Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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Ein Russionär zwei Tage in Wladimir

Wer bei den „Russisch-Deutschen Wochen“ in Erlangen, die im Februar 2018 anlässlich des 35jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft mit Wladimir begangen wurden, in einem Quiz über russische Geschichte und über eben diese Partnerschaft den Titel „Russionär 2018“ und damit eine Reise nach Wladimir gewonnen hat, der ist natürlich vor Glück überwältigt; auch wenn er schon oft in Wladimir war, nein, gerade weil er schon oft dort war und weiß, was ihn erwartet: Das gastfreundliche Erlangen-Haus mit dem immer besonderen Frühstück, die alte Stadt mit ihren Kirchen und die Ausflüge in die geschichtsträchtige Umgebung. Wir waren Ende Mai dort und haben die zwei Tage genossen.
Ein guter Tipp kam von Irina Chasowa, der Leiterin des Erlangen-Hauses. Sie hatte uns geraten, erst am späten Nachmittag nach Bogoljubowo zu fahren, wenn die Busse die Touristen wieder eingesammelt haben. Dann hätten wir den Weg zu der kleinen Kirche „Mariä-Schutz-und-Fürbitte an der Nerl“ (Церковь Покрова на Нерли) fast für uns. So war es dann auch.
Mit dem öffentlichen Bus fährt man vom Erlangen-Haus in einer guten halben Stunde zur Endhaltestelle beim Kloster Bogoljubowow (22 Rubel, derzeitiger Kurs: 1 € = 72 Rubel). Eine kleine Strecke zu Fuß an der stark befahrenen Straße „M7 Wolga“ (Moskau – Nischni Nowgorod – Ufa) entlang bis zu einem „dramatischen“ Bahnübergang, viele Treppenstufen hoch und wieder runter, durch eine Reihe von Pappeln und schon sieht man in der Ferne das 1165 erbaute Juwel der altrussischen Kirchenbaukunst: die kleine weiße Kirche leuchtend vor dunkelgrünen Bäumen. Es beginnt ein schmaler Weg durch die Wiesen, der einem in zwanzig Minuten zum Ziel bringt. Ein Weg, der den Namen Pilgerpfad verdient hätte. Das flache Land, die grüne Wiese, sie strahlen eine Ruhe aus, die einem einfängt und besinnlich werden lässt. Hier kommt die Seele zur Ruhe. Und was uns an diesem Tag besonders auffiel: Die klare Luft und das heitere Licht der Abendsonne! Ein tiefgehendes Erlebnis. Wir bedauern, dass wir dies weder mit unseren Worten – dazu wären ein Goethe oder ein Puschkin nötig – noch mit unseren Fotos wiedergeben können.

 



„Mariä-Schutz-und-Fürbitte Kirche an der Nerl“ (Церковь Покрова на Нерли). Der Weg ist das Ziel. Zumindest ein wichtiger Teil davon

Der Innenraum der Kirche ist klein, er wird durch den Ikonostas geteilt, eine größere Reisegruppe führt schon zu Gedränge. Faszinierend der Blick hoch in die Kuppel, die von vier Säulen getragen wird. Die Wände sind weiß belassen, die ursprüngliche Ausmalung wurde im 19. Jh. entfernt. Die Kirche gehört seit 1992 zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Das schmale hohe Kirchlein steht auf einem kleinen Hügel in der Nähe der Mündung der Nerl in die Kljasma, die Wiesen um sie herum sind Überschwemmungsland. Wir gingen abends an der Nerl entlang zum Zusammenfluss, ein schmaler Fußpfad durch Gras und dank der frühen Jahreszeit und des kühlen Windes (fast) ohne Mücken.

                                                          

Der Rest der letzten Überschwemmung

Natürlich waren wir auch in Wladimir wieder von den vielen Kirchen, dem Goldenen Tor und besonders von der neuen Fußgängerzone beeindruckt. An diesem Tag war alles in klares Licht getaucht – unvergessliche Bilder. Sehr empfehlenswert das Restaurant „Wosnesenskaja Sloboda“, das eine weite Aussicht über die Kljasma-Ebene bietet und dessen köstliche Hechtklöße im Krautmantel man unbedingt probieren sollte.

Den zweiten Tag verbrachten wir in Susdal (mit Taxi, eine Fahrt 600 Rubel). Es herrschte das für Unternehmungen wie diese besonders geeignete Wetter: Sonne, kühler Wind, glasklare Luft, was uns und unsere Freundin Anke zu Begeisterungsrufen animierte. Anke arbeitet in Perm im Ural als Deutschlehrerin und findet die Stadt mit der vielen Industrie nicht besonders reizvoll.

Im Erlöser-Euthymios-Kloster hörten und sahen wir das 12 Uhr Glockenspiel. Der Glöckner leistet dabei Schwerarbeit, er muss jede Glocke einzeln anschlagen. Dazu bewegt er die Glockenklöppel über Seile mit Händen und Füßen.

 
Eine ungewöhnlich große Birke wächst zwischen Mauern im Erlöser-Euthymios-Kloster.

Die Eisenkunst erinnerte uns daran, dass es von 1764 bis in die 50er Jahre Gefängnis für politische und religiöse Abweichler war, in der Stalinzeit Teil des Gulag-Systems.


Sankt Elias-Kirche


Maria-Geburts-Kathedrale im Kreml, von der St. Elias Kirche gesehen.

Wir saßen lange auf dem Hügel bei der St. Elias Kirche, vor uns die Kamenka, der kleine Fluss, der sich mäandernd durch die Landschaft schlängelt, dahinter der Kreml mit den blauen Türmen der Mariä-Geburts-Kathedrale. Kirchen, Klöster, Kreml: sie sind Zeugen der vergangenen Macht des Fürstentums Wladimir – Susdal. Zeugen, die uns heute bezaubern.

 

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Vier Tage in Moskau

Nach der wie immer einfachen Einreise nach Russland am Flughafen Scheremetewo – keine Fragebögen, keine Fingerabdrücke, nach einer langen Busfahrt zur Metrostation Flussbahnhof und von dort mit der Metro zum Theaterplatz, standen wir fast auf den Tag genau nach neun Monaten wieder vor dem Bolschoi-Theater: wir waren angekommen!


Bolschoi Theater

Der Rote Platz zeigte uns dann das schon bekannte Bild: Immer wird irgendetwas aufgebaut, diesmal eine große Bühne vor der Basilius-Kathedrale (Public Viewing für die WM?) und wie immer wimmelte es von Menschen, darunter auffallend viele aus China, gefühlt mehr als in den Jahren davor. Liegt das daran, dass sich westliche Touristen mit Reisen


Der Rote Platz, hinten das Kaufhaus GUM, links das Historische Museum

nach Russland zurückhalten? Das wäre eine beunruhigende Entwicklung. Warum lässt Europa sein großes Nachbarland links liegen und zwingt es gleichsam, sich China verstärkt zuzuwenden? In unserem Hotel Budapest fanden wir den Hotelführer jetzt auch in Chinesisch außer in Russisch und Englisch.

Einen erfreulicheren Eindruck bekamen wir bei einem Spaziergang auf dem Boulevard-Ring. Dort war bei der Metrostation Tschistye Prudy an Plakatständern eine Ausstellung der AHK zu sehen, der Außenhandelskammer der deutschen Industrie. Die Arbeit von etwa 20 deutschen Unternehmen in Russland, großer und kleiner, und ihr Beitrag zur russischen Wirtschaft wurden vorgestellt.

Vertreten waren unter anderem Siemens mit dem Hochgeschwindigkeitszug Sapsan (deutsch: Wanderfalke), VW, Schäffler, Knauf, Continental, Bezgraniz (ein Mode-Label für Behinderte) und der deutsche Landwirt Stefan Dürr, der mit 100 000 Kühen der größte Produzent von Rohmilch in Russland ist und der, wie besonders vermerkt wurde, seit ein paar Jahren die russische Staatsangehörigkeit hat.

Und was noch erfreulicher war: die anschaulichen Plakate wurden von vielen Menschen betrachtet. Ein Zeichen für das breite Interesse an Deutschland und hier speziell an seiner Industrie. Auf dem Boulevard-Ring waren an diesem Sonntag bei dem strahlenden Sonnenschein Scharen von Spaziergängern unterwegs.


Siemens: Wartung des Sapsan in der Fabrik bei St. Petersburg

Ganz anders war es bei dem im Oktober 2017 von Putin und dem Patriarchen Kyrill I. eröffneten Gulag-Denkmal, der „Mauer der Trauer“, einer Gedenkstätte für die Opfer des Stalinismus. Diese liegt an der Kreuzung des Garten-Rings (einer Stadtautobahn) und dem Akademik-Sacharow-Prospekt (ebenfalls eine große Verkehrsstraße). Dort war ich bis auf zwei oder drei Leute, die das große Areal rasch durcheilten, allein. Ein junger Mann wunderte sich offensichtlich über mein Interesse an dieser Gedenkstätte und sagte ziemlich barsch: „Putin made that and our political system is not correct“. Ein Hinweis auf die Umstrittenheit dieses Denkmals. Von der Opposition wird kritisiert, dass man das Gedenken an die Opfer in den Vordergrund stellt und nicht über die Schuld der Täter spricht.


Das Gulag-Denkmal „Mauer der Trauer“ in Moskau,
rechts eine kleinere Mauer mit Gravuren: „Vergesst nie“

Diese Gedenkstätte ist ohne Zweifel ein eindrucksvolles Mahnmal, schon allein durch ihre Größe: die „Mauer der Trauer“ ist 30 Meter lang und 5,60 Meter hoch, aber auch durch ihre Gestaltung: bronzefarbene menschliche, in sich verschlungene Gestalten ohne Gesicht schweben himmelwärts, Symbol für die geschundenen und getöteten Millionen von Opfern. Das Kunstwerk heißt „Niemals wieder“. Putin habe bei der Eröffnung gesagt: „Für diese Verbrechen gibt es keine Rechtfertigung“. Die Witwe Solschenizyns, Autor des Romans „Archipel Gulag“, war bei der Zeremonie anwesend. (Wikipedia). Der Entwurf stammt von Georgi Franguljan.


Gulag-Denkmal

Auf dem schiefergrau gepflasterten Areal stehen einige Steinsäulen und eine Wand mit eingravierten Botschaften in verschiedenen Sprachen, wie sie von Häftlingen in Gefängnismauern geritzt worden sein könnten: „Vergesst nie, recuerda, remember, помни…“

Ein angenehmerer Ausflug in die russische Geschichte war der Besuch des Tolstoi-Museums oder besser der Tolstoi-Museen. Unser Navi hatte uns zunächst, wie von uns eingegeben, in das Tolstoi Museum geführt, in dem sich das Archiv mit den Manuskripten Tolstois befindet, was wir erst nach Bezahlen des Eintritts (des teuren Tarifs für Ausländer) bemerkten und was der Computer nicht rückgängig machen konnte. Wir wollten eigentlich ins Tolstoi-Haus. Die betrübte Kassiererin wusste Rat: wir sollten die kleine Ausstellung besuchen und dann an einem Ball aus der Zeit Tolstois teilnehmen, einer Abschiedsfeier von zehnjährigen Schülern einer Moskauer Grundschule. Das war ein unerwartetes, eher landeskundliches als künstlerisches Ereignis. Die Lehrerinnen und die Profis des Museums traten in historischen Kleidern auf. Die ebenfalls wohl geschmückten Kinder versuchten sich mit Tänzen, mit Polonaisen, mit Klavier- und Gitarrenstücken, manche mit Können und Vergnügen, andere mit Stolpern und verzweifelten Gesichtern.


Aufstellung zur Polonaise

Am nächsten Tag schafften wir es dann tatsächlich in das Tolstoi-Haus, in die Stadtvilla von Tolstoi in der Tolstoi Straße. Überraschenderweise kannten diese aber vor allem jüngere Moskauer nicht, die wir nach dem Weg fragten. Tolstoi (1828 – 1910), der große russische Schriftsteller, hatte hier ein stattliches Anwesen mit seinem Wohnhaus, einigen Nebengebäuden und einem großen Park – eine Idylle mitten in Moskau. Bemerkenswert ist, dass Lenin dies alles schon 1921, dem Wunsch von Tolstois Witwe entsprechend, zum Museum erklärte. So ist es im ursprünglichen Zustand erhalten geblieben, bis auf die nachträglich eingebaute Elektroinstallation. Interessant auch: Edison, der amerikanische Erfinder vieler elektrischer Geräte, schenkte Tolstoi 1908 zu dessen 80. Geburtstag eine eigens für ihn hergestellte Schallplatte, die Tolstoi selbst besprochen hatte und die im Museum zu hören ist. Die Museumsführerin sagte stolz: „Die Stimme des Zaren Nikolaus II. ist nicht erhalten geblieben, die des Dichters Tolstoi dagegen wohl.“ Die Kultur überdauert die Macht – kein unsympathischer Gedanke!

Und schließlich war da auch noch Tolstois Fahrrad zu sehen, das mit einer Stempelbremse und mit Luftreifen ausgestattet ist. Selbst das am Sattel befestigte Werkzeugtäschchen fehlt nicht. (Als Einwohner der Fahrradfahrerstadt Erlangen sei mir der Hinweis auf dieses eher unbedeutende Detail aus dem Lebens eines großen Schriftstellers gestattet.)

Tolstois Fahrrad mit Luftreifen und Stempelbremse

Ein anderes kulturelles Ereignis war die Aufführung von Tschaikowskis „Pique Dame“ in der Helikon Oper, die uns mit den hervorragenden Stimmen der Sängerinnen und Sänger, dem großartigen Orchester und der ungewöhnlichen Regie wieder höchstes Vergnügen bereitete. Das Bühnenbild russisch prall, vorn an der Bühne stand in allen Szenen ein Spieltisch, dahinter saß dichtgedrängt das Orchester und darüber eine Empore, auf der sich oft der ebenfalls ausgezeichnete Chor aufhielt. Dieses kleine Opernhaus hat einen steil ansteigenden Zuschauerraum, dadurch sieht man von allen Plätzen gut über die Köpfe der vor einem Sitzenden hinweg. Die Atmosphäre ist intimer als im sehr viel größeren Bolschoi Theater.

Drei Wochen vor der Fußball-WM 2018 hatten wir in der Stadt viel Reklame erwartet. Wir haben nicht allzu viel gesehen. Im Flughafen Scheremetewo Begrüßungsplakate, davor ragten an einer Hauswand drei überlebensgroße fußballspielende Figuren waagerecht in die Straße. Dieses sehr ungewöhnliche Arrangement konnten wir leider nicht fotografieren, weil unser Bus zu schnell vorbei rauschte. In einem von zehn Metrozügen sahen wir WM-Reklame, auf den Straßen gelegentlich Plakate. Auf dem Manege- Platz in der Nähe des Kreml war ein Parcours, der an den Stadtsymbolen der Austragungsorte vorbeiführte. Nischni Nowgorod war mit deм Demetrios Turm seines Kreml vertreten. Dies war eine großflächige Installation, die aber keinesfalls dominierte. Die vielfältige Weltstadt Moskau integriert auch so ein Großereignis wie eine WM locker.

Der Nischegoroder Demetrios Turm steht für einen Austragungsort der WM


WM Werbung auf dem Manege-Platz

Wir sind dieses Mal oft auf Nebenstraßen fernab vom Autoverkehr gelaufen. Hier lässt es sich gemütlich schlendern. Zumindest innerhalb des Gartenringes erfreuen uns die vielen alten Häuser immer wieder, auch die häufigen Parks und kleinen Grünflächen. Der Flieder und die Tulpen sind jetzt Ende Mai gerade am Verblühen, Bäume und Sträucher zeigen ihr frisches Grün. Das Wetter war ideal für Stadtbesichtigungen, sonnig und ein kühler Wind. Wir haben Moskau wieder sehr genossen.

Ulitza Ulanski – eine Parallelstraße zum Sacharow Prospekt

Rollerverleih auf der Ulitza Roschdeswenska

An verschiedenen Stellen der Stadt werden neuerdings Leihroller angeboten. Der Versuch von Rose und ihrer Freundin Anke, welche auszuleihen, scheiterte, weil sie einen Tag vorher hätten reservieren müssen. So blieb es bei Fahrrädern (150 Rubel pro Tag). Mit großer Freude fuhren sie fast den ganzen Boulevard Ring ab, den sie sich an diesem sonnigen Sonntag mit vielen Fußgängern teilen mussten.

Auf der Großen Moskwa-Brücke stehen an der Stelle, wo Nemzow am 27. Februar 2015 ermordet wurde, noch immer frische Blumen, elf Sträuße, Fotos und kleine Plakate und ein Schild mit der täglich erneuerten Zahl der seit dem Mord vergangenen Tage: 1183 waren es am 24. Mai dieses Jahres. Noch immer bewachen Mitglieder der Bürgerinitiative diesen Ort. Sie wollen ausharren bis die Brücke in „Nemzow-Brücke“ umbenannt ist.

Auf der Großen Moskwa-Brücke, 1183 Tage nach der Ermordung von Nemzow.
Dahinter eingerüstete Kremltürme, Baubuden bis zur Basilius Kathedrale

Noch einige Fotos:


Kirche (1645) aus Archangelsk im Freilichtmuseum in Kolomenskoje

Im neu eröffneten Zariadje Park: Freilichtbühne, Liegewiese, Kreml


Die Türme der Basilius-Kathedrale spitzen über Grashügel im Zariadje Park

Manege-Platz

WM Werbung auf dem Zwetnoi Boulevard

Mit der Transsib nach Nowosibirsk

Wir sind zurück von unserer großen Reise nach Kamtschatka, das neun Zeitzonen östlich von Nischni Nowgorod liegt. Um die Zeitumstellung besser zu verkraften und etwas von Sibirien zu sehen, fuhren wir mit der Transsib bis nach Nowosibirsk. Von dort flogen wir nach Petropawlowsk-Kamtschatka. In Jekaterinburg und in Omsk unterbrachen wir die Zugfahrten für kurze Aufenthalte.

Nach 21 Stunden Fahrt mit der Transsib ab Nischni Nowgorod erreichten wir morgens um 3.22 Uhr (Ortszeit) Jekaterinburg, das 40 km östlich des Ural liegt, der imaginären Grenze zwischen Europa und Asien. Die Stadt wurde 1723 von Peter I. gegründet, um Industrie zur Ausnutzung der Erz- und Edelstein-Vorkommen anzusiedeln. Daher finden sich dort heute noch viele Wohnhäuser und Fabrikbauten aus dem 18. und 19.Jh., die zusammen mit konstruktivistischen Gebäuden aus den 20er und 30er Jahren ein charakteristisches Stadtbild ergeben. Bis 1991 hieß Jekaterinburg Swerdlowsk. Es war wegen der Waffenindustrie eine geschlossene Stadt.

Alter Fabrikbau in Jekaterinburg

Jugendstil-Holzhaus

Schmiedeeiserenes Geländer am Städtischen Teich, im Hintergrund die „Kathedrale auf dem Blut“

Am 17. Juli 1918 wurde im Haus des Kaufmanns Ipatjew der letzte russische Zar Nikolaus II. zusammen mit seiner Frau, vier Töchtern und dem Kronprinzen sowie vier Bediensteten von den Bolschewiken erschossen. Die Toten transportierte man an den Stadtrand, begoss sie in der Grube Ganina Jama mit Schwefelsäure und verbrannte sie. Die Leichen wurden in einem Massengrab beerdigt, der Boden wurde befestigt, in dem man LKWs darüberfahren ließ. So hoffte man, jegliche Spuren der Zarenfamilie und die Erinnerung an sie ausgelöscht zu haben. Das misslang gründlich.

1977 ließ Boris Jelzin, damals Parteichef des Oblasts Jekaterinburg auf Anordnung des Politbüros, das Ipatjew-Haus in einer Nacht unangekündigt abreißen, um zu verhindern, dass hier eine Erinnerungsstätte an den Zaren entsteht. Bemerkenswert: Nach 60 Jahren kommunistischer Diktatur und Propaganda, also nach zwei Generationen, sieht man sich veranlasst, dieses Haus in einer Nacht- und Nebelaktion zu beseitigen. 1979 gab es von privater Seite heimliche Grabungen im Wald, bei denen Skelettteile und Stoffreste gefunden wurden. Die Menschen wussten also, wo sie graben müssen, um etwas zu finden. Und sie hatten den Mut, dieses damals höchst illegale Werk zu unternehmen. Die Erinnerung an den Zaren war nicht verschwunden.

1991, nach dem Ende der Sowjetunion, wurden zunächst neun Skelette ausgegraben und genanalytisch eindeutig den Ermordeten zugeordnet. Zwei fehlten: der Kronprinz Alexej und seine Schwester Maria, was zu Spekulationen Anlass gab, sie hätten das Massaker überlebt. Aber später wurden an einer anderen Stelle Knochen der beiden fehlenden Opfer gefunden und ihre Zugehörigkeit zur Zarenfamilie 2007 gentechnisch bestätigt. Damit ist auch die Frau als Lügnerin entlarvt, die seit 1920 behauptet hatte, dem Mord entkommen und die Zarentochter Anastasia zu sein.

„Kathedrale auf dem Blut“

Heute steht an der Stelle des Ipatjew-Hauses die mächtige „Kathedrale auf dem Blut“, die sich zu einem Wallfahrtsort für Zaren-Anhänger und orthodoxe Gläubige entwickelt hat. In der Nähe der Grube, in der man die Leichen verbrannte, wurde ein Kloster mit sieben Kirchen errichtet, eine für jedes Mitglied der Zarenfamilie. Diese wurde 2000 von der orthodoxen Kirche heiliggesprochen, zusammen mit tausend Geistlichen, die in der Sowjetunion ihres Glaubens wegen verfolgt und getötet worden waren. Am 17. Juli, dem Tag der Ermordung, pilgern jedes Jahr Zehntausende die 24 km von der „Kathedrale auf dem Blut“ zu dem Kloster bei Janina Jamal.

Da die Kathedrale gerade renoviert wurde, konnten wir nur die Unterkirche besichtigen, in der sich Mauerreste des Ipatjew-Hauses befinden. Dort war gerade Gottesdienst. Ein Laie sang eine lange Litanei. Er wurde abgelöst durch einen Popen, dessen Bass-Stimme uns fast erschaudern ließ: wohltönend und voll und eindringlich. Wir dachten anfangs, er sänge mit Mikrofon. Unglaublich.

Eine Gedenkstätte ganz anderer Art ist das 2015 in Anwesenheit von Putin eröffnete „Boris Jelzin Präsidenten Zentrum“, ein moderner Bau aus Glas und Beton. Es enthält das Boris-Jelzin-Museum, das der zeitgenössischen Geschichte Russlands gewidmet ist. In sieben Abteilungen, genannt „Tage, die Russland veränderten“ sind die Präsidentschaft Jelzins und seine Epoche dargestellt. Leider war es, wie die meisten Museen auf der Welt, montags geschlossen. Gern hätten wir gesehen, was zur Übergangszeit von der Sowjetunion zu Russland gezeigt wird, und was zu den Putschversuchen 1991 und 1993 oder zum wilden Kapitalismus Ende der 90er Jahre, die von den meisten Russen als sehr schmerzhaft erlebt wurden.

Boris Jelzin Präsidenten Zentrum

Doch wir konnten das Gebäude besichtigen, in dem ein Konferenz- und Bildungszentrum, eine Bibliothek und Büros von Ämtern und Firmen untergebracht sind. Gleich am Eingang steht Jelzins Karosse aus seiner Zeit als Parteichef von Swerdlowsk. In den Vorräumen zum Museum wurden einige Exponate zu Jelzin gezeigt, in einer Art Vorschau: Jelzin in allen denkbaren Rollen, als Familienvater, als Ehemann, als Sportler, als Jäger, als Zeitungsleser und natürlich als Politiker in seinen vielen Funktionen. Dies lässt erahnen, welch Personenkult in der Ausstellung zu erwarten ist.

Vorraum zum Jelzin Museum: Jelzin als Jäger, als Großvater, als Ehemann

Blick aus dem 52. Stockwerk des Wyssotzki-Turmes auf die Stadt mit dem Städtischen Teich

Jekaterinburg ist eine moderne Stadt mit vielen Hochhäusern. Im Café Vertikal im 52. Stock des Wyssotzki Turmes genossen wir gutes Essen und einen weiten Blick über die Stadt, über die Wälder bis hin zu den Ausläufern des Ural. Unser Hotel Senator lag 15 Minuten vom Stadtzentrum entfernt, gut geführt mit modern eingerichteten Zimmern. Angetan von dieser freundlichen Stadt stiegen wir abends in die Transsib zur Fahrt nach Omsk, weitere 14 Stunden Fahrt, (drei Zeitzonen von Nischni entfernt).

Omsk entwickelte sich aus einer 1716 auf Erlass Peters des Großen gegründeten Festung an der Mündung des Om in den Irtysch. Von hier aus begannen Expeditionen auf der Suche nach Gold und Pelzen. Im 19. Jh. war Omsk ein Verbannungsort. Dostojewski verbrachte hier vier Jahre in einem Arbeitslager. Die unsäglichen Bedingungen beschrieb er in seinem Roman „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus.“

Die Stadt empfing uns am Vormittag mit großer Hitze. Wir erreichten das Hotel Nika gegen 10 Uhr. Es lag etwas außerhalb in einem Park am Irtysch und stellte sich als ein Sanatorium heraus. Erfreulicherweise konnten wir unser Zimmer gleich beziehen (obwohl wir vier Stunden zu früh da waren) und noch ein Frühstück bekommen (obwohl das Buffet gerade abgeräumt worden war).

Als wir am Nachmittag mit dem Bus in die Stadt fuhren, löste Roses Frage nach einer Haltestelle im Stadtzentrum eine Diskussion unter den Fahrgästen darüber aus, wo das Zentrum zu finden sei. Schließlich wurden wir gefragt, was wir denn sehen und wo wir hinwollten. Rose sagte: „Irgendwo ins Zentrum, wo es schön ist“. Da rief ein junger Mann: „Hier ist es nirgends schön!“. Das stellte sich dann doch als etwas übertrieben heraus. Auf der Leninstrasse, fanden wir ansehnliche Bauten aus dem 19. Jh., in den Parkanlagen am Om die Stadttore und Kasernen der Festung.

Die Hitze und die etwas unruhige Nacht im Zug machten uns zu schaffen und wir suchten Schatten und Kühle im Wrubel-Museum. Wrubel gilt als der berühmteste Vertreter des russischen Jugendstils.

Im Wrubel-Museum in Omsk. Im kleinen Kasten rechts unten ist das Gemälde „Uferstraße einer östlichen Stadt“ von Iwan Aiwasowski (1852) für Blinde ertastbar reliefartig wiedergegeben.

Außer Gemälden von Wrubel und anderer russischer Maler gab es eine Sonderausstellung, die uns als bemerkenswert empfohlen wurde. Das war sie wirklich!  Anatoli I Konenko (geboren 1954) bezeichnet sich selbst als Mikro-Miniatur-Künstler. Er schafft kleinste Kunstwerke. Ein Reiskorn beschriftet er mit einem Spruch, ein Stecknadelkopf großer Knubbel entpuppt sich unter dem Mikroskop als Rosenblüte und besonders überraschend: In einem Nadelöhr nicht etwa nur das berühmte biblische Kamel, was da schwer durchgehen soll, sondern eine ganze Karawane von Kamelen und noch zwei Palmen! Die Nadel war etwa 5 cm lang, ohne Mikroskop war im Öhr kaum etwas zu sehen. Faszinierend!

Die Karawane im Nadelöhr

Im Park am Om kamen wir gerade rechtzeitig zur Abfahrt eines Schiffes, das uns eine Stunde lang auf dem Irtysch gemütlich hin und her fuhr. Der Irtysch entspringt in China und mündet in den Ob. Abends aßen wir im Restaurant Senkewitsch an der Irtysch Uferpromenade, genossen die Abendkühle und gutes Essen.

Am Strand des Irtysch in Omsk – anders als man sich Sibirien vorstellt!

Am nächsten Morgen trieb uns die Hitze wieder in ein Museum, diesmal ins Heimatmuseum. Dort wurden wir zunächst durch Abteilungen über die Geschichte der Stadt, Lebensweise, Handwerk und Kunst der Stadt geschleust. Eindrucksvoll das Skelett eines Mammuts.

Doch eine Überraschung war die Sonderausstellung „500 Jahre Reformation“, die in einem großen Saal in vielen Vitrinen Lutherbibeln, Gesang- und Gebetbücher in Deutsch zeigte. Über das Leben und Wirken Luthers und anderer Reformatoren informierten Tafeln. Es folgte ein Überblick über die Geschichte der von deutschen Einwanderern gegründeten protestantischen Gemeinden in Omsk und Umgebung bis hin zu den Verfolgungen in der Stalinzeit. Die Museumswärterin in diesem Raum war Mormonin, die von ihrer Reise nach Utah schwärmte.

Omsk hatte sich uns von einer freundlichen Seite gezeigt. Wir waren hilfsbereiten aufgeschlossenen Menschen begegnet. Sehr auffällig auch eine Beobachtung: Omsk als Stadt der blauen Augen. Blaue Augen sind ein Kennzeichen vieler Sibirjaken, aber hier sahen wir sie in allen denkbaren Variationen von tiefblau bis wässrig-durchsichtig.

Kurz nach Mitternacht stiegen wir wieder in die Transsib und fuhren nach Nowosibirsk, das wir nach neun Stunden gegen zehn Uhr Ortszeit erreichten. (Vier Stunden Zeitunterschied zu Nischni). Hier war es noch heißer als am Vortag in Omsk. Nowosibirsk wurde erst 1894 gegründet. Die kaum 25 Jahre bis zur Oktoberrevolution reichten nicht aus, der Stadt ein architektonisches Gepräge zu geben. Es folgten bald die sowjetischen Riesenbauten für Verwaltung und Kultur und die großen Plattenbauten. Die Stadt wirkte unorganisch und planlos auf uns.

Der Bahnhof von Nowosibirsk

Stadtbild in Nowosibirsk.

Das Opernhaus von Nowosibirsk am Leninplatz fasst 1800 Plätze, es wurde 1944 fertiggestellt. In dem großen Park davor lief ein Floristen-Wettbewerb mit fantasievollen Objekten aus Weidenrutengeflechten und vor dem monumentalen Lenindenkmal demonstrierte gerade eine Nawalny nahestehende Bürgerinitiative gegen Putin.

Am Opernhaus werden angekündigt: Romeo und Julia, Carmen und Spartak

Putin! Es reicht, Diebe auf unsere Kosten zu mästen. Geh und nimm Edinaja Rossia mit. Putin! Ändere die Regierung und den wirtschaftlichen Kurs oder geh.

Demonstranten vor dem Lenin-Denkmal

Gegen Mitternacht starteten wir zusammen mit Roses Kollegin Anke zum sechsstündigen Flug nach Petropawlowsk-Kamtschatka.

Erster Blick auf Kamtschatka: Vulkane, Schnee

 

Nachtrag zu unseren Fahrten mit den Transsib-Zügen:

Auf den Fahrten mit der Transsib machten wir unerwartete Erfahrungen. Wir hatten für die ersten zwei Züge ganze Abteile (Coupes) für uns gebucht, also vier Plätze, d.h. vier Betten. Der erste Zug ab Nischni war ein „фирменный поезд“, ein Privatzug. Hier bekamen wir Begrüßungspakete mit Wasser und Gebäck und Mittagessen, und zwar vier Portionen, denn vier Mal gebucht ist vier Mal gebucht! Im Speisewagen wurden Spezialitäten wie Rentiersteak oder Bärenbraten angeboten.

Im einfacheren zweiten Zug ab Jekaterinburg gab es dann leider keinen Speisewagen, auch wurde kein Essen angeboten, aber wir erhielten vier Bettbezüge. Bei den Zwischenhalten auf den einfachen, nicht überdachten Bahnhöfen konnte man aus einem reichen Angebot an Obst und Lebensmitteln auswählen. Es gab Seife, Zahnbürsten, Cremes, einfache Kleidung und auch der übliche Souvenirschrutz fehlte nicht.

Eine halbe Stunde Aufenthalt in Balesino (Балезино)

Unser großer Koffer – mit 78 cm wenig ein wenig zu lang – passte in beiden Zügen nicht in die Ablage unter den Sitzen. Das war kein Problem, weil wir ihn auf einem Sitz ablegen konnten. Schwierig wäre es geworden, wenn wir das Abteil nicht für uns allein gehabt hätten.

Im platzkartnyj Wagon

Für die letzte Fahrt ab Omsk hatten wir kein Abteil, sondern zwei Plätze in einem „platzkartnyj Wagon“ gebucht. Dort gibt es Sechs-Personen-„Abteile“. Das sind keine Abteile im eigentlichen Sinne, da sie zum Gang hin offen sind. Vier Liegen, jeweils zwei übereinander, wie im normalen Abteil quer zum Gang, sowie zwei Liegen übereinander auf der anderen Seite des Ganges in Längsrichtung. Wir hatten die Gangplätze gewählt, weil man da den anderen nicht so auf die Pelle rückt. Nachteilig ist, dass diese Plätze wegen der häufig Vorbeilaufenden unruhiger sind als die in den „Abteilen“ und dass die Pritschen – wie uns schien – schmaler sind. Das ist für eine kurze Nacht mal erträglich, bei Fahrten über mehrere Tage wäre das weniger vergnüglich. Irgendwie ungewöhnlich war es für uns, nachts in einen vollbesetzten Wagon mit schlafenden Menschen zu steigen und dann seine Betten zu machen, was beim unteren Bett am Gang heißt, den Tisch und die Sitze umzuklappen. Unser sehr schwerer Koffer musste aus Sicherheitsgründen in die Ablage über dem oberen Bett gehievt werden, was uns in der Nacht mit Hilfe einer jungen Frau auch gelang.

 

Spenden für „Komm wieder – aber ohne Waffen“

Um mit Sepp Herberger zu sprechen: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Das Projekt „Komm wieder, aber ohne Waffen“ war mit unserer Aufführung am Gymnasium Nr. 1 nicht beendet. Wir hatten eine weitere Aufführung an der Linguistischen Universität, für die wir eine der Szenen auf Deutsch einstudierten. Weitere Szenen werden folgen, denn im Herbst tritt das Ensemble eine Gastspielreise nach Deutschland an! Jochen und ich werden sie empfangen und begleiten.

Alles begann mit der Einladung nach Erlangen, die Oberbürgermeister Janik nach unserer Aufführung in Wladimir spontan aussprach. Inzwischen hat diese Idee konkrete Formen angenommen: Wir werden „Komm wieder, aber ohne Waffen“ im Oktober in drei Städten aufführen: Von 21.-24. Oktober in Erlangen, wo Peter Steger, der Herausgeber des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen“ für uns Auftritte organisiert. Dort werden wir im Theater Brücken zu sehen sein und vielleicht auch im Wohnstift Rathsberg, in dem Wolfgang Morell wohnt, der zusammen mit Claus Fritzsche die Vorlage für unseren Protagonisten Alex (Sascha) war. Am 25. Oktober zeigen wir das Stück im Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden, meiner früheren Schule. Von 25.-30. Oktober sind wir in Immenstaad zu Gast, wo unsere Gastgeber Hubert Lehle und Konrad Veeser in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Bildungswerk Aufführungen im Rathaussaal in Immenstaad und voraussichtlich auch an der Waldorfschule in Überlingen und einem Gymnasium in Friedrichshafen organisieren

Nun möchten wir uns mit einer Bitte an euch wenden: Obwohl die Stadt Erlangen großzügig alle Kosten für Kost, Logis und Transfers in Erlangen übernimmt, wir in Leinfelden in Familien von Schülern des Immanuel-Kant-Gymnasiums wohnen und in Immenstaad auf dem Obsthof Lehle, fallen doch Kosten für Flug, Fahrten zwischen und in den Städten und Verpflegung in Immenstaad an, die die Eltern unserer Schüler tragen müssen, und die zwischen 450 und 500 € liegen. Dies ist für viele Familien eine große Belastung, zwei Schauspieler können definitiv nicht mitfahren. Natürlich hoffen wir auf Spenden bei unseren Aufführungen, aber das wird nicht reichen. Deshalb haben wir beim Bildungswerk Immenstaad ein Spendenkonto eingerichtet und bitten um finanzielle Unterstützung.

Katholisches Bildungswerk Immenstaad

Volksbank Überlingen

BIC: GENODE61UBE

IBAN: DE 8969061800 0075 4481 04

Falls eine Spendenbescheinigung erwünscht wird,  die Adresse angeben und den Vermerk: Spendenbescheinigung erwünscht.

Wir danken schon jetzt für eure Hilfe und laden euch ganz herzlich zu einer Theateraufführung ein!

Altgläubige

Wie das Leben so spielt! Da melde ich mich im Februar bei CREF, dem Center für Russisch, Englisch und Französisch, zu einem russischen Sprachkurs an, eigentlich wenig sinnvoll für die letzten fünf Monate unseres Russlandaufenthaltes und siehe da, nicht nur verbessert der Kurs wie erwartet mein Russisch (etwas), er hat auch einen unerwarteten Nebeneffekt. Eine der Russischlehrerinnen stellt sich als hochinteressante Frau heraus. Sie hat im Fach Altrussisch promoviert und ist Russischlehrerin für Ausländer an der hiesigen medizinischen Universität. In der SU-Zeit wurde sie wegen ihres jüdischen Aussehens diskriminiert, sie erwarb deshalb ihr Wissen im Abendstudium. Wie sie selbst sagt, hat sie eher Zigeunerblut in den Adern. Ihr Vater wurde eineinhalb Jahre nach dem Tod des Großvaters geboren (ihre Worte), weder er noch ihre Mutter haben zur Klärung dieses Rätsels beigetragen.

Zum Abschied lud sie uns in ihr kleines „Literaturmuseum“ ein, wie sie es nannte. Der Eingang liegt in einem Hof, der, so warnte sie uns, „dreckig, aber ungefährlich ist“. Durch eine der hier üblichen Stahltüren und über ein kahles Betontreppenhaus kamen wir in das Museum, das sich als eine Schatzkammer entpuppte. Hier lagen in einer Vitrine uralte Bücher aus der Zeit vor der orthodoxen Kirchenspaltung von 1667 und Manuskripte, Ergebnisse der Kunstfertigkeiten der Altgläubigen.

Eingang zum kleinen „Literaturmuseum“

Die Altgläubigen lehnten die Reformen der Texte und Riten der russisch-orthodoxen Gottesdienste durch den Patriarchen Nikon ab.  Sie wurden deshalb auf einer Synode 1666/67 mit dem Kirchenbann belegt und bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts blutig verfolgt. Erst 1905 erhielten sie die Bürgerrechte. Den Verfolgungen entzogen sie sich durch Flucht in die Wälder Russlands, auch in die Umgebung von Nischni Nowgorod. So geht die Matrjoschka-Fabrik in Semjonow (80 km von Nischni entfernt) auf geflüchtete Altgläubige zurück, die das Schnitzer-Handwerk mitbrachten.

Für die Altgläubigen ist die strikte Einhaltung der überlieferten Formen eine wesentliche Bedingung für den rechten Glauben. Als Beispiel wird oft das Kreuzzeichen genannt: Richtig ist „Zwei Finger gerade, drei gekrümmt“ und nicht wie bei Nikon „Drei Finger gerade und zwei gekrümmt“. Prozessionen müssen sich im Uhrzeigersinn (mit dem Sonnenlauf) und nicht andersherum bewegen. Der Name Christi lautet Iсусь (Isus) statt Iисусь (Jisus), wie bei Nikon. Unterschiede gibt auch in den heiligen Texten. Im Glaubensbekenntnis: „…an den Heiligen Geist, den wahren Herren“ gegenüber „…an den Heiligen Geist, den Herren“. Für uns ist das nicht zu verstehen, aber (Zitat nach Wikipedia): „Zur Erhaltung eines Mikroklimas, in dem der Mensch seine Seele retten kann, sei nicht nur das Befolgen der Gebote Christi erforderlich, sondern auch eine sorgfältige Bewahrung der kirchlichen Überlieferung, die geistige Kräfte und spirituelle Erfahrung vieler Jahrhunderten in sich trägt, deren Formen zwar äußerlich, aber nicht willkürlich seien“.

Deshalb weigerten sich die Altgläubigen die nach der Kirchenspaltung von den Orthodoxen gedruckten Bücher zu lesen, weil sie Abweichungen von den ursprünglichen Texten befürchteten, durch die die neuen Bücher unheilig würden. Deshalb nutzten sie nur die alten Bücher weiter und retteten sie so in unsere Tage.

Gedrucktes Buch (vor 1667) mit Leseanweisungen am Rand. Es überstand einen Brand – dank des schweren Ledereinbandes und der Eisenschnallen, die es fest verschlossen.

 

Ebenso eindrucksvoll waren die von Hand geschriebenen Bücher mit ihren Buchmalereien, Gebetbücher, die Leidensgeschichte oder Ordensregeln, aber auch Briefe und theologische Abhandlungen. Einen Eindruck geben eine handgeschriebene Ordensregel oder eine Seite eines Gesangbuches mit altrussischen Neumen, noten-ähnlichen Zeichen.

Ordensregel, Handschrift aus dem 16. Jh. Über dem Buch liegt eine Lestowka (Лестовка), der lederne Rosenkranz der Altgläubigen

Handschrift, Altrussische Neumen Ende 19./Anfang 20. Jh.

 

Eine bewegende Geschichte hat ein im Museum ausgestellter Schuh aus Birkenrinde. Er stammt von der sechsköpfigen Familie Lykow (Лыков), die 1936 in die sibirischen Taiga geflohen war, um der staatlichen Verfolgung zu entgehen. Sie gelangte an den Abakan und zog sich, wenn sie entdeckt wurde, immer weiter zum Oberlauf dieses Flusses zurück, bis man sie schließlich vergaß. Sie lebte dort völlig isoliert, 250 km von der nächsten menschlichen Siedlung entfernt, bis 1978 ein Team von Geologen zufällig auf sie stieß. 1978 war 7486 Jahre nach Erschaffung der Welt, die die Altgläubigen auf das Jahr 5508 vor Christus datieren. Die Familie bestand damals aus dem Vater, zwei Söhnen und zwei Töchtern, die Mutter war schon 1961 gestorben, wahrscheinlich verhungert. Die jüngste Tochter Agafja lebt bis heute allein in der Einsamkeit. Die Vorfahren der Lykows stammen aus der Gegend von Nischni Nowgorod, sie lebten in den Wäldern am Kerschenez, einem kleinen Nebenfluss der Wolga.

Birkenrinden-Schuh der Familie Lykow

 

Wikipedia nennt zwei Bücher über diese Familie:

  • Wassili Peskow: Die Vergessenen der Taiga: die unglaubliche Geschichte einer sibirischen Familie jenseits der Zivilisation. Goldmann, München 1996, ISBN 3-442-12637-1.
  • Jens Mühling: Mein russisches Abenteuer. Auf der Suche nach der wahren russischen Seele. Dumont Buchverlag, Köln 2012, ISBN 978-3-8321-9589-2.

Das sind alles sehr spannende Geschichten, vor allem wenn man unverhofft handfest damit in Berührung kommt. Der Titel von Jens Mühlings Reisebeschreibung spricht uns aus der Seele: „Mein russisches Abenteuer“. Unser russisches Abenteuer ist noch nicht ganz zu Ende, aber das Ende rückt immer näher.

Komm wieder – aber ohne Waffen (Teil 3)

Teile 1 und 2 in den Blogs vom 13. und 22. Februar 2017

‚Am 21. Januar 1942 lagen sie zu dritt auf Horchposten im Wald. Bei minus 42 Grad hatten sie nur Tuchmäntel ohne Pelz und ungefütterte Handschuhe. Plötzlich tauchte eine Reiterpatrouille auf. Wolfgang bleibt unentdeckt, seine Kameraden werden vor seinen Augen gefangengenommen. Eine Stunde lang irrt er allein durch den Wald, dann sieht er weiße Gestalten auf sich zukommen. Wolfgang möchte um keinen Preis in russische Gefangenschaft geraten. Er entsichert seinen Karabiner, will sich erschießen, aber – vielleicht aufgrund der großen Kälte – geht der Schuss nicht los. Für die Sibiriaken ist Wolfgang wohl der erste „Fritz“, den sie zu sehen bekommen. Ohne jegliche Feindseligkeit, begleitet von den aufmunternden Worten eines älteren Rotarmisten, die wohl bedeuten mochten „Der Krieg ist für dich aus“, nehmen sie ihm das geladene und entsicherte Gewehr aus der erhobenen Hand. Die Leibesvisitation befördert u.a. eine volle Schachtel R6 Zigaretten zutage und eine Zahnbürste, die Anlass zu Gelächter gibt. Von den Rauchern erhält jeder eine Zigarette, den Rest geben sie ihm zurück. Seine armselige, absolut nicht wintertaugliche Montur löst allgemeines Mitleid aus. Einer deutet auf sie mit dem Hinweis: „Das ist Hitler!“ Stolz betastet man dann die eigene Montur: Pelzmütze, Pelzmantel, darunter Wattejacke und Wattehose, Filzstiefel und Skier: „ Und das ist Stalin!“  Auf dem Weg zum Regimentsstab bleibt Wolfgang immer wieder im tiefen Schnee stecken. Der alte Rotarmist hat Mitleid mit ihm. Er lässt ihn hinten auf seine Skier aufsteigen und schleppt ihn mit.

Dies ist die fast wörtliche Wiedergabe der Erzählung von Wolfgang Morell über seine Gefangennahme. Heute lebt er, fünfundneunzigjährig, in einem Seniorenheim in Erlangen. Er ist einer der Veteranen, die in Peter Stegers Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen“ zu Wort kommen, das die Grundlage für unser derzeitiges Schulprojekt über deutsche Kriegsgefangene in Wladimir und Gorki (heute Nischni Nowgorod) bildet. In den Weihnachtsferien besuchten wir Wolfgang. Ich machte ein fast zweistündiges Interview mit ihm, Jochen filmte.

Wolfgangs Gefangenschaft wird bis 1949 dauern und ihn in etwa 20 Lager führen. Zunächst kommt er aber mit seinen Erfrierungen in Wladimir in ein Militärkrankenhaus. 1942 gibt es noch sehr wenige Gefangenenlager und die haben keine Hospitäler. Deshalb legt man ihn zusammen mit fünfzehn anderen Deutschen in ein Krankenhaus für Rotarmisten. Sie haben Einzelbetten, weiß bezogen, mit täglicher Visite und bekommen fast die gleiche Kost wie die russischen Soldaten.

 Wolfgang Morell und Rose Ebding beim Interview am 6. Januar 2017 

Natürlich bleibt es nicht bei diesen paradiesischen Umständen. Nach seiner Genesung kommt er in ein landwirtschaftliches Lager in der udmurtischen Republik im Föderationskreis Wolga. Die Arbeit ist hart, der Hunger so groß, dass sie die Kartoffeln roh essen. Im folgenden Winter (42/43) sterben 700 von 1500 Gefangenen am wolhynischen Fieber, auch Schützengrabenfieber genannt. Die Lastwagen, die morgens das Brot ins Lager bringen, nehmen abends die Toten mit hinaus. Wolfgang ist nur noch Haut- und Knochen, aus Vitaminmangel wird er nachtblind. Aber er überlebt.

Wir machen einen großen zeitlichen Sprung, bis ins Jahr 1947. Wolfgang hat inzwischen Russisch gelernt. Er ist der Dolmetscher in einem Arbeitslager in Gorki. Ende 1946 hat man ein großes Orchester  aufgebaut.  Die Noten werden aus dem Kopf aufgeschrieben. Es gibt keine gedruckten Noten. Man führt „Die Czardasfürstin“ und die „Zirkusprinzessin“ auf. Kalman, leichte  Sachen, nicht die 9. Symphonie und man lädt dazu immer die russische Lagerleitung ein. Eines Tages kündigen die Russen an, sich mit einem russischen Konzert für die deutschen Kriegsgefangenen revanchieren zu wollen. Russische Tänze und Lieder stehen auf dem Programm. Die Moderatorin ist ein hübsches, 18jähriges Mädchen, Zhanna. Wolfgangs Aufgabe ist,  Zhannas Ansagen für die tausendköpfige Zuschauermenge ins Deutsche zu übersetzen. Dies ist der Beginn einer Freundschaft, die nicht nur bis zu Wolfgangs Heimkehr 1949 dauert. Die beiden haben bis heute Kontakt.

Zhanna ist die zweite Protagonistin in unserer szenischen Collage. Sie lebt, 88jährig, immer noch in Nishni Nowgorod und auch mit ihr habe ich ein Interview gemacht. Ihre Geschichte – und die von Claus – werde ich im nächsten Blog erzählen.

Ein feines Theater in Nischni Nowgorod

 

Auf der Ulitza Warwarskaja, nicht weit vom Nischegoroder „World Trade Center“, steht ein großes Jugendstil-Backsteingebäude, das 1905 von Wohltätern errichtetet wurde, „um mittellose Einwohner mit Arbeit, Obdach und Lebensmitteln zu versorgen“, wie es in dem Büchlein „Spaziergänge durch Nischni Nowgorod“ von Jewgenij Strelkow heißt. Das Haus nennt sich „Дом Трудолюбия имени Рукавишниковых“ (Rukawischnikow-Haus des Fleißes). Es wird heute vielseitig für Kunst, Fotoateliers, Internetfirmen und Büros von Zeitungen und Versicherungen genutzt. Dort ist auch das Zentrum der Theaterkunst (Центр Театрального Мастерства).

Eingang zum Haus Trudoljubija auf der Ul. Warwarskaja

Der Kauf von Eintrittskarten für eine Vorstellung war ein landeskundliches Erlebnis. Der üppige Jugendstileingang führte in ein breites Treppenhaus – drinnen suchten wir vergebens nach einem Hinweis auf das Theater. Die Concierge wies uns über eine unbeleuchtete Treppe den Weg in die zweite Etage. Dort verlegte ein Handwerker am Treppenabsatz gerade Estrich. Mit einer Schnur war ein schmaler Durchgang gekennzeichnet, der in einen langen Flur mit vielen Türen führte. An den Wänden Bilder, Plakate und handgeschriebene Zettel, auf einer kleinen Bank saßen zwei Studentinnen, die sich angeregt unterhielten, eine junge Frau beschrieb eine schwarze Tafel.

Am Ende des Ganges eine offene Tür zu einem kleinen Theaterraum, in dem gerade die Beleuchtung für die abendliche Vorstellung eingestellt wurde. Auf Roses Frage nach Eintrittskarten wurden wir in einen Raum gegenüber gewiesen. Stärker als der Flur vermittelte der Raum einen Eindruck, der am besten mit „kreatives Chaos“ beschrieben werden kann. Gestapelte Stühle, ein Schach-Tischchen, Kabelgewirr, Kleider, Bücher, Blumen, ein kleiner Weihnachtsbaum. Jede horizontale Fläche war belegt mit Kram aller Art, mit Tellern und Töpfchen, Blumen, da standen eine Kaffeemaschine, Tassen, eine Teekanne. Der Schreibtisch voller Papiere und neben dem Computer ein Bügeleisen. Wie man sich das bunte Theaterleben halt so vorstellt.

Rose beim Kartenkauf

Erstaunlich war: hier waren wir richtig, hier gab es die Eintrittskarten und noch erstaunlicher, die meisten Vorstellungen waren bereits ausverkauft. Dieses versteckte kleine Theater ist ein Geheimtipp für Liebhaber und gut besucht. Und da die Liebhaber wissen, wo es die Eintrittskarten gibt, lassen sie sich von unbeleuchteten Treppen und von sich ausbreitenden Handwerkern nicht stören. Karten gibt es natürlich auch an den Verkaufsstellen in der Stadt, dort sind sie aber schnell ausverkauft. Und am allererstaunlichsten: Die Aufführung des Stückes „Die arme Braut“ von Ostrowski war sensationell, Rose berichtet:

Eine arme Witwe hat eine heiratsfähige Tochter, für die sie einen guten Bräutigam sucht, der sie auch ohne Mitgift nimmt. Er wird gefunden, die Tochter jedoch liebt einen andern. Die Geschichte endet tödlich. 

Dieser durchaus abgedroschene Stoff wurde vom 4. Kurs des Theater-Zuges des Konservatoriums mit so viel Elan aufgeführt, dass man für zweieinhalb Stunden die Welt draußen vergaß. Ein ‚Musiktheaterstück‘, im Charakter von Minimalmusik, in dem immer wieder die gleichen Melodien auftauchten und verschwanden, Träume und ihre Zerstörung symbolisierten. Man setzte sich ans Klavier, wo mit lauter Dramatik der aufgewühlten Seele Ausdruck verliehen wurde, bevor der Mensch und die Musik zusammenbrachen. Verfremdung, ja, aber immer im Dienst der Klärung. Durchwegs junge Schauspieler, die aber auch überzeugend ältere Menschen, Mütter, zwei Kupplerinnen darstellten. Es gab Dynamik und Melancholie, Tempo und langsame Passagen – alles, was das Leben zu bieten hat. 

Inzwischen haben wir herausgefunden, dass das Zentrum der Theaterkunst ein unabhängiges Privattheater ist, das im September 2016 von zwei Nischegoroder Schauspielern eröffnet wurde, mit dem Ziel, professionellen Kammertheatern eine Aufführungsstätte zu bieten. Workshops, Liederabende, zeitgenössische Musik, Poetry-Slams, eine Schauspielschule für Heranwachsende und eine für Erwachsene – dies sind nur einige der geplanten und teilweise schon realisierten Projekte. Alles, von der Freilegung der Ziegelwand bis zum Dielenboden wurde von privaten Mäzenen finanziert.

Am Ende: Leere und Chaos

Das junge Ensemble beim Schlussapplaus