Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

Startseite » Politik

Archiv der Kategorie: Politik

Tournee russischer Schüler: „Kommt wieder, aber ohne Waffen“

 

Wir waren uns sicher: die 18 russischen Schüler des Gymnasiums Nr. 1 aus Nischni Nowgorod würden ihr Theaterstück „Kommt wieder, aber ohne Waffen“ auch in Deutschland gekonnt aufführen. Jetzt am Ende der Tournee durch Süddeutschland hat es sich bestätigt: sieben Vorstellungen in acht Tagen wurden mit Bravour dargeboten.

Wir waren uns dessen sicher, weil wir die Schüler kannten und die Aufführungen in Wladimir und vier weitere in Nischni Nowgorod gesehen hatten. Allerdings wussten wir nicht, wie das Stück beim deutschen Publikum ankommen würde. Wir sind erleichtert, jetzt sagen zu können: alle Aufführungen haben einen tiefen Eindruck hinterlassen.

 Schulvorstellung in der Waldorfschule Erlangen

Besonders bemerkenswert die Reaktionen der jungen Generation bei den drei Schulaufführungen. Die Schülerinnen und Schüler der Waldorfschule in Erlangen, des Bildungszentrums Markdorf und des Zeppelin-Gymnasiums in Friedrichshafen lauschten atemlos und sichtlich beeindruckt bis zum Schluss den Darbietungen der gleichaltrigen russischen Darsteller. Viele verließen mit betroffenen Gesichtern den Saal, manche mit Tränen in den Augen.  Eine Lehrerin sagte, sie habe noch keine Schultheatervorstellung erlebt, in der die Schüler so ruhig und konzentriert zuhörten wie dieses Mal.

Langer Schlussapplaus der Oberstufenschüler im Bildungszentrum Markdorf.

Die Vorstellung in Friedrichshafen fiel auf die letzten zwei Schulstunden vor den Herbstferien. Das schienen schlechte Bedingungen zu sein. Würden die Schüler bis zuletzt aushalten? Wer erinnert sich nicht an seine Schulzeit und daran, mit welcher Ungeduld man das Klingeln vor den Ferien erwartete und wie wenig man sich in der letzten Stunde für den Lehrstoff interessierte.

Beifall im Zeppelin-Gymnasium Friedrichshafen – über den Ferienbeginn hinaus

Die Schulleitung hatte darum gebeten, pünktlich Schluss zu machen, weil ein Teil der Schüler die Schulbusse erreichen müsse. Jedoch herrschte in dem vollbesetzten Saal bis zum Schluss aufmerksame Ruhe, keiner verließ vorzeitig den Raum. Die Schulglocke hatte längst geläutet, der Beifall nahm kein Ende, vor allem als Wolfgang Morell, der mitgereiste Zeitzeuge, auf die Bühne ging. Nachdem die Fahrschüler dann doch zu ihren Bussen gegangen waren, blieben noch viele Zuschauer im Saal, um mit den Schauspielern und dem Zeitzeugen zu diskutieren, viel länger als geplant.

Das überwiegend ältere Publikum der vier öffentlichen Aufführungen beim Kolpingverein im Gemeindezentrum St. Xystus in Erlangen, im Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden-Echterdingen bei Stuttgart, in der Waldorfschule in Überlingen und im Rathaussaal in Immenstaad reagierte ebenfalls immer mit langem Beifall. Auch hier waren alle Vorstellungen sehr gut besucht, auch hier beeindruckten die schauspielerischen Leistungen. Bemerkenswert ist, dass die Vorstellungen trotz mancher technischer Unzulänglichkeiten gut aufgenommen wurden, so, wenn die eingeblendeten Übertitel mit den Übersetzungen der russischen Texte nicht lesbar waren, weil der Beamer nicht funktionierte. Oder auch wenn die russischen Schüler, die die deutschen Kriegsgefangenen darstellten und deshalb deutsch sprachen, manchmal wegen des russischen Akzents nur schwer zu verstehen waren.

Hier im Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden funktioniert der Beamer.

Bewundernswert die Leistungen der Regisseurin Marina Kotschkina. Rasch stellte sie sich auf die unterschiedlichen Räume, die Größe und Ausstattung der Bühnen ein. Die Zeit für die Vorbereitungen oder die Durchlaufprobe war oft sehr kurz. Bei einer Vorstellung musste Marina wegen Erkrankung einer Schülerin spontan mehrere Rollen umbesetzen.

Hohe Anerkennung verdienen die schauspielenden Schülerinnen und Schüler aus Nischni Nowgorod. Sie sind ja keine gelernten Schauspieler. Sieben Vorstellungen in acht Tagen, und alle spielten konzentriert und präsent bis zum letzten Wort. Vor allem die deutschen Lehrer bewunderten die jungen Russen, die ihre Texte eineinhalb Stunden lang in Deutsch, in einer für sie fremden Sprache, vortrugen – und das ohne Stocken. Eine Souffleuse gab es nicht.

Der jüngste Schauspieler, der achtjährige Maxim.

Erstaunlich auch ihre Improvisationsfähigkeit. Sie waren verständlicherweise nach der Reise, den Vorstellungen und den neuen Eindrücken müde, manche sehr müde. Einmal war der Ballettmeister hinter der Bühne eingeschlafen und verpasste seinen Auftritt. Die auf der Bühne wartenden Lemuren bei der Probe für „Faust“ stockten nur kurz, dann übernahm einer von ihnen die Tanzanweisungen. Das Publikum bemerkte nicht, dass hier etwas schiefgegangen war.

Der russische und der deutsche Offizier sind müde – vor der Vorstellung

Präsent auf der Bühne, der deutsche Offizier bei der Instruktion der Soldaten vor dem Marschbefehl an die Ostfront

Nach der Aufführung des Stückes im bis auf den letzten Platz gefüllten Pfarrzentrum St. Xystus fragte eine Zuschauerin, ob die Darstellung des Schicksals deutscher Kriegsgefangener in sowjetischen Lagern nicht doch ein wenig geschönt sei. Sie habe da anderes gehört. Viel mehr Schreckliches. Eine Frage, die so oder ähnlich oft gestellt wurde. Was soll man darauf antworten: Natürlich gab es auch die schlimmen Zustände, Entbehrung, Leid, Hunger und Tod. Im Stück selbst wird ja offen ausgesprochen, dass ein Drittel der Deutschen (über eine Million) die russische Kriegsgefangenschaft nicht überlebte, dass Schwerstarbeit zu leisten war und Hunger und Not herrschten, dass diese Zeit für viele Deutsche ein Trauma blieb. Ich fand es von Anfang an bemerkenswert, dass Marina Kotschkina, die Autorin dieses Stückes, die Schrecken und Leiden der Deutschen in den sowjetischen Lagern nicht ausgeblendet hat.

Aber es gab eben auch die andere Seite: das heimlich zugesteckte Brot, die verständnisvolle Geste, sogar Respekt, Zuneigung und Liebe, durch die viele den Lebensmut wiederfanden. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch die etwa fünfzig Berichte der ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen in dem Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen“, die dem Theaterstück zugrunde liegen.

Der Kriegsveteran Wolfgang Morell, der zusammen mit seinem Freund Claus Fritzsche die Vorlage war für den Helden Alex, begleitete die gesamte Tournee. Nach den Vorstellungen bestieg der 95jährige Zeitzeuge mühsam die Bühnen und stellte sich dann mit bewundernswerter geistiger Frische den Fragen. Er bestätigte die Berichte über die schlechten Lebensbedingungen in den Lagern, über die vielen Toten durch Hunger und Seuchen. Aber das galt nicht nur für die deutschen Gefangenen. Die russische Bevölkerung hungerte auch. Das Wachpersonal, die Ärzte und Krankenschwestern in den Lagern waren in ähnlichem Maße von Seuchen und Tod betroffen wie die Gefangenen. Er konnte keine bewusste Politik zur Vernichtung der Gefangenen feststellen, wie sie beschämenderweise im Dritten Reich gegenüber den russischen Gefangenen geübt wurde, von denen zwei Drittel (3,6 Millionen) als Folge des von Hitler ausgerufenen „Vernichtungskrieges gegen die russischen Untermenschen“ ums Leben kamen.

Im Theaterstück: 1949, Schanna und Sascha, dessen Rolle aus den Personen Wolfgang Morell und Claus Fritzsche zusammengesetzt wurde

Im Stück ist der Beginn der Beziehung Wolfgang Morells zu der russischen Frau, Schanna Worontzowa, die zwei Jahre dauerte, nur kurz dargestellt. Schüler fragten, wie diese berührende Geschichte weiterging. Während des Kalten Krieges wäre der Kontakt zu einem Westdeutschen für eine Russin gefährlich gewesen, deshalb unterblieb er.

2017: Schanna und Wolfgang Morell im wirklichen Leben

Anlässlich der Vorstellung der russischen Ausgabe des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen“ in Wladimir und der Aufführung des Theaterstückes reiste Morell nach Nischni Nowgorod. Dort traf er nach 68 Jahren Schanna wieder – ein Ereignis, das vom russischen Fernsehen mit einem Film am Schluss der Abendnachrichten gewürdigt wurde.

Zu der Aufführung in Erlangen war ein weiterer Zeitzeuge angereist: Alfons Rujner, mit fast 90 Jahren aus Berlin kommend, erkennt sein Schicksal wieder, nicht nur in dem alten Mütterchen, das ihn kurz vor dem Heimtransport in Wladimir am Ärmel zupfte und ihm zurief: „Komm wieder, aber ohne Waffen!“, sondern auch in der Indoktrinierung durch die Nazis mit ihren Zerrbildern von Sowjets, die Hörner trugen und als rote Teufel gezeichnet wurden, sowie in der Umerziehung, die er als damals siebzehnjähriger Jüngling als Befreiung vom ideologischen Ballast der Faschisten empfand.

Alfons Rujner, Wolfgang Morell, Erlangens Oberbürgermeister Florian Janik

Und so kam denn Alfons Rujner als Antifaschist aus dem Lager zurück und kann sagen: „Bis heute bin ich ein solcher geblieben, und ich möchte nie mehr sehen, wie Nazis durch das Brandenburger Tor marschieren!“ Florian Janik dankt er für dessen Engagement für die Völkerverständigung und Partnerschaft mit den Worten: „Hätte ich die Macht dazu, ich würde Dich, lieber Florian, zum Oberhaupt einer Friedensstadt ernennen!“ Erlangen als Friedensstadt. Welch eine Auszeichnung aus dem Mund eines Kriegsveteranen!

Keine Tournee ohne kleine Katastrophen. Eine ereignete sich gleich zu Beginn: Weil die Sicherheitskontrolle am Flughafen in Frankfurt sehr lange dauerte, verpassten einige den Flug nach Nürnberg. Hier entstiegen dem Flieger statt der von uns erwarteten zwanzig nur neun Gäste. Der ohnehin ausreichende Bus musste mit vielen leeren Sitzen in das Hotel Rangau in Dechsendorf fahren, das geplante Begrüßungsessen genossen nur die wenigen schon Eingetroffenen. Die in Frankfurt Zurückgebliebenen hatten zumindest das Glück, im nächsten Flugzeug Plätze zu bekommen. Wir, die Abholenden, hatten das Glück, dass Peter Steger mit dem Kleinbus des Jugendringes beim Transport aushelfen konnte. Gegen Mitternacht waren dann alle im Hotel.

Eine andere kleine Katastrophe hätte sich zumindest für den Betroffenen leicht zu einer größeren ausweiten können. Ein Schüler ließ im Intercity nach München seinen Rucksack mit Pass und Visum liegen. Gott sei Dank bemerkte er es beim Umsteigen in Nürnberg sofort. Der Zugbegleiter im ICE konnte rasch erreicht werden, dieser fand den Rucksack am angegebenen Platz und versprach, ihn in München auf die Fundstelle zu bringen. Von den hilfsbereiten Mitarbeitern wurde er gesichert und dort vom Kurierdienst „Time:Matters“ abgeholt. Nach einiger Telefoniererei konnten wir ihn am nächsten Tag wohlbehalten am Bahnhof in Lindau in Empfang nehmen. Hier haben die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Bundesbahn und des Time:Matters-Teams ein Lob verdient!

Keine Tournee ohne Nebenprogramm: Die russischen Schüler waren sehr angetan von den Stadtführungen durch deutsche russischsprechende Schüler in Erlangen vom Verein Brücken e. V., in Überlingen von der Waldorfschule und in Konstanz von einer offiziellen Stadtführerin. In Leinfelden-Echterdingen war es ein Nachmittag mit den Gastfamilien, in Friedrichshafen ein Besuch des Zeppelin-Museums. Erstaunen erregte in Konstanz ein kurzer Grenzübertritt in die Schweiz, der ohne Passkontrolle einfach so möglich war. Sehr überraschend für die jungen Russen.

Fotostop kurz vor dem Abstecher in die Schweiz

Und schließlich: Keine Tournee ohne die Hilfsbereitschaft so vieler Hände! Die liebevolle Betreuung durch den Kolpingverein in St. Xystus in Erlangen-Büchenbach und den Brücken e.V., die Übernachtungen in den Gastfamilien in Leinfelden-Echterdingen und schließlich die Unterbringung der ganzen Gruppe in den Ferienwohnungen des Obsthofes Lehle in Immenstaad, die die Schüler zu Begeisterungsrufen animierte.

Obsthof Lehle in Immenstaad

Das dortige Katholische Bildungswerk, geleitet von Frau Monika Bauer und das Team um Hubert und Carmen Lehle, Konrad und Monika Veeser, Udo und Hanne Kampmann haben entscheidend zum Wohlbefinden aller Gäste beigetragen. Die Schulleitungen, die die Räume zur Verfügung stellten, die Techniker, die sich rasch und flexibel auf unsere Wünsche einstellten, allen voran Fjodor Nevelski, der mit seiner professionellen Ausrüstung in Erlangen beide Vorstellungen bediente, die Lehrer, die ihre Schüler zum Besuch der Vorstellungen anregten und nicht zu vergessen, das Küchenpersonal und die manchmal geplagten Hausmeister („Mir ist gesagt worden, ich soll nur den Saal aufschließen!“ Weit gefehlt, was musste nicht alles an Stühlen, Tischen, Kabeln und Körben herangeschafft werden). Dann die unerwartet vielen Spenden auf das Konto des Bildungswerkes und in die Körbe an den Ausgängen, die Spenden von Sponsoren wie das Katholische Bildungswerk, der Stiftung West-Östliche Begegnungen, der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke. Zum Abschluss der Tournee konnte das Stück dank des Immenstaader Bürgermeisters, Jürgen Beisswenger, im repräsentativen Saal des Immenstaader Rathauses aufgeführt werden. Dankbar nahm die Gruppe auch Herrn Beisswengers Geschenke und seine Einladung zum Abschiedsessen in die Pizzeria Il Centro an.

Und doch: Roses Idee, aus Peter Stegers Buch mit ihren Schülern und Marina Kotschkina ein Theaterstück zu machen, hätte im Mai 2017 mit einigen Aufführungen in Russland geendet, wenn der Erlanger Oberbürgermeister im April bei der Präsentation der russischen Ausgabe des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen“ nicht so beeindruckt gewesen wäre von den zwei Szenen, die von der extra aus Nischni Nowgorod angereisten Schülergruppe aufgeführt wurden. Spontan lud er alle nach Erlangen ein. Ihm sei dafür besonders gedankt und Peter Steger für die vielen Vorbereitungen, für Rat und Tat bei der Planung und Durchführung der Reise und natürlich für die geniale Idee, das Buch zu schreiben.

Materialien zu dem Stück:

Literaturliste

  • „Komm wieder, aber ohne Waffen“, Peter Steger,2015, Stadt Erlangen/ Stadtarchiv Erlangen. ISBN: 978-3-944452-09-8. Erhältlich beim Stadtarchiv Erlangen,
  • „Возвращайся, но без оружия“, Peter Steger, auf Anfrage digital erhältlich bei Rose Ebding: roseebding@gmail.com
  • Programmheft, Rose Ebding, auf Anfrage digital erhältlich bei Rose Ebding
  • „Mit 17 Jahren hinter Stacheldraht“, Alfons Rujner, 2001, Alfons Rujner ISBN:3-8311-2584-8
  • „Das Ziel – Überleben“, Claus Fritzsche, 2000, VDM Heinz Nickel ISBN: 3-925 480-44-7
  • „Rose für Tamara“, Fritz Wittmann, 2001, Taschenbuch

Im Internet abrufbar:

  • Text des Theaterstückes: „Kommt wieder, aber ohne Waffen“,

o   https://drive.google.com/file/d/0B__G9GV0N3MdOGc3V0JQZ2ZOSVU/view

  • Trailer: „Kommt wieder, aber ohne Waffen“,

o   https://www.youtube.com/watch?v=QI8aM7RMDUw&feature=youtu.be

  • текст: „Возващайтесь, но только без оружия“,

o   https://drive.google.com/file/d/0B__G9GV0N3MdRnd5Yjhqbm5KR2s/view

  • трейлер: „Возващайтесь, но только без оружия“,

o   https://www.youtube.com/watch?v=fCnu0H4xMmg 

  • Film von NTV über die Begegnung von Wolfgang Morell und Schanna Worontzowa im April 2017 (auf Russisch)

„Wolfgang Morell und Schanna Woronzowa“ Youtube

  • Weitere Informationen finden sich in den Blogs:

–      stuttgartnishnij.wordpress.com

–      erlangenwladimir.wordpress.com

In Kürze wird auch der Mitschnitt der Aufführung in der Waldorfschule Erlangen am 23.10.2017 von Herrn Werner Schramm vom Aischtaler Filmtheater e.V. erhältlich sein.

 

Advertisements

Unser Russland-Abenteuer ist zu Ende

Eigentlich sollte der lange Bericht über unsere Kamtschatka-Reise der letzte sein. Aber wir haben in den letzten Wochen unseres Aufenthaltes in Nischni Nowgorod und dann an den drei Tagen in Moskau noch mehr oder weniger Bedeutendes erlebt, was uns so interessant erscheint, dass wir einiges davon berichten müssen/wollen.

Zu einem Abenteuer der besonderen Art entwickelte sich das Aufgeben eines Postpaketes mit Kleidung, Büchern und anderem Umzugsgut nach Deutschland. Wir hätten gewarnt sein können, denn „in Russland gibt es zwei Filialen der Hölle“, sagte Witali, unser Reiseführer auf Kamtschatka, „die Polikliniken und die Post“. Auf dem Postamt wurde alles, wirklich alles, was in das Paket kam, gezählt und gewogen: Ein Paar Schuhe 850g, 8 Stück Kosmetika 900g, 2 Souvenirs 500g, 50 Stück Kleidung 7,3 kg, 16 DVD 400 g, 30 Bücher 12,3 kg usw. usw. Die hinter uns Wartenden waren ebenso geduldig wie die uns bedienende Beamtin, die freundlich und entspannt die langwierige Prozedur abwickelte und immer mal unterbrach, wenn sie ihren Chef fragen ging, ob Medikamente verschickt werden dürfen (nein) oder wie Bücher zu behandeln sind. Letzteres fragte sie erst am Schluss und kam mit der Antwort zurück, dass Bücher getrennt verschickt und an einem eigenen Schalter aufgegeben werden müssen. Das hieß noch einmal Umpacken und noch einmal Anstellen. Dann wurden pro Sendung drei Formulare ausgefüllt, Adressen gedruckt und aufgeklebt. Nach fast eineinhalb Stunden verließen wir erleichtert die „Filiale der Hölle“. Die Pakete sollten in zwei Wochen bis in zwei Monaten in Erlangen ankommen. (Tatsächlich trafen sie schon nach zwei Wochen am Zollamt in Erlangen ein. Leider ist wohl bei einer nochmaligen russischen Kontrolle das Päckchen mit dem Iwan-Tee nicht wieder richtig verschlossen worden. Als ich das Paket vor dem Zöllner öffnete, stieg eine Duftwolke empor. In allen Kleidern steckten die kleinen Tee-Körnchen.)

Um im Bild zu bleiben: In Russland gibt es auch „Filialen des Himmels“. Eine davon erlebten wir am Sonntag (13. August) in Arsamas, einer 95 km südlich von Nischni liegenden Stadt. Dort war Kyrill I., der „Patriarch Moskaus und ganz Russlands“ zu Besuch. Nach einer Messe in der Kathedrale weihte er ein Denkmal zum 150. Geburtstag des in Arsamas geborenen Patriarchen Sergej (1867 – 1944) ein. Ein großes kirchliches Ereignis, vergleichbar mit einem Papstbesuch bei uns in Deutschland. Und wir waren mitten drin!

Zu verdanken hatten wir das „unserer“ Kira, der Kantorin der Alexander-Newski-Kathedrale, deren Chor bei den Feierlichkeiten sang. Mit dem Chor gelangten wir mit in die Auferstehungskathedrale. Diese und die umliegenden Plätze der Stadt waren weiträumig abgesperrt, nur durch Sicherheitsschleusen und nach Taschenkontrollen durch die reichlich vorhandene Polizei und andere Sicherheitsleute zugänglich. In der Kirche standen wir mit dem Chor nahe bei dem freigehaltenen Raum vor dem Ikonostas, vermutlich beneidet von den Massen an Gläubigen, die sich hinter den Absperrungen in der Kathedrale drängten und auf dem großen Platz davor, wo die Messe auf Großleinwand übertragen wurde.

Vor dem Gottesdienst in der Kathedrale von Arsamas

Während des Gottesdienstes

Während des Gottesdienstes war uns die Sicht durch die vielen Priester und Diakone versperrt, die sich in goldfarbigen Gewändern in langen Reihen aufstellten. In der Feier  verhielten sie sich für unser Empfinden entspannt und eher locker. Immer wieder mal verließ einer von ihnen seinen Platz, umarmte Freunde und Bekannte und plauderte kurz mit ihnen. Einer holte das Handy hervor, fotografierte seinen Patriarchen und den Chor hinter sich.

Kira in Aktion

Wir standen über vier Stunden neben dem Chor und überstanden die vier Stunden gut, gefangen von der feierlichen Atmosphäre und vor allem eingehüllt von den Gesängen des Chores und der Priester. Kira leitete den Chor energisch, unterstützt von ihrem Mann, einem ranghohen Geistlichen, der immer zum Altar blickte und ihr das Signal zum Einsatz gab.

Übergabe einer Ikone an die Gemeinde durch Patriarch Kyrill

Am Schluss folgte, wie in der orthodoxen Kirche üblich, eine Predigt. Der Patriarch sprach über das Leben von Sergej I., der in der Stalinzeit eine schwere, nicht unumstrittene Rolle zu spielen hatte. Kyrill übergab der Gemeinde eine Ikone von Sergej. Danach wurde mit einem im Wechselgesang oft wiederholten Ruf „Gratios, Gratios“ die lange Feier beendet.

Mittagessen in einer Kapelle

Der Chor – und damit auch wir – waren zu einem Mittagessen in einer innerhalb des abgesperrten Bereiches liegenden Kapelle eingeladen.

Straße in Arsamas

Den Nachmittag nutzten wir zu Spaziergängen durch die typisch russische Kleinstadt (105000 Einwohner) mit den flachen Häusern an breiten Straßen. Nach der Einweihung des Denkmals ging es in einem langen Stau zurück nach Nischni Nowgorod.

Noch ein paar Beobachtungen zu anderen Themen:

Überraschend hörte ich im Fitness-Center Fiskult zum ersten Mal deutsche Musik aus den Lautsprechern, die in den drei vergangenen Jahren den Raum sonst mit englischsprachigem und manchmal russischem Pop oder Rock ausfüllten. „Rosenrot, oh Rosenrot – tiefe Wasser sind nicht still“. klang es bedrohlich in dem dumpfen Sound der Band Rammstein. Wikipedia schreibt dazu: „Die zur „Neuen deutschen Härte“ zählende Gruppe Rammstein wird – obwohl bis heute immer wieder kontrovers betrachtet – mittlerweile in der internationalen Medienlandschaft mehrheitlich als einer der wichtigsten musikalisch-zeitgenössischen „Kulturexporte“ Deutschlands gesehen“. (Ende des bemerkenswerten Zitats). Wir haben häufig Plakate von deutschen und westlichen Rock- und Popbands gesehen, Beispiel „Skorpions“. Auch dieser Kulturaustausch klappt wenigstens noch in der verfahrenen politischen Situation.

Ankündigung eines Konzertes der Scorpions für den 9. November. Aufgenommen am 25. Juni 2017 in Jekaterinburg/Sibirien

Hier in Nischni sind in den drei letzten Jahren viele neue Wohnhäuser, einige Hotels und Einkaufszentren entstanden, denen die an Basare erinnernden Märkte und die alten typischen Holzhäuser weichen müssen. Ein besonders prächtiges davon fiel uns schon im Herbst 2014 mit dem Graffitispruch auf: „Дай жильё! Мы люди, а не крысы. – Gebt uns Wohnraum! Wir sind Menschen und keine Ratten“. Dieses Haus an der Slawanskaja Straße (Славанская Улица) und die Graffiti daran sind noch unverändert – ich habe es bei einem Abschiedsgang durch die Stadt wiederentdeckt.

Graffiti: Gebt uns Raum! Wir sind Menschen und keine Ratten.

Ab 15. August wurden die Fahrpreise für den öffentlichen Nahverkehr drastisch erhöht, jetzt kostet eine Fahrt mit Bussen und Bahnen 28 Rubel, bisher waren es 20 Rubel, bei der Seilbahn nach Bor 100 statt bisher 90 Rubel. Eine bessere Nachricht, wenn auch für uns ohne direkte Bedeutung, aber für die Stadt wichtig: die neue Wolgabrücke wurde dem Verkehr übergeben. Ein Segen für die Autofahrer in Richtung Norden.

Ein letzter Blick auf Oka, Wolga und die Strelka mit der Alexander-Newski-Kahtedrale in Nischni Nowgorod

Unsere letzten Abende in der schönen Stadt nutzten wir zu Abschieds-Spaziergängen an die von uns besonders geliebten Orte, an erster Stelle an das Oka-Ufer. Wie oft haben wir in den letzten drei Jahren dort gestanden und die majestätischen Flüsse bestaunt, die je nach Jahreszeit, Wetter und Sonnenstand anders aussahen. Wir bekamen eine Ahnung davon, was die Maler „das russische Licht“ nennen. Der Blick in die Ferne, die ruhige Stimmung, die Weite der Landschaft, das ist es, was wir vermissen werden.

Zum Abschluss unserer drei Jahre in Russland waren wir noch einmal drei Tage in Moskau, dieser unglaublichen, aufregenden und widersprüchlichen Stadt. Es war unser dreizehnter Besuch, aber der erste im Sommer.

Moskau: Warten auf den Einsatz

Moskau glich einer einzigen Baustelle. Viele Straßen und Bürgersteige wurden neu gepflastert, wohl schon als Vorbereitung auf den 760. Geburtstag der Stadt oder auf die WM 2018, auf das Ereignis des nächsten Jahres. Die kurze Taxi-Fahrt vom Kursker Bahnhof zu unserem Stamm-Hotel Budapest dauerte lange, Stau reihte sich an Stau.

Die Bürgersteige werden mit eleganten Platten belegt

Der Rote Platz war von einer riesigen Bühne für das Militärmusikfestival Spasskaja Baschnaja (Спасская Башная, benannt nach dem Kremlturm) am folgenden Wochenende vollgestellt. Es wurde schon eifrig geprobt. 22 Musik- und Folkloregruppen aus 12 Ländern nahmen teil, darunter auch deutsche und ukrainische (lt. Russischen Nachrichten). Im abgesperrten Gelände sahen wir eine Biker Gruppe (oder waren es zwei?) mit der schweizerischen und der australischen Flagge. Als Star im Eröffnungskonzert war Mireille Mathieu angekündigt.

Auf der Großen Moskwa Brücke standen an der Gedenkstelle für Nemzow noch immer Blumen, Fotos und ein Schild mit der Zahl der seit dem Mord vergangenen Tage: 909. Die Initiative will erreichen, dass die Brücke in Nemzow-Brücke umbenannt wird.

Seit dem Mord an Nemzow sind 909 Tage vergangen

Die drei Tage in Moskau nutzten wir bei angenehmem Sommerwetter zu Ausflügen in Parkanlagen und in die Umgebung.

Eine halbstündige Fahrt mit der Metro brachte uns vom Theater-Platz (Театралнaя Плошадь) zur Station Zarizyno (Царицыно), von der man in wenigen Minuten den gleichnamigen großen Park erreicht, in dem ein Schloss Katharinas der Großen steht. Der Park ist eines der beliebtesten Ausflugsziele der Moskauer, er soll an den Wochenenden überfüllt sein. Davon war bei unserem Besuch, einem Dienstag, nicht die Rede. Auf 25 ha gibt es zwei große Teiche, einen englischen Garten, einen Wald und auf einem Hügel das Schloss. Nach den anstrengenden Tagen in Nischni verbrachten wir dort ein paar entspannende Stunden im Museum über das Leben Katharinas, auf Spazierwegen und auf einer Wiese unter Bäumen, von der aus wir die Springbrunnen der Musikinsel sehen und klassischer Musik lauschen konnten.

See im Park Zaryzino

Das Schloss, das Katharina nie bewohnt hat

Dieser Park hat eine eigenartige Geschichte. Katharina wollte vor den Toren Moskaus eine Sommerresidenz errichten. Das vom Architekten Baschenow gebaute Schloss gefiel ihr nicht, sie ließ es 1785 wieder abreißen. Auch der zweite Versuch des Architekten Kasakow fand wenig Gefallen bei ihr, sie verlor das Interesse und die Arbeiten wurden 1793 eingestellt. Das Hauptgebäude, ein paar Pavillons und Brücken blieben halbfertig stehen. Kaum zu glauben, welche Launen sich eine Herrscherin damals leisten konnte! Im 19. Jh. wurden einige kleinere Gebäude im neogotischen Stil fertiggestellt, die Ruinen und der Park entwickelten sich zu einem beliebten Ausflugsziel. Nachdem ab 1858 hier Land für die Errichtung von Datschen freigegeben wurde, wurde Zarizyno zum Sommerdomizil für namhafte Persönlichkeiten aus Aristokratie und Kunst, u.a. Iwan Bunin und Andrej Bely. Auch Peter Tschaikowski und Anton Tschechow weilten hier, angezogen durch die romantischen Ruinen. Erst Anfang dieses Jahrtausend ließ die Moskauer Stadtverwaltung den Park und die Gebäude sanieren.

„Neben“gebäude in Zaryzino

Launen der Herrschenden gab es nicht nur bei den Zaren, die zeigten auch die neuen Herrscher nach der Oktober-Revolution, wie wir im Lenin- Museum in Gorki Leninskie (Горки Ленинские) mit einiger Verwunderung erleben konnten.

Die Anfahrt dahin entwickelte sich zu einem spannenden Erlebnis, weil wir wegen eines Missverständnisses mit dem Busfahrer über unser Ziel hinausfuhren. Der aus dem nächsten Ort gekommene Taxifahrer „weigerte“ sich, uns zum Lenin-Museum zu bringen, denn die Autostraße mache einen 10 km langen Umweg, was teuer sei, während es einen viel kürzeren Trampelpfad durch Gestrüpp gebe.

Rose in den russischen Wäldern

Er fuhr uns ein paar Meter zum Beginn des Trampelpfades, wo er uns absetzte, uns auf der anderen Seite eines tiefen Tales unser Ziel, den alten Herrensitz, zeigte und sich mit einem freundlichen „Do Swidanja“ das Geschäft einer längeren Fahrt entgehen ließ. Auf dem schmalen Weg durch Brombeerengestrüpp und Brennnesseln gelangten wir dann wohlbehalten zu Lenins Wohnsitz, dem heutigen Lenin Museum.

Hauptgebäude in Lenins Vorstadtresidenz

Lenin beschlagnahmte 1918 das der Familie Morosow-Reinbot gehörende Herrenhaus als Vorstadtresidenz für sich, was den Vorteil hat, dass es von den Bolschewiki nicht geplündert wurde und dort Möbel und Einrichtungen vom Beginn des 20. Jh. erhalten sind. Man kann sehen, in welchem Luxus die reichen Leute damals lebten und darüber staunen, dass dem auch der Führer der Weltrevolution nicht abgeneigt war. Alle Räume waren äußerst geschmackvoll eingerichtet. Lenin verbrachte hier während seiner Krankheit die letzten Monate seines Lebens, er starb am 21. Januar 1924.

Gorki Leninskie, das früher Wyschnie Gorki hieß, liegt 35 km südlich von Moskau und Lenin brauchte natürlich ein Auto, um zwischen den Orten pendeln zu können. Dazu kaufte er in England einen Rolls Royce Silver Ghost, den er für den Winter mit Raupenketten und Skiuntersätzen an den Vorderrädern ausrüsten ließ. Der Silver Ghost war das schnellste, leiseste und teuerste Auto der damaligen Zeit. Es fuhr im Originalzustand 125 km/h, mit den Raupenketten maximal 60 km/h und verbrauchte dabei 37 Liter Benzin pro 100 km. Uns kam anlässlich dieses Luxus unwillkürlich der Roman „Animal Farm“ von George Orwell in den Sinn, in dem es heißt „Alle Tiere sind gleich, manche sind gleicher“. Er schildert darin, dass die Anführer einer Revolution die Forderung nach Gleichheit schnell vergessen, wenn sie erst einmal an der Macht sind.

Lenins Rolls Royce „Silver Ghost“

In einiger Entfernung vom Herrensitz entdeckten wir unter dem Motto „Monumentale Propaganda in der SSSR“ eine interessante Ausstellung. Zum einen etwa 20 Skulpturen aus der Sowjetzeit, 15 Mal Lenin in allen bekannten Posen, drei von Stalin und je eine von Marx und von Engels. Zum anderen waren Schautafeln aufgestellt, die zeigten, wie Fotos in der Stalinzeit der politischen Opportunität angepasst, also gefälscht wurden. Unliebsam gewordene Personen, die nicht mehr mit Stalin oder Lenin gezeigt werden sollten, wurden aus der Aufnahme entfernt. Auch dieses erinnert an einen Roman von Orwell, an „1984″.

Gefälschte Fotos und ihre Originale

Unser letzter Ausflug in die Umgebung ging nach Peredelkino, einer Siedlung mit etwa 50 Datschen für verdiente Dichter und Schriftsteller der Sowjetunion. Wir fuhren die 20 km vom Kiewer Bahnhof mit einer „Elektritschka“, einem Vorortzug, hin und zurück für 64 Rubel, also für knapp einen Euro.

In der Elektritschka von Peredelkino nach Moskau

Die Datschen sind hier große Holzhäuser auf parkähnlichen, einen Hektar großen Grundstücken, bei deren Betreten man sofort von der ruhigen, besinnlichen Atmosphäre eingefangen wird. Hier könnte man die Muße finden zum Dichten und Schreiben – wenn es der politische Druck zulässt!

Datscha von Boris Pasternak

Das Haus von Boris Pasternak, dem Autor von Dr. Schiwago, ist als Museum eingerichtet. Man kann die Räume ohne Führung besichtigen, allerdings gefolgt von einer streng blickenden Aufpasserin. Die Einrichtung ist sehr spartanisch. Pasternak hatte in seinem Arbeitszimmer außer der Bibel und einem deutschen Wörterbuch keine Bücher. Er meinte „Ein Stuhl, ein Tisch, ein Bett, mehr braucht ein Dichter nicht – das weitere muss die Fantasie machen“.

Pasternak feiert den Nobelpreis für Literatur 1958

Nach der durch Chrustschow erzwungenen Ablehnung des Literatur-Nobelpreises 1958 erkrankte Pasternak an Lungenkrebs, er starb am 30. Mai 1960. Der seelische Druck war zu groß. Obwohl sein Tod offiziell verheimlicht wurde, kamen 5000 Menschen zu seiner Beerdigung.

Datscha von Tschukowski

Nicht weit entfernt das Haus von Kornej Tschukowski, einem der bekanntesten sowjetischen Kinderbuchautoren. Dieser folgte dem Aufruf Stalins und Gorkis, gute Kinderbücher zu schreiben – und blieb sein ganzes Leben dabei. „In der Stalin-Epoche geriet Tschukowski mit seinen Werken bei den Machthabern in Ungnade – auch und insbesondere mit etlichen seiner Kinderbücher, da unter anderem das Märchen von dem Riesenkakerlak von einigen regimetreuen Kritikern jener Zeit als ein Pamphlet gegen Stalin angeprangert wurde. Viele Werke Tschukowskis wurden daher verboten und erst in der Tauwetter-Periode nach Stalins Tod und der Machtergreifung Nikita Chruschtschows wieder freigegeben.“ (Wikipedia) 

Sein erstes Kinderbuch schrieb er schon 1916, es hieß „Das Krokodil“. Dieses wandert durch Russland und stellt so den jungen Lesern ihre Heimat vor. Hier konnten wir das Haus nur mit einer Führung besichtigen, die eine junge Frau in gutem Englisch lebhaft gestaltete. Alle Zimmer waren voller Bücher, seine eigenen, die in viele Sprachen übersetzt wurden, Bücher von Walt Whitman, die er ins Russische übersetzte, Bücher von befreundeten Schriftstellern, die Bücher, die er in den Wochen vor seinem Tod las…. Tschukowski pflegte enge Beziehungen zu Schriftstellern in Japan und in den USA. Er war auch mit Solschenizyn befreundet, der viele Jahre im Gulag verbrachte und vor seiner Ausbürgerung mehrere Wochen in Tschukowkis Datscha lebte.

Foto von Solschenizyn in Tschukowskis Bücherschrank

 

Wir verließen diese besondere Datschensiedlung mit gemischten Gefühlen: einerseits die idyllischen Häuser, Parks und Gärten, Orte der Besinnung und des schöpferischen Schaffens, andererseits der politische Druck, der die Bewohner zur Systemtreue zwang.

Die drei Tage in Moskau haben uns noch einmal den Zwiespalt zwischen der Politik der Regierung(en) und dem alltäglichen Leben der Menschen bewusstgemacht, in der Vergangenheit und heute. Die auffallend vielen, immer großen chinesischen Reisegruppen waren nicht zu übersehen. Ausschilderungen in Geschäften und auf den Speisekarten findet man inzwischen öfter in Chinesisch als in Englisch. Beides ist ein Zeichen für die Öffnung Russlands nach China, weg von Westeuropa, das – für uns unbegreiflich – dieser Entwicklung tatenlos zuschaut. Dabei sagen viele Russen selbst, dass sie zwar anders seien als die „Europäer“, aber sich in Kultur und Geschichte dem nahen Westen viel näher fühlen als dem fernen Osten.

Auf dem Boulevard-Ring war eine von der Stadt Moskau veranstaltete Ausstellung zur Geschichte der Russischen Eisenbahn zu sehen. Dort gab es auch ein Bild von der am 17. Dezember 2016 erfolgten Eröffnung der Zugverbindung Moskau – Berlin mit dem Zug „Strisch“, zu Deutsch „Mauersegler“. Ist das eine letzte Schwalbe der besseren Beziehungen zu Deutschland vergangener Jahre oder doch ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft? (Für die Ornithologen: Ich weiß, dass Mauersegler keine Schwalben sind.) Ob man heute noch einmal so ein Projekt beginnen würde?

Eröffnung der Zugverbindung Moskau – Berlin 2016

Wir waren auch hier in Moskau wieder berührt von der freundlichen Haltung vieler Russen gegenüber Deutschland. Oft hörten wir „Deutschland gut“, wenn wir erkannt wurden. Dies erlebten wir auch in Nischni bis zum letzten Tag immer wieder. Da haben die Verbrechen, die im Zweiten Weltkrieg verübt wurden und die Leiden, die Deutschland über die russischen Menschen gebracht hat, keinen Hass hinterlassen, auch wenn nichts vergessen ist. Und leider spüren wir auf deutscher Seite oft Ablehnung, Skepsis, Angst vor den Russen oder eine Haltung der moralischen Überlegenheit. Die drei Jahre in Russland haben uns gezeigt, dass dies falsch ist. Deshalb halten wir die persönlichen oder kommunalen Kontakte für so wichtig. Sie können mithelfen, eine Grundlage für bessere Beziehungen unserer beiden Länder zu schaffen. „Ich möchte nicht, dass meine Enkel einst in einem Europa leben, das nur noch ein amerikanischer Brückenkopf in einem chinesisch-russischen Eurasien ist. Ich möchte nicht, dass alter Hass und neuer Unverstand Russland in eine Allianz treibt, die es nicht will und die Europa extrem verletzbar und abhängig machen müsste“. Erhard Eppler in seiner Rede vom 22.6.2016 zum 75. Jahrestag des Beginns des Russland-Feldzuges.

Unser Russlandabenteuer hat ja noch handfeste Nachwirkungen: Im Oktober kommen die Schüler des Gymnasiums Nr. 1 aus Nischni Nowgorod mit dem Theaterstück „Komm wieder – aber ohne Waffen“ zu einer Tournee nach Deutschland. Die Termine für die Aufführungen werden wir noch mitteilen. Jeder ist herzlich eingeladen.

 

Das letzte Läuten

Mit der „Nacht der Museen“ (Ночь Музеев) am dritten Mai-Wochenende verhielt es sich hier ebenso wie in Stuttgart und möglicherweise überall auf der Welt: die Museen waren überfüllt, vor den Eingängen standen lange Warteschlangen. Deshalb führte uns Roses Kollegin Marina in den Park des Sieges (Парк Победы). Er liegt an der Wolga unterhalb des steilen Uferhanges und zeigt Waffen aller Art: Panzer, Geschütze, Minenwerfer, Katjuschas. In dem Übersichtsprospekt, der die 26 sich beteiligenden Museen aufführt, wird der Besucher des Parks aufgefordert herauszufinden, welche der Waffen im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurden.

In einem abgetrennten Gelände krochen wir durch Schützengräben und Unterstände. Dabei stießen wir plötzlich auf Soldaten in russischen und deutschen Uniformen. Marina und Rose erfuhren von einem „Deutschen“, der sich Johann nannte, dass heute eine Nachtschlacht geschlagen wird.

Vor der Nachtschlacht: Marina und Rose sprechen mit einem „Deutschen“.

Um 23 Uhr – nach langem Warten bei Regen – begann das Spektakel. Ein Trupp Russen griff die Deutschen an, die sich in den Schützengräben verschanzt hatten. Mit Böllern, Feuerwerksraketen, Leuchtkugeln, Gewehr- und MG-Schüssen wurde ein Höllenlärm veranstaltet. Viel war nicht zu sehen, der Ausgang ohnehin klar. Ein Sprecher animierte die zahlreichen Zuschauer immer wieder „Giftler kaput – für Stalin – für das Vaterland“ zu rufen. Nach einer halben Stunde war alles vorbei.

Marina antwortete auf unsere skeptischen Kommentare zu dem gerade erlebten Schauspiel, die Russen sähen darin nicht viel Anderes als ein historisches Spiel, ähnlich wie mittelalterliche Ritterspiele. Wir fragten uns, was bei uns los wäre, wenn wir den Krieg gewonnen hätten? Wie sagte Erich Kästner schon 1930 in seinem Gedicht „Die andere Möglichkeit“ (Erste und letzte Strophe):

  • Wenn wir den Krieg gewonnen hätten, mit Wogenprall und Sturmgebraus, dann wäre Deutschland nicht zu retten und gliche einem Irrenhaus.
  • Dann läge die Vernunft in Ketten. Und stünde stündlich vor Gericht. Und Kriege gäb’s wie Operetten. Wenn wir den Krieg gewonnen hätten – zum Glück gewannen wir ihn nicht!

Weil kein Taxi kam, stiegen wir durch den dunklen Wald den Hang hinauf zur Oberen Wolga-Uferstraße. Auf dem Heimweg durch die Stadt sahen wir vor den Museen trotz des Regens noch immer Menschen auf Einlass warten, die Nacht der Museen ging bis ein Uhr.

Vor diesem Ausflug ins Kriegerische hatte uns Marina etwas Erbaulicheres gezeigt: einen „Hügel der Poeten“ (холм поетов), den Nischegoroder Dichter, unter anderen auch ihr Mann, am 25. Juli 1998 ohne behördliche Genehmigung an der Kremlmauer einrichteten, markiert mit einer schlecht zu lesenden Aluminiumplatte am Boden und einer kleinen, leicht zu übersehenden Nachtigall aus Eisen hoch an der Ziegelwand. Es finden dort noch immer alternative Dichtertreffen mit Lesungen statt. Wir gingen hier schon oft vorbei, ohne den geheimnisvollen Reiz des Ortes zu entdecken. Die Ansicht, die der Zusammenfluss von Wolga und Oka bietet, ist bei jedem Wetter so grandios, dass man sich nicht nach der Mauer umdreht.

Hügel der Dichter – Die Nachtigall an der Kremlmauer

Der immer wieder grandiose Blick auf Oka und Wolga

Unterhalb des Kreml liegt ein altes Kaufmannsviertel mit reichen Häusern aus dem 19. und 20. Jh. auf der Рождественская (Weihnachtsstraße) und der Unteren Wolga-Uferstraße. In einem Jugendstil-Haus logiert die „Galerie Futuro“ mit wechselnden Ausstellungen zeitgenössischer Maler aus ganz Russland.

Jugendstil-Haus an der Roschdestwenskaja Straße mit der Galerie FUTURO

In den geschmackvoll renovierten Räumen mit rohbelassenen Wänden war eine Ausstellung zum Thema „Frauen“ zu bewundern, überraschend, weil nicht der sonst hier häufige naturalistische Stil zu sehen war. Die ungerahmten Bilder zeigten ein breites Spektrum von Stilen, meist mit wenigen Pinselstrichen und wenig Farbe.

Ausstellungsraum in der Galerie FUTURO

Eingangsbild in der Galerie FUTURO

Dieses klobige Denkmal von Seeleuten aus der Stalinzeit vor dem Flussbahnhof bildet einen krassen Gegensatz zu den wohlproportionierten und reich verzierten Häusern der anliegenden Straßen. Man beachte: es wurden Blumen abgelegt!

Das letzte Läuten

Последний Звонок, das letzte Läuten, ist in Russland der letzte Schultag für die Аbiturienten vor ihren Prüfungen und wird in allen Schulen groß gefeiert. In unserem Gymnasium Nr.1 war dies eine lockere, fröhliche Schau in der Aula. Nach Reden des Schulleiters, eines Vertreters der Schulbehörde und dem Abspielen (eines Teils) der Nationalhymne, zu der alle aufstanden, führte die Abi-Klasse ein selbst verfasstes schwungvolles Musical über ihr Schulleben und ihre Lehrer auf. Die Rock- Pop- und Hiphop-Nummern wurden mit stürmischem Beifall bedacht. Und immer wieder Dank an die Lehrer und die Eltern.

 Die Abi-Klasse beim Letzten Läuten 

Von einer Schülerin bekam ich einen Blumenstrauß, der so groß und schwer war, dass wir mit dem Taxi nach Hause fahren mussten. Für mich und die DSD-Schüler folgt jetzt noch ein zweiwöchiger Intensivkurs, dann endet dieses Schuljahr in Nischni auch für mich. Es war mein letztes hier in Nischni Nowgorod – und überhaupt.

 

 

 

 

 

 

Der 8. und der 9. Mai 2017 in Moskau

Die elfte Reise nach Moskau in den zweieinhalb Jahren unseres Russlandaufenthaltes galt der Feier des 8. Mai. Der erste Metro-Zug am Kursker Bahnhof in Moskau empfing uns martialisch mit Fotos und Plakaten zum Tag des Sieges: an den Türen Bilder von Waffen und russischen Soldaten aus dem 2. Weltkrieg und im Wagen Beschreibungen der großen siegreichen Schlachten. Allerdings haben wir bei den fünf weiteren Metro-Fahrten dies nicht mehr gesehen, da hing in den Wagen wie in der Vergangenheit vor allem Werbung, unter anderem für (billige?) Kredite mit 12,5 % Zinsen.

Die Stadt war für den großen russischen Feiertag üppig geschmückt. Das oft zu sehende offizielle Logo bestand aus den Worten „Tag des Sieges 9. Mai“ und dem Georgsband aus dem weiße Blüten wachsen. Groß prangte es auf den hellblauen Rückwänden der „Public Viewing“ Bildschirme für die Übertragung der Parade auf dem Roten Platz.

Das diesjährige Logo zum Tag des 9.Mai

In vielen Schaufenstern hingen kleinere Formate in verschiedenen Ausführungen. Wie immer bei solchen Festen waren in den Fußgängerzonen und auf den Plätzen viele Pavillons mit Cafés, Verkaufsbuden und kleine Bühnen aufgebaut. Im Rahmen des Moskauer Frühlings sangen an 49 Stellen in der Stadt a capella Gruppen. In der Nähe unseres Hotels ein georgisches Trio in landesüblicher Tracht mit den stilisierten Patronengürteln über der Brust.

Nach einem ausgezeichneten (frühen) Abendessen am Vorabend unseres Festes im besten usbekischen Restaurant Moskaus „Weiße Wüstensonne“ mit Plov, Reis und Fleischspießen – ohne die später dort zu bewundernde Bauchtänzerin – gingen wir in die Tschaikowski-Philharmonie am Triumphplatz zu einem Gala-Chorkonzert, das im Rahmen des 16. von Waleri Gergijew geleiteten Moskauer Osterfestivals (ХVI Сезон Пасхальный Фестиваль) stattfand.

Schlussauftritt aller Chöre im Tschaikowski-Saal

Aus Russland waren ein St. Petersburger und ein Moskauer Chor zu hören, die anderen Chöre kamen aus Sofia, Stockholm, Tiflis, Prag. Der tschechische Jugendchor aus Prag belebte das eher ernste Programm mit volkstümlichen Weisen und Tänzen. Besonders beeindruckte uns der georgische Jugendchor Mdslewari  (kein Tippfehler) mit seinen kräftigen Stimmen und ungewohnten, sich leicht reibenden Harmonien vor allem in den Oberstimmen. Auch sonst war das Programm sehr vielseitig, es reichte von einer achtstimmigen Madrigale von Diletzki aus dem 17. Jh. (gesungen von den dreizehn Sängern vom „Chor der sieben Heiligen“ aus Sofia), schwedischen Sommerliedern bis zu alten und modernen Kirchenliedern der russischen Ensembles. Am Schluss sangen alle Chöre stimmkräftig einen österlichen Choral „Christus ist auferstanden“.

Nach diesem gebührenden Auftaktabend wollten wir am nächsten Tag, unserem Festtag, die Mjasnizkaja Uliza mit ihren Jugendstil-Häusern, dem konstruktivistischen Centrosojus-Haus von Le Corbusier und dem vom Teehändler Perlowa errichteten Teehaus im chinesischen Stil ansehen. Wir gingen trotz schlechten Wetters los, doch es war – gelinde gesagt – wenig genussreich: die Schirme behinderten die Sicht und Fotografieren war wegen des Regens kaum möglich. Als es dann auch noch in dicken Flocken zu schneien begann, gaben wir auf und flüchteten –  weil Museen montags auch in Moskau geschlossen sind – zurück in unser Hotel Budapest. Die a capella Gruppen ließen sich offensichtlich weder vom Wind, noch von Schnee oder Kälte stören. Auf der Kusnetzski Most sangen junge Russen in Winterkleidung und geschützt von der Konzertmuschel vor einem spärlichen Publikum.

Rose lauscht unter blauem Schirm dem Gesang

Dennoch war der Tag für uns noch nicht verloren. Mitternacht war schon überschritten, als wir uns nach einem anregenden Abend mit Freunden bei leichtem Regen auf den Heimweg machten – zu Fuß, aus Drang nach Bewegung. Nachts sieht die Welt anders aus, vor allem wenn Straßenbauarbeiten auf dem Boulevardring zu Umwegen zwingen. Wir ahnten nicht, dass wir einen jungen Mann mit unserer Frage nach dem Weg glücklich machen. „Was, ihr seid Ausländer? Und ihr lauft hier nach Mitternacht bei Regen herum! Und wollt kein Taxi! Und sprecht Englisch?“ Da machte er buchstäblich einen Freudensprung. „Ich habe seit vielen Jahren kein Englisch mehr gesprochen. Darf ich euch ins Hotel begleiten?“ Er rief sofort seine Frau an und erzählte ihr von seinem Glück. Und dann umtanzte er uns förmlich, lief rückwärts vor uns her und radebrechte drauf los. Unbegreiflich für ihn, dass Deutsche aus Stuttgart keinen Porsche oder mindestens Mercedes fahren. Er bedauerte, uns sagen zu müssen, wie sehr er sich freue, dass Russlands Hockey-Team die Deutschen soeben 6 : 3 besiegt habe, und das ein Tag vor dem 9. Mai! Kurzweilig unterhalten und ziemlich durchnässt kamen wir nach einer dreiviertel Stunde schließlich in unser Hotel und so endete Roses Festtag, ihr halbrunder Geburtstag, vergnüglicher als es das unfreundliche Wetter erwarten ließ.

Stellwände mit Kriegserinnerungen auf dem Boulevardring, nachts um eins

Am Dienstag dann der 9. Mai, der Tag des Sieges, der große Feiertag in Russland! Der Rote Platz war weiträumig abgesperrt, selbst auf den Theaterplatz und auf die Twerskaja kam man, für uns unerwartet, nur mit einem Passierschein. So gelang uns auch kein Blick auf einen der Bildschirme, die wir tags zuvor gesehen hatten und damit auch nicht auf die Parade. Selbst „Безмертный Полк“, das „Unsterbliche Regiment“ blieb uns verwehrt. Bei diesem Umzug tragen die Teilnehmer Fotos der Gefallenen – und wie wir auf den Schildern gesehen haben – auch überlebender Kriegsteilnehmer des 2. Weltkrieges. Diese Erinnerung an die Angehörigen ist bei der Bevölkerung beliebter als die Militärparaden und findet in allen Städten statt. Auch in Nischni Nowgorod war der Zug – wie uns berichtet wurde – sehr eindrucksvoll.

Mit vielen anderen liefen wir zunächst etwas enttäuscht herum, vorbei an Händlern und kleinen Verkaufsständen, die Fahnen in den russischen Nationalfarben und mit dem 9.Mai-Logo anboten, sowie Georgsbänder und die typischen olivfarbenen Militärmützen, die Pilotkas (Пилотка). Das Wetter war sehr kühl und feucht, aber es regnete nicht immer.

Warten auf den Beginn des Umzuges oder auch ohne Passierschein?

Nachdem wir eine der nicht geschlossenen Metrostationen gefunden hatten, fuhren wir zur „ВДНХ“, der früheren „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“. Auf einem Gelände in der Größe einer Weltausstellung stellte sich jede Republik der Sowjetunion in einem eigenen Pavillon vor, der meist ein riesiges Gebäude war. Jetzt wird der Park für Ausstellungen, für die Erholung und für Messen genutzt.

Ausstellungsgebäude im БДНХ-Park: „Russland – Meine Geschichte“

Von der Metrostation läuft man gut eine halbe Stunde vorbei an dem Kosmonauten-Denkmal bis zum Ausstellungspavillon für die Geschichte Russlands, die dort wird in drei Teilen behandelt wird: die Dynastien der Ruriks, der Romanows und die Zeit der Sowjetunion von 1917 bis 1945. Ein weiterer Abschnitt, von 1945 bis 2000, wird noch in diesem Jahr eröffnet. Mit einem Audioguide in Englisch war die Ausstellung auch für mich höchst interessant. Auf einer als Zeitleiste gestalteten Wand sind die Ereignisse chronologisch dargestellt, davor interaktive Bildschirme, auf denen man in Russisch detaillierte Informationen abrufen kann. Auf der gegenüberliegenden Seite Schautafeln mit Statistiken, Texten und Fotos zu Personen und Ereignissen und immer wieder interaktive Bildschirme. In kleineren Räumen laufen Filme oder es werden einzelne Themen behandelt. Regelmäßig gibt es für bestimmte Zeitabschnitte eine Graphik, in der die Fläche, die Einwohnerzahl und das Bruttoinlandsprodukt der Sowjetunion dargestellt sind. Alles sehr informativ, modern präsentiert; es ist verständlich, dass russische Freunde dort einen ganzen Tag verbrachten.

Infographiken über Fläche, Einwohnerzahl und Bruttoinlandsprodukt 1940 und 1945

Als ein weiteres Beispiel für die Art der Darstellung ein Ausschnitt der Zeitleiste vom Sommer 1939. Unter anderem sind da aufgeführt: Der Molotow-Rippentrop-Vertrag vom 23. August, der Beginn des 2. Weltkrieges am 1. September, die Besetzung der Westukraine und Weißrusslands durch die Rote Armee am 17. September und der Russisch-Finnische Krieg vom 30. November bis 12. März 1940.

Der Sommer 1939 in der Ausstellung

Glücklich erreichten wir abends unseren Zug nach Nischni am Kursker Bahnhof. Glücklich, weil wir trotz des nassen und kalten Wetters und des für uns nicht zugänglichen Stadtzentrums wieder viel Interessantes in Moskau erlebt hatten, aber auch glücklich, dass wir den Zug trotz eines großen Umweges gerade noch erwischten. Denn leider hatten uns nicht einmal die Wachtposten sagen können, wann und wo die Absperrungen aufgehoben werden und welche Metrostationen geschlossen sind. Der Zug fuhr ab, zwei Minuten nach dem wir eingestiegen waren.

Erster Raum der Ausstellung: Ende des Zarenreiches

Karte mit den Lagern des Gulag 1946, Zahl der Häftlinge: 1 355 739

Maiakowski Denkmal am Triumph Platz (7. Mai 2017)

Mit allen Symbolen ausgestattet: Fahne mit Logo, Georgsband und Käppi

Partisanen, Foto von der Plakatwand am Boulevardring 

Schulnotizen zum 9. Mai

Meine Schüler haben durchweg ein unambivalentes Verhältnis zum 9. Mai: ‚Es ist ein sehr schöner und großer Feiertag‘. ‚Wir sind stolz und dankbar, dass unsere Urgroßeltern das Land von den Faschisten befreiten.‘ ‚Wir möchten uns erinnern, und ihnen danken.‘

Wie sie mit ihren Familien den Tag verbringen? Sie legen Blumen am ewigen Feuer im Kreml nieder, schauen die Moskauer Parade im Fernsehen an, essen gut, sehen mit der Familie alte Fotoalben an, singen Kriegslieder. Wobei man wissen muss, dass diese Lieder nichts Chauvinistisches haben. Das berühmteste, „Katjuscha“ ist auch in Deutschland bekannt und hat Volksliedcharakter. Es erzählt von der treuen Geliebten, Katjuscha, die die Liebe schützt, während ihr Geliebter das Vaterland beschützt. Meistens aber sind die Lieder von einer tiefen Trauer (über den Sohn, Mann, Vater, der nicht aus der Schlacht zurückkam (»Он не вернулся из боя…»). Sie handeln von der Anonymität des Sterbens («На братских мотилах не ставят крестов»), von Opferbereitschaft, Kameradschaft, Tapferkeit.

Letztes Jahr besuchten wir ein Konzert von Kriegsliedern in der Oper. Dies ist der passende Rahmen. Hier wird keine Marschmusik gespielt, eher Romanzen und Chansons. Oft sind sie voller Poesie. Um die Stimmung zu zeigen, möchte ich hier eines der berühmtesten Lieder von Mark Bernes abdrucken, das kongenial ins Deutsche übersetzt wurde. Man kann es gleichzeitig unter folgendem Link als YouTube Film anschauen und hören:

https://www.youtube.com/watch?v=XZZHISSfHv4

Zhuravli (Журавли)

Мне кажется порою, что солдаты,

С кровавых не пришедшие полей,

Не в землю нашу полегли когда-то,

А превратились в белых журавлей.

 

Они до сей поры с времен тех дальних

Летят и подают нам голоса.

Не потому ль так часто и печально

Мы замолкаем, глядя в небеса?

 

 

Летит, летит по небу клин усталый,

Летит в тумане на исходе дня,

И в том строю есть промежуток малый,

Быть может, это место для меня.

 

Настанет день, и с журавлиной стаей

Я поплыву в такой же сизой мгле,

Из-под небес по-птичьи окликая

Всех вас, кого оставил на земле.

 

 

Мне кажется порою, что солдаты,

С кровавых не пришедшие полей,

Не в землю нашу полегли когда-то,

А превратились в белых журавлей..

———————————

 

Автор текста: Расул Гамзатов

Композитор: Ян Френкель

Исполняет: Марк Бернес

 

Kraniche

Ich denke manchmal, unsere Soldaten –

dahingemäht auf blutdurchtränktem Feld –

Ruh’n nicht, wo Kameraden sie verscharrten:

Sie sind nun Kraniche am Himmelszelt.

 

Laut rufend zieh’n sie ständig ihre Bahnen

Als weiße Kraniche seit eh und je.

Und weil wir unbewusst die Nähe ahnen

Schau’n wir betrübt und schweigend in die Höh‘

 

Dort fliegen sie und fliegen, unsre Lieben

Im Nebel bis ans Ende ihrer Zeit.

Ein kleiner Zwischenraum ist nur geblieben –

Vielleicht hält man den Platz für mich bereit?

 

 

Dann zög‘ auch ich an trüben, grauen Tagen

mit ihrem Schwarm, der mir die Richtung wies,

Würd‘ aus der Höhe vogelartig klagen

Euch rufend, die auf Erden ich verließ.

 

Ich denke manchmal, unsere Soldaten-

dahingemäht auf blutdurchtränktem Feld –

ruh’n nicht, wo Kameraden sie verscharrten:

Sie sind nun Kraniche am Himmelszelt.

 

 

Autor des Textes: Rasul Gamzatow

Komponist: Jan Frenkel

Interpret: Mark Bernes

 

 

Nicht so poetisch, aber sehr pazifistisch ist auch das Lied „Für den Rest des Lebens“ – «На всю оставшуюся жизнь»

https://www.youtube.com/watch?v=EwMna0eDdvw

Автор: В.Баснер—П.Фоменко,Б.Вахтин

Альбом: Звездопад

 Сестра,ты помнишь как из боя Меня ты вынесла в санбат? Остались живы мы с тобою В тот раз, товарищ мой и брат. На всю оставшуюся жизнь Нам хватит подвигов и славы, Победы над врагом кровавым,- На всю оставшуюся жизнь. 

 

 

Горел Днепр, Нева и Волга, Горели небо и поля… Одна беда, одна тревога, Одна судьба, одна земля… На всю оставшуюся жизнь Нам хватит горя и печали. Где те, кого мы потеряли На всю оставшуюся жизнь? 

 

 

Сестра и брат…Взаимной верой Мы были сильными вдвойне. Мы шли к любви и милосердию В немилосердной той войне. На всю оставшуюся жизнь Запомним братство фронтовое, Как завещание святое На всю оставшуюся жизнь.

 

 

 

 

 

Schwester, erinnerst du dich, wie du mich auf der Bahre aus der Schlacht getragen hast? Dieses Mal sind wir am Leben geblieben, wir zwei, und auch mein Kamerad und Bruder.

Für den Rest des Lebens

Haben wir genug von Heldentaten und Ruhm,

vom Sieg über den blutigen Feind,-

für den Rest des Lebens.

 

Es brannte der Dnepr, die Newa und die Wolga, es brannten der Himmel und die Felder…

Nur Leid, nur Аngst,

nur Schicksal, nur Erde…

Für den Rest unseres Lebens

Reichen uns der Schmerz und die Trauer.

Wo sind die, die wir verloren haben

Für den Rest unseres Lebens?

 

Schwester und Bruder….im gegenseitigen Glauben waren wir doppelt so stark.

Wir gingen zu Liebe und Barmherzigkeit

In diesem erbarmungslosen Krieg.

Für den Rest unseres Lebens

Erinnern wir uns an die Brüderlichkeit an der Front, wie ein heiliges Vermächtnis

Für den Rest unseres Lebens.

 Alles in allem ist der 9. Mai ein heiliger Feiertag. Es geht es hier um große Gefühle.

Aber es gibt noch andere Aspekte. Meine Geschichtslehrer-Kollegin beklagt, dass die Schüler in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg voller Emotionen, aber ohne Wissen sind. Andere Kollegen haben ein gespaltenes Verhältnis zu den Paraden, die in postsowjetischer Zeit 2005 wiederaufgenommen wurden und wuchtige Demonstrationen militärischer Stärke darstellen. Freunde kritisieren die Militarisierung schon im Kindergarten, wo die kleinen Jungen in Soldaten- und die kleinen Mädchen in Krankenschwester-Uniformen zum Erinnerungsfoto aufgestellt werden. Oder den seit einiger Zeit öfter zu hörenden Spruch: »Можем повторить» – „Wir können das wiederholen.“ 

Das Wachpersonal an unserer Schule sind durchweg Armee- (nicht Kriegs-) Veteranen. Einer von ihnen besuchte auch unser Stück „Komm wieder, aber ohne Waffen“ und war zutiefst beeindruckt. Am 7. Mai schenkte er mir zwei Pralinen mit dem Kommentar: Frau Rosa, früher haben wir euch verdroschen, aber jetzt möchte ich Ihnen das schenken, «от душы» – aus tiefster Seele.

 

 

 

 

 

 

Farbtupfer an Schule und Hochschule

Nach der ereignisvollen Woche mit dem Projekt „Komm wieder, aber ohne Waffen“ tritt bei uns der Alltag ein. Uns wird auch bewusst, dass sich unsere Zeit in Nischni langsam dem Ende zuneigt. Genau heute in vier Monaten fliegen wir nach Deutschland zurück. Und wenn wir uns auch auf Familie und Freunde, auf Fahrrad und Wandern freuen, so stellt sich doch so etwas wie Abschiedswehmut ein.

In Deutschland werden wir die vielen kleinen Erlebnisse nicht haben, die uns hier als gern gesehenen Ausländern immer wieder begegnen. So wird mir der Friseur sicher den Lohn für seine Arbeit ohne weiteres abnehmen. Hier wollte die junge Friseurin in dem kleinen Laden nebenan kein Geld von mir, weil sie es so aufregend fand, einem Ausländer die Haare schneiden zu können. Sie nannte auch keinen Preis und nahm die Scheine erst nach langem Zögern.

Auch die unerschöpfliche Quelle für überraschende Beobachtungen in der Straßenbahn wird sich in Deutschland nicht auftun. Beispiele: Durch einen Stau kommt die Tram nur schrittweise voran. Das nutzt der Fahrkartenschaffner, um nach einem kurzen Gespräch mit der Fahrerin auszusteigen und bis zur nächsten Ampel nebenherlaufend eine Zigarette zu rauchen. Oder die Schaffnerin, die die Zugestiegenen nur nach jeder zweiten Haltestelle abkassiert, weil sie auf dem in allen Wägen reservierten Platz für den Kondukteur sitzt und ein offensichtlich spannendes Buch liest.

Und nicht zuletzt die Fußgängerzone Bolschaja Pokrowskaja, die immer heiter zu sein scheint mit ihren Verkaufsständen, Musikern, Prospektverteilern,  auf der es aber auch häufig politische Aktionen gibt.

Am letzten Samstag standen in der Nähe des Theaters in gebührendem Abstand voneinander sieben junge Menschen, die mit Schildern in den Händen gegen die Verfolgung der Teilnehmer an die von Nawalny organisierten Antikorruptionsdemonstrationen protestierten. Es ist hier erlaubt, als Einzelner mit Plakaten für seine politischen Ansichten zu werben, mehrere Personen müssten für ihre Aktion eine Genehmigung einholen. So haben wir schon öfter einzelne Personen stehen sehen, die auf Plakaten ihre Forderungen erheben.  Dabei gibt es ein weites Themenspektrum von der Freilassung von Angehörigen aus der Haft bis zur Rehabilitierung von Stalin.

Einer der sieben Protestierenden auf der Bolschaja Pokrowskajа (22.04.17)

Eineinhalbtausend Festnahmen in Russland, über tausend in Moskau, über 40 in Nischni. Strafen von 10 – 20 Tausend Rubeln. Strafverfahren. Was ist das? (gemeint ist: was machen wir hier?) Ein Staats-Umsturz? Nein, es ist ein Meeting gegen Korruption.

Auf anderen Plakaten wurde gegen den politischen Druck protestiert, dem Schüler, die an den Demonstrationen teilnahmen und deren Eltern ausgesetzt sind. Oder es wurde gefragt, warum das in der Verfassung garantierte Recht auf Demonstrationen nicht eingehalten wird. In den Diskussionen haben vor allem ältere Leute den Erfolg dieser Aktionen bezweifelt, denn: „In allen Ländern dieser Welt gibt es Korruption“ und: „Gerechtigkeit gibt es nur im Himmel.“

Zu diesen Beobachtungen passt eine Information aus dem Blog Erlangenwladimir.wordpress.com vom 22.04.17. Dort schreibt Peter Steger:

„Seit gestern hat Alexej Nawalny auch in Wladimir eine Vertretung, von wo aus sein Wahlkampf um das Präsidentenamt im nächsten Jahr unterstützt werden soll. Derzeit bereist der Oppositionspolitiker die Hauptstädte des Goldenen Rings, um – wie in allen Regionen des Landes – Büros zu eröffnen. (Einschub von mir: Das gilt dann wohl auch für Nischni). .……. Bei aller Kritik also, die man äußern mag, ist die russische Demokratie doch lebendig genug, auch einen derart umstrittenen Kopf um Stimmen werben zu lassen.“

Die Diskussionen hatten uns durstig gemacht, wir gingen nach einem Spaziergang entlang der Kremlmauer in das Restaurant „Expedizia“ unterhalb des Kreml, ein Lokal von dem man einen schönen Blick auf die Wolga hat. Mit einem echten Hubschrauber, einer künstlichen Jurte und drei noch künstlicheren Eisbären ist es ungewöhnlich ausgestattet. Es bietet Speisen und Delikatessen aus den nördlichen und östlichen Regionen Russlands an. Alles ist sehr exquisit: Wir tranken einen Tee aus 36 sibirischen Kräutern, wirklich ungewöhnlich guter Geschmack, ungewöhnlich auch der Preis von 600 Rubel (10 Euro) für 0,8 Liter. Aber wieder eine gern gemachte Erfahrung in diesem Land der Gegensätze!

Promenade an der Westmauer des Kreml mit Blick auf die Wolga

Schulnotizen

Letzten Freitag wurde der Film, den zwei Kamerateams während Wolfgang Morells Aufenthalt in Nischni aufnahmen, innerhalb der Hauptnachrichten von NTV um 19 Uhr gesendet. Gezeigt wurde das Wiedersehen von Wolfgang, dem ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen und Zhanna, der ehemaligen Komsomolzin nach 68 Jahren! Es ist ein bewegender Film, auch für Leute, die den russischen Kommentator nicht verstehen: http://www.ntv.ru/novosti/1798545/. Der Film kann demnächst auch unter YouTube angesehen werden, Titel: „Wolfgang Morell und Zhanna Woronzowa“.

Aber auch sonst hatten die letzten Wochen außer dem Projekt einige ‚Farbtupfer‘ aufzuweisen:

Am Tag vor dem 23. Februar, dem Tag des Vaterlandsverteidigers, wurde bei uns an der Schule der ‚König der Schule‘ gekürt. Ein zweistündiges Programm, in dem die Mädchen den Jungs bewundernde Lieder sangen, und die Jungs ihre Männlichkeit beweisen mussten: Wer kann am besten Nägel einschlagen? und: Wer ist der Stärkste beim Armdrücken…?

Am 18. März, nach dem internationalen Frauentag am 8.3. wurde dann die ‚Königin der Schule‘ gesucht und gefunden: Wer kann jeweils innerhalb von 3-5 Minuten am besten Knöpfe annähen, mit 250 Rubel den attraktivsten Einkaufszettel für ein Frühstück zu zweit erstellen, die kreativste Glückwunschkarte zum 8. März anfertigen, seinen Traummann zeichnen? Und dann – im zweiten Teil – den besten Beitrag für ein Konzert (Tanzen, Singen) liefern? Abgesehen davon, dass beide Veranstaltungen zeigten, dass hierzulande die Welt bezüglich der Rollenverteilung noch in Ordnung ist, zeugten vor allem die kreativen Teile von großer Meisterschaft: Die Karten und Zeichnungen, die professionelle Art zu tanzen und zu singen machten wieder einmal bewusst, wo unsere Schülerinnen und Schüler die Nachmittage (zweimal die Woche, drei bis vier Stunden) verbringen: in einer Kunst- Musik- oder Tanzschule. Diese sind – ein Relikt aus sowjetischer Zeit – fast kostenlos und werden immer noch von der Bevölkerung sehr angenommen.

     

 

Auch an der Linguistischen Universität gab es zwei Wettbewerbe, bei denen ich in der Jury war. Der erste – der Phonetik-Wettbewerb war, dem trockenen Namen zum Trotz – sehr kurzweilig. Im ersten Teil sollten die Studentinnen und Studenten des 1. Studienjahres ein Gedicht ihrer Wahl aufsagen; im zweiten Teil einen unbekannten Prosatext, den sie wie ein Los zogen, unvorbereitet lesen. Interessant für Jury und Zuhörer waren die Gedichte (Schiller, Goethe, Heine, Rilke, aber auch Mascha Koleko…) vor allem durch die phantasievolle Art der Präsentation: durch ein Frühlingskleid, passende Hintergrundbilder… Denn, um das Alltagsgeschäft der Phonetik ging es auch im 1. Studienjahr schon nicht mehr. Klassische Probleme wie das rollende ‚R‘, zu stimmhafte Konsonanten oder falsche und zu kurze Vokale (Man muss das Läbben äbben nämmen, wie das Läbben äbben ist!) hatte man längst überwunden.

Beim 2. Studienjahr wurden im ersten Teil dann keine Gedichte, sondern selbstgewählte Prosatexte auswendig deklamiert. Die Auswahl reichte von einem Auszug aus dem Kommunistischen Manifest („Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“) über Kafka („Brief an Felice“), Klaus Mann („Mephisto“) bis zur „Blechtrommel“ von Günter Grass.

Zwei Wochen später durfte ich bei einem weiteren, höchst vergnüglichen Wettbewerb an der Linguistischen Universität in der Jury mitstimmen: Dem Festival des deutschen Liedes. Teilnehmer waren sowohl Schüler als auch Studenten. Hier die Fotos der Preisträger.

„Alle Vögel sind schon da“ erhielt den 3. Preis in der Gruppen-Kategorie

 2. Platz: „Was wollen wir trinken 7 Tage lang?…“ (von der holländischen Gruppe Bots, 2000)

 Den 1. Preis in der Kategorie „Solo“ bekam ein kleines Mädchen mit einem Jahreszeitenlied. 

Das Foto des 1. Preises der Gruppen-Kategorie fehlt: Schüler aus unserer Schule mit dem Lied: „Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann“ (Erinnert ihr euch: Trude Herr, 1965). Die Bühnenshow war so atemberaubend, dass ich vergaß zu fotografieren.

Und ansonsten: eine nette Feier zum 55. Geburtstag im Lehrerzimmer…

 

…und Ostern in der 3. Klasse:

 

 

 

 

 

 

Demonstrationen – Komm wieder, aber ohne Waffen (Teil 4)


 

Zum „Tag der Wiedervereinigung der Krim mit Russland“ versammelten sich am 18. März Honoratioren, Bürgerinnen und Bürger Nischni Nowgorods am Platz der Einheit unterhalb des Kreml zu einer Kundgebung. Die Teilnehmer aus dem „Sowjetski Rayon“ der Oberstadt zogen durch die Talstraße zum Veranstaltungsort. Ich lief oben an der Kremlmauer, nicht ahnend, dass der Abgang zum Einheitsplatz wegen Eis und Schnee gesperrt war. So sah und hörte ich das Treiben nur aus der Ferne: Musik aus Lautsprechern, Reden mit Rufen „Крым наш“ („Die Krim ist unser“) und viele Fahnen. Von einem Teilnehmer erfuhren wir, dass wichtige Amtsinhaber zu dieser Veranstaltung „eingeladen“ worden waren. Doch nach 25 Minuten war alles vorbei.

Die Oberstädter auf dem Weg zum Platz der Einheit am 18. März 2017

 

Nach einem langen Spaziergang mit Roses Kollegin Anke, einer in Perm arbeitenden deutschen Programmlehrerin, hatten wir am letzten Sonntag (26.03.17) gerade im Restaurant Pjatkin zu einer Essens- und Aufwärmungspause Platz genommen. Da sahen wir auf der Straße Roshdestwenskaja eine große Menschenmenge vorbeiziehen. Wir vermuteten gleich, dass es sich um eine der Demonstrationen handelte zu denen Nawalny aufgerufen hatte, was die Kellnerin aufgeregt mit dem Ruf „Nawalny“ bestätigte. Auf Plakaten wurde gegen Korruption protestiert, u.a.: „Die Korruption stiehlt die Zukunft“, (Коррупция ворует Будушее) und „Nischni ist in der Grube – der Oberbürgermeister in Miami“, im Russischen reimt sich Grube fast auf Miami (Нижний – в Яме, а Мэр – в Майами). „Schande, Schande“ wurde gerufen. Ein einsamer Polizist stand eng umgeben von Demonstranten und wurde beschimpft „Es hat noch nie einen Polizisten gegeben, der nicht bestechlich ist.“ Aber, soweit wir das sehen und hören konnten, blieb alles friedlich – obwohl dies nicht der genehmigte Versammlungsort war. Am eindrucksvollsten war jedoch: die Demonstranten waren überwiegend junge Menschen, viele Schüler und Studenten. Protest der Jugend – ein starkes Signal an die Regierung.

Demonstranten auf der Roshdestwenskaja gegen Korruption

Demonstranten auf der Wachtanowa Gasse, Nebenstraße zur Roshdestwenskaja

„Korruption stiehlt die Zukunft“

Nischni – in der Grube, aber der OB – in Miami

Im Blog >http://www.erlangenwladimir.wordpress.com< vom 27.03.2017 findet sich ein ausführlicher Bericht mit vielen Fotos über die ebenfalls friedlich verlaufene Demonstration in Erlangens Partnerstadt Wladimir.

 

Komm wieder – aber ohne Waffen (Teil 4)

Als Claus Fritzsche 1943, kurz nach seinem zwanzigsten Geburtstag, den Einsatzbefehl an die Ostfront bekommt, ist er außer sich vor Freude. Er ist ein romantischer junger Mann, der sich schon ordensbehängt sieht und trotz der schweren Verluste 1942/43 immer noch unerschütterlich an den Endsieg glaubt. Gleichzeitig freut er sich wirklich auf die Begegnung mit russischen Menschen und den engen Umgang mit ihnen und kauft sich sofort ein russisches Lehrbuch.

Genau eine Woche nach seinem Eintreffen an der Front wird sein Kampfflugzeug, dessen Besatzung er als Bordfunker angehört, über dem Kaspischen Meer abgeschossen. Seine Gefangennahme verläuft nicht so ‚freundschaftlich‘ wie bei Wolfgang Morell. Ihr im Meer treibendes Schlauchboot wird von einem Fischkutter gesichtet. Sie werden aufgegriffen, mit Knüppeln blutig geschlagen, ihr Major, der mit dem Ritterkreuz an Bord geht, wird zu Tode geprügelt. Später erfahren sie, dass die Ehefrauen und Kinder von einigen der Russen, die sie gefangen nahmen, in der Nacht vorher bei einem deutschen Bombenangriff ums Leben gekommen sind. Der Kommandeur, dem die Gefangenen in Astrachan übergeben werden, hat jedoch kein Verständnis für die Misshandlung. Der Kapitän des Fischkutters erhält einen KO-Haken, den Deutschen werden die Fesseln abgenommen und Zigaretten angeboten.

Claus Fritzsches Gefangenschaft beginnt in Astrachan. Da er medizinische Vorkenntnisse hat, wird er als Sanitäter eingesetzt. Er bekommt ein Wörterbuch und den Auftrag, zur besseren Verständigung mit der Ärztin, Russisch zu lernen. Mit Begeisterung stürzt er sich in das Sprachstudium und bereits auf der Fahrt nach Stalingrad, vier Monate später, kann er sich auf dem Schiff mit den russischen Mitreisenden über einfache Themen unterhalten.

In Stalingrad bekommen die Gefangenen höchstens die Hälfte der ihnen zustehenden Ration. Die russische Zivilbevölkerung hungert auch, und die Verpflegung der Rotarmisten ist fern der Front kaum besser. Claus magert bis auf 46 Kilo ab. Die Versorgung wird erst besser, als eine Kommission aus Moskau Aufbaunahrung verordnet.

Schon im ersten Kriegsgefangenenlager im Wolgadelta wird ein Politoffizier auf Claus aufmerksam und fragt ihn, ob er nicht etwas über die Ideologie seines Gegners lernen möchte. Er hadert inzwischen mit der Weltanschauung der Nazis, setzt sich mit Marx und Engels auseinander. Besonders angezogen fühlt er sich durch die Lehren des historischen und dialektischen Materialismus. In seinem ausgezeichneten Buch „Das Ziel – Überleben“ ISBN-13: 978-3925480447 („Цель – выжить), das bei Amazon antiquarisch erhältlich ist, schreibt Fritzsche:

Ich gebe zu, dass ich von Monat zu Monat gläubiger wurde, und ich fühlte mich von Gläubigen umgeben. Ich suchte nach einem neuen Glauben. Ich wollte glauben können.

Fritzsche wird Antifa-Aktivist, doch er bleibt ein kritischer Geist. Als er die Redakteure der in Moskau herausgegebenen Wochenzeitschrift „Freies Deutschland“ bittet, die Welt nicht schwarz-weiß, sondern mit Zwischentönen darzustellen, kommt er in ein Straflager.

Zhanna lernt Claus – wie Wolfgang – bei einem Konzert kennen, bei einem Wettbewerb der Kulturgruppen verschiedener Lager im Umkreis von Gorki (Nischni Nowgorod). Zhanna als Mitarbeiterin des Kulturpalastes, Claus als Dolmetscher führen durch das Programm. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Nach dem Konzert fährt Claus mit seiner Gruppe wieder in sein Lager zurück, aber die beiden können einander nicht vergessen.

Ausgerechnet Wolfgang Morell hilft ihnen, einander wiederzufinden: 1949 – Claus ist schon heimgekehrt, Wolfgang noch in Gorki – sieht Wolfgang in der DDR Zeitung „Neues Deutschland“ eine Anzeige, in der sich Claus Fritzsche als technischer Übersetzer für Russisch anbietet. Zhanna hatte Wolfgang erzählt, wie gerne sie mit Claus wiederfinden würde, Wolfgang wird zum Vermittler. Und so bekommt Claus eines Tages einen Brief aus der Sowjetunion. Ich kann mich der Versuchung nicht erwehren, den zweiten Brief des nun folgenden Briefwechsels abzudrucken: 

                                                                              Gorki, 28.9.49

Mein teurer Freund!

Du kannst Dir nicht vorstellen, welch große Freude mir Dein Brief gebracht hat. Lange habe ich darauf gewartet. Und eines schönen Tages hatte ich einen Auftritt auf der Bühne eines der Konzertsäle in Gorki und war vor dem Auftreten sehr nervös. In diesem Zustand erreichte mich ein Anruf von zu Hause mit der Nachricht, dass ein Brief aus Deutschland gekommen sei.

Ich hatte schon alle Hoffnung auf eine Antwort von Dir aufgegeben und kam zu dem Schluss, dass der Brief von Wolfgang sein müsste. Über eine Nachricht von ihm konnte ich mich auch freuen, denn er ist ein wunderbarer Mensch. Jeder der ihn kannte, hatte nur die allerbeste Meinung über ihn.

Wenn er bei Dir wäre, dann hätte ich keine Sorgen um Dich. Mit einem solchen Freund und Genossen ist es leicht und einfach, selbst auf unebenen Wegen zu gehen.

Ihr beide seid, wie mir scheint, verschiedene Menschen. Ich kenn Dich zwar nur sehr wenig, habe aber den Eindruck, dass Du Deiner Natur nach sehr kapriziös und unausgeglichen bist. Vielleicht irre ich mich, alles ist möglich.

Kolja, mich hat Deine Kenntnis der russischen Sprache in Erstaunen versetzt. Die Literatursprache zu beherrschen, ist eine große Errungenschaft. Ich habe an Deinen Fähigkeiten selbstverständlich nicht gezweifelt, aber nach diesem Brief gilt Dir mein begeisterter Applaus.

Die Tatsache, dass Du keine Langeweile hast und viel arbeitest, finde ich gut, dass Du noch nicht verheiratet bist, ist auch gut, aber ich wünschte so sehr, dass Du zu irgendwem gehörst.

Du hattest in der letzten Zeit und hast vielleicht auch noch jetzt irgendwelche gesundheitliche Unannehmlichkeiten. Worum ging es da, mein Lieber? Überhaupt, schreibe mir, wie es um Deine Gesundheit steht, den Dein ”so einigermaßen gut” gefällt mir gar nicht. Ach wenn Du nur wüsstest, wie ich mich über Deinen Brief gefreut habe, und was mit mir los war, als ich erfuhr, dass der Brief von Dir war. Ich wurde bleich und lief gleich wieder rot an und kreiselte plötzlich in einem irren Walzer durchs Zimmer – sehr zur Verwunderung meiner Mutter, die gerade ein trauriges Nocturno spielte.

Kolja, wie groß ist mein Wunsch, bei Dir zu sein. Ist es wirklich nicht möglich, zu uns zurück zu kommen? Du liebst doch meine Heimat und mein Volk. Ach, wie ich mir das wünsche.

Schreibe mir über alles, ich warte mit Ungeduld auf Deine Antwort.

Gruß  Zhanna

 

Claus ist auch verliebt, aber…. In seinem Buch „Das Ziel – Überleben“ schreibt er: „Das war die Liebeserklärung, die ich ach so gern erwidert hätte, aber – zurück in die Sowjetunion?

Unvorstellbar!  Dieses ganze Land stellte sich mir als ein riesengroßes Gefängnis dar, und dem war ich ja gerade entronnen. Außerdem, wovon hätte ich dort eine Familie ernähren sollen? Außer meinen Russischkenntnissen besaß ich ja keinerlei professionell verwertbare Berufsgrundlagen. Auch die gerade 19jährige Zhanna hatte sich wohl gänzlich ihren Gefühlen und Sehnsüchten hingegeben, ohne die realen Möglichkeiten in Betracht zu ziehen.

Es wurden noch einige Briefe geschrieben und empfangen, aber die menschenfeindlichen Realitäten dieser historischen Periode standen unseren Wünschen zu stark entgegen. Der Briefwechsel schlief ein, ohne dass ich es je aufgegeben hätte, von Zhanna zu träumen.“ (S. 288)

1958 ist Claus im Rahmen einer Geschäftsreise in Moskau. Zhanna ‚fliegt zu ihm‘, doch sie gehen schweren Herzens wieder auseinander. Beide haben inzwischen Familien, ein anderes Leben.

1989 schreibt Claus seine Erinnerungen. Er bittet Zhanna, ihm bei der russischen Fassung zu helfen. Kapitel für Kapitel trifft aus Deutschland ein. In Zhannas Familie liest man sie einander laut vor.

Als Zhanna verwitwet ist, besucht sie Claus in Moritzburg. Sie verstehen sich wunderbar, aber Zhanna kehrt zurück, in ihre Heimat, zu ihrem Sohn. 

 

Auch heute noch sind die beiden befreundet. Mit leuchtenden Augen erzählt die jetzt 87jährige Zhanna, wie ihr Kolja hilft, wo er kann. Zusammen mit seiner Nichte Almut, die auch seit Jahren mit Zhanna befreundet ist, bessert er monatlich ihre Rente auf. Er ruft regelmäßig an, jede Weihnachten kommt ein Päckchen mit Nürnberger Lebkuchen. Als ihr vor einigen Jahren die Tasche aufgeschnitten und die Rente gestohlen wurde, traf kurze Zeit später eine Geldsendung ein, die den Verlust ersetzte. „Eines ist sicher“, sagt Zhanna, „ich werde ihn immer lieben.“

Die Teile 1 bis 3 des Projektes „Komm wieder – aber ohne Waffen“ wurden am 13.02.17, 22.02.17 und 15.03.17 veröffentlicht

 

 

 

Komm wieder – aber ohne Waffen (Teil 3)

Teile 1 und 2 in den Blogs vom 13. und 22. Februar 2017

‚Am 21. Januar 1942 lagen sie zu dritt auf Horchposten im Wald. Bei minus 42 Grad hatten sie nur Tuchmäntel ohne Pelz und ungefütterte Handschuhe. Plötzlich tauchte eine Reiterpatrouille auf. Wolfgang bleibt unentdeckt, seine Kameraden werden vor seinen Augen gefangengenommen. Eine Stunde lang irrt er allein durch den Wald, dann sieht er weiße Gestalten auf sich zukommen. Wolfgang möchte um keinen Preis in russische Gefangenschaft geraten. Er entsichert seinen Karabiner, will sich erschießen, aber – vielleicht aufgrund der großen Kälte – geht der Schuss nicht los. Für die Sibiriaken ist Wolfgang wohl der erste „Fritz“, den sie zu sehen bekommen. Ohne jegliche Feindseligkeit, begleitet von den aufmunternden Worten eines älteren Rotarmisten, die wohl bedeuten mochten „Der Krieg ist für dich aus“, nehmen sie ihm das geladene und entsicherte Gewehr aus der erhobenen Hand. Die Leibesvisitation befördert u.a. eine volle Schachtel R6 Zigaretten zutage und eine Zahnbürste, die Anlass zu Gelächter gibt. Von den Rauchern erhält jeder eine Zigarette, den Rest geben sie ihm zurück. Seine armselige, absolut nicht wintertaugliche Montur löst allgemeines Mitleid aus. Einer deutet auf sie mit dem Hinweis: „Das ist Hitler!“ Stolz betastet man dann die eigene Montur: Pelzmütze, Pelzmantel, darunter Wattejacke und Wattehose, Filzstiefel und Skier: „ Und das ist Stalin!“  Auf dem Weg zum Regimentsstab bleibt Wolfgang immer wieder im tiefen Schnee stecken. Der alte Rotarmist hat Mitleid mit ihm. Er lässt ihn hinten auf seine Skier aufsteigen und schleppt ihn mit.

Dies ist die fast wörtliche Wiedergabe der Erzählung von Wolfgang Morell über seine Gefangennahme. Heute lebt er, fünfundneunzigjährig, in einem Seniorenheim in Erlangen. Er ist einer der Veteranen, die in Peter Stegers Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen“ zu Wort kommen, das die Grundlage für unser derzeitiges Schulprojekt über deutsche Kriegsgefangene in Wladimir und Gorki (heute Nischni Nowgorod) bildet. In den Weihnachtsferien besuchten wir Wolfgang. Ich machte ein fast zweistündiges Interview mit ihm, Jochen filmte.

Wolfgangs Gefangenschaft wird bis 1949 dauern und ihn in etwa 20 Lager führen. Zunächst kommt er aber mit seinen Erfrierungen in Wladimir in ein Militärkrankenhaus. 1942 gibt es noch sehr wenige Gefangenenlager und die haben keine Hospitäler. Deshalb legt man ihn zusammen mit fünfzehn anderen Deutschen in ein Krankenhaus für Rotarmisten. Sie haben Einzelbetten, weiß bezogen, mit täglicher Visite und bekommen fast die gleiche Kost wie die russischen Soldaten.

 Wolfgang Morell und Rose Ebding beim Interview am 6. Januar 2017 

Natürlich bleibt es nicht bei diesen paradiesischen Umständen. Nach seiner Genesung kommt er in ein landwirtschaftliches Lager in der udmurtischen Republik im Föderationskreis Wolga. Die Arbeit ist hart, der Hunger so groß, dass sie die Kartoffeln roh essen. Im folgenden Winter (42/43) sterben 700 von 1500 Gefangenen am wolhynischen Fieber, auch Schützengrabenfieber genannt. Die Lastwagen, die morgens das Brot ins Lager bringen, nehmen abends die Toten mit hinaus. Wolfgang ist nur noch Haut- und Knochen, aus Vitaminmangel wird er nachtblind. Aber er überlebt.

Wir machen einen großen zeitlichen Sprung, bis ins Jahr 1947. Wolfgang hat inzwischen Russisch gelernt. Er ist der Dolmetscher in einem Arbeitslager in Gorki. Ende 1946 hat man ein großes Orchester  aufgebaut.  Die Noten werden aus dem Kopf aufgeschrieben. Es gibt keine gedruckten Noten. Man führt „Die Czardasfürstin“ und die „Zirkusprinzessin“ auf. Kalman, leichte  Sachen, nicht die 9. Symphonie und man lädt dazu immer die russische Lagerleitung ein. Eines Tages kündigen die Russen an, sich mit einem russischen Konzert für die deutschen Kriegsgefangenen revanchieren zu wollen. Russische Tänze und Lieder stehen auf dem Programm. Die Moderatorin ist ein hübsches, 18jähriges Mädchen, Zhanna. Wolfgangs Aufgabe ist,  Zhannas Ansagen für die tausendköpfige Zuschauermenge ins Deutsche zu übersetzen. Dies ist der Beginn einer Freundschaft, die nicht nur bis zu Wolfgangs Heimkehr 1949 dauert. Die beiden haben bis heute Kontakt.

Zhanna ist die zweite Protagonistin in unserer szenischen Collage. Sie lebt, 88jährig, immer noch in Nishni Nowgorod und auch mit ihr habe ich ein Interview gemacht. Ihre Geschichte – und die von Claus – werde ich im nächsten Blog erzählen.