Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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Mit der Transsib nach Nowosibirsk

Wir sind zurück von unserer großen Reise nach Kamtschatka, das neun Zeitzonen östlich von Nischni Nowgorod liegt. Um die Zeitumstellung besser zu verkraften und etwas von Sibirien zu sehen, fuhren wir mit der Transsib bis nach Nowosibirsk. Von dort flogen wir nach Petropawlowsk-Kamtschatka. In Jekaterinburg und in Omsk unterbrachen wir die Zugfahrten für kurze Aufenthalte.

Nach 21 Stunden Fahrt mit der Transsib ab Nischni Nowgorod erreichten wir morgens um 3.22 Uhr (Ortszeit) Jekaterinburg, das 40 km östlich des Ural liegt, der imaginären Grenze zwischen Europa und Asien. Die Stadt wurde 1723 von Peter I. gegründet, um Industrie zur Ausnutzung der Erz- und Edelstein-Vorkommen anzusiedeln. Daher finden sich dort heute noch viele Wohnhäuser und Fabrikbauten aus dem 18. und 19.Jh., die zusammen mit konstruktivistischen Gebäuden aus den 20er und 30er Jahren ein charakteristisches Stadtbild ergeben. Bis 1991 hieß Jekaterinburg Swerdlowsk. Es war wegen der Waffenindustrie eine geschlossene Stadt.

Alter Fabrikbau in Jekaterinburg

Jugendstil-Holzhaus

Schmiedeeiserenes Geländer am Städtischen Teich, im Hintergrund die „Kathedrale auf dem Blut“

Am 17. Juli 1918 wurde im Haus des Kaufmanns Ipatjew der letzte russische Zar Nikolaus II. zusammen mit seiner Frau, vier Töchtern und dem Kronprinzen sowie vier Bediensteten von den Bolschewiken erschossen. Die Toten transportierte man an den Stadtrand, begoss sie in der Grube Ganina Jama mit Schwefelsäure und verbrannte sie. Die Leichen wurden in einem Massengrab beerdigt, der Boden wurde befestigt, in dem man LKWs darüberfahren ließ. So hoffte man, jegliche Spuren der Zarenfamilie und die Erinnerung an sie ausgelöscht zu haben. Das misslang gründlich.

1977 ließ Boris Jelzin, damals Parteichef des Oblasts Jekaterinburg auf Anordnung des Politbüros, das Ipatjew-Haus in einer Nacht unangekündigt abreißen, um zu verhindern, dass hier eine Erinnerungsstätte an den Zaren entsteht. Bemerkenswert: Nach 60 Jahren kommunistischer Diktatur und Propaganda, also nach zwei Generationen, sieht man sich veranlasst, dieses Haus in einer Nacht- und Nebelaktion zu beseitigen. 1979 gab es von privater Seite heimliche Grabungen im Wald, bei denen Skelettteile und Stoffreste gefunden wurden. Die Menschen wussten also, wo sie graben müssen, um etwas zu finden. Und sie hatten den Mut, dieses damals höchst illegale Werk zu unternehmen. Die Erinnerung an den Zaren war nicht verschwunden.

1991, nach dem Ende der Sowjetunion, wurden zunächst neun Skelette ausgegraben und genanalytisch eindeutig den Ermordeten zugeordnet. Zwei fehlten: der Kronprinz Alexej und seine Schwester Maria, was zu Spekulationen Anlass gab, sie hätten das Massaker überlebt. Aber später wurden an einer anderen Stelle Knochen der beiden fehlenden Opfer gefunden und ihre Zugehörigkeit zur Zarenfamilie 2007 gentechnisch bestätigt. Damit ist auch die Frau als Lügnerin entlarvt, die seit 1920 behauptet hatte, dem Mord entkommen und die Zarentochter Anastasia zu sein.

„Kathedrale auf dem Blut“

Heute steht an der Stelle des Ipatjew-Hauses die mächtige „Kathedrale auf dem Blut“, die sich zu einem Wallfahrtsort für Zaren-Anhänger und orthodoxe Gläubige entwickelt hat. In der Nähe der Grube, in der man die Leichen verbrannte, wurde ein Kloster mit sieben Kirchen errichtet, eine für jedes Mitglied der Zarenfamilie. Diese wurde 2000 von der orthodoxen Kirche heiliggesprochen, zusammen mit tausend Geistlichen, die in der Sowjetunion ihres Glaubens wegen verfolgt und getötet worden waren. Am 17. Juli, dem Tag der Ermordung, pilgern jedes Jahr Zehntausende die 24 km von der „Kathedrale auf dem Blut“ zu dem Kloster bei Janina Jamal.

Da die Kathedrale gerade renoviert wurde, konnten wir nur die Unterkirche besichtigen, in der sich Mauerreste des Ipatjew-Hauses befinden. Dort war gerade Gottesdienst. Ein Laie sang eine lange Litanei. Er wurde abgelöst durch einen Popen, dessen Bass-Stimme uns fast erschaudern ließ: wohltönend und voll und eindringlich. Wir dachten anfangs, er sänge mit Mikrofon. Unglaublich.

Eine Gedenkstätte ganz anderer Art ist das 2015 in Anwesenheit von Putin eröffnete „Boris Jelzin Präsidenten Zentrum“, ein moderner Bau aus Glas und Beton. Es enthält das Boris-Jelzin-Museum, das der zeitgenössischen Geschichte Russlands gewidmet ist. In sieben Abteilungen, genannt „Tage, die Russland veränderten“ sind die Präsidentschaft Jelzins und seine Epoche dargestellt. Leider war es, wie die meisten Museen auf der Welt, montags geschlossen. Gern hätten wir gesehen, was zur Übergangszeit von der Sowjetunion zu Russland gezeigt wird, und was zu den Putschversuchen 1991 und 1993 oder zum wilden Kapitalismus Ende der 90er Jahre, die von den meisten Russen als sehr schmerzhaft erlebt wurden.

Boris Jelzin Präsidenten Zentrum

Doch wir konnten das Gebäude besichtigen, in dem ein Konferenz- und Bildungszentrum, eine Bibliothek und Büros von Ämtern und Firmen untergebracht sind. Gleich am Eingang steht Jelzins Karosse aus seiner Zeit als Parteichef von Swerdlowsk. In den Vorräumen zum Museum wurden einige Exponate zu Jelzin gezeigt, in einer Art Vorschau: Jelzin in allen denkbaren Rollen, als Familienvater, als Ehemann, als Sportler, als Jäger, als Zeitungsleser und natürlich als Politiker in seinen vielen Funktionen. Dies lässt erahnen, welch Personenkult in der Ausstellung zu erwarten ist.

Vorraum zum Jelzin Museum: Jelzin als Jäger, als Großvater, als Ehemann

Blick aus dem 52. Stockwerk des Wyssotzki-Turmes auf die Stadt mit dem Städtischen Teich

Jekaterinburg ist eine moderne Stadt mit vielen Hochhäusern. Im Café Vertikal im 52. Stock des Wyssotzki Turmes genossen wir gutes Essen und einen weiten Blick über die Stadt, über die Wälder bis hin zu den Ausläufern des Ural. Unser Hotel Senator lag 15 Minuten vom Stadtzentrum entfernt, gut geführt mit modern eingerichteten Zimmern. Angetan von dieser freundlichen Stadt stiegen wir abends in die Transsib zur Fahrt nach Omsk, weitere 14 Stunden Fahrt, (drei Zeitzonen von Nischni entfernt).

Omsk entwickelte sich aus einer 1716 auf Erlass Peters des Großen gegründeten Festung an der Mündung des Om in den Irtysch. Von hier aus begannen Expeditionen auf der Suche nach Gold und Pelzen. Im 19. Jh. war Omsk ein Verbannungsort. Dostojewski verbrachte hier vier Jahre in einem Arbeitslager. Die unsäglichen Bedingungen beschrieb er in seinem Roman „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus.“

Die Stadt empfing uns am Vormittag mit großer Hitze. Wir erreichten das Hotel Nika gegen 10 Uhr. Es lag etwas außerhalb in einem Park am Irtysch und stellte sich als ein Sanatorium heraus. Erfreulicherweise konnten wir unser Zimmer gleich beziehen (obwohl wir vier Stunden zu früh da waren) und noch ein Frühstück bekommen (obwohl das Buffet gerade abgeräumt worden war).

Als wir am Nachmittag mit dem Bus in die Stadt fuhren, löste Roses Frage nach einer Haltestelle im Stadtzentrum eine Diskussion unter den Fahrgästen darüber aus, wo das Zentrum zu finden sei. Schließlich wurden wir gefragt, was wir denn sehen und wo wir hinwollten. Rose sagte: „Irgendwo ins Zentrum, wo es schön ist“. Da rief ein junger Mann: „Hier ist es nirgends schön!“. Das stellte sich dann doch als etwas übertrieben heraus. Auf der Leninstrasse, fanden wir ansehnliche Bauten aus dem 19. Jh., in den Parkanlagen am Om die Stadttore und Kasernen der Festung.

Die Hitze und die etwas unruhige Nacht im Zug machten uns zu schaffen und wir suchten Schatten und Kühle im Wrubel-Museum. Wrubel gilt als der berühmteste Vertreter des russischen Jugendstils.

Im Wrubel-Museum in Omsk. Im kleinen Kasten rechts unten ist das Gemälde „Uferstraße einer östlichen Stadt“ von Iwan Aiwasowski (1852) für Blinde ertastbar reliefartig wiedergegeben.

Außer Gemälden von Wrubel und anderer russischer Maler gab es eine Sonderausstellung, die uns als bemerkenswert empfohlen wurde. Das war sie wirklich!  Anatoli I Konenko (geboren 1954) bezeichnet sich selbst als Mikro-Miniatur-Künstler. Er schafft kleinste Kunstwerke. Ein Reiskorn beschriftet er mit einem Spruch, ein Stecknadelkopf großer Knubbel entpuppt sich unter dem Mikroskop als Rosenblüte und besonders überraschend: In einem Nadelöhr nicht etwa nur das berühmte biblische Kamel, was da schwer durchgehen soll, sondern eine ganze Karawane von Kamelen und noch zwei Palmen! Die Nadel war etwa 5 cm lang, ohne Mikroskop war im Öhr kaum etwas zu sehen. Faszinierend!

Die Karawane im Nadelöhr

Im Park am Om kamen wir gerade rechtzeitig zur Abfahrt eines Schiffes, das uns eine Stunde lang auf dem Irtysch gemütlich hin und her fuhr. Der Irtysch entspringt in China und mündet in den Ob. Abends aßen wir im Restaurant Senkewitsch an der Irtysch Uferpromenade, genossen die Abendkühle und gutes Essen.

Am Strand des Irtysch in Omsk – anders als man sich Sibirien vorstellt!

Am nächsten Morgen trieb uns die Hitze wieder in ein Museum, diesmal ins Heimatmuseum. Dort wurden wir zunächst durch Abteilungen über die Geschichte der Stadt, Lebensweise, Handwerk und Kunst der Stadt geschleust. Eindrucksvoll das Skelett eines Mammuts.

Doch eine Überraschung war die Sonderausstellung „500 Jahre Reformation“, die in einem großen Saal in vielen Vitrinen Lutherbibeln, Gesang- und Gebetbücher in Deutsch zeigte. Über das Leben und Wirken Luthers und anderer Reformatoren informierten Tafeln. Es folgte ein Überblick über die Geschichte der von deutschen Einwanderern gegründeten protestantischen Gemeinden in Omsk und Umgebung bis hin zu den Verfolgungen in der Stalinzeit. Die Museumswärterin in diesem Raum war Mormonin, die von ihrer Reise nach Utah schwärmte.

Omsk hatte sich uns von einer freundlichen Seite gezeigt. Wir waren hilfsbereiten aufgeschlossenen Menschen begegnet. Sehr auffällig auch eine Beobachtung: Omsk als Stadt der blauen Augen. Blaue Augen sind ein Kennzeichen vieler Sibirjaken, aber hier sahen wir sie in allen denkbaren Variationen von tiefblau bis wässrig-durchsichtig.

Kurz nach Mitternacht stiegen wir wieder in die Transsib und fuhren nach Nowosibirsk, das wir nach neun Stunden gegen zehn Uhr Ortszeit erreichten. (Vier Stunden Zeitunterschied zu Nischni). Hier war es noch heißer als am Vortag in Omsk. Nowosibirsk wurde erst 1894 gegründet. Die kaum 25 Jahre bis zur Oktoberrevolution reichten nicht aus, der Stadt ein architektonisches Gepräge zu geben. Es folgten bald die sowjetischen Riesenbauten für Verwaltung und Kultur und die großen Plattenbauten. Die Stadt wirkte unorganisch und planlos auf uns.

Der Bahnhof von Nowosibirsk

Stadtbild in Nowosibirsk.

Das Opernhaus von Nowosibirsk am Leninplatz fasst 1800 Plätze, es wurde 1944 fertiggestellt. In dem großen Park davor lief ein Floristen-Wettbewerb mit fantasievollen Objekten aus Weidenrutengeflechten und vor dem monumentalen Lenindenkmal demonstrierte gerade eine Nawalny nahestehende Bürgerinitiative gegen Putin.

Am Opernhaus werden angekündigt: Romeo und Julia, Carmen und Spartak

Putin! Es reicht, Diebe auf unsere Kosten zu mästen. Geh und nimm Edinaja Rossia mit. Putin! Ändere die Regierung und den wirtschaftlichen Kurs oder geh.

Demonstranten vor dem Lenin-Denkmal

Gegen Mitternacht starteten wir zusammen mit Roses Kollegin Anke zum sechsstündigen Flug nach Petropawlowsk-Kamtschatka.

Erster Blick auf Kamtschatka: Vulkane, Schnee

 

Nachtrag zu unseren Fahrten mit den Transsib-Zügen:

Auf den Fahrten mit der Transsib machten wir unerwartete Erfahrungen. Wir hatten für die ersten zwei Züge ganze Abteile (Coupes) für uns gebucht, also vier Plätze, d.h. vier Betten. Der erste Zug ab Nischni war ein „фирменный поезд“, ein Privatzug. Hier bekamen wir Begrüßungspakete mit Wasser und Gebäck und Mittagessen, und zwar vier Portionen, denn vier Mal gebucht ist vier Mal gebucht! Im Speisewagen wurden Spezialitäten wie Rentiersteak oder Bärenbraten angeboten.

Im einfacheren zweiten Zug ab Jekaterinburg gab es dann leider keinen Speisewagen, auch wurde kein Essen angeboten, aber wir erhielten vier Bettbezüge. Bei den Zwischenhalten auf den einfachen, nicht überdachten Bahnhöfen konnte man aus einem reichen Angebot an Obst und Lebensmitteln auswählen. Es gab Seife, Zahnbürsten, Cremes, einfache Kleidung und auch der übliche Souvenirschrutz fehlte nicht.

Eine halbe Stunde Aufenthalt in Balesino (Балезино)

Unser großer Koffer – mit 78 cm wenig ein wenig zu lang – passte in beiden Zügen nicht in die Ablage unter den Sitzen. Das war kein Problem, weil wir ihn auf einem Sitz ablegen konnten. Schwierig wäre es geworden, wenn wir das Abteil nicht für uns allein gehabt hätten.

Im platzkartnyj Wagon

Für die letzte Fahrt ab Omsk hatten wir kein Abteil, sondern zwei Plätze in einem „platzkartnyj Wagon“ gebucht. Dort gibt es Sechs-Personen-„Abteile“. Das sind keine Abteile im eigentlichen Sinne, da sie zum Gang hin offen sind. Vier Liegen, jeweils zwei übereinander, wie im normalen Abteil quer zum Gang, sowie zwei Liegen übereinander auf der anderen Seite des Ganges in Längsrichtung. Wir hatten die Gangplätze gewählt, weil man da den anderen nicht so auf die Pelle rückt. Nachteilig ist, dass diese Plätze wegen der häufig Vorbeilaufenden unruhiger sind als die in den „Abteilen“ und dass die Pritschen – wie uns schien – schmaler sind. Das ist für eine kurze Nacht mal erträglich, bei Fahrten über mehrere Tage wäre das weniger vergnüglich. Irgendwie ungewöhnlich war es für uns, nachts in einen vollbesetzten Wagon mit schlafenden Menschen zu steigen und dann seine Betten zu machen, was beim unteren Bett am Gang heißt, den Tisch und die Sitze umzuklappen. Unser sehr schwerer Koffer musste aus Sicherheitsgründen in die Ablage über dem oberen Bett gehievt werden, was uns in der Nacht mit Hilfe einer jungen Frau auch gelang.

 

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Spenden für „Komm wieder – aber ohne Waffen“

Um mit Sepp Herberger zu sprechen: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Das Projekt „Komm wieder, aber ohne Waffen“ war mit unserer Aufführung am Gymnasium Nr. 1 nicht beendet. Wir hatten eine weitere Aufführung an der Linguistischen Universität, für die wir eine der Szenen auf Deutsch einstudierten. Weitere Szenen werden folgen, denn im Herbst tritt das Ensemble eine Gastspielreise nach Deutschland an! Jochen und ich werden sie empfangen und begleiten.

Alles begann mit der Einladung nach Erlangen, die Oberbürgermeister Janik nach unserer Aufführung in Wladimir spontan aussprach. Inzwischen hat diese Idee konkrete Formen angenommen: Wir werden „Komm wieder, aber ohne Waffen“ im Oktober in drei Städten aufführen: Von 21.-24. Oktober in Erlangen, wo Peter Steger, der Herausgeber des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen“ für uns Auftritte organisiert. Dort werden wir im Theater Brücken zu sehen sein und vielleicht auch im Wohnstift Rathsberg, in dem Wolfgang Morell wohnt, der zusammen mit Claus Fritzsche die Vorlage für unseren Protagonisten Alex (Sascha) war. Am 25. Oktober zeigen wir das Stück im Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden, meiner früheren Schule. Von 25.-30. Oktober sind wir in Immenstaad zu Gast, wo unsere Gastgeber Hubert Lehle und Konrad Veeser in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Bildungswerk Aufführungen im Rathaussaal in Immenstaad und voraussichtlich auch an der Waldorfschule in Überlingen und einem Gymnasium in Friedrichshafen organisieren

Nun möchten wir uns mit einer Bitte an euch wenden: Obwohl die Stadt Erlangen großzügig alle Kosten für Kost, Logis und Transfers in Erlangen übernimmt, wir in Leinfelden in Familien von Schülern des Immanuel-Kant-Gymnasiums wohnen und in Immenstaad auf dem Obsthof Lehle, fallen doch Kosten für Flug, Fahrten zwischen und in den Städten und Verpflegung in Immenstaad an, die die Eltern unserer Schüler tragen müssen, und die zwischen 450 und 500 € liegen. Dies ist für viele Familien eine große Belastung, zwei Schauspieler können definitiv nicht mitfahren. Natürlich hoffen wir auf Spenden bei unseren Aufführungen, aber das wird nicht reichen. Deshalb haben wir beim Bildungswerk Immenstaad ein Spendenkonto eingerichtet und bitten um finanzielle Unterstützung.

Katholisches Bildungswerk Immenstaad

Volksbank Überlingen

BIC: GENODE61UBE

IBAN: DE 8969061800 0075 4481 04

Falls eine Spendenbescheinigung erwünscht wird,  die Adresse angeben und den Vermerk: Spendenbescheinigung erwünscht.

Wir danken schon jetzt für eure Hilfe und laden euch ganz herzlich zu einer Theateraufführung ein!

Altgläubige

Wie das Leben so spielt! Da melde ich mich im Februar bei CREF, dem Center für Russisch, Englisch und Französisch, zu einem russischen Sprachkurs an, eigentlich wenig sinnvoll für die letzten fünf Monate unseres Russlandaufenthaltes und siehe da, nicht nur verbessert der Kurs wie erwartet mein Russisch (etwas), er hat auch einen unerwarteten Nebeneffekt. Eine der Russischlehrerinnen stellt sich als hochinteressante Frau heraus. Sie hat im Fach Altrussisch promoviert und ist Russischlehrerin für Ausländer an der hiesigen medizinischen Universität. In der SU-Zeit wurde sie wegen ihres jüdischen Aussehens diskriminiert, sie erwarb deshalb ihr Wissen im Abendstudium. Wie sie selbst sagt, hat sie eher Zigeunerblut in den Adern. Ihr Vater wurde eineinhalb Jahre nach dem Tod des Großvaters geboren (ihre Worte), weder er noch ihre Mutter haben zur Klärung dieses Rätsels beigetragen.

Zum Abschied lud sie uns in ihr kleines „Literaturmuseum“ ein, wie sie es nannte. Der Eingang liegt in einem Hof, der, so warnte sie uns, „dreckig, aber ungefährlich ist“. Durch eine der hier üblichen Stahltüren und über ein kahles Betontreppenhaus kamen wir in das Museum, das sich als eine Schatzkammer entpuppte. Hier lagen in einer Vitrine uralte Bücher aus der Zeit vor der orthodoxen Kirchenspaltung von 1667 und Manuskripte, Ergebnisse der Kunstfertigkeiten der Altgläubigen.

Eingang zum kleinen „Literaturmuseum“

Die Altgläubigen lehnten die Reformen der Texte und Riten der russisch-orthodoxen Gottesdienste durch den Patriarchen Nikon ab.  Sie wurden deshalb auf einer Synode 1666/67 mit dem Kirchenbann belegt und bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts blutig verfolgt. Erst 1905 erhielten sie die Bürgerrechte. Den Verfolgungen entzogen sie sich durch Flucht in die Wälder Russlands, auch in die Umgebung von Nischni Nowgorod. So geht die Matrjoschka-Fabrik in Semjonow (80 km von Nischni entfernt) auf geflüchtete Altgläubige zurück, die das Schnitzer-Handwerk mitbrachten.

Für die Altgläubigen ist die strikte Einhaltung der überlieferten Formen eine wesentliche Bedingung für den rechten Glauben. Als Beispiel wird oft das Kreuzzeichen genannt: Richtig ist „Zwei Finger gerade, drei gekrümmt“ und nicht wie bei Nikon „Drei Finger gerade und zwei gekrümmt“. Prozessionen müssen sich im Uhrzeigersinn (mit dem Sonnenlauf) und nicht andersherum bewegen. Der Name Christi lautet Iсусь (Isus) statt Iисусь (Jisus), wie bei Nikon. Unterschiede gibt auch in den heiligen Texten. Im Glaubensbekenntnis: „…an den Heiligen Geist, den wahren Herren“ gegenüber „…an den Heiligen Geist, den Herren“. Für uns ist das nicht zu verstehen, aber (Zitat nach Wikipedia): „Zur Erhaltung eines Mikroklimas, in dem der Mensch seine Seele retten kann, sei nicht nur das Befolgen der Gebote Christi erforderlich, sondern auch eine sorgfältige Bewahrung der kirchlichen Überlieferung, die geistige Kräfte und spirituelle Erfahrung vieler Jahrhunderten in sich trägt, deren Formen zwar äußerlich, aber nicht willkürlich seien“.

Deshalb weigerten sich die Altgläubigen die nach der Kirchenspaltung von den Orthodoxen gedruckten Bücher zu lesen, weil sie Abweichungen von den ursprünglichen Texten befürchteten, durch die die neuen Bücher unheilig würden. Deshalb nutzten sie nur die alten Bücher weiter und retteten sie so in unsere Tage.

Gedrucktes Buch (vor 1667) mit Leseanweisungen am Rand. Es überstand einen Brand – dank des schweren Ledereinbandes und der Eisenschnallen, die es fest verschlossen.

 

Ebenso eindrucksvoll waren die von Hand geschriebenen Bücher mit ihren Buchmalereien, Gebetbücher, die Leidensgeschichte oder Ordensregeln, aber auch Briefe und theologische Abhandlungen. Einen Eindruck geben eine handgeschriebene Ordensregel oder eine Seite eines Gesangbuches mit altrussischen Neumen, noten-ähnlichen Zeichen.

Ordensregel, Handschrift aus dem 16. Jh. Über dem Buch liegt eine Lestowka (Лестовка), der lederne Rosenkranz der Altgläubigen

Handschrift, Altrussische Neumen Ende 19./Anfang 20. Jh.

 

Eine bewegende Geschichte hat ein im Museum ausgestellter Schuh aus Birkenrinde. Er stammt von der sechsköpfigen Familie Lykow (Лыков), die 1936 in die sibirischen Taiga geflohen war, um der staatlichen Verfolgung zu entgehen. Sie gelangte an den Abakan und zog sich, wenn sie entdeckt wurde, immer weiter zum Oberlauf dieses Flusses zurück, bis man sie schließlich vergaß. Sie lebte dort völlig isoliert, 250 km von der nächsten menschlichen Siedlung entfernt, bis 1978 ein Team von Geologen zufällig auf sie stieß. 1978 war 7486 Jahre nach Erschaffung der Welt, die die Altgläubigen auf das Jahr 5508 vor Christus datieren. Die Familie bestand damals aus dem Vater, zwei Söhnen und zwei Töchtern, die Mutter war schon 1961 gestorben, wahrscheinlich verhungert. Die jüngste Tochter Agafja lebt bis heute allein in der Einsamkeit. Die Vorfahren der Lykows stammen aus der Gegend von Nischni Nowgorod, sie lebten in den Wäldern am Kerschenez, einem kleinen Nebenfluss der Wolga.

Birkenrinden-Schuh der Familie Lykow

 

Wikipedia nennt zwei Bücher über diese Familie:

  • Wassili Peskow: Die Vergessenen der Taiga: die unglaubliche Geschichte einer sibirischen Familie jenseits der Zivilisation. Goldmann, München 1996, ISBN 3-442-12637-1.
  • Jens Mühling: Mein russisches Abenteuer. Auf der Suche nach der wahren russischen Seele. Dumont Buchverlag, Köln 2012, ISBN 978-3-8321-9589-2.

Das sind alles sehr spannende Geschichten, vor allem wenn man unverhofft handfest damit in Berührung kommt. Der Titel von Jens Mühlings Reisebeschreibung spricht uns aus der Seele: „Mein russisches Abenteuer“. Unser russisches Abenteuer ist noch nicht ganz zu Ende, aber das Ende rückt immer näher.

Komm wieder – aber ohne Waffen (Teil 3)

Teile 1 und 2 in den Blogs vom 13. und 22. Februar 2017

‚Am 21. Januar 1942 lagen sie zu dritt auf Horchposten im Wald. Bei minus 42 Grad hatten sie nur Tuchmäntel ohne Pelz und ungefütterte Handschuhe. Plötzlich tauchte eine Reiterpatrouille auf. Wolfgang bleibt unentdeckt, seine Kameraden werden vor seinen Augen gefangengenommen. Eine Stunde lang irrt er allein durch den Wald, dann sieht er weiße Gestalten auf sich zukommen. Wolfgang möchte um keinen Preis in russische Gefangenschaft geraten. Er entsichert seinen Karabiner, will sich erschießen, aber – vielleicht aufgrund der großen Kälte – geht der Schuss nicht los. Für die Sibiriaken ist Wolfgang wohl der erste „Fritz“, den sie zu sehen bekommen. Ohne jegliche Feindseligkeit, begleitet von den aufmunternden Worten eines älteren Rotarmisten, die wohl bedeuten mochten „Der Krieg ist für dich aus“, nehmen sie ihm das geladene und entsicherte Gewehr aus der erhobenen Hand. Die Leibesvisitation befördert u.a. eine volle Schachtel R6 Zigaretten zutage und eine Zahnbürste, die Anlass zu Gelächter gibt. Von den Rauchern erhält jeder eine Zigarette, den Rest geben sie ihm zurück. Seine armselige, absolut nicht wintertaugliche Montur löst allgemeines Mitleid aus. Einer deutet auf sie mit dem Hinweis: „Das ist Hitler!“ Stolz betastet man dann die eigene Montur: Pelzmütze, Pelzmantel, darunter Wattejacke und Wattehose, Filzstiefel und Skier: „ Und das ist Stalin!“  Auf dem Weg zum Regimentsstab bleibt Wolfgang immer wieder im tiefen Schnee stecken. Der alte Rotarmist hat Mitleid mit ihm. Er lässt ihn hinten auf seine Skier aufsteigen und schleppt ihn mit.

Dies ist die fast wörtliche Wiedergabe der Erzählung von Wolfgang Morell über seine Gefangennahme. Heute lebt er, fünfundneunzigjährig, in einem Seniorenheim in Erlangen. Er ist einer der Veteranen, die in Peter Stegers Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen“ zu Wort kommen, das die Grundlage für unser derzeitiges Schulprojekt über deutsche Kriegsgefangene in Wladimir und Gorki (heute Nischni Nowgorod) bildet. In den Weihnachtsferien besuchten wir Wolfgang. Ich machte ein fast zweistündiges Interview mit ihm, Jochen filmte.

Wolfgangs Gefangenschaft wird bis 1949 dauern und ihn in etwa 20 Lager führen. Zunächst kommt er aber mit seinen Erfrierungen in Wladimir in ein Militärkrankenhaus. 1942 gibt es noch sehr wenige Gefangenenlager und die haben keine Hospitäler. Deshalb legt man ihn zusammen mit fünfzehn anderen Deutschen in ein Krankenhaus für Rotarmisten. Sie haben Einzelbetten, weiß bezogen, mit täglicher Visite und bekommen fast die gleiche Kost wie die russischen Soldaten.

 Wolfgang Morell und Rose Ebding beim Interview am 6. Januar 2017 

Natürlich bleibt es nicht bei diesen paradiesischen Umständen. Nach seiner Genesung kommt er in ein landwirtschaftliches Lager in der udmurtischen Republik im Föderationskreis Wolga. Die Arbeit ist hart, der Hunger so groß, dass sie die Kartoffeln roh essen. Im folgenden Winter (42/43) sterben 700 von 1500 Gefangenen am wolhynischen Fieber, auch Schützengrabenfieber genannt. Die Lastwagen, die morgens das Brot ins Lager bringen, nehmen abends die Toten mit hinaus. Wolfgang ist nur noch Haut- und Knochen, aus Vitaminmangel wird er nachtblind. Aber er überlebt.

Wir machen einen großen zeitlichen Sprung, bis ins Jahr 1947. Wolfgang hat inzwischen Russisch gelernt. Er ist der Dolmetscher in einem Arbeitslager in Gorki. Ende 1946 hat man ein großes Orchester  aufgebaut.  Die Noten werden aus dem Kopf aufgeschrieben. Es gibt keine gedruckten Noten. Man führt „Die Czardasfürstin“ und die „Zirkusprinzessin“ auf. Kalman, leichte  Sachen, nicht die 9. Symphonie und man lädt dazu immer die russische Lagerleitung ein. Eines Tages kündigen die Russen an, sich mit einem russischen Konzert für die deutschen Kriegsgefangenen revanchieren zu wollen. Russische Tänze und Lieder stehen auf dem Programm. Die Moderatorin ist ein hübsches, 18jähriges Mädchen, Zhanna. Wolfgangs Aufgabe ist,  Zhannas Ansagen für die tausendköpfige Zuschauermenge ins Deutsche zu übersetzen. Dies ist der Beginn einer Freundschaft, die nicht nur bis zu Wolfgangs Heimkehr 1949 dauert. Die beiden haben bis heute Kontakt.

Zhanna ist die zweite Protagonistin in unserer szenischen Collage. Sie lebt, 88jährig, immer noch in Nishni Nowgorod und auch mit ihr habe ich ein Interview gemacht. Ihre Geschichte – und die von Claus – werde ich im nächsten Blog erzählen.

Ein feines Theater in Nischni Nowgorod

 

Auf der Ulitza Warwarskaja, nicht weit vom Nischegoroder „World Trade Center“, steht ein großes Jugendstil-Backsteingebäude, das 1905 von Wohltätern errichtetet wurde, „um mittellose Einwohner mit Arbeit, Obdach und Lebensmitteln zu versorgen“, wie es in dem Büchlein „Spaziergänge durch Nischni Nowgorod“ von Jewgenij Strelkow heißt. Das Haus nennt sich „Дом Трудолюбия имени Рукавишниковых“ (Rukawischnikow-Haus des Fleißes). Es wird heute vielseitig für Kunst, Fotoateliers, Internetfirmen und Büros von Zeitungen und Versicherungen genutzt. Dort ist auch das Zentrum der Theaterkunst (Центр Театрального Мастерства).

Eingang zum Haus Trudoljubija auf der Ul. Warwarskaja

Der Kauf von Eintrittskarten für eine Vorstellung war ein landeskundliches Erlebnis. Der üppige Jugendstileingang führte in ein breites Treppenhaus – drinnen suchten wir vergebens nach einem Hinweis auf das Theater. Die Concierge wies uns über eine unbeleuchtete Treppe den Weg in die zweite Etage. Dort verlegte ein Handwerker am Treppenabsatz gerade Estrich. Mit einer Schnur war ein schmaler Durchgang gekennzeichnet, der in einen langen Flur mit vielen Türen führte. An den Wänden Bilder, Plakate und handgeschriebene Zettel, auf einer kleinen Bank saßen zwei Studentinnen, die sich angeregt unterhielten, eine junge Frau beschrieb eine schwarze Tafel.

Am Ende des Ganges eine offene Tür zu einem kleinen Theaterraum, in dem gerade die Beleuchtung für die abendliche Vorstellung eingestellt wurde. Auf Roses Frage nach Eintrittskarten wurden wir in einen Raum gegenüber gewiesen. Stärker als der Flur vermittelte der Raum einen Eindruck, der am besten mit „kreatives Chaos“ beschrieben werden kann. Gestapelte Stühle, ein Schach-Tischchen, Kabelgewirr, Kleider, Bücher, Blumen, ein kleiner Weihnachtsbaum. Jede horizontale Fläche war belegt mit Kram aller Art, mit Tellern und Töpfchen, Blumen, da standen eine Kaffeemaschine, Tassen, eine Teekanne. Der Schreibtisch voller Papiere und neben dem Computer ein Bügeleisen. Wie man sich das bunte Theaterleben halt so vorstellt.

Rose beim Kartenkauf

Erstaunlich war: hier waren wir richtig, hier gab es die Eintrittskarten und noch erstaunlicher, die meisten Vorstellungen waren bereits ausverkauft. Dieses versteckte kleine Theater ist ein Geheimtipp für Liebhaber und gut besucht. Und da die Liebhaber wissen, wo es die Eintrittskarten gibt, lassen sie sich von unbeleuchteten Treppen und von sich ausbreitenden Handwerkern nicht stören. Karten gibt es natürlich auch an den Verkaufsstellen in der Stadt, dort sind sie aber schnell ausverkauft. Und am allererstaunlichsten: Die Aufführung des Stückes „Die arme Braut“ von Ostrowski war sensationell, Rose berichtet:

Eine arme Witwe hat eine heiratsfähige Tochter, für die sie einen guten Bräutigam sucht, der sie auch ohne Mitgift nimmt. Er wird gefunden, die Tochter jedoch liebt einen andern. Die Geschichte endet tödlich. 

Dieser durchaus abgedroschene Stoff wurde vom 4. Kurs des Theater-Zuges des Konservatoriums mit so viel Elan aufgeführt, dass man für zweieinhalb Stunden die Welt draußen vergaß. Ein ‚Musiktheaterstück‘, im Charakter von Minimalmusik, in dem immer wieder die gleichen Melodien auftauchten und verschwanden, Träume und ihre Zerstörung symbolisierten. Man setzte sich ans Klavier, wo mit lauter Dramatik der aufgewühlten Seele Ausdruck verliehen wurde, bevor der Mensch und die Musik zusammenbrachen. Verfremdung, ja, aber immer im Dienst der Klärung. Durchwegs junge Schauspieler, die aber auch überzeugend ältere Menschen, Mütter, zwei Kupplerinnen darstellten. Es gab Dynamik und Melancholie, Tempo und langsame Passagen – alles, was das Leben zu bieten hat. 

Inzwischen haben wir herausgefunden, dass das Zentrum der Theaterkunst ein unabhängiges Privattheater ist, das im September 2016 von zwei Nischegoroder Schauspielern eröffnet wurde, mit dem Ziel, professionellen Kammertheatern eine Aufführungsstätte zu bieten. Workshops, Liederabende, zeitgenössische Musik, Poetry-Slams, eine Schauspielschule für Heranwachsende und eine für Erwachsene – dies sind nur einige der geplanten und teilweise schon realisierten Projekte. Alles, von der Freilegung der Ziegelwand bis zum Dielenboden wurde von privaten Mäzenen finanziert.

Am Ende: Leere und Chaos

Das junge Ensemble beim Schlussapplaus

 

 

 

 

Das Buch: Komm wieder – aber ohne Waffen

In den Sommerferien stieß ich in Erlangen auf das Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen! – Erinnerungen an Krieg und Gefangenschaft in Wladimirer Lagern – 70 Jahre Frieden“, das 2015 von Peter Steger, dem Partnerschaftsbeauftragten der Stadt Erlangen, herausgegeben wurde. 2002 wurde dieser durch den Bundespräsidenten mit dem „Ersten Preis für bürgerschaftliches Engagement in Russland“ ausgezeichnet, 2010 erhielt er die Ehrenbürgerschaft der Stadt Wladimir, eine ungewöhnliche Ehrung für einen Deutschen.

Peter Steger sammelte von 2009 bis 2015 Berichte von ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen aus Lagern in der Stadt und der Region Wladimir. Viele Veteranen besuchte und interviewte er, zeichnete ihre Erinnerungen auf und veröffentlichte sie in dem bewegenden Buch. Er schreibt in seinem Vorwort: „Die Leser erhalten hier …. ein wahrheitsgemäßes und bezeugtes Bild der Lebensbedingungen in den Wladimirer Lagern, vor allem jedoch ein beeindruckendes Panorama der Menschlichkeit in Zeiten von Krieg und Zerstörung“.

 k-85-ber-6Herausgeber: Peter Steger, Bürgermeister- und Presseamt der Stadt Erlangen (2015) 340 Seiten;  ISBN 978-3-944452-09-8

In einem einführenden Kapitel beschreibt der Historiker Vitalij Gurinowitsch, der in der Zeit der Abfassung dieses Buches im historischen Museum in Wladimir arbeitete, das System und die Geschichte der Gefangenenlager aus russischer Sicht. Er schreibt:

 „Der Sieg wurde der Sowjetunion nicht geschenkt…. Es war eine Zeit voll der Widersprüche. Patriotismus und Furcht vor Repressionen, Armut, Hunger und Arbeitseinsatz bis zur Selbstaufgabe, Grausamkeit und Barmherzigkeit – alles vermischte sich in jener Epoche.“ Zu den Grausamkeiten gehört z.B. wie im Winter 1943 die Gefangenen nach der Schlacht um Stalingrad in Wladimir ankamen: „Hunderte von den 2.500 Männern waren in den Güterwaggons erfroren… Die Waggons hatten keine Öffnungen für die Exkremente und die Gefangenen erhielten unterwegs kaum etwas zu essen.“ (S. 13)

Andererseits berichtet Gurinowitsch von Ärzten und Krankenschwestern, die die Kranken bis zur Selbstaufgabe pflegten. Bei der Behandlung von Fleckfieber erkrankten mehr als 80 Krankenschwestern und Ärzte selbst an der Krankheit, sechs davon verstarben. Das Sonderhospital für Kriegsgefangene gehörte formell nicht zum Lagersystem. In der Stadt Wladimir mit ihren damals 66.000 Einwohnern gab es 18 Krankenhäuser, in denen während der Kriegsjahre 260.000 Verwundete behandelt wurden.

In den Erinnerungen der Veteranen ist viel von Hunger, Erfrierungen und anderen Krankheiten, Fleckfieber und anderen Epidemien, die Rede. Auffallend ist jedoch, dass allen Berichten zum Ausdruck kommt, dass die Gefangenen fair und mit Respekt behandelt wurden. Sie arbeiteten hart im Torfabbau, in der Ziegelei, im Traktorenwerk, Seite an Seite mit den wenigen jugendlichen und alten Männern, die nicht eingezogen worden waren und mit russischen Frauen, deren Männer gefallen oder als Zwangsarbeiter in Deutschland waren. Ihre Arbeit wurde mit den Kosten für ihre Verpflegung verrechnet, die mit 400 Rubel pro Monat veranschlagt wurde. Verdienten sie mehr als 400 Rubel, wurde ihnen das ausbezahlt. Ernährt wurden sie – wenn möglich – nach den Vorgaben des Roten Kreuzes, nach den Missernten von 1947 und 1948 teilten sie den Hunger mit der einheimischen Bevölkerung.

„Die Gefangenen versuchten, ein wenig Farbe in ihr Leben zu bringen und die Lagerleitung half ihnen gerne dabei. So gut wie in jeder Lagerabteilung gründete man ein Orchester. Die Musiker des Hauptlagers gaben sogar Konzerte in den Außenlagern und in der Philharmonie vor Wladimirer Publikum. Ein Offizier der Zentralabteilung erzählte mir, wie 1947 die Gefangenen ihr verdientes Geld zusammenlegten und ihn darum baten, dafür Musikinstrumente für das Orchester zu kaufen. Er erhielt vom Lagerleiter dazu die Genehmigung, fuhr nach Moskau in einen Musikalienladen und kaufte dort alles, was auf der Liste stand.“ (Gurinowitsch, S. 19)

Die Aufzeichnungen, in denen immer wieder von Mitleid und Barmherzigkeit gesprochen wird, erinnerten mich in vielem an die Erzählungen meines Vaters, von denen im Prolog die Rede war (Bericht 84). Dies ist der Nährboden für unser deutsch-russisches Schulprojekt, über das ich in den kommenden Berichten schreiben werde. Wir wollen zeigen, dass Menschlichkeit stärker ist als Hass, selbst in Zeiten des Krieges.

Sprachprüfungen – Puschkin Museum in Nischni Nowgorod

Kürzlich sind wir von einem in Deutschland lebenden Deutschen gefragt worden, ob wir ihm Informationen über die Einwanderung nach Russland schicken könnten, weil er eventuell hierher immigrieren möchte. Er war durch unseren Blog „stuttgartnishnij.wordpress.com“ auf uns aufmerksam geworden. Wir konnten dem Mann nicht helfen, nur eines haben wir ihm spontan geantwortet: Ohne gute Sprachkenntnisse ist es nicht möglich, hier Fuß zu fassen. Als Tourist oder für kurze Aufenthalte kann man sich mit Deutsch oder Englisch durchschlagen, aber selbst da sind mindestens Grundkenntnisse des Russischen insbesondere der kyrillischen Schrift sehr, sehr nützlich – wie ich täglich am eignen Leibe erfahre.

Seit 2014 müssen „Arbeitsimmigranten“ bei der Einwanderung russische Sprachkenntnisse nachweisen und dann zuerst nach drei, später alle fünf Jahre eine Prüfung ablegen, wenn sie ihre Aufenthaltsgenehmigung verlängern. Siegie hat gerade eine solche Sprachprüfung hinter sich. Er lebt seit zehn Jahren hier, ist mit einer Russin verheiratet und arbeitet als Übersetzer und Dolmetscher, natürlich ordnungsgemäß angemeldet. Dennoch: er musste antreten. Die Prüfung sei keineswegs läppisch gewesen, sie dauerte dreieinhalb Stunden. In einem ausführlichen schriftlichen Teil waren Fragen zu grammatikalischen, geschichtlichen und rechtlichen Themen zu beantworten. Dann musste eine Bewerbung als Klempner geschrieben werden. Die anschließende mündliche Prüfung sei eine nette Unterhaltung mit netten Menschen gewesen. Das Ganze kostet 5000 Rubel, wobei nochmal 3500 Rubel für die Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung hinzukommen.

Siegie hat empört auf seine Erfahrungen bei dieser Prüfung reagiert, ich zitiere ihn weitgehend. „Mit mir gemeinsam wurden drei Auswanderer aus der Ukraine, ein Usbeke russischer Abstammung und zwei Frauen aus Weißrussland geprüft. Für sie alle ist Russisch quasi Muttersprache. Weshalb dann diese Prüfung, die bei jeder Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung, also alle fünf Jahre, wiederholt werden muss und wieder Geld kostet?“ Auch über manche Fragen hat er den Kopf geschüttelt. Eine zur russischen Geschichte lautete: „An welchem Fluss befand sich das Hauptlager der Goldenen Horde?“ Beim Bereich Recht und Ordnung wurde u.a. gefragt, wie viele Tage die Bearbeitung von Eingaben der Bürger dauern dürfe, also Abläufe in der Verwaltung und keineswegs das tägliche Leben eines Menschen betreffend, „der nichts anderes will, als hier zu leben und in Ruhe gelassen zu werden“. Für Siegie war es die letzte Prüfung dieser Art, denn ab 65 entfällt sie. „Das lässt mich aber trotzdem nicht in Ruhe. Ich denke an all die, die erheblich mehr Schwierigkeiten mit der russischen Sprache haben“, weil dieser „Formalismus dazu geeignet ist, Menschen abzuschrecken, die vielleicht eine Übersiedlung in ihre Lebensplanung aufgenommen haben. Dabei ist Russland auf Zuzug angewiesen.“

 

Hommage à Puschkin

Alexander Sergejewitsch Puschkin ist zweifellos der größte russische Dichter. Dies werden 99 % (oder 100%?) aller befragten Russen antworten. Wenn man in Deutschland bei seinem Namen eher an Wodka denkt, liegt dies daran, dass man die Eleganz und Leichtigkeit seiner Verse nicht ins Deutsche übertragen kann. Viele haben es versucht, wenige annähernd geschafft, keiner hat ihn erreicht.

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Selbstbildnis von 1831

Nun gibt es bei uns im Schulgebäude ein kleines Puschkin-Museum, denn früher war die Schule ein Gasthaus, in dem Puschkin im September 1833 abstieg. Das Ziel seiner Reise war Orenburg im Ural; der Grund, die Stationen des Bauernführers Pugatschow nachzufahren, weil er an einem Roman über den Rebellen schrieb („Die Hauptmannstochter“)

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Über Pugatschow findet sich bei Wikipedia folgende Information:

Jemeljan Iwanowitsch Pugatschow , 1742 – 1775, war ein Don-Kosake und der Anführer des nach ihm benannten Bauernaufstands von 1773 bis 1775. Er nahm als Soldat der zaristischen Armee am Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) und am Russisch-Türkischen Krieg 1768 bis 1774 teil. Pugatschow behauptete im August 1773, er sei der verstorbene Zar Peter Fjodorowitsch (Peter III.) und habe durch ein Wunder den Mordversuch seiner untreuen Frau (der deutschstämmigen Katharina II.) überlebt.

Die Aufständischen besetzten weite Gebiete zwischen Ural und Wolga und wurden schließlich in Kasan gestoppt. Dort wurde Pugatschow gefangengenommen und 1775 in Moskau hingerichtet.

Das Museum, dessen Eingang im Torbogen versteckt ist, ist winzig: es besteht aus zwei Räumen, einem größeren, in dem Vorträge und literarische Abende, auch mit zeitgenössischen Dichtern stattfinden, und einem kleineren Zimmer, dem eigentlichen Museum. Es enthält typische Möbel und Kleidungsstücke aus der Epoche, so sieht man eine schwarze Pelerine und einen Zylinder, wie sie Puschkin und sein berühmtester (Anti)Held Eugen Onegin – der auch sein Alter Ego ist –  oft getragen haben. An die Wände ist die Aussicht gemalt, die Puschkin aus seinem Hotelzimmer auf den Minin-Platz hatte – damals standen dort noch 2 Kirchen.

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Und was tat Puschkin konkret in Nischni? Er besuchte den Gouverneur der Stadt, der ihm das Archiv im Demetrius-Turm des Kremls aufschloss und ihn dort ein paar Stunden mit den Unterlagen über Pugatschow arbeiten ließ. Er machte eine Stadtführung und fuhr zur Messe, die aber Ende August geendet hatte. Und so schrieb er an seine geliebte Frau, Nathalia Gontscharowa, eine berühmte Petersburger Schönheit, deren Ehre er vier Jahre später im Duell verteidigte, was für ihn tödlich enden sollte: „Die Messe war wie ein Ball, nachdem ihn die Gontscharows verlassen haben.“ Abschriften der Briefe sind an den Wänden zu sehen.

Das Museum ist übrigens eine Filiale des 250 km entfernten Boldino, einem Landsitz der Familie Puschkin. Dort war Puschkin insgesamt dreimal, das erste Mal 1830, um ein Dokument in Empfang zu nehmen, das ihm 200 Leibeigene überschrieb. Damit bekam er auf seiner Moskauer Bank 45000 Rubel, die er für die Hochzeit mit Natalja brauchte. So viel Geld für eine Hochzeit? Ja, denn er musste nicht nur das Fest, sondern auch die Mitgift für seine zukünftige Frau finanzieren, die aus einem verarmten Adelsgeschlecht stammte.

All dieses erfuhren wir von Michail, einem jungen Historiker, der uns mit ungeheurer Begeisterung nicht nur alle Einzelheiten von Puschkins Aufenthalt in Nischni erzählte, sondern auch lange Passagen aus Puschkins Werken auswendig deklamierte. Ob es auch vorkomme, dass er auf eine Frage keine Antwort wisse? Naja, er sei Historiker, kein Literaturwissenschaftler. Deshalb könne es auf literarischem Gebiet schon sein. Wir jedenfalls haben nicht die kleinste Wissenslücke entdeckt und waren nach den eineinhalb Stunden, die wir mit ihm in dem kleinen Raum verbrachten, voll von seiner Begeisterung angesteckt. Danke Michail!

P.S. Puschkin übernachtete von 2. auf 3. September 1833 in Nischni Nowgorod.

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Eines der Exponate ist auch das Skizzenbuch von Puschkin, der ein hervorragender Zeichner war. Es handelt sich um eine Kopie, die 1984 von einem Leningrader Künstler angefertigt wurde: auf Papier aus dem 18. Jh. mit einer Feder und Tinte wie aus Puschkins Zeit.