Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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Es bleibt interessant in Nischni Nowgorod

 

Die letzte Station unserer dreiwöchigen Russlandreise nach den Aufenthalten in Moskau und in Wladimir war Nischni Nowgorod. Siehe hierzu die Beiträge „Vier Tage in Moskau“ vom 3. Juni 2018, „Ein Russionär zwei Tage in Wladimir“ vom 7. Juni 2018 und „In Nischni Nowgorod – vor der WM“ vom 11. Juni 2018. Hier noch einige Ergänzungen.
Unsere Ankunft in Nischni Nowgorod, der Stadt, in der wir von 2014 bis 2017 gelebt hatten, brachte gleich eine Überraschung. Der Zug Lastotschka (Schwalbe), fuhr gerade in den Bahnhof ein, als der Vermieter unserer Ferienwohnung anrief. Wir könnten das gewünschte Appartement nicht bekommen, weil aus der darüberliegenden Wohnung Wasser tropfe und deren Besitzer nicht auffindbar sei. Deshalb sei das Wasser im Haus abgestellt. Es könne länger dauern bis das Problem gelöst sei. Er bot uns eine andere Wohnung an, die uns aber nicht gefiel. Da hatte meine Frau die großartige Idee, die Vermieterin der Wohnung anzurufen, in der wir die drei Jahre vorher gewohnt hatten. Und siehe da, die Wohnung war frei. „Gerne könnten wir sofort einziehen“. Das war die beste aller denkbaren Lösungen.
Die nächste Hürde, die es zu überwinden galt, war die der Registrierung im Migrationsbüro, eine Aufgabe unserer Vermieterin. Bisher erledigten dies die Hotels oder das Gymnasium, in dem meine Frau arbeitete. Jetzt erlebten wir hautnah, was die hiesige Bürokratie an Schwierigkeiten zu bieten hat. Bei dem Ausfüllen des zweiseitigen Formulars darf es keinerlei Ausbesserungen geben. Ein Buchstabe einmal übermalt führt gnadenlos dazu, dass alles neu geschrieben werden muss. Unsere Vermieterin war an zwei Tagen dort jeweils knapp zwei Stunden mit dem Ausfüllen der Papiere beschäftigt. Unser Mitleid lehnte sie ab. „Das ist noch schnell gegangen, weil ich die einzige Kundin war. Wenn viele Leute dort sind, muss man sich mit den neu geschriebenen Seiten immer am Ende der Schlange anstellen und falls man in den Dienststunden nicht mehr drankommt, am nächsten Tag wiedererscheinen. Manche brauchen dazu eine Woche.“
Nicht weit von unserer Wohnung verläuft eine Schlucht hinunter zur Oka. Den Weg an ihrem Rand gingen wir in den letzten Jahren oft, wenn wir dem Verkehr entgehen und das üppige Grün genießen wollten. Jetzt stand am Wegesrand, dort wo die Universitetskaja Ulitza über eine Fußgängerbrücke führt, ein Holzkreuz. Es ist ein Denkmal für die Opfer des Roten Terrors (1917 bis 1921), dem in Russland unzählige Menschen zum Opfer fielen. In Nischni Nowgorod wurden sie an dieser Stelle erschossen. Unser beliebter Spazierweg war vor hundert Jahren ein Ort des Schreckens, eine schockierende Vorstellung.


Aufschrift: Denkmal für die Nischegoroder, die hier an der Potschaninski Schlucht in den Jahren des Roten Terrors von den Tschekisten erschossen wurden

Unser Aufenthalt in Nischni Nowgorod vom 30. Mai bis 14. Juni 2018 wurde durch das kühle und feuchte Wetter ziemlich beeinträchtigt, da wir weder von unseren Erwartungen noch von unserer Kleidung her darauf vorbereitet waren. Morgens etwa 4 Grad, mittags maximal 12, dazu ein kalter Wind und Regenschauer, damit hatten wir nicht gerechnet. Umso mehr genossen wir die Sonnenstunden, in denen sich die Fußgängerzone Bolschaja Pokrowskaja mit Spaziergängern füllt, Musikgruppen aufspielen, die Verkaufsbuden öffnen und ein buntes Treiben einsetzt, was sich auch von den Ausbesserungs- und Verschönerungsarbeiten nicht stören lässt. Da werden Pflastersteine ausgewechselt, Informationssäulen für die WM aufgestellt, Wände gestrichen – und das alles mitten im Strom der Spaziergänger.

Fußgängerzone Pokrowka, mal ohne Regen

Nach einer langen Fotopirsch beim WM-Stadion (siehe die Fotos im vorigen Beitrag vom 11.06.18) wollte ich vom Einkaufszentrum „Siebter Himmel“ mit der Metro fahren, die neuerdings bis zum Stadion ausgebaut ist. Auf meine Frage nach dem Weg wurde mir die Richtung gewiesen und tatsächlich sah ich bald ein großes Schild „METRO“. Leider handelte es sich hier um einen Laden des Großhandels mit diesem Namen. Ein junger Mann klärte mich auf: Die U-Bahn Metro wird auf der zweiten Silbe betont, die Handelskette auf der ersten, was ich natürlich bei meiner Frage nach dem Weg nicht wusste. Als ich dann endlich – mit beginnenden Ermüdungserscheinungen – bei der auf der zweiten Silbe betonten Metró ankam, war die Station wegen Bauarbeiten geschlossen. An der nächsten Ampel fragte ich einen Mann mit Kinderwagen nach dem Weg zur einer Bushaltestelle. Er erkannte meine Sprachprobleme, sagte kurz entschlossen „dawaj, poschli“ und führte mich sogar bis zum Moskauer Bahnhof – weiter als ich eigentlich laufen wollte. Dabei musste er den Kinderwagen bei der Brücke über die sechsspurige Straße treppauf, treppab tragen. Für ihn sei das kein Umweg, er wolle sowieso spazieren gehen, antwortete er auf meine Frage, ob das nicht zu weit für ihn wäre und er zeigte auf den Kinderwagen mit seinem Enkel. Zum Abschied strahlte er über das ganze Gesicht. Nach dieser kurzen Begegnung vergaß ich meine Müdigkeit, die Bürokratie und das schlechte Wetter.


Der hilfsbereite Weglotse an einer Straßenbrücke

Von Nischni Nowgorod aus machten wir kurze Reisen nach Tschkalowsk und nach Gorochowez. Darüber folgt ein eigener Betrag.

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Tournee russischer Schüler: „Kommt wieder, aber ohne Waffen“

 

Wir waren uns sicher: die 18 russischen Schüler des Gymnasiums Nr. 1 aus Nischni Nowgorod würden ihr Theaterstück „Kommt wieder, aber ohne Waffen“ auch in Deutschland gekonnt aufführen. Jetzt am Ende der Tournee durch Süddeutschland hat es sich bestätigt: sieben Vorstellungen in acht Tagen wurden mit Bravour dargeboten.

Wir waren uns dessen sicher, weil wir die Schüler kannten und die Aufführungen in Wladimir und vier weitere in Nischni Nowgorod gesehen hatten. Allerdings wussten wir nicht, wie das Stück beim deutschen Publikum ankommen würde. Wir sind erleichtert, jetzt sagen zu können: alle Aufführungen haben einen tiefen Eindruck hinterlassen.

 Schulvorstellung in der Waldorfschule Erlangen

Besonders bemerkenswert die Reaktionen der jungen Generation bei den drei Schulaufführungen. Die Schülerinnen und Schüler der Waldorfschule in Erlangen, des Bildungszentrums Markdorf und des Zeppelin-Gymnasiums in Friedrichshafen lauschten atemlos und sichtlich beeindruckt bis zum Schluss den Darbietungen der gleichaltrigen russischen Darsteller. Viele verließen mit betroffenen Gesichtern den Saal, manche mit Tränen in den Augen.  Eine Lehrerin sagte, sie habe noch keine Schultheatervorstellung erlebt, in der die Schüler so ruhig und konzentriert zuhörten wie dieses Mal.

Langer Schlussapplaus der Oberstufenschüler im Bildungszentrum Markdorf.

Die Vorstellung in Friedrichshafen fiel auf die letzten zwei Schulstunden vor den Herbstferien. Das schienen schlechte Bedingungen zu sein. Würden die Schüler bis zuletzt aushalten? Wer erinnert sich nicht an seine Schulzeit und daran, mit welcher Ungeduld man das Klingeln vor den Ferien erwartete und wie wenig man sich in der letzten Stunde für den Lehrstoff interessierte.

Beifall im Zeppelin-Gymnasium Friedrichshafen – über den Ferienbeginn hinaus

Die Schulleitung hatte darum gebeten, pünktlich Schluss zu machen, weil ein Teil der Schüler die Schulbusse erreichen müsse. Jedoch herrschte in dem vollbesetzten Saal bis zum Schluss aufmerksame Ruhe, keiner verließ vorzeitig den Raum. Die Schulglocke hatte längst geläutet, der Beifall nahm kein Ende, vor allem als Wolfgang Morell, der mitgereiste Zeitzeuge, auf die Bühne ging. Nachdem die Fahrschüler dann doch zu ihren Bussen gegangen waren, blieben noch viele Zuschauer im Saal, um mit den Schauspielern und dem Zeitzeugen zu diskutieren, viel länger als geplant.

Das überwiegend ältere Publikum der vier öffentlichen Aufführungen beim Kolpingverein im Gemeindezentrum St. Xystus in Erlangen, im Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden-Echterdingen bei Stuttgart, in der Waldorfschule in Überlingen und im Rathaussaal in Immenstaad reagierte ebenfalls immer mit langem Beifall. Auch hier waren alle Vorstellungen sehr gut besucht, auch hier beeindruckten die schauspielerischen Leistungen. Bemerkenswert ist, dass die Vorstellungen trotz mancher technischer Unzulänglichkeiten gut aufgenommen wurden, so, wenn die eingeblendeten Übertitel mit den Übersetzungen der russischen Texte nicht lesbar waren, weil der Beamer nicht funktionierte. Oder auch wenn die russischen Schüler, die die deutschen Kriegsgefangenen darstellten und deshalb deutsch sprachen, manchmal wegen des russischen Akzents nur schwer zu verstehen waren.

Hier im Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden funktioniert der Beamer.

Bewundernswert die Leistungen der Regisseurin Marina Kotschkina. Rasch stellte sie sich auf die unterschiedlichen Räume, die Größe und Ausstattung der Bühnen ein. Die Zeit für die Vorbereitungen oder die Durchlaufprobe war oft sehr kurz. Bei einer Vorstellung musste Marina wegen Erkrankung einer Schülerin spontan mehrere Rollen umbesetzen.

Hohe Anerkennung verdienen die schauspielenden Schülerinnen und Schüler aus Nischni Nowgorod. Sie sind ja keine gelernten Schauspieler. Sieben Vorstellungen in acht Tagen, und alle spielten konzentriert und präsent bis zum letzten Wort. Vor allem die deutschen Lehrer bewunderten die jungen Russen, die ihre Texte eineinhalb Stunden lang in Deutsch, in einer für sie fremden Sprache, vortrugen – und das ohne Stocken. Eine Souffleuse gab es nicht.

Der jüngste Schauspieler, der achtjährige Maxim.

Erstaunlich auch ihre Improvisationsfähigkeit. Sie waren verständlicherweise nach der Reise, den Vorstellungen und den neuen Eindrücken müde, manche sehr müde. Einmal war der Ballettmeister hinter der Bühne eingeschlafen und verpasste seinen Auftritt. Die auf der Bühne wartenden Lemuren bei der Probe für „Faust“ stockten nur kurz, dann übernahm einer von ihnen die Tanzanweisungen. Das Publikum bemerkte nicht, dass hier etwas schiefgegangen war.

Der russische und der deutsche Offizier sind müde – vor der Vorstellung

Präsent auf der Bühne, der deutsche Offizier bei der Instruktion der Soldaten vor dem Marschbefehl an die Ostfront

Nach der Aufführung des Stückes im bis auf den letzten Platz gefüllten Pfarrzentrum St. Xystus fragte eine Zuschauerin, ob die Darstellung des Schicksals deutscher Kriegsgefangener in sowjetischen Lagern nicht doch ein wenig geschönt sei. Sie habe da anderes gehört. Viel mehr Schreckliches. Eine Frage, die so oder ähnlich oft gestellt wurde. Was soll man darauf antworten: Natürlich gab es auch die schlimmen Zustände, Entbehrung, Leid, Hunger und Tod. Im Stück selbst wird ja offen ausgesprochen, dass ein Drittel der Deutschen (über eine Million) die russische Kriegsgefangenschaft nicht überlebte, dass Schwerstarbeit zu leisten war und Hunger und Not herrschten, dass diese Zeit für viele Deutsche ein Trauma blieb. Ich fand es von Anfang an bemerkenswert, dass Marina Kotschkina, die Autorin dieses Stückes, die Schrecken und Leiden der Deutschen in den sowjetischen Lagern nicht ausgeblendet hat.

Aber es gab eben auch die andere Seite: das heimlich zugesteckte Brot, die verständnisvolle Geste, sogar Respekt, Zuneigung und Liebe, durch die viele den Lebensmut wiederfanden. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch die etwa fünfzig Berichte der ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen in dem Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen“, die dem Theaterstück zugrunde liegen.

Der Kriegsveteran Wolfgang Morell, der zusammen mit seinem Freund Claus Fritzsche die Vorlage war für den Helden Alex, begleitete die gesamte Tournee. Nach den Vorstellungen bestieg der 95jährige Zeitzeuge mühsam die Bühnen und stellte sich dann mit bewundernswerter geistiger Frische den Fragen. Er bestätigte die Berichte über die schlechten Lebensbedingungen in den Lagern, über die vielen Toten durch Hunger und Seuchen. Aber das galt nicht nur für die deutschen Gefangenen. Die russische Bevölkerung hungerte auch. Das Wachpersonal, die Ärzte und Krankenschwestern in den Lagern waren in ähnlichem Maße von Seuchen und Tod betroffen wie die Gefangenen. Er konnte keine bewusste Politik zur Vernichtung der Gefangenen feststellen, wie sie beschämenderweise im Dritten Reich gegenüber den russischen Gefangenen geübt wurde, von denen zwei Drittel (3,6 Millionen) als Folge des von Hitler ausgerufenen „Vernichtungskrieges gegen die russischen Untermenschen“ ums Leben kamen.

Im Theaterstück: 1949, Schanna und Sascha, dessen Rolle aus den Personen Wolfgang Morell und Claus Fritzsche zusammengesetzt wurde

Im Stück ist der Beginn der Beziehung Wolfgang Morells zu der russischen Frau, Schanna Worontzowa, die zwei Jahre dauerte, nur kurz dargestellt. Schüler fragten, wie diese berührende Geschichte weiterging. Während des Kalten Krieges wäre der Kontakt zu einem Westdeutschen für eine Russin gefährlich gewesen, deshalb unterblieb er.

2017: Schanna und Wolfgang Morell im wirklichen Leben

Anlässlich der Vorstellung der russischen Ausgabe des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen“ in Wladimir und der Aufführung des Theaterstückes reiste Morell nach Nischni Nowgorod. Dort traf er nach 68 Jahren Schanna wieder – ein Ereignis, das vom russischen Fernsehen mit einem Film am Schluss der Abendnachrichten gewürdigt wurde.

Zu der Aufführung in Erlangen war ein weiterer Zeitzeuge angereist: Alfons Rujner, mit fast 90 Jahren aus Berlin kommend, erkennt sein Schicksal wieder, nicht nur in dem alten Mütterchen, das ihn kurz vor dem Heimtransport in Wladimir am Ärmel zupfte und ihm zurief: „Komm wieder, aber ohne Waffen!“, sondern auch in der Indoktrinierung durch die Nazis mit ihren Zerrbildern von Sowjets, die Hörner trugen und als rote Teufel gezeichnet wurden, sowie in der Umerziehung, die er als damals siebzehnjähriger Jüngling als Befreiung vom ideologischen Ballast der Faschisten empfand.

Alfons Rujner, Wolfgang Morell, Erlangens Oberbürgermeister Florian Janik

Und so kam denn Alfons Rujner als Antifaschist aus dem Lager zurück und kann sagen: „Bis heute bin ich ein solcher geblieben, und ich möchte nie mehr sehen, wie Nazis durch das Brandenburger Tor marschieren!“ Florian Janik dankt er für dessen Engagement für die Völkerverständigung und Partnerschaft mit den Worten: „Hätte ich die Macht dazu, ich würde Dich, lieber Florian, zum Oberhaupt einer Friedensstadt ernennen!“ Erlangen als Friedensstadt. Welch eine Auszeichnung aus dem Mund eines Kriegsveteranen!

Keine Tournee ohne kleine Katastrophen. Eine ereignete sich gleich zu Beginn: Weil die Sicherheitskontrolle am Flughafen in Frankfurt sehr lange dauerte, verpassten einige den Flug nach Nürnberg. Hier entstiegen dem Flieger statt der von uns erwarteten zwanzig nur neun Gäste. Der ohnehin ausreichende Bus musste mit vielen leeren Sitzen in das Hotel Rangau in Dechsendorf fahren, das geplante Begrüßungsessen genossen nur die wenigen schon Eingetroffenen. Die in Frankfurt Zurückgebliebenen hatten zumindest das Glück, im nächsten Flugzeug Plätze zu bekommen. Wir, die Abholenden, hatten das Glück, dass Peter Steger mit dem Kleinbus des Jugendringes beim Transport aushelfen konnte. Gegen Mitternacht waren dann alle im Hotel.

Eine andere kleine Katastrophe hätte sich zumindest für den Betroffenen leicht zu einer größeren ausweiten können. Ein Schüler ließ im Intercity nach München seinen Rucksack mit Pass und Visum liegen. Gott sei Dank bemerkte er es beim Umsteigen in Nürnberg sofort. Der Zugbegleiter im ICE konnte rasch erreicht werden, dieser fand den Rucksack am angegebenen Platz und versprach, ihn in München auf die Fundstelle zu bringen. Von den hilfsbereiten Mitarbeitern wurde er gesichert und dort vom Kurierdienst „Time:Matters“ abgeholt. Nach einiger Telefoniererei konnten wir ihn am nächsten Tag wohlbehalten am Bahnhof in Lindau in Empfang nehmen. Hier haben die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Bundesbahn und des Time:Matters-Teams ein Lob verdient!

Keine Tournee ohne Nebenprogramm: Die russischen Schüler waren sehr angetan von den Stadtführungen durch deutsche russischsprechende Schüler in Erlangen vom Verein Brücken e. V., in Überlingen von der Waldorfschule und in Konstanz von einer offiziellen Stadtführerin. In Leinfelden-Echterdingen war es ein Nachmittag mit den Gastfamilien, in Friedrichshafen ein Besuch des Zeppelin-Museums. Erstaunen erregte in Konstanz ein kurzer Grenzübertritt in die Schweiz, der ohne Passkontrolle einfach so möglich war. Sehr überraschend für die jungen Russen.

Fotostop kurz vor dem Abstecher in die Schweiz

Und schließlich: Keine Tournee ohne die Hilfsbereitschaft so vieler Hände! Die liebevolle Betreuung durch den Kolpingverein in St. Xystus in Erlangen-Büchenbach und den Brücken e.V., die Übernachtungen in den Gastfamilien in Leinfelden-Echterdingen und schließlich die Unterbringung der ganzen Gruppe in den Ferienwohnungen des Obsthofes Lehle in Immenstaad, die die Schüler zu Begeisterungsrufen animierte.

Obsthof Lehle in Immenstaad

Das dortige Katholische Bildungswerk, geleitet von Frau Monika Bauer und das Team um Hubert und Carmen Lehle, Konrad und Monika Veeser, Udo und Hanne Kampmann haben entscheidend zum Wohlbefinden aller Gäste beigetragen. Die Schulleitungen, die die Räume zur Verfügung stellten, die Techniker, die sich rasch und flexibel auf unsere Wünsche einstellten, allen voran Fjodor Nevelski, der mit seiner professionellen Ausrüstung in Erlangen beide Vorstellungen bediente, die Lehrer, die ihre Schüler zum Besuch der Vorstellungen anregten und nicht zu vergessen, das Küchenpersonal und die manchmal geplagten Hausmeister („Mir ist gesagt worden, ich soll nur den Saal aufschließen!“ Weit gefehlt, was musste nicht alles an Stühlen, Tischen, Kabeln und Körben herangeschafft werden). Dann die unerwartet vielen Spenden auf das Konto des Bildungswerkes und in die Körbe an den Ausgängen, die Spenden von Sponsoren wie das Katholische Bildungswerk, der Stiftung West-Östliche Begegnungen, der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke. Zum Abschluss der Tournee konnte das Stück dank des Immenstaader Bürgermeisters, Jürgen Beisswenger, im repräsentativen Saal des Immenstaader Rathauses aufgeführt werden. Dankbar nahm die Gruppe auch Herrn Beisswengers Geschenke und seine Einladung zum Abschiedsessen in die Pizzeria Il Centro an.

Und doch: Roses Idee, aus Peter Stegers Buch mit ihren Schülern und Marina Kotschkina ein Theaterstück zu machen, hätte im Mai 2017 mit einigen Aufführungen in Russland geendet, wenn der Erlanger Oberbürgermeister im April bei der Präsentation der russischen Ausgabe des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen“ nicht so beeindruckt gewesen wäre von den zwei Szenen, die von der extra aus Nischni Nowgorod angereisten Schülergruppe aufgeführt wurden. Spontan lud er alle nach Erlangen ein. Ihm sei dafür besonders gedankt und Peter Steger für die vielen Vorbereitungen, für Rat und Tat bei der Planung und Durchführung der Reise und natürlich für die geniale Idee, das Buch zu schreiben.

Materialien zu dem Stück:

Literaturliste

  • „Komm wieder, aber ohne Waffen“, Peter Steger,2015, Stadt Erlangen/ Stadtarchiv Erlangen. ISBN: 978-3-944452-09-8. Erhältlich beim Stadtarchiv Erlangen,
  • „Возвращайся, но без оружия“, Peter Steger, auf Anfrage digital erhältlich bei Rose Ebding: roseebding@gmail.com
  • Programmheft, Rose Ebding, auf Anfrage digital erhältlich bei Rose Ebding
  • „Mit 17 Jahren hinter Stacheldraht“, Alfons Rujner, 2001, Alfons Rujner ISBN:3-8311-2584-8
  • „Das Ziel – Überleben“, Claus Fritzsche, 2000, VDM Heinz Nickel ISBN: 3-925 480-44-7
  • „Rose für Tamara“, Fritz Wittmann, 2001, Taschenbuch

Im Internet abrufbar:

  • Text des Theaterstückes: „Kommt wieder, aber ohne Waffen“,

o   https://drive.google.com/file/d/0B__G9GV0N3MdOGc3V0JQZ2ZOSVU/view

  • Trailer: „Kommt wieder, aber ohne Waffen“,

o   https://www.youtube.com/watch?v=QI8aM7RMDUw&feature=youtu.be

  • текст: „Возващайтесь, но только без оружия“,

o   https://drive.google.com/file/d/0B__G9GV0N3MdRnd5Yjhqbm5KR2s/view

  • трейлер: „Возващайтесь, но только без оружия“,

o   https://www.youtube.com/watch?v=fCnu0H4xMmg 

  • Film von NTV über die Begegnung von Wolfgang Morell und Schanna Worontzowa im April 2017 (auf Russisch)

„Wolfgang Morell und Schanna Woronzowa“ Youtube

  • Weitere Informationen finden sich in den Blogs:

–      stuttgartnishnij.wordpress.com

–      erlangenwladimir.wordpress.com

In Kürze wird auch der Mitschnitt der Aufführung in der Waldorfschule Erlangen am 23.10.2017 von Herrn Werner Schramm vom Aischtaler Filmtheater e.V. erhältlich sein.

 

Spenden für „Komm wieder – aber ohne Waffen“

Um mit Sepp Herberger zu sprechen: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Das Projekt „Komm wieder, aber ohne Waffen“ war mit unserer Aufführung am Gymnasium Nr. 1 nicht beendet. Wir hatten eine weitere Aufführung an der Linguistischen Universität, für die wir eine der Szenen auf Deutsch einstudierten. Weitere Szenen werden folgen, denn im Herbst tritt das Ensemble eine Gastspielreise nach Deutschland an! Jochen und ich werden sie empfangen und begleiten.

Alles begann mit der Einladung nach Erlangen, die Oberbürgermeister Janik nach unserer Aufführung in Wladimir spontan aussprach. Inzwischen hat diese Idee konkrete Formen angenommen: Wir werden „Komm wieder, aber ohne Waffen“ im Oktober in drei Städten aufführen: Von 21.-24. Oktober in Erlangen, wo Peter Steger, der Herausgeber des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen“ für uns Auftritte organisiert. Dort werden wir im Theater Brücken zu sehen sein und vielleicht auch im Wohnstift Rathsberg, in dem Wolfgang Morell wohnt, der zusammen mit Claus Fritzsche die Vorlage für unseren Protagonisten Alex (Sascha) war. Am 25. Oktober zeigen wir das Stück im Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden, meiner früheren Schule. Von 25.-30. Oktober sind wir in Immenstaad zu Gast, wo unsere Gastgeber Hubert Lehle und Konrad Veeser in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Bildungswerk Aufführungen im Rathaussaal in Immenstaad und voraussichtlich auch an der Waldorfschule in Überlingen und einem Gymnasium in Friedrichshafen organisieren

Nun möchten wir uns mit einer Bitte an euch wenden: Obwohl die Stadt Erlangen großzügig alle Kosten für Kost, Logis und Transfers in Erlangen übernimmt, wir in Leinfelden in Familien von Schülern des Immanuel-Kant-Gymnasiums wohnen und in Immenstaad auf dem Obsthof Lehle, fallen doch Kosten für Flug, Fahrten zwischen und in den Städten und Verpflegung in Immenstaad an, die die Eltern unserer Schüler tragen müssen, und die zwischen 450 und 500 € liegen. Dies ist für viele Familien eine große Belastung, zwei Schauspieler können definitiv nicht mitfahren. Natürlich hoffen wir auf Spenden bei unseren Aufführungen, aber das wird nicht reichen. Deshalb haben wir beim Bildungswerk Immenstaad ein Spendenkonto eingerichtet und bitten um finanzielle Unterstützung.

Katholisches Bildungswerk Immenstaad

Volksbank Überlingen

BIC: GENODE61UBE

IBAN: DE 8969061800 0075 4481 04

Falls eine Spendenbescheinigung erwünscht wird,  die Adresse angeben und den Vermerk: Spendenbescheinigung erwünscht.

Wir danken schon jetzt für eure Hilfe und laden euch ganz herzlich zu einer Theateraufführung ein!

Demonstrationen – Komm wieder, aber ohne Waffen (Teil 4)


 

Zum „Tag der Wiedervereinigung der Krim mit Russland“ versammelten sich am 18. März Honoratioren, Bürgerinnen und Bürger Nischni Nowgorods am Platz der Einheit unterhalb des Kreml zu einer Kundgebung. Die Teilnehmer aus dem „Sowjetski Rayon“ der Oberstadt zogen durch die Talstraße zum Veranstaltungsort. Ich lief oben an der Kremlmauer, nicht ahnend, dass der Abgang zum Einheitsplatz wegen Eis und Schnee gesperrt war. So sah und hörte ich das Treiben nur aus der Ferne: Musik aus Lautsprechern, Reden mit Rufen „Крым наш“ („Die Krim ist unser“) und viele Fahnen. Von einem Teilnehmer erfuhren wir, dass wichtige Amtsinhaber zu dieser Veranstaltung „eingeladen“ worden waren. Doch nach 25 Minuten war alles vorbei.

Die Oberstädter auf dem Weg zum Platz der Einheit am 18. März 2017

 

Nach einem langen Spaziergang mit Roses Kollegin Anke, einer in Perm arbeitenden deutschen Programmlehrerin, hatten wir am letzten Sonntag (26.03.17) gerade im Restaurant Pjatkin zu einer Essens- und Aufwärmungspause Platz genommen. Da sahen wir auf der Straße Roshdestwenskaja eine große Menschenmenge vorbeiziehen. Wir vermuteten gleich, dass es sich um eine der Demonstrationen handelte zu denen Nawalny aufgerufen hatte, was die Kellnerin aufgeregt mit dem Ruf „Nawalny“ bestätigte. Auf Plakaten wurde gegen Korruption protestiert, u.a.: „Die Korruption stiehlt die Zukunft“, (Коррупция ворует Будушее) und „Nischni ist in der Grube – der Oberbürgermeister in Miami“, im Russischen reimt sich Grube fast auf Miami (Нижний – в Яме, а Мэр – в Майами). „Schande, Schande“ wurde gerufen. Ein einsamer Polizist stand eng umgeben von Demonstranten und wurde beschimpft „Es hat noch nie einen Polizisten gegeben, der nicht bestechlich ist.“ Aber, soweit wir das sehen und hören konnten, blieb alles friedlich – obwohl dies nicht der genehmigte Versammlungsort war. Am eindrucksvollsten war jedoch: die Demonstranten waren überwiegend junge Menschen, viele Schüler und Studenten. Protest der Jugend – ein starkes Signal an die Regierung.

Demonstranten auf der Roshdestwenskaja gegen Korruption

Demonstranten auf der Wachtanowa Gasse, Nebenstraße zur Roshdestwenskaja

„Korruption stiehlt die Zukunft“

Nischni – in der Grube, aber der OB – in Miami

Im Blog >http://www.erlangenwladimir.wordpress.com< vom 27.03.2017 findet sich ein ausführlicher Bericht mit vielen Fotos über die ebenfalls friedlich verlaufene Demonstration in Erlangens Partnerstadt Wladimir.

 

Komm wieder – aber ohne Waffen (Teil 4)

Als Claus Fritzsche 1943, kurz nach seinem zwanzigsten Geburtstag, den Einsatzbefehl an die Ostfront bekommt, ist er außer sich vor Freude. Er ist ein romantischer junger Mann, der sich schon ordensbehängt sieht und trotz der schweren Verluste 1942/43 immer noch unerschütterlich an den Endsieg glaubt. Gleichzeitig freut er sich wirklich auf die Begegnung mit russischen Menschen und den engen Umgang mit ihnen und kauft sich sofort ein russisches Lehrbuch.

Genau eine Woche nach seinem Eintreffen an der Front wird sein Kampfflugzeug, dessen Besatzung er als Bordfunker angehört, über dem Kaspischen Meer abgeschossen. Seine Gefangennahme verläuft nicht so ‚freundschaftlich‘ wie bei Wolfgang Morell. Ihr im Meer treibendes Schlauchboot wird von einem Fischkutter gesichtet. Sie werden aufgegriffen, mit Knüppeln blutig geschlagen, ihr Major, der mit dem Ritterkreuz an Bord geht, wird zu Tode geprügelt. Später erfahren sie, dass die Ehefrauen und Kinder von einigen der Russen, die sie gefangen nahmen, in der Nacht vorher bei einem deutschen Bombenangriff ums Leben gekommen sind. Der Kommandeur, dem die Gefangenen in Astrachan übergeben werden, hat jedoch kein Verständnis für die Misshandlung. Der Kapitän des Fischkutters erhält einen KO-Haken, den Deutschen werden die Fesseln abgenommen und Zigaretten angeboten.

Claus Fritzsches Gefangenschaft beginnt in Astrachan. Da er medizinische Vorkenntnisse hat, wird er als Sanitäter eingesetzt. Er bekommt ein Wörterbuch und den Auftrag, zur besseren Verständigung mit der Ärztin, Russisch zu lernen. Mit Begeisterung stürzt er sich in das Sprachstudium und bereits auf der Fahrt nach Stalingrad, vier Monate später, kann er sich auf dem Schiff mit den russischen Mitreisenden über einfache Themen unterhalten.

In Stalingrad bekommen die Gefangenen höchstens die Hälfte der ihnen zustehenden Ration. Die russische Zivilbevölkerung hungert auch, und die Verpflegung der Rotarmisten ist fern der Front kaum besser. Claus magert bis auf 46 Kilo ab. Die Versorgung wird erst besser, als eine Kommission aus Moskau Aufbaunahrung verordnet.

Schon im ersten Kriegsgefangenenlager im Wolgadelta wird ein Politoffizier auf Claus aufmerksam und fragt ihn, ob er nicht etwas über die Ideologie seines Gegners lernen möchte. Er hadert inzwischen mit der Weltanschauung der Nazis, setzt sich mit Marx und Engels auseinander. Besonders angezogen fühlt er sich durch die Lehren des historischen und dialektischen Materialismus. In seinem ausgezeichneten Buch „Das Ziel – Überleben“ ISBN-13: 978-3925480447 („Цель – выжить), das bei Amazon antiquarisch erhältlich ist, schreibt Fritzsche:

Ich gebe zu, dass ich von Monat zu Monat gläubiger wurde, und ich fühlte mich von Gläubigen umgeben. Ich suchte nach einem neuen Glauben. Ich wollte glauben können.

Fritzsche wird Antifa-Aktivist, doch er bleibt ein kritischer Geist. Als er die Redakteure der in Moskau herausgegebenen Wochenzeitschrift „Freies Deutschland“ bittet, die Welt nicht schwarz-weiß, sondern mit Zwischentönen darzustellen, kommt er in ein Straflager.

Zhanna lernt Claus – wie Wolfgang – bei einem Konzert kennen, bei einem Wettbewerb der Kulturgruppen verschiedener Lager im Umkreis von Gorki (Nischni Nowgorod). Zhanna als Mitarbeiterin des Kulturpalastes, Claus als Dolmetscher führen durch das Programm. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Nach dem Konzert fährt Claus mit seiner Gruppe wieder in sein Lager zurück, aber die beiden können einander nicht vergessen.

Ausgerechnet Wolfgang Morell hilft ihnen, einander wiederzufinden: 1949 – Claus ist schon heimgekehrt, Wolfgang noch in Gorki – sieht Wolfgang in der DDR Zeitung „Neues Deutschland“ eine Anzeige, in der sich Claus Fritzsche als technischer Übersetzer für Russisch anbietet. Zhanna hatte Wolfgang erzählt, wie gerne sie mit Claus wiederfinden würde, Wolfgang wird zum Vermittler. Und so bekommt Claus eines Tages einen Brief aus der Sowjetunion. Ich kann mich der Versuchung nicht erwehren, den zweiten Brief des nun folgenden Briefwechsels abzudrucken: 

                                                                              Gorki, 28.9.49

Mein teurer Freund!

Du kannst Dir nicht vorstellen, welch große Freude mir Dein Brief gebracht hat. Lange habe ich darauf gewartet. Und eines schönen Tages hatte ich einen Auftritt auf der Bühne eines der Konzertsäle in Gorki und war vor dem Auftreten sehr nervös. In diesem Zustand erreichte mich ein Anruf von zu Hause mit der Nachricht, dass ein Brief aus Deutschland gekommen sei.

Ich hatte schon alle Hoffnung auf eine Antwort von Dir aufgegeben und kam zu dem Schluss, dass der Brief von Wolfgang sein müsste. Über eine Nachricht von ihm konnte ich mich auch freuen, denn er ist ein wunderbarer Mensch. Jeder der ihn kannte, hatte nur die allerbeste Meinung über ihn.

Wenn er bei Dir wäre, dann hätte ich keine Sorgen um Dich. Mit einem solchen Freund und Genossen ist es leicht und einfach, selbst auf unebenen Wegen zu gehen.

Ihr beide seid, wie mir scheint, verschiedene Menschen. Ich kenn Dich zwar nur sehr wenig, habe aber den Eindruck, dass Du Deiner Natur nach sehr kapriziös und unausgeglichen bist. Vielleicht irre ich mich, alles ist möglich.

Kolja, mich hat Deine Kenntnis der russischen Sprache in Erstaunen versetzt. Die Literatursprache zu beherrschen, ist eine große Errungenschaft. Ich habe an Deinen Fähigkeiten selbstverständlich nicht gezweifelt, aber nach diesem Brief gilt Dir mein begeisterter Applaus.

Die Tatsache, dass Du keine Langeweile hast und viel arbeitest, finde ich gut, dass Du noch nicht verheiratet bist, ist auch gut, aber ich wünschte so sehr, dass Du zu irgendwem gehörst.

Du hattest in der letzten Zeit und hast vielleicht auch noch jetzt irgendwelche gesundheitliche Unannehmlichkeiten. Worum ging es da, mein Lieber? Überhaupt, schreibe mir, wie es um Deine Gesundheit steht, den Dein ”so einigermaßen gut” gefällt mir gar nicht. Ach wenn Du nur wüsstest, wie ich mich über Deinen Brief gefreut habe, und was mit mir los war, als ich erfuhr, dass der Brief von Dir war. Ich wurde bleich und lief gleich wieder rot an und kreiselte plötzlich in einem irren Walzer durchs Zimmer – sehr zur Verwunderung meiner Mutter, die gerade ein trauriges Nocturno spielte.

Kolja, wie groß ist mein Wunsch, bei Dir zu sein. Ist es wirklich nicht möglich, zu uns zurück zu kommen? Du liebst doch meine Heimat und mein Volk. Ach, wie ich mir das wünsche.

Schreibe mir über alles, ich warte mit Ungeduld auf Deine Antwort.

Gruß  Zhanna

 

Claus ist auch verliebt, aber…. In seinem Buch „Das Ziel – Überleben“ schreibt er: „Das war die Liebeserklärung, die ich ach so gern erwidert hätte, aber – zurück in die Sowjetunion?

Unvorstellbar!  Dieses ganze Land stellte sich mir als ein riesengroßes Gefängnis dar, und dem war ich ja gerade entronnen. Außerdem, wovon hätte ich dort eine Familie ernähren sollen? Außer meinen Russischkenntnissen besaß ich ja keinerlei professionell verwertbare Berufsgrundlagen. Auch die gerade 19jährige Zhanna hatte sich wohl gänzlich ihren Gefühlen und Sehnsüchten hingegeben, ohne die realen Möglichkeiten in Betracht zu ziehen.

Es wurden noch einige Briefe geschrieben und empfangen, aber die menschenfeindlichen Realitäten dieser historischen Periode standen unseren Wünschen zu stark entgegen. Der Briefwechsel schlief ein, ohne dass ich es je aufgegeben hätte, von Zhanna zu träumen.“ (S. 288)

1958 ist Claus im Rahmen einer Geschäftsreise in Moskau. Zhanna ‚fliegt zu ihm‘, doch sie gehen schweren Herzens wieder auseinander. Beide haben inzwischen Familien, ein anderes Leben.

1989 schreibt Claus seine Erinnerungen. Er bittet Zhanna, ihm bei der russischen Fassung zu helfen. Kapitel für Kapitel trifft aus Deutschland ein. In Zhannas Familie liest man sie einander laut vor.

Als Zhanna verwitwet ist, besucht sie Claus in Moritzburg. Sie verstehen sich wunderbar, aber Zhanna kehrt zurück, in ihre Heimat, zu ihrem Sohn. 

 

Auch heute noch sind die beiden befreundet. Mit leuchtenden Augen erzählt die jetzt 87jährige Zhanna, wie ihr Kolja hilft, wo er kann. Zusammen mit seiner Nichte Almut, die auch seit Jahren mit Zhanna befreundet ist, bessert er monatlich ihre Rente auf. Er ruft regelmäßig an, jede Weihnachten kommt ein Päckchen mit Nürnberger Lebkuchen. Als ihr vor einigen Jahren die Tasche aufgeschnitten und die Rente gestohlen wurde, traf kurze Zeit später eine Geldsendung ein, die den Verlust ersetzte. „Eines ist sicher“, sagt Zhanna, „ich werde ihn immer lieben.“

Die Teile 1 bis 3 des Projektes „Komm wieder – aber ohne Waffen“ wurden am 13.02.17, 22.02.17 und 15.03.17 veröffentlicht

 

 

 

Komm wieder – aber ohne Waffen (Teil 3)

Teile 1 und 2 in den Blogs vom 13. und 22. Februar 2017

‚Am 21. Januar 1942 lagen sie zu dritt auf Horchposten im Wald. Bei minus 42 Grad hatten sie nur Tuchmäntel ohne Pelz und ungefütterte Handschuhe. Plötzlich tauchte eine Reiterpatrouille auf. Wolfgang bleibt unentdeckt, seine Kameraden werden vor seinen Augen gefangengenommen. Eine Stunde lang irrt er allein durch den Wald, dann sieht er weiße Gestalten auf sich zukommen. Wolfgang möchte um keinen Preis in russische Gefangenschaft geraten. Er entsichert seinen Karabiner, will sich erschießen, aber – vielleicht aufgrund der großen Kälte – geht der Schuss nicht los. Für die Sibiriaken ist Wolfgang wohl der erste „Fritz“, den sie zu sehen bekommen. Ohne jegliche Feindseligkeit, begleitet von den aufmunternden Worten eines älteren Rotarmisten, die wohl bedeuten mochten „Der Krieg ist für dich aus“, nehmen sie ihm das geladene und entsicherte Gewehr aus der erhobenen Hand. Die Leibesvisitation befördert u.a. eine volle Schachtel R6 Zigaretten zutage und eine Zahnbürste, die Anlass zu Gelächter gibt. Von den Rauchern erhält jeder eine Zigarette, den Rest geben sie ihm zurück. Seine armselige, absolut nicht wintertaugliche Montur löst allgemeines Mitleid aus. Einer deutet auf sie mit dem Hinweis: „Das ist Hitler!“ Stolz betastet man dann die eigene Montur: Pelzmütze, Pelzmantel, darunter Wattejacke und Wattehose, Filzstiefel und Skier: „ Und das ist Stalin!“  Auf dem Weg zum Regimentsstab bleibt Wolfgang immer wieder im tiefen Schnee stecken. Der alte Rotarmist hat Mitleid mit ihm. Er lässt ihn hinten auf seine Skier aufsteigen und schleppt ihn mit.

Dies ist die fast wörtliche Wiedergabe der Erzählung von Wolfgang Morell über seine Gefangennahme. Heute lebt er, fünfundneunzigjährig, in einem Seniorenheim in Erlangen. Er ist einer der Veteranen, die in Peter Stegers Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen“ zu Wort kommen, das die Grundlage für unser derzeitiges Schulprojekt über deutsche Kriegsgefangene in Wladimir und Gorki (heute Nischni Nowgorod) bildet. In den Weihnachtsferien besuchten wir Wolfgang. Ich machte ein fast zweistündiges Interview mit ihm, Jochen filmte.

Wolfgangs Gefangenschaft wird bis 1949 dauern und ihn in etwa 20 Lager führen. Zunächst kommt er aber mit seinen Erfrierungen in Wladimir in ein Militärkrankenhaus. 1942 gibt es noch sehr wenige Gefangenenlager und die haben keine Hospitäler. Deshalb legt man ihn zusammen mit fünfzehn anderen Deutschen in ein Krankenhaus für Rotarmisten. Sie haben Einzelbetten, weiß bezogen, mit täglicher Visite und bekommen fast die gleiche Kost wie die russischen Soldaten.

 Wolfgang Morell und Rose Ebding beim Interview am 6. Januar 2017 

Natürlich bleibt es nicht bei diesen paradiesischen Umständen. Nach seiner Genesung kommt er in ein landwirtschaftliches Lager in der udmurtischen Republik im Föderationskreis Wolga. Die Arbeit ist hart, der Hunger so groß, dass sie die Kartoffeln roh essen. Im folgenden Winter (42/43) sterben 700 von 1500 Gefangenen am wolhynischen Fieber, auch Schützengrabenfieber genannt. Die Lastwagen, die morgens das Brot ins Lager bringen, nehmen abends die Toten mit hinaus. Wolfgang ist nur noch Haut- und Knochen, aus Vitaminmangel wird er nachtblind. Aber er überlebt.

Wir machen einen großen zeitlichen Sprung, bis ins Jahr 1947. Wolfgang hat inzwischen Russisch gelernt. Er ist der Dolmetscher in einem Arbeitslager in Gorki. Ende 1946 hat man ein großes Orchester  aufgebaut.  Die Noten werden aus dem Kopf aufgeschrieben. Es gibt keine gedruckten Noten. Man führt „Die Czardasfürstin“ und die „Zirkusprinzessin“ auf. Kalman, leichte  Sachen, nicht die 9. Symphonie und man lädt dazu immer die russische Lagerleitung ein. Eines Tages kündigen die Russen an, sich mit einem russischen Konzert für die deutschen Kriegsgefangenen revanchieren zu wollen. Russische Tänze und Lieder stehen auf dem Programm. Die Moderatorin ist ein hübsches, 18jähriges Mädchen, Zhanna. Wolfgangs Aufgabe ist,  Zhannas Ansagen für die tausendköpfige Zuschauermenge ins Deutsche zu übersetzen. Dies ist der Beginn einer Freundschaft, die nicht nur bis zu Wolfgangs Heimkehr 1949 dauert. Die beiden haben bis heute Kontakt.

Zhanna ist die zweite Protagonistin in unserer szenischen Collage. Sie lebt, 88jährig, immer noch in Nishni Nowgorod und auch mit ihr habe ich ein Interview gemacht. Ihre Geschichte – und die von Claus – werde ich im nächsten Blog erzählen.

Komm wieder- aber ohne Waffen

Auf der Oberen Wolga Uferstraße (Верхне Волжская Набережная) steht neben der hellblau gestrichenen Stadtvilla der Rukawischnikows ein ockerfarbenes Haus, das 1953 kurz vor Stalins Tod fertiggestellt wurde und als Wohnhaus für verdiente Wissenschaftler, Künstler und Politiker diente.

k-84-ber-1Das ockerfarbige Wohnhaus auf der Oberen Uferstraße (Aufgenommen am 21.09.2014)

Wir waren von einer Kollegin von Rose, einer Lehrerin am Gymnasium Nr.1, in dieses Haus eingeladen worden. Sie lebt dort mit ihrer Familie im fünften Stock in einer großen Vier-Zimmer-Wohnung. Diese war ihrem Schwiegervater Nikolaj Sacharowitsch Tremasov, einem der Gründer des НИИИС (Sedakov-Forschungsinstituts für atomare Messanlagen) und dessen führender Konstrukteur, als Dienstwohnung zugewiesen worden. Er hätte sie nach seiner Pensionierung verlassen müssen, aber die Wende kam dazwischen. Die Wohnung ging in der Jelzin-Ära im Rahmen der allgemeinen Privatisierung von staatlichem Wohnungseigentum an die Familie über.

Da ist, wie zu erwarten, alles großzügig: eine große Diele, große Zimmer, Küche, Bad und WC, hohe Räume mit stuckverzierten Decken und ehrwürdige Möbel.  An den Wänden viele Bilder, oft Werke der Schwester, einer in Moskau lebenden Malerin, Andenken und Fotos aus der Schaffenszeit des Schwiegervaters und viele Bücher. Überwältigend ist die Aussicht über die Wolga auf die Stadt Bor und das weite Land, selbst bei Dunkelheit.

k-84-ber-2Abendlicher Blick auf Wolga und die gegenüberliegende Stadt Bor (05.02.17)

Das alte Haus mit seinen schlecht isolierten Wänden und die Lage der Wohnung im obersten Stockwerk hatten eine von uns nicht erwartete Konsequenz: die Wohnung lässt sich schlecht heizen und es ist das erste Mal seit wir in Russland leben, dass wir in kühlen Räumen saßen und uns gern Decken über die Schultern legen ließen.

Wer kennt „Russe blau“? Das hat nichts mit einem Russen nach erhöhtem Wodkakonsum zu tun, sondern ist der Name einer Katzenrasse, von der ein Vertreter in der Familie unserer Gastgeberin lebt. Wikipedia schildert diese Katze als mittelgroß, elegant und in allem ausbalanciert. Es handelt sich um eine Naturrasse, d. h., sie wurde nicht zu ihrem Aussehen gezüchtet, sondern trat so in der Natur auf.“ Ihr wird eine ausgeglichene, verschmuste,

k-84-ber-3Russe blau – die elegante Katze.

ruhige Art mit starker Bindung zu Menschen nachgesagt. Was wir bestätigen können: sie interessierte sehr für mich und war erst zufrieden, als sie nach dem reichhaltigen Essen auf meinem Schoß schnurren durfte.

k-84-ber-4Eingang zum Парк им. 1. Мая – wörtlich Park namens 1. Mai

Unsere Gastgeberin führte uns danach in den Park 1. Mai, der in der Nähe des Moskauer Bahnhofs in der Unterstadt liegt. Früher sei es ein stiller Park gewesen, jetzt hörte man aus den Fahrgeschäften und aus den Vergnügungspavillons laute Musik. Gegenüber steht eine mächtige Ruine, der ehemalige Lenin-Kulturpalast (Дворец культуры им. Ленина), der seit 20 Jahren dem Verfall preisgegeben ist.

k-84-ber-5Ruine des Kulturpalastes Lenin

Bei großer Kälte (-19°) liefen wir durch abendliche Straßen zu unserem nächsten Ziel: einem russischen Holzhaus aus den 1930er Jahren, das der Familie der Gastgeberin gehört. In der Nähe von großen Plattenbauten auf der Hauptstraße stehen in einer Nebenstraße eine Reihe von zweistöckigen Holzhäusern. In einem davon lebt der Bruder mit seiner Frau. Wir wurden auch hier wieder gastfreundlich empfangen und verbrachten bei russischen Leckereien und lebhaften Gesprächen einen interessanten Abend.

k-84-ber-6Wie im Märchen – und das mitten in der Stadt

Den Eheleuten gehört an der Oka am Stadtrand ein großes Terrassengelände, auf dem sie Obst und Gemüse anbauen. Stolz wurden uns Erdbeer- und Himbeer-Varenje (flüssige Marmelade), Pilze und eingelegte Salzgurken aus dem eigenen Garten angeboten. Sogar Weintrauben reifen in den warmen Sommern dort. Der gekelterte Wein wird allerdings mit Zucker nachgesüßt. Die Weinstöcke werden im Winter abgedeckt und überstehen so den Frost. Jetzt sind die beiden dabei, in Eigenbau auf dem Grundstück ihren künftigen Wohnsitz zu errichten. Wir sind zu einer Besichtigung in drei Jahren eingeladen. Dann soll das Haus fertig sein – wir würden der Einladung sehr gern folgen. Schaun mer mal.

 

Im Blog „Erlangenwladimir“ vom 8. Februar 2017 erwähnt Wladimirpeter einen Luftangriff der deutschen Luftwaffe auf Nischni Nowgorod im Zweiten Weltkrieg. Es heißt dort in der Einleitung:

„Dieser Tage veröffentlichte die Internetplattform Zebra-TV eine Aufnahme der Deutschen Luftwaffe, die 1945 in den Bestand des Nationalarchivs und der Bibliothek des Kongresses überführt wurde (s. https://is.gd/TQC9VS). Entstanden ist das überraschend scharfe Bild am 21. Juli 1942, also gerade einmal einen Monat nach dem Überfall auf die UdSSR, aus einer Höhe von 8.700 Metern, wohl beim Überflug einer Junker 88 auf dem Weg nach Gorkij, dem heutigen Nischnij Nowgorod, wo die Bomben abgeworfen wurden“.

Zum Thema deutsche Luftangriffe gibt es hier in Nischni eine merkwürdige „Stadtlegende“. die uns ein Taxifahrer im September 2016 mit voller Überzeugung erzählte. (Siehe unseren 63. Bericht). Der Hinweis im Blog Erlangenwladimir veranlasst uns zu schreiben, was wir in der Zwischenzeit darüber erfahren haben. Von 1934 bis 1937 wurde in der Nähe des hiesigen Autowerkes die Poliklinik Nr. 37 gebaut. Wie die Luftaufnahme (Google Earth) zeigt, erinnert ihr Grundriss an ein Hakenkreuz und das ist Anlass, zu der abenteuerlichen Legende. Danach hätten deutsche Architekten die Klinik absichtlich in dieser Form errichtet, um den deutschen Bombern den Weg zu der Auto- und Waffenfabrik zu weisen. Das ist absurd, wird aber offensichtlich weitererzählt und geglaubt. Auf das damalige Gorki und auf das Autowerk gab es vor allem ab Juni 1943 viele Bombenangriffe, mit denen die Waffenproduktion gestoppt werden sollte, was aber nicht gelang.

k-84-ber-7Poliklinik Nr. 37

 

 

Schulnotizen – „Komm wieder, aber ohne Waffen“

Mit meiner Kollegin Marina und den Schülerinnen und Schülern der zehnten Klasse, mache ich zurzeit ein Projekt über deutsche Kriegsgefangene in Wladimir und Gorki (heute: Nischni Novgorod) mit dem Titel „Komm wieder, aber ohne Waffen“.

Prolog – Mein Vater

Mein Vater wurde 1914 in Schramberg im Schwarzwald geboren. Eigentlich wollte er Sprachen studieren, doch weil er als einziger Sohn einer Kriegerwitwe aus dem Ersten Weltkrieg die väterliche Bäckerei übernehmen sollte, lernte er nolens volens Bäcker – als Kompromiss im französischsprachigen Genf. Ab 1940 war er Soldat, 1944 geriet er im Baltikum in sowjetische Kriegsgefangenschaft, bis 1950 war er in Lagern in Kritschew und Mogilew (Weißrussland). Mein Bruder und ich sind in den frühen 50er Jahren geboren und unsere Kindheit war geprägt durch die Geschichten unseres Vaters von der Gefangenschaft. Ich weiß es noch wie heute, wie wir jeden Sonntag auf seinem Schoß saßen und seinen Geschichten zuhörten. Diese ist eine davon:

Sie hockten im Schützengraben. Um sie herum seit Tagen Granateinschläge und Gewehrfeuer. Kameraden wurden getroffen, schrien vor Schmerz, starben „wie die Fliegen“. Alle wussten, wie hoffnungslos die Lage war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis man auch erwischt wurde – oder in Gefangenschaft kam. Dann war es soweit. Franz blickte aus seinem Schützengraben auf zu einem Rotarmisten, der das Gewehr auf ihn gerichtet hatte und ruhig sagte: „пошли“ („gehen wir“). Der Soldat hatte Schlitzaugen, war vielleicht ein Kasache. Er untersuchte Franz nicht nach Waffen. Der hatte noch seine Mauser und dachte: „In Gefangenschaft gehe ich nicht. Bei nächster Gelegenheit erschieße ich den ‚Russen‘ und dann mich.“ Als sie an einem Apfelbaum vorbeikamen, holte der Kasache einen Apfel vom Baum und gab ihn Franz. Dann pflückte er einen zweiten, den er selbst aß. Franz warf seine Mauser ins Getreidefeld und ging in Gefangenschaft, wo er fünf Jahre bleiben sollte.

Im Lager wurde er Lagerbäcker. Ein tschechischer Pfarrer brachte ihm Russisch bei: Mit Kohle schrieb er Vokabeln und Grammatikregeln auf leere Mehlsäcke. Später wurde er Lagerdolmetscher – beide Aufgaben haben ihm wohl das Leben gerettet.

Russland und die Russen haben meinen Vater sein Leben lang nicht losgelassen. Als er mit 55 einen Herzinfarkt hatte, gab er die Bäckerei auf und leitete das Fremdenverkehrsamt in Schramberg. Abends gab er Russisch- und Italienischkurse an der Volkshochschule (Italienisch hatte er neben Französisch in Genf gelernt). Nach seiner Pensionierung wurde er Reiseleiter und führte mehrere Reisen u.a. nach Russland.

Mich haben seine Geschichten auch geprägt und sie sind sicher ein Grund, warum ich russische Literaturwissenschaft studiert habe und jetzt in Nischni Nowgorod lebe. Und so sind sie die Vorgeschichte zu meinem derzeitigen Projekt, von dem ich im nächsten Bericht erzählen werde.

 

Sankt Petersburg und Nicht nur Schulnotizen zur US-Wahl

 

Der russische Nationalfeiertag am 4. November, der „Tag der Einheit des Volkes“, bescherte uns ein verlängertes Wochenende. Wir nutzten es zu einer Reise nach Sankt Petersburg, wo wir bei unseren Freunden Lena und Andrej wohnen konnten. Lena war viele Jahre Partnerin von Rose beim Schüleraustausch zwischen dem Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden-Echterdingen und dem Petersburger Klassischen Gymnasium. Es waren drei anregende, ausgefüllte Tage.

Wir haben uns möglichst abseits der Touristenströme gehalten; so waren wir nicht im Winterpalast und auch nicht in der Isaaks-Kathedrale, weil wir beide schon früher besichtigt hatten. Es gibt ja so viel zu sehen. Die historische Innenstadt mit 2300 Palästen und Schlössern ist Weltkulturerbe der UNESCO. Und ein ehemaliger Siemensianer wird an die Geschichte seiner Firma erinnert, wenn er an der Mojka entlang spaziert. Siemens errichtete schon vor 163 Jahren ein Büro in der damaligen russischen Hauptstadt.

k-76-ber-1Der bekannte blaue Schriftzug am Haus Mojka 36

Im östlichen Flügel des Generalstabsgebäudes eröffnete die Ermitage 2010 neue Museumsräume. Dort findet man unter anderem viele Bilder von Matisse und Picasso, Skulpturen von Rodin, sowie eine Abteilung mit russischer Avantgarde, darunter Werke von Kandinsky und Malewitsch. Die Innenhöfe des alten Gebäudes wurden mit Glasdächern überdacht; dadurch entstanden neue Ausstellungsräume und es gab Platz für eine imposante Treppe. Allein die Architektur lohnt einen Besuch.

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Im linken Flügel befindet sich das neue Museum für zeitgenössische Kunst

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Treppe im Innenhof: Eingang zu den Ausstellungsräumen

Wir sahen uns vor allem die Sonderausstellung von Werken des belgischen Künstlers Jan Fabre an, die in der langen Reihe der Innenhöfe untergebracht war. Die hellen Räume, von oben belichtet, sind der passende Rahmen für die manchmal sehr großen Installationen. Die Ausstellung war gut besucht, Rose wurde an der Kasse aus statistischen Gründen nach ihrer Nationalität gefragt und erfuhr dabei, dass 80% der Besucher Russen sind. Dies sieht im Winterpalast, in der alten Ermitage, anders aus, dort überwiegen die ausländischen Touristen.

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Jan Fabre „Der Karneval der toten Straßenhunde“ (2006) vor einem Gemälde von Paul de Vos aus dem 17. Jh.

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Selbstbildnis, die Oberflächen sind mit Reißzwecken belegt. Dem Künstler sollte keiner zu nahekommen!

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Schlossplatz St. Petersburg am 5. November 2016 – nicht 1896

Das Museum „Erarta“ für zeitgenössische Kunst wurde ebenfalls 2010 eröffnet. Hier sind Gemälde und Installationen russischer Künstler zu sehen. Sie stammen teils noch aus Sowjetzeiten und konnten bis zur Perestroika nur heimlich gezeigt werden. Wir bekamen überraschende Einblicke in die neuere russische Kunst und können den Besuch des auf der Wassili-Insel und damit etwas abseits der Touristenströme gelegenen Museums sehr empfehlen.

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13 Plätze laden zum Abendmahl

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Aufklärender Ausschnitt

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Sofort zu erkennen: Das letzte Abendmahl nach Leonardo Da Vinci (von Pawel Grischin)

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Sawely Lapitzki: Pritsche (Нары) 1986

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Im Erarta wird Kunst nicht nur ausgestellt, sie findet sich im Museumsrestaurant auch auf den Tellern: ein kubistisches Dessert – zu bewundern und zu schmecken.

Wir waren auch im alternativ ausgerichteten „Loft Projekt Etage“ (Лофт Проект Этажи). In einem alten Lagerhaus sind auf fünf Stockwerken über enge Treppen Ausstellungsräume mit Gemälden und Fotos, Cafés und basarähnliche Läden zu erreichen. Vieles machte einen unfertigen Eindruck und wir verließen diese Stätte mit zwiespältigen Meinungen. Interessant war eine Tafel, auf der man den Satz „Solange ich lebe, möchte ich …“ ergänzen konnte. Das wurde viel genutzt. Neben Wünschen nach Gesundheit, Wohlergehen und Frieden in der Welt hatte jemand geschrieben: „Solange ich lebe, möchte ich ….eine Morgendämmerung in Deutschland erleben“.

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Solange ich lebe, möchte ich …

In der „Sankt Petersburg Oper“ sahen wir eine rasante Aufführung von Jaques Offenbachs Operette „Die schöne Helena“. Die Sankt Petersburg Oper ist im Haus des deutsch-stämmigen Barons von Derviz untergebracht, der das Anwesen 1880 erwarb und zu einer intimen, üppig ausgestatteten Musikstätte ausbaute, die überraschenderweise trotz der Nutzung als Club-Haus während der Sowjetzeit intakt blieb. Seit dem 27. Mai 2003, dem 300. Geburtstag von Sankt Petersburg, wird hier wieder Theater gespielt und musiziert.

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Bühne im Haus des Barons von Derviz

Anlässlich des russischen Nationalfeiertages gab das Marine-Blasorchester „Peter der Große“ ein Konzert im Weißen Saal der Polytechnischen Universität, die – wie in Petersburg kaum anders zu erwarten – ebenfalls den Namen „Peter der Große“ trägt. Lena führte uns gern dahin, denn in den repräsentativen Gebäuden dieser ehrwürdigen Institution hatte sie ihr Studium als Schiffsbau-Ingenieur absolviert. (In Russland sind auch Frauen Ingenieur, Arzt, Lehrer. Die Berufsbezeichnung wird nicht verweiblicht.)

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Treppenhaus in der Polytechnischen Universität

Der Dirigent sagte die Musikstücke an und verwies dabei mit Stolz auf die Vergangenheit des Orchesters des schon 1715 von Peter dem Großen in der neuen Hauptstadt gegründeten Marinekorps. Das Programm bot u.a. Stücke von Rimski-Korsakow, Rachmaninow, Rodrigo. Vertreten war auch Johann Strauß (Sohn) mit seiner Polka „Vergnügungszug“. Strauß lebte elf Sommer in Pawlowsk, einer Residenzstadt der Zaren 30 km von Petersburg entfernt, und wurde dort sehr gefeiert. Zwischen den beiden Orten fuhr die erste Eisenbahn Russlands. Gegen Schluss gab es eine Fantasie über das Lied „We are the Champions“ der Gruppe Queen. Und als Zugabe „Прощание Славянки“ (Abschied der Slawin), neben der Nationalhymne der bekannteste Marsch in Russland. Er ertönt in der Regel auch, wenn ein Kreuzfahrtschiff ablegt. Das Publikum hielt es nicht auf den Sitzen, im Takt der Musik wurde kräftig mitgeklatscht. Ein stürmisches Ende eines ungewöhnlichen Konzertes.

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Das Marine-Orchester Peter der Große

Die Schlussveranstaltung des VIII. Internationalen Jugend-Wettbewerbs auf russischen Volksmusik-Instrumenten in der Glinka-Kapelle (Государственная академическая капелла Ст. Петербург) zeigte uns wieder einmal das hohe Niveau der hiesigen Musikausbildung. Neben der Siegerehrung der (geschätzt) achtzig Gewinner gaben einige der Kinder/Jugendlichen auf Akkordeon, Bajan, Balalaika, Gusli und Domra Proben ihres Könnens. Alles höchst erstaunlich. Gespielt wurden meist musikalisch anspruchsvolle Stücke, ganz anders als man bei uns erwartet, wenn man das Wort Volksmusik hört. Die Teilnehmer kamen aus allen Regionen Russlands, auch aus der Ukraine, Weißrussland und dem Baltikum.

Vieles wäre noch zu berichten, vom Festival des Lichts am Isaaks-Platz, vom neuen 300 Meter langen Gang unter der kleinen Newa der vom Petrograder Rayon zur Wassiljew-Insel führt. Es waren ausgefüllte, erlebnisreiche Tage, gewürzt von der sprichwörtlichen Gastfreundschaft unserer Freunde.

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In der U-Bahn ein Plakat zum 4. November: Wir in Einheit für den Frieden.

Nicht nur Schulnotizen 

Während der Arbeit an diesem Blog waren unsere Gedanken immer wieder ganz woanders: bei der Wahl in den USA. In unserem Bekanntenkreis haben wir dazu einige Meinungen gehört, was erstaunlich ist, denn viele Russen interessieren sich kaum für Politik und reden wenig darüber.  

Meine Schülerinnen der 9a waren überrascht, dass Hillary Clinton die Wahl verlor, hätten doch sogar Popstars wie Beyonce, Madonna und Bruce Springsteen auf Instagram für sie geworben. Sie verstanden auch nicht, dass Trump keine Ausländer mehr ins Land lassen wolle, das ganze Land bestehe doch im Wesentlichen aus Einwanderern. Und auch, dass Trump Obama-Care abschaffen will, fanden sie schlecht. Die Schüler der Parallelklasse hingegen hätten ihn gewählt. Warum? Weil er nicht so gegen Russland ist wie Hillary. Aus dem gleichen Grund sagten meine 11er: Trump sei schlecht für Amerika, aber gut für Russland. 

Die Kolleginnen hielten sich mit ihrer Meinung zurück, weil sie den Medien skeptisch gegenüberstehen, erwarten aber von Trump eher eine Verständigung mit Russland. Von Jubelstimmung war jedoch nichts zu spüren. Schirinowski, dessen Reaktion in den deutschen Medien viel Beachtung fand, sei genauso ein Schreihals wie Trump und keineswegs repräsentativ für Russland.  

In den TV-Nachrichten (RU 1) wurde sachlich und ausführlich berichtet, viele Einblendungen waren von CNN übernommen. In einer Diskussion im Radiosender Komsomolskaja Prawda vertrat ein Sprecher die Meinung, Trump sei ein Geschäftsmann, mit ihm müsse man hart verhandeln, aber dies sei mit ihm vielleicht eher möglich als mit Hillary Clinton, die wie ein Roboter immer wieder die gleichen anti-russischen Phrasen wiederhole.  

Alles in allem kann man sagen, dass die meisten unserer Gesprächspartner eine typisch russische, ruhige, unhysterische, Haltung einnehmen. Nach der anfänglichen Überraschung herrscht hier die Meinung vor: „Посмотрим, увидим.“ Oder, um mit einem deutschen ‚Philosophen‘ zu sprechen: Schau‘n mer mal.

k-76-ber-17 15 Minuten der Welt enthoben auf „Wolke Neun“– im Erarta Kunstprojekt U-Space

 

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Glasdach-Konstruktion im Generalstabsgebäude