saal der Polytechnischen Universität, die – wie in Petersburg kaum anders zu erwarten – ebenfalls den Namen „Peter der Große“ trägt. Lena führte uns gern dahin, denn in den repräsentativen Gebäuden dieser ehrwürdigen Institution hatte sie ihr Studium als Schiffsbau-Ingenieur absolviert. (In Russland sind auch Frauen Ingenieur, Arzt, Lehrer. Die Berufsbezeichnung wird nicht verweiblicht.)

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Treppenhaus in der Polytechnischen Universität

Der Dirigent sagte die Musikstücke an und verwies dabei mit Stolz auf die Vergangenheit des Orchesters des schon 1715 von Peter dem Großen in der neuen Hauptstadt gegründeten Marinekorps. Das Programm bot u.a. Stücke von Rimski-Korsakow, Rachmaninow, Rodrigo. Vertreten war auch Johann Strauß (Sohn) mit seiner Polka „Vergnügungszug“. Strauß lebte elf Sommer in Pawlowsk, einer Residenzstadt der Zaren 30 km von Petersburg entfernt, und wurde dort sehr gefeiert. Zwischen den beiden Orten fuhr die erste Eisenbahn Russlands. Gegen Schluss gab es eine Fantasie über das Lied „We are the Champions“ der Gruppe Queen. Und als Zugabe „Прощание Славянки“ (Abschied der Slawin), neben der Nationalhymne der bekannteste Marsch in Russland. Er ertönt in der Regel auch, wenn ein Kreuzfahrtschiff ablegt. Das Publikum hielt es nicht auf den Sitzen, im Takt der Musik wurde kräftig mitgeklatscht. Ein stürmisches Ende eines ungewöhnlichen Konzertes.

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Das Marine-Orchester Peter der Große

Die Schlussveranstaltung des VIII. Internationalen Jugend-Wettbewerbs auf russischen Volksmusik-Instrumenten in der Glinka-Kapelle (Государственная академическая капелла Ст. Петербург) zeigte uns wieder einmal das hohe Niveau der hiesigen Musikausbildung. Neben der Siegerehrung der (geschätzt) achtzig Gewinner gaben einige der Kinder/Jugendlichen auf Akkordeon, Bajan, Balalaika, Gusli und Domra Proben ihres Könnens. Alles höchst erstaunlich. Gespielt wurden meist musikalisch anspruchsvolle Stücke, ganz anders als man bei uns erwartet, wenn man das Wort Volksmusik hört. Die Teilnehmer kamen aus allen Regionen Russlands, auch aus der Ukraine, Weißrussland und dem Baltikum.

Vieles wäre noch zu berichten, vom Festival des Lichts am Isaaks-Platz, vom neuen 300 Meter langen Gang unter der kleinen Newa der vom Petrograder Rayon zur Wassiljew-Insel führt. Es waren ausgefüllte, erlebnisreiche Tage, gewürzt von der sprichwörtlichen Gastfreundschaft unserer Freunde.

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In der U-Bahn ein Plakat zum 4. November: Wir in Einheit für den Frieden.

Nicht nur Schulnotizen 

Während der Arbeit an diesem Blog waren unsere Gedanken immer wieder ganz woanders: bei der Wahl in den USA. In unserem Bekanntenkreis haben wir dazu einige Meinungen gehört, was erstaunlich ist, denn viele Russen interessieren sich kaum für Politik und reden wenig darüber.  

Meine Schülerinnen der 9a waren überrascht, dass Hillary Clinton die Wahl verlor, hätten doch sogar Popstars wie Beyonce, Madonna und Bruce Springsteen auf Instagram für sie geworben. Sie verstanden auch nicht, dass Trump keine Ausländer mehr ins Land lassen wolle, das ganze Land bestehe doch im Wesentlichen aus Einwanderern. Und auch, dass Trump Obama-Care abschaffen will, fanden sie schlecht. Die Schüler der Parallelklasse hingegen hätten ihn gewählt. Warum? Weil er nicht so gegen Russland ist wie Hillary. Aus dem gleichen Grund sagten meine 11er: Trump sei schlecht für Amerika, aber gut für Russland. 

Die Kolleginnen hielten sich mit ihrer Meinung zurück, weil sie den Medien skeptisch gegenüberstehen, erwarten aber von Trump eher eine Verständigung mit Russland. Von Jubelstimmung war jedoch nichts zu spüren. Schirinowski, dessen Reaktion in den deutschen Medien viel Beachtung fand, sei genauso ein Schreihals wie Trump und keineswegs repräsentativ für Russland.  

In den TV-Nachrichten (RU 1) wurde sachlich und ausführlich berichtet, viele Einblendungen waren von CNN übernommen. In einer Diskussion im Radiosender Komsomolskaja Prawda vertrat ein Sprecher die Meinung, Trump sei ein Geschäftsmann, mit ihm müsse man hart verhandeln, aber dies sei mit ihm vielleicht eher möglich als mit Hillary Clinton, die wie ein Roboter immer wieder die gleichen anti-russischen Phrasen wiederhole.  

Alles in allem kann man sagen, dass die meisten unserer Gesprächspartner eine typisch russische, ruhige, unhysterische, Haltung einnehmen. Nach der anfänglichen Überraschung herrscht hier die Meinung vor: „Посмотрим, увидим.“ Oder, um mit einem deutschen ‚Philosophen‘ zu sprechen: Schau‘n mer mal.

k-76-ber-17 15 Minuten der Welt enthoben auf „Wolke Neun“– im Erarta Kunstprojekt U-Space

 

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Glasdach-Konstruktion im Generalstabsgebäude

Frühere Technik und heutige Begegnungen

24.10.16

ICANN (International Community Association of Nischni Nowgorod) hatte zu einer Stadtrundfahrt in das alte technische Nischni Nowgorod eingeladen, die uns auch in die ehemalige Vorstadt „Sloboda“ beim Mariä-Verkündigungs-Kloster führte. Dort zeugen Ruinen einer großen Industrieanlage von besseren Zeiten. Bei der Metro-Brücke über die Oka ragen die Silos einer Getreidemühle in die Höhe, 1876 von M. Baschkirow gegründet und heute dem Verfall preisgegeben.

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Mühle in der Vorstadt bei der Metrobrücke über die Oka

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Bröckelnder Beton. Sieht auf dem Foto zu harmlos aus!

Nicht weit davon versöhnt der heute von einer Plastikkartenfabrik genutzte ehemalige Kasaner Bahnhof das von den bröckelnden Ruinen schockierte Auge. Das Gebäude wurde von den neuen Besitzern aufwändig renoviert. Der Bahnhof, 1903 erbaut, wurde 1974 stillgelegt, als die Eisenbahnbrücke über die Oka in Betrieb genommen wurde.

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Der Kasaner Bahnhof heute bei der Metro-Brücke. Diese ist zweistöckig, über der U-Bahn verläuft eine Autostraße

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Der Kasaner Bahnhof anfangs des 20. Jh. (Foto einer Postkarte)

Einige hundert Meter weiter die Überreste eines Wasserwerkes. Eindrucksvolles Gemäuer mit Rundbögen über Türen und Fenstern zeugen von dem hohen Niveau der Industriearchitektur Ende des 19. Jhs. Mich hat gewundert, wie leicht zugänglich dieses gefährliche Gebäude ist. Es liegt zwar versteckt hinter Bäumen – wir sind kürzlich dort vorbei gewandert, ohne es zu bemerken – aber man kommt ohne weiteres hinein. Am Boden schlecht abgedeckte Öffnungen, die einen Blick tief hinunter in die Wasserspeicher erlauben, überall Mauertrümmer und Balken voller Nägel.

k-73-ber-5Im alten Wasserwerk von 1888

Die Busrundfahrt führte an einigen der Orte vorbei, an denen sich die technische Vergangenheit Nischnis erläutern lässt. Die Führung begann am Denkmal für den Flugpionier Waleri Pawlowitsch Tschkalow, der 1937 von Moskau über den Nordpol nach Portland in den USA flog. Er wurde 1904 in Wassiljowo, heute Tschkalowsk geboren, einem kleinen Ort in der Region Nischni Nowgorod, 100 km die Wolga aufwärts. Tschkalow starb 1938 als sein Flugzeug bei einem Testflug abstürzte. Über die Ursache des Absturzes gibt es laut Wikipedia Verschwörungstheorien. Ein weiterer durch ein Denkmal geehrter Flugpionier ist der 1887 in Nischni geborene Pjotr Nikolajewitsch Nesterow, der 1913 den ersten Looping der Welt flog. Er kam im Ersten Weltkrieg 1914 ums Leben, als er über der Ukraine ein österreichisches Flugzeug rammte und zusammen mit diesem abstürzte.

Die Stadtführerin schilderte in munterem Redefluss auch die Vergangenheit Nischnis als Schiffsbaustandort. Es gab hier viele Fabriken für Schiffsbau, deren Gebäude heute anders genutzt werden. Besonders stolz ist man auf die erste Straßenbahn Russlands, die 1896 in Nischni fuhr. Auf der alten Postkarte wartet ein Wagen an einer Ausweichstelle vor der Kanawinski Brücke. Schon damals war die Tram ein Werbeträger, hier für „Kakao van Houten“. Rechts oben die Alexander-Newski-Kathedrale, alle Nachbargebäude hoch überragend, die Silhouette noch nicht gestört durch Kräne oder die Baustelle des WM 2018 Stadions.

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Straßenbahn vor der Kanawinski Brücke, um 1900

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Kanawinski Brücke, Alexander-Newski-Kathedrale, Baustelle des WM-Stadions und Straßenbahn (am 23.10.2016)

In diesem Jahr wird die 25jährige Städtepartnerschaft zwischen Nischni Nowgorod und Essen begangen. Höhepunkt war ein festliches Konzert mit dem Essener Kammerchor, dem Kammerorchester „Solisten Nischni Nowgorods“ und weiteren russischen Musikern. Der Schulleiter des Gymnasiums Nr. 1 und Rose waren als Ehrengäste geladen.

k-73-ber-9Einladung zur Feier der 25jährigen Partnerschaft zwischen Essen und Nischni Nowgorod. Auf der Seite rechts oben Roses Name, unten ihr Sitzplatz, keine Unterschrift des Einladenden. Sponsoren sind die Partner des Konservatoriums, das Orchester der Region (Oblast) NN, Banken und Radio- und TV-Sender.

k-73-ber-10Auch ein sehr junger Student interessiert sich für den Essener Kammerchor und das Nischegeroder Kammerorchester

Der große Saal des Glinka-Konservatoriums war bis auf den letzten Platz gefüllt, dabei viele Studenten. Das anspruchsvolle Programm wurde begeistert aufgenommen, drei Zugaben erklatscht. Die Bürgermeister beider Städte zeichneten aktive Bürger aus, die sich für die Partnerschaft verdient gemacht haben. Eine Grußbotschaft des Gouverneurs der Region Nischni Nowgorod, Waleri Schanzew, wurde verlesen. Wir haben in den Reden erfahren, dass diese Partnerschaft 1991 die erste war, nachdem Gorki (Nischni Nowgorod) für Ausländer wieder zugänglich war. Sie ist offensichtlich viel aktiver als wir bisher annahmen. Wir hatten in den zwei Jahren unseres Hierseins davon nichts bemerkt.

Schulnotizen

Wie immer im Oktober seit 26 Jahren, so kam auch dieses Jahr eine Schülergruppe mit drei Lehrern aus Syke bei Bremen zu Besuch ins Gymnasium Nr. 1. Dieser Austausch ist sogar noch ein Jahr älter als die Städtepartnerschaft mit Essen. Er wurde 1990 von Gönna Obsen, Emilia Yermoschina, der damaligen stellvertretenden Schulleiterin des Gymnasiums Nr. 1 und ihrer Tochter Maja ins Leben gerufen, als Nischni Nowgorod noch Gorki hieß und eine geschlossene Stadt war. Bis heute sind die drei noch der Dreh und Angelpunkt jedes Syke-Austausches, obwohl Gönna und Emilia seit Jahren im Ruhestand sind. Ihre Arbeit hat tausenden von Schülern Einblicke in ein eher fremdes Land und ihnen selbst eine lebenslange Freundschaft geschenkt. Wie der Austausch zu so einem frühen Zeitpunkt möglich war? Vermutlich durch Gönnas Vater, der als FDP-Abgeordneter im Bundestag seinen Einfluss geltend machte.  

Auch dieses Jahr gab es ein umfangreiches Programm, dessen gesellschaftlichen Teil – gemütliche Abendessen und eine von den deutschen und den russischen Schülern gestaltete Abschiedsfeier – wir miterleben konnten. 

Der Auftakt zu diesem Besuch war allerdings ziemlich dramatisch: Bei der Einreise nach Russland gab es ein beinahe unlösbares Problem. Ein Schüler hatte beim Umsteigen in Amsterdam seinen Pass mit dem Visum verloren. Er durfte daraufhin den internationalen Bereich des Flughafens Scheremetjewo nicht verlassen, die Begleitlehrer wiederum mussten dies nach einer gewissen Zeit tun und durch die Passkontrolle gehen, so dass der Junge allein im „Niemandsland“ verblieb. Glücklicherweise wurde der Pass in Amsterdam gefunden, er kam mit dem nächsten Flieger in Moskau an. Sweta, eine der Begleitlehrerinnen aus Syke, die aus Sibirien stammt und für die Russisch Muttersprache ist, war die ganze Zeit mit dem Jungen, mit vielen Verantwortlichen und mit der besorgten Mutter in telefonischem Kontakt. Erleichtert, aber müde, konnte sie ihn, der die Nacht in einem Hotel im internationalen Bereich verbracht hatte, am nächsten Morgen in Empfang nehmen und mit ihm wieder zur Gruppe stoßen.  

Das Schülerprogramm war projektorientiert. Dies ist der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch geschuldet, die alle Russland-Austausche großzügig fördert, solange man nicht nur Sightseeing, sondern auch ein gemeinsames Projekt macht. So besuchten die Schüler an einem Vormittag das Kunstmuseum im Kreml. Aufgabe war, ihre subjektiven Eindrücke in Elfchen (Kurzgedichte aus elf Wörtern) festzuhalten. Hier eine Kostprobe:

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Viktor Michailowitsch Wasnezow, „Fliegender Teppich“ (1880) – Prinz Iwan mit dem Feuervogel (nach dem Märchen „Iwan Zarewitsch, der Feuervogel und der graue Wolf“)

  ELFCHEN  „Reise“ von der russischen Schülerin Arina und ihrer deutschen Partnerin Anna

 

Reisen                                                    Путешествие

wollen wir                                            хотим мы

in ein Land                                           в страну

welches wir nicht kennen                 которую мы не знаем

Freude                                                   радость

 

Freiheit                                                Свободу

haben wir                                            имеем мы

in der Höhe                                          в высоте

Reisen mit dem Feuervogel            путешествием с жарптицей

Fliegen                                                 Полёт

 

Ruhe                                                     Спокойствие

Hier oben                                            В высоте

unten die Landschaft                        Внизу лежит ландшафт

Hoffen auf die Geborgenheit          Надежда на чувство защищённости

Freundschaft                                      Дружба

 

Im Zentrum der Aktivitäten stand des Weiteren ein russisch-deutsches Tanzprojekt: Die Schüler studierten an zwei Vormittagen in einer Tanzschule Tänze ein. Bei dem anstehenden Gegenbesuch im Frühjahr 2018 werden die Tanzkünste in Deutschland durch weitere Übungsstunden ergänzt und dann am Gymnasium in Syke aufgeführt.

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 Auch am Abschiedsabend war die Gruppe kreativ. Unter Anleitung von zwei Lehrerinnen einer Kunstschule fertigten sie auf Glasplatten Sandbilder an. Dazu wird feiner Sand auf eine von unten beleuchtete Glasplatte gestreut, in den dann mit den Fingern Bilder gemalt werden können. Die Kunstfertigkeit der Lehrerin verblüffte. Мit wenigen Strichen, sparsamem Dazu-Streuen von Sand zauberte sie Stadtbilder, Bäume, Blumen und Menschen.

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Die Schüler beim „Sandmalen“

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Sandmalerei:  Abend an der Oka

  

Mit dem Jubiläum der Partnerschaft zwischen Essen und Nischni Nowgorod und dem Schüleraustausch zwischen dem Gymnasium Syke und dem hiesigen Gymnasium Nr. 1 haben wir in den letzten vierzehn Tagen zwei Ereignisse miterlebt, die zeigen, dass trotz der gespannten politischen Großwetterlage lebendige Kontakte zwischen den Menschen der beiden Länder bestehen. Unverdrossen hoffen wir auf die Früchte dieser kommunalen und privaten Aktivitäten: Verständnis füreinander, freundschaftliche Beziehungen und eine friedliche Entwicklung. Dies sind alles Forderungen und Wünsche aus den Reden der Verantwortlichen und den Gesprächen mit den Menschen.

 

Kunst in Moskau – Pflichtlektüre an russischen Schulen

17.10.2016

Moskau hat uns wieder einmal verblüfft – mit aufrüttelnder Konzeptkunst in einer ehemaligen Weinfabrik. Doch der Reihe nach: Am Donnerstag fuhr ich mit Dorothe nach Wladimir. Dort übernachteten wir im Erlangen-Haus, freundlich empfangen und am nächsten Morgen mit einem köstlichen Frühstück verwöhnt. Danach reisten wir weiter nach Moskau, wo am Abend auch Rose eintraf. Für Dorothe war Moskau die letzte Station ihrer Reise. Sie flog von da zurück nach Deutschland.

In Wladimir waren die Dimitri-Kathedrale, die Maria-Entschlafens-Kathedrale und das Goldene Tor wie immer bewunderte Ziele. Leider wehte ein nasskalter Wind vom Tal der Kljasma her und die Sicht in die Ferne war durch Dunst getrübt. Zurück ins Erlangen-Haus fuhren wir mit dem Bus, einem der Busse aus Erlangen, in denen noch die deutsche Beschriftung vor dem Fahren ohne Fahrschein warnt.

Der Rote Platz war einer unser ersten Höhepunkte in Moskau. Er war diesmal frei von Buden oder Theateraufbauten. Wir hatten freien Blick auf seine Größe und die ihn umgebenden Bauten, den Kreml, die märchenhaft bunte Basilius-Kathedrale, das Kaufhaus GUM, das Auferstehungstor und das historische Museum. Nach einer Tee Pause im GUM lauschten wir bei beginnender Dämmerung den Glocken der Kasaner Kathedrale, die minutenlang eine festliche Stimmung schufen. Gesang aus dem Inneren der Kirche lockte uns hinein, wo wir von einem kleinen, aber stimmgewaltigen Chor empfangen wurden. Immer wieder mussten die Gläubigen den zelebrierenden Popen Platz machen, die den kleinen Kirchenraum umschritten und die vielen Ikonen (und uns) in Weihrauchwolken einhüllten. Wir blieben lange, gefangen von der feierlichen Stimmung, dem Anblick der andächtig betenden, sich oft bekreuzigenden und verneigenden Gläubigen jeden Alters und den immer wieder ergreifenden Melodien des urtümlichen Gesanges.

Abends besuchten wir das Restaurant Lavkalavka (Lädchenlädchen), das nur Bioprodukte von Lieferanten anbietet, die dem Küchenchef persönlich bekannt sind. Auf der Speisekarte stehen hinter jeder Zutat die Namen der Bauern oder Gärtner, von denen die Produkte stammen, und woher sie kommen. Das merkten wir dann an den Speisen. Die Salate waren frisch, die Suppen und die Hamburger mundeten köstlich. Ein erquicklicher Abend, der nur durch eine fröhliche und daher laute Gesellschaft, vermutlich eine Betriebsfeier, etwas getrübt wurde.

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Lavkalavka, Aufnahme vom 10.09.16 nachmittags

Am Samstag verbrachten wir vier Stunden in der Alten Tretjakow-Galerie, und obwohl Rose und ich zum dritten Mal dort waren, entdeckten wir wieder viel Neues. Wir verließen die Ausstellung mit dem Vorsatz wiederzukommen und dann von hinten anzufangen, damit wir die Bilder in den letzten Sälen sehen, wenn wir noch nicht erschöpft sind. Es waren sehr viele Besucher da, darunter einige Schulklassen, deren Aufmerksamkeit und Disziplin uns imponierten.

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Junge Besucher vor dem Gemälde „Die Offenbarung des Christus’ gegenüber den Menschen“ von Alexander Iwanow

Abends ein weiteres Kunstereignis: Eugen Onegin von Tschaikowski im großen Saal der Helikon-Oper. Die Karten hatten wir wieder unserer Freundin Olga zu verdanken, die den weiten Weg zum Ticketschalter nicht gescheut hatte. „Für euch tue ich alles“, sagte sie. Englische Untertitel halfen uns, der Handlung zu folgen. Weil die Sitzreihen im Zuschauerraum steil ansteigen, hat man von allen Plätzen einen freien Blick auf die Bühne. Die Aufführung selbst ein Genuss, Sänger und Orchester großartig, das Bühnenbild strahlend schön und die Inszenierung klassisch. Wenn man doch diese glücksvollen Augenblicke festhalten könnte. Verweile doch….

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Applaus für Sänger und Orchester für Tschaikowskis Eugen Onegin in der Helikon- Oper

Schließlich war am Sonntag die „Винзавод“ (Weinfabrik) unser Ziel, ein Ausstellungszentrum für moderne Kunst in Moskau. In einem großen verlassenen Fabrikgelände haben sich dort Kunstgalerien, Boutiquen, ein Schallplattenladen, Cafés und Künstler niedergelassen, oft mit einem alternativen Hauch. Früher beherbergte es einmal eine Brauerei und später eine Kelterei (was immer das für Moskau heißen mag).

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Die Weinfabrik in Moskau, einem Ausstellungsgelände für moderne Kunst

Von den vielen Ausstellungen konnten wir nur wenige sehen: die von sowjetischen Sportplakaten aus der Sammlung Luschnikow und, uns mehr interessierend, zeitgenössische Kunst aus dem im Ural liegenden Perm unter dem Motto: Форма незримого – Die Form des Unsichtbaren. Letztere mit beeindruckenden Exponaten verschiedener Künstler, von denen ich nur einige beschreiben will.

In einem dunklen Raum eine Video-Installation von Inga Wjugowa.  An gegenüberliegenden Wänden Bildschirme, auf denen in ständiger Wiederholung kurz die Münder von verschiedenen Menschen gezeigt werden, die nur zwei Wörter sagen: мне страшно –  мне страшно – мне страшно, ich habe Angst. Am Ausgang fragt ein kleines Schild: а тебе? – und du?

Vier große Starenkästen von Slawa Nesterow locken zum Blick in das Innere: Dort sieht man Räume und Figuren aus dem Roman „1984“ von George Orwell. In einem liest ein Junge auf der Toilette eben diesen Roman. Nicht einmal dort ist er unbeobachtet. Die heutige Welt.

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Vier Starenkästen und was man darin sieht

In einer Installation von Michael Pawljukewitsch und Olga Subbotina spiegeln  sich in einer Reihe Blechwannen voller schwarzem Wasser die Worte „Lange weiße Nacht“, die hoch oben an der Decke leuchten, es sind Neonröhren in weißer Spiegelschrift.

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Lange weiße Nacht

Im Keller eines anderen Gebäudes stellt die СДМ Bank ihre Sammlung zeitgenössischer Kunst aus. Daneben etwas versteckt noch ein Raum, die Glastür ohne Hinweis. Wir waren schon wieder auf der Treppe, um zu gehen und hätten so beinahe ein aufregendes Ereignis verpasst: die Ausstellung des Aktionskünstlers Fjodor Pawlow-Andreewitsch.

Wir waren sofort fasziniert von den wenigen, in dem großen Raum ausgestellten Fotos (aufgenommen von Igor Afrikian). Sie zeigten immer einen Mann in ungewöhnlichen Situationen: gefesselt am Strand in der Brandung, weit oben am Stamm einer Palme, nackt an eine Straßenlaterne gebunden oder, besonders aufregend, am Meeresstrand liegend von schwarzen Vögeln umgeben. Während wir noch darüber diskutierten, ob das Fotomontagen seien, kam ein junger Mann auf uns zu, der uns in Englisch den Sinn dieser Bilder erläuterte. Es war der Mann auf den Fotos.

Mit seinen provozierenden Kunstaktionen will er auf das Schicksal der Arbeitssklaven früher und heute hinweisen. Die großen Fotos an den Wänden sind in Brasilien am Strand von San Mirel de Milares entstanden. Dort war früher eine Methode die Sklaven zu strafen, sie gefesselt in die Brandung zu legen und dem Salzwasser und der Sonne auszusetzen. Wenn sie nach sieben Stunden noch lebten, wurden sie freigelassen, wenn nicht, konnten die Aasgeier den Leichnam fressen. Der Künstler hatte beides nachgestellt. Er legte sich an Händen und Füßen gefesselt in die Brandung – sieben Stunden lang. An einem allerdings bedeckten Tag verharrte er  bewegungslos am Strand, um zu erfahren, wie sich die Aasgeier verhalten. Nach fast sieben Stunden pickte der erste nach ihm und er beendete die Aktion.

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Der Künstler am Strand stellt sich tot – bis der erste Aasgeier zupickt.

 

Am vergangenen Montag ließ sich Fjodor in Moskau von einem Kran 50 Meter hochziehen, an den Beinen eine lange Fahne mit dem Wort Свободу – Freiheit. Sieben Stunden machte er damit auf die Not der modernen Arbeitssklaven in Moskau aufmerksam, auf die vielen Fremdarbeiter aus den mittelasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken (Kasachstan, Kirgisistan, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan), die seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 souveräne Staaten sind. Die Fremdarbeiter machen hier – schlecht entlohnt – die Drecksarbeit und leben unter unwürdigen Bedingungen: sie teilen sich zu 30 einen Raum mit 10 Betten, in denen sie in Schichten schlafen. Diese Aktion hat er auf einem Videofilm dokumentiert, der nur auf höchst ungewöhnliche Weise angesehen werden kann. Man muss seinen Kopf von unten in einen Kasten stecken und sieht dann in düsterem Blau den Film ablaufen. Dies gehört zu seinem Konzept der unbequemen Kunst.

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Rose beim Betrachten der Moskauer Aktion von Fjodor Pawlow-Andreewitsch

Alle diese Aktionen dauerten jeweils sieben Stunden. Sie sind nicht nur eine öffentliche Provokation, sondern auch eine körperliche und seelische Herausforderung für den Künstler. Dieser ist mit dem Erfolg zufrieden. Die Medien in Moskau haben darüber berichtet. Und während wir noch mit ihm sprachen, kamen zwei von ihm erwartete Journalisten zu einem Interview und unser Gespräch war leider zu Ende.

Im Internet (pecherskygallery.com) erfuhren wir, dass dies eine Ausstellung der Moskauer Pechersky Gallery war unter dem Motto „Temporary Monuments“, sie lief bis zum 9. Oktober in der Weinfabrik. Wir waren gerade am letzten Tag dort! Auf der Internetseite von Fjodor Pawlow-Andreewitsch (http://fyodorpavlovandreevich.com) wird er als Aktionskünstler, Schriftsteller, Filmemacher und Theaterdirektor vorgestellt, er lebt in Moskau, London und Sao Paulo.

Die Mittagspause verbrachten wir im Café Хитрые Люди. Люди heißt Leute. Für Хитрые bietet das Wörterbuch der Leipziger Uni an: schlau, listig, verschmitzt, raffiniert, pfiffig, clever, schwierig, kompliziert. Das Café hat einen treffenden Namen für das, was wir in der ehemaligen Weinfabrik gesehen haben. 

Schulnotizen

Letzten Donnerstag kamen von meinen sechs Schülerinnen der 11. Klasse nur zwei zum Unterricht. Die andern waren beim Schulausscheid der Kunstolympiade – leider ohne mir vorher etwas gesagt zu haben. So machten wir statt Prüfungsvorbereitung deutsche Konversation. Ich fragte die beiden nach Höhepunkten ihrer Schulkarriere. Nataschas prompte Antwort: die drei Monate Aufenthalt in Dresden im Rahmen des Goebel-Programms (Die Schüler wohnen in deutschen Gastfamilien und besuchen den Unterricht in einer deutschen Schule). Anjas Höhepunkt war der Preis, den sie für ein Biologie-Projekt bekam, bei dem sie Interviews in einer nischegoroder Entzugsanstalt machte.

Dann kamen wir auf die Klausur in russischer Literatur zu sprechen, die in der letzten Woche geschrieben wurde. Die Schüler bekommen sogenannte ‚Vektoren‘ wie z.B. ‚Verstand und Gefühl‘, ‚Ehre und Ehrlosigkeit‘, ‚Sieg und Niederlage‘, die sie dann auf Literatur, die sie gelesen haben, anwenden. Welche Werke sie nehmen, können sie selbst auswählen. Anja wendete ‚Verstand und Gefühl‘ auf Turgenevs ‚Väter und Söhne‘ und Zamjatins ‚Wir‘ an; Natascha ‚Ehre und Ehrlosigkeit‘ auf Puschkins ‚Hauptmannstochter‘ und auf das ‚Igorlied‘ – ein mittelalterliches Epos, das einen ähnlichen Stellenwert hat, wie bei uns das Nibelungenlied. Ich fragte die beiden nach ihrer Pflichtlektüre. In Klasse 10 ist das die russische Literatur des 19. Jahrhunderts: Puschkins ‚Boris Godunov‘, Tolstojs ‚Krieg und Frieden‘, Dostojewskis ‚Schuld und Sühne‘, Gontscharows ‚Oblomow‘, Turgenjews ‚Väter und Söhne‘, Tschechows ‚Kirschgarten‘, um nur die berühmtesten zu nennen. Neugierig geworden schaute ich bei www.examen.ru die Listen für die Pflichtlektüren nach. In der Einleitung fand ich den Hinweis, dass es sich empfiehlt, die Literatur in den Sommerferien zu lesen, da allein ‚Krieg und Frieden‘ 1274 Seiten habe. So verstand ich nachträglich den Kommentar meiner letztjährigen Elfer, die sich nach Rückkehr ihres Goebel-Aufenthaltes verwundert darüber äußerten, dass man an ihrer deutschen Schule wochenlang Patrick Süskinds ‚Parfum‘ besprochen habe.

Am nächsten Schultag konnte ich in Klasse 8 die Prüfungsvorbereitung wieder nicht durchführen: die guten Schüler – die gleichen, die eben auch die freiwillige Prüfung für einen Vorläufer des Deutschen Sprachdiploms machen –  waren alle in der Olympiade für russische Sprache (Hier sind russische Sprache und russische Literatur zwei getrennte Fächer). Auch meine Kollegin, die reguläre Deutschlehrerin in der Klasse, hatte das nicht gewusst. Als ich nach zwei Hohlstunden wieder vor einer leeren Klasse stand (u.a. fehlten auch Natascha und Anja. Sie hatten mir am Vortag nicht gesagt, dass sie auch an einer Olympiade teilnehmen werden.), machte ich mich entnervt auf die Suche nach Informationen, wann wer an irgendwelchen Olympiaden teilnimmt. Im Lehrerzimmer fand ich eine Übersicht, wann in welchen Fächern der Schulausscheid ist, und so weiß ich, dass am heutigen Montag die Deutsch-, am Mittwoch die Gesellschaftskunde- und am Freitag die Literatur-Olympiaden sind. Welche Schüler daran teilnehmen, war nicht aufgeführt. Auch die stellvertretende Schulleiterin konnte mir nicht helfen, schickte mich jedoch zu den Fachlehrern. Und siehe da, an der Tür des Kabinetts der Russischlehrerin war eine Liste der Schüler, die an diesem Tag an der russischen Spracholympiade teilnahmen. Die Liste der Teilnehmer der Literaturolympiade am Freitag ist noch nicht erstellt. Gelernt habe ich daraus, dass ich in Zukunft mit wachsamem Blick an den Kabinett-Türen vorbeigehen muss! Übrigens ist das Gymnasium Nr. 1 eine Schule, die auch auf regionaler und föderaler Ebene überdurchschnittlich viele Olympia-Sieger hervorbringt. Ein Grund, warum unsere Schule 2016 zum dritten Mal im Schul-Ranking die Auszeichnung bekam, zu den 500 besten Schulen Russlands zu gehören. Andere Kriterien beim Ranking sind die Abischnitte, die Zahl der Schüler, die das Abitur mit einer Gold- oder Silber-Medaille absolviert haben, die Zahl der ‚ausgezeichneten‘ Lehrer…

Ein weiteres Ereignis, das uns wochenlang in Atem hielt, war die Schulinspektion, die hier alle drei Jahre stattfindet und zwei Wochen dauert. Im Vorfeld wurden Kabinette aufgeräumt, der Inhalt aller Schränke auf Listen festgehalten, Klassenbücher auf den neuesten Stand gebracht… Eine große Herausforderung auch für die Schulleitung, die mit persönlichen Strafen (5 % Gehaltseinbuße), im Extremfall auch mit Schulschließung rechnen muss. Letzteres ist bei uns noch nie passiert, die Gehaltseinbuße musste unser Schulleiter aber schon hinnehmen, weil an unserer Schule kein Werkunterricht stattfand. Es war allerdings weit und breit kein Werklehrer zu finden gewesen. In diesem Jahr lief alles glimpflich ab: ‚Außer ein paar Kommas gab es nichts zu bemängeln,‘ sagte mein Schulleiter.

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 Eingang zur Ausstellung sowjetischer Sportplakate mit russischer Nachwuchskraft

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 Fjodor Pawlow-Andreewitsch am Laternenpfahl

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…und an einem Baum

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Café Хитрые Люди: Auf der Tafel wird das Oktoberfest angekündigt.

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Café Хитрые Люди: Der frühere Degustationsraum

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Gedenkstätte für Nemzow am 7. Oktober 2016 (Aufnahme von Dorothe)

 

Neues Marriott-Hotel in Nischni Nowgorod

26.09.16

Nicht weit von uns wurde am 18. Dezember vorigen Jahres das Hotel „Courtyard by Marriott Nischni Nowgorod City Center“ eröffnet – der schwierigen wirtschaftlichen Situation und den Sanktionen zum Trotz. Ein Zeichen der Hoffnung auf bessere Zeiten? Zumindest der amerikanische Hotelkonzern wagte diesen Schritt.

ICANN (International Community Association Nischni Nowgorod) hatte zu einem Empfang und zu einer Weinprobe in das Hotel eingeladen. Das neue Marriott verbindet ein modernes Gebäude mit einem Stadthaus, das der Kaufmann, Schiffsbauer und Bürgermeister Dimitri Wassiljewitsch Sirotkin Ende des 19. Jh. bauen ließ. Das Marriott bietet 143 Zimmer, Tagungs- und Banketträume. Besonders stolz ist man auf eine Präsidentensuite mit eigenem Eingang. Die Einrichtung ist international modern und die angebotenen Häppchen und Kostproben schmeckten so vielversprechend, dass wir das Restaurant bald mal testen werden.

k-69-ber-1Das neue Marriott: vorn das alte Stadthaus, hinten der moderne Neubau

Bemerkenswert war auch die Weinprobe: die Weine kamen vom Weingut „La Madonna“ in der Toskana, was man ja in Nischni Nowgorod nicht so ohne weiteres erwartet. Sie waren durchweg von hoher Qualität. Das Weingut gehört dem Schauspieler, Regisseur und Filmmacher Nikita Michalkow. Er ist seit Jahrzehnten der im In- und Ausland bekannteste russische Regisseur. Für seinen Film „Die Sonne, die uns täuscht“, in dem er die bedrückenden Verhältnisse in der Stalinzeit sehr ergreifend schildert, erhielt er 1994 bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes den Großen Preis der Jury und den Preis der Ökumenischen Jury sowie 1995 den Oskar für den besten ausländischen Film.

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Heute ist er der mächtigste Mann in der russischen Kinobranche, Chef des Verbandes der Filmschaffenden und Freund Putins, wegen seiner inzwischen konservativen Einstellung in der Filmbranche sehr umstritten. Er war der Initiator eines offenen Briefes, in dem Putin 2007 aufgefordert wurde, für eine dritte Amtszeit als Präsident zu kandidieren.

Das Hotel wirbt zu Recht  mit seiner zentrumsnahen Lage an der Ulitza Ilinskaja, viele Sehenswürdigkeiten der Innenstadt sind zu Fuß zu erreichen. Die nähere Umgebung ist aber noch nicht allzu attraktiv. Vor allem die Plotnitschnij Gasse, auf die die Rückseite des Hotels zeigt, bietet mit alten ungepflegten Holz- und Steinhäusern einen traurigen Anblick. Die frühere Pracht ist noch zu erahnen, jetzt prägen bröckelnder Putz und splitterndes Holz das Bild.

k-69-ber-3Hinter dem Hotel verfallende Pracht auf der Plotnitschnij Gasse, sieht auf dem Foto netter aus als in Wirklichkeit

k-69-ber-4Bröckelnder Putz an altem Steinhaus auf der Plotnitschnij Gasse

Auch links neben der Einfahrt zum Hotel von der Ilinskaja aus stören renovierungsbedürftige Bauten, die Nachbarhäuser rechts sind dagegen prachtvolle Schmuckstücke, in zweiter Reihe ist ein großes Wohnhaus in Bau.

k-69-ber-6Hoteleinfahrt von der Ilinskaja aus

k-69-ber-7Prachtvolle Häuser an der frisch asphaltierten Ilinskaja

Die Straße und der Bürgersteig vor dem Hotel sind seit ein paar Tagen endlich saniert. Die Straßendecke war seit drei Wochen abgefräst, die Straßenbahnschienen ragten einige Zentimeter aus dem Boden und den Autofahrern wurden höchste Fahrkünste abverlangt. Auch für uns Fußgänger war Aufpassen angesagt.

k-69-ber-8Die Ilinskaja vor der Asphaltierung

Heute, Sonntag wurden die Bürgersteige in unserer Nähe asphaltiert: ein Bagger schüttet eine Ladung Asphalt auf den Boden, fünf Männer verteilen ihn mit Schaufeln und Planierrechen, eine Walze rollt darüber. Nach kurzer Zeit konnte der Weg wieder begangen werden.

k-69-ber-9Nicht aufgepasst, aber scheinbar kein Grund zur Aufregung. Auch der Regen stört nicht sehr.

In der Stadt sind viele Straßen abgefräst und ich hoffe sehr, dass die Arbeiten bis zum ersten Schnee abgeschlossen sind. Schnee und Frost werden vom Langzeitwetterbericht schon in vierzehn Tagen erwartet – keine große Überraschung in diesem betrüblichen Herbst. Im Gegensatz zu den letzten beiden Jahren war es heuer oft kalt und regnerisch. Von Altweibersommer keine Spur. Wir haben die heiteren Abende auf der Bolschaja Pokrowskaja mit den Musikgruppen und Straßenkünstlern vermisst.

Der oben als Besitzer des Stadthaueses erwähnte Schiffsbauer und Bürgermeister Sirotkin war ein enger Freund Maxim Gorkis und eine prägende Persönlichkeit für Nischni Nowgorod. Wikipedia.org zählt eine lange Reihe von kommerziellen Führungsämtern auf, er war auch Vorsitzender zahlreicher Kongresse der Altgläubigen. Kein Wunder, dass er nach der Revolution 1917 das Land verlassen musste. Geboren wurde er 1864 im Dorf Astapowo im Bezirk Nischni Nowgorod, gestorben ist er 1953 in Belgrad. Seine Spur verliert sich nach seiner Emigration. (Da möchte man mehr wissen!)

In seiner Amtszeit als Bürgermeister kam ein berühmtes Gemälde endgültig nach Nischni Nowgorod: Konstatin Egorowitsch Makowskis (1839-1915) „Aufruf Minins“ (Константина Егоровича Маковского «Воззвание Минина»). Das Monumentalbild von 7 mal 6 Metern zeigt wie die Nischegoroder 1612 für die Befreiung Russlands spenden. Der Kaufmann Minin hatte dazu aufgerufen. Er führte dann zusammen mit dem Fürsten Poscharski die Aufständischen nach Moskau und vertrieb die Polen aus Russland.

Das Bild ist gewaltig, mehr als 700 Menschen sind zu sehen, die sich vor dem Kreml auf dem jetzigen Platz der Einheit drängen. Erstmals wurde es 1896 bei der Allrussischen Messe in Nischni Nowgorod in einem eigenen Holzpavillon ausgestellt. 1908 kaufte es der Kaiserliche Hof im Zusammenhang mit den Feiern zum 300jährigen Bestehen der Romanows. Es hing ab da im Haus der Duma am Eingang zur Bolschaja Pokrowskaja gegenüber dem Kreml. 1972 kam es in einen eigens dafür errichteten Anbau an die Stadtvilla der Sirotkins, jetzt Kunstmuseum, auf der Oberen Wolga-Uferstraße. Minin wurde in der Sowjetzeit als Mann aus dem Volk hoch verehrt. Wir finden es interessant, dass auf diesem Ende des 19. Jh. (also in der Zarenzeit) entstandenen Gemälde nur der bürgerliche Minin abgebildet ist und nicht auch der Fürst Poscharski.

k-69-ber-10Auf 42 m² ein für Nischni Nowgorod wichtiges Ereignis von 1612:  „Minins Aufruf“ von Konstatin Makowski

In den anderen Räumen des Museums sind Gemälde und Skulpturen aus Europa und Deutschland ausgestellt. Dabei fielen uns die ungewöhnlich vielen unbestimmten Herkunftsangaben auf. Der Maler war oft anonym, Entstehungsorte und -zeiten nur grob angegeben.