Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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Altgläubige

Wie das Leben so spielt! Da melde ich mich im Februar bei CREF, dem Center für Russisch, Englisch und Französisch, zu einem russischen Sprachkurs an, eigentlich wenig sinnvoll für die letzten fünf Monate unseres Russlandaufenthaltes und siehe da, nicht nur verbessert der Kurs wie erwartet mein Russisch (etwas), er hat auch einen unerwarteten Nebeneffekt. Eine der Russischlehrerinnen stellt sich als hochinteressante Frau heraus. Sie hat im Fach Altrussisch promoviert und ist Russischlehrerin für Ausländer an der hiesigen medizinischen Universität. In der SU-Zeit wurde sie wegen ihres jüdischen Aussehens diskriminiert, sie erwarb deshalb ihr Wissen im Abendstudium. Wie sie selbst sagt, hat sie eher Zigeunerblut in den Adern. Ihr Vater wurde eineinhalb Jahre nach dem Tod des Großvaters geboren (ihre Worte), weder er noch ihre Mutter haben zur Klärung dieses Rätsels beigetragen.

Zum Abschied lud sie uns in ihr kleines „Literaturmuseum“ ein, wie sie es nannte. Der Eingang liegt in einem Hof, der, so warnte sie uns, „dreckig, aber ungefährlich ist“. Durch eine der hier üblichen Stahltüren und über ein kahles Betontreppenhaus kamen wir in das Museum, das sich als eine Schatzkammer entpuppte. Hier lagen in einer Vitrine uralte Bücher aus der Zeit vor der orthodoxen Kirchenspaltung von 1667 und Manuskripte, Ergebnisse der Kunstfertigkeiten der Altgläubigen.

Eingang zum kleinen „Literaturmuseum“

Die Altgläubigen lehnten die Reformen der Texte und Riten der russisch-orthodoxen Gottesdienste durch den Patriarchen Nikon ab.  Sie wurden deshalb auf einer Synode 1666/67 mit dem Kirchenbann belegt und bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts blutig verfolgt. Erst 1905 erhielten sie die Bürgerrechte. Den Verfolgungen entzogen sie sich durch Flucht in die Wälder Russlands, auch in die Umgebung von Nischni Nowgorod. So geht die Matrjoschka-Fabrik in Semjonow (80 km von Nischni entfernt) auf geflüchtete Altgläubige zurück, die das Schnitzer-Handwerk mitbrachten.

Für die Altgläubigen ist die strikte Einhaltung der überlieferten Formen eine wesentliche Bedingung für den rechten Glauben. Als Beispiel wird oft das Kreuzzeichen genannt: Richtig ist „Zwei Finger gerade, drei gekrümmt“ und nicht wie bei Nikon „Drei Finger gerade und zwei gekrümmt“. Prozessionen müssen sich im Uhrzeigersinn (mit dem Sonnenlauf) und nicht andersherum bewegen. Der Name Christi lautet Iсусь (Isus) statt Iисусь (Jisus), wie bei Nikon. Unterschiede gibt auch in den heiligen Texten. Im Glaubensbekenntnis: „…an den Heiligen Geist, den wahren Herren“ gegenüber „…an den Heiligen Geist, den Herren“. Für uns ist das nicht zu verstehen, aber (Zitat nach Wikipedia): „Zur Erhaltung eines Mikroklimas, in dem der Mensch seine Seele retten kann, sei nicht nur das Befolgen der Gebote Christi erforderlich, sondern auch eine sorgfältige Bewahrung der kirchlichen Überlieferung, die geistige Kräfte und spirituelle Erfahrung vieler Jahrhunderten in sich trägt, deren Formen zwar äußerlich, aber nicht willkürlich seien“.

Deshalb weigerten sich die Altgläubigen die nach der Kirchenspaltung von den Orthodoxen gedruckten Bücher zu lesen, weil sie Abweichungen von den ursprünglichen Texten befürchteten, durch die die neuen Bücher unheilig würden. Deshalb nutzten sie nur die alten Bücher weiter und retteten sie so in unsere Tage.

Gedrucktes Buch (vor 1667) mit Leseanweisungen am Rand. Es überstand einen Brand – dank des schweren Ledereinbandes und der Eisenschnallen, die es fest verschlossen.

 

Ebenso eindrucksvoll waren die von Hand geschriebenen Bücher mit ihren Buchmalereien, Gebetbücher, die Leidensgeschichte oder Ordensregeln, aber auch Briefe und theologische Abhandlungen. Einen Eindruck geben eine handgeschriebene Ordensregel oder eine Seite eines Gesangbuches mit altrussischen Neumen, noten-ähnlichen Zeichen.

Ordensregel, Handschrift aus dem 16. Jh. Über dem Buch liegt eine Lestowka (Лестовка), der lederne Rosenkranz der Altgläubigen

Handschrift, Altrussische Neumen Ende 19./Anfang 20. Jh.

 

Eine bewegende Geschichte hat ein im Museum ausgestellter Schuh aus Birkenrinde. Er stammt von der sechsköpfigen Familie Lykow (Лыков), die 1936 in die sibirischen Taiga geflohen war, um der staatlichen Verfolgung zu entgehen. Sie gelangte an den Abakan und zog sich, wenn sie entdeckt wurde, immer weiter zum Oberlauf dieses Flusses zurück, bis man sie schließlich vergaß. Sie lebte dort völlig isoliert, 250 km von der nächsten menschlichen Siedlung entfernt, bis 1978 ein Team von Geologen zufällig auf sie stieß. 1978 war 7486 Jahre nach Erschaffung der Welt, die die Altgläubigen auf das Jahr 5508 vor Christus datieren. Die Familie bestand damals aus dem Vater, zwei Söhnen und zwei Töchtern, die Mutter war schon 1961 gestorben, wahrscheinlich verhungert. Die jüngste Tochter Agafja lebt bis heute allein in der Einsamkeit. Die Vorfahren der Lykows stammen aus der Gegend von Nischni Nowgorod, sie lebten in den Wäldern am Kerschenez, einem kleinen Nebenfluss der Wolga.

Birkenrinden-Schuh der Familie Lykow

 

Wikipedia nennt zwei Bücher über diese Familie:

  • Wassili Peskow: Die Vergessenen der Taiga: die unglaubliche Geschichte einer sibirischen Familie jenseits der Zivilisation. Goldmann, München 1996, ISBN 3-442-12637-1.
  • Jens Mühling: Mein russisches Abenteuer. Auf der Suche nach der wahren russischen Seele. Dumont Buchverlag, Köln 2012, ISBN 978-3-8321-9589-2.

Das sind alles sehr spannende Geschichten, vor allem wenn man unverhofft handfest damit in Berührung kommt. Der Titel von Jens Mühlings Reisebeschreibung spricht uns aus der Seele: „Mein russisches Abenteuer“. Unser russisches Abenteuer ist noch nicht ganz zu Ende, aber das Ende rückt immer näher.

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Der 8. und der 9. Mai 2017 in Moskau

Die elfte Reise nach Moskau in den zweieinhalb Jahren unseres Russlandaufenthaltes galt der Feier des 8. Mai. Der erste Metro-Zug am Kursker Bahnhof in Moskau empfing uns martialisch mit Fotos und Plakaten zum Tag des Sieges: an den Türen Bilder von Waffen und russischen Soldaten aus dem 2. Weltkrieg und im Wagen Beschreibungen der großen siegreichen Schlachten. Allerdings haben wir bei den fünf weiteren Metro-Fahrten dies nicht mehr gesehen, da hing in den Wagen wie in der Vergangenheit vor allem Werbung, unter anderem für (billige?) Kredite mit 12,5 % Zinsen.

Die Stadt war für den großen russischen Feiertag üppig geschmückt. Das oft zu sehende offizielle Logo bestand aus den Worten „Tag des Sieges 9. Mai“ und dem Georgsband aus dem weiße Blüten wachsen. Groß prangte es auf den hellblauen Rückwänden der „Public Viewing“ Bildschirme für die Übertragung der Parade auf dem Roten Platz.

Das diesjährige Logo zum Tag des 9.Mai

In vielen Schaufenstern hingen kleinere Formate in verschiedenen Ausführungen. Wie immer bei solchen Festen waren in den Fußgängerzonen und auf den Plätzen viele Pavillons mit Cafés, Verkaufsbuden und kleine Bühnen aufgebaut. Im Rahmen des Moskauer Frühlings sangen an 49 Stellen in der Stadt a capella Gruppen. In der Nähe unseres Hotels ein georgisches Trio in landesüblicher Tracht mit den stilisierten Patronengürteln über der Brust.

Nach einem ausgezeichneten (frühen) Abendessen am Vorabend unseres Festes im besten usbekischen Restaurant Moskaus „Weiße Wüstensonne“ mit Plov, Reis und Fleischspießen – ohne die später dort zu bewundernde Bauchtänzerin – gingen wir in die Tschaikowski-Philharmonie am Triumphplatz zu einem Gala-Chorkonzert, das im Rahmen des 16. von Waleri Gergijew geleiteten Moskauer Osterfestivals (ХVI Сезон Пасхальный Фестиваль) stattfand.

Schlussauftritt aller Chöre im Tschaikowski-Saal

Aus Russland waren ein St. Petersburger und ein Moskauer Chor zu hören, die anderen Chöre kamen aus Sofia, Stockholm, Tiflis, Prag. Der tschechische Jugendchor aus Prag belebte das eher ernste Programm mit volkstümlichen Weisen und Tänzen. Besonders beeindruckte uns der georgische Jugendchor Mdslewari  (kein Tippfehler) mit seinen kräftigen Stimmen und ungewohnten, sich leicht reibenden Harmonien vor allem in den Oberstimmen. Auch sonst war das Programm sehr vielseitig, es reichte von einer achtstimmigen Madrigale von Diletzki aus dem 17. Jh. (gesungen von den dreizehn Sängern vom „Chor der sieben Heiligen“ aus Sofia), schwedischen Sommerliedern bis zu alten und modernen Kirchenliedern der russischen Ensembles. Am Schluss sangen alle Chöre stimmkräftig einen österlichen Choral „Christus ist auferstanden“.

Nach diesem gebührenden Auftaktabend wollten wir am nächsten Tag, unserem Festtag, die Mjasnizkaja Uliza mit ihren Jugendstil-Häusern, dem konstruktivistischen Centrosojus-Haus von Le Corbusier und dem vom Teehändler Perlowa errichteten Teehaus im chinesischen Stil ansehen. Wir gingen trotz schlechten Wetters los, doch es war – gelinde gesagt – wenig genussreich: die Schirme behinderten die Sicht und Fotografieren war wegen des Regens kaum möglich. Als es dann auch noch in dicken Flocken zu schneien begann, gaben wir auf und flüchteten –  weil Museen montags auch in Moskau geschlossen sind – zurück in unser Hotel Budapest. Die a capella Gruppen ließen sich offensichtlich weder vom Wind, noch von Schnee oder Kälte stören. Auf der Kusnetzski Most sangen junge Russen in Winterkleidung und geschützt von der Konzertmuschel vor einem spärlichen Publikum.

Rose lauscht unter blauem Schirm dem Gesang

Dennoch war der Tag für uns noch nicht verloren. Mitternacht war schon überschritten, als wir uns nach einem anregenden Abend mit Freunden bei leichtem Regen auf den Heimweg machten – zu Fuß, aus Drang nach Bewegung. Nachts sieht die Welt anders aus, vor allem wenn Straßenbauarbeiten auf dem Boulevardring zu Umwegen zwingen. Wir ahnten nicht, dass wir einen jungen Mann mit unserer Frage nach dem Weg glücklich machen. „Was, ihr seid Ausländer? Und ihr lauft hier nach Mitternacht bei Regen herum! Und wollt kein Taxi! Und sprecht Englisch?“ Da machte er buchstäblich einen Freudensprung. „Ich habe seit vielen Jahren kein Englisch mehr gesprochen. Darf ich euch ins Hotel begleiten?“ Er rief sofort seine Frau an und erzählte ihr von seinem Glück. Und dann umtanzte er uns förmlich, lief rückwärts vor uns her und radebrechte drauf los. Unbegreiflich für ihn, dass Deutsche aus Stuttgart keinen Porsche oder mindestens Mercedes fahren. Er bedauerte, uns sagen zu müssen, wie sehr er sich freue, dass Russlands Hockey-Team die Deutschen soeben 6 : 3 besiegt habe, und das ein Tag vor dem 9. Mai! Kurzweilig unterhalten und ziemlich durchnässt kamen wir nach einer dreiviertel Stunde schließlich in unser Hotel und so endete Roses Festtag, ihr halbrunder Geburtstag, vergnüglicher als es das unfreundliche Wetter erwarten ließ.

Stellwände mit Kriegserinnerungen auf dem Boulevardring, nachts um eins

Am Dienstag dann der 9. Mai, der Tag des Sieges, der große Feiertag in Russland! Der Rote Platz war weiträumig abgesperrt, selbst auf den Theaterplatz und auf die Twerskaja kam man, für uns unerwartet, nur mit einem Passierschein. So gelang uns auch kein Blick auf einen der Bildschirme, die wir tags zuvor gesehen hatten und damit auch nicht auf die Parade. Selbst „Безмертный Полк“, das „Unsterbliche Regiment“ blieb uns verwehrt. Bei diesem Umzug tragen die Teilnehmer Fotos der Gefallenen – und wie wir auf den Schildern gesehen haben – auch überlebender Kriegsteilnehmer des 2. Weltkrieges. Diese Erinnerung an die Angehörigen ist bei der Bevölkerung beliebter als die Militärparaden und findet in allen Städten statt. Auch in Nischni Nowgorod war der Zug – wie uns berichtet wurde – sehr eindrucksvoll.

Mit vielen anderen liefen wir zunächst etwas enttäuscht herum, vorbei an Händlern und kleinen Verkaufsständen, die Fahnen in den russischen Nationalfarben und mit dem 9.Mai-Logo anboten, sowie Georgsbänder und die typischen olivfarbenen Militärmützen, die Pilotkas (Пилотка). Das Wetter war sehr kühl und feucht, aber es regnete nicht immer.

Warten auf den Beginn des Umzuges oder auch ohne Passierschein?

Nachdem wir eine der nicht geschlossenen Metrostationen gefunden hatten, fuhren wir zur „ВДНХ“, der früheren „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“. Auf einem Gelände in der Größe einer Weltausstellung stellte sich jede Republik der Sowjetunion in einem eigenen Pavillon vor, der meist ein riesiges Gebäude war. Jetzt wird der Park für Ausstellungen, für die Erholung und für Messen genutzt.

Ausstellungsgebäude im БДНХ-Park: „Russland – Meine Geschichte“

Von der Metrostation läuft man gut eine halbe Stunde vorbei an dem Kosmonauten-Denkmal bis zum Ausstellungspavillon für die Geschichte Russlands, die dort wird in drei Teilen behandelt wird: die Dynastien der Ruriks, der Romanows und die Zeit der Sowjetunion von 1917 bis 1945. Ein weiterer Abschnitt, von 1945 bis 2000, wird noch in diesem Jahr eröffnet. Mit einem Audioguide in Englisch war die Ausstellung auch für mich höchst interessant. Auf einer als Zeitleiste gestalteten Wand sind die Ereignisse chronologisch dargestellt, davor interaktive Bildschirme, auf denen man in Russisch detaillierte Informationen abrufen kann. Auf der gegenüberliegenden Seite Schautafeln mit Statistiken, Texten und Fotos zu Personen und Ereignissen und immer wieder interaktive Bildschirme. In kleineren Räumen laufen Filme oder es werden einzelne Themen behandelt. Regelmäßig gibt es für bestimmte Zeitabschnitte eine Graphik, in der die Fläche, die Einwohnerzahl und das Bruttoinlandsprodukt der Sowjetunion dargestellt sind. Alles sehr informativ, modern präsentiert; es ist verständlich, dass russische Freunde dort einen ganzen Tag verbrachten.

Infographiken über Fläche, Einwohnerzahl und Bruttoinlandsprodukt 1940 und 1945

Als ein weiteres Beispiel für die Art der Darstellung ein Ausschnitt der Zeitleiste vom Sommer 1939. Unter anderem sind da aufgeführt: Der Molotow-Rippentrop-Vertrag vom 23. August, der Beginn des 2. Weltkrieges am 1. September, die Besetzung der Westukraine und Weißrusslands durch die Rote Armee am 17. September und der Russisch-Finnische Krieg vom 30. November bis 12. März 1940.

Der Sommer 1939 in der Ausstellung

Glücklich erreichten wir abends unseren Zug nach Nischni am Kursker Bahnhof. Glücklich, weil wir trotz des nassen und kalten Wetters und des für uns nicht zugänglichen Stadtzentrums wieder viel Interessantes in Moskau erlebt hatten, aber auch glücklich, dass wir den Zug trotz eines großen Umweges gerade noch erwischten. Denn leider hatten uns nicht einmal die Wachtposten sagen können, wann und wo die Absperrungen aufgehoben werden und welche Metrostationen geschlossen sind. Der Zug fuhr ab, zwei Minuten nach dem wir eingestiegen waren.

Erster Raum der Ausstellung: Ende des Zarenreiches

Karte mit den Lagern des Gulag 1946, Zahl der Häftlinge: 1 355 739

Maiakowski Denkmal am Triumph Platz (7. Mai 2017)

Mit allen Symbolen ausgestattet: Fahne mit Logo, Georgsband und Käppi

Partisanen, Foto von der Plakatwand am Boulevardring 

Schulnotizen zum 9. Mai

Meine Schüler haben durchweg ein unambivalentes Verhältnis zum 9. Mai: ‚Es ist ein sehr schöner und großer Feiertag‘. ‚Wir sind stolz und dankbar, dass unsere Urgroßeltern das Land von den Faschisten befreiten.‘ ‚Wir möchten uns erinnern, und ihnen danken.‘

Wie sie mit ihren Familien den Tag verbringen? Sie legen Blumen am ewigen Feuer im Kreml nieder, schauen die Moskauer Parade im Fernsehen an, essen gut, sehen mit der Familie alte Fotoalben an, singen Kriegslieder. Wobei man wissen muss, dass diese Lieder nichts Chauvinistisches haben. Das berühmteste, „Katjuscha“ ist auch in Deutschland bekannt und hat Volksliedcharakter. Es erzählt von der treuen Geliebten, Katjuscha, die die Liebe schützt, während ihr Geliebter das Vaterland beschützt. Meistens aber sind die Lieder von einer tiefen Trauer (über den Sohn, Mann, Vater, der nicht aus der Schlacht zurückkam (»Он не вернулся из боя…»). Sie handeln von der Anonymität des Sterbens («На братских мотилах не ставят крестов»), von Opferbereitschaft, Kameradschaft, Tapferkeit.

Letztes Jahr besuchten wir ein Konzert von Kriegsliedern in der Oper. Dies ist der passende Rahmen. Hier wird keine Marschmusik gespielt, eher Romanzen und Chansons. Oft sind sie voller Poesie. Um die Stimmung zu zeigen, möchte ich hier eines der berühmtesten Lieder von Mark Bernes abdrucken, das kongenial ins Deutsche übersetzt wurde. Man kann es gleichzeitig unter folgendem Link als YouTube Film anschauen und hören:

https://www.youtube.com/watch?v=XZZHISSfHv4

Zhuravli (Журавли)

Мне кажется порою, что солдаты,

С кровавых не пришедшие полей,

Не в землю нашу полегли когда-то,

А превратились в белых журавлей.

 

Они до сей поры с времен тех дальних

Летят и подают нам голоса.

Не потому ль так часто и печально

Мы замолкаем, глядя в небеса?

 

 

Летит, летит по небу клин усталый,

Летит в тумане на исходе дня,

И в том строю есть промежуток малый,

Быть может, это место для меня.

 

Настанет день, и с журавлиной стаей

Я поплыву в такой же сизой мгле,

Из-под небес по-птичьи окликая

Всех вас, кого оставил на земле.

 

 

Мне кажется порою, что солдаты,

С кровавых не пришедшие полей,

Не в землю нашу полегли когда-то,

А превратились в белых журавлей..

———————————

 

Автор текста: Расул Гамзатов

Композитор: Ян Френкель

Исполняет: Марк Бернес

 

Kraniche

Ich denke manchmal, unsere Soldaten –

dahingemäht auf blutdurchtränktem Feld –

Ruh’n nicht, wo Kameraden sie verscharrten:

Sie sind nun Kraniche am Himmelszelt.

 

Laut rufend zieh’n sie ständig ihre Bahnen

Als weiße Kraniche seit eh und je.

Und weil wir unbewusst die Nähe ahnen

Schau’n wir betrübt und schweigend in die Höh‘

 

Dort fliegen sie und fliegen, unsre Lieben

Im Nebel bis ans Ende ihrer Zeit.

Ein kleiner Zwischenraum ist nur geblieben –

Vielleicht hält man den Platz für mich bereit?

 

 

Dann zög‘ auch ich an trüben, grauen Tagen

mit ihrem Schwarm, der mir die Richtung wies,

Würd‘ aus der Höhe vogelartig klagen

Euch rufend, die auf Erden ich verließ.

 

Ich denke manchmal, unsere Soldaten-

dahingemäht auf blutdurchtränktem Feld –

ruh’n nicht, wo Kameraden sie verscharrten:

Sie sind nun Kraniche am Himmelszelt.

 

 

Autor des Textes: Rasul Gamzatow

Komponist: Jan Frenkel

Interpret: Mark Bernes

 

 

Nicht so poetisch, aber sehr pazifistisch ist auch das Lied „Für den Rest des Lebens“ – «На всю оставшуюся жизнь»

https://www.youtube.com/watch?v=EwMna0eDdvw

Автор: В.Баснер—П.Фоменко,Б.Вахтин

Альбом: Звездопад

 Сестра,ты помнишь как из боя Меня ты вынесла в санбат? Остались живы мы с тобою В тот раз, товарищ мой и брат. На всю оставшуюся жизнь Нам хватит подвигов и славы, Победы над врагом кровавым,- На всю оставшуюся жизнь. 

 

 

Горел Днепр, Нева и Волга, Горели небо и поля… Одна беда, одна тревога, Одна судьба, одна земля… На всю оставшуюся жизнь Нам хватит горя и печали. Где те, кого мы потеряли На всю оставшуюся жизнь? 

 

 

Сестра и брат…Взаимной верой Мы были сильными вдвойне. Мы шли к любви и милосердию В немилосердной той войне. На всю оставшуюся жизнь Запомним братство фронтовое, Как завещание святое На всю оставшуюся жизнь.

 

 

 

 

 

Schwester, erinnerst du dich, wie du mich auf der Bahre aus der Schlacht getragen hast? Dieses Mal sind wir am Leben geblieben, wir zwei, und auch mein Kamerad und Bruder.

Für den Rest des Lebens

Haben wir genug von Heldentaten und Ruhm,

vom Sieg über den blutigen Feind,-

für den Rest des Lebens.

 

Es brannte der Dnepr, die Newa und die Wolga, es brannten der Himmel und die Felder…

Nur Leid, nur Аngst,

nur Schicksal, nur Erde…

Für den Rest unseres Lebens

Reichen uns der Schmerz und die Trauer.

Wo sind die, die wir verloren haben

Für den Rest unseres Lebens?

 

Schwester und Bruder….im gegenseitigen Glauben waren wir doppelt so stark.

Wir gingen zu Liebe und Barmherzigkeit

In diesem erbarmungslosen Krieg.

Für den Rest unseres Lebens

Erinnern wir uns an die Brüderlichkeit an der Front, wie ein heiliges Vermächtnis

Für den Rest unseres Lebens.

 Alles in allem ist der 9. Mai ein heiliger Feiertag. Es geht es hier um große Gefühle.

Aber es gibt noch andere Aspekte. Meine Geschichtslehrer-Kollegin beklagt, dass die Schüler in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg voller Emotionen, aber ohne Wissen sind. Andere Kollegen haben ein gespaltenes Verhältnis zu den Paraden, die in postsowjetischer Zeit 2005 wiederaufgenommen wurden und wuchtige Demonstrationen militärischer Stärke darstellen. Freunde kritisieren die Militarisierung schon im Kindergarten, wo die kleinen Jungen in Soldaten- und die kleinen Mädchen in Krankenschwester-Uniformen zum Erinnerungsfoto aufgestellt werden. Oder den seit einiger Zeit öfter zu hörenden Spruch: »Можем повторить» – „Wir können das wiederholen.“ 

Das Wachpersonal an unserer Schule sind durchweg Armee- (nicht Kriegs-) Veteranen. Einer von ihnen besuchte auch unser Stück „Komm wieder, aber ohne Waffen“ und war zutiefst beeindruckt. Am 7. Mai schenkte er mir zwei Pralinen mit dem Kommentar: Frau Rosa, früher haben wir euch verdroschen, aber jetzt möchte ich Ihnen das schenken, «от душы» – aus tiefster Seele.

 

 

 

 

 

 

Komm wieder – aber ohne Waffen (Teil 5) Das Projekt

Nachdem ich Peter Stegers Sammelband „Komm wieder, aber ohne Waffen“ und die Protagonisten vorgestellt habe, ist es jetzt an der Zeit, unser Projekt zu beschreiben: Mit Schülerinnen aus der zehnten Klasse unter Federführung meiner Kollegin Marina haben wir ein Stück aus fünf Szenen geschrieben, das sich der Erlebnisse von Wolfgang Morell, Claus Fritzsche und Zhanna Woronzowa bedient, darüber hinaus aber noch viele Erinnerungen anderer deutscher Soldaten an die sowjetische Kriegsgefangenschaft in sich aufgenommen hat. Unser ‚Held‘ heißt Alex, (Zhanna nennt ihn Sascha) und vereinigt Claus und Wolfgang in sich.

Szene 1 beschreibt die euphorische Stimmung in Saschas (Claus Fritzsches) Bordfunkerschule. Die jungen Männer verbinden Krieg mit Ruhm und Heldentum und können es nicht erwarten, an die Front zu kommen.

Szene 2 zeigt die Gefangennahme von Sascha (Wolfgang Morell).

Szene 3 schildert die Härte der sowjetischen Kriegsgefangenschaft: die schwere Arbeit, die Kälte, den Hunger, aber auch immer wieder Momente der Annäherung mit Russen.

Szene 4 zeigt den Vortrag eines sowjetischen Professors über den Bolschewismus und in dem Zusammenhang den weltanschaulichen Riss der durch das Lager geht: Antifa oder nicht Antifa – das ist hier die Frage.

In Szene 5 findet das Konzert statt, in dem sich Sascha und Zhanna begegnen und verlieben.

In Szene 6 dürfen die deutschen Kriegsgefangenen endlich nach Hause.

Im Epilog liest Sascha Zhannas Liebesbrief.

Unsere Darsteller sind Schülerinnen und Schüler der zehnten Klasse. Es ist anrührend, sich klarzumachen, dass die 16-Jährigen nicht viel jünger sind, als Claus und Wolfgang bei Ausbruch des Krieges. Immer wieder werden   Ausschnitte aus den Interviews eingeblendet, die ich mit Wolfgang und Zhanna in den letzten Monaten gemacht habe. Claus, der in Moritzburg wohnt, konnte ich leider nicht interviewen. Er hat uns aber einen Dokumentarfilm über sein Leben zur Verfügung gestellt, aus dem wir einen Ausschnitt zeigen. Dadurch entsteht der Effekt, dass sich die Senioren zurückerinnern und dann der Gegenstand ihrer Erinnerungen auf der Bühne gezeigt wird.

Hinterlegt wird die szenische Darstellung durch Fotos und Bilder vom Krieg, untermalt wird sie immer wieder durch Musik: Ausschnitte aus Beethovens Neunter Symphonie, Schostakowitschs Neunter Symphonie, Carl Orffs „Carmina Burana“…

Regie führt Marina, die zwar zwei Studienabschlüsse in Geschichte und Musik hat, aber gerne Regisseurin geworden wäre. Unterstützt wird sie von unserer Schul-Theaterlehrerin (so jemand haben wir. Ethel ist nicht nur für Schulaufführungen zuständig, sie bereitet auch Schüler für Vortragswettbewerbe in Poesie vor, von denen sie regelmäßig mit Preisen zurückkommen) und von mir. Große Hilfe leisten auch Claus und Wolfgang, denen ich immer wieder Szenen schicke (in russischer Sprache wohlgemerkt!)  mit der Bitte, sie auf biografische und historische Richtigkeit hin kritisch durchzulesen. Prompt kommen sie dann kommentiert zurück. Eine große Bereicherung sind auch die Materialen, die uns die beiden Veteranen zur Verfügung gestellt haben. Von Wolfgang haben wir Fotos von Karten und Briefen erhalten, die er zwischen 1945 und 1949 aus dem Lager nach Hause geschickt hat. Ich habe sie mit Schülerinnen und Schülern meiner elften Klasse ins Russische übersetzt, meine Kollegin Galina hat sie redigiert. Sie werden Bestandteil unserer Ausstellung, ebenso wie die Fotos aus der Gefangenschaft, die uns Claus Fritzsche geschickt hat. Sie sind eine absolute Rarität, denn wer hatte schon im Lager einen Fotoapparat, und – wer konnte Fotos über die Grenze bringen? Claus gelang es, indem er den Zöllner mit einer Stange Papyrossi schmierte.

Unser Projekt weckt allseits Interesse. Neulich spielten wir den Elternvertretern eine Szene vor, um sie um ihre Mithilfe zu bitten. Die Resonanz war riesig. Die Eltern überboten sich mit Vorschlägen, wo man Kostüme und Requisiten herbekommen kann. Letzte Woche mussten wir einer Elternvertreterin eine Liste mit Schuh- und Kleidergrößen schicken.  Unsere Arbeit wird auch von der Schulleitung mitgetragen, die ein Auge zudrückt, wenn zunehmend öfter Schüler aus dem Unterricht genommen und zu Proben geholt werden.

Denn nächste Woche ist es soweit: Peter Stegers „Komm wieder – aber ohne Waffen“ wurde ins Russische übersetzt. Аm 11. April wird „Возвращайся, но без оружия“ in Wladimir präsentiert. Anreisen werden zu diesem Zweck nicht nur Peter Steger und der Erlanger Oberbürgermeister. Zu unserer großen Freude hat sich auch der 95-jährige Wolfgang Morell entschlossen, mitzukommen. Wenn alles klappt, werden wir im Rahmen der Feierlichkeiten zwei oder drei Szenen aus unserem Stück aufführen und das ganze Stück am 12. April vor Veteranen zeigen. Die Premiere an unserer Schule ist am 15. April, Wolfgang Morell wird der Ehrengast sein.

Das Redaktionsteam in Marinas Wohnung ist zufrieden mit seiner Arbeit. Gerade wurden die Film- und Musikausschnitte geschnitten und montiert.

Ethel, unsere Theaterlehrerin, zeigt den ‚Kriegsgefangenen‘, wie lang der Faden beim Nähen maximal sein soll. Im Lager 469/1 gab es eine Schneiderwerkstatt.

 Aufmerksam lauschen die Schauspieler und Marina der konstruktiven Kritik einer Lehrerin der Schauspielschule. Sie sagt den Schülern, sie müssen noch ‚deutscher‘ werden.

 

Ein feines Theater in Nischni Nowgorod

 

Auf der Ulitza Warwarskaja, nicht weit vom Nischegoroder „World Trade Center“, steht ein großes Jugendstil-Backsteingebäude, das 1905 von Wohltätern errichtetet wurde, „um mittellose Einwohner mit Arbeit, Obdach und Lebensmitteln zu versorgen“, wie es in dem Büchlein „Spaziergänge durch Nischni Nowgorod“ von Jewgenij Strelkow heißt. Das Haus nennt sich „Дом Трудолюбия имени Рукавишниковых“ (Rukawischnikow-Haus des Fleißes). Es wird heute vielseitig für Kunst, Fotoateliers, Internetfirmen und Büros von Zeitungen und Versicherungen genutzt. Dort ist auch das Zentrum der Theaterkunst (Центр Театрального Мастерства).

Eingang zum Haus Trudoljubija auf der Ul. Warwarskaja

Der Kauf von Eintrittskarten für eine Vorstellung war ein landeskundliches Erlebnis. Der üppige Jugendstileingang führte in ein breites Treppenhaus – drinnen suchten wir vergebens nach einem Hinweis auf das Theater. Die Concierge wies uns über eine unbeleuchtete Treppe den Weg in die zweite Etage. Dort verlegte ein Handwerker am Treppenabsatz gerade Estrich. Mit einer Schnur war ein schmaler Durchgang gekennzeichnet, der in einen langen Flur mit vielen Türen führte. An den Wänden Bilder, Plakate und handgeschriebene Zettel, auf einer kleinen Bank saßen zwei Studentinnen, die sich angeregt unterhielten, eine junge Frau beschrieb eine schwarze Tafel.

Am Ende des Ganges eine offene Tür zu einem kleinen Theaterraum, in dem gerade die Beleuchtung für die abendliche Vorstellung eingestellt wurde. Auf Roses Frage nach Eintrittskarten wurden wir in einen Raum gegenüber gewiesen. Stärker als der Flur vermittelte der Raum einen Eindruck, der am besten mit „kreatives Chaos“ beschrieben werden kann. Gestapelte Stühle, ein Schach-Tischchen, Kabelgewirr, Kleider, Bücher, Blumen, ein kleiner Weihnachtsbaum. Jede horizontale Fläche war belegt mit Kram aller Art, mit Tellern und Töpfchen, Blumen, da standen eine Kaffeemaschine, Tassen, eine Teekanne. Der Schreibtisch voller Papiere und neben dem Computer ein Bügeleisen. Wie man sich das bunte Theaterleben halt so vorstellt.

Rose beim Kartenkauf

Erstaunlich war: hier waren wir richtig, hier gab es die Eintrittskarten und noch erstaunlicher, die meisten Vorstellungen waren bereits ausverkauft. Dieses versteckte kleine Theater ist ein Geheimtipp für Liebhaber und gut besucht. Und da die Liebhaber wissen, wo es die Eintrittskarten gibt, lassen sie sich von unbeleuchteten Treppen und von sich ausbreitenden Handwerkern nicht stören. Karten gibt es natürlich auch an den Verkaufsstellen in der Stadt, dort sind sie aber schnell ausverkauft. Und am allererstaunlichsten: Die Aufführung des Stückes „Die arme Braut“ von Ostrowski war sensationell, Rose berichtet:

Eine arme Witwe hat eine heiratsfähige Tochter, für die sie einen guten Bräutigam sucht, der sie auch ohne Mitgift nimmt. Er wird gefunden, die Tochter jedoch liebt einen andern. Die Geschichte endet tödlich. 

Dieser durchaus abgedroschene Stoff wurde vom 4. Kurs des Theater-Zuges des Konservatoriums mit so viel Elan aufgeführt, dass man für zweieinhalb Stunden die Welt draußen vergaß. Ein ‚Musiktheaterstück‘, im Charakter von Minimalmusik, in dem immer wieder die gleichen Melodien auftauchten und verschwanden, Träume und ihre Zerstörung symbolisierten. Man setzte sich ans Klavier, wo mit lauter Dramatik der aufgewühlten Seele Ausdruck verliehen wurde, bevor der Mensch und die Musik zusammenbrachen. Verfremdung, ja, aber immer im Dienst der Klärung. Durchwegs junge Schauspieler, die aber auch überzeugend ältere Menschen, Mütter, zwei Kupplerinnen darstellten. Es gab Dynamik und Melancholie, Tempo und langsame Passagen – alles, was das Leben zu bieten hat. 

Inzwischen haben wir herausgefunden, dass das Zentrum der Theaterkunst ein unabhängiges Privattheater ist, das im September 2016 von zwei Nischegoroder Schauspielern eröffnet wurde, mit dem Ziel, professionellen Kammertheatern eine Aufführungsstätte zu bieten. Workshops, Liederabende, zeitgenössische Musik, Poetry-Slams, eine Schauspielschule für Heranwachsende und eine für Erwachsene – dies sind nur einige der geplanten und teilweise schon realisierten Projekte. Alles, von der Freilegung der Ziegelwand bis zum Dielenboden wurde von privaten Mäzenen finanziert.

Am Ende: Leere und Chaos

Das junge Ensemble beim Schlussapplaus

 

 

 

 

Stepan Eguraew – und zwei Konzerte

 

Der 23. Februar, der „Tag des Vaterlandsverteidigers“ (Vatertag) fiel dieses Jahr auf einen Donnerstag. Er hat Russland ein verlängertes Wochenende geschenkt, Schulen und Ämter waren von Donnerstag bis Sonntag geschlossen, die Geschäfte hatten fast alle geöffnet.

Die Sensation dieses Wochenendes bescherte uns der Sänger Stepan Eguraew, dessen hohe Gesangskunst wir schon in vielen Berichten gewürdigt haben. Siegie und seine Frau Irina sprechen von ihm als ihrem Ziehsohn. Sie haben ihn seit vielen Jahren begleitet und gefördert, vor allem organisierten sie Konzertreisen für ihn nach Deutschland und in die Schweiz.

Julia Rumiantsewa, Stepan Eguraew und seine Frau Anna.

 Das Foto stammt aus einem Bericht über die Konzertreise nach Deutschland und der Schweiz im Sommer 2016 in der Zeitschrift «Собака», Ausgabe Dez.16/Jan.17.

 

Nun hat der Solist Stepan Eguraev eine erstaunliche Karriere gemacht: Er ist seit kurzem Mitglied des berühmten Alexandrow-Chores, für uns und wohl auch für ihn ein überraschender Schritt.

Das Alexandrow-Ensemble ist ein Soldatenchor. Es wurde am 12. Oktober 1928 in Moskau von Alexander Alexandrow gegründet, dem späteren Komponisten der Nationalhymne der Sowjetunion, die heute wieder die Nationalhymne Russlands ist. Bei einem Flugzeugabsturz am 25. Dezember 2016 in der Nähe von Sotschi kamen 64 Sänger, Solisten und Musiker des Ensembles ums Leben. (Wikipedia)

Stepan als einfacher Chorsänger und das noch in einem militärischen, wenn auch hochqualifizierten Chor war für uns schwer vorstellbar. Aber schon bei seinem ersten Konzert nach drei Wochen wurde klar, dass er dort mehr ist als nur Chormitglied: Am Tag des Vaterlandsverteidigers wurde er bei einem Auftritt des Ensembles im Moskauer Kreml als Solist eingesetzt, unter den Zuhörern war auch Putin. Stepans überragende gesangliche Fähigkeiten hatten offenbar auch die Verantwortlichen der Chorleitung sofort überzeugt.

Am 24. Februar rief Stepan bei Siegie an, er würde wieder in einem großen Konzert zu hören und zu sehen sein, diesmal bei der Eröffnung der 3. CISM Militär-Winterweltmeisterschaften in Sotschi. Bei einem üppigen, von Irina bereiteten russischen Abendessen (nebenbei gesagt: von vier bis acht) sahen wir uns eine TV-Aufzeichnung des Konzertes an. Dabei entstand mittels Screenshot das folgende Bild.  Link: https://www.youtube.com/watch?v=8ikudgdyeN4

Stepan Eguraew bei der Eröffnung der Militär-Wintermeisterschaften 2017 in Sotschi

    

An den „3. CISM Winter – Meisterschaften in Sotschi“ vom 22.-28. Februar 2017 nahmen Soldaten aus 22 Nationen teil, u.a. aus Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Rumänien und der Schweiz. CISM (Conseil International du Sport Militaire) wurde 1948 von fünf europäischen Ländern gegründet. Das Ziel der Gründerväter war, sich in Sportarenen statt auf Schlachtfeldern zu treffen. Der offizielle Slogan lautet „Freundschaft durch Sport“.

Russische Streitkräfte haben also mit Soldaten aus etlichen Nato-Ländern Wand an Wand geschlafen und an einem Tisch gegessen. Angesichts der wieder zunehmenden Spannungen in der Ukraine und der Verstärkung der Nato-Präsenz in Osteuropa eine bemerkenswerte Veranstaltung. (taz.de vom 28.02.2017)

Die nächsten CISM-Winterspiele werden 2021 von Deutschland ausgerichtet.

 

Ein ganz anderes musikalisches Ereignis erlebten wir am Vatertag hier in Nischni im kürzlich renovierten Opernhaus, in dem Eingangshalle, Gänge und Treppen und die Fassade in neuem kühlen Glanz erstrahlen.

Академический Театр Оперы и Балета им.А.С.Пушкина

Im intimen Rahmen des Foyers fand ein Konzert statt. Die meist älteren Zuhörer saßen in bequemen Doppelsesseln und lauschten den Sängerinnen und Sängern, die mit Klavierbegleitung Arien aus Opern russischer Komponisten (Glinka, Tschaikowski, Borodin, Rimski-Korsakow u.a.), Romanzen und Volkslieder vortrugen. Für unseren Geschmack wurde wieder zu großer Wert auf die Lautstärke gelegt, die dem Wohlklang manchmal schadete und in dem kleinen Raum gar nicht nötig gewesen wäre. Im Programm fand sich auch das „Ave Maria“ von Caccini, einem italienischen Komponisten (1551 -1618), was gut zu der Wandmalerei im Foyer passte, die venezianische Karnevalszenen zeigt.

Die renovierte Eingangshalle der Nischegoroder Oper

Schlussapplaus beim Konzert zum 23.02.2017 im Foyer der Nischegoroder Oper

Ein Konzert mit dem Jazzpianisten Jon Davis aus New York und seinem Trio in Nischni Nowgorod ist sicher ein ungewöhnliches Ereignis. Wir ließen uns dies nicht entgehen. Die Eintrittskarten hatten wir schon Wochen vorher gekauft. (700,- Rubel, z.Zt. 11,- €. Das ist für hiesige Verhältnisse sehr teuer). Im bis auf den letzten Platz besetzten großen Saal des „Театр Кукол“, des Puppentheaters, lauschten wir atemlos den Rhythmen und Klängen, die Jon Davis am Klavier mit den Moskauer Musikern Grigorij Sajzew am Kontrabass und Igor Ignatow am Schlagzeug zauberten. Im zweiten Teil kam als „Специальный Гость“ (als spezieller Gast) die Vokalistin Kristina Kowalewa hinzu, die aus Nischni stammt und jetzt in St. Petersburg lebt. Eine von Davis arrangierte volkstümliche Melodie aus „Bilder einer Ausstellung“ von Mussorgski wurde vom Publikum ebenso begeistert aufgenommen wie „Smoke is in your eyes“ und „Not my favorite thing“. Die Stücke sagte Davis selbst an, in Englisch, die Hände in den Hosentaschen und mit tiefer Bassstimme.  Ein begeisternder Abend. Auch hier könnte das Motto lauten: Freundschaft durch Musik.

 

 

 

Das Buch: Komm wieder – aber ohne Waffen

In den Sommerferien stieß ich in Erlangen auf das Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen! – Erinnerungen an Krieg und Gefangenschaft in Wladimirer Lagern – 70 Jahre Frieden“, das 2015 von Peter Steger, dem Partnerschaftsbeauftragten der Stadt Erlangen, herausgegeben wurde. 2002 wurde dieser durch den Bundespräsidenten mit dem „Ersten Preis für bürgerschaftliches Engagement in Russland“ ausgezeichnet, 2010 erhielt er die Ehrenbürgerschaft der Stadt Wladimir, eine ungewöhnliche Ehrung für einen Deutschen.

Peter Steger sammelte von 2009 bis 2015 Berichte von ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen aus Lagern in der Stadt und der Region Wladimir. Viele Veteranen besuchte und interviewte er, zeichnete ihre Erinnerungen auf und veröffentlichte sie in dem bewegenden Buch. Er schreibt in seinem Vorwort: „Die Leser erhalten hier …. ein wahrheitsgemäßes und bezeugtes Bild der Lebensbedingungen in den Wladimirer Lagern, vor allem jedoch ein beeindruckendes Panorama der Menschlichkeit in Zeiten von Krieg und Zerstörung“.

 k-85-ber-6Herausgeber: Peter Steger, Bürgermeister- und Presseamt der Stadt Erlangen (2015) 340 Seiten;  ISBN 978-3-944452-09-8

In einem einführenden Kapitel beschreibt der Historiker Vitalij Gurinowitsch, der in der Zeit der Abfassung dieses Buches im historischen Museum in Wladimir arbeitete, das System und die Geschichte der Gefangenenlager aus russischer Sicht. Er schreibt:

 „Der Sieg wurde der Sowjetunion nicht geschenkt…. Es war eine Zeit voll der Widersprüche. Patriotismus und Furcht vor Repressionen, Armut, Hunger und Arbeitseinsatz bis zur Selbstaufgabe, Grausamkeit und Barmherzigkeit – alles vermischte sich in jener Epoche.“ Zu den Grausamkeiten gehört z.B. wie im Winter 1943 die Gefangenen nach der Schlacht um Stalingrad in Wladimir ankamen: „Hunderte von den 2.500 Männern waren in den Güterwaggons erfroren… Die Waggons hatten keine Öffnungen für die Exkremente und die Gefangenen erhielten unterwegs kaum etwas zu essen.“ (S. 13)

Andererseits berichtet Gurinowitsch von Ärzten und Krankenschwestern, die die Kranken bis zur Selbstaufgabe pflegten. Bei der Behandlung von Fleckfieber erkrankten mehr als 80 Krankenschwestern und Ärzte selbst an der Krankheit, sechs davon verstarben. Das Sonderhospital für Kriegsgefangene gehörte formell nicht zum Lagersystem. In der Stadt Wladimir mit ihren damals 66.000 Einwohnern gab es 18 Krankenhäuser, in denen während der Kriegsjahre 260.000 Verwundete behandelt wurden.

In den Erinnerungen der Veteranen ist viel von Hunger, Erfrierungen und anderen Krankheiten, Fleckfieber und anderen Epidemien, die Rede. Auffallend ist jedoch, dass allen Berichten zum Ausdruck kommt, dass die Gefangenen fair und mit Respekt behandelt wurden. Sie arbeiteten hart im Torfabbau, in der Ziegelei, im Traktorenwerk, Seite an Seite mit den wenigen jugendlichen und alten Männern, die nicht eingezogen worden waren und mit russischen Frauen, deren Männer gefallen oder als Zwangsarbeiter in Deutschland waren. Ihre Arbeit wurde mit den Kosten für ihre Verpflegung verrechnet, die mit 400 Rubel pro Monat veranschlagt wurde. Verdienten sie mehr als 400 Rubel, wurde ihnen das ausbezahlt. Ernährt wurden sie – wenn möglich – nach den Vorgaben des Roten Kreuzes, nach den Missernten von 1947 und 1948 teilten sie den Hunger mit der einheimischen Bevölkerung.

„Die Gefangenen versuchten, ein wenig Farbe in ihr Leben zu bringen und die Lagerleitung half ihnen gerne dabei. So gut wie in jeder Lagerabteilung gründete man ein Orchester. Die Musiker des Hauptlagers gaben sogar Konzerte in den Außenlagern und in der Philharmonie vor Wladimirer Publikum. Ein Offizier der Zentralabteilung erzählte mir, wie 1947 die Gefangenen ihr verdientes Geld zusammenlegten und ihn darum baten, dafür Musikinstrumente für das Orchester zu kaufen. Er erhielt vom Lagerleiter dazu die Genehmigung, fuhr nach Moskau in einen Musikalienladen und kaufte dort alles, was auf der Liste stand.“ (Gurinowitsch, S. 19)

Die Aufzeichnungen, in denen immer wieder von Mitleid und Barmherzigkeit gesprochen wird, erinnerten mich in vielem an die Erzählungen meines Vaters, von denen im Prolog die Rede war (Bericht 84). Dies ist der Nährboden für unser deutsch-russisches Schulprojekt, über das ich in den kommenden Berichten schreiben werde. Wir wollen zeigen, dass Menschlichkeit stärker ist als Hass, selbst in Zeiten des Krieges.

Konzerte, Muttertagsingen

Fünf Konzerte in neun Tagen! Zu viel? Keineswegs, im Gegenteil: es war eine Ermunterung in diesen wirren Zeiten.

Der Veteranen-Chor der Firma Hydromasch, in dem unser Freund Siegie im Bass singt, beging mit einem Konzert im großen Saal der Universität an der Bolschaja Pokrowskaja sein 35. Jubiläum. Angelika Sapjolkina (Анджелика Сапёлкина), die Chorleiterin, war aufgeregt und gerührt von den anerkennenden Reden der Vertreter aus der Region, der Stadt, der Oper, dem Konservatorium und befreundeter Chöre, den vielen Blumen und Ehrenurkunden. Die etwa 20 Sänger und 40 Sängerinnen des Veteranen-Chores wurden durch einen Kinderchor verstärkt.

k-78-ber-1Der Hydromasch-Veteranen Chor, verstärkt durch den Kinderchor

Mit dem Chor der Gefangenen aus Verdis „Nabucco“ begann der bunte, am Klavier von Alexander Sapjolkin begleitete Liederreigen. Das von dem Nischegeroder Komponisten F. Smirnow geschaffenes Ave-Maria wurde auf ungewöhnliche Weise eingeleitet: Kinder sprachen den bekannten Text gleichzeitig auf Russisch und auf Latein. Smirnows Lied „Мой город“ (Meine Stadt) beendete schließlich diesen Teil des Konzertes, in dem natürlich  auch Калинка (Kalinka) vom Chor und dem ganzen Saal gesungen wurde.   .

Die Firma Hydromasch gehört zum Liebherr Konzern, der zum Leidwesen der Sänger eher den Fußballverein fördert als den Chor, obwohl immerhin die braunen, geschmackvollen Kleider für die Damen gespendet wurden. Bei Hydromasch werden Stoßdämpfer und Fahrgestelle für Flugzeuge hergestellt, so auch für Boeing.

Siegie schreibt dazu (Zitat):

Was gibt es Besonderes an so einem Rentnerchor? In früheren Zeiten hatte jedes Werk seine Kulturgruppe, darunter auch Chöre. Das ist aber inzwischen zur Ausnahme geworden. Die Sängerinnen und Sänger kommen nicht mehr nur aus dem Werk. Und sie sind alle reine Amateure, bis auf wenige Ausnahmen. Ihr Repertoire, zu dem Volkslieder ebenso gehören, wie zeitgenössische Schlager, studieren sie nach Gehör ein, und das wird mit dem Alter nun mal nicht besser. Der Chor ist auch schon im nationalen Rahmen aufgetreten, so beim Festival „Kristallkapelle“ in Moskau (2011) und beim Chorfestival in Kasan (2015), aber auch im Ausland, (Schweden 2013). Eine Tournee durch Deutschland ist geplant, voraussichtlich 2018, hängt aber zur Zeit sehr davon ab, wie es den Rentnern und Rentnerinnen gelingt, die Mittel dafür aufzubringen. Erstaunlich ist aber dennoch  ihr Enthusiasmus! (Ende des Zitats)

In einem zweiten Teil traten Solisten auf, darunter zu unserer Überraschung auch der uns wohlbekannte Stepan Eguraew und Julia Rumiantsewa. Beide trafen wir im Sommer in Immenstaad. Begleitet von Julia am Klavier brillierte Stepan wieder mit dem Lied „Как Яблочко Румян“ (Wie ein Äpfelchen geschminkt). Das 1856 von Pierre-Jeande Béranger (1780 – 1857) geschriebene Gedicht wurde von Georgi Swiridow (1915 -1998) vertont. Der Refrain der fünf Strophen dieses Spottliedes auf das Leben endet mit „Ей-ей, умру от смеха!“ (Ich lache mich tot) – auch als der Tod selbst anklopft.

Den dritten Teil des Konzertes bestritt der Moskauer Akademische Chor Лобня (Lobnya) vom Kulturpalast Tschaika, der mit dem Hydromasch-Chor seit vielen Jahren befreundet ist.

k-78-ber-3Der Akademische Chor Lobnya aus Moskau

Die Dozenten des Glinka-Konservatoriums Nischni Nowgorod gaben in dieser Woche im Rahmen der Feiern zum 70jährigen Bestehen dieser in Russland hoch angesehenen Musikhochschule ein Konzert für ihre Studenten – und dazu lud uns Julia ein. Es wurde dann, wie von uns erwartet, ein Programm von höchster technischer Perfektion geboten, auf einem Klavier oder auf zweien, ein Ave Maria mit Orgel-, Arien und Romanzen mit Klavierbegleitung. Wie immer gab es keine gedruckten Programme; die Stücke wurden angesagt und daher sind uns die Namen mancher Komponisten entgangen, aber dabei waren Prokofiev, Rachmaninow, Schostakowitsch, Mussorgski, Brahms, Ravel, Schubert und Verdi. Stepan und Julia, beide sind Dozenten am Konservatorium, fielen uns wie immer durch ihre besonders einfühlsame Darbietungskunst auf.

k-78-ber-4Stepan Eguraew und Julia Rumiantsewa im großen Saal des Glinka-Konservatoriums

Als größtes Musikereignis dieser musikalischen Woche erwarteten wir mit Spannung die „Carmina Burana“ von Carl Orff, die im großen Konzertsaal des Kreml aufgeführt wurde. Der Saal war voll, sogar die Reserve-Klappsitze an den Stuhlreihen waren belegt, die Karten waren schon lange vorher ausverkauft. Und dann wurde daraus ein Abend, der unsere Erwartungen nicht erfüllte. Der Chor und das Orchester stolperten manchmal über die vertrackten Rhythmen, die ja gerade das Spannende an der Orffschen Musik sind. Schon nach den ersten Takten dachten wir: da fehlt der Pepp. Auch die Männerstimmen im Chor fanden wir manchmal etwas matt, was in Russland, dem Land der Sänger, eigentlich nicht zu erwarteten war. Natürlich ist es immer problematisch, wenn man bei einem bekannten Musikstück eine bestimmte Art der Wiedergabe im Ohr hat und diese dann in einer Aufführung nicht findet.

k-78-ber-5Beim Schlussbeifall zur Carmina Burana

Und dann war da noch etwas Neues: Den Hintergrund der Bühne füllte eine LED-Anzeigewand, auf der während des ganzen Stückes Filmchen in der Art von Videoclips flimmerten, grelle Helligkeit wechselte mit dunklen Bildern. Meist haben wir die Augen zugemacht – und wir waren nicht die einzigen Zuhörer, die das taten. Dieses poppige Experiment war nichts für uns. Den meisten hat es gefallen, wie der große Beifall zeigte. Dennoch: Es war Orff, der immer wieder und vor allem beim Schlusschor durchblitzte!

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Wir und viele andere hätten gern gewusst, wer die Aufführenden waren. Das ließ sich leider nicht feststellen. Auch auf den Plakaten, die an einigen Stellen der Stadt aufgehängt waren, gab es keine Informationen. Es gab leider keine Programme, nicht einmal die sonst üblichen Ansagen.

Ebenfalls im Konzertsaal des Kreml trat das Moskauer „Solo Tango Orchester“ auf. Hier war nun höchste Präzission zu hören und bei einem argentinischen und einem russischen Tangotänzerpaar zu sehen. Viel Szenenapplaus gab es für die rasanten Beinwirbel und für gewagte Tanzfiguren. Das kleine Orchester – Klavier, Geige, Kontrabass und Bandoneon – sorgte mit seinen exakten und vielseitigen Darbietungen für jubelnde Stimmung im bis auf fünf Plätze voll besetzten Saal. Die fünf Plätze waren genau in der Reihe vor uns: die Sicht auf die Bühne war deshalb bestens. Den Mann am Klavier zu hören war ein Genuss und ihn zu sehen ein höchst ungewöhnliches Erlebnis. Er untermalte sein Spiel mit schwungvollen Arm- und Körperbewegungen, sprang bei wilden Phrasen fast vom Sitz und fiel mit dem Schlussakkord förmlich in sich zusammen. Das war ein perfektes Musikerlebnis, wenn auch wieder ohne gedrucktes Programm, aber hier gab es Ansagen und auf der Eintrittskarte standen wenigstens die Namen der Tänzer und des Orchesters. (Es tanzten: Fabian Peralta & Josefina Bermudez, Кирилл Паршаков & Анна Гулыно).

Zuviel Musik in einer Woche? Bei dem Dozentenkonzert des Glinka-Konservatoriums hielt der Direktor eine kleine Ansprache, in der er an die Gründung dieser Musikhochschule vor 70 Jahren erinnerte. Damals wurden in Nischni Nowgorod zusammen mit dem Konservatorium zwei weitere Kunstschulen errichtet, weil, so hieß in dem Beschluss von 1946 „in diesen schweren Zeiten Kunst lebensnotwendig ist“! Das gilt auch heute, 70 Jahre später, wieder in höchsten Maße!

Schulnotizen 

Das fünfte Konzert dieser Woche bescherten uns die Klassen 6 bis 10 des Gymnasiums anlässlich des Muttertages, der hier in Russland am letzten Sonntag im November gefeiert wird. Er ist in der offiziellen Liste der Feiertage Russlands unter „religiöse Feiertage“ aufgeführt und in der Bevölkerung wenig bekannt, viel weniger als der 8. März, der Internationale Frauentag.

Trotzdem sangen die Schülerinnen und Schüler am Samstagmittag für ihre Mütter und Großmütter Lieder, sagten Gedichte auf und spielten Sketche. Diese waren von Michael Soschtschenko, der sicher vielen noch im Zusammenhang mit „Schlaf schneller, Genosse“, einem Klassiker aus der Sowjetzeit, bekannt ist. Den Abschluss bildete unsere Schulhymne, bei der auch die Zuschauer kräftig mitsangen. In ihr werden gleich in der ersten Strophe die durch Schüleraustausche ermöglichten Reisen nach Syke, Essen und Berlin als Vorteil des Gymnasiums mit der Nummer „Eins“ gepriesen.  

Zum Muttertag 

Mama –

  • Das ist keine Rolle.
  • Das ist Glück.
  • Das ist Sinn.
  • Das ist Leben!