Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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Altgläubige

Wie das Leben so spielt! Da melde ich mich im Februar bei CREF, dem Center für Russisch, Englisch und Französisch, zu einem russischen Sprachkurs an, eigentlich wenig sinnvoll für die letzten fünf Monate unseres Russlandaufenthaltes und siehe da, nicht nur verbessert der Kurs wie erwartet mein Russisch (etwas), er hat auch einen unerwarteten Nebeneffekt. Eine der Russischlehrerinnen stellt sich als hochinteressante Frau heraus. Sie hat im Fach Altrussisch promoviert und ist Russischlehrerin für Ausländer an der hiesigen medizinischen Universität. In der SU-Zeit wurde sie wegen ihres jüdischen Aussehens diskriminiert, sie erwarb deshalb ihr Wissen im Abendstudium. Wie sie selbst sagt, hat sie eher Zigeunerblut in den Adern. Ihr Vater wurde eineinhalb Jahre nach dem Tod des Großvaters geboren (ihre Worte), weder er noch ihre Mutter haben zur Klärung dieses Rätsels beigetragen.

Zum Abschied lud sie uns in ihr kleines „Literaturmuseum“ ein, wie sie es nannte. Der Eingang liegt in einem Hof, der, so warnte sie uns, „dreckig, aber ungefährlich ist“. Durch eine der hier üblichen Stahltüren und über ein kahles Betontreppenhaus kamen wir in das Museum, das sich als eine Schatzkammer entpuppte. Hier lagen in einer Vitrine uralte Bücher aus der Zeit vor der orthodoxen Kirchenspaltung von 1667 und Manuskripte, Ergebnisse der Kunstfertigkeiten der Altgläubigen.

Eingang zum kleinen „Literaturmuseum“

Die Altgläubigen lehnten die Reformen der Texte und Riten der russisch-orthodoxen Gottesdienste durch den Patriarchen Nikon ab.  Sie wurden deshalb auf einer Synode 1666/67 mit dem Kirchenbann belegt und bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts blutig verfolgt. Erst 1905 erhielten sie die Bürgerrechte. Den Verfolgungen entzogen sie sich durch Flucht in die Wälder Russlands, auch in die Umgebung von Nischni Nowgorod. So geht die Matrjoschka-Fabrik in Semjonow (80 km von Nischni entfernt) auf geflüchtete Altgläubige zurück, die das Schnitzer-Handwerk mitbrachten.

Für die Altgläubigen ist die strikte Einhaltung der überlieferten Formen eine wesentliche Bedingung für den rechten Glauben. Als Beispiel wird oft das Kreuzzeichen genannt: Richtig ist „Zwei Finger gerade, drei gekrümmt“ und nicht wie bei Nikon „Drei Finger gerade und zwei gekrümmt“. Prozessionen müssen sich im Uhrzeigersinn (mit dem Sonnenlauf) und nicht andersherum bewegen. Der Name Christi lautet Iсусь (Isus) statt Iисусь (Jisus), wie bei Nikon. Unterschiede gibt auch in den heiligen Texten. Im Glaubensbekenntnis: „…an den Heiligen Geist, den wahren Herren“ gegenüber „…an den Heiligen Geist, den Herren“. Für uns ist das nicht zu verstehen, aber (Zitat nach Wikipedia): „Zur Erhaltung eines Mikroklimas, in dem der Mensch seine Seele retten kann, sei nicht nur das Befolgen der Gebote Christi erforderlich, sondern auch eine sorgfältige Bewahrung der kirchlichen Überlieferung, die geistige Kräfte und spirituelle Erfahrung vieler Jahrhunderten in sich trägt, deren Formen zwar äußerlich, aber nicht willkürlich seien“.

Deshalb weigerten sich die Altgläubigen die nach der Kirchenspaltung von den Orthodoxen gedruckten Bücher zu lesen, weil sie Abweichungen von den ursprünglichen Texten befürchteten, durch die die neuen Bücher unheilig würden. Deshalb nutzten sie nur die alten Bücher weiter und retteten sie so in unsere Tage.

Gedrucktes Buch (vor 1667) mit Leseanweisungen am Rand. Es überstand einen Brand – dank des schweren Ledereinbandes und der Eisenschnallen, die es fest verschlossen.

 

Ebenso eindrucksvoll waren die von Hand geschriebenen Bücher mit ihren Buchmalereien, Gebetbücher, die Leidensgeschichte oder Ordensregeln, aber auch Briefe und theologische Abhandlungen. Einen Eindruck geben eine handgeschriebene Ordensregel oder eine Seite eines Gesangbuches mit altrussischen Neumen, noten-ähnlichen Zeichen.

Ordensregel, Handschrift aus dem 16. Jh. Über dem Buch liegt eine Lestowka (Лестовка), der lederne Rosenkranz der Altgläubigen

Handschrift, Altrussische Neumen Ende 19./Anfang 20. Jh.

 

Eine bewegende Geschichte hat ein im Museum ausgestellter Schuh aus Birkenrinde. Er stammt von der sechsköpfigen Familie Lykow (Лыков), die 1936 in die sibirischen Taiga geflohen war, um der staatlichen Verfolgung zu entgehen. Sie gelangte an den Abakan und zog sich, wenn sie entdeckt wurde, immer weiter zum Oberlauf dieses Flusses zurück, bis man sie schließlich vergaß. Sie lebte dort völlig isoliert, 250 km von der nächsten menschlichen Siedlung entfernt, bis 1978 ein Team von Geologen zufällig auf sie stieß. 1978 war 7486 Jahre nach Erschaffung der Welt, die die Altgläubigen auf das Jahr 5508 vor Christus datieren. Die Familie bestand damals aus dem Vater, zwei Söhnen und zwei Töchtern, die Mutter war schon 1961 gestorben, wahrscheinlich verhungert. Die jüngste Tochter Agafja lebt bis heute allein in der Einsamkeit. Die Vorfahren der Lykows stammen aus der Gegend von Nischni Nowgorod, sie lebten in den Wäldern am Kerschenez, einem kleinen Nebenfluss der Wolga.

Birkenrinden-Schuh der Familie Lykow

 

Wikipedia nennt zwei Bücher über diese Familie:

  • Wassili Peskow: Die Vergessenen der Taiga: die unglaubliche Geschichte einer sibirischen Familie jenseits der Zivilisation. Goldmann, München 1996, ISBN 3-442-12637-1.
  • Jens Mühling: Mein russisches Abenteuer. Auf der Suche nach der wahren russischen Seele. Dumont Buchverlag, Köln 2012, ISBN 978-3-8321-9589-2.

Das sind alles sehr spannende Geschichten, vor allem wenn man unverhofft handfest damit in Berührung kommt. Der Titel von Jens Mühlings Reisebeschreibung spricht uns aus der Seele: „Mein russisches Abenteuer“. Unser russisches Abenteuer ist noch nicht ganz zu Ende, aber das Ende rückt immer näher.

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