Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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Archiv der Kategorie: Gastfreundschaft

Spenden für „Komm wieder – aber ohne Waffen“

Um mit Sepp Herberger zu sprechen: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Das Projekt „Komm wieder, aber ohne Waffen“ war mit unserer Aufführung am Gymnasium Nr. 1 nicht beendet. Wir hatten eine weitere Aufführung an der Linguistischen Universität, für die wir eine der Szenen auf Deutsch einstudierten. Weitere Szenen werden folgen, denn im Herbst tritt das Ensemble eine Gastspielreise nach Deutschland an! Jochen und ich werden sie empfangen und begleiten.

Alles begann mit der Einladung nach Erlangen, die Oberbürgermeister Janik nach unserer Aufführung in Wladimir spontan aussprach. Inzwischen hat diese Idee konkrete Formen angenommen: Wir werden „Komm wieder, aber ohne Waffen“ im Oktober in drei Städten aufführen: Von 21.-24. Oktober in Erlangen, wo Peter Steger, der Herausgeber des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen“ für uns Auftritte organisiert. Dort werden wir im Theater Brücken zu sehen sein und vielleicht auch im Wohnstift Rathsberg, in dem Wolfgang Morell wohnt, der zusammen mit Claus Fritzsche die Vorlage für unseren Protagonisten Alex (Sascha) war. Am 25. Oktober zeigen wir das Stück im Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden, meiner früheren Schule. Von 25.-30. Oktober sind wir in Immenstaad zu Gast, wo unsere Gastgeber Hubert Lehle und Konrad Veeser in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Bildungswerk Aufführungen im Rathaussaal in Immenstaad und voraussichtlich auch an der Waldorfschule in Überlingen und einem Gymnasium in Friedrichshafen organisieren

Nun möchten wir uns mit einer Bitte an euch wenden: Obwohl die Stadt Erlangen großzügig alle Kosten für Kost, Logis und Transfers in Erlangen übernimmt, wir in Leinfelden in Familien von Schülern des Immanuel-Kant-Gymnasiums wohnen und in Immenstaad auf dem Obsthof Lehle, fallen doch Kosten für Flug, Fahrten zwischen und in den Städten und Verpflegung in Immenstaad an, die die Eltern unserer Schüler tragen müssen, und die zwischen 450 und 500 € liegen. Dies ist für viele Familien eine große Belastung, zwei Schauspieler können definitiv nicht mitfahren. Natürlich hoffen wir auf Spenden bei unseren Aufführungen, aber das wird nicht reichen. Deshalb haben wir beim Bildungswerk Immenstaad ein Spendenkonto eingerichtet und bitten um finanzielle Unterstützung.

Katholisches Bildungswerk Immenstaad

Volksbank Überlingen

BIC: GENODE61UBE

IBAN: DE 8969061800 0075 4481 04

Verwendungszweck: Komm wieder, aber ohne Waffen (Bitte auf keinen Fall vergessen)

Falls eine Spendenbescheinigung erwünscht wird,  die Adresse angeben und den Vermerk: Spendenbescheinigung erwünscht.

Wir danken schon jetzt für eure Hilfe und laden euch ganz herzlich zu einer Theateraufführung ein!

Demonstrationen – Komm wieder, aber ohne Waffen (Teil 4)


 

Zum „Tag der Wiedervereinigung der Krim mit Russland“ versammelten sich am 18. März Honoratioren, Bürgerinnen und Bürger Nischni Nowgorods am Platz der Einheit unterhalb des Kreml zu einer Kundgebung. Die Teilnehmer aus dem „Sowjetski Rayon“ der Oberstadt zogen durch die Talstraße zum Veranstaltungsort. Ich lief oben an der Kremlmauer, nicht ahnend, dass der Abgang zum Einheitsplatz wegen Eis und Schnee gesperrt war. So sah und hörte ich das Treiben nur aus der Ferne: Musik aus Lautsprechern, Reden mit Rufen „Крым наш“ („Die Krim ist unser“) und viele Fahnen. Von einem Teilnehmer erfuhren wir, dass wichtige Amtsinhaber zu dieser Veranstaltung „eingeladen“ worden waren. Doch nach 25 Minuten war alles vorbei.

Die Oberstädter auf dem Weg zum Platz der Einheit am 18. März 2017

 

Nach einem langen Spaziergang mit Roses Kollegin Anke, einer in Perm arbeitenden deutschen Programmlehrerin, hatten wir am letzten Sonntag (26.03.17) gerade im Restaurant Pjatkin zu einer Essens- und Aufwärmungspause Platz genommen. Da sahen wir auf der Straße Roshdestwenskaja eine große Menschenmenge vorbeiziehen. Wir vermuteten gleich, dass es sich um eine der Demonstrationen handelte zu denen Nawalny aufgerufen hatte, was die Kellnerin aufgeregt mit dem Ruf „Nawalny“ bestätigte. Auf Plakaten wurde gegen Korruption protestiert, u.a.: „Die Korruption stiehlt die Zukunft“, (Коррупция ворует Будушее) und „Nischni ist in der Grube – der Oberbürgermeister in Miami“, im Russischen reimt sich Grube fast auf Miami (Нижний – в Яме, а Мэр – в Майами). „Schande, Schande“ wurde gerufen. Ein einsamer Polizist stand eng umgeben von Demonstranten und wurde beschimpft „Es hat noch nie einen Polizisten gegeben, der nicht bestechlich ist.“ Aber, soweit wir das sehen und hören konnten, blieb alles friedlich – obwohl dies nicht der genehmigte Versammlungsort war. Am eindrucksvollsten war jedoch: die Demonstranten waren überwiegend junge Menschen, viele Schüler und Studenten. Protest der Jugend – ein starkes Signal an die Regierung.

Demonstranten auf der Roshdestwenskaja gegen Korruption

Demonstranten auf der Wachtanowa Gasse, Nebenstraße zur Roshdestwenskaja

„Korruption stiehlt die Zukunft“

Nischni – in der Grube, aber der OB – in Miami

Im Blog >http://www.erlangenwladimir.wordpress.com< vom 27.03.2017 findet sich ein ausführlicher Bericht mit vielen Fotos über die ebenfalls friedlich verlaufene Demonstration in Erlangens Partnerstadt Wladimir.

 

Komm wieder – aber ohne Waffen (Teil 4)

Als Claus Fritzsche 1943, kurz nach seinem zwanzigsten Geburtstag, den Einsatzbefehl an die Ostfront bekommt, ist er außer sich vor Freude. Er ist ein romantischer junger Mann, der sich schon ordensbehängt sieht und trotz der schweren Verluste 1942/43 immer noch unerschütterlich an den Endsieg glaubt. Gleichzeitig freut er sich wirklich auf die Begegnung mit russischen Menschen und den engen Umgang mit ihnen und kauft sich sofort ein russisches Lehrbuch.

Genau eine Woche nach seinem Eintreffen an der Front wird sein Kampfflugzeug, dessen Besatzung er als Bordfunker angehört, über dem Kaspischen Meer abgeschossen. Seine Gefangennahme verläuft nicht so ‚freundschaftlich‘ wie bei Wolfgang Morell. Ihr im Meer treibendes Schlauchboot wird von einem Fischkutter gesichtet. Sie werden aufgegriffen, mit Knüppeln blutig geschlagen, ihr Major, der mit dem Ritterkreuz an Bord geht, wird zu Tode geprügelt. Später erfahren sie, dass die Ehefrauen und Kinder von einigen der Russen, die sie gefangen nahmen, in der Nacht vorher bei einem deutschen Bombenangriff ums Leben gekommen sind. Der Kommandeur, dem die Gefangenen in Astrachan übergeben werden, hat jedoch kein Verständnis für die Misshandlung. Der Kapitän des Fischkutters erhält einen KO-Haken, den Deutschen werden die Fesseln abgenommen und Zigaretten angeboten.

Claus Fritzsches Gefangenschaft beginnt in Astrachan. Da er medizinische Vorkenntnisse hat, wird er als Sanitäter eingesetzt. Er bekommt ein Wörterbuch und den Auftrag, zur besseren Verständigung mit der Ärztin, Russisch zu lernen. Mit Begeisterung stürzt er sich in das Sprachstudium und bereits auf der Fahrt nach Stalingrad, vier Monate später, kann er sich auf dem Schiff mit den russischen Mitreisenden über einfache Themen unterhalten.

In Stalingrad bekommen die Gefangenen höchstens die Hälfte der ihnen zustehenden Ration. Die russische Zivilbevölkerung hungert auch, und die Verpflegung der Rotarmisten ist fern der Front kaum besser. Claus magert bis auf 46 Kilo ab. Die Versorgung wird erst besser, als eine Kommission aus Moskau Aufbaunahrung verordnet.

Schon im ersten Kriegsgefangenenlager im Wolgadelta wird ein Politoffizier auf Claus aufmerksam und fragt ihn, ob er nicht etwas über die Ideologie seines Gegners lernen möchte. Er hadert inzwischen mit der Weltanschauung der Nazis, setzt sich mit Marx und Engels auseinander. Besonders angezogen fühlt er sich durch die Lehren des historischen und dialektischen Materialismus. In seinem ausgezeichneten Buch „Das Ziel – Überleben“ ISBN-13: 978-3925480447 („Цель – выжить), das bei Amazon antiquarisch erhältlich ist, schreibt Fritzsche:

Ich gebe zu, dass ich von Monat zu Monat gläubiger wurde, und ich fühlte mich von Gläubigen umgeben. Ich suchte nach einem neuen Glauben. Ich wollte glauben können.

Fritzsche wird Antifa-Aktivist, doch er bleibt ein kritischer Geist. Als er die Redakteure der in Moskau herausgegebenen Wochenzeitschrift „Freies Deutschland“ bittet, die Welt nicht schwarz-weiß, sondern mit Zwischentönen darzustellen, kommt er in ein Straflager.

Zhanna lernt Claus – wie Wolfgang – bei einem Konzert kennen, bei einem Wettbewerb der Kulturgruppen verschiedener Lager im Umkreis von Gorki (Nischni Nowgorod). Zhanna als Mitarbeiterin des Kulturpalastes, Claus als Dolmetscher führen durch das Programm. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Nach dem Konzert fährt Claus mit seiner Gruppe wieder in sein Lager zurück, aber die beiden können einander nicht vergessen.

Ausgerechnet Wolfgang Morell hilft ihnen, einander wiederzufinden: 1949 – Claus ist schon heimgekehrt, Wolfgang noch in Gorki – sieht Wolfgang in der DDR Zeitung „Neues Deutschland“ eine Anzeige, in der sich Claus Fritzsche als technischer Übersetzer für Russisch anbietet. Zhanna hatte Wolfgang erzählt, wie gerne sie mit Claus wiederfinden würde, Wolfgang wird zum Vermittler. Und so bekommt Claus eines Tages einen Brief aus der Sowjetunion. Ich kann mich der Versuchung nicht erwehren, den zweiten Brief des nun folgenden Briefwechsels abzudrucken: 

                                                                              Gorki, 28.9.49

Mein teurer Freund!

Du kannst Dir nicht vorstellen, welch große Freude mir Dein Brief gebracht hat. Lange habe ich darauf gewartet. Und eines schönen Tages hatte ich einen Auftritt auf der Bühne eines der Konzertsäle in Gorki und war vor dem Auftreten sehr nervös. In diesem Zustand erreichte mich ein Anruf von zu Hause mit der Nachricht, dass ein Brief aus Deutschland gekommen sei.

Ich hatte schon alle Hoffnung auf eine Antwort von Dir aufgegeben und kam zu dem Schluss, dass der Brief von Wolfgang sein müsste. Über eine Nachricht von ihm konnte ich mich auch freuen, denn er ist ein wunderbarer Mensch. Jeder der ihn kannte, hatte nur die allerbeste Meinung über ihn.

Wenn er bei Dir wäre, dann hätte ich keine Sorgen um Dich. Mit einem solchen Freund und Genossen ist es leicht und einfach, selbst auf unebenen Wegen zu gehen.

Ihr beide seid, wie mir scheint, verschiedene Menschen. Ich kenn Dich zwar nur sehr wenig, habe aber den Eindruck, dass Du Deiner Natur nach sehr kapriziös und unausgeglichen bist. Vielleicht irre ich mich, alles ist möglich.

Kolja, mich hat Deine Kenntnis der russischen Sprache in Erstaunen versetzt. Die Literatursprache zu beherrschen, ist eine große Errungenschaft. Ich habe an Deinen Fähigkeiten selbstverständlich nicht gezweifelt, aber nach diesem Brief gilt Dir mein begeisterter Applaus.

Die Tatsache, dass Du keine Langeweile hast und viel arbeitest, finde ich gut, dass Du noch nicht verheiratet bist, ist auch gut, aber ich wünschte so sehr, dass Du zu irgendwem gehörst.

Du hattest in der letzten Zeit und hast vielleicht auch noch jetzt irgendwelche gesundheitliche Unannehmlichkeiten. Worum ging es da, mein Lieber? Überhaupt, schreibe mir, wie es um Deine Gesundheit steht, den Dein ”so einigermaßen gut” gefällt mir gar nicht. Ach wenn Du nur wüsstest, wie ich mich über Deinen Brief gefreut habe, und was mit mir los war, als ich erfuhr, dass der Brief von Dir war. Ich wurde bleich und lief gleich wieder rot an und kreiselte plötzlich in einem irren Walzer durchs Zimmer – sehr zur Verwunderung meiner Mutter, die gerade ein trauriges Nocturno spielte.

Kolja, wie groß ist mein Wunsch, bei Dir zu sein. Ist es wirklich nicht möglich, zu uns zurück zu kommen? Du liebst doch meine Heimat und mein Volk. Ach, wie ich mir das wünsche.

Schreibe mir über alles, ich warte mit Ungeduld auf Deine Antwort.

Gruß  Zhanna

 

Claus ist auch verliebt, aber…. In seinem Buch „Das Ziel – Überleben“ schreibt er: „Das war die Liebeserklärung, die ich ach so gern erwidert hätte, aber – zurück in die Sowjetunion?

Unvorstellbar!  Dieses ganze Land stellte sich mir als ein riesengroßes Gefängnis dar, und dem war ich ja gerade entronnen. Außerdem, wovon hätte ich dort eine Familie ernähren sollen? Außer meinen Russischkenntnissen besaß ich ja keinerlei professionell verwertbare Berufsgrundlagen. Auch die gerade 19jährige Zhanna hatte sich wohl gänzlich ihren Gefühlen und Sehnsüchten hingegeben, ohne die realen Möglichkeiten in Betracht zu ziehen.

Es wurden noch einige Briefe geschrieben und empfangen, aber die menschenfeindlichen Realitäten dieser historischen Periode standen unseren Wünschen zu stark entgegen. Der Briefwechsel schlief ein, ohne dass ich es je aufgegeben hätte, von Zhanna zu träumen.“ (S. 288)

1958 ist Claus im Rahmen einer Geschäftsreise in Moskau. Zhanna ‚fliegt zu ihm‘, doch sie gehen schweren Herzens wieder auseinander. Beide haben inzwischen Familien, ein anderes Leben.

1989 schreibt Claus seine Erinnerungen. Er bittet Zhanna, ihm bei der russischen Fassung zu helfen. Kapitel für Kapitel trifft aus Deutschland ein. In Zhannas Familie liest man sie einander laut vor.

Als Zhanna verwitwet ist, besucht sie Claus in Moritzburg. Sie verstehen sich wunderbar, aber Zhanna kehrt zurück, in ihre Heimat, zu ihrem Sohn. 

 

Auch heute noch sind die beiden befreundet. Mit leuchtenden Augen erzählt die jetzt 87jährige Zhanna, wie ihr Kolja hilft, wo er kann. Zusammen mit seiner Nichte Almut, die auch seit Jahren mit Zhanna befreundet ist, bessert er monatlich ihre Rente auf. Er ruft regelmäßig an, jede Weihnachten kommt ein Päckchen mit Nürnberger Lebkuchen. Als ihr vor einigen Jahren die Tasche aufgeschnitten und die Rente gestohlen wurde, traf kurze Zeit später eine Geldsendung ein, die den Verlust ersetzte. „Eines ist sicher“, sagt Zhanna, „ich werde ihn immer lieben.“

Die Teile 1 bis 3 des Projektes „Komm wieder – aber ohne Waffen“ wurden am 13.02.17, 22.02.17 und 15.03.17 veröffentlicht

 

 

 

Komm wieder – aber ohne Waffen (Teil 3)

Teile 1 und 2 in den Blogs vom 13. und 22. Februar 2017

‚Am 21. Januar 1942 lagen sie zu dritt auf Horchposten im Wald. Bei minus 42 Grad hatten sie nur Tuchmäntel ohne Pelz und ungefütterte Handschuhe. Plötzlich tauchte eine Reiterpatrouille auf. Wolfgang bleibt unentdeckt, seine Kameraden werden vor seinen Augen gefangengenommen. Eine Stunde lang irrt er allein durch den Wald, dann sieht er weiße Gestalten auf sich zukommen. Wolfgang möchte um keinen Preis in russische Gefangenschaft geraten. Er entsichert seinen Karabiner, will sich erschießen, aber – vielleicht aufgrund der großen Kälte – geht der Schuss nicht los. Für die Sibiriaken ist Wolfgang wohl der erste „Fritz“, den sie zu sehen bekommen. Ohne jegliche Feindseligkeit, begleitet von den aufmunternden Worten eines älteren Rotarmisten, die wohl bedeuten mochten „Der Krieg ist für dich aus“, nehmen sie ihm das geladene und entsicherte Gewehr aus der erhobenen Hand. Die Leibesvisitation befördert u.a. eine volle Schachtel R6 Zigaretten zutage und eine Zahnbürste, die Anlass zu Gelächter gibt. Von den Rauchern erhält jeder eine Zigarette, den Rest geben sie ihm zurück. Seine armselige, absolut nicht wintertaugliche Montur löst allgemeines Mitleid aus. Einer deutet auf sie mit dem Hinweis: „Das ist Hitler!“ Stolz betastet man dann die eigene Montur: Pelzmütze, Pelzmantel, darunter Wattejacke und Wattehose, Filzstiefel und Skier: „ Und das ist Stalin!“  Auf dem Weg zum Regimentsstab bleibt Wolfgang immer wieder im tiefen Schnee stecken. Der alte Rotarmist hat Mitleid mit ihm. Er lässt ihn hinten auf seine Skier aufsteigen und schleppt ihn mit.

Dies ist die fast wörtliche Wiedergabe der Erzählung von Wolfgang Morell über seine Gefangennahme. Heute lebt er, fünfundneunzigjährig, in einem Seniorenheim in Erlangen. Er ist einer der Veteranen, die in Peter Stegers Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen“ zu Wort kommen, das die Grundlage für unser derzeitiges Schulprojekt über deutsche Kriegsgefangene in Wladimir und Gorki (heute Nischni Nowgorod) bildet. In den Weihnachtsferien besuchten wir Wolfgang. Ich machte ein fast zweistündiges Interview mit ihm, Jochen filmte.

Wolfgangs Gefangenschaft wird bis 1949 dauern und ihn in etwa 20 Lager führen. Zunächst kommt er aber mit seinen Erfrierungen in Wladimir in ein Militärkrankenhaus. 1942 gibt es noch sehr wenige Gefangenenlager und die haben keine Hospitäler. Deshalb legt man ihn zusammen mit fünfzehn anderen Deutschen in ein Krankenhaus für Rotarmisten. Sie haben Einzelbetten, weiß bezogen, mit täglicher Visite und bekommen fast die gleiche Kost wie die russischen Soldaten.

 Wolfgang Morell und Rose Ebding beim Interview am 6. Januar 2017 

Natürlich bleibt es nicht bei diesen paradiesischen Umständen. Nach seiner Genesung kommt er in ein landwirtschaftliches Lager in der udmurtischen Republik im Föderationskreis Wolga. Die Arbeit ist hart, der Hunger so groß, dass sie die Kartoffeln roh essen. Im folgenden Winter (42/43) sterben 700 von 1500 Gefangenen am wolhynischen Fieber, auch Schützengrabenfieber genannt. Die Lastwagen, die morgens das Brot ins Lager bringen, nehmen abends die Toten mit hinaus. Wolfgang ist nur noch Haut- und Knochen, aus Vitaminmangel wird er nachtblind. Aber er überlebt.

Wir machen einen großen zeitlichen Sprung, bis ins Jahr 1947. Wolfgang hat inzwischen Russisch gelernt. Er ist der Dolmetscher in einem Arbeitslager in Gorki. Ende 1946 hat man ein großes Orchester  aufgebaut.  Die Noten werden aus dem Kopf aufgeschrieben. Es gibt keine gedruckten Noten. Man führt „Die Czardasfürstin“ und die „Zirkusprinzessin“ auf. Kalman, leichte  Sachen, nicht die 9. Symphonie und man lädt dazu immer die russische Lagerleitung ein. Eines Tages kündigen die Russen an, sich mit einem russischen Konzert für die deutschen Kriegsgefangenen revanchieren zu wollen. Russische Tänze und Lieder stehen auf dem Programm. Die Moderatorin ist ein hübsches, 18jähriges Mädchen, Zhanna. Wolfgangs Aufgabe ist,  Zhannas Ansagen für die tausendköpfige Zuschauermenge ins Deutsche zu übersetzen. Dies ist der Beginn einer Freundschaft, die nicht nur bis zu Wolfgangs Heimkehr 1949 dauert. Die beiden haben bis heute Kontakt.

Zhanna ist die zweite Protagonistin in unserer szenischen Collage. Sie lebt, 88jährig, immer noch in Nishni Nowgorod und auch mit ihr habe ich ein Interview gemacht. Ihre Geschichte – und die von Claus – werde ich im nächsten Blog erzählen.

Komm wieder- aber ohne Waffen

Auf der Oberen Wolga Uferstraße (Верхне Волжская Набережная) steht neben der hellblau gestrichenen Stadtvilla der Rukawischnikows ein ockerfarbenes Haus, das 1953 kurz vor Stalins Tod fertiggestellt wurde und als Wohnhaus für verdiente Wissenschaftler, Künstler und Politiker diente.

k-84-ber-1Das ockerfarbige Wohnhaus auf der Oberen Uferstraße (Aufgenommen am 21.09.2014)

Wir waren von einer Kollegin von Rose, einer Lehrerin am Gymnasium Nr.1, in dieses Haus eingeladen worden. Sie lebt dort mit ihrer Familie im fünften Stock in einer großen Vier-Zimmer-Wohnung. Diese war ihrem Schwiegervater Nikolaj Sacharowitsch Tremasov, einem der Gründer des НИИИС (Sedakov-Forschungsinstituts für atomare Messanlagen) und dessen führender Konstrukteur, als Dienstwohnung zugewiesen worden. Er hätte sie nach seiner Pensionierung verlassen müssen, aber die Wende kam dazwischen. Die Wohnung ging in der Jelzin-Ära im Rahmen der allgemeinen Privatisierung von staatlichem Wohnungseigentum an die Familie über.

Da ist, wie zu erwarten, alles großzügig: eine große Diele, große Zimmer, Küche, Bad und WC, hohe Räume mit stuckverzierten Decken und ehrwürdige Möbel.  An den Wänden viele Bilder, oft Werke der Schwester, einer in Moskau lebenden Malerin, Andenken und Fotos aus der Schaffenszeit des Schwiegervaters und viele Bücher. Überwältigend ist die Aussicht über die Wolga auf die Stadt Bor und das weite Land, selbst bei Dunkelheit.

k-84-ber-2Abendlicher Blick auf Wolga und die gegenüberliegende Stadt Bor (05.02.17)

Das alte Haus mit seinen schlecht isolierten Wänden und die Lage der Wohnung im obersten Stockwerk hatten eine von uns nicht erwartete Konsequenz: die Wohnung lässt sich schlecht heizen und es ist das erste Mal seit wir in Russland leben, dass wir in kühlen Räumen saßen und uns gern Decken über die Schultern legen ließen.

Wer kennt „Russe blau“? Das hat nichts mit einem Russen nach erhöhtem Wodkakonsum zu tun, sondern ist der Name einer Katzenrasse, von der ein Vertreter in der Familie unserer Gastgeberin lebt. Wikipedia schildert diese Katze als mittelgroß, elegant und in allem ausbalanciert. Es handelt sich um eine Naturrasse, d. h., sie wurde nicht zu ihrem Aussehen gezüchtet, sondern trat so in der Natur auf.“ Ihr wird eine ausgeglichene, verschmuste,

k-84-ber-3Russe blau – die elegante Katze.

ruhige Art mit starker Bindung zu Menschen nachgesagt. Was wir bestätigen können: sie interessierte sehr für mich und war erst zufrieden, als sie nach dem reichhaltigen Essen auf meinem Schoß schnurren durfte.

k-84-ber-4Eingang zum Парк им. 1. Мая – wörtlich Park namens 1. Mai

Unsere Gastgeberin führte uns danach in den Park 1. Mai, der in der Nähe des Moskauer Bahnhofs in der Unterstadt liegt. Früher sei es ein stiller Park gewesen, jetzt hörte man aus den Fahrgeschäften und aus den Vergnügungspavillons laute Musik. Gegenüber steht eine mächtige Ruine, der ehemalige Lenin-Kulturpalast (Дворец культуры им. Ленина), der seit 20 Jahren dem Verfall preisgegeben ist.

k-84-ber-5Ruine des Kulturpalastes Lenin

Bei großer Kälte (-19°) liefen wir durch abendliche Straßen zu unserem nächsten Ziel: einem russischen Holzhaus aus den 1930er Jahren, das der Familie der Gastgeberin gehört. In der Nähe von großen Plattenbauten auf der Hauptstraße stehen in einer Nebenstraße eine Reihe von zweistöckigen Holzhäusern. In einem davon lebt der Bruder mit seiner Frau. Wir wurden auch hier wieder gastfreundlich empfangen und verbrachten bei russischen Leckereien und lebhaften Gesprächen einen interessanten Abend.

k-84-ber-6Wie im Märchen – und das mitten in der Stadt

Den Eheleuten gehört an der Oka am Stadtrand ein großes Terrassengelände, auf dem sie Obst und Gemüse anbauen. Stolz wurden uns Erdbeer- und Himbeer-Varenje (flüssige Marmelade), Pilze und eingelegte Salzgurken aus dem eigenen Garten angeboten. Sogar Weintrauben reifen in den warmen Sommern dort. Der gekelterte Wein wird allerdings mit Zucker nachgesüßt. Die Weinstöcke werden im Winter abgedeckt und überstehen so den Frost. Jetzt sind die beiden dabei, in Eigenbau auf dem Grundstück ihren künftigen Wohnsitz zu errichten. Wir sind zu einer Besichtigung in drei Jahren eingeladen. Dann soll das Haus fertig sein – wir würden der Einladung sehr gern folgen. Schaun mer mal.

 

Im Blog „Erlangenwladimir“ vom 8. Februar 2017 erwähnt Wladimirpeter einen Luftangriff der deutschen Luftwaffe auf Nischni Nowgorod im Zweiten Weltkrieg. Es heißt dort in der Einleitung:

„Dieser Tage veröffentlichte die Internetplattform Zebra-TV eine Aufnahme der Deutschen Luftwaffe, die 1945 in den Bestand des Nationalarchivs und der Bibliothek des Kongresses überführt wurde (s. https://is.gd/TQC9VS). Entstanden ist das überraschend scharfe Bild am 21. Juli 1942, also gerade einmal einen Monat nach dem Überfall auf die UdSSR, aus einer Höhe von 8.700 Metern, wohl beim Überflug einer Junker 88 auf dem Weg nach Gorkij, dem heutigen Nischnij Nowgorod, wo die Bomben abgeworfen wurden“.

Zum Thema deutsche Luftangriffe gibt es hier in Nischni eine merkwürdige „Stadtlegende“. die uns ein Taxifahrer im September 2016 mit voller Überzeugung erzählte. (Siehe unseren 63. Bericht). Der Hinweis im Blog Erlangenwladimir veranlasst uns zu schreiben, was wir in der Zwischenzeit darüber erfahren haben. Von 1934 bis 1937 wurde in der Nähe des hiesigen Autowerkes die Poliklinik Nr. 37 gebaut. Wie die Luftaufnahme (Google Earth) zeigt, erinnert ihr Grundriss an ein Hakenkreuz und das ist Anlass, zu der abenteuerlichen Legende. Danach hätten deutsche Architekten die Klinik absichtlich in dieser Form errichtet, um den deutschen Bombern den Weg zu der Auto- und Waffenfabrik zu weisen. Das ist absurd, wird aber offensichtlich weitererzählt und geglaubt. Auf das damalige Gorki und auf das Autowerk gab es vor allem ab Juni 1943 viele Bombenangriffe, mit denen die Waffenproduktion gestoppt werden sollte, was aber nicht gelang.

k-84-ber-7Poliklinik Nr. 37

 

 

Schulnotizen – „Komm wieder, aber ohne Waffen“

Mit meiner Kollegin Marina und den Schülerinnen und Schülern der zehnten Klasse, mache ich zurzeit ein Projekt über deutsche Kriegsgefangene in Wladimir und Gorki (heute: Nischni Novgorod) mit dem Titel „Komm wieder, aber ohne Waffen“.

Prolog – Mein Vater

Mein Vater wurde 1914 in Schramberg im Schwarzwald geboren. Eigentlich wollte er Sprachen studieren, doch weil er als einziger Sohn einer Kriegerwitwe aus dem Ersten Weltkrieg die väterliche Bäckerei übernehmen sollte, lernte er nolens volens Bäcker – als Kompromiss im französischsprachigen Genf. Ab 1940 war er Soldat, 1944 geriet er im Baltikum in sowjetische Kriegsgefangenschaft, bis 1950 war er in Lagern in Kritschew und Mogilew (Weißrussland). Mein Bruder und ich sind in den frühen 50er Jahren geboren und unsere Kindheit war geprägt durch die Geschichten unseres Vaters von der Gefangenschaft. Ich weiß es noch wie heute, wie wir jeden Sonntag auf seinem Schoß saßen und seinen Geschichten zuhörten. Diese ist eine davon:

Sie hockten im Schützengraben. Um sie herum seit Tagen Granateinschläge und Gewehrfeuer. Kameraden wurden getroffen, schrien vor Schmerz, starben „wie die Fliegen“. Alle wussten, wie hoffnungslos die Lage war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis man auch erwischt wurde – oder in Gefangenschaft kam. Dann war es soweit. Franz blickte aus seinem Schützengraben auf zu einem Rotarmisten, der das Gewehr auf ihn gerichtet hatte und ruhig sagte: „пошли“ („gehen wir“). Der Soldat hatte Schlitzaugen, war vielleicht ein Kasache. Er untersuchte Franz nicht nach Waffen. Der hatte noch seine Mauser und dachte: „In Gefangenschaft gehe ich nicht. Bei nächster Gelegenheit erschieße ich den ‚Russen‘ und dann mich.“ Als sie an einem Apfelbaum vorbeikamen, holte der Kasache einen Apfel vom Baum und gab ihn Franz. Dann pflückte er einen zweiten, den er selbst aß. Franz warf seine Mauser ins Getreidefeld und ging in Gefangenschaft, wo er fünf Jahre bleiben sollte.

Im Lager wurde er Lagerbäcker. Ein tschechischer Pfarrer brachte ihm Russisch bei: Mit Kohle schrieb er Vokabeln und Grammatikregeln auf leere Mehlsäcke. Später wurde er Lagerdolmetscher – beide Aufgaben haben ihm wohl das Leben gerettet.

Russland und die Russen haben meinen Vater sein Leben lang nicht losgelassen. Als er mit 55 einen Herzinfarkt hatte, gab er die Bäckerei auf und leitete das Fremdenverkehrsamt in Schramberg. Abends gab er Russisch- und Italienischkurse an der Volkshochschule (Italienisch hatte er neben Französisch in Genf gelernt). Nach seiner Pensionierung wurde er Reiseleiter und führte mehrere Reisen u.a. nach Russland.

Mich haben seine Geschichten auch geprägt und sie sind sicher ein Grund, warum ich russische Literaturwissenschaft studiert habe und jetzt in Nischni Nowgorod lebe. Und so sind sie die Vorgeschichte zu meinem derzeitigen Projekt, von dem ich im nächsten Bericht erzählen werde.

 

Sankt Petersburg und Nicht nur Schulnotizen zur US-Wahl

 

Der russische Nationalfeiertag am 4. November, der „Tag der Einheit des Volkes“, bescherte uns ein verlängertes Wochenende. Wir nutzten es zu einer Reise nach Sankt Petersburg, wo wir bei unseren Freunden Lena und Andrej wohnen konnten. Lena war viele Jahre Partnerin von Rose beim Schüleraustausch zwischen dem Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden-Echterdingen und dem Petersburger Klassischen Gymnasium. Es waren drei anregende, ausgefüllte Tage.

Wir haben uns möglichst abseits der Touristenströme gehalten; so waren wir nicht im Winterpalast und auch nicht in der Isaaks-Kathedrale, weil wir beide schon früher besichtigt hatten. Es gibt ja so viel zu sehen. Die historische Innenstadt mit 2300 Palästen und Schlössern ist Weltkulturerbe der UNESCO. Und ein ehemaliger Siemensianer wird an die Geschichte seiner Firma erinnert, wenn er an der Mojka entlang spaziert. Siemens errichtete schon vor 163 Jahren ein Büro in der damaligen russischen Hauptstadt.

k-76-ber-1Der bekannte blaue Schriftzug am Haus Mojka 36

Im östlichen Flügel des Generalstabsgebäudes eröffnete die Ermitage 2010 neue Museumsräume. Dort findet man unter anderem viele Bilder von Matisse und Picasso, Skulpturen von Rodin, sowie eine Abteilung mit russischer Avantgarde, darunter Werke von Kandinsky und Malewitsch. Die Innenhöfe des alten Gebäudes wurden mit Glasdächern überdacht; dadurch entstanden neue Ausstellungsräume und es gab Platz für eine imposante Treppe. Allein die Architektur lohnt einen Besuch.

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Im linken Flügel befindet sich das neue Museum für zeitgenössische Kunst

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Treppe im Innenhof: Eingang zu den Ausstellungsräumen

Wir sahen uns vor allem die Sonderausstellung von Werken des belgischen Künstlers Jan Fabre an, die in der langen Reihe der Innenhöfe untergebracht war. Die hellen Räume, von oben belichtet, sind der passende Rahmen für die manchmal sehr großen Installationen. Die Ausstellung war gut besucht, Rose wurde an der Kasse aus statistischen Gründen nach ihrer Nationalität gefragt und erfuhr dabei, dass 80% der Besucher Russen sind. Dies sieht im Winterpalast, in der alten Ermitage, anders aus, dort überwiegen die ausländischen Touristen.

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Jan Fabre „Der Karneval der toten Straßenhunde“ (2006) vor einem Gemälde von Paul de Vos aus dem 17. Jh.

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Selbstbildnis, die Oberflächen sind mit Reißzwecken belegt. Dem Künstler sollte keiner zu nahekommen!

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Schlossplatz St. Petersburg am 5. November 2016 – nicht 1896

Das Museum „Erarta“ für zeitgenössische Kunst wurde ebenfalls 2010 eröffnet. Hier sind Gemälde und Installationen russischer Künstler zu sehen. Sie stammen teils noch aus Sowjetzeiten und konnten bis zur Perestroika nur heimlich gezeigt werden. Wir bekamen überraschende Einblicke in die neuere russische Kunst und können den Besuch des auf der Wassili-Insel und damit etwas abseits der Touristenströme gelegenen Museums sehr empfehlen.

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13 Plätze laden zum Abendmahl

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Aufklärender Ausschnitt

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Sofort zu erkennen: Das letzte Abendmahl nach Leonardo Da Vinci (von Pawel Grischin)

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Sawely Lapitzki: Pritsche (Нары) 1986

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Im Erarta wird Kunst nicht nur ausgestellt, sie findet sich im Museumsrestaurant auch auf den Tellern: ein kubistisches Dessert – zu bewundern und zu schmecken.

Wir waren auch im alternativ ausgerichteten „Loft Projekt Etage“ (Лофт Проект Этажи). In einem alten Lagerhaus sind auf fünf Stockwerken über enge Treppen Ausstellungsräume mit Gemälden und Fotos, Cafés und basarähnliche Läden zu erreichen. Vieles machte einen unfertigen Eindruck und wir verließen diese Stätte mit zwiespältigen Meinungen. Interessant war eine Tafel, auf der man den Satz „Solange ich lebe, möchte ich …“ ergänzen konnte. Das wurde viel genutzt. Neben Wünschen nach Gesundheit, Wohlergehen und Frieden in der Welt hatte jemand geschrieben: „Solange ich lebe, möchte ich ….eine Morgendämmerung in Deutschland erleben“.

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Solange ich lebe, möchte ich …

In der „Sankt Petersburg Oper“ sahen wir eine rasante Aufführung von Jaques Offenbachs Operette „Die schöne Helena“. Die Sankt Petersburg Oper ist im Haus des deutsch-stämmigen Barons von Derviz untergebracht, der das Anwesen 1880 erwarb und zu einer intimen, üppig ausgestatteten Musikstätte ausbaute, die überraschenderweise trotz der Nutzung als Club-Haus während der Sowjetzeit intakt blieb. Seit dem 27. Mai 2003, dem 300. Geburtstag von Sankt Petersburg, wird hier wieder Theater gespielt und musiziert.

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Bühne im Haus des Barons von Derviz

Anlässlich des russischen Nationalfeiertages gab das Marine-Blasorchester „Peter der Große“ ein Konzert im Weißen Saal der Polytechnischen Universität, die – wie in Petersburg kaum anders zu erwarten – ebenfalls den Namen „Peter der Große“ trägt. Lena führte uns gern dahin, denn in den repräsentativen Gebäuden dieser ehrwürdigen Institution hatte sie ihr Studium als Schiffsbau-Ingenieur absolviert. (In Russland sind auch Frauen Ingenieur, Arzt, Lehrer. Die Berufsbezeichnung wird nicht verweiblicht.)

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Treppenhaus in der Polytechnischen Universität

Der Dirigent sagte die Musikstücke an und verwies dabei mit Stolz auf die Vergangenheit des Orchesters des schon 1715 von Peter dem Großen in der neuen Hauptstadt gegründeten Marinekorps. Das Programm bot u.a. Stücke von Rimski-Korsakow, Rachmaninow, Rodrigo. Vertreten war auch Johann Strauß (Sohn) mit seiner Polka „Vergnügungszug“. Strauß lebte elf Sommer in Pawlowsk, einer Residenzstadt der Zaren 30 km von Petersburg entfernt, und wurde dort sehr gefeiert. Zwischen den beiden Orten fuhr die erste Eisenbahn Russlands. Gegen Schluss gab es eine Fantasie über das Lied „We are the Champions“ der Gruppe Queen. Und als Zugabe „Прощание Славянки“ (Abschied der Slawin), neben der Nationalhymne der bekannteste Marsch in Russland. Er ertönt in der Regel auch, wenn ein Kreuzfahrtschiff ablegt. Das Publikum hielt es nicht auf den Sitzen, im Takt der Musik wurde kräftig mitgeklatscht. Ein stürmisches Ende eines ungewöhnlichen Konzertes.

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Das Marine-Orchester Peter der Große

Die Schlussveranstaltung des VIII. Internationalen Jugend-Wettbewerbs auf russischen Volksmusik-Instrumenten in der Glinka-Kapelle (Государственная академическая капелла Ст. Петербург) zeigte uns wieder einmal das hohe Niveau der hiesigen Musikausbildung. Neben der Siegerehrung der (geschätzt) achtzig Gewinner gaben einige der Kinder/Jugendlichen auf Akkordeon, Bajan, Balalaika, Gusli und Domra Proben ihres Könnens. Alles höchst erstaunlich. Gespielt wurden meist musikalisch anspruchsvolle Stücke, ganz anders als man bei uns erwartet, wenn man das Wort Volksmusik hört. Die Teilnehmer kamen aus allen Regionen Russlands, auch aus der Ukraine, Weißrussland und dem Baltikum.

Vieles wäre noch zu berichten, vom Festival des Lichts am Isaaks-Platz, vom neuen 300 Meter langen Gang unter der kleinen Newa der vom Petrograder Rayon zur Wassiljew-Insel führt. Es waren ausgefüllte, erlebnisreiche Tage, gewürzt von der sprichwörtlichen Gastfreundschaft unserer Freunde.

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In der U-Bahn ein Plakat zum 4. November: Wir in Einheit für den Frieden.

Nicht nur Schulnotizen 

Während der Arbeit an diesem Blog waren unsere Gedanken immer wieder ganz woanders: bei der Wahl in den USA. In unserem Bekanntenkreis haben wir dazu einige Meinungen gehört, was erstaunlich ist, denn viele Russen interessieren sich kaum für Politik und reden wenig darüber.  

Meine Schülerinnen der 9a waren überrascht, dass Hillary Clinton die Wahl verlor, hätten doch sogar Popstars wie Beyonce, Madonna und Bruce Springsteen auf Instagram für sie geworben. Sie verstanden auch nicht, dass Trump keine Ausländer mehr ins Land lassen wolle, das ganze Land bestehe doch im Wesentlichen aus Einwanderern. Und auch, dass Trump Obama-Care abschaffen will, fanden sie schlecht. Die Schüler der Parallelklasse hingegen hätten ihn gewählt. Warum? Weil er nicht so gegen Russland ist wie Hillary. Aus dem gleichen Grund sagten meine 11er: Trump sei schlecht für Amerika, aber gut für Russland. 

Die Kolleginnen hielten sich mit ihrer Meinung zurück, weil sie den Medien skeptisch gegenüberstehen, erwarten aber von Trump eher eine Verständigung mit Russland. Von Jubelstimmung war jedoch nichts zu spüren. Schirinowski, dessen Reaktion in den deutschen Medien viel Beachtung fand, sei genauso ein Schreihals wie Trump und keineswegs repräsentativ für Russland.  

In den TV-Nachrichten (RU 1) wurde sachlich und ausführlich berichtet, viele Einblendungen waren von CNN übernommen. In einer Diskussion im Radiosender Komsomolskaja Prawda vertrat ein Sprecher die Meinung, Trump sei ein Geschäftsmann, mit ihm müsse man hart verhandeln, aber dies sei mit ihm vielleicht eher möglich als mit Hillary Clinton, die wie ein Roboter immer wieder die gleichen anti-russischen Phrasen wiederhole.  

Alles in allem kann man sagen, dass die meisten unserer Gesprächspartner eine typisch russische, ruhige, unhysterische, Haltung einnehmen. Nach der anfänglichen Überraschung herrscht hier die Meinung vor: „Посмотрим, увидим.“ Oder, um mit einem deutschen ‚Philosophen‘ zu sprechen: Schau‘n mer mal.

k-76-ber-17 15 Minuten der Welt enthoben auf „Wolke Neun“– im Erarta Kunstprojekt U-Space

 

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Glasdach-Konstruktion im Generalstabsgebäude

Frühere Technik und heutige Begegnungen

24.10.16

ICANN (International Community Association of Nischni Nowgorod) hatte zu einer Stadtrundfahrt in das alte technische Nischni Nowgorod eingeladen, die uns auch in die ehemalige Vorstadt „Sloboda“ beim Mariä-Verkündigungs-Kloster führte. Dort zeugen Ruinen einer großen Industrieanlage von besseren Zeiten. Bei der Metro-Brücke über die Oka ragen die Silos einer Getreidemühle in die Höhe, 1876 von M. Baschkirow gegründet und heute dem Verfall preisgegeben.

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Mühle in der Vorstadt bei der Metrobrücke über die Oka

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Bröckelnder Beton. Sieht auf dem Foto zu harmlos aus!

Nicht weit davon versöhnt der heute von einer Plastikkartenfabrik genutzte ehemalige Kasaner Bahnhof das von den bröckelnden Ruinen schockierte Auge. Das Gebäude wurde von den neuen Besitzern aufwändig renoviert. Der Bahnhof, 1903 erbaut, wurde 1974 stillgelegt, als die Eisenbahnbrücke über die Oka in Betrieb genommen wurde.

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Der Kasaner Bahnhof heute bei der Metro-Brücke. Diese ist zweistöckig, über der U-Bahn verläuft eine Autostraße

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Der Kasaner Bahnhof anfangs des 20. Jh. (Foto einer Postkarte)

Einige hundert Meter weiter die Überreste eines Wasserwerkes. Eindrucksvolles Gemäuer mit Rundbögen über Türen und Fenstern zeugen von dem hohen Niveau der Industriearchitektur Ende des 19. Jhs. Mich hat gewundert, wie leicht zugänglich dieses gefährliche Gebäude ist. Es liegt zwar versteckt hinter Bäumen – wir sind kürzlich dort vorbei gewandert, ohne es zu bemerken – aber man kommt ohne weiteres hinein. Am Boden schlecht abgedeckte Öffnungen, die einen Blick tief hinunter in die Wasserspeicher erlauben, überall Mauertrümmer und Balken voller Nägel.

k-73-ber-5Im alten Wasserwerk von 1888

Die Busrundfahrt führte an einigen der Orte vorbei, an denen sich die technische Vergangenheit Nischnis erläutern lässt. Die Führung begann am Denkmal für den Flugpionier Waleri Pawlowitsch Tschkalow, der 1937 von Moskau über den Nordpol nach Portland in den USA flog. Er wurde 1904 in Wassiljowo, heute Tschkalowsk geboren, einem kleinen Ort in der Region Nischni Nowgorod, 100 km die Wolga aufwärts. Tschkalow starb 1938 als sein Flugzeug bei einem Testflug abstürzte. Über die Ursache des Absturzes gibt es laut Wikipedia Verschwörungstheorien. Ein weiterer durch ein Denkmal geehrter Flugpionier ist der 1887 in Nischni geborene Pjotr Nikolajewitsch Nesterow, der 1913 den ersten Looping der Welt flog. Er kam im Ersten Weltkrieg 1914 ums Leben, als er über der Ukraine ein österreichisches Flugzeug rammte und zusammen mit diesem abstürzte.

Die Stadtführerin schilderte in munterem Redefluss auch die Vergangenheit Nischnis als Schiffsbaustandort. Es gab hier viele Fabriken für Schiffsbau, deren Gebäude heute anders genutzt werden. Besonders stolz ist man auf die erste Straßenbahn Russlands, die 1896 in Nischni fuhr. Auf der alten Postkarte wartet ein Wagen an einer Ausweichstelle vor der Kanawinski Brücke. Schon damals war die Tram ein Werbeträger, hier für „Kakao van Houten“. Rechts oben die Alexander-Newski-Kathedrale, alle Nachbargebäude hoch überragend, die Silhouette noch nicht gestört durch Kräne oder die Baustelle des WM 2018 Stadions.

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Straßenbahn vor der Kanawinski Brücke, um 1900

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Kanawinski Brücke, Alexander-Newski-Kathedrale, Baustelle des WM-Stadions und Straßenbahn (am 23.10.2016)

In diesem Jahr wird die 25jährige Städtepartnerschaft zwischen Nischni Nowgorod und Essen begangen. Höhepunkt war ein festliches Konzert mit dem Essener Kammerchor, dem Kammerorchester „Solisten Nischni Nowgorods“ und weiteren russischen Musikern. Der Schulleiter des Gymnasiums Nr. 1 und Rose waren als Ehrengäste geladen.

k-73-ber-9Einladung zur Feier der 25jährigen Partnerschaft zwischen Essen und Nischni Nowgorod. Auf der Seite rechts oben Roses Name, unten ihr Sitzplatz, keine Unterschrift des Einladenden. Sponsoren sind die Partner des Konservatoriums, das Orchester der Region (Oblast) NN, Banken und Radio- und TV-Sender.

k-73-ber-10Auch ein sehr junger Student interessiert sich für den Essener Kammerchor und das Nischegeroder Kammerorchester

Der große Saal des Glinka-Konservatoriums war bis auf den letzten Platz gefüllt, dabei viele Studenten. Das anspruchsvolle Programm wurde begeistert aufgenommen, drei Zugaben erklatscht. Die Bürgermeister beider Städte zeichneten aktive Bürger aus, die sich für die Partnerschaft verdient gemacht haben. Eine Grußbotschaft des Gouverneurs der Region Nischni Nowgorod, Waleri Schanzew, wurde verlesen. Wir haben in den Reden erfahren, dass diese Partnerschaft 1991 die erste war, nachdem Gorki (Nischni Nowgorod) für Ausländer wieder zugänglich war. Sie ist offensichtlich viel aktiver als wir bisher annahmen. Wir hatten in den zwei Jahren unseres Hierseins davon nichts bemerkt.

Schulnotizen

Wie immer im Oktober seit 26 Jahren, so kam auch dieses Jahr eine Schülergruppe mit drei Lehrern aus Syke bei Bremen zu Besuch ins Gymnasium Nr. 1. Dieser Austausch ist sogar noch ein Jahr älter als die Städtepartnerschaft mit Essen. Er wurde 1990 von Gönna Obsen, Emilia Yermoschina, der damaligen stellvertretenden Schulleiterin des Gymnasiums Nr. 1 und ihrer Tochter Maja ins Leben gerufen, als Nischni Nowgorod noch Gorki hieß und eine geschlossene Stadt war. Bis heute sind die drei noch der Dreh und Angelpunkt jedes Syke-Austausches, obwohl Gönna und Emilia seit Jahren im Ruhestand sind. Ihre Arbeit hat tausenden von Schülern Einblicke in ein eher fremdes Land und ihnen selbst eine lebenslange Freundschaft geschenkt. Wie der Austausch zu so einem frühen Zeitpunkt möglich war? Vermutlich durch Gönnas Vater, der als FDP-Abgeordneter im Bundestag seinen Einfluss geltend machte.  

Auch dieses Jahr gab es ein umfangreiches Programm, dessen gesellschaftlichen Teil – gemütliche Abendessen und eine von den deutschen und den russischen Schülern gestaltete Abschiedsfeier – wir miterleben konnten. 

Der Auftakt zu diesem Besuch war allerdings ziemlich dramatisch: Bei der Einreise nach Russland gab es ein beinahe unlösbares Problem. Ein Schüler hatte beim Umsteigen in Amsterdam seinen Pass mit dem Visum verloren. Er durfte daraufhin den internationalen Bereich des Flughafens Scheremetjewo nicht verlassen, die Begleitlehrer wiederum mussten dies nach einer gewissen Zeit tun und durch die Passkontrolle gehen, so dass der Junge allein im „Niemandsland“ verblieb. Glücklicherweise wurde der Pass in Amsterdam gefunden, er kam mit dem nächsten Flieger in Moskau an. Sweta, eine der Begleitlehrerinnen aus Syke, die aus Sibirien stammt und für die Russisch Muttersprache ist, war die ganze Zeit mit dem Jungen, mit vielen Verantwortlichen und mit der besorgten Mutter in telefonischem Kontakt. Erleichtert, aber müde, konnte sie ihn, der die Nacht in einem Hotel im internationalen Bereich verbracht hatte, am nächsten Morgen in Empfang nehmen und mit ihm wieder zur Gruppe stoßen.  

Das Schülerprogramm war projektorientiert. Dies ist der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch geschuldet, die alle Russland-Austausche großzügig fördert, solange man nicht nur Sightseeing, sondern auch ein gemeinsames Projekt macht. So besuchten die Schüler an einem Vormittag das Kunstmuseum im Kreml. Aufgabe war, ihre subjektiven Eindrücke in Elfchen (Kurzgedichte aus elf Wörtern) festzuhalten. Hier eine Kostprobe:

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Viktor Michailowitsch Wasnezow, „Fliegender Teppich“ (1880) – Prinz Iwan mit dem Feuervogel (nach dem Märchen „Iwan Zarewitsch, der Feuervogel und der graue Wolf“)

  ELFCHEN  „Reise“ von der russischen Schülerin Arina und ihrer deutschen Partnerin Anna

 

Reisen                                                    Путешествие

wollen wir                                            хотим мы

in ein Land                                           в страну

welches wir nicht kennen                 которую мы не знаем

Freude                                                   радость

 

Freiheit                                                Свободу

haben wir                                            имеем мы

in der Höhe                                          в высоте

Reisen mit dem Feuervogel            путешествием с жарптицей

Fliegen                                                 Полёт

 

Ruhe                                                     Спокойствие

Hier oben                                            В высоте

unten die Landschaft                        Внизу лежит ландшафт

Hoffen auf die Geborgenheit          Надежда на чувство защищённости

Freundschaft                                      Дружба

 

Im Zentrum der Aktivitäten stand des Weiteren ein russisch-deutsches Tanzprojekt: Die Schüler studierten an zwei Vormittagen in einer Tanzschule Tänze ein. Bei dem anstehenden Gegenbesuch im Frühjahr 2018 werden die Tanzkünste in Deutschland durch weitere Übungsstunden ergänzt und dann am Gymnasium in Syke aufgeführt.

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 Auch am Abschiedsabend war die Gruppe kreativ. Unter Anleitung von zwei Lehrerinnen einer Kunstschule fertigten sie auf Glasplatten Sandbilder an. Dazu wird feiner Sand auf eine von unten beleuchtete Glasplatte gestreut, in den dann mit den Fingern Bilder gemalt werden können. Die Kunstfertigkeit der Lehrerin verblüffte. Мit wenigen Strichen, sparsamem Dazu-Streuen von Sand zauberte sie Stadtbilder, Bäume, Blumen und Menschen.

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Die Schüler beim „Sandmalen“

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Sandmalerei:  Abend an der Oka

  

Mit dem Jubiläum der Partnerschaft zwischen Essen und Nischni Nowgorod und dem Schüleraustausch zwischen dem Gymnasium Syke und dem hiesigen Gymnasium Nr. 1 haben wir in den letzten vierzehn Tagen zwei Ereignisse miterlebt, die zeigen, dass trotz der gespannten politischen Großwetterlage lebendige Kontakte zwischen den Menschen der beiden Länder bestehen. Unverdrossen hoffen wir auf die Früchte dieser kommunalen und privaten Aktivitäten: Verständnis füreinander, freundschaftliche Beziehungen und eine friedliche Entwicklung. Dies sind alles Forderungen und Wünsche aus den Reden der Verantwortlichen und den Gesprächen mit den Menschen.

 

Schiffsreise nach Tschuwaschien und ins Makarjew-Kloster

11.10.2016

Am Freitagabend (30.09.16) gingen wir bei kühlem, feuchtem Wetter an Bord des Wolgaschiffes „Michael Frunse“, zusammen mit unserer am Tag zuvor aus Deutschland angereisten Freundin Dorothe. Unsere Reiseziele waren Mariinskij Possad, Tscheboksary, die Hauptstadt der autonomen Republik Tschuwaschien und das Makarjew Kloster, alle an der Wolga unterhalb von Nischni Nowgorod gelegen. Die Michael Frunse kannten wir schon von unserer Fahrt zum Makarjew Kloster im Mai, damals mit anderen Freundinnen und Freunden aus Stuttgart (64. Bericht).

Über Tschuwaschien ist bei Wikipedia.org zu lesen: „Tschuwaschien gehörte zum Khanat Kasan, ehe es Mitte des 16. Jahrhunderts an Russland fiel. Im Gegensatz zu anderen Turkvölkern wurden die Tschuwaschen im 18. Jahrhundert christianisiert. Tschuwaschien war zu Zeiten der Sowjetunion eine Autonome Sozialistische Sowjetrepublik (ASSR). 1991 wurde es Republik innerhalb Russlands. Die kleine Republik zählt zu den dichtest besiedelten Republiken Russlands. Die Tschuwaschen, ein Turkvolk, bilden die Bevölkerungsmehrheit. Bedeutende Minderheiten sind die Russen, Tataren und Mordwinen; kleinere Minderheiten die Ukrainer und Mari.“

Tschuwaschisch ist eine Turksprache, es gibt eine eigene Schrift. Straßenschilder sind zweisprachig, die Theaterprogramme nur in der Sprache der Einheimischen und für uns nicht lesbar.

Am Samstagmorgen kamen wir in der kleinen Stadt Mariinskij Possad an, die bis 1856 Sundyr hieß.  Auf Wunsch der dortigen Kaufmannschaft bekam der Ort zu Ehren der deutschen Prinzessin Maria von Hessen-Darmstadt, der Ehefrau von Zar Alexander II, den heutigen Namen Mariinskij Possad. An Land empfing uns eine kleine Trachtengruppe nach altem Brauch mit „Salz und Brot“, dem Symbol für Willkommen-Sein. Von den Brotlaiben durften wir uns alle ein Stück abbrechen, das dazugehörige Salz entfiel. Daneben, auf einem kleinen fliegenden Markt verkauften Einheimische Obst, geräucherte Fische und natürlich Pilze.

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Empfang in Mariinskij Possad durch eine Trachtengruppe mit Brot

Danach wurden wir Schiffspassagiere in acht Gruppen aufgeteilt, es begann eine wohlorganisierte Führung durch den Ort. Beim Standesamt traten zwei in Trachten gekleidete Frauen auf den Balkon und priesen das Glück der Ehe, was besonders groß wäre, wenn man eine ihrer Töchter zur Frau nähme.

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Einladung zur Ehe vor dem Standesamt „Sags = Загс“

Auf dem Weg zum Denkmal von Maria Alexandrowna eine Premiere für mich: die Führerin lief rückwärts während sie ihre Erklärungen vortrug; den Blick zur Gruppe gewandt ging sie sicheren und schnellen Schrittes, sie stolperte nicht, sah sich nicht um. Erstaunlich!

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An der Wolga in Mariinskij Possad: Denkmal von Maria Alexandrowna, der aus Darmstadt stammenden Frau von Alexander II.

In einem Museum waren meist naturalistische Gemälde einheimischer Künstler ausgestellt, die, wie so oft hier, hohes handwerkliches Können, aber wenig Verfremdung zeigten. Liebenswert auch eine kurze szenische Vorführung der Namensgebung durch Maria Alexandrowna im Kulturgebäude des Ortes, dargestellt von Schauspielern in Kostümen der damaligen Zeit. In den Ansprachen fielen immer wieder die Worte „tschuwaschskij narod = das tschuwaschische Volk“, der Stolz auf das eigene Volk kam zum Ausdruck. Ein Rundgang beendete den Aufenthalt in diesem kleinen Ort an der Wolga, der an die historischen Verbindungen zwischen Russland und Deutschland erinnert.

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 Mariinskij Possad, links das Kulturhaus

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Neu und alt in Mariinskij Possad

Nach 30 Km Fahrt und dem Passieren der Schleuse des Staudamms für das tscheboksarsker Wasserkraftwerk kam die Michael Frunse nachmittags in Tscheboksary an (500000 Einwohner). Hier wieder Empfang durch eine Trachtengruppe, diesmal mit Gesang und redseliger Ansprache. Wir, „Unsere deutschen Gäste“, wurden in Deutsch begrüßt.

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Begrüßung in Tscheboksary, nach der uns die ältere Frau, die in das Mikro spricht, durch einen Spagat verblüffte

Die Stadtbesichtigung führte uns entlang des Hafens durch kleine Grünanlagen zunächst zum Heilige-Dreifaltigkeits-Männerkloster, durch ein Villenviertel zu einem 60 m hohen Denkmal der Beschützerin Tschuwaschiens und dann in die Stadt, vorbei am Dramatheater, der Fußgängerzone „Arbat“ mit Souvenirständen, zum Nationalmuseum und schließlich zum 2009 eröffneten Biermuseum. Und all das bei Sonnenschein, es war einfach vergnüglich. Die Stadt war sauber, alles machte einen gepflegten Eindruck.

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Hafen von Tscheboksary

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Blick auf den Hafen und die Stadt Tscheboksary

Diesmal bot uns die Stadtführerin ein Kontrastprogramm zu der in Mariinskij Possad: Ihre Erläuterungen erfolgten zwar teils in Prosa, teils in Versform, doch leider rannte sie gnadenlos vor uns her, ohne sich darum zu kümmern, ob wir folgen konnten. Dabei wandte sie uns meist den Rücken zu. Immerhin sprach sie in ein Mikrophon. Im Nationalmuseum für tschuwaschische Geschichte rasselte sie vor den Ausstellungsstücken ihren auswendig gelernten Text herunter. Mit dem Rücken zum Volk merkte sie nicht, dass von ihrer ermüdeten Gruppe kaum noch jemand anwesend war. Auch wir verschwanden stillschweigend auf den Arbat, um dort die Souvenirbuden anzusehen.

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Stadt im Abendlicht

Im Biermuseum eine weitere Führung durch die Geschichte des Bieres („schon die alten Ägypter…“), die wir uns schenkten, übersättigt von den vielen Eindrücken. Danach wurden von der Trachtengruppe, die uns am Schiffsbahnhof empfangen hatte, in der Gaststätte des Biermuseums mit viel Schwung und begeisternder Spielfreude tschuwaschische Hochzeitsbräuche vorgeführt. Zum Kopfschmuck gehören metallene Knöpfe, zusammen mit den Halsketten kommen einige Kilo zusammen.

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Die Zuschauer wurden an den Darbietungen beteiligt. Dabei spielte das Bier oft eine Rolle. Der aus dem Publikum geholte Bräutigam musste eine Holzschüssel leer trinken und der danebenstehenden Braut dreimal die in einer solchen Situation üblichen drei Worte zurufen: Я люблю тебя – Ich liebe dich. Oder das Paar bekam eine Kelle mit zwei miteinander fest verbundenen Schalen voller Bier und beide sollten gleichzeitig trinken, was an sich schon schwierig ist, hier aber unmöglich war, weil der Mann seine Frau um einen Kopf überragte. Zwischendurch immer wieder Gesänge und Tänze. Nach dieser vergnüglichen Stunde ging es durch den kühlen Abend zurück an Bord.

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Der kleine Mann konnte sich nicht von seiner Mutter trennen. Er störte die Vorführung nicht sehr und ließ sich selbst auch nicht stören.

Am nächsten Morgen erwachten wir vor dem Makarjew Kloster, das in strahlendem Sonnenschein vor unserer Kajüte lag. Bei der Besichtigung der drei Kirchen des Klosters erzählte die kleine Nonne lebhaft von dessen wechselvoller Geschichte. 1435 war es aus einer Einsiedelei des Mönches Makarij am kleinen Gelben See hervorgegangen. 1439 wurde das Kloster durch Chan Ulu Muhamed zerstört, Makari in Gefangenschaft genommen und die anderen Mönche erschlagen. Das Kloster geriet in Vergessenheit.

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Makarjew Kloster

Der Legende nach wurde der Mönch Abramij aus Murom 1620 im Traum von Makarij beauftragt, das Kloster am Gelben See wiederaufzubauen. Bis Anfang des 19. Jh. fand in dem Ort beim Kloster die damals größte Handelsmesse Russlands statt, die dem Kloster eine Blütezeit bescherte, die mit der Verlegung der Messe nach Nischni Nowgorod endete. Den Gelben See gibt es nicht mehr, weil die Wolga im 18. Jh. ihren Verlauf änderte und den See in sich aufnahm. In der Sowjetzeit wurde das Kloster als Kinderheim, Gefängnis, Lazarett und veterinäre Versuchsanstalt genutzt. 1992 wurde es an die orthodoxe Kirche zurückgegeben. Durch den Bau des tscheboksarsker Staudammes stieg Anfang der 80er Jahre der Wasserspiegel um fünf Meter, große Teile der dortigen Ansiedlung verschwanden. Laut Wikipedia gibt es Pläne für noch höhere Aufstauung, die nötig ist, um die volle Leistung des Wasserkraftwerkes zu erreichen, eine erneute Bedrohung für das Kloster. Die Landschaft sieht so ursprünglich aus und ist doch durch menschliche Einflüsse gestaltet worden.

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Bei dem Spaziergang durch den Ort Makarjewo fühlten wir uns wie im alten Russland: kleine farbenfrohe Holzhäuser mit geschnitzten Fensterumrandungen, ein Dorfteich, breite, nicht geteerte Straßen und Birken, die jetzt mit dem Herbstlaub gelb in der Sonne leuchteten. In dem kleinen Dorfladen kauften wir bei einer verschlossen dreinblickenden Frau Eis und etwas zu Trinken. Beim Abschied antwortete sie auf einmal freundlich lächelnd (in Russisch) „Kommen sie bald wieder“, ein illusorischer Wunsch, dem wir gern nachkämen! Auf einem Bootssteg genossen wir die Sonne und die Ruhe dieses herbstlichen Tages bis zur Abfahrt.

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Dorfstraße mit Birken in Makarjewo

Das sonnige Herbstwetter legte über die vielen Eindrücke dieser Reise einen goldenen Glanz. Von den anderen Mitreisenden fühlten wir uns freundlich aufgenommen. Bei der Begrüßung auf dem Schiff wurden wir als deutsche Gäste besonders erwähnt und, obwohl wir uns niemand vorgestellt hatten, drehten sich alle nach uns um. Verblüfft stellten wir fest, dass wir als Ausländer schon aufgefallen waren. (Wir fragen uns oft, wie und warum wir meist sofort als Nichtrussen erkannt werden).

Bei den Mahlzeiten saßen wir mit einer ukrainischen und einer russischen Frau zusammen an einem Tisch. Beide kuren regelmäßig in Marienbad und bereisen von dort aus halb Europa: Paris, Wien, Baden-Baden, München…Oft wurden wir mit ein paar Brocken Deutsch angesprochen, wenn wir an der Reling standen. Die umher tobenden Kinder riefen uns immer wieder ein schüchtern-keckes „Guten Tag“ zu. Die junge Frau hinter der Theke in der Bar erkannte uns wieder. Sie fand es bemerkenswert, dass wir auf der ersten und auf der letzten Fahrt der Michael Frunse in diesem Jahr ihre Gäste waren. Zum Abschied gab es eine Liederstunde mit einem Akkordeonspieler. Als dieser fünfzehn Minuten nach der angesetzten Zeit noch nicht da war, stand Sascha auf – mit ihm hatte ich schon Freundschaft geschlossen –, sang und tanzte vor dem inzwischen nicht mehr allzu großen Publikum und überbrückte so die Wartezeit. Dann traf der Akkordeonspieler ein und es wurden russische Volkslieder gesungen. Für uns drei Deutsche stimmte er „O du lieber Augustin“ an. Auch der Akkordeonspieler war ein alter Bekannter: Rose hatte sich auf der Fahrt im Mai schon viel mit ihm unterhalten. Kurzum: wir fühlten uns wohl an Bord.

Zu Hause angekommen vermissten wir unser russisches Handy. Mühsam rekonstruierten wir, dass wir es wahrscheinlich im Taxi vergessen hatten. Über die Taxizentrale machten wir unseren Fahrer ausfindig, der es unter dem Vordersitz fand und uns am nächsten Tag übergab. So blieb kein Schatten auf den Erinnerungen an diese kurze, aber intensive Reise – ein kleines Stück die Wolga abwärts.

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Herbst in der Siedlung Makarjewo

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Omnibushaltestelle Makarij

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Die Buchstaben des tschuwaschischen Alphabets