Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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Zurück in Nischni Nowgorod und (schon) wieder nach Moskau

16.01.17

Wir sind wieder in Nischni Nowgorod. Unser Visum läuft noch bis Ende August und wir wollen die Zeit nützen – mit offenen Augen und Ohren.

Auf dem Rückflug nach Russland empfing uns Moskau mit blauem Himmel bei minus 28° und wohltuenderweise mit beheizten Haltestangen im Flughafenbus. Auch auf dem Nischegoroder Flughafen Strigino zeigte das Thermometer minus 24°, in unserer Wohnung erwarteten uns gefühlte plus 24°. Es war zweifelsfrei zu spüren: wir sind wieder in Russland.

Das Wiedereinleben hier nach drei Wochen in Deutschland geht inzwischen rasch und mühelos. Wir haben fast schon heimatliche Gefühle, wenn wir das pfeifende Geräusch hören, das der Luftzug erzeugt, der durch die undichte Haustüre strömt oder wenn wir die verschneite Straße vor unserem Haus und in den Geschäften die Kassiererinnen und die Ochrana-Leute (Sicherheitsdienst) wiedersehen. Die in den Nebenstraßen dick mit Schnee und Eis bedeckten Bürgersteige begrüßen wir wie wohl bekannte Feinde, der gut geräumten Fußgängerzone Bolschaja Pokrowskaja, die allerdings nicht weniger glatt ist und beim Laufen immer höchste Aufmerksamkeit erfordert, begegnen wir wie einem alten Freund.

Der erste Spaziergang dieses Jahres führte mich zu den drei nebeneinander stehenden Kirchen in unserer Nähe, einer orthodoxen, der Sieben-Tage-Adventisten Kirche und der armenischen Christ-Erlöser-Kirche. Dort sprach mich eine der älteren Frauen (sicher jünger als ich) an, sie fragte nach dem Wohin-Woher. Da fühlt man sich doch gleich umsorgt und angenommen!

Das Sibirienhoch mit der großen Kälte und dem blauen Himmel hat sich leider verzogen. Es herrscht nur mäßiger Frost mit dunstigem grauen Wetter, was wir von den beiden Vorjahren schon kennen. Die feuchte Luft führt zu bereiften Bäumen und Sträuchern und so ergeben sich trotz der düsteren Stimmung immer wieder aufheiternde Anblicke.

k-80-1Die Armenische Kirche an der Straße zur Molitowsky Brücke

k-80-2Raureif und Farbe

Rose hörte im Radio Komsomolskaja Prawda die Diskussionssendung „Картина Дня“ (Bild des Tages). Diesmal ging es um eine Aussage des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Achamtowitsch Kadyrow  (Рамзан Ахматович Кадыров). Er hatte gesagt: „Stalin sei verdammt in alle Ewigkeit, da er das tschеtschenische Volk nach Kasachstan umgesiedelt hat, wobei viele Menschen ums Leben gekommen sind. Deshalb gibt es in Grosny ein Denkmal für Chrustschow, denn dieser hat die Tschetschenen in ihr Land zurückgeholt“. Auf die Bitte um Stellungnahmen hin meldete sich unter anderen Hörern der Vorsitzende der russischen kommunistischen Partei mit der Meinung: In den von Putin mit zu verantwortenden Tschetschenienkriegen seien mehr Tschetschenen getötet worden als unter Stalin. Für uns war dies wieder mal ein Beispiel, dass in Russland durchaus verschiedene Sichtweisen zum Ausdruck gebracht werden können.

Moskau: Am Freitagabend begrüßte uns in der Metrostation Kursker Bahnhof ein Streicher-Quartett mit dem „Frühling“ aus den „Jahreszeiten“ von Vivaldi mit fantastischer Akkustik. Als wir die Metro am Revolutionsplatz verließen erklang der Walzer  „An der schönen blauen Donau“ aus einem Eislauf-Pavillon. Dazu die üppige Neujahrsdekoration mit ihren bunten Lichtinstallationen: es war ein Empfang nach Maß!

k-80-3Metro-Station Kursker Bahnhof

Am Samstag und am Sonntag liefen wir bei mildem Frost und leichtem Schneefall lange durch die festlich geschmückten Fußgängerstraßen und Plätze. Auf dem Boulevardring waren Spiele für Kinder aufgebaut, die mit einfachen Mitteln erstellt waren: Holzfische angeln, einen Puck mit dem Hockeyschläger ins Tor schießen, mit leichten Strohsäcken den Partner von einem schmalen Brett schlagen, Seilziehen, bei dem beide Spieler auf kleinen Holzblöcken stehen, einen 20 kg schweren Eisstockklotz zu einem vier Meter entfernten Zielkreis stoßen! Beliebt waren Eisrutschen, die wir an vielen Stellen sahen; eine besonders große stand zwischen Kreml und Revolutionsplatz. Der Rote Platz war voller Buden und Karussells. Es gab ein Quiz mit Fragen zum Thema Weihnachten, die man an verschiedenen Buden in der Stadt beantworten musste. Rose sammelte sechs Stempel und Goldrubel. Sie erwarb damit das Recht auf einen Preis, auf den sie verzichtete, weil vor den Ausgabestellen lange Warteschlangen standen, (Achtung Klischee) geduldig!

k-80-4Eisrutsche für Jung und Alt

Die Schaufenster des Kaufhauses ZUM waren wunderschön geschmückt. Jedes war einem anderen Märchen gewidmet. Leider konnten wir sie nicht fotografieren, denn alle Fenster waren groß mit „SALE“ beschrieben, wodurch die ausgestellten Märchenfiguren schlecht zu sehen waren. Es stand da wirklich „Sale“ und nicht „Распрода́жа“, zusammen mit den hohen Preisen in dem Kaufhaus ein Hinweis darauf, welche Kundschaft hier erwartet wird.

Vor dem TASS-Gebäude zeigte eine Ausstellung Zeitungsfotos des Jahres 2016, darunter eines vom Bau der Brücke vom russischen Festland zur Krim, über die Straße von Kertsch am Schwarzen Meer.

k-80-5TASS Foto vom Bau der Brücke zur Krim

Was einem auf Weihnachtsmärkten im Jahre 2017 sonst noch auffällt: Oft sahen wir Polizeistreifen und zur Abschirmung der Fußgängerbereiche dicke Betonklötze.

k-80-6Am Samstagmorgen: Betonblöcke sichern die noch leeren Fußgängerbereiche

Am Nachmittag besuchten wir „Das Haus am Ufer“, ein staatliches Museum nach dem gleichnamigen Roman von Juri Trifonow, das heute von seiner Witwe geleitet wird. Das Haus wurde von 1928 bis 1932 am Moskwa-Ufer gegenüber dem Kreml errichtet. Es war für die sowjetische Elite gedacht. Mit modernen Wohnungen von 75 bis 200 m² und aller nötigen Infrastruktur wie Geschäften, Handwerker, Theater und Restaurants sollte es ein Beispiel für die sowjetische Wohnkultur werden. Doch für die Bewohner wurde es ein Haus des Schreckens: In der Zeit des Großen Terrors 1937/38 wurden unter Stalin mindestens 800 Einwohner als angebliche Volksfeinde und Hochverräter verschleppt und die Hälfte erschossen.

k-80-7Museum „Das Haus am Ufer“, Erinnerung an die Opfer unter Stalin

1989 richteten ältere Bewohnerinnen des Hauses in einer kleinen 75 m² Wohnung ein Museum ein. Es zeigt eine große Fülle von persönlichen Gegenständen, Fotos und viele der ursprünglichen Möbel. Für uns war eine ausführliche englische Beschreibung von großem Nutzen. Die Frau, die für die Besucher des Museums zuständig war, konnte trotz des großen Andranges Roses Fragen beantworten. Sie sagte, dass oft noch mehr Besucher da seien, ein Zeichen für das große Interesse an der Vergangenheit. Juri Trifonow, dessen Eltern in dem Hause wohnten und die durch den Terror umkamen, schildert die Schreckenszeit in seinem 1976 erschienenen Roman. Rose entdeckte in einem Schaukasten den Namen Swetlana Josifowna Alilueva, der einzigen Tochter Stalins, die 1966 in die USA emigrierte. Das dazugehörige Foto fehlte.  Auf Nachfrage wurde das Foto gebracht, es war heruntergefallen. Es zeigte Stalins Tochter als Baby mit ihrer Mutter, der zweiten Frau Stalins, die 1932 Selbstmord beging. Auch sie wohnten in dem Haus an der Uferstraße.

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Das „Staatliche Zentrum für Gegenwartskunst“ befindet sich in der Nähe des Moskauer Zoos. Es war nach der „Garage“ im Gorkipark und der „Weinfabrik“ das dritte Museum für zeitgenössische Kunst, das wir besuchten. Es ist ebenfalls in einem ehemaligen Fabrikgebäude untergebracht.

k-80-8Staatliches Zentrum für Gegenwartskunst

Wir verließen es leicht verstört. Unter dem Motto „Seidenstraße“ (Шёлковый Путь) war eine Ausstellung der internationalen Künstlergruppe „Buch des Künstlers“ (Книга художника) zu sehen, deren Sinn sich uns nicht erschloss – zumal es Informationen nur in Russisch gab. Die ausliegende Broschüre gab Rose auch wenig Aufschluss. So wie die Seidenstraße früher Menschen und Waren aus allen Kulturkreisen zusammenführte, soll diese Ausstellung Künstler und ihre Werke aus allen Teilen der Welt zusammenführen. Da gab es viel zu sehen, Gemälde, Installationen, Fotos, Videofilme aller Art, vor denen wir uns oft etwas hilflos fragten, warum, wieso? Die Broschüre enthält etwa 200 Namen von Künstlern. Im Internet und dem Stadtführer wird das Museum gelobt – als modern und interessant. Vielleicht haben wir nur Pech gehabt.

Zum Ausgleich wollten wir das Gorki-Haus besichtigen, das etwa eine halbe Stunde entfernt liegt. Leider hatte dieses geschlossen. Der besinnliche Spaziergang bei Schneetreiben durch die verschneiten Straßen zurück in die Innenstadt entschädigte uns von den Enttäuschungen.

Der Anlass für die Terminwahl dieser Reise nach Moskau war eine Aufführung der „Die Hochzeit des Figaro“ in der Neuen Szene des Bolschoi Theaters. Das war ein ungewöhnlich eindrucksvolles Erlebnis, das unsere hohen Erwartungen noch übertraf.

k-80-9Bühne zu Figaros Hochzeit im Bolschoi Theater, Neue Szene

Die bekannte Musik wurde unter Leitung von Eugen Pisarew von Orchester und Sängern so klar und brillant dargeboten, dass wir uns schon nach den ersten Takten in eine andere Welt entrückt fühlten. Regie führte William Lacey, der das Stück Ende der 50er Jahre spielen ließ. Graf Almaviva war ein industrieller Manager und Cherubino mit roter Gitarre Elvis Presley. Statt des Theatervorhanges sah man vor der Vorstellung eine Wand aus bunten Rechtecken im Stile eines Gemäldes von Mondrian. Die rechteckigen Flächen verwandelten sich während der ersten zwei Akte in kleine Kabinette, in denen die Sänger agierten. Die reinen Farben Mondrians tauchten auch auf den 50er Jahre Möbeln und auf den Kleidern der Darsteller auf. Die letzten zwei Akte spielten in einer Bürolandschaft. So ungewöhnlich das klingen mag, es wirkte alles stimmig und selbst ein rotes Auto, das in der „Gartenszene“ auf die Bühne rollte, passte dazu. Der Buffo-Charakter der Oper kam durch viele witzige Einfälle zum Ausdruck und Mozart hätte sicher auch die deutlichen Liebesszenen für gut befunden. Es war ein grandioser Abend. Das Theater war bis auf den letzten Platz gefüllt, das Publikum spendete lange Beifall. Es gab reichlich Blumen für die Sänger, was hier in Russland gebräuchlicher ist als bei uns. Wir gingen glücklich und erfüllt von den zauberhaften Melodien in unser nahes Hotel zurück und hatten keinen Blick mehr für die bunte Weihnachtsbeleuchtung auf der Straße.

k-80-10Schlussapplaus – Das rote Auto ist hinter den Schauspielern zu erkennen

Hier noch weitere Eindrücke aus Moskau:

k-80-21Auf dem Twerskaja Platz, Sonntagnachmittag

k-80-22Auf dem Boulevard-Ring, Sonntagnachmittag

k-80-23Eingang zu einem Festbereich

k-80-23aDer Rote Platz – voller Schmuck und Weihnachtsbuden

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Die Christi-Erlöser-Kathedrale an der von Eisschollen bedeckten Moskwa

k-80-25Schneeräumen – vom Dach

k-80-27Auch am 687. Tag nach seiner Ermordung wird an Nemzow erinnert

Sankt Petersburg und Nicht nur Schulnotizen zur US-Wahl

 

Der russische Nationalfeiertag am 4. November, der „Tag der Einheit des Volkes“, bescherte uns ein verlängertes Wochenende. Wir nutzten es zu einer Reise nach Sankt Petersburg, wo wir bei unseren Freunden Lena und Andrej wohnen konnten. Lena war viele Jahre Partnerin von Rose beim Schüleraustausch zwischen dem Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden-Echterdingen und dem Petersburger Klassischen Gymnasium. Es waren drei anregende, ausgefüllte Tage.

Wir haben uns möglichst abseits der Touristenströme gehalten; so waren wir nicht im Winterpalast und auch nicht in der Isaaks-Kathedrale, weil wir beide schon früher besichtigt hatten. Es gibt ja so viel zu sehen. Die historische Innenstadt mit 2300 Palästen und Schlössern ist Weltkulturerbe der UNESCO. Und ein ehemaliger Siemensianer wird an die Geschichte seiner Firma erinnert, wenn er an der Mojka entlang spaziert. Siemens errichtete schon vor 163 Jahren ein Büro in der damaligen russischen Hauptstadt.

k-76-ber-1Der bekannte blaue Schriftzug am Haus Mojka 36

Im östlichen Flügel des Generalstabsgebäudes eröffnete die Ermitage 2010 neue Museumsräume. Dort findet man unter anderem viele Bilder von Matisse und Picasso, Skulpturen von Rodin, sowie eine Abteilung mit russischer Avantgarde, darunter Werke von Kandinsky und Malewitsch. Die Innenhöfe des alten Gebäudes wurden mit Glasdächern überdacht; dadurch entstanden neue Ausstellungsräume und es gab Platz für eine imposante Treppe. Allein die Architektur lohnt einen Besuch.

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Im linken Flügel befindet sich das neue Museum für zeitgenössische Kunst

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Treppe im Innenhof: Eingang zu den Ausstellungsräumen

Wir sahen uns vor allem die Sonderausstellung von Werken des belgischen Künstlers Jan Fabre an, die in der langen Reihe der Innenhöfe untergebracht war. Die hellen Räume, von oben belichtet, sind der passende Rahmen für die manchmal sehr großen Installationen. Die Ausstellung war gut besucht, Rose wurde an der Kasse aus statistischen Gründen nach ihrer Nationalität gefragt und erfuhr dabei, dass 80% der Besucher Russen sind. Dies sieht im Winterpalast, in der alten Ermitage, anders aus, dort überwiegen die ausländischen Touristen.

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Jan Fabre „Der Karneval der toten Straßenhunde“ (2006) vor einem Gemälde von Paul de Vos aus dem 17. Jh.

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Selbstbildnis, die Oberflächen sind mit Reißzwecken belegt. Dem Künstler sollte keiner zu nahekommen!

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Schlossplatz St. Petersburg am 5. November 2016 – nicht 1896

Das Museum „Erarta“ für zeitgenössische Kunst wurde ebenfalls 2010 eröffnet. Hier sind Gemälde und Installationen russischer Künstler zu sehen. Sie stammen teils noch aus Sowjetzeiten und konnten bis zur Perestroika nur heimlich gezeigt werden. Wir bekamen überraschende Einblicke in die neuere russische Kunst und können den Besuch des auf der Wassili-Insel und damit etwas abseits der Touristenströme gelegenen Museums sehr empfehlen.

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13 Plätze laden zum Abendmahl

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Aufklärender Ausschnitt

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Sofort zu erkennen: Das letzte Abendmahl nach Leonardo Da Vinci (von Pawel Grischin)

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Sawely Lapitzki: Pritsche (Нары) 1986

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Im Erarta wird Kunst nicht nur ausgestellt, sie findet sich im Museumsrestaurant auch auf den Tellern: ein kubistisches Dessert – zu bewundern und zu schmecken.

Wir waren auch im alternativ ausgerichteten „Loft Projekt Etage“ (Лофт Проект Этажи). In einem alten Lagerhaus sind auf fünf Stockwerken über enge Treppen Ausstellungsräume mit Gemälden und Fotos, Cafés und basarähnliche Läden zu erreichen. Vieles machte einen unfertigen Eindruck und wir verließen diese Stätte mit zwiespältigen Meinungen. Interessant war eine Tafel, auf der man den Satz „Solange ich lebe, möchte ich …“ ergänzen konnte. Das wurde viel genutzt. Neben Wünschen nach Gesundheit, Wohlergehen und Frieden in der Welt hatte jemand geschrieben: „Solange ich lebe, möchte ich ….eine Morgendämmerung in Deutschland erleben“.

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Solange ich lebe, möchte ich …

In der „Sankt Petersburg Oper“ sahen wir eine rasante Aufführung von Jaques Offenbachs Operette „Die schöne Helena“. Die Sankt Petersburg Oper ist im Haus des deutsch-stämmigen Barons von Derviz untergebracht, der das Anwesen 1880 erwarb und zu einer intimen, üppig ausgestatteten Musikstätte ausbaute, die überraschenderweise trotz der Nutzung als Club-Haus während der Sowjetzeit intakt blieb. Seit dem 27. Mai 2003, dem 300. Geburtstag von Sankt Petersburg, wird hier wieder Theater gespielt und musiziert.

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Bühne im Haus des Barons von Derviz

Anlässlich des russischen Nationalfeiertages gab das Marine-Blasorchester „Peter der Große“ ein Konzert im Weißen Saal der Polytechnischen Universität, die – wie in Petersburg kaum anders zu erwarten – ebenfalls den Namen „Peter der Große“ trägt. Lena führte uns gern dahin, denn in den repräsentativen Gebäuden dieser ehrwürdigen Institution hatte sie ihr Studium als Schiffsbau-Ingenieur absolviert. (In Russland sind auch Frauen Ingenieur, Arzt, Lehrer. Die Berufsbezeichnung wird nicht verweiblicht.)

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Treppenhaus in der Polytechnischen Universität

Der Dirigent sagte die Musikstücke an und verwies dabei mit Stolz auf die Vergangenheit des Orchesters des schon 1715 von Peter dem Großen in der neuen Hauptstadt gegründeten Marinekorps. Das Programm bot u.a. Stücke von Rimski-Korsakow, Rachmaninow, Rodrigo. Vertreten war auch Johann Strauß (Sohn) mit seiner Polka „Vergnügungszug“. Strauß lebte elf Sommer in Pawlowsk, einer Residenzstadt der Zaren 30 km von Petersburg entfernt, und wurde dort sehr gefeiert. Zwischen den beiden Orten fuhr die erste Eisenbahn Russlands. Gegen Schluss gab es eine Fantasie über das Lied „We are the Champions“ der Gruppe Queen. Und als Zugabe „Прощание Славянки“ (Abschied der Slawin), neben der Nationalhymne der bekannteste Marsch in Russland. Er ertönt in der Regel auch, wenn ein Kreuzfahrtschiff ablegt. Das Publikum hielt es nicht auf den Sitzen, im Takt der Musik wurde kräftig mitgeklatscht. Ein stürmisches Ende eines ungewöhnlichen Konzertes.

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Das Marine-Orchester Peter der Große

Die Schlussveranstaltung des VIII. Internationalen Jugend-Wettbewerbs auf russischen Volksmusik-Instrumenten in der Glinka-Kapelle (Государственная академическая капелла Ст. Петербург) zeigte uns wieder einmal das hohe Niveau der hiesigen Musikausbildung. Neben der Siegerehrung der (geschätzt) achtzig Gewinner gaben einige der Kinder/Jugendlichen auf Akkordeon, Bajan, Balalaika, Gusli und Domra Proben ihres Könnens. Alles höchst erstaunlich. Gespielt wurden meist musikalisch anspruchsvolle Stücke, ganz anders als man bei uns erwartet, wenn man das Wort Volksmusik hört. Die Teilnehmer kamen aus allen Regionen Russlands, auch aus der Ukraine, Weißrussland und dem Baltikum.

Vieles wäre noch zu berichten, vom Festival des Lichts am Isaaks-Platz, vom neuen 300 Meter langen Gang unter der kleinen Newa der vom Petrograder Rayon zur Wassiljew-Insel führt. Es waren ausgefüllte, erlebnisreiche Tage, gewürzt von der sprichwörtlichen Gastfreundschaft unserer Freunde.

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In der U-Bahn ein Plakat zum 4. November: Wir in Einheit für den Frieden.

Nicht nur Schulnotizen 

Während der Arbeit an diesem Blog waren unsere Gedanken immer wieder ganz woanders: bei der Wahl in den USA. In unserem Bekanntenkreis haben wir dazu einige Meinungen gehört, was erstaunlich ist, denn viele Russen interessieren sich kaum für Politik und reden wenig darüber.  

Meine Schülerinnen der 9a waren überrascht, dass Hillary Clinton die Wahl verlor, hätten doch sogar Popstars wie Beyonce, Madonna und Bruce Springsteen auf Instagram für sie geworben. Sie verstanden auch nicht, dass Trump keine Ausländer mehr ins Land lassen wolle, das ganze Land bestehe doch im Wesentlichen aus Einwanderern. Und auch, dass Trump Obama-Care abschaffen will, fanden sie schlecht. Die Schüler der Parallelklasse hingegen hätten ihn gewählt. Warum? Weil er nicht so gegen Russland ist wie Hillary. Aus dem gleichen Grund sagten meine 11er: Trump sei schlecht für Amerika, aber gut für Russland. 

Die Kolleginnen hielten sich mit ihrer Meinung zurück, weil sie den Medien skeptisch gegenüberstehen, erwarten aber von Trump eher eine Verständigung mit Russland. Von Jubelstimmung war jedoch nichts zu spüren. Schirinowski, dessen Reaktion in den deutschen Medien viel Beachtung fand, sei genauso ein Schreihals wie Trump und keineswegs repräsentativ für Russland.  

In den TV-Nachrichten (RU 1) wurde sachlich und ausführlich berichtet, viele Einblendungen waren von CNN übernommen. In einer Diskussion im Radiosender Komsomolskaja Prawda vertrat ein Sprecher die Meinung, Trump sei ein Geschäftsmann, mit ihm müsse man hart verhandeln, aber dies sei mit ihm vielleicht eher möglich als mit Hillary Clinton, die wie ein Roboter immer wieder die gleichen anti-russischen Phrasen wiederhole.  

Alles in allem kann man sagen, dass die meisten unserer Gesprächspartner eine typisch russische, ruhige, unhysterische, Haltung einnehmen. Nach der anfänglichen Überraschung herrscht hier die Meinung vor: „Посмотрим, увидим.“ Oder, um mit einem deutschen ‚Philosophen‘ zu sprechen: Schau‘n mer mal.

k-76-ber-17 15 Minuten der Welt enthoben auf „Wolke Neun“– im Erarta Kunstprojekt U-Space

 

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Glasdach-Konstruktion im Generalstabsgebäude

Kunst in Moskau – Pflichtlektüre an russischen Schulen

17.10.2016

Moskau hat uns wieder einmal verblüfft – mit aufrüttelnder Konzeptkunst in einer ehemaligen Weinfabrik. Doch der Reihe nach: Am Donnerstag fuhr ich mit Dorothe nach Wladimir. Dort übernachteten wir im Erlangen-Haus, freundlich empfangen und am nächsten Morgen mit einem köstlichen Frühstück verwöhnt. Danach reisten wir weiter nach Moskau, wo am Abend auch Rose eintraf. Für Dorothe war Moskau die letzte Station ihrer Reise. Sie flog von da zurück nach Deutschland.

In Wladimir waren die Dimitri-Kathedrale, die Maria-Entschlafens-Kathedrale und das Goldene Tor wie immer bewunderte Ziele. Leider wehte ein nasskalter Wind vom Tal der Kljasma her und die Sicht in die Ferne war durch Dunst getrübt. Zurück ins Erlangen-Haus fuhren wir mit dem Bus, einem der Busse aus Erlangen, in denen noch die deutsche Beschriftung vor dem Fahren ohne Fahrschein warnt.

Der Rote Platz war einer unser ersten Höhepunkte in Moskau. Er war diesmal frei von Buden oder Theateraufbauten. Wir hatten freien Blick auf seine Größe und die ihn umgebenden Bauten, den Kreml, die märchenhaft bunte Basilius-Kathedrale, das Kaufhaus GUM, das Auferstehungstor und das historische Museum. Nach einer Tee Pause im GUM lauschten wir bei beginnender Dämmerung den Glocken der Kasaner Kathedrale, die minutenlang eine festliche Stimmung schufen. Gesang aus dem Inneren der Kirche lockte uns hinein, wo wir von einem kleinen, aber stimmgewaltigen Chor empfangen wurden. Immer wieder mussten die Gläubigen den zelebrierenden Popen Platz machen, die den kleinen Kirchenraum umschritten und die vielen Ikonen (und uns) in Weihrauchwolken einhüllten. Wir blieben lange, gefangen von der feierlichen Stimmung, dem Anblick der andächtig betenden, sich oft bekreuzigenden und verneigenden Gläubigen jeden Alters und den immer wieder ergreifenden Melodien des urtümlichen Gesanges.

Abends besuchten wir das Restaurant Lavkalavka (Lädchenlädchen), das nur Bioprodukte von Lieferanten anbietet, die dem Küchenchef persönlich bekannt sind. Auf der Speisekarte stehen hinter jeder Zutat die Namen der Bauern oder Gärtner, von denen die Produkte stammen, und woher sie kommen. Das merkten wir dann an den Speisen. Die Salate waren frisch, die Suppen und die Hamburger mundeten köstlich. Ein erquicklicher Abend, der nur durch eine fröhliche und daher laute Gesellschaft, vermutlich eine Betriebsfeier, etwas getrübt wurde.

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Lavkalavka, Aufnahme vom 10.09.16 nachmittags

Am Samstag verbrachten wir vier Stunden in der Alten Tretjakow-Galerie, und obwohl Rose und ich zum dritten Mal dort waren, entdeckten wir wieder viel Neues. Wir verließen die Ausstellung mit dem Vorsatz wiederzukommen und dann von hinten anzufangen, damit wir die Bilder in den letzten Sälen sehen, wenn wir noch nicht erschöpft sind. Es waren sehr viele Besucher da, darunter einige Schulklassen, deren Aufmerksamkeit und Disziplin uns imponierten.

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Junge Besucher vor dem Gemälde „Die Offenbarung des Christus’ gegenüber den Menschen“ von Alexander Iwanow

Abends ein weiteres Kunstereignis: Eugen Onegin von Tschaikowski im großen Saal der Helikon-Oper. Die Karten hatten wir wieder unserer Freundin Olga zu verdanken, die den weiten Weg zum Ticketschalter nicht gescheut hatte. „Für euch tue ich alles“, sagte sie. Englische Untertitel halfen uns, der Handlung zu folgen. Weil die Sitzreihen im Zuschauerraum steil ansteigen, hat man von allen Plätzen einen freien Blick auf die Bühne. Die Aufführung selbst ein Genuss, Sänger und Orchester großartig, das Bühnenbild strahlend schön und die Inszenierung klassisch. Wenn man doch diese glücksvollen Augenblicke festhalten könnte. Verweile doch….

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Applaus für Sänger und Orchester für Tschaikowskis Eugen Onegin in der Helikon- Oper

Schließlich war am Sonntag die „Винзавод“ (Weinfabrik) unser Ziel, ein Ausstellungszentrum für moderne Kunst in Moskau. In einem großen verlassenen Fabrikgelände haben sich dort Kunstgalerien, Boutiquen, ein Schallplattenladen, Cafés und Künstler niedergelassen, oft mit einem alternativen Hauch. Früher beherbergte es einmal eine Brauerei und später eine Kelterei (was immer das für Moskau heißen mag).

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Die Weinfabrik in Moskau, einem Ausstellungsgelände für moderne Kunst

Von den vielen Ausstellungen konnten wir nur wenige sehen: die von sowjetischen Sportplakaten aus der Sammlung Luschnikow und, uns mehr interessierend, zeitgenössische Kunst aus dem im Ural liegenden Perm unter dem Motto: Форма незримого – Die Form des Unsichtbaren. Letztere mit beeindruckenden Exponaten verschiedener Künstler, von denen ich nur einige beschreiben will.

In einem dunklen Raum eine Video-Installation von Inga Wjugowa.  An gegenüberliegenden Wänden Bildschirme, auf denen in ständiger Wiederholung kurz die Münder von verschiedenen Menschen gezeigt werden, die nur zwei Wörter sagen: мне страшно –  мне страшно – мне страшно, ich habe Angst. Am Ausgang fragt ein kleines Schild: а тебе? – und du?

Vier große Starenkästen von Slawa Nesterow locken zum Blick in das Innere: Dort sieht man Räume und Figuren aus dem Roman „1984“ von George Orwell. In einem liest ein Junge auf der Toilette eben diesen Roman. Nicht einmal dort ist er unbeobachtet. Die heutige Welt.

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Vier Starenkästen und was man darin sieht

In einer Installation von Michael Pawljukewitsch und Olga Subbotina spiegeln  sich in einer Reihe Blechwannen voller schwarzem Wasser die Worte „Lange weiße Nacht“, die hoch oben an der Decke leuchten, es sind Neonröhren in weißer Spiegelschrift.

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Lange weiße Nacht

Im Keller eines anderen Gebäudes stellt die СДМ Bank ihre Sammlung zeitgenössischer Kunst aus. Daneben etwas versteckt noch ein Raum, die Glastür ohne Hinweis. Wir waren schon wieder auf der Treppe, um zu gehen und hätten so beinahe ein aufregendes Ereignis verpasst: die Ausstellung des Aktionskünstlers Fjodor Pawlow-Andreewitsch.

Wir waren sofort fasziniert von den wenigen, in dem großen Raum ausgestellten Fotos (aufgenommen von Igor Afrikian). Sie zeigten immer einen Mann in ungewöhnlichen Situationen: gefesselt am Strand in der Brandung, weit oben am Stamm einer Palme, nackt an eine Straßenlaterne gebunden oder, besonders aufregend, am Meeresstrand liegend von schwarzen Vögeln umgeben. Während wir noch darüber diskutierten, ob das Fotomontagen seien, kam ein junger Mann auf uns zu, der uns in Englisch den Sinn dieser Bilder erläuterte. Es war der Mann auf den Fotos.

Mit seinen provozierenden Kunstaktionen will er auf das Schicksal der Arbeitssklaven früher und heute hinweisen. Die großen Fotos an den Wänden sind in Brasilien am Strand von San Mirel de Milares entstanden. Dort war früher eine Methode die Sklaven zu strafen, sie gefesselt in die Brandung zu legen und dem Salzwasser und der Sonne auszusetzen. Wenn sie nach sieben Stunden noch lebten, wurden sie freigelassen, wenn nicht, konnten die Aasgeier den Leichnam fressen. Der Künstler hatte beides nachgestellt. Er legte sich an Händen und Füßen gefesselt in die Brandung – sieben Stunden lang. An einem allerdings bedeckten Tag verharrte er  bewegungslos am Strand, um zu erfahren, wie sich die Aasgeier verhalten. Nach fast sieben Stunden pickte der erste nach ihm und er beendete die Aktion.

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Der Künstler am Strand stellt sich tot – bis der erste Aasgeier zupickt.

 

Am vergangenen Montag ließ sich Fjodor in Moskau von einem Kran 50 Meter hochziehen, an den Beinen eine lange Fahne mit dem Wort Свободу – Freiheit. Sieben Stunden machte er damit auf die Not der modernen Arbeitssklaven in Moskau aufmerksam, auf die vielen Fremdarbeiter aus den mittelasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken (Kasachstan, Kirgisistan, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan), die seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 souveräne Staaten sind. Die Fremdarbeiter machen hier – schlecht entlohnt – die Drecksarbeit und leben unter unwürdigen Bedingungen: sie teilen sich zu 30 einen Raum mit 10 Betten, in denen sie in Schichten schlafen. Diese Aktion hat er auf einem Videofilm dokumentiert, der nur auf höchst ungewöhnliche Weise angesehen werden kann. Man muss seinen Kopf von unten in einen Kasten stecken und sieht dann in düsterem Blau den Film ablaufen. Dies gehört zu seinem Konzept der unbequemen Kunst.

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Rose beim Betrachten der Moskauer Aktion von Fjodor Pawlow-Andreewitsch

Alle diese Aktionen dauerten jeweils sieben Stunden. Sie sind nicht nur eine öffentliche Provokation, sondern auch eine körperliche und seelische Herausforderung für den Künstler. Dieser ist mit dem Erfolg zufrieden. Die Medien in Moskau haben darüber berichtet. Und während wir noch mit ihm sprachen, kamen zwei von ihm erwartete Journalisten zu einem Interview und unser Gespräch war leider zu Ende.

Im Internet (pecherskygallery.com) erfuhren wir, dass dies eine Ausstellung der Moskauer Pechersky Gallery war unter dem Motto „Temporary Monuments“, sie lief bis zum 9. Oktober in der Weinfabrik. Wir waren gerade am letzten Tag dort! Auf der Internetseite von Fjodor Pawlow-Andreewitsch (http://fyodorpavlovandreevich.com) wird er als Aktionskünstler, Schriftsteller, Filmemacher und Theaterdirektor vorgestellt, er lebt in Moskau, London und Sao Paulo.

Die Mittagspause verbrachten wir im Café Хитрые Люди. Люди heißt Leute. Für Хитрые bietet das Wörterbuch der Leipziger Uni an: schlau, listig, verschmitzt, raffiniert, pfiffig, clever, schwierig, kompliziert. Das Café hat einen treffenden Namen für das, was wir in der ehemaligen Weinfabrik gesehen haben. 

Schulnotizen

Letzten Donnerstag kamen von meinen sechs Schülerinnen der 11. Klasse nur zwei zum Unterricht. Die andern waren beim Schulausscheid der Kunstolympiade – leider ohne mir vorher etwas gesagt zu haben. So machten wir statt Prüfungsvorbereitung deutsche Konversation. Ich fragte die beiden nach Höhepunkten ihrer Schulkarriere. Nataschas prompte Antwort: die drei Monate Aufenthalt in Dresden im Rahmen des Goebel-Programms (Die Schüler wohnen in deutschen Gastfamilien und besuchen den Unterricht in einer deutschen Schule). Anjas Höhepunkt war der Preis, den sie für ein Biologie-Projekt bekam, bei dem sie Interviews in einer nischegoroder Entzugsanstalt machte.

Dann kamen wir auf die Klausur in russischer Literatur zu sprechen, die in der letzten Woche geschrieben wurde. Die Schüler bekommen sogenannte ‚Vektoren‘ wie z.B. ‚Verstand und Gefühl‘, ‚Ehre und Ehrlosigkeit‘, ‚Sieg und Niederlage‘, die sie dann auf Literatur, die sie gelesen haben, anwenden. Welche Werke sie nehmen, können sie selbst auswählen. Anja wendete ‚Verstand und Gefühl‘ auf Turgenevs ‚Väter und Söhne‘ und Zamjatins ‚Wir‘ an; Natascha ‚Ehre und Ehrlosigkeit‘ auf Puschkins ‚Hauptmannstochter‘ und auf das ‚Igorlied‘ – ein mittelalterliches Epos, das einen ähnlichen Stellenwert hat, wie bei uns das Nibelungenlied. Ich fragte die beiden nach ihrer Pflichtlektüre. In Klasse 10 ist das die russische Literatur des 19. Jahrhunderts: Puschkins ‚Boris Godunov‘, Tolstojs ‚Krieg und Frieden‘, Dostojewskis ‚Schuld und Sühne‘, Gontscharows ‚Oblomow‘, Turgenjews ‚Väter und Söhne‘, Tschechows ‚Kirschgarten‘, um nur die berühmtesten zu nennen. Neugierig geworden schaute ich bei www.examen.ru die Listen für die Pflichtlektüren nach. In der Einleitung fand ich den Hinweis, dass es sich empfiehlt, die Literatur in den Sommerferien zu lesen, da allein ‚Krieg und Frieden‘ 1274 Seiten habe. So verstand ich nachträglich den Kommentar meiner letztjährigen Elfer, die sich nach Rückkehr ihres Goebel-Aufenthaltes verwundert darüber äußerten, dass man an ihrer deutschen Schule wochenlang Patrick Süskinds ‚Parfum‘ besprochen habe.

Am nächsten Schultag konnte ich in Klasse 8 die Prüfungsvorbereitung wieder nicht durchführen: die guten Schüler – die gleichen, die eben auch die freiwillige Prüfung für einen Vorläufer des Deutschen Sprachdiploms machen –  waren alle in der Olympiade für russische Sprache (Hier sind russische Sprache und russische Literatur zwei getrennte Fächer). Auch meine Kollegin, die reguläre Deutschlehrerin in der Klasse, hatte das nicht gewusst. Als ich nach zwei Hohlstunden wieder vor einer leeren Klasse stand (u.a. fehlten auch Natascha und Anja. Sie hatten mir am Vortag nicht gesagt, dass sie auch an einer Olympiade teilnehmen werden.), machte ich mich entnervt auf die Suche nach Informationen, wann wer an irgendwelchen Olympiaden teilnimmt. Im Lehrerzimmer fand ich eine Übersicht, wann in welchen Fächern der Schulausscheid ist, und so weiß ich, dass am heutigen Montag die Deutsch-, am Mittwoch die Gesellschaftskunde- und am Freitag die Literatur-Olympiaden sind. Welche Schüler daran teilnehmen, war nicht aufgeführt. Auch die stellvertretende Schulleiterin konnte mir nicht helfen, schickte mich jedoch zu den Fachlehrern. Und siehe da, an der Tür des Kabinetts der Russischlehrerin war eine Liste der Schüler, die an diesem Tag an der russischen Spracholympiade teilnahmen. Die Liste der Teilnehmer der Literaturolympiade am Freitag ist noch nicht erstellt. Gelernt habe ich daraus, dass ich in Zukunft mit wachsamem Blick an den Kabinett-Türen vorbeigehen muss! Übrigens ist das Gymnasium Nr. 1 eine Schule, die auch auf regionaler und föderaler Ebene überdurchschnittlich viele Olympia-Sieger hervorbringt. Ein Grund, warum unsere Schule 2016 zum dritten Mal im Schul-Ranking die Auszeichnung bekam, zu den 500 besten Schulen Russlands zu gehören. Andere Kriterien beim Ranking sind die Abischnitte, die Zahl der Schüler, die das Abitur mit einer Gold- oder Silber-Medaille absolviert haben, die Zahl der ‚ausgezeichneten‘ Lehrer…

Ein weiteres Ereignis, das uns wochenlang in Atem hielt, war die Schulinspektion, die hier alle drei Jahre stattfindet und zwei Wochen dauert. Im Vorfeld wurden Kabinette aufgeräumt, der Inhalt aller Schränke auf Listen festgehalten, Klassenbücher auf den neuesten Stand gebracht… Eine große Herausforderung auch für die Schulleitung, die mit persönlichen Strafen (5 % Gehaltseinbuße), im Extremfall auch mit Schulschließung rechnen muss. Letzteres ist bei uns noch nie passiert, die Gehaltseinbuße musste unser Schulleiter aber schon hinnehmen, weil an unserer Schule kein Werkunterricht stattfand. Es war allerdings weit und breit kein Werklehrer zu finden gewesen. In diesem Jahr lief alles glimpflich ab: ‚Außer ein paar Kommas gab es nichts zu bemängeln,‘ sagte mein Schulleiter.

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 Eingang zur Ausstellung sowjetischer Sportplakate mit russischer Nachwuchskraft

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 Fjodor Pawlow-Andreewitsch am Laternenpfahl

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…und an einem Baum

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Café Хитрые Люди: Auf der Tafel wird das Oktoberfest angekündigt.

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Café Хитрые Люди: Der frühere Degustationsraum

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Gedenkstätte für Nemzow am 7. Oktober 2016 (Aufnahme von Dorothe)

 

Stadtfest in Moskau – Wahlen zur Duma – Putins Besuch der Deutschen Schule Moskau

19.09.2016

Am vergangenen Wochenende feierte die russische Hauptstadt ihr 869-jähriges Bestehen mit einem „Tag der Stadt“. Für uns ein günstiger Termin, weil Rose für eine Fortbildung die Tage davor ohnehin in Moskau sein musste.

Bei der Hinreise hätte sie beinahe nicht in den Zug steigen dürfen. Auf dem Fahrschein war statt der Passnummer die des Visums angegeben. Für die Wagenschaffnerin eine unüberwindliche Hürde. Sie ließ Rose erst mitfahren, nachdem der vorgesetzte Zugschaffner zugestimmt hatte. Weil ich zwei Tage später nachkam, hatte ich Zeit, die falsche Eintragung auf meiner Hin- und unseren Rückfahrkarten korrigieren zu lassen – was der schuldbewussten Bearbeiterin im Reisebüro mit Hilfe des dolmetschenden Siegie ohne Probleme gelang – in einer guten halben Stunde. (Einer Erlangerin, die mit einer Reisegruppe nach Wladimir unterwegs war, wurde in Moskau kürzlich aus dem gleichen Grund das Einsteigen verweigert. Die Gruppe musste ohne sie fahren. Die Frau brauchte eine neue Fahrkarte, die nicht bei der Schaffnerin, sondern nur am Schalter oder im Reisebüro gekauft werden kann, was eine längere Prozedur ist – siehe oben. Sie musste den nächsten Zug nehmen).

Nach dem Gulag-Museum (siehe unseren 67. Bericht) stand am Samstagabend die Oper Pygmalion von Cherubini in der kleinen, exquisiten Helikon Oper (Геликонопера) in der Bolschaja Nikitskaja Straße auf unserem Programm. Dies war etwas ganz Besonderes. Die Helikon Oper wurde 1990 gegründet, sie zeigt moderne und experimentelle Produktionen, oft mit gewagten, ungewöhnlichen Inszenierungen. Das Haus, ein Stadtpalast aus dem 18. Jahrhundert, besitzt zwei Bühnen, eine für 300 Zuschauer und eine für 100, ist also klein und intim. Entsprechend schwierig ist es, an Karten zu kommen. Für uns hat das eine ehemalige Lehrerin des hiesigen Gymnasium Nr.1 erledigt, die jetzt in Moskau wohnt und die richtigen Leute kennt. So saßen wir schließlich in dem kleinen Saal an einem Tischchen mit einer Flasche Rotwein und das in der ersten Reihe! Wir erlebten eine konzertante Aufführung in italienischer Sprache, die Sänger zum Greifen nah. Wie meist, erübrigen sich auch hier viele Worte zu der musikalischen und gesanglichen Qualität. Es war alles von höchstem Niveau.

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v.r. Xenia Lisanska (Galatèe Statue), Konstatin Brschinski (Amor), Anna Peguwa (Venus), Elena Sosulnikowa (am Klavier); Anna Grtschischkina (Galatèe), Dimitri Chromow (Pygmalion)

Das andere, allerdings von uns nicht eingeplante, Ereignis war das Fest zum 869. Geburtstag der Stadt. Es stand unter dem Motto „Russisches Kino“. In der ganzen Stadt waren Buden und Installationen von Kulissen und Gegenständen aus Filmen aufgestellt. Tore, Häuser, Kutschen, Straßenbahnwagen, Autos und immer wieder gemalte oder gestellte Szenen. Überall begegnete man Schauspielern und Statisten in Filmkostümen. Auf dem Roten Platz war ein riesiges Freilufttheater aufgebaut, das leider die Sicht auf den Senatsturm am Kreml und die Basilius-Kathedrale verstellte. Dort waren zentrale Veranstaltungen mit Putin und der Stadtspitze geplant.

Nach der Oper am Samstagabend wollten wir ein Feuerwerk ansehen, das im Rahmen der Feierlichkeiten zum Tag der Stadt abgebrannt wurde. Es war wieder ein interessantes landeskundliches Erlebnis, wie sich die Menschen dabei verhielten. Die Innenstadt war für Autos gesperrt, Fußgänger mussten durch eine Sicherheitsschleuse mit Taschen- und Rucksackkontrolle. Wir ließen uns mit der Menschenmenge auf die Große Kamennyj Brücke treiben, von der man über die Moskwa eine gute Sicht auf den Kreml hat. Groß und Klein standen schon dicht gedrängt, viele Kinder, oft auf den Schultern der Väter. Es war kaum noch durchzukommen. Dennoch: alles lief ohne Schubsen oder Drängeln ab. Wir fanden dann in der vierten Reihe ein Plätzchen und warteten auf das Ereignis, das so viele Menschen angelockt hatte. Das begann pünktlich um 22 Uhr mit Raketen und Funkenregen in allen Farben über den Kremltürmen. Auch hinter uns sahen wir ein Feuerwerk, es kam aus dem Gorkipark. Dann, nach vielleicht nur sieben Minuten drei laute Knalls: Ende der Veranstaltung. Die Leute gingen friedlich und offensichtlich zufrieden nach Hause. Der Autoverkehr wurde von der Polizei immer wieder angehalten, um den Fußgängerstrom vorbei zu lassen.

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Feuerwerk am 10.09.2016 zum Tag der Stadt Moskau

Der nächtliche Heimweg führte uns am Alexandergarten vorbei auf die vom Verkehr gesperrte Twerskaja Straße mitten in das Zentrum des Festgeländes. Es war noch viel Volk unterwegs. Hier gibt es im Freien keinerlei Alkoholausschank – auch bei Festen wie diesem nicht. Alkohol wird nur in Restaurants und Bars ausgeschenkt, von denen es allerdings in der Innenstadt genügend gibt. Das muss man sich vorstellen: ein Stadtfest ohne Bierzelte oder Weindörfer – bei uns undenkbar. Die bierseligen Bergkirchweihbesucher in Erlangen oder die weinvollen Hocketsefreunde in Stuttgart mögen es uns verzeihen: wir fanden die alkoholfreie Stimmung nachts um elf sehr angenehm. Alle Leute waren ruhig und vergnügt, es wurde nicht gegrölt oder gedrängelt.

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Eingang zum Stadtfest auf der Twerskaja

Am Sonntag haben wir uns in das Getümmel des Stadtfestes gestürzt, teilweise auf dem Boulevardring, teils auf der Twerskaja, der achtspurigen Hauptstraße Moskaus. Wir beobachteten wieder das Verhalten der Menschen mit Interesse. Es ist anders als bei uns. Besonders fällt uns auf, dass und wie die Leute, ob groß oder klein, mitmachen bei den vielen Angeboten. Da gab es Stände, an denen getanzt wurde, in einer Manege sprangen immer wieder Kinder oder Erwachsene mit den Zirkusprofis herum.

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Trommeln für alle

An einem Stand sang man Volkslieder, am nächsten saßen Kinder mit Erwachsenen trommelnd im Kreis. Schachspiele, Mal- und Bastelstände, ein Quiz über den Film Krieg und Frieden. Reichhaltige Gelegenheiten zum Mitmachen. Die Leute sind selbstverständlich und ohne affektiertes Getue dabei.

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Es gab auch reichlich Gelegenheit, sich in Kulissen mit Szenen aus Filmen fotografieren zu lassen. Das wurde von den vielen Besuchern gern und viel wahrgenommen, vor besonders bekannten Filmszenen standen lange Schlangen, so bei Iwan dem Schrecklichen oder bei Krieg und Frieden.

k-68-ber-6Anstehen für ein Foto mit Iwan dem Schrecklichen

k-68-ber-7Krieg und Frieden: Lager der napoleonischen Truppen

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Tanzstunde a la Krieg und Frieden

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Am nächsten Sonntag wird die Duma neu gewählt. Wir bemerkten in Moskau davon nicht viel. Sinnigerweise auf dem Platz vor der Lubjanka, dem gefürchteten früheren NKWD-Gefängnis, hatten sich Anhänger der KPRF (Kommunistische Partei der Russischen Föderation) versammelt, ganz in der Nähe war am „Stein der Erinnerung“ (Zur Erinnerung an die Opfer des stalinschen Terrors) eine Versammlung der Liberalen. Auf den Straßen wenige Plakate, in den Restaurants liefen auf den unvermeidlichen Bildschirmen einige Wahlspots.

Auch hier in Nischni sahen wir vom Wahlkampf nur wenig. An einigen Bussen klebten Wahlplakate, kaum welche in der Stadt. Das sehr schlechte Wetter mag eine Rolle gespielt haben. Auf den Straßen bekamen wir erst seit Donnerstag Wahlbroschüren in die Hände gedrückt – immer gleich zwei, wohl eine zum Weitergeben. In diesem Jahr wird die Hälfte der Abgeordneten direkt gewählt. So wirbt ein Kandidat um die Stimmen des Bezirkes Nischni Nowgorod. Er wird von drei schon in der Duma sitzenden Parteien unterstützt: Einiges Russland (Mehrheitspartei), KPRF (Kommunisten) und Gerechtes Russlands (Sozialdemokraten). Seine Hauptaufgabe als Duma-Abgeordneter sieht er im Kampf gegen die Oligarchen und die mit ihnen mauschelnden Beamten.

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Wahlwerbung der Partei Jabloko

Am Platz vor dem Theater warb Jabloko um Stimmen, eine Hoffnungspartei der 90er Jahre, die inzwischen keine Chancen mehr hat, in die Duma zu kommen. Die englischsprachige The Moscow Times schrieb am 16.09.2016:  Trotz der ökonomischen Krise wird erwartet, dass die Partei Einiges Russland klarer Sieger der Wahlen wird, weil sie von einem Mix aus Apathie der Wähler und der patriotischen Welle seit der Annexion der Krim profitiert – so war es dann auch!

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Wahl-Zeitungen aus Nischni Nowgorod. Die des Kandidaten der drei Parteien Einiges Russland, KPRF. Gerechtes Russland. Zeitungen der 2015 neu gegründeten Partei Рост (Rost = Aufschwung) und der Partei Яблоко (Jabloko). Unten ein Werbeband eines Kandidaten von Einiges Russland.

Schulnotizen

Jedes Jahr veranstaltet die ZfA (Zentralstelle für Auslandsschuldienst) eine dreitägige Fortbildung für die deutschen Programmlehrer in Moskau und der Wolgaregion, bei der die neuen Kollegen eingeführt und die anderen auf den neusten Stand gebracht werden. In diesem Jahr gab es drei Neubesetzungen in Moskau und eine in Wolgograd. Wir ‚älteren Semester‘ kamen aus Kazan, Moskau, Kaluga und Nischni. Die Fortbildungen finden immer im Ressourcenzentrum der Deutschen Schule in Moskau (DSM) statt. Diese Schule, welche 400 deutsche und russische Schüler vom Kindergarten bis zum Abitur besuchen, liegt mitten im Wohngebiet der Deutschen Botschaft. Abends trafen wir uns im „Deutschen Eck“, einem Hotel und Restaurant, in dem man sich bei Rindsrouladen, Kalbshaxen und deutschem Bier wie ‚zu Hause‘ fühlen kann.

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 Restaurant „Deutsches Eck“ im Wohngebiet der Deutschen Botschaft in Moskau. (Foto der Webseite Deutsches Eck Moskau entnommen)

In diesem Jahr war eines der abendlichen Themen auch Putins Besuch an der DSM. Anlässlich des 75jährigen Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 führten die DSM-Schüler gemeinsam mit Schülern aus Bad Salzungen und Rshew ein Erinnerungsprojekt an die Schlachten von Rshew durch, die von Januar 1942 bis März 1943 stattfanden und zu den blutigsten des Zweiten Weltkriegs gerechnet werden. Die Schüler wollten ein Zeichen für den Frieden und die deutsch-russische Freundschaft setzen und luden dazu Wladimir Putin ein. Zur großen Überraschung aller Beteiligten nahm dieser die Einladung an. „In seiner Rede in der Aula der Schule und in einem anschließenden Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern unterstrich er die Gemeinsamkeiten von Deutschland und Russland, erinnerte an die Verantwortung und endete im Aufruf zum gegenseitigen Vertrauen und Verständnis.“ (Homepage der DSM) Für den Präsidenten war die deutsche Schule kein neues Pflaster – auch seine beiden Töchter hatten sie besucht. Trotzdem hatten die Einladenden nicht ernsthaft damit gerechnet, dass Putin die Einladung annehmen würde. Umso größer war die Aufregung, als tatsächlich die Zusage kam, und zwar ziemlich spät, kurz vor der Veranstaltung. In aller Hektik wurden die Vorbereitungen getroffen, staatliche Sicherheitsbeamte ordneten die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen an. In der Nacht vor dem Besuch wurde eine Kollegin durch Baulärm geweckt: Vor der Schule verschönerten russische Bautrupps die Umgebung, Erde wurde aufgeschüttet, Blumen gepflanzt, Wellblechgaragen neu gestrichen oder abgerissen…. Und dann war der hohe Gast da, und – so die Leiterin des Ressourcen-Zentrums, die Aufregung wich bald einer ruhigen, ausgeglichenen Atmosphäre. Der Präsident war bestens vorbereitet, gut gelaunt und wechselte immer wieder in die deutsche Sprache, sodass auch die Schüler ihre Berührungsängste verloren.