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Kamtschatka

Die Halbinsel Kamtschatka erstreckt sich im Nordosten Sibiriens über 1600 km Länge vom 51. nördlichen Breitengrad (entspricht etwa Jena mit 50,9° oder Erfurt) bis zum 62. (entspricht Trondheim in Norwegen). Im Osten liegt der Stille Ozean, im Westen das Ochotskische Meer und Sibirien. Vom russischen Festland aus gibt es keine Straßen oder Bahnen, Kamtschatka ist daher für Reisende nur mit dem Flugzeug oder dem Schiff zu erreichen. Zu der vor zehn Jahren gegründeten Region Kamtschatka (Край Камчатка) gehören noch Teile des Festlandes, diese Region ist so groß wie Deutschland und Österreich zusammen. In ihr lebten 2016 etwas über 316000 Menschen.

Здесь начинаетса Россия – Hier beginnt Russland. Berlin 7846 km, Sotschi 7809 km

 

Petropawlowsk-Kamtschatski, die Hauptstadt der Region Kamtschatka ist aus einer 1740 an der Awatschinski-Bucht errichteten Siedlung hervorgegangen. Es hatte bis zum Beginn des 20. Jh. nur wenige Hundert Einwohner. In der Sowjetzeit wurde die Halbinsel zum militärischen Sperrgebiet erklärt und in der Bucht ein großer Hafen für die sowjetische Pazifikflotte gebaut. 1990 lebten etwa 300000 Menschen in Petropawlowsk, die Einwohnerzahl nimmt seitdem ab und betrug 2016 nur noch 180000. In der Stadt überwiegen Plattenbauten mit hässlichen Fassaden. Es ist eine Stadt zum Essen, Schlafen und Wegfahren, nämlich in die wilde Natur der Umgebung. Dies sagte einer unserer Reiseführer. Er lobte die deutsche Hilfe bei der Verbesserung des Naturschutzes und bei der Einrichtung von Reservaten.

Die Sommersaison auf Kamtschatka ist kurz, zehn bis zwölf Wochen bleibt es in Petropawlowsk und in den tieferen Lagen schneefrei. Mensch und Natur müssen diese kurze Zeit nutzen. Dies merkte man an den Hotelpreisen, den Baustellen in der Stadt und an den vielen Festen. Wir kamen am 1. Juli gerade zur Feier des 10jährigen Bestehens der Region Kamtschatka zurecht. Auf einer großen Bühne am Leninplatz an der Leninstraße vor dem monumentalen Lenin-Denkmal unterhielten Sänger, Chöre und Tanzgruppen ein zahlreiches Publikum. Eine indigene Trachtengruppe zeigte alte Tänze. Frauen ahmten mit schrillen Schreien Seevögel nach – sehr ungewöhnlich, Männer tanzten wild mit großen ledernen Handtrommeln. Der Festplatz liegt an der 20 km breiten Awatschinski-Bucht, bei klarem Wetter kann man von dort den Wiljutschinski Vulkan am gegenüberliegenden Ufer bewundern.

Auf der Bühne traditioneller Tanz mit ledernen Trommeln, hinter der Bühne Lenin, hinter Lenin Gasprom

Auch die Natur beeilt sich, die kurze Saison zu nutzen: wo vor fünf Wochen noch Schnee lag, ist jetzt ein dichtes Grün von Sträuchern und Gräsern mit vielen Blumen. In den Wäldern überwiegen die Erle und die Steinbirke (Betula Ermani), letztere ist zum Baum Kamtschatkas gewählt worden.

Wir konnten die üppige Natur gleich am ersten Tag bewundern, denn wir folgten der Empfehlung unserer Vermieterin Olga, eine Ethnoschau zu besuchen. Dahin fuhren wir mit einem Jeep durch Wald mit wucherndem Bodenbewuchs bis wir ein großes Gelände erreichten, auf dem Schlittenhunde und Rentiere gezüchtet werden.

Dort führte uns eine junge Frau aus dem Volk der Korjaken zunächst in das Leben der indigenen Völker Kamtschatkas ein, von denen es noch Itelmenen, Tschuktschen, Evenen, Ainu und Aleuten gibt, Völker mit nur noch wenigen Angehörigen, die versuchen, ihre alte Lebensweise trotz der notwendigen Modernisierung zu erhalten und zu pflegen. Es folgten Führungen zu den Schlittenhunden und in ein Rentiergehege. Zum Abschluss gab es ein Abendessen in einer modernen Jurte aus Holz.

Schlittenhunde, Vulkane

Dies alles war lehrreich und interessant, es wurde anschaulich und lebhaft dargeboten. Noch mehr berührt hat uns aber die Begegnung mit den Schlittenhunden, von denen es dort 144 aus verschiedenen Rassen gibt, vor allem sibirische Huskys und Musher. Wir wurden von den angeleinten Hunden jaulend und bellend begrüßt, sie rannten um ihre Hütten und sprangen wild umher. Ich hatte die Warnungen vor angeketteten Hofhunden im Kopf und war sehr überrascht, als uns Andrej, der Besitzer des Anwesens, ermunterte: „Geht doch mal da durch, die Hunde freuen sich darüber.“ Und so war es dann auch. Die Hunde warteten darauf, gestreichelt oder umarmt zu werden. Das führte bei den anderen zu noch wilderem Jaulen – aus Eifersucht und aus Angst, nicht auch beachtet zu werden. Die Rentiere im Gehege stürzten sich auf uns wegen der Futter-Körner, die wir zuvor in unsere Hände geschüttet bekommen hatten, die Hunde suchten nur den Kontakt und die Berührung! Sehr bewegend. Zu einer Ausfahrt mit einem Rennwagen wurden sechs Hunde eingespannt, die vor Begeisterung kaum zu bändigen waren und deren Gebelle das enttäuschte Gejaule derer übertönte, die nicht ausgewählt worden waren.

Das Besitzerehepaar Andrej und Nastia Semaschkin (sechs Kinder) nimmt mit großen Erfolgen an der Beringia, dem berühmten Hundeschlittenrennen teil. Es führt durch ganz Kamtschakta bis aufs Festland. Andrej gewann schon viermal den ersten Platz, Nastja einmal den dritten. Eines ihrer Kinder hatte auch ein Rennen gewonnen, aber den angebotenen Pokal abgelehnt, denn: „Wir haben schon genug zu Hause!“ Auch für die Hunde ist dies eine Herausforderung, die aber gierig und gern angenommen wird.  Die Beringia wird seit 1990 ausgetragen. Sie gehört zu den Bemühungen, die traditionelle Lebensweise und die eigenartige Kultur indigener Völkerschaften des nordöstlichen Russlands wiederzubeleben. (>http://www.snowdogskamchatka.com<  E-Mail: sled_dog_offiсe@mail.ru.)

Wir hatten bei der Reiseagentur „Vision of Kamtschatka“ ein achttägiges Touren-Paket mit Unterbringung in einem Hotel gebucht. Vor und nach der Tour mieteten wir Ferienwohnungen. Dabei machten wir die uns schon bekannte Erfahrung: Plattenbau, ungepflegte Fassade, abgewohnter Hausflur, aber hinter der (eisernen) Wohnungstür saubere, modern eingerichtete Räume. Beide Vermieterinnen sagten uns, dass wir Wasser aus der Leitung trinken können, das saubere Wasser sei der Stolz der Menschen hier. Auch bei den Touren kamen wir an Bächen mit trinkbarem Wasser vorbei. Die Luft ist rein, weil es außer einer Fischverarbeitungsfabrik keine Industrie gibt. Strom wird in Thermalwärme-Kraftwerken erzeugt. Luftverschmutzer sind der Autoverkehr, der in den letzten Jahren stark zugenommen hat und die Vulkane, die Gase und Staub ausstoßen. Kamtschatka liegt am „Pazifischen Feuerring“. Dort schiebt sich die Pazifische Erdplatte unter die Eurasische Kontinentalplatte, was zur Entstehung der vielen Vulkane führte und noch führt. In der Region gibt es 130 Vulkane, von denen 29 aktiv sind.

Drei unserer Touren führten in Vulkangebiete. Sie begannen immer mit langen Anfahrten, einmal mit einem Mitsubishi Pajero, zweimal mit umgebauten Allradantrieb-Militär-LKWs, auf deren Ladefläche eine Personenkabine montiert war, in der wir schon auf den Straßen und dann vor allem auf den Stein- und Schneepisten kräftig durchgeschüttelt wurden.

Umgebauter LKW mit Allradantrieb, Rast in Flussbett

Das feuchte und wechselhafte Wetter ist ein weiteres Merkmal Kamtschatkas. Der nahe, kalte Ozean und die hohen Berge führen zu raschen Wechseln und schwieriger Vorhersagbarkeit. Innerhalb von wenigen Minuten kann der Nebel verschwinden und blauem Himmel mit Sonnenschein Platz machen – was wir erfreut erlebten – oder er bleibt trotz anderslautender Vorhersage hängen – was wir ebenfalls erfahren mussten.

Start bei Nebel zur Wanderung auf den Aussichtsberg „Kamel“

Die Wanderung auf dem Plateau zwischen den Vulkanen Awatschinski und Korjakski begann an einer „Turbasa“ (Hütte) bei Nebel auf Sandwegen. Gerade als wir auf ein Schneefeld wechselten, kam die Sonne hervor und der Aufstieg auf den kleinen Aussichtsberg „Kamel“ (Верблюд) zwischen den Vulkanen wurde zu einer Genusswanderung.

Am Ziel Sonne! Der Vulkan Korjarski vom „Kamel“ (Верблюд) aus gesehen.

Eine unserer Mitwanderenden konnte das Tempo nicht mithalten, die Gruppe wartete immer wieder geduldig und auch die Frau selbst zeigte keinen Stress. Sie folgte der Gruppe langsam und vergnügt bis zum Gipfel. Auf dem Rückweg gab es in der Turbasa ein Mittagessen: Salat, Gemüsesuppe, Lachssteak mit Reis, Tee und Gebäck als Nachtisch. In dem Raum merkte man sofort, dass er nach der Erfindung von Plastik möbliert wurde. Stühle, Geschirr und Tischdecken waren aus diesem Material, das Ambiente nicht mit der Gemütlichkeit unserer Alpenhütten zu vergleichen. Aber das Essen war gut, Wodka gehörte dazu!

In der Turbasa

Pech mit dem Wetter hatten wir bei der Wanderung auf dem Plateau zwischen den Vulkanen Wiljutschinski und Goreli. Hier begleiteten uns Nebel und Regen von der Abfahrt in der Stadt bis zum Ziel in 850 m Höhe nach ca. 110 km Fahrt. Wir liefen über Schneefelder oder über Tundra-Boden, ohne von den Gipfeln irgendetwas zu sehen. Vitali, unser Reiseführer zeigte uns mitleidig auf dem Handy, was uns hier entging. Das Laufen auf dem angetauten Boden war manchmal schwierig, oben waren zwei Zentimeter weich und darunter war es noch hart gefroren. Besser ging man auf den Schneefeldern. Wir fanden Fährten von einem Vielfraß (Wolverine, росомаха) und dessen Jungen. Diese Raubtiere seien hier relativ häufig.

Unser Ziel, der Wasserfall „Veronikas Haare“, war mehr zu hören als zu sehen. In unserem Auto gab es nach der feuchten Nebelwanderung ein romantisches Mittagessen: Salat, Suppe, Lachs mit Reis und Nachtisch, auch hier fehlte der Wodka nicht.

Vor dem Wasserfall „Veronikas Haare“

Eine dritte Vulkan-Wanderung machten wir mit der Reiseagentur „Kamtschatka Wildtours“. Unser Ziel war der Krater des Кoselski Vulkans.

Ski-Lager, Rechts die Skipiste

Nach der Anfahrt war Startpunkt wieder eine Turbasa, diesmal ein Basislager für Skifahrer. Es bestand aus einer Hütte und mehreren ausgedienten Militär-LKWs mit Aufbauten, in denen Doppelstockbetten standen. Direkt daneben ein langes Schneefeld, auf dem sich Skifahrer tummelten, wie wir hörten, Leistungssportler und eine Schülergruppe. Typisch russisch waren die „Aufstiegshilfen“. Sehr einfach und billig, aber funktionierend: Ein Stahlseil im Schnee liegend, ohne Stützen, ohne Bügel, eine Rolle unten mit Dieselantrieb und eine oben am Berg. Der Skifahrer klemmt einen Bügel mit einem Haken an das Seil und wird hochgeschleppt. Oben wird der Bügel gelöst und von ihm oder anderen gesammelt wieder hinunter transportiert.

Diesmal lagen im Tal über der Stadt niedrig hängende Wolken und hoch über den Gipfeln eine zweite dünne Wolkenschicht. Die ungewöhnliche Beleuchtung bescherte eigenartige Ausblicke auf die schwarzbraunen Lava-Felder mit Schnee-Streifen und den unter uns liegenden Wolken.

Bald am Ziel

Wir hatten Gelegenheit, diese Aussicht oft und lange zu genießen, weil wir bei dem sehr mühsamen Anstieg in der leichten Bimsstein-Schlacke immer wieder Pausen einlegen mussten. Bei jedem Schritt sanken wir knöcheltief ein und rutschten ein Stück zurück. Obwohl wir die Fußstapfen unserer drei Wanderführer benutzten, war das sehr anstrengend.  Leichter ging es, wenn wir über Schneefelder aufsteigen konnten. Erschöpft erreichten wir wenigstens den unteren Rand des schon lange erloschenen Vulkans. In dieser Höhe gab es nur Schlacken und Schnee und kühlen Wind und dennoch überraschend viele Mücken. Ausgerechnet heute hatten wir unseren Antibrumm Forte im Auto gelassen – zur Gewichtserleichterung. Der Abstieg in der tiefen Lava-Asche war danach ein Kinderspiel, hier rutschte die Schlacke in die richtige Richtung und es ging flott abwärts.

Zum Abschluss gab es unterhalb der Turbasa auf einem dichtbewachsenen Lava-Feld ein Picknick, in dieser stillen Landschaft ein besonderes Erlebnis. Die von unseren Führern frisch gegrillten Schaschliks wurden direkt von den Spießen gegessen und schmeckten nach der anstrengenden Wanderung zusammen mit dem (zu viel) angebotenen Wodka sehr gut.

Von den heißen Quellen Kamtschatkas gehörten drei mit unterschiedlicher Qualität zu unserem Reiseprogramm. In Selenewski Oserki (sehr einfach) und in Paratunka (gepflegt) badeten wir in warmem bis heißem Wasser in Becken. Dort gab es Häuser mit Umkleiden und Kioske, aber keine Cafés oder Restaurants, in denen man sich nach den Badefreuden hätte ausruhen können.

Dampfende Tümpel in Malki

In Malki waren es mehrere naturbelassene Tümpel, in deren kniehohem Wasser mit unterschiedlichen Temperaturen man sich tummeln konnte oder die man besser mied, wie eine kleine schmerzhaft heiße Quelle neben einem reißenden Flüsschen. Der angrenzende große Zeltplatz war nur wenig belegt, wir konnten in Ruhe baden. Auch hier keine Einkehrmöglichkeit. Da bleibt nichts anderes übrig als zurück in die Stadt (120 km) zu fahren, mit zwei Stunden wieder viel Aufwand für ein kurzes, wenn auch ungewöhnliches Vergnügen!

Kurz waren dagegen die Wege zu Schiffsrundfahrten in der Awatschinski Bucht und auf dem Stillen Ozean. Eine vierstündige Fahrt gehörte zum Tour- Programm, eine ganztägige zur Russischen Bucht buchten wir selbst. Bei beiden Touren war die Luft kalt und wer die Mahnung von Vitali befolgt hatte, sich warm anzuziehen, war gut beraten.

 Die Awatschinski Bucht mit den „Drei Brüdern“, hinten der Wiljutschinski Vulkan

Die von den Amerikanern seit 1952 so genannte „Russische Bucht“, die bis dahin Ahomten Bucht hieß, ein itelmenischer Name. Im 2. Weltkrieg wurden hier die Lieferungen aus Amerika und Kanada (Nahrungsmittel und strategische Güter) auf andere Schiffe zur Fahrt nach Wladiwostok umgeladen.

Bei der Fahrt zur Russischen Bucht zeigte der Bordcomputer beim Ablegen morgens um acht im Nebel 11,8° Lufttemperatur, nachmittags bei strahlender Sonne und abends bei Rückkehr waren es 12,4°. Das Schiff, die Orca, hatte einen offenen, nur mit einem Zelt überdachten Steuerraum, in dem der Kapitän in einer dick gefütterten Plastikjacke dem kalten Wind trotzte und das Schiff durch den Nebel lenkte. Die Besatzung bot uns ebenfalls solche winddichten Jacken an. In der Stadt war es den ganzen Tag über angenehm warm gewesen.

Morgens: Nebel. Fahrgäste und Kapitän, warm gekleidet

Mittags wichen Nebel und Wolken schlagartig, plötzlich sahen wir den Ozean bis zum Horizont und die imponierende Bergwelt an Land. Beeindruckend die steilen Felsufer und die ungewöhnlichen Felsen, die vielen, von Vogelscharen bewohnten Inseln, Seehunde, die ihre Köpfe neugierig aus dem Wasser streckten oder in Scharen lärmend auf flachen Steinen lagerten.

Mittags: Sonne. Felsen, Seehunde, blaues Meer am Steilufer des Pazifik

Angeln war bei beiden Schiffstouren ein wichtiger Teil des Programms. Die Fische bissen rasch an, und der Erfolg war einkalkuliert, denn der Fang wurde umgehend als Fischsuppe und, besonders köstlich, gebraten zubereitet. Die Krebse holte ein Taucher vom Meeresgrund.  Für die nicht seekranken Mitfahrenden, zu denen wir glücklicherweise gehörten, war dies alles auf den heftig schaukelnden Schiffen ein Vergnügen.

Der Taucher zeigt stolz den Fang

Vor dem Mahl: Fotos

Rose hat zwei Hubschrauber-Ausflüge sehr genossen. Hier ihr Bericht:

Der erste Ausflug führte zum Kronotski Naturreservat. Dieses liegt etwa 180 Kilometer nordöstlich von Petropawlowsk-Kamtschatski und ist mit dem Hubschrauber in 70 Minuten zu erreichen. Mit seinen aktiven und erloschenen Vulkanen, Fumarolen (kleine vulkanische Dämpfe), und Geysiren ist es das Juwel unter den Schutzgebieten Kamtschatkas. Seit 1984 ist das Gebiet ein Biosphärenreservat der UNESCO. Die Fläche beträgt 10000 Quadratkilometer, das entspricht einem Drittel von Baden-Württemberg. Laut Naturschutzgesetz ist Tourismus ausdrücklich nicht erwünscht, nur in einigen Gebieten darf mit Sondergenehmigung gewandert werden. Doch gibt es eine begrenzte Zahl von Helikopterflügen.

 

Man hatte uns gewarnt: Es könne lange Wartezeiten geben, bis der Nebel weicht. Geflogen wird nur wenn die Sicht, nicht nur in Nikolaewka, unserem Hubschrauber-Flugplatz bei Petropawlowsk, sondern auch unterwegs und im Tal der Geysire gut ist. Aber wir hatten Glück. Kaum am Flugplatz angekommen, bekamen wir auch schon unsere Teilnehmerplakette und wurden zu einem Hubschrauber geführt, der innen wie Militärhubschrauber aussah: Man saß mit dem Rücken zu den Bullaugenfenstern. Unsere Flugbegleiterin, die uns auch den ganzen Tag führte, eine kompetente junge Frau, händigte die Ohrenschützer aus und erklärte die Ziele: Das Tal der Geysire, die Uzon-Caldera, der Nalycheva-Naturpark. Doch zunächst einmal der Flug, den man so zusammenfassen kann: eine unbequeme Sitz-Situation aber spektakuläre Ausblicke über grüne Täler, Schneefelder, vorbei an den erloschenen und aktiven Vulkanen mit ihren Fumarolen.

Unser erster Landeplatz war im „Tal der Geysire“. Dort bewegt man sich nur auf Holzstegen und nur mit bewaffneten Inspektoren, um die Natur vor Menschen und die Menschen vor Bären zu schützen. Hier leben etwa 600 Braunbären.

Das sechs Kilometer lange Tal, das erst 1941 von der Wissenschaftlerin Tatjana Ustinova entdeckt wurde, weist 90 Geysire auf und ist somit eines der weltweit größten Gebiete heißer Quellen. Hier zischt und brodelt es überall, 35 – 100 ° heißes Wasser schießt minutenlang bis in Höhen von 25 Metern. Besonders beeindruckend ist der Geysir „Velikan“ (Riese), der zuverlässig alle 60 Minuten ausbricht.

Unser zweiter Landeplatz war die neun mal zwölf Kilometer große Uzon-Caldera, die sich vor 40 000 Jahren durch mehrere gewaltige Explosionen bildete. Eine Caldera entsteht, wenn die Flanken des Vulkankegels wegbrechen und der Vulkankegel in die Tiefe sinkt.

  

Wieder wurden wir durch Inspektoren auf Holzstegen geführt, denn an einigen Stellen ist die Erdkruste gefährlich dünn, die Erde heiß und das Wasser nicht nur manchmal kochend, sondern auch schwefelhaltig. Auch hier gibt es viele Bären. 

 

Unsere dritte Landung war im Naturpark „Nalychewa“, wo wir in natürlichen Thermalquellen bei 40° warmem Wasser badeten. Nach dem Bad hatte man eine lange Tafel auf der grünen Wiese für uns gedeckt. Es gab wie immer auf Kamtschatka Lachs.

Der Heimflug bot wieder großartige Ausblicke, wie dieses Beispiel zeigt.

 Erfüllt von diesen einmaligen Natureindrücken konnte ich der Verlockung nicht widerstehen, ein paar Tage später noch einen Hubschrauber-Ausflug zu machen.

Diesmal ging es 90 Minuten nach Süden, zum Kurilensee. Erfahren, wie ich jetzt schon war, ergatterte ich den Sitz neben dem Einstieg. Dort kann man eine Vierteldrehung zur Tür hin machen und dann in Fahrtrichtung sitzen, wobei man eine freie Sicht durch die Tür hat. Ein ganz anderes Flugerlebnis!

 

Das Juschno-Kamtschatski-Naturreservat, in dem der Kurilensee gelegen ist, wurde bereits 1882 vom Zaren eingerichtet, um die wertvollen Zobelbestände zu erhalten. Der Kurilensee füllt einen vor etwa 8400 Jahren eingebrochenen Krater aus. Er ist für seinen Reichtum an Lachsen bekannt. In dem klaren und kalten Wasser laichen die Lachse, die von März bis September vom Ochotskischen Meer hochwandern. Es gibt eine Lachszählstation, an der jährlich bis zu fünf Millionen Fische gezählt werden. Dies wissen auch die Seeadler und die etwa 200 Bären, die hier auf die Lachse warten und sich ihren Winterspeck anfressen. Würden wir welche zu sehen bekommen? Dies war die Frage, die alle in unserer 20köpfigen Gruppe umtrieb. Zunächst einmal wurden wir mit einem kleinen Motorboot über den malerischen See gefahren.

Und da waren auch schon die ersten: eine Bärenmama mit ihren zwei Kleinen! Unser Bootsmann schaltete den Motor ab, wir fuhren bis auf zwanzig Meter ans Ufer heran. Die Bären ließen sich durch uns nicht stören.

 

Auch auf dem Rückweg kamen wir an einem weiteren Prachtexemplar vorbei. Und dann zurück am Landesteg sahen wir noch einen Bären, der am Strand schlief – vermeintlich! Denn plötzlich sprang er auf und fing einen Lachs, den er aufrecht im Wasser sitzend in beiden Pratzen hielt und wie eine Banane fraß.

Wen schützt der elektrisch geladene Zaun – die Menschen oder die Bären? Dieses Meisterfoto gelang leider nicht mir, sondern einem Mitglied unserer Reisegruppe, der vier Tage früher hier war

Von unserer Führerin erfuhren wir interessante Details aus dem Bärenleben. Zum Beispiel, dass Bärinnen ihre Jungen während ihres Winterschlafs gebären. Die Neugeborenen wiegen nur ca. 400 Gramm, durch Winseln machen sie die Mutter auf sich aufmerksam. Deren Muttermilch ist so fetthaltig, dass die Bärchen innerhalb von vier Wochen auf drei bis vier Kilo heranwachsen. Noch eine interessante Information: Nach dem Winterschlaf fressen die hungrigen Bären die ganzen Lachse. Wenn sie satt sind, im August, nur noch ihren Kaviar.

Hochzufrieden stiegen wir nach eineinhalb Stunden wieder in den Hubschrauber und flogen zu unserem nächsten Ziel: der Caldera des Vulkans Ksudatsch. Das Wasser hatte wieder 40 Grad und es war eine Wonne, auf dem warmen Lavastrand zu liegen. Doch baden durften wir erst am nächsten Ziel, in den heißen Quellen am Fuße des Vulkans Chodutka. Nach dem Baden wartete wieder ein gedeckter Tisch im Freien auf uns und auch diesmal gab es natürlich – Lachs!

 

Noch einige allgemeine Erfahrungen dieser Reise.

Die achttägige Tour mit dem Reiseunternehmen „Vision of Kamtschatka“ hat sich bewährt, Organisation und Durchführung unserer Unternehmungen klappten gut und pünktlich. Untergebracht waren wir im Awatscha-Hotel (Авача), das enge Zimmer hatte, die großen Betten ließen nur schmale Gänge. Frühstück und Küche waren gut, das Personal freundlich und hilfsbereit. Vitali, unser Reiseführer,  sprach englisch, (was eine Ausnahme ist, ohne Russischkenntnisse ist eine Reise dorthin schwierig). Ob wir den 10%igen Rabatt auf unsere Zertifikate Nr. 788 und 789 bei der nächsten Buchung nutzen werden, lassen wir getrost offen, zumal sie 72 Jahre gültig sind.

Eine andere Möglichkeit auf Kamtschatka ist es, Ferienwohnungen zu mieten, die viel billiger als Hotels sind und Ausflüge und Wanderungen bei einem der vielen kleinen Touristenbüros zu buchen. Wir machten gute Erfahrungen mit der neugegründeten Agentur „Kamtschatka Wildtours“. Die jungen Leute gingen flexibel auf unsere Wünsche ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Drei Jahre Lehrerin am Gymnasium Nr.1 in Nischni Nowgorod


Nach drei Jahren Unterricht am Gymnasium Nr. 1 mit erweitertem Deutschunterricht in Nischni Nowgorod möchte ich „Nachlese halten“, schildern, was diese Zeit geprägt hat, was gut und was nicht so gut war. Um es vorweg zu sagen: Meine Erfahrungen sind aus mehreren Gründen wahrscheinlich überdurchschnittlich positiv:

  1. handelt es sich bei meiner Schule um ein Gymnasium mit erweitertem Deutschunterricht, einer Schule also, in der ein überdurchschnittlich großes Interesse an meinem Fach herrscht.
  2. habe ich überwiegend Schülerinnen und Schüler unterrichtet, die auf unterschiedlichen Stufen (A1-C1) ein Zertifikat oder Sprachdiplom (DSD) erwerben wollten und dadurch besonders motiviert waren.
  3. erhielt mein Gymnasium in diesem Jahr zum 3. Mal in Folge das Prädikat „eine der 500 besten Schulen Russlands“.

Trotzdem gilt das, was ich im Folgenden schildern werde, in der Tendenz sicher auch für andere Schulen.

Der Schulbetrieb in Russland im Allgemeinen und am Gymnasium Nr. 1 im Besonderen unterscheidet sich in vieler Hinsicht von dem in deutschen Schulen:

In vielen Schulen gibt es aus Platzmangel Schichtunterricht: morgens werden die Klassen 1, sowie 5 -11 unterrichtet (nicht 12 – die Schüler machen ihr Abitur hier nach Klasse 11), nachmittags die Klassen 2 – 4. Samstags haben nur die Großen Unterricht. Durch den Halbtagesbetrieb besteht der Vormittag für die Kleinen aus Hausaufgaben-Machen, auch herrscht reges Treiben auf den Spielplätzen der Stadt. Die Großen gehen am schulfreien Nachmittag entweder in Musik- Kunst- Tanz- oder Sportschulen, die in Russland so preisgünstig sind, dass es sich jede Familie leisten kann, ihr Kind dorthin zu schicken (im Sozialismus waren sie kostenlos) und die sehr professionell arbeiten: drei- viermal die Woche 2-3 Stunden, mit hochqualifizierten Lehrern und Trainern. In den Musik- und Kunstschulen gibt es festgeschriebene Lehrpläne, regelmäßige Prüfungen, Abschlussexamen, Abschlusszeugnisse, in den Tanz- und Sportschulen immer wieder Wettbewerbe und Wettkämpfe. Nicht von ungefähr findet man in vielen künstlerischen und sportlichen Bereichen auch im Ausland Russen.

Eine mindestens genauso wichtige Nachmittagsbeschäftigung ist der Gang zur Repetitorin. Das ist keine Nachhilfelehrerin für die Schwachen, sondern eine Trainerin für diejenigen, die in einem Fach ЕГЭ (Единый Государственный Экзамен), d.h. Abitur machen möchten. Im Gegensatz zu Deutschland ist die Schule in Russland nicht verpflichtet, den für alle Prüfungsfächer notwendigen Abiturstoff zu vermitteln, sondern lediglich den Pflichtstoff für Mathematik und Russisch und ein breites Basiswissen in den anderen Fächern. Wenn sich z.B. ein Schüler entscheidet, in Geschichte Abitur zu machen, das an unserer Schule nur einstündig unterrichtet wird, braucht er dafür einen Repetitor, den die Eltern bezahlen müssen. Lehrerinnen bessern durch diese Privatstunden ihr miserables Gehalt auf, böse Zungen behaupten immer wieder, dass sie sich im Unterricht morgens schonen, um nachmittags fit für ihre Privatschüler zu sein. Fakt ist, dass eine Lehrerin nach einem Morgen an der Schule und einem Nachmittag voller Repetitorenstunden den Unterricht nicht mehr so akribisch  vorbereiten kann, wie ein deutscher Lehrer. Allerdings ist dies in Russland auch weniger nötig, denn der Unterricht muss methodisch nicht so abwechslungsreich sein (die Schüler bleiben auch so bei der Stange), er muss keinen Spaß machen (Lernen ist Arbeit, der Spaßfaktor spielt keine Rolle), und: er muss ja nur das Basiswissen vermitteln, alles Weitere holen sich die Schüler beim Repetitor – womit sich der Kreis schließt. Alles in allem ist jedoch der sozialistische Anspruch einer kostenlosen Bildung nicht mehr gegeben.

Eine meiner Kolleginnen hat 27 – 30 Privatschüler, die sie montags bis einschließlich samstags von 14 – 21 Uhr in Gruppen von 2-3 Schülern unterrichtet. Sie verlangt dafür 800 Rubel für eine Doppelstunde. Die rund 57 000 Rubel, die sie dadurch monatlich verdient, sind ein angenehmes Zubrot zu ihrem Lehrergehalt, das ca. 18 000 Rubel beträgt.
Ein Kind hat neun Monate lang zwei Doppelstunden pro Woche. Bei meiner Kollegin ist garantiert, dass die Schüler das Abitur bestehen, viele von ihnen erreichen sehr hohe Punktzahlen. Ich habe neulich das Gespräch zweier Mütter unfreiwillig mitangehört, die sagten, „lieber 30 000 Rubel für den Repetitor bezahlen, als eine Aufnahmeprüfung für die Universität kaufen.“ Hierbei wiederum ist zu bemerken, dass Aufnahmeprüfungen theoretisch kostenlos sind. Theoretisch….
Die Repetitorenstunden werden natürlich schwarz bezahlt, doch wird der Staat sich hüten, einzugreifen, da er so Kosten auf die Eltern abwälzt, die er sonst selber tragen müsste.

Obwohl der Unterricht nicht so zeitaufwändig vorbereitet wird wie in Deutschland, ist er meist gut: Die Lehrerinnen sind sehr gut ausgebildet, sprechen z.B. hervorragend Deutsch. Auch sind sie in der Regel engagierte Pädagoginnen – sonst würden sie ihren Beruf bei einem Gehalt von durchschnittlich 18 000 Rubeln (derzeit 260 €, wobei das Preisniveau hier natürlich niedriger ist als in Deutschland) nicht ausüben. Doch fällt auf, dass im Sprachunterricht weniger Wert auf kommunikative Kompetenz als auf Grammatik, Schreiben, Übersetzen, Auswendiglernen gelegt wird. So sprechen manche Schüler überraschend schlecht – angesichts der Tatsache, dass sie ab der zweiten Klasse Deutsch lernen, am Ende der siebten Klasse  850 Stunden hatten und in den Klassen zehn und elf 8 Wochenstunden Deutsch haben, DSD-Schüler sogar 10. Meines Erachtens wird der Luxus der kleinen Gruppen – im Sprachunterricht werden die Klassen halbiert, sodass es nie mehr als 15 Schüler in einer Gruppe gibt – nicht genügend für freies Sprechen genutzt. Jeder Fehler wird sofort verbessert, die dazugehörige Grammatikregel mitgeliefert. Das Prinzip „fluency before accuracy“ („flüssiges Sprechen ist wichtiger als richtiges Sprechen“), das allerdings auch in Deutschland erst seit etwa 10 bis 15 Jahren gilt, ist hier noch nicht angekommen, interaktiver Unterricht eher die Ausnahme als die Regel. In den Klassen zehn und elf werden 3 Wochenstunden Übersetzungstechnik unterrichtet, wo die Schüler einen theoretischen Text nach dem andern vor sich hin übersetzen. Wie gut könnte man diese Zeit für Sprechtraining nutzen!

Erziehung

Was bei den Lehrerinnen auffällt, ist der Mut zur Erziehung. Während in Deutschland Erziehen oft als leidiges Geschäft betrachtet wird, weil man es – bewusst oder unbewusst – als Dressur oder Drill oder als undemokratisch empfindet (in Deutschland wird eher ausdiskutiert), wird hier ruhig, verlässlich und konstant erzogen. Dadurch ist vieles einfach klar: Man grüßt jeden Lehrer (und macht das nicht von der Tagesform oder von einem gerade herrschenden Konflikt abhängig), man redet nicht mit seinen Nachbarn im Unterricht (und macht das nicht davon abhängig, ob der Lehrer Disziplin halten kann oder nicht), man trägt formale Kleidung oder wird heimgeschickt, um sich umzuziehen, man hat einen angemessenen Ton, zeigt Respekt (der nicht den Beigeschmack von Unterwürfigkeit hat).

Ab Klasse 8 werden „Empfangskomitees“ gebildet, die – meistens im Beisein ihrer Klassenlehrerinnen jeden Morgen unpassend gekleidete Schüler wieder heimschicken

Lehrer sind Erwachsene und Schüler sind Kinder – das ist ein Fakt von erfrischender Klarheit. Immer wieder kamen Schülerinnen von Austauschen oder dem Goebel-Programm (3monatiger Aufenthalt in Deutschland mit Unterrichtsbesuch) zurück und sagten: „Die Lehrer in Deutschland wollen die Freunde der Schüler sein. Sie tragen Jeans, reden wie Gleichaltrige, sitzen auf dem Tisch…“ Allerdings sagten manche auch: „Mit deutschen Lehrern kann man über alles reden, mit unseren nicht“.

Trotz klarer Abgrenzung zwischen Lehrern und Schülern, herrscht zwischen ihnen oft ein sehr emotionales Verhältnis, das systembedingt ist: Man hat nicht nur die Klassenlehrerin, sondern auch die Fachlehrerinnen möglichst während der ganzen Schulzeit. Dadurch kennt man einander, umarmt als Kleiner mal zärtlich die Lehrerin, klebt am Lehrertag einen Zettel an die Kabinett-Tür, auf dem steht: »Мы Вас любим»! (Wir lieben Sie!), kommt als Ehemaliger immer wieder in der Schule vorbei oder besucht als Klasse die Klassenlehrerin zu ihrem Geburtstag. Aber die Lehrerin ist nicht Freundin, sondern eine verehrte Respektsperson. 

Coolness

Was bei den russischen Schülern auffällt, ist die Abwesenheit von Coolness. Während es in deutschen Schulen von entscheidender Wichtigkeit ist, cool zu sein, muss man in Russland den Schülern ausführlich erklären, was Coolness ist.

In Russland darf man sich z.B. für die Schule anstrengen, es ist mit Prestige behaftet, zu den Besten zu gehören. Wenn man schlecht ist, schämt man sich in der Regel dafür und gehört nicht zu den Tonangebenden in der Klasse. In Deutschland werden gute Schüler zwar auch manchmal (insgeheim) bewundert, aber oft, obwohl sie gut sind, nicht, weil sie gut sind. Vor allem ist es „mega-out“, hart dafür zu arbeiten. Ein ‚Streber‘ zu sein ist das Allerletzte: wenn, dann muss einem der Erfolg im Schlaf zufliegen. Nachmittags zu chillen ist cool, zu lernen ist uncool. In Russland hingegen steht man zu seinem Leistungswillen, bei der Beschreibung seines Tagesablaufs (wird im Sprachunterricht immer wieder auf verschiedenen Niveaus thematisiert), arbeitet man bis spät in die Nacht, Freizeit hat man nur am Sonntag, und auch da nicht immer, und in den Ferien arbeitet man seine riesige Literaturliste durch. Anders ist die Lektüre von „Krieg und Frieden“, „Anna Karenina“, „Schuld und Sühne“ „Der Stille Don“ – um nur einige zu nennen – nicht zu schaffen.

Ein zweiter Aspekt des ‚Nicht-Cool-Sein-Müssens‘ in Russland ist, dass man hier Emotionen zeigen darf, die bei den deutschen Schülern nicht so angesehen sind. Man zeigt Freude und Zuneigung ebenso deutlich wie Trauer. Es kommt durchaus vor, dass einer Schülerin in der elften Klasse Tränen in die Augen treten, wenn sie eine schlechte Note bekommt. In deutschen Schulen ist das Zeigen solcher Gefühle vor allem in der Pubertät tendenziell ober-uncool. Viel höher im Kurs stehen Null-Bock, Empörung, Wut, oder keine Emotionen, im Sinne von: „Mich kann nichts erschüttern“. Die ersten drei dieser Gefühle sind mir bei meinen russischen Schülern nie begegnet, zur Schau gestellte Emotionslosigkeit höchstens, um Wut und Empörung vor dem Lehrer zu verbergen.

Ein dritter Aspekt des Nicht-Cool-Sein-Müssens ist, dass man Zuneigung auch Lehrern gegenüber offen zeigen darf. Grüßen tun, wie oben erläutert, alle. Aber hier darf man dabei auch strahlen. Man darf einer Lehrerin auch einmal etwas Nettes sagen, man darf ihr etwas aus dem Urlaub mitbringen. Die Karten, die Lehrerinnen zum 8. März (dem Internationalen Tag der Frau) bekommen, sind oft die reinsten Liebeserklärungen. In Deutschland wird so etwas tunlichst vermieden, denn mindestens genauso uncool, wie ein ‚Streber‘ zu sein, ist es, ein ‚Schleimer‘ zu sein. Beides sind übrigens ebenfalls Wörter, die man hier ausführlich erklären muss, und die trotzdem auf Unverständnis stoßen.

 Eine Delegation der 10. Klasse gratuliert ihrer Lehrerin zum Geburtstag

 

Last but not least ist eine Folge des Nicht-Cool-Sein-Müssens, dass es hier praktisch kein Mobbing gibt, ein weiteres Wort, das meine russischen Schüler nicht verstanden. Mobbing-Opfer in Deutschland sind in der Regel Schüler, die im obigen Sinne uncool sind. Sie werden aus der tonangebenden Gruppe der Coolen ausgeschlossen und oft nach allen Regeln der Kunst gequält. In Russland gibt es natürlich auch Schüler, die höher im Kurs stehen als andere, aber diskriminiert wird niemand.

Kein Wunder also, dass oft Schüler, die ursprünglich in Deutschland studieren wollten, nach ihrem Goebel-Aufenthalt keine Lust mehr dazu haben, weil sie die deutschen Schüler „komisch“ finden. Zum Beispiel bei einer Geburtstagsparty stellte jeder seinen Nudelsalat o.ä. auf den Tisch und chillte dann mit seinem Handy, wobei man sich mit Alkohol volllaufen ließ. Meine russischen Schülerinnen zeigen ihre Freude über ein Fest, essen, trinken, lachen und singen zusammen. Alkohol, wenn überhaupt vorhanden, spielt eine sekundäre Rolle.

Der Aspekt der Erziehung und die Abwesenheit von Coolness sind die beiden Gründe, warum mir das Unterrichten hier grenzenlos Freude gemacht hat. Wie viel einfacher und angenehmer dadurch das Schulleben ist, sowohl für die Lehrer, als auch für die Schüler! Ich möchte sogar so weit gehen zu behaupten, dass in Deutschland ein wesentlicher Grund für das ‚Burn-out‘-Syndrom der Lehrer ist, dass Lehrer und Eltern aus einem falsch verstandenen Liberalismus heraus zu wenig erziehen, und dass – vielleicht als Folge davon – Kinder cool sein müssen.

Was hat mir noch gefallen an meiner Schule?

  • Die ‚Kabinette‘: Hier haben nicht Klassen ihr Klassenzimmer, sondern Lehrer ihr Unterrichtszimmer, in dem sich alle ihre Unterrichtsmaterialen befinden, Wörterbücher, Grammatikplakate, Deutschlandkarten….; meist auch ein Drucker und ein Computer, in selteneren Fällen ein Beamer und – der absolute Luxus – ein Whiteboard (eine weiße, abwaschbare Tafel, die auch für Präsentationen genutzt werden kann.) Die Kabinette sind sehr unterschiedlich und individuell gestaltet, ihre Ausstattung hängt vom Engagement der Eltern ab. So ist es keine Ausnahme, dass Eltern der Klassenlehrerin ihrer Kinder (die sie wie gesagt 11 Jahre führt) zum Schuljahresende einen Laptop schenken, in den Sommerferien den Raum weißeln, Vorhänge nähen, sogar Doppelfenster einbauen lassen. Denn die Investitionen kommen ihren Kindern zugute und die Schule hat kein Geld.
  • Die Schulfeste und Theateraufführungen, die häufiger, bunter und kreativer sind, als in Deutschland. Ein Grund dafür ist, dass die Schüler an ihren Kunst- Musik- Tanz- und Sportschulen so viel lernen, dass es für sie ein Leichtes ist, eine hochkarätige Bühnenshow zusammenzustellen. So schufen die diesjährigen Elfer für «Последний Звонок», „Das Letzte Läuten“ (eine Festveranstaltung zum Ende der elfjährigen Unterrichtszeit, bevor die Prüfungsphase beginnt) ein Musical, in dem jedes Fach durch einen Rock/Pop-Song mit selbstgemachten Texten und hervorragenden Tanzeinlagen dargestellt wurde.

Die Schulabgänger stellen hier das Fach Gesellschaftskunde dar. Auf der Russlandfahne steht: Verfassung der Russischen Föderation

 

Zum Niveau solcher Veranstaltungen trägt aber auch bei, dass unsere Schule (wie viele andere auch) eine eigene Vollzeit-Theaterlehrerin beschäftigt, mit einem Wochendeputat von 32 Stunden. Die ausgebildete Schauspielerin kann nicht nur Sprach- und Stimmbildung, sie ist auch mimisch und gestisch ein absoluter Profi. Dadurch besetzen unsere Schüler bei jedem Vortrags-Wettbewerb (bei denen es um den Vortrag von Gedichten geht) die ersten Plätze. Auch bei der Inszenierung von „Komm wieder, aber ohne Waffen“ stand die Theaterlehrerin immer wieder bei Proben mit Rat und Tat zur Seite.

Hier zeigt die Theaterlehrerin den „deutschen Kriegsgefangenen“, wie man pantomimisch einfädelt

 

  • Das Phänomen des „Methodentages“. Alle Lehrerinnen eines Fachbereichs haben an einem Tag der Woche unterrichtsfrei. Für die Schüler bedeutet das z.B., dass ein bestimmtes Fach an einem Tag in keiner Klasse unterrichtet wird, für die Lehrer, dass sie an diesem Tag Fortbildungen machen können. Faktisch heißt es aber natürlich, dass die Lehrer ihre Methodenkenntnisse ihren Privatschülern zugutekommen lassen. An meiner Schule ist der Methodentag für die Deutschlehrer montags, was mir persönlich grundsätzlich ein langes Wochenende bescherte.

Natürlich gab es aber auch Dinge, die mir nicht gefallen haben:

  • Der viele Unterrichtsausfall. Dieser ist in erster Linie durch die unzähligen Olympiaden bedingt, die in fast jedem Fach zuerst auf Schul- dann auf Stadt-, dann auf Regions-, dann auf Landesebene abgehalten werden. Weil die Olympiaden der verschiedenen Fächer an unterschiedlichen Tagen stattfinden, und weil unterschiedliche Schüler unterschiedliche Stärken haben, gibt es Phasen, in denen die Lerngruppe fast nie vollständig ist.

Unterricht kann aber auch dadurch ausfallen, dass nach dreimonatiger Sommerpause, zweiwöchige Fortbildungen im September stattfinden. Oder dadurch, dass Lehrer ihren Urlaub im September nehmen, weil es in der Nachsaison billiger ist, oder weil der Ehemann seinen sechzigsten Geburtstag in Ägypten feiern will. Zum besseren Verständnis sei gesagt, dass Lehrer 56 Urlaubstage pro Schuljahr haben, die sie in der Regel während der Sommerpause nehmen, was sie aber nicht müssen.

Auch Schüler fahren mit ihren Eltern während der Schulzeit in Urlaub. Es genügt eine schriftliche oder mündliche Abmachung mit dem Schulleiter. Dieser findet so etwas zwar nicht gut, kann aber – nach eigener Aussage – die Schüler nicht an die Leine legen, wenn die Eltern wegfahren wollen.

Ein weiterer Grund für Unterrichtsausfall ist die Quarantäne-Woche, die mit großer Regelmäßigkeit einmal pro Jahr verordnet wird, vorzugsweise im Januar oder Februar. Die Quarantäne-Woche legt nicht der Schulleiter fest, sondern die Stadt. Sie gilt jeweils für einen ganzen Stadtbezirk. Ärgerlich ist sie dann, wenn sich Schüler bester Gesundheit erfreuen. So geschehen letzten Winter bei meinen 11ern, von denen nur ein kleiner Teil einen grippalen Infekt hatte.

Und dann gibt es natürlich Klassenfahrten, Schulausflüge (die nicht für die ganze Schule am gleichen Tag gemacht werden), Sprachfahrten nach Deutschland, die in der Regel teils in den Ferien, teils in der Schulzeit stattfinden und Austausche, die immer während der Schulzeit durchgeführt werden. Interessant ist dabei allerdings, dass die Lehrerinnen, die Austausche begleiten, nicht nur selber für Ersatzlehrerinnen für ihre anderen Klassen sorgen, sondern diese auch aus eigener Tasche bezahlen müssen!  

  • Das Notensystem.

Theoretisch gibt es Noten von Eins bis Fünf, wobei Fünf die beste Note ist. Praktisch jedoch werden nur die Noten von Fünf bis Drei vergeben, Zweien gibt es nur für nicht gemachte Hausaufgaben, denn eine Zwei bedeutet: nicht bestanden. Ich erinnere mich an eine Lehrerkonferenz, auf der der Schulleiter verkündete, wenn ein Lehrer einem Schüler eine Zwei gebe, müsse er ihm dies schriftlich mitteilen und aufzeigen, welche Versuche er, der Lehrer, unternommen habe, um diese Note zu vermeiden. Gängige Verfahren sind dabei, den Schüler die gleiche Arbeit noch einmal schreiben zu lassen oder ihn mündlich abzufragen. In Klasse 11 sind Zweien kategorisch verboten. Über Einsen wird während der ganzen Schulzeit nicht geredet. Doch abgesehen davon, dass es praktisch nur die Noten „sehr gut, gut und befriedigend“ gibt, ist es auch üblich, «пятёрки» (Fünfen) geradezu inflationär zu vergeben. Schüler, die in allen Fächern Fünfen haben, sind nicht selten. Sie sind sogenannte „Medaillen-Schüler“. Hat eine Klassenlehrerin solche in ihrer Klasse, legt sie vor der Notenabgabe einen Zettel mit den Namen ins Klassenbuch. Dies ist ein impliziter Hinweis, dass man den Schülern nicht die Medaille vermasseln soll, indem man ihnen eine Vier gibt. Die vielen tollen Noten werden am Ende jeder Stunde im Klassenbuch festgehalten und können minutiös nachgewiesen werden.

Um zum Schluss zu kommen: Ministerpräsident Medwedjew, der landauf landab sehr kritisch gesehen wird, ist u.a. für zwei Aussagen in Bezug auf die Lehrer berühmt: 1. „Wenn die Lehrer unzufrieden sind mit ihrem Gehalt, sollen sie doch in die Industrie gehen.“ 2. „Lehrer verdienen so wenig, denn Lehrer-Sein ist kein Beruf, sondern eine Berufung.“ Die Lehrer am Gymnasium Nr. 1 arbeiten nicht dort, weil sie in der Industrie keiner nimmt, sondern weil sie ihre Aufgabe als Berufung empfinden, und/oder, weil sie sich mit dieser Schule identifizieren. Sehr viele von ihnen waren schon als Schüler an der Schule, viele Kollegen sind ehemalige Schulkameraden. Dies prägt ihre Einstellung und die Schulatmosphäre und dies hat mir drei Schuljahre ermöglicht, die ich auf keinen Fall missen möchte.

P.S. Seit letzter Woche ist bekannt, dass das Schulgebäude ab Januar 2018 geräumt werden muss, weil es renoviert wird. Die Mittelstufe wird in das Gymnasium Nr. 13, die Oberstufe in das Gymnasium Nr. 8 evakuiert. (Die Unterstufe wurde Gott sei Dank schon bisher in einer Filiale unterrichtet.) Wie das organisiert werden soll, wenn z.B. Lehrer in beiden Stufen unterrichten, oder wo die Klassen in den Ausweichschulen unterkommen, sind offene Fragen. Sollte es darauf hinauslaufen, dass unsere Schüler grundsätzlich in der zweiten Schicht unterrichtet werden, bricht für unsere Lehrerinnen die lebensnotwendige Einnahmequelle durch das Repetitorentum weg, weshalb es durchaus sein kann, dass sie von ihrem Recht Gebrauch machen, einen «творческий отпуск» (ein Sabbatjahr) zu nehmen.

 Warum plötzlich diese überfällige Sanierung mitten im Schuljahr? Das marode, jedoch repräsentative Gebäudes in bester Lage soll die Schaltzentrale für die Fußballweltmeisterschaft 2018 beherbergen.

 Das „Letzte Läuten“

 Ein Erstklässler repräsentiert das „Erste Läuten“, die Elftklässler repräsentieren das letzte

 Zungenbrecher zum Schuljahresende

  Anspruchsvolle Deutschprüfungen in allen Klassen zum Schuljahresende

 Lockerer geht es da bei meinen „Sternchen-Prüfungen“ für das A1 Zertifikat zu….

 …..bei denen alle Teilnehmer ein Zertifikat bekommen.

 

Farbtupfer an Schule und Hochschule

Nach der ereignisvollen Woche mit dem Projekt „Komm wieder, aber ohne Waffen“ tritt bei uns der Alltag ein. Uns wird auch bewusst, dass sich unsere Zeit in Nischni langsam dem Ende zuneigt. Genau heute in vier Monaten fliegen wir nach Deutschland zurück. Und wenn wir uns auch auf Familie und Freunde, auf Fahrrad und Wandern freuen, so stellt sich doch so etwas wie Abschiedswehmut ein.

In Deutschland werden wir die vielen kleinen Erlebnisse nicht haben, die uns hier als gern gesehenen Ausländern immer wieder begegnen. So wird mir der Friseur sicher den Lohn für seine Arbeit ohne weiteres abnehmen. Hier wollte die junge Friseurin in dem kleinen Laden nebenan kein Geld von mir, weil sie es so aufregend fand, einem Ausländer die Haare schneiden zu können. Sie nannte auch keinen Preis und nahm die Scheine erst nach langem Zögern.

Auch die unerschöpfliche Quelle für überraschende Beobachtungen in der Straßenbahn wird sich in Deutschland nicht auftun. Beispiele: Durch einen Stau kommt die Tram nur schrittweise voran. Das nutzt der Fahrkartenschaffner, um nach einem kurzen Gespräch mit der Fahrerin auszusteigen und bis zur nächsten Ampel nebenherlaufend eine Zigarette zu rauchen. Oder die Schaffnerin, die die Zugestiegenen nur nach jeder zweiten Haltestelle abkassiert, weil sie auf dem in allen Wägen reservierten Platz für den Kondukteur sitzt und ein offensichtlich spannendes Buch liest.

Und nicht zuletzt die Fußgängerzone Bolschaja Pokrowskaja, die immer heiter zu sein scheint mit ihren Verkaufsständen, Musikern, Prospektverteilern,  auf der es aber auch häufig politische Aktionen gibt.

Am letzten Samstag standen in der Nähe des Theaters in gebührendem Abstand voneinander sieben junge Menschen, die mit Schildern in den Händen gegen die Verfolgung der Teilnehmer an die von Nawalny organisierten Antikorruptionsdemonstrationen protestierten. Es ist hier erlaubt, als Einzelner mit Plakaten für seine politischen Ansichten zu werben, mehrere Personen müssten für ihre Aktion eine Genehmigung einholen. So haben wir schon öfter einzelne Personen stehen sehen, die auf Plakaten ihre Forderungen erheben.  Dabei gibt es ein weites Themenspektrum von der Freilassung von Angehörigen aus der Haft bis zur Rehabilitierung von Stalin.

Einer der sieben Protestierenden auf der Bolschaja Pokrowskajа (22.04.17)

Eineinhalbtausend Festnahmen in Russland, über tausend in Moskau, über 40 in Nischni. Strafen von 10 – 20 Tausend Rubeln. Strafverfahren. Was ist das? (gemeint ist: was machen wir hier?) Ein Staats-Umsturz? Nein, es ist ein Meeting gegen Korruption.

Auf anderen Plakaten wurde gegen den politischen Druck protestiert, dem Schüler, die an den Demonstrationen teilnahmen und deren Eltern ausgesetzt sind. Oder es wurde gefragt, warum das in der Verfassung garantierte Recht auf Demonstrationen nicht eingehalten wird. In den Diskussionen haben vor allem ältere Leute den Erfolg dieser Aktionen bezweifelt, denn: „In allen Ländern dieser Welt gibt es Korruption“ und: „Gerechtigkeit gibt es nur im Himmel.“

Zu diesen Beobachtungen passt eine Information aus dem Blog Erlangenwladimir.wordpress.com vom 22.04.17. Dort schreibt Peter Steger:

„Seit gestern hat Alexej Nawalny auch in Wladimir eine Vertretung, von wo aus sein Wahlkampf um das Präsidentenamt im nächsten Jahr unterstützt werden soll. Derzeit bereist der Oppositionspolitiker die Hauptstädte des Goldenen Rings, um – wie in allen Regionen des Landes – Büros zu eröffnen. (Einschub von mir: Das gilt dann wohl auch für Nischni). .……. Bei aller Kritik also, die man äußern mag, ist die russische Demokratie doch lebendig genug, auch einen derart umstrittenen Kopf um Stimmen werben zu lassen.“

Die Diskussionen hatten uns durstig gemacht, wir gingen nach einem Spaziergang entlang der Kremlmauer in das Restaurant „Expedizia“ unterhalb des Kreml, ein Lokal von dem man einen schönen Blick auf die Wolga hat. Mit einem echten Hubschrauber, einer künstlichen Jurte und drei noch künstlicheren Eisbären ist es ungewöhnlich ausgestattet. Es bietet Speisen und Delikatessen aus den nördlichen und östlichen Regionen Russlands an. Alles ist sehr exquisit: Wir tranken einen Tee aus 36 sibirischen Kräutern, wirklich ungewöhnlich guter Geschmack, ungewöhnlich auch der Preis von 600 Rubel (10 Euro) für 0,8 Liter. Aber wieder eine gern gemachte Erfahrung in diesem Land der Gegensätze!

Promenade an der Westmauer des Kreml mit Blick auf die Wolga

Schulnotizen

Letzten Freitag wurde der Film, den zwei Kamerateams während Wolfgang Morells Aufenthalt in Nischni aufnahmen, innerhalb der Hauptnachrichten von NTV um 19 Uhr gesendet. Gezeigt wurde das Wiedersehen von Wolfgang, dem ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen und Zhanna, der ehemaligen Komsomolzin nach 68 Jahren! Es ist ein bewegender Film, auch für Leute, die den russischen Kommentator nicht verstehen: http://www.ntv.ru/novosti/1798545/. Der Film kann demnächst auch unter YouTube angesehen werden, Titel: „Wolfgang Morell und Zhanna Woronzowa“.

Aber auch sonst hatten die letzten Wochen außer dem Projekt einige ‚Farbtupfer‘ aufzuweisen:

Am Tag vor dem 23. Februar, dem Tag des Vaterlandsverteidigers, wurde bei uns an der Schule der ‚König der Schule‘ gekürt. Ein zweistündiges Programm, in dem die Mädchen den Jungs bewundernde Lieder sangen, und die Jungs ihre Männlichkeit beweisen mussten: Wer kann am besten Nägel einschlagen? und: Wer ist der Stärkste beim Armdrücken…?

Am 18. März, nach dem internationalen Frauentag am 8.3. wurde dann die ‚Königin der Schule‘ gesucht und gefunden: Wer kann jeweils innerhalb von 3-5 Minuten am besten Knöpfe annähen, mit 250 Rubel den attraktivsten Einkaufszettel für ein Frühstück zu zweit erstellen, die kreativste Glückwunschkarte zum 8. März anfertigen, seinen Traummann zeichnen? Und dann – im zweiten Teil – den besten Beitrag für ein Konzert (Tanzen, Singen) liefern? Abgesehen davon, dass beide Veranstaltungen zeigten, dass hierzulande die Welt bezüglich der Rollenverteilung noch in Ordnung ist, zeugten vor allem die kreativen Teile von großer Meisterschaft: Die Karten und Zeichnungen, die professionelle Art zu tanzen und zu singen machten wieder einmal bewusst, wo unsere Schülerinnen und Schüler die Nachmittage (zweimal die Woche, drei bis vier Stunden) verbringen: in einer Kunst- Musik- oder Tanzschule. Diese sind – ein Relikt aus sowjetischer Zeit – fast kostenlos und werden immer noch von der Bevölkerung sehr angenommen.

     

 

Auch an der Linguistischen Universität gab es zwei Wettbewerbe, bei denen ich in der Jury war. Der erste – der Phonetik-Wettbewerb war, dem trockenen Namen zum Trotz – sehr kurzweilig. Im ersten Teil sollten die Studentinnen und Studenten des 1. Studienjahres ein Gedicht ihrer Wahl aufsagen; im zweiten Teil einen unbekannten Prosatext, den sie wie ein Los zogen, unvorbereitet lesen. Interessant für Jury und Zuhörer waren die Gedichte (Schiller, Goethe, Heine, Rilke, aber auch Mascha Koleko…) vor allem durch die phantasievolle Art der Präsentation: durch ein Frühlingskleid, passende Hintergrundbilder… Denn, um das Alltagsgeschäft der Phonetik ging es auch im 1. Studienjahr schon nicht mehr. Klassische Probleme wie das rollende ‚R‘, zu stimmhafte Konsonanten oder falsche und zu kurze Vokale (Man muss das Läbben äbben nämmen, wie das Läbben äbben ist!) hatte man längst überwunden.

Beim 2. Studienjahr wurden im ersten Teil dann keine Gedichte, sondern selbstgewählte Prosatexte auswendig deklamiert. Die Auswahl reichte von einem Auszug aus dem Kommunistischen Manifest („Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“) über Kafka („Brief an Felice“), Klaus Mann („Mephisto“) bis zur „Blechtrommel“ von Günter Grass.

Zwei Wochen später durfte ich bei einem weiteren, höchst vergnüglichen Wettbewerb an der Linguistischen Universität in der Jury mitstimmen: Dem Festival des deutschen Liedes. Teilnehmer waren sowohl Schüler als auch Studenten. Hier die Fotos der Preisträger.

„Alle Vögel sind schon da“ erhielt den 3. Preis in der Gruppen-Kategorie

 2. Platz: „Was wollen wir trinken 7 Tage lang?…“ (von der holländischen Gruppe Bots, 2000)

 Den 1. Preis in der Kategorie „Solo“ bekam ein kleines Mädchen mit einem Jahreszeitenlied. 

Das Foto des 1. Preises der Gruppen-Kategorie fehlt: Schüler aus unserer Schule mit dem Lied: „Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann“ (Erinnert ihr euch: Trude Herr, 1965). Die Bühnenshow war so atemberaubend, dass ich vergaß zu fotografieren.

Und ansonsten: eine nette Feier zum 55. Geburtstag im Lehrerzimmer…

 

…und Ostern in der 3. Klasse:

 

 

 

 

 

 

Ein feines Theater in Nischni Nowgorod

 

Auf der Ulitza Warwarskaja, nicht weit vom Nischegoroder „World Trade Center“, steht ein großes Jugendstil-Backsteingebäude, das 1905 von Wohltätern errichtetet wurde, „um mittellose Einwohner mit Arbeit, Obdach und Lebensmitteln zu versorgen“, wie es in dem Büchlein „Spaziergänge durch Nischni Nowgorod“ von Jewgenij Strelkow heißt. Das Haus nennt sich „Дом Трудолюбия имени Рукавишниковых“ (Rukawischnikow-Haus des Fleißes). Es wird heute vielseitig für Kunst, Fotoateliers, Internetfirmen und Büros von Zeitungen und Versicherungen genutzt. Dort ist auch das Zentrum der Theaterkunst (Центр Театрального Мастерства).

Eingang zum Haus Trudoljubija auf der Ul. Warwarskaja

Der Kauf von Eintrittskarten für eine Vorstellung war ein landeskundliches Erlebnis. Der üppige Jugendstileingang führte in ein breites Treppenhaus – drinnen suchten wir vergebens nach einem Hinweis auf das Theater. Die Concierge wies uns über eine unbeleuchtete Treppe den Weg in die zweite Etage. Dort verlegte ein Handwerker am Treppenabsatz gerade Estrich. Mit einer Schnur war ein schmaler Durchgang gekennzeichnet, der in einen langen Flur mit vielen Türen führte. An den Wänden Bilder, Plakate und handgeschriebene Zettel, auf einer kleinen Bank saßen zwei Studentinnen, die sich angeregt unterhielten, eine junge Frau beschrieb eine schwarze Tafel.

Am Ende des Ganges eine offene Tür zu einem kleinen Theaterraum, in dem gerade die Beleuchtung für die abendliche Vorstellung eingestellt wurde. Auf Roses Frage nach Eintrittskarten wurden wir in einen Raum gegenüber gewiesen. Stärker als der Flur vermittelte der Raum einen Eindruck, der am besten mit „kreatives Chaos“ beschrieben werden kann. Gestapelte Stühle, ein Schach-Tischchen, Kabelgewirr, Kleider, Bücher, Blumen, ein kleiner Weihnachtsbaum. Jede horizontale Fläche war belegt mit Kram aller Art, mit Tellern und Töpfchen, Blumen, da standen eine Kaffeemaschine, Tassen, eine Teekanne. Der Schreibtisch voller Papiere und neben dem Computer ein Bügeleisen. Wie man sich das bunte Theaterleben halt so vorstellt.

Rose beim Kartenkauf

Erstaunlich war: hier waren wir richtig, hier gab es die Eintrittskarten und noch erstaunlicher, die meisten Vorstellungen waren bereits ausverkauft. Dieses versteckte kleine Theater ist ein Geheimtipp für Liebhaber und gut besucht. Und da die Liebhaber wissen, wo es die Eintrittskarten gibt, lassen sie sich von unbeleuchteten Treppen und von sich ausbreitenden Handwerkern nicht stören. Karten gibt es natürlich auch an den Verkaufsstellen in der Stadt, dort sind sie aber schnell ausverkauft. Und am allererstaunlichsten: Die Aufführung des Stückes „Die arme Braut“ von Ostrowski war sensationell, Rose berichtet:

Eine arme Witwe hat eine heiratsfähige Tochter, für die sie einen guten Bräutigam sucht, der sie auch ohne Mitgift nimmt. Er wird gefunden, die Tochter jedoch liebt einen andern. Die Geschichte endet tödlich. 

Dieser durchaus abgedroschene Stoff wurde vom 4. Kurs des Theater-Zuges des Konservatoriums mit so viel Elan aufgeführt, dass man für zweieinhalb Stunden die Welt draußen vergaß. Ein ‚Musiktheaterstück‘, im Charakter von Minimalmusik, in dem immer wieder die gleichen Melodien auftauchten und verschwanden, Träume und ihre Zerstörung symbolisierten. Man setzte sich ans Klavier, wo mit lauter Dramatik der aufgewühlten Seele Ausdruck verliehen wurde, bevor der Mensch und die Musik zusammenbrachen. Verfremdung, ja, aber immer im Dienst der Klärung. Durchwegs junge Schauspieler, die aber auch überzeugend ältere Menschen, Mütter, zwei Kupplerinnen darstellten. Es gab Dynamik und Melancholie, Tempo und langsame Passagen – alles, was das Leben zu bieten hat. 

Inzwischen haben wir herausgefunden, dass das Zentrum der Theaterkunst ein unabhängiges Privattheater ist, das im September 2016 von zwei Nischegoroder Schauspielern eröffnet wurde, mit dem Ziel, professionellen Kammertheatern eine Aufführungsstätte zu bieten. Workshops, Liederabende, zeitgenössische Musik, Poetry-Slams, eine Schauspielschule für Heranwachsende und eine für Erwachsene – dies sind nur einige der geplanten und teilweise schon realisierten Projekte. Alles, von der Freilegung der Ziegelwand bis zum Dielenboden wurde von privaten Mäzenen finanziert.

Am Ende: Leere und Chaos

Das junge Ensemble beim Schlussapplaus

 

 

 

 

Stepan Eguraew – und zwei Konzerte

 

Der 23. Februar, der „Tag des Vaterlandsverteidigers“ (Vatertag) fiel dieses Jahr auf einen Donnerstag. Er hat Russland ein verlängertes Wochenende geschenkt, Schulen und Ämter waren von Donnerstag bis Sonntag geschlossen, die Geschäfte hatten fast alle geöffnet.

Die Sensation dieses Wochenendes bescherte uns der Sänger Stepan Eguraew, dessen hohe Gesangskunst wir schon in vielen Berichten gewürdigt haben. Siegie und seine Frau Irina sprechen von ihm als ihrem Ziehsohn. Sie haben ihn seit vielen Jahren begleitet und gefördert, vor allem organisierten sie Konzertreisen für ihn nach Deutschland und in die Schweiz.

Julia Rumiantsewa, Stepan Eguraew und seine Frau Anna.

 Das Foto stammt aus einem Bericht über die Konzertreise nach Deutschland und der Schweiz im Sommer 2016 in der Zeitschrift «Собака», Ausgabe Dez.16/Jan.17.

 

Nun hat der Solist Stepan Eguraev eine erstaunliche Karriere gemacht: Er ist seit kurzem Mitglied des berühmten Alexandrow-Chores, für uns und wohl auch für ihn ein überraschender Schritt.

Das Alexandrow-Ensemble ist ein Soldatenchor. Es wurde am 12. Oktober 1928 in Moskau von Alexander Alexandrow gegründet, dem späteren Komponisten der Nationalhymne der Sowjetunion, die heute wieder die Nationalhymne Russlands ist. Bei einem Flugzeugabsturz am 25. Dezember 2016 in der Nähe von Sotschi kamen 64 Sänger, Solisten und Musiker des Ensembles ums Leben. (Wikipedia)

Stepan als einfacher Chorsänger und das noch in einem militärischen, wenn auch hochqualifizierten Chor war für uns schwer vorstellbar. Aber schon bei seinem ersten Konzert nach drei Wochen wurde klar, dass er dort mehr ist als nur Chormitglied: Am Tag des Vaterlandsverteidigers wurde er bei einem Auftritt des Ensembles im Moskauer Kreml als Solist eingesetzt, unter den Zuhörern war auch Putin. Stepans überragende gesangliche Fähigkeiten hatten offenbar auch die Verantwortlichen der Chorleitung sofort überzeugt.

Am 24. Februar rief Stepan bei Siegie an, er würde wieder in einem großen Konzert zu hören und zu sehen sein, diesmal bei der Eröffnung der 3. CISM Militär-Winterweltmeisterschaften in Sotschi. Bei einem üppigen, von Irina bereiteten russischen Abendessen (nebenbei gesagt: von vier bis acht) sahen wir uns eine TV-Aufzeichnung des Konzertes an. Dabei entstand mittels Screenshot das folgende Bild.  Link: https://www.youtube.com/watch?v=8ikudgdyeN4

Stepan Eguraew bei der Eröffnung der Militär-Wintermeisterschaften 2017 in Sotschi

    

An den „3. CISM Winter – Meisterschaften in Sotschi“ vom 22.-28. Februar 2017 nahmen Soldaten aus 22 Nationen teil, u.a. aus Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Rumänien und der Schweiz. CISM (Conseil International du Sport Militaire) wurde 1948 von fünf europäischen Ländern gegründet. Das Ziel der Gründerväter war, sich in Sportarenen statt auf Schlachtfeldern zu treffen. Der offizielle Slogan lautet „Freundschaft durch Sport“.

Russische Streitkräfte haben also mit Soldaten aus etlichen Nato-Ländern Wand an Wand geschlafen und an einem Tisch gegessen. Angesichts der wieder zunehmenden Spannungen in der Ukraine und der Verstärkung der Nato-Präsenz in Osteuropa eine bemerkenswerte Veranstaltung. (taz.de vom 28.02.2017)

Die nächsten CISM-Winterspiele werden 2021 von Deutschland ausgerichtet.

 

Ein ganz anderes musikalisches Ereignis erlebten wir am Vatertag hier in Nischni im kürzlich renovierten Opernhaus, in dem Eingangshalle, Gänge und Treppen und die Fassade in neuem kühlen Glanz erstrahlen.

Академический Театр Оперы и Балета им.А.С.Пушкина

Im intimen Rahmen des Foyers fand ein Konzert statt. Die meist älteren Zuhörer saßen in bequemen Doppelsesseln und lauschten den Sängerinnen und Sängern, die mit Klavierbegleitung Arien aus Opern russischer Komponisten (Glinka, Tschaikowski, Borodin, Rimski-Korsakow u.a.), Romanzen und Volkslieder vortrugen. Für unseren Geschmack wurde wieder zu großer Wert auf die Lautstärke gelegt, die dem Wohlklang manchmal schadete und in dem kleinen Raum gar nicht nötig gewesen wäre. Im Programm fand sich auch das „Ave Maria“ von Caccini, einem italienischen Komponisten (1551 -1618), was gut zu der Wandmalerei im Foyer passte, die venezianische Karnevalszenen zeigt.

Die renovierte Eingangshalle der Nischegoroder Oper

Schlussapplaus beim Konzert zum 23.02.2017 im Foyer der Nischegoroder Oper

Ein Konzert mit dem Jazzpianisten Jon Davis aus New York und seinem Trio in Nischni Nowgorod ist sicher ein ungewöhnliches Ereignis. Wir ließen uns dies nicht entgehen. Die Eintrittskarten hatten wir schon Wochen vorher gekauft. (700,- Rubel, z.Zt. 11,- €. Das ist für hiesige Verhältnisse sehr teuer). Im bis auf den letzten Platz besetzten großen Saal des „Театр Кукол“, des Puppentheaters, lauschten wir atemlos den Rhythmen und Klängen, die Jon Davis am Klavier mit den Moskauer Musikern Grigorij Sajzew am Kontrabass und Igor Ignatow am Schlagzeug zauberten. Im zweiten Teil kam als „Специальный Гость“ (als spezieller Gast) die Vokalistin Kristina Kowalewa hinzu, die aus Nischni stammt und jetzt in St. Petersburg lebt. Eine von Davis arrangierte volkstümliche Melodie aus „Bilder einer Ausstellung“ von Mussorgski wurde vom Publikum ebenso begeistert aufgenommen wie „Smoke is in your eyes“ und „Not my favorite thing“. Die Stücke sagte Davis selbst an, in Englisch, die Hände in den Hosentaschen und mit tiefer Bassstimme.  Ein begeisternder Abend. Auch hier könnte das Motto lauten: Freundschaft durch Musik.

 

 

 

Masleniza – – – Fasnet in Schramberg

                             

Die vergangene Woche war in Russland die Butterwoche, Masleniza (Масленица). Diese liegt vor der vierzigtägigen Fastenzeit der orthodoxen Kirche, in der kein Fleisch und in der strengsten Fastenstufe auch kein Fisch, keine Milch und keine Eier erlaubt sind, so dass die Ernährung eigentlich vegan ist. In der Butterwoche darf Fleisch schon nicht mehr gegessen werden, aber noch Milchprodukte und Eier, was dann auch ausgiebig getan wird. Jeder Tag dieser Woche hat einen besonderen Namen. Siehe auch den Blog „erlangenwladimir.wordpress.com“, dem die folgenden Erklärungen entnommen sind.

Montag: «Встреча Масленицы», Begrüßung der Masleniza.  Der Montag ist der „Rüsttag“, wo im ganzen Land die Jahrmarktsbuden aufgebaut werden und die Pfannkuchen (Bliny) auf den Tisch kommen. Übrigens ging der erste Pfannkuchen immer an die Armen, damit diese Kraft genug hatten, für die armen Seelen zu beten.

Dienstag: «Заигрыш» Er gilt als „Spieltag“, wo die Jugend ruhig einmal über die Stränge schlagen darf.

Mittwoch: «Лакомка» hält „Leckeres“ bereit; der Schwiegersohn geht zur Schwiegermutter, um sich Pfannkuchen abzuholen, trifft dort aber oft auch unerwartet andere Gäste…

Donnerstag: «Разгуляй» lässt alle feiern. Ein Volksfest, wie es sein soll mit Schlittenfahrten, Tänzen, ausgelassenem Treiben.

Freitag: «Тещины вечерки» führt wieder die jungen Männer zur Schwiegermutter, wo sie sich einen ganzen Abend lang bewirten lassen können.

Samstag: «Золовкины посиделки»gehört den Schwägerinnen, die von den jungen Bräuten nach Hause eingeladen werden und nicht ohne ein Geschenk wieder heimgehen.

Sonntag: «Прощеное воскресенье» steht für die gegenseitige Vergebung, um die man einander für während des Jahres angetanes Unrecht bittet, bevor man die heilige Fastenzeit antritt. (Ende des Zitats)

Wie in den westlichen Ländern haben sich auch in Russland christliche und heidnische Bräuche rund um die Fastenzeit und den Frühling gemischt. Der wichtigste Brauch aus uralter Zeit ist das Bliny-Backen. Blinys sind Eierkuchen, die rund und goldgelb als Symbol für die Sonne stehen, die jetzt Ende Februar wieder an Kraft gewinnt und neues Leben schenkt.

Ein anderer Brauch ist das Verbrennen der Masleniza, einer Strohpuppe, die den Winter symbolisiert, deren Asche man verstreut und aus der im Frühjahr die frische Saat hervorwachsen soll.

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Einen kleinen Einblick in den russischen Fasching bekamen wir am Sonntag im Freilichtmuseum Scholkowski Chutor, wo alljährlich gezeigt wird, wie früher Masleniza gefeiert wurde.

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Bei klarem Winterwetter mit Sonne und wenigen Frostgraden bummelten wir mit vielen anderen unter den Bäumen von einer Attraktion zu anderen.

Gesänge, Puppentheater, Hüpfen über ein im Kreis geschleudertes Seil, kleine Musikgruppen mit tanzenden Leuten und viele Spiele für Kinder. Frostharte sportliche Männer kletterten mit bloßem Oberkörper auf einen glatten entrindeten Baum, ermutigt von den Zurufen der Zuschauer.

k-86-ber-3Er hat es fast geschafft

Drei Männer in Badehosen zeigten auf einer Bühne einen Banjagang, bei dem sie sich ihre Leiber kräftig mit Schnee einrieben, mit Birkenreisig schlugen und auch die Zuschauer mit Schnee bewarfen. Eine Gaudi – uns war vom langen Stehen schon kalt geworden!

k-86-ber-4Banja mit Schnee

Mitten durch das Menschengetümmel wurden immer wieder Pferdeschlitten oder Reitpferde geführt. Zwar waren die begleitenden Führer sehr umsichtig, aber wenn man unverhofft mit einem, wenn auch sehr friedlichen, Gaul in Tuchfühlung gerät, so ist das zumindest ungewöhnlich.

k-86-ber-5Pferdeschlitten mitten im Volk

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Kascha aus Buchweizengrütze

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Die Schneemauer, die als letzte Bastion des Winters vom Volk gestürmt wird,

k-86-ber-8Eine Schlittenbahn;

k-86-ber-10Spiele für alle

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Nachwuchskletterer

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Auffallend ist für uns immer die gelassene, heitere Stimmung bei solchen Ereignissen. Dies heißt nicht, dass es keine laute Musik gäbe, aber es läuft alles ohne Hektik und Aufgeregtheit ab. Das liegt wohl auch daran, dass kein Alkohol ausgeschenkt wird, nicht einmal an Fasching – in Deutschland undenkbar. Und generell sind die Menschen hier eher ruhig. Sehr angenehm! Dies haben wir auch bei der Hinfahrt gemerkt. Das Taxi kam in der langen Schlange der Autos, die alle zum Freilichtmuseum fuhren, nur sehr langsam vorwärts. Und richtige Verkehrsknäuel an Kreuzungen lösten sich ohne viel Gehupe und vor allem ohne Polizei von allein auf. Man brauchte nur Geduld – und die hat man hier.

Bei so einem kurzen Einblick in die russische Masleniza dürfen natürlich Bliny nicht fehlen. So sehen sie aus, Rose sie hat nach russischem Rezept zubereitet und mit rotem Kaviar, Smetana und Dill serviert:

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Keine Schulnotizen

Vor 10 Tagen fragte mich der Vorsitzende der hiesigen „Gesellschaft für deutsche Sprache“, GfdS, (http://gfds.de), ob ich bereit wäre, an der Linguistischen Universität für die Mitglieder einen Vortrag zu halten. Das Thema sei mir freigestellt. Da der Wunschtermin der Rosenmontag war, fiel mir die Themenwahl nicht schwer: „Fastnacht in Süddeutschland unter dem sprachlich-kulturellen Aspekt“. Und so hielt ich vor acht Lektorinnen und Lektoren und ca. 40 Studentinnen und Studenten einen Vortrag über die Schramberger Fasnet, der interaktiv und – dem Thema entsprechend – sehr heiter war.  Die Details zu schildern würde hier zu weit führen, und die Stimmung lässt sich sowieso schwer wiedergeben. Aber so viel sei verraten: Die Teilnehmer – zum Teil Studentinnen und Studenten der Dolmetscher-Fakultät – übersetzten nicht nur das Hauptlied des Schramberger Narrenmarsches vom Schwäbischen ins Deutsche, sie lernten auch, den Vierzeiler zu singen und wendeten ihre Kenntnisse gleich an, um Brezeln (die kleinen Salzbrezeln à la Bahlsen) zu ergattern. Falls das jemand nachahmen will, hier ist der Text:

Hoorig, hoorig, hoorig isch die Katz.

Und wenn die Katz nit hoorig isch,

dann gfellt se dena Meidle nit.

Hoorig, hoorig, hoorig isch die Katz.

 

… und falls der geneigte Leser beim Übersetzen nur Unsinn rauskriegt, liegt das nicht an seinen mangelnden Übersetzer-Fähigkeiten!

Die Studentinnen und Studenten haben im Laufe des Vortrags einiges für die sprachliche Bildung und die Allgemeinbildung Notwendige gelernt, was sie sehr amüsierte:

–          Was das diesjährige Motto der Schramberger Fasnet war: (Fasnet first, America second)

–          Was die Begrüßungsformel an der Fasnet ist (Narri-Narro,)

–           Wie die Schramberger Narrenfiguren heißen (Hansel, Narro, Bruele, Bach-na-Fahrer) und was sie verteilen, wenn man denn obiges Lied singt (Brezeln, Schokolade, Mandarinen, Würstchen)

–          Was der Hanselsprung , der Brezelsegen und die Bach-Na-Fahrt sind,

–          Was die Parole bei der Bach-Na-Fahrt ist („Batsch-Nass“ und „Furz-Trocka“ oder: „Kanal voll“),

–          Was die „Kleidle“ (Narrenkostüme) kosten (ein Hansel und ein Narro ca 5000 Euro)

–          Wie der Gruß ab Aschermittwoch heißt: „S‘ goht dagega“.

Sollte sich jemand auf diesem Wissensgebiet weiterbilden wollen, so kann er das unter „Narrenzunft Schramberg“ googlen.

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Gebannt lauschen alle dem Schramberger Narrenmarsch

Zurück in Nischni Nowgorod und (schon) wieder nach Moskau

16.01.17

Wir sind wieder in Nischni Nowgorod. Unser Visum läuft noch bis Ende August und wir wollen die Zeit nützen – mit offenen Augen und Ohren.

Auf dem Rückflug nach Russland empfing uns Moskau mit blauem Himmel bei minus 28° und wohltuenderweise mit beheizten Haltestangen im Flughafenbus. Auch auf dem Nischegoroder Flughafen Strigino zeigte das Thermometer minus 24°, in unserer Wohnung erwarteten uns gefühlte plus 24°. Es war zweifelsfrei zu spüren: wir sind wieder in Russland.

Das Wiedereinleben hier nach drei Wochen in Deutschland geht inzwischen rasch und mühelos. Wir haben fast schon heimatliche Gefühle, wenn wir das pfeifende Geräusch hören, das der Luftzug erzeugt, der durch die undichte Haustüre strömt oder wenn wir die verschneite Straße vor unserem Haus und in den Geschäften die Kassiererinnen und die Ochrana-Leute (Sicherheitsdienst) wiedersehen. Die in den Nebenstraßen dick mit Schnee und Eis bedeckten Bürgersteige begrüßen wir wie wohl bekannte Feinde, der gut geräumten Fußgängerzone Bolschaja Pokrowskaja, die allerdings nicht weniger glatt ist und beim Laufen immer höchste Aufmerksamkeit erfordert, begegnen wir wie einem alten Freund.

Der erste Spaziergang dieses Jahres führte mich zu den drei nebeneinander stehenden Kirchen in unserer Nähe, einer orthodoxen, der Sieben-Tage-Adventisten Kirche und der armenischen Christ-Erlöser-Kirche. Dort sprach mich eine der älteren Frauen (sicher jünger als ich) an, sie fragte nach dem Wohin-Woher. Da fühlt man sich doch gleich umsorgt und angenommen!

Das Sibirienhoch mit der großen Kälte und dem blauen Himmel hat sich leider verzogen. Es herrscht nur mäßiger Frost mit dunstigem grauen Wetter, was wir von den beiden Vorjahren schon kennen. Die feuchte Luft führt zu bereiften Bäumen und Sträuchern und so ergeben sich trotz der düsteren Stimmung immer wieder aufheiternde Anblicke.

k-80-1Die Armenische Kirche an der Straße zur Molitowsky Brücke

k-80-2Raureif und Farbe

Rose hörte im Radio Komsomolskaja Prawda die Diskussionssendung „Картина Дня“ (Bild des Tages). Diesmal ging es um eine Aussage des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Achamtowitsch Kadyrow  (Рамзан Ахматович Кадыров). Er hatte gesagt: „Stalin sei verdammt in alle Ewigkeit, da er das tschеtschenische Volk nach Kasachstan umgesiedelt hat, wobei viele Menschen ums Leben gekommen sind. Deshalb gibt es in Grosny ein Denkmal für Chrustschow, denn dieser hat die Tschetschenen in ihr Land zurückgeholt“. Auf die Bitte um Stellungnahmen hin meldete sich unter anderen Hörern der Vorsitzende der russischen kommunistischen Partei mit der Meinung: In den von Putin mit zu verantwortenden Tschetschenienkriegen seien mehr Tschetschenen getötet worden als unter Stalin. Für uns war dies wieder mal ein Beispiel, dass in Russland durchaus verschiedene Sichtweisen zum Ausdruck gebracht werden können.

Moskau: Am Freitagabend begrüßte uns in der Metrostation Kursker Bahnhof ein Streicher-Quartett mit dem „Frühling“ aus den „Jahreszeiten“ von Vivaldi mit fantastischer Akkustik. Als wir die Metro am Revolutionsplatz verließen erklang der Walzer  „An der schönen blauen Donau“ aus einem Eislauf-Pavillon. Dazu die üppige Neujahrsdekoration mit ihren bunten Lichtinstallationen: es war ein Empfang nach Maß!

k-80-3Metro-Station Kursker Bahnhof

Am Samstag und am Sonntag liefen wir bei mildem Frost und leichtem Schneefall lange durch die festlich geschmückten Fußgängerstraßen und Plätze. Auf dem Boulevardring waren Spiele für Kinder aufgebaut, die mit einfachen Mitteln erstellt waren: Holzfische angeln, einen Puck mit dem Hockeyschläger ins Tor schießen, mit leichten Strohsäcken den Partner von einem schmalen Brett schlagen, Seilziehen, bei dem beide Spieler auf kleinen Holzblöcken stehen, einen 20 kg schweren Eisstockklotz zu einem vier Meter entfernten Zielkreis stoßen! Beliebt waren Eisrutschen, die wir an vielen Stellen sahen; eine besonders große stand zwischen Kreml und Revolutionsplatz. Der Rote Platz war voller Buden und Karussells. Es gab ein Quiz mit Fragen zum Thema Weihnachten, die man an verschiedenen Buden in der Stadt beantworten musste. Rose sammelte sechs Stempel und Goldrubel. Sie erwarb damit das Recht auf einen Preis, auf den sie verzichtete, weil vor den Ausgabestellen lange Warteschlangen standen, (Achtung Klischee) geduldig!

k-80-4Eisrutsche für Jung und Alt

Die Schaufenster des Kaufhauses ZUM waren wunderschön geschmückt. Jedes war einem anderen Märchen gewidmet. Leider konnten wir sie nicht fotografieren, denn alle Fenster waren groß mit „SALE“ beschrieben, wodurch die ausgestellten Märchenfiguren schlecht zu sehen waren. Es stand da wirklich „Sale“ und nicht „Распрода́жа“, zusammen mit den hohen Preisen in dem Kaufhaus ein Hinweis darauf, welche Kundschaft hier erwartet wird.

Vor dem TASS-Gebäude zeigte eine Ausstellung Zeitungsfotos des Jahres 2016, darunter eines vom Bau der Brücke vom russischen Festland zur Krim, über die Straße von Kertsch am Schwarzen Meer.

k-80-5TASS Foto vom Bau der Brücke zur Krim

Was einem auf Weihnachtsmärkten im Jahre 2017 sonst noch auffällt: Oft sahen wir Polizeistreifen und zur Abschirmung der Fußgängerbereiche dicke Betonklötze.

k-80-6Am Samstagmorgen: Betonblöcke sichern die noch leeren Fußgängerbereiche

Am Nachmittag besuchten wir „Das Haus am Ufer“, ein staatliches Museum nach dem gleichnamigen Roman von Juri Trifonow, das heute von seiner Witwe geleitet wird. Das Haus wurde von 1928 bis 1932 am Moskwa-Ufer gegenüber dem Kreml errichtet. Es war für die sowjetische Elite gedacht. Mit modernen Wohnungen von 75 bis 200 m² und aller nötigen Infrastruktur wie Geschäften, Handwerker, Theater und Restaurants sollte es ein Beispiel für die sowjetische Wohnkultur werden. Doch für die Bewohner wurde es ein Haus des Schreckens: In der Zeit des Großen Terrors 1937/38 wurden unter Stalin mindestens 800 Einwohner als angebliche Volksfeinde und Hochverräter verschleppt und die Hälfte erschossen.

k-80-7Museum „Das Haus am Ufer“, Erinnerung an die Opfer unter Stalin

1989 richteten ältere Bewohnerinnen des Hauses in einer kleinen 75 m² Wohnung ein Museum ein. Es zeigt eine große Fülle von persönlichen Gegenständen, Fotos und viele der ursprünglichen Möbel. Für uns war eine ausführliche englische Beschreibung von großem Nutzen. Die Frau, die für die Besucher des Museums zuständig war, konnte trotz des großen Andranges Roses Fragen beantworten. Sie sagte, dass oft noch mehr Besucher da seien, ein Zeichen für das große Interesse an der Vergangenheit. Juri Trifonow, dessen Eltern in dem Hause wohnten und die durch den Terror umkamen, schildert die Schreckenszeit in seinem 1976 erschienenen Roman. Rose entdeckte in einem Schaukasten den Namen Swetlana Josifowna Alilueva, der einzigen Tochter Stalins, die 1966 in die USA emigrierte. Das dazugehörige Foto fehlte.  Auf Nachfrage wurde das Foto gebracht, es war heruntergefallen. Es zeigte Stalins Tochter als Baby mit ihrer Mutter, der zweiten Frau Stalins, die 1932 Selbstmord beging. Auch sie wohnten in dem Haus an der Uferstraße.

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Das „Staatliche Zentrum für Gegenwartskunst“ befindet sich in der Nähe des Moskauer Zoos. Es war nach der „Garage“ im Gorkipark und der „Weinfabrik“ das dritte Museum für zeitgenössische Kunst, das wir besuchten. Es ist ebenfalls in einem ehemaligen Fabrikgebäude untergebracht.

k-80-8Staatliches Zentrum für Gegenwartskunst

Wir verließen es leicht verstört. Unter dem Motto „Seidenstraße“ (Шёлковый Путь) war eine Ausstellung der internationalen Künstlergruppe „Buch des Künstlers“ (Книга художника) zu sehen, deren Sinn sich uns nicht erschloss – zumal es Informationen nur in Russisch gab. Die ausliegende Broschüre gab Rose auch wenig Aufschluss. So wie die Seidenstraße früher Menschen und Waren aus allen Kulturkreisen zusammenführte, soll diese Ausstellung Künstler und ihre Werke aus allen Teilen der Welt zusammenführen. Da gab es viel zu sehen, Gemälde, Installationen, Fotos, Videofilme aller Art, vor denen wir uns oft etwas hilflos fragten, warum, wieso? Die Broschüre enthält etwa 200 Namen von Künstlern. Im Internet und dem Stadtführer wird das Museum gelobt – als modern und interessant. Vielleicht haben wir nur Pech gehabt.

Zum Ausgleich wollten wir das Gorki-Haus besichtigen, das etwa eine halbe Stunde entfernt liegt. Leider hatte dieses geschlossen. Der besinnliche Spaziergang bei Schneetreiben durch die verschneiten Straßen zurück in die Innenstadt entschädigte uns von den Enttäuschungen.

Der Anlass für die Terminwahl dieser Reise nach Moskau war eine Aufführung der „Die Hochzeit des Figaro“ in der Neuen Szene des Bolschoi Theaters. Das war ein ungewöhnlich eindrucksvolles Erlebnis, das unsere hohen Erwartungen noch übertraf.

k-80-9Bühne zu Figaros Hochzeit im Bolschoi Theater, Neue Szene

Die bekannte Musik wurde unter Leitung von Eugen Pisarew von Orchester und Sängern so klar und brillant dargeboten, dass wir uns schon nach den ersten Takten in eine andere Welt entrückt fühlten. Regie führte William Lacey, der das Stück Ende der 50er Jahre spielen ließ. Graf Almaviva war ein industrieller Manager und Cherubino mit roter Gitarre Elvis Presley. Statt des Theatervorhanges sah man vor der Vorstellung eine Wand aus bunten Rechtecken im Stile eines Gemäldes von Mondrian. Die rechteckigen Flächen verwandelten sich während der ersten zwei Akte in kleine Kabinette, in denen die Sänger agierten. Die reinen Farben Mondrians tauchten auch auf den 50er Jahre Möbeln und auf den Kleidern der Darsteller auf. Die letzten zwei Akte spielten in einer Bürolandschaft. So ungewöhnlich das klingen mag, es wirkte alles stimmig und selbst ein rotes Auto, das in der „Gartenszene“ auf die Bühne rollte, passte dazu. Der Buffo-Charakter der Oper kam durch viele witzige Einfälle zum Ausdruck und Mozart hätte sicher auch die deutlichen Liebesszenen für gut befunden. Es war ein grandioser Abend. Das Theater war bis auf den letzten Platz gefüllt, das Publikum spendete lange Beifall. Es gab reichlich Blumen für die Sänger, was hier in Russland gebräuchlicher ist als bei uns. Wir gingen glücklich und erfüllt von den zauberhaften Melodien in unser nahes Hotel zurück und hatten keinen Blick mehr für die bunte Weihnachtsbeleuchtung auf der Straße.

k-80-10Schlussapplaus – Das rote Auto ist hinter den Schauspielern zu erkennen

Hier noch weitere Eindrücke aus Moskau:

k-80-21Auf dem Twerskaja Platz, Sonntagnachmittag

k-80-22Auf dem Boulevard-Ring, Sonntagnachmittag

k-80-23Eingang zu einem Festbereich

k-80-23aDer Rote Platz – voller Schmuck und Weihnachtsbuden

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Die Christi-Erlöser-Kathedrale an der von Eisschollen bedeckten Moskwa

k-80-25Schneeräumen – vom Dach

k-80-27Auch am 687. Tag nach seiner Ermordung wird an Nemzow erinnert