Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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Das letzte Läuten

Mit der „Nacht der Museen“ (Ночь Музеев) am dritten Mai-Wochenende verhielt es sich hier ebenso wie in Stuttgart und möglicherweise überall auf der Welt: die Museen waren überfüllt, vor den Eingängen standen lange Warteschlangen. Deshalb führte uns Roses Kollegin Marina in den Park des Sieges (Парк Победы). Er liegt an der Wolga unterhalb des steilen Uferhanges und zeigt Waffen aller Art: Panzer, Geschütze, Minenwerfer, Katjuschas. In dem Übersichtsprospekt, der die 26 sich beteiligenden Museen aufführt, wird der Besucher des Parks aufgefordert herauszufinden, welche der Waffen im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurden.

In einem abgetrennten Gelände krochen wir durch Schützengräben und Unterstände. Dabei stießen wir plötzlich auf Soldaten in russischen und deutschen Uniformen. Marina und Rose erfuhren von einem „Deutschen“, der sich Johann nannte, dass heute eine Nachtschlacht geschlagen wird.

Vor der Nachtschlacht: Marina und Rose sprechen mit einem „Deutschen“.

Um 23 Uhr – nach langem Warten bei Regen – begann das Spektakel. Ein Trupp Russen griff die Deutschen an, die sich in den Schützengräben verschanzt hatten. Mit Böllern, Feuerwerksraketen, Leuchtkugeln, Gewehr- und MG-Schüssen wurde ein Höllenlärm veranstaltet. Viel war nicht zu sehen, der Ausgang ohnehin klar. Ein Sprecher animierte die zahlreichen Zuschauer immer wieder „Giftler kaput – für Stalin – für das Vaterland“ zu rufen. Nach einer halben Stunde war alles vorbei.

Marina antwortete auf unsere skeptischen Kommentare zu dem gerade erlebten Schauspiel, die Russen sähen darin nicht viel Anderes als ein historisches Spiel, ähnlich wie mittelalterliche Ritterspiele. Wir fragten uns, was bei uns los wäre, wenn wir den Krieg gewonnen hätten? Wie sagte Erich Kästner schon 1930 in seinem Gedicht „Die andere Möglichkeit“ (Erste und letzte Strophe):

  • Wenn wir den Krieg gewonnen hätten, mit Wogenprall und Sturmgebraus, dann wäre Deutschland nicht zu retten und gliche einem Irrenhaus.
  • Dann läge die Vernunft in Ketten. Und stünde stündlich vor Gericht. Und Kriege gäb’s wie Operetten. Wenn wir den Krieg gewonnen hätten – zum Glück gewannen wir ihn nicht!

Weil kein Taxi kam, stiegen wir durch den dunklen Wald den Hang hinauf zur Oberen Wolga-Uferstraße. Auf dem Heimweg durch die Stadt sahen wir vor den Museen trotz des Regens noch immer Menschen auf Einlass warten, die Nacht der Museen ging bis ein Uhr.

Vor diesem Ausflug ins Kriegerische hatte uns Marina etwas Erbaulicheres gezeigt: einen „Hügel der Poeten“ (холм поетов), den Nischegoroder Dichter, unter anderen auch ihr Mann, am 25. Juli 1998 ohne behördliche Genehmigung an der Kremlmauer einrichteten, markiert mit einer schlecht zu lesenden Aluminiumplatte am Boden und einer kleinen, leicht zu übersehenden Nachtigall aus Eisen hoch an der Ziegelwand. Es finden dort noch immer alternative Dichtertreffen mit Lesungen statt. Wir gingen hier schon oft vorbei, ohne den geheimnisvollen Reiz des Ortes zu entdecken. Die Ansicht, die der Zusammenfluss von Wolga und Oka bietet, ist bei jedem Wetter so grandios, dass man sich nicht nach der Mauer umdreht.

Hügel der Dichter – Die Nachtigall an der Kremlmauer

Der immer wieder grandiose Blick auf Oka und Wolga

Unterhalb des Kreml liegt ein altes Kaufmannsviertel mit reichen Häusern aus dem 19. und 20. Jh. auf der Рождественская (Weihnachtsstraße) und der Unteren Wolga-Uferstraße. In einem Jugendstil-Haus logiert die „Galerie Futuro“ mit wechselnden Ausstellungen zeitgenössischer Maler aus ganz Russland.

Jugendstil-Haus an der Roschdestwenskaja Straße mit der Galerie FUTURO

In den geschmackvoll renovierten Räumen mit rohbelassenen Wänden war eine Ausstellung zum Thema „Frauen“ zu bewundern, überraschend, weil nicht der sonst hier häufige naturalistische Stil zu sehen war. Die ungerahmten Bilder zeigten ein breites Spektrum von Stilen, meist mit wenigen Pinselstrichen und wenig Farbe.

Ausstellungsraum in der Galerie FUTURO

Eingangsbild in der Galerie FUTURO

Dieses klobige Denkmal von Seeleuten aus der Stalinzeit vor dem Flussbahnhof bildet einen krassen Gegensatz zu den wohlproportionierten und reich verzierten Häusern der anliegenden Straßen. Man beachte: es wurden Blumen abgelegt!

Das letzte Läuten

Последний Звонок, das letzte Läuten, ist in Russland der letzte Schultag für die Аbiturienten vor ihren Prüfungen und wird in allen Schulen groß gefeiert. In unserem Gymnasium Nr.1 war dies eine lockere, fröhliche Schau in der Aula. Nach Reden des Schulleiters, eines Vertreters der Schulbehörde und dem Abspielen (eines Teils) der Nationalhymne, zu der alle aufstanden, führte die Abi-Klasse ein selbst verfasstes schwungvolles Musical über ihr Schulleben und ihre Lehrer auf. Die Rock- Pop- und Hiphop-Nummern wurden mit stürmischem Beifall bedacht. Und immer wieder Dank an die Lehrer und die Eltern.

 Die Abi-Klasse beim Letzten Läuten 

Von einer Schülerin bekam ich einen Blumenstrauß, der so groß und schwer war, dass wir mit dem Taxi nach Hause fahren mussten. Für mich und die DSD-Schüler folgt jetzt noch ein zweiwöchiger Intensivkurs, dann endet dieses Schuljahr in Nischni auch für mich. Es war mein letztes hier in Nischni Nowgorod – und überhaupt.

 

 

 

 

 

 

Der 8. und der 9. Mai 2017 in Moskau

Die elfte Reise nach Moskau in den zweieinhalb Jahren unseres Russlandaufenthaltes galt der Feier des 8. Mai. Der erste Metro-Zug am Kursker Bahnhof in Moskau empfing uns martialisch mit Fotos und Plakaten zum Tag des Sieges: an den Türen Bilder von Waffen und russischen Soldaten aus dem 2. Weltkrieg und im Wagen Beschreibungen der großen siegreichen Schlachten. Allerdings haben wir bei den fünf weiteren Metro-Fahrten dies nicht mehr gesehen, da hing in den Wagen wie in der Vergangenheit vor allem Werbung, unter anderem für (billige?) Kredite mit 12,5 % Zinsen.

Die Stadt war für den großen russischen Feiertag üppig geschmückt. Das oft zu sehende offizielle Logo bestand aus den Worten „Tag des Sieges 9. Mai“ und dem Georgsband aus dem weiße Blüten wachsen. Groß prangte es auf den hellblauen Rückwänden der „Public Viewing“ Bildschirme für die Übertragung der Parade auf dem Roten Platz.

Das diesjährige Logo zum Tag des 9.Mai

In vielen Schaufenstern hingen kleinere Formate in verschiedenen Ausführungen. Wie immer bei solchen Festen waren in den Fußgängerzonen und auf den Plätzen viele Pavillons mit Cafés, Verkaufsbuden und kleine Bühnen aufgebaut. Im Rahmen des Moskauer Frühlings sangen an 49 Stellen in der Stadt a capella Gruppen. In der Nähe unseres Hotels ein georgisches Trio in landesüblicher Tracht mit den stilisierten Patronengürteln über der Brust.

Nach einem ausgezeichneten (frühen) Abendessen am Vorabend unseres Festes im besten usbekischen Restaurant Moskaus „Weiße Wüstensonne“ mit Plov, Reis und Fleischspießen – ohne die später dort zu bewundernde Bauchtänzerin – gingen wir in die Tschaikowski-Philharmonie am Triumphplatz zu einem Gala-Chorkonzert, das im Rahmen des 16. von Waleri Gergijew geleiteten Moskauer Osterfestivals (ХVI Сезон Пасхальный Фестиваль) stattfand.

Schlussauftritt aller Chöre im Tschaikowski-Saal

Aus Russland waren ein St. Petersburger und ein Moskauer Chor zu hören, die anderen Chöre kamen aus Sofia, Stockholm, Tiflis, Prag. Der tschechische Jugendchor aus Prag belebte das eher ernste Programm mit volkstümlichen Weisen und Tänzen. Besonders beeindruckte uns der georgische Jugendchor Mdslewari  (kein Tippfehler) mit seinen kräftigen Stimmen und ungewohnten, sich leicht reibenden Harmonien vor allem in den Oberstimmen. Auch sonst war das Programm sehr vielseitig, es reichte von einer achtstimmigen Madrigale von Diletzki aus dem 17. Jh. (gesungen von den dreizehn Sängern vom „Chor der sieben Heiligen“ aus Sofia), schwedischen Sommerliedern bis zu alten und modernen Kirchenliedern der russischen Ensembles. Am Schluss sangen alle Chöre stimmkräftig einen österlichen Choral „Christus ist auferstanden“.

Nach diesem gebührenden Auftaktabend wollten wir am nächsten Tag, unserem Festtag, die Mjasnizkaja Uliza mit ihren Jugendstil-Häusern, dem konstruktivistischen Centrosojus-Haus von Le Corbusier und dem vom Teehändler Perlowa errichteten Teehaus im chinesischen Stil ansehen. Wir gingen trotz schlechten Wetters los, doch es war – gelinde gesagt – wenig genussreich: die Schirme behinderten die Sicht und Fotografieren war wegen des Regens kaum möglich. Als es dann auch noch in dicken Flocken zu schneien begann, gaben wir auf und flüchteten –  weil Museen montags auch in Moskau geschlossen sind – zurück in unser Hotel Budapest. Die a capella Gruppen ließen sich offensichtlich weder vom Wind, noch von Schnee oder Kälte stören. Auf der Kusnetzski Most sangen junge Russen in Winterkleidung und geschützt von der Konzertmuschel vor einem spärlichen Publikum.

Rose lauscht unter blauem Schirm dem Gesang

Dennoch war der Tag für uns noch nicht verloren. Mitternacht war schon überschritten, als wir uns nach einem anregenden Abend mit Freunden bei leichtem Regen auf den Heimweg machten – zu Fuß, aus Drang nach Bewegung. Nachts sieht die Welt anders aus, vor allem wenn Straßenbauarbeiten auf dem Boulevardring zu Umwegen zwingen. Wir ahnten nicht, dass wir einen jungen Mann mit unserer Frage nach dem Weg glücklich machen. „Was, ihr seid Ausländer? Und ihr lauft hier nach Mitternacht bei Regen herum! Und wollt kein Taxi! Und sprecht Englisch?“ Da machte er buchstäblich einen Freudensprung. „Ich habe seit vielen Jahren kein Englisch mehr gesprochen. Darf ich euch ins Hotel begleiten?“ Er rief sofort seine Frau an und erzählte ihr von seinem Glück. Und dann umtanzte er uns förmlich, lief rückwärts vor uns her und radebrechte drauf los. Unbegreiflich für ihn, dass Deutsche aus Stuttgart keinen Porsche oder mindestens Mercedes fahren. Er bedauerte, uns sagen zu müssen, wie sehr er sich freue, dass Russlands Hockey-Team die Deutschen soeben 6 : 3 besiegt habe, und das ein Tag vor dem 9. Mai! Kurzweilig unterhalten und ziemlich durchnässt kamen wir nach einer dreiviertel Stunde schließlich in unser Hotel und so endete Roses Festtag, ihr halbrunder Geburtstag, vergnüglicher als es das unfreundliche Wetter erwarten ließ.

Stellwände mit Kriegserinnerungen auf dem Boulevardring, nachts um eins

Am Dienstag dann der 9. Mai, der Tag des Sieges, der große Feiertag in Russland! Der Rote Platz war weiträumig abgesperrt, selbst auf den Theaterplatz und auf die Twerskaja kam man, für uns unerwartet, nur mit einem Passierschein. So gelang uns auch kein Blick auf einen der Bildschirme, die wir tags zuvor gesehen hatten und damit auch nicht auf die Parade. Selbst „Безмертный Полк“, das „Unsterbliche Regiment“ blieb uns verwehrt. Bei diesem Umzug tragen die Teilnehmer Fotos der Gefallenen – und wie wir auf den Schildern gesehen haben – auch überlebender Kriegsteilnehmer des 2. Weltkrieges. Diese Erinnerung an die Angehörigen ist bei der Bevölkerung beliebter als die Militärparaden und findet in allen Städten statt. Auch in Nischni Nowgorod war der Zug – wie uns berichtet wurde – sehr eindrucksvoll.

Mit vielen anderen liefen wir zunächst etwas enttäuscht herum, vorbei an Händlern und kleinen Verkaufsständen, die Fahnen in den russischen Nationalfarben und mit dem 9.Mai-Logo anboten, sowie Georgsbänder und die typischen olivfarbenen Militärmützen, die Pilotkas (Пилотка). Das Wetter war sehr kühl und feucht, aber es regnete nicht immer.

Warten auf den Beginn des Umzuges oder auch ohne Passierschein?

Nachdem wir eine der nicht geschlossenen Metrostationen gefunden hatten, fuhren wir zur „ВДНХ“, der früheren „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“. Auf einem Gelände in der Größe einer Weltausstellung stellte sich jede Republik der Sowjetunion in einem eigenen Pavillon vor, der meist ein riesiges Gebäude war. Jetzt wird der Park für Ausstellungen, für die Erholung und für Messen genutzt.

Ausstellungsgebäude im БДНХ-Park: „Russland – Meine Geschichte“

Von der Metrostation läuft man gut eine halbe Stunde vorbei an dem Kosmonauten-Denkmal bis zum Ausstellungspavillon für die Geschichte Russlands, die dort wird in drei Teilen behandelt wird: die Dynastien der Ruriks, der Romanows und die Zeit der Sowjetunion von 1917 bis 1945. Ein weiterer Abschnitt, von 1945 bis 2000, wird noch in diesem Jahr eröffnet. Mit einem Audioguide in Englisch war die Ausstellung auch für mich höchst interessant. Auf einer als Zeitleiste gestalteten Wand sind die Ereignisse chronologisch dargestellt, davor interaktive Bildschirme, auf denen man in Russisch detaillierte Informationen abrufen kann. Auf der gegenüberliegenden Seite Schautafeln mit Statistiken, Texten und Fotos zu Personen und Ereignissen und immer wieder interaktive Bildschirme. In kleineren Räumen laufen Filme oder es werden einzelne Themen behandelt. Regelmäßig gibt es für bestimmte Zeitabschnitte eine Graphik, in der die Fläche, die Einwohnerzahl und das Bruttoinlandsprodukt der Sowjetunion dargestellt sind. Alles sehr informativ, modern präsentiert; es ist verständlich, dass russische Freunde dort einen ganzen Tag verbrachten.

Infographiken über Fläche, Einwohnerzahl und Bruttoinlandsprodukt 1940 und 1945

Als ein weiteres Beispiel für die Art der Darstellung ein Ausschnitt der Zeitleiste vom Sommer 1939. Unter anderem sind da aufgeführt: Der Molotow-Rippentrop-Vertrag vom 23. August, der Beginn des 2. Weltkrieges am 1. September, die Besetzung der Westukraine und Weißrusslands durch die Rote Armee am 17. September und der Russisch-Finnische Krieg vom 30. November bis 12. März 1940.

Der Sommer 1939 in der Ausstellung

Glücklich erreichten wir abends unseren Zug nach Nischni am Kursker Bahnhof. Glücklich, weil wir trotz des nassen und kalten Wetters und des für uns nicht zugänglichen Stadtzentrums wieder viel Interessantes in Moskau erlebt hatten, aber auch glücklich, dass wir den Zug trotz eines großen Umweges gerade noch erwischten. Denn leider hatten uns nicht einmal die Wachtposten sagen können, wann und wo die Absperrungen aufgehoben werden und welche Metrostationen geschlossen sind. Der Zug fuhr ab, zwei Minuten nach dem wir eingestiegen waren.

Erster Raum der Ausstellung: Ende des Zarenreiches

Karte mit den Lagern des Gulag 1946, Zahl der Häftlinge: 1 355 739

Maiakowski Denkmal am Triumph Platz (7. Mai 2017)

Mit allen Symbolen ausgestattet: Fahne mit Logo, Georgsband und Käppi

Partisanen, Foto von der Plakatwand am Boulevardring 

Schulnotizen zum 9. Mai

Meine Schüler haben durchweg ein unambivalentes Verhältnis zum 9. Mai: ‚Es ist ein sehr schöner und großer Feiertag‘. ‚Wir sind stolz und dankbar, dass unsere Urgroßeltern das Land von den Faschisten befreiten.‘ ‚Wir möchten uns erinnern, und ihnen danken.‘

Wie sie mit ihren Familien den Tag verbringen? Sie legen Blumen am ewigen Feuer im Kreml nieder, schauen die Moskauer Parade im Fernsehen an, essen gut, sehen mit der Familie alte Fotoalben an, singen Kriegslieder. Wobei man wissen muss, dass diese Lieder nichts Chauvinistisches haben. Das berühmteste, „Katjuscha“ ist auch in Deutschland bekannt und hat Volksliedcharakter. Es erzählt von der treuen Geliebten, Katjuscha, die die Liebe schützt, während ihr Geliebter das Vaterland beschützt. Meistens aber sind die Lieder von einer tiefen Trauer (über den Sohn, Mann, Vater, der nicht aus der Schlacht zurückkam (»Он не вернулся из боя…»). Sie handeln von der Anonymität des Sterbens («На братских мотилах не ставят крестов»), von Opferbereitschaft, Kameradschaft, Tapferkeit.

Letztes Jahr besuchten wir ein Konzert von Kriegsliedern in der Oper. Dies ist der passende Rahmen. Hier wird keine Marschmusik gespielt, eher Romanzen und Chansons. Oft sind sie voller Poesie. Um die Stimmung zu zeigen, möchte ich hier eines der berühmtesten Lieder von Mark Bernes abdrucken, das kongenial ins Deutsche übersetzt wurde. Man kann es gleichzeitig unter folgendem Link als YouTube Film anschauen und hören:

https://www.youtube.com/watch?v=XZZHISSfHv4

Zhuravli (Журавли)

Мне кажется порою, что солдаты,

С кровавых не пришедшие полей,

Не в землю нашу полегли когда-то,

А превратились в белых журавлей.

 

Они до сей поры с времен тех дальних

Летят и подают нам голоса.

Не потому ль так часто и печально

Мы замолкаем, глядя в небеса?

 

 

Летит, летит по небу клин усталый,

Летит в тумане на исходе дня,

И в том строю есть промежуток малый,

Быть может, это место для меня.

 

Настанет день, и с журавлиной стаей

Я поплыву в такой же сизой мгле,

Из-под небес по-птичьи окликая

Всех вас, кого оставил на земле.

 

 

Мне кажется порою, что солдаты,

С кровавых не пришедшие полей,

Не в землю нашу полегли когда-то,

А превратились в белых журавлей..

———————————

 

Автор текста: Расул Гамзатов

Композитор: Ян Френкель

Исполняет: Марк Бернес

 

Kraniche

Ich denke manchmal, unsere Soldaten –

dahingemäht auf blutdurchtränktem Feld –

Ruh’n nicht, wo Kameraden sie verscharrten:

Sie sind nun Kraniche am Himmelszelt.

 

Laut rufend zieh’n sie ständig ihre Bahnen

Als weiße Kraniche seit eh und je.

Und weil wir unbewusst die Nähe ahnen

Schau’n wir betrübt und schweigend in die Höh‘

 

Dort fliegen sie und fliegen, unsre Lieben

Im Nebel bis ans Ende ihrer Zeit.

Ein kleiner Zwischenraum ist nur geblieben –

Vielleicht hält man den Platz für mich bereit?

 

 

Dann zög‘ auch ich an trüben, grauen Tagen

mit ihrem Schwarm, der mir die Richtung wies,

Würd‘ aus der Höhe vogelartig klagen

Euch rufend, die auf Erden ich verließ.

 

Ich denke manchmal, unsere Soldaten-

dahingemäht auf blutdurchtränktem Feld –

ruh’n nicht, wo Kameraden sie verscharrten:

Sie sind nun Kraniche am Himmelszelt.

 

 

Autor des Textes: Rasul Gamzatow

Komponist: Jan Frenkel

Interpret: Mark Bernes

 

 

Nicht so poetisch, aber sehr pazifistisch ist auch das Lied „Für den Rest des Lebens“ – «На всю оставшуюся жизнь»

https://www.youtube.com/watch?v=EwMna0eDdvw

Автор: В.Баснер—П.Фоменко,Б.Вахтин

Альбом: Звездопад

 Сестра,ты помнишь как из боя Меня ты вынесла в санбат? Остались живы мы с тобою В тот раз, товарищ мой и брат. На всю оставшуюся жизнь Нам хватит подвигов и славы, Победы над врагом кровавым,- На всю оставшуюся жизнь. 

 

 

Горел Днепр, Нева и Волга, Горели небо и поля… Одна беда, одна тревога, Одна судьба, одна земля… На всю оставшуюся жизнь Нам хватит горя и печали. Где те, кого мы потеряли На всю оставшуюся жизнь? 

 

 

Сестра и брат…Взаимной верой Мы были сильными вдвойне. Мы шли к любви и милосердию В немилосердной той войне. На всю оставшуюся жизнь Запомним братство фронтовое, Как завещание святое На всю оставшуюся жизнь.

 

 

 

 

 

Schwester, erinnerst du dich, wie du mich auf der Bahre aus der Schlacht getragen hast? Dieses Mal sind wir am Leben geblieben, wir zwei, und auch mein Kamerad und Bruder.

Für den Rest des Lebens

Haben wir genug von Heldentaten und Ruhm,

vom Sieg über den blutigen Feind,-

für den Rest des Lebens.

 

Es brannte der Dnepr, die Newa und die Wolga, es brannten der Himmel und die Felder…

Nur Leid, nur Аngst,

nur Schicksal, nur Erde…

Für den Rest unseres Lebens

Reichen uns der Schmerz und die Trauer.

Wo sind die, die wir verloren haben

Für den Rest unseres Lebens?

 

Schwester und Bruder….im gegenseitigen Glauben waren wir doppelt so stark.

Wir gingen zu Liebe und Barmherzigkeit

In diesem erbarmungslosen Krieg.

Für den Rest unseres Lebens

Erinnern wir uns an die Brüderlichkeit an der Front, wie ein heiliges Vermächtnis

Für den Rest unseres Lebens.

 Alles in allem ist der 9. Mai ein heiliger Feiertag. Es geht es hier um große Gefühle.

Aber es gibt noch andere Aspekte. Meine Geschichtslehrer-Kollegin beklagt, dass die Schüler in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg voller Emotionen, aber ohne Wissen sind. Andere Kollegen haben ein gespaltenes Verhältnis zu den Paraden, die in postsowjetischer Zeit 2005 wiederaufgenommen wurden und wuchtige Demonstrationen militärischer Stärke darstellen. Freunde kritisieren die Militarisierung schon im Kindergarten, wo die kleinen Jungen in Soldaten- und die kleinen Mädchen in Krankenschwester-Uniformen zum Erinnerungsfoto aufgestellt werden. Oder den seit einiger Zeit öfter zu hörenden Spruch: »Можем повторить» – „Wir können das wiederholen.“ 

Das Wachpersonal an unserer Schule sind durchweg Armee- (nicht Kriegs-) Veteranen. Einer von ihnen besuchte auch unser Stück „Komm wieder, aber ohne Waffen“ und war zutiefst beeindruckt. Am 7. Mai schenkte er mir zwei Pralinen mit dem Kommentar: Frau Rosa, früher haben wir euch verdroschen, aber jetzt möchte ich Ihnen das schenken, «от душы» – aus tiefster Seele.

 

 

 

 

 

 

Farbtupfer an Schule und Hochschule

Nach der ereignisvollen Woche mit dem Projekt „Komm wieder, aber ohne Waffen“ tritt bei uns der Alltag ein. Uns wird auch bewusst, dass sich unsere Zeit in Nischni langsam dem Ende zuneigt. Genau heute in vier Monaten fliegen wir nach Deutschland zurück. Und wenn wir uns auch auf Familie und Freunde, auf Fahrrad und Wandern freuen, so stellt sich doch so etwas wie Abschiedswehmut ein.

In Deutschland werden wir die vielen kleinen Erlebnisse nicht haben, die uns hier als gern gesehenen Ausländern immer wieder begegnen. So wird mir der Friseur sicher den Lohn für seine Arbeit ohne weiteres abnehmen. Hier wollte die junge Friseurin in dem kleinen Laden nebenan kein Geld von mir, weil sie es so aufregend fand, einem Ausländer die Haare schneiden zu können. Sie nannte auch keinen Preis und nahm die Scheine erst nach langem Zögern.

Auch die unerschöpfliche Quelle für überraschende Beobachtungen in der Straßenbahn wird sich in Deutschland nicht auftun. Beispiele: Durch einen Stau kommt die Tram nur schrittweise voran. Das nutzt der Fahrkartenschaffner, um nach einem kurzen Gespräch mit der Fahrerin auszusteigen und bis zur nächsten Ampel nebenherlaufend eine Zigarette zu rauchen. Oder die Schaffnerin, die die Zugestiegenen nur nach jeder zweiten Haltestelle abkassiert, weil sie auf dem in allen Wägen reservierten Platz für den Kondukteur sitzt und ein offensichtlich spannendes Buch liest.

Und nicht zuletzt die Fußgängerzone Bolschaja Pokrowskaja, die immer heiter zu sein scheint mit ihren Verkaufsständen, Musikern, Prospektverteilern,  auf der es aber auch häufig politische Aktionen gibt.

Am letzten Samstag standen in der Nähe des Theaters in gebührendem Abstand voneinander sieben junge Menschen, die mit Schildern in den Händen gegen die Verfolgung der Teilnehmer an die von Nawalny organisierten Antikorruptionsdemonstrationen protestierten. Es ist hier erlaubt, als Einzelner mit Plakaten für seine politischen Ansichten zu werben, mehrere Personen müssten für ihre Aktion eine Genehmigung einholen. So haben wir schon öfter einzelne Personen stehen sehen, die auf Plakaten ihre Forderungen erheben.  Dabei gibt es ein weites Themenspektrum von der Freilassung von Angehörigen aus der Haft bis zur Rehabilitierung von Stalin.

Einer der sieben Protestierenden auf der Bolschaja Pokrowskajа (22.04.17)

Eineinhalbtausend Festnahmen in Russland, über tausend in Moskau, über 40 in Nischni. Strafen von 10 – 20 Tausend Rubeln. Strafverfahren. Was ist das? (gemeint ist: was machen wir hier?) Ein Staats-Umsturz? Nein, es ist ein Meeting gegen Korruption.

Auf anderen Plakaten wurde gegen den politischen Druck protestiert, dem Schüler, die an den Demonstrationen teilnahmen und deren Eltern ausgesetzt sind. Oder es wurde gefragt, warum das in der Verfassung garantierte Recht auf Demonstrationen nicht eingehalten wird. In den Diskussionen haben vor allem ältere Leute den Erfolg dieser Aktionen bezweifelt, denn: „In allen Ländern dieser Welt gibt es Korruption“ und: „Gerechtigkeit gibt es nur im Himmel.“

Zu diesen Beobachtungen passt eine Information aus dem Blog Erlangenwladimir.wordpress.com vom 22.04.17. Dort schreibt Peter Steger:

„Seit gestern hat Alexej Nawalny auch in Wladimir eine Vertretung, von wo aus sein Wahlkampf um das Präsidentenamt im nächsten Jahr unterstützt werden soll. Derzeit bereist der Oppositionspolitiker die Hauptstädte des Goldenen Rings, um – wie in allen Regionen des Landes – Büros zu eröffnen. (Einschub von mir: Das gilt dann wohl auch für Nischni). .……. Bei aller Kritik also, die man äußern mag, ist die russische Demokratie doch lebendig genug, auch einen derart umstrittenen Kopf um Stimmen werben zu lassen.“

Die Diskussionen hatten uns durstig gemacht, wir gingen nach einem Spaziergang entlang der Kremlmauer in das Restaurant „Expedizia“ unterhalb des Kreml, ein Lokal von dem man einen schönen Blick auf die Wolga hat. Mit einem echten Hubschrauber, einer künstlichen Jurte und drei noch künstlicheren Eisbären ist es ungewöhnlich ausgestattet. Es bietet Speisen und Delikatessen aus den nördlichen und östlichen Regionen Russlands an. Alles ist sehr exquisit: Wir tranken einen Tee aus 36 sibirischen Kräutern, wirklich ungewöhnlich guter Geschmack, ungewöhnlich auch der Preis von 600 Rubel (10 Euro) für 0,8 Liter. Aber wieder eine gern gemachte Erfahrung in diesem Land der Gegensätze!

Promenade an der Westmauer des Kreml mit Blick auf die Wolga

Schulnotizen

Letzten Freitag wurde der Film, den zwei Kamerateams während Wolfgang Morells Aufenthalt in Nischni aufnahmen, innerhalb der Hauptnachrichten von NTV um 19 Uhr gesendet. Gezeigt wurde das Wiedersehen von Wolfgang, dem ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen und Zhanna, der ehemaligen Komsomolzin nach 68 Jahren! Es ist ein bewegender Film, auch für Leute, die den russischen Kommentator nicht verstehen: http://www.ntv.ru/novosti/1798545/. Der Film kann demnächst auch unter YouTube angesehen werden, Titel: „Wolfgang Morell und Zhanna Woronzowa“.

Aber auch sonst hatten die letzten Wochen außer dem Projekt einige ‚Farbtupfer‘ aufzuweisen:

Am Tag vor dem 23. Februar, dem Tag des Vaterlandsverteidigers, wurde bei uns an der Schule der ‚König der Schule‘ gekürt. Ein zweistündiges Programm, in dem die Mädchen den Jungs bewundernde Lieder sangen, und die Jungs ihre Männlichkeit beweisen mussten: Wer kann am besten Nägel einschlagen? und: Wer ist der Stärkste beim Armdrücken…?

Am 18. März, nach dem internationalen Frauentag am 8.3. wurde dann die ‚Königin der Schule‘ gesucht und gefunden: Wer kann jeweils innerhalb von 3-5 Minuten am besten Knöpfe annähen, mit 250 Rubel den attraktivsten Einkaufszettel für ein Frühstück zu zweit erstellen, die kreativste Glückwunschkarte zum 8. März anfertigen, seinen Traummann zeichnen? Und dann – im zweiten Teil – den besten Beitrag für ein Konzert (Tanzen, Singen) liefern? Abgesehen davon, dass beide Veranstaltungen zeigten, dass hierzulande die Welt bezüglich der Rollenverteilung noch in Ordnung ist, zeugten vor allem die kreativen Teile von großer Meisterschaft: Die Karten und Zeichnungen, die professionelle Art zu tanzen und zu singen machten wieder einmal bewusst, wo unsere Schülerinnen und Schüler die Nachmittage (zweimal die Woche, drei bis vier Stunden) verbringen: in einer Kunst- Musik- oder Tanzschule. Diese sind – ein Relikt aus sowjetischer Zeit – fast kostenlos und werden immer noch von der Bevölkerung sehr angenommen.

     

 

Auch an der Linguistischen Universität gab es zwei Wettbewerbe, bei denen ich in der Jury war. Der erste – der Phonetik-Wettbewerb war, dem trockenen Namen zum Trotz – sehr kurzweilig. Im ersten Teil sollten die Studentinnen und Studenten des 1. Studienjahres ein Gedicht ihrer Wahl aufsagen; im zweiten Teil einen unbekannten Prosatext, den sie wie ein Los zogen, unvorbereitet lesen. Interessant für Jury und Zuhörer waren die Gedichte (Schiller, Goethe, Heine, Rilke, aber auch Mascha Koleko…) vor allem durch die phantasievolle Art der Präsentation: durch ein Frühlingskleid, passende Hintergrundbilder… Denn, um das Alltagsgeschäft der Phonetik ging es auch im 1. Studienjahr schon nicht mehr. Klassische Probleme wie das rollende ‚R‘, zu stimmhafte Konsonanten oder falsche und zu kurze Vokale (Man muss das Läbben äbben nämmen, wie das Läbben äbben ist!) hatte man längst überwunden.

Beim 2. Studienjahr wurden im ersten Teil dann keine Gedichte, sondern selbstgewählte Prosatexte auswendig deklamiert. Die Auswahl reichte von einem Auszug aus dem Kommunistischen Manifest („Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“) über Kafka („Brief an Felice“), Klaus Mann („Mephisto“) bis zur „Blechtrommel“ von Günter Grass.

Zwei Wochen später durfte ich bei einem weiteren, höchst vergnüglichen Wettbewerb an der Linguistischen Universität in der Jury mitstimmen: Dem Festival des deutschen Liedes. Teilnehmer waren sowohl Schüler als auch Studenten. Hier die Fotos der Preisträger.

„Alle Vögel sind schon da“ erhielt den 3. Preis in der Gruppen-Kategorie

 2. Platz: „Was wollen wir trinken 7 Tage lang?…“ (von der holländischen Gruppe Bots, 2000)

 Den 1. Preis in der Kategorie „Solo“ bekam ein kleines Mädchen mit einem Jahreszeitenlied. 

Das Foto des 1. Preises der Gruppen-Kategorie fehlt: Schüler aus unserer Schule mit dem Lied: „Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann“ (Erinnert ihr euch: Trude Herr, 1965). Die Bühnenshow war so atemberaubend, dass ich vergaß zu fotografieren.

Und ansonsten: eine nette Feier zum 55. Geburtstag im Lehrerzimmer…

 

…und Ostern in der 3. Klasse:

 

 

 

 

 

 

Demonstrationen – Komm wieder, aber ohne Waffen (Teil 4)


 

Zum „Tag der Wiedervereinigung der Krim mit Russland“ versammelten sich am 18. März Honoratioren, Bürgerinnen und Bürger Nischni Nowgorods am Platz der Einheit unterhalb des Kreml zu einer Kundgebung. Die Teilnehmer aus dem „Sowjetski Rayon“ der Oberstadt zogen durch die Talstraße zum Veranstaltungsort. Ich lief oben an der Kremlmauer, nicht ahnend, dass der Abgang zum Einheitsplatz wegen Eis und Schnee gesperrt war. So sah und hörte ich das Treiben nur aus der Ferne: Musik aus Lautsprechern, Reden mit Rufen „Крым наш“ („Die Krim ist unser“) und viele Fahnen. Von einem Teilnehmer erfuhren wir, dass wichtige Amtsinhaber zu dieser Veranstaltung „eingeladen“ worden waren. Doch nach 25 Minuten war alles vorbei.

Die Oberstädter auf dem Weg zum Platz der Einheit am 18. März 2017

 

Nach einem langen Spaziergang mit Roses Kollegin Anke, einer in Perm arbeitenden deutschen Programmlehrerin, hatten wir am letzten Sonntag (26.03.17) gerade im Restaurant Pjatkin zu einer Essens- und Aufwärmungspause Platz genommen. Da sahen wir auf der Straße Roshdestwenskaja eine große Menschenmenge vorbeiziehen. Wir vermuteten gleich, dass es sich um eine der Demonstrationen handelte zu denen Nawalny aufgerufen hatte, was die Kellnerin aufgeregt mit dem Ruf „Nawalny“ bestätigte. Auf Plakaten wurde gegen Korruption protestiert, u.a.: „Die Korruption stiehlt die Zukunft“, (Коррупция ворует Будушее) und „Nischni ist in der Grube – der Oberbürgermeister in Miami“, im Russischen reimt sich Grube fast auf Miami (Нижний – в Яме, а Мэр – в Майами). „Schande, Schande“ wurde gerufen. Ein einsamer Polizist stand eng umgeben von Demonstranten und wurde beschimpft „Es hat noch nie einen Polizisten gegeben, der nicht bestechlich ist.“ Aber, soweit wir das sehen und hören konnten, blieb alles friedlich – obwohl dies nicht der genehmigte Versammlungsort war. Am eindrucksvollsten war jedoch: die Demonstranten waren überwiegend junge Menschen, viele Schüler und Studenten. Protest der Jugend – ein starkes Signal an die Regierung.

Demonstranten auf der Roshdestwenskaja gegen Korruption

Demonstranten auf der Wachtanowa Gasse, Nebenstraße zur Roshdestwenskaja

„Korruption stiehlt die Zukunft“

Nischni – in der Grube, aber der OB – in Miami

Im Blog >http://www.erlangenwladimir.wordpress.com< vom 27.03.2017 findet sich ein ausführlicher Bericht mit vielen Fotos über die ebenfalls friedlich verlaufene Demonstration in Erlangens Partnerstadt Wladimir.

 

Komm wieder – aber ohne Waffen (Teil 4)

Als Claus Fritzsche 1943, kurz nach seinem zwanzigsten Geburtstag, den Einsatzbefehl an die Ostfront bekommt, ist er außer sich vor Freude. Er ist ein romantischer junger Mann, der sich schon ordensbehängt sieht und trotz der schweren Verluste 1942/43 immer noch unerschütterlich an den Endsieg glaubt. Gleichzeitig freut er sich wirklich auf die Begegnung mit russischen Menschen und den engen Umgang mit ihnen und kauft sich sofort ein russisches Lehrbuch.

Genau eine Woche nach seinem Eintreffen an der Front wird sein Kampfflugzeug, dessen Besatzung er als Bordfunker angehört, über dem Kaspischen Meer abgeschossen. Seine Gefangennahme verläuft nicht so ‚freundschaftlich‘ wie bei Wolfgang Morell. Ihr im Meer treibendes Schlauchboot wird von einem Fischkutter gesichtet. Sie werden aufgegriffen, mit Knüppeln blutig geschlagen, ihr Major, der mit dem Ritterkreuz an Bord geht, wird zu Tode geprügelt. Später erfahren sie, dass die Ehefrauen und Kinder von einigen der Russen, die sie gefangen nahmen, in der Nacht vorher bei einem deutschen Bombenangriff ums Leben gekommen sind. Der Kommandeur, dem die Gefangenen in Astrachan übergeben werden, hat jedoch kein Verständnis für die Misshandlung. Der Kapitän des Fischkutters erhält einen KO-Haken, den Deutschen werden die Fesseln abgenommen und Zigaretten angeboten.

Claus Fritzsches Gefangenschaft beginnt in Astrachan. Da er medizinische Vorkenntnisse hat, wird er als Sanitäter eingesetzt. Er bekommt ein Wörterbuch und den Auftrag, zur besseren Verständigung mit der Ärztin, Russisch zu lernen. Mit Begeisterung stürzt er sich in das Sprachstudium und bereits auf der Fahrt nach Stalingrad, vier Monate später, kann er sich auf dem Schiff mit den russischen Mitreisenden über einfache Themen unterhalten.

In Stalingrad bekommen die Gefangenen höchstens die Hälfte der ihnen zustehenden Ration. Die russische Zivilbevölkerung hungert auch, und die Verpflegung der Rotarmisten ist fern der Front kaum besser. Claus magert bis auf 46 Kilo ab. Die Versorgung wird erst besser, als eine Kommission aus Moskau Aufbaunahrung verordnet.

Schon im ersten Kriegsgefangenenlager im Wolgadelta wird ein Politoffizier auf Claus aufmerksam und fragt ihn, ob er nicht etwas über die Ideologie seines Gegners lernen möchte. Er hadert inzwischen mit der Weltanschauung der Nazis, setzt sich mit Marx und Engels auseinander. Besonders angezogen fühlt er sich durch die Lehren des historischen und dialektischen Materialismus. In seinem ausgezeichneten Buch „Das Ziel – Überleben“ ISBN-13: 978-3925480447 („Цель – выжить), das bei Amazon antiquarisch erhältlich ist, schreibt Fritzsche:

Ich gebe zu, dass ich von Monat zu Monat gläubiger wurde, und ich fühlte mich von Gläubigen umgeben. Ich suchte nach einem neuen Glauben. Ich wollte glauben können.

Fritzsche wird Antifa-Aktivist, doch er bleibt ein kritischer Geist. Als er die Redakteure der in Moskau herausgegebenen Wochenzeitschrift „Freies Deutschland“ bittet, die Welt nicht schwarz-weiß, sondern mit Zwischentönen darzustellen, kommt er in ein Straflager.

Zhanna lernt Claus – wie Wolfgang – bei einem Konzert kennen, bei einem Wettbewerb der Kulturgruppen verschiedener Lager im Umkreis von Gorki (Nischni Nowgorod). Zhanna als Mitarbeiterin des Kulturpalastes, Claus als Dolmetscher führen durch das Programm. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Nach dem Konzert fährt Claus mit seiner Gruppe wieder in sein Lager zurück, aber die beiden können einander nicht vergessen.

Ausgerechnet Wolfgang Morell hilft ihnen, einander wiederzufinden: 1949 – Claus ist schon heimgekehrt, Wolfgang noch in Gorki – sieht Wolfgang in der DDR Zeitung „Neues Deutschland“ eine Anzeige, in der sich Claus Fritzsche als technischer Übersetzer für Russisch anbietet. Zhanna hatte Wolfgang erzählt, wie gerne sie mit Claus wiederfinden würde, Wolfgang wird zum Vermittler. Und so bekommt Claus eines Tages einen Brief aus der Sowjetunion. Ich kann mich der Versuchung nicht erwehren, den zweiten Brief des nun folgenden Briefwechsels abzudrucken: 

                                                                              Gorki, 28.9.49

Mein teurer Freund!

Du kannst Dir nicht vorstellen, welch große Freude mir Dein Brief gebracht hat. Lange habe ich darauf gewartet. Und eines schönen Tages hatte ich einen Auftritt auf der Bühne eines der Konzertsäle in Gorki und war vor dem Auftreten sehr nervös. In diesem Zustand erreichte mich ein Anruf von zu Hause mit der Nachricht, dass ein Brief aus Deutschland gekommen sei.

Ich hatte schon alle Hoffnung auf eine Antwort von Dir aufgegeben und kam zu dem Schluss, dass der Brief von Wolfgang sein müsste. Über eine Nachricht von ihm konnte ich mich auch freuen, denn er ist ein wunderbarer Mensch. Jeder der ihn kannte, hatte nur die allerbeste Meinung über ihn.

Wenn er bei Dir wäre, dann hätte ich keine Sorgen um Dich. Mit einem solchen Freund und Genossen ist es leicht und einfach, selbst auf unebenen Wegen zu gehen.

Ihr beide seid, wie mir scheint, verschiedene Menschen. Ich kenn Dich zwar nur sehr wenig, habe aber den Eindruck, dass Du Deiner Natur nach sehr kapriziös und unausgeglichen bist. Vielleicht irre ich mich, alles ist möglich.

Kolja, mich hat Deine Kenntnis der russischen Sprache in Erstaunen versetzt. Die Literatursprache zu beherrschen, ist eine große Errungenschaft. Ich habe an Deinen Fähigkeiten selbstverständlich nicht gezweifelt, aber nach diesem Brief gilt Dir mein begeisterter Applaus.

Die Tatsache, dass Du keine Langeweile hast und viel arbeitest, finde ich gut, dass Du noch nicht verheiratet bist, ist auch gut, aber ich wünschte so sehr, dass Du zu irgendwem gehörst.

Du hattest in der letzten Zeit und hast vielleicht auch noch jetzt irgendwelche gesundheitliche Unannehmlichkeiten. Worum ging es da, mein Lieber? Überhaupt, schreibe mir, wie es um Deine Gesundheit steht, den Dein ”so einigermaßen gut” gefällt mir gar nicht. Ach wenn Du nur wüsstest, wie ich mich über Deinen Brief gefreut habe, und was mit mir los war, als ich erfuhr, dass der Brief von Dir war. Ich wurde bleich und lief gleich wieder rot an und kreiselte plötzlich in einem irren Walzer durchs Zimmer – sehr zur Verwunderung meiner Mutter, die gerade ein trauriges Nocturno spielte.

Kolja, wie groß ist mein Wunsch, bei Dir zu sein. Ist es wirklich nicht möglich, zu uns zurück zu kommen? Du liebst doch meine Heimat und mein Volk. Ach, wie ich mir das wünsche.

Schreibe mir über alles, ich warte mit Ungeduld auf Deine Antwort.

Gruß  Zhanna

 

Claus ist auch verliebt, aber…. In seinem Buch „Das Ziel – Überleben“ schreibt er: „Das war die Liebeserklärung, die ich ach so gern erwidert hätte, aber – zurück in die Sowjetunion?

Unvorstellbar!  Dieses ganze Land stellte sich mir als ein riesengroßes Gefängnis dar, und dem war ich ja gerade entronnen. Außerdem, wovon hätte ich dort eine Familie ernähren sollen? Außer meinen Russischkenntnissen besaß ich ja keinerlei professionell verwertbare Berufsgrundlagen. Auch die gerade 19jährige Zhanna hatte sich wohl gänzlich ihren Gefühlen und Sehnsüchten hingegeben, ohne die realen Möglichkeiten in Betracht zu ziehen.

Es wurden noch einige Briefe geschrieben und empfangen, aber die menschenfeindlichen Realitäten dieser historischen Periode standen unseren Wünschen zu stark entgegen. Der Briefwechsel schlief ein, ohne dass ich es je aufgegeben hätte, von Zhanna zu träumen.“ (S. 288)

1958 ist Claus im Rahmen einer Geschäftsreise in Moskau. Zhanna ‚fliegt zu ihm‘, doch sie gehen schweren Herzens wieder auseinander. Beide haben inzwischen Familien, ein anderes Leben.

1989 schreibt Claus seine Erinnerungen. Er bittet Zhanna, ihm bei der russischen Fassung zu helfen. Kapitel für Kapitel trifft aus Deutschland ein. In Zhannas Familie liest man sie einander laut vor.

Als Zhanna verwitwet ist, besucht sie Claus in Moritzburg. Sie verstehen sich wunderbar, aber Zhanna kehrt zurück, in ihre Heimat, zu ihrem Sohn. 

 

Auch heute noch sind die beiden befreundet. Mit leuchtenden Augen erzählt die jetzt 87jährige Zhanna, wie ihr Kolja hilft, wo er kann. Zusammen mit seiner Nichte Almut, die auch seit Jahren mit Zhanna befreundet ist, bessert er monatlich ihre Rente auf. Er ruft regelmäßig an, jede Weihnachten kommt ein Päckchen mit Nürnberger Lebkuchen. Als ihr vor einigen Jahren die Tasche aufgeschnitten und die Rente gestohlen wurde, traf kurze Zeit später eine Geldsendung ein, die den Verlust ersetzte. „Eines ist sicher“, sagt Zhanna, „ich werde ihn immer lieben.“

Die Teile 1 bis 3 des Projektes „Komm wieder – aber ohne Waffen“ wurden am 13.02.17, 22.02.17 und 15.03.17 veröffentlicht

 

 

 

Komm wieder – aber ohne Waffen (Teil 3)

Teile 1 und 2 in den Blogs vom 13. und 22. Februar 2017

‚Am 21. Januar 1942 lagen sie zu dritt auf Horchposten im Wald. Bei minus 42 Grad hatten sie nur Tuchmäntel ohne Pelz und ungefütterte Handschuhe. Plötzlich tauchte eine Reiterpatrouille auf. Wolfgang bleibt unentdeckt, seine Kameraden werden vor seinen Augen gefangengenommen. Eine Stunde lang irrt er allein durch den Wald, dann sieht er weiße Gestalten auf sich zukommen. Wolfgang möchte um keinen Preis in russische Gefangenschaft geraten. Er entsichert seinen Karabiner, will sich erschießen, aber – vielleicht aufgrund der großen Kälte – geht der Schuss nicht los. Für die Sibiriaken ist Wolfgang wohl der erste „Fritz“, den sie zu sehen bekommen. Ohne jegliche Feindseligkeit, begleitet von den aufmunternden Worten eines älteren Rotarmisten, die wohl bedeuten mochten „Der Krieg ist für dich aus“, nehmen sie ihm das geladene und entsicherte Gewehr aus der erhobenen Hand. Die Leibesvisitation befördert u.a. eine volle Schachtel R6 Zigaretten zutage und eine Zahnbürste, die Anlass zu Gelächter gibt. Von den Rauchern erhält jeder eine Zigarette, den Rest geben sie ihm zurück. Seine armselige, absolut nicht wintertaugliche Montur löst allgemeines Mitleid aus. Einer deutet auf sie mit dem Hinweis: „Das ist Hitler!“ Stolz betastet man dann die eigene Montur: Pelzmütze, Pelzmantel, darunter Wattejacke und Wattehose, Filzstiefel und Skier: „ Und das ist Stalin!“  Auf dem Weg zum Regimentsstab bleibt Wolfgang immer wieder im tiefen Schnee stecken. Der alte Rotarmist hat Mitleid mit ihm. Er lässt ihn hinten auf seine Skier aufsteigen und schleppt ihn mit.

Dies ist die fast wörtliche Wiedergabe der Erzählung von Wolfgang Morell über seine Gefangennahme. Heute lebt er, fünfundneunzigjährig, in einem Seniorenheim in Erlangen. Er ist einer der Veteranen, die in Peter Stegers Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen“ zu Wort kommen, das die Grundlage für unser derzeitiges Schulprojekt über deutsche Kriegsgefangene in Wladimir und Gorki (heute Nischni Nowgorod) bildet. In den Weihnachtsferien besuchten wir Wolfgang. Ich machte ein fast zweistündiges Interview mit ihm, Jochen filmte.

Wolfgangs Gefangenschaft wird bis 1949 dauern und ihn in etwa 20 Lager führen. Zunächst kommt er aber mit seinen Erfrierungen in Wladimir in ein Militärkrankenhaus. 1942 gibt es noch sehr wenige Gefangenenlager und die haben keine Hospitäler. Deshalb legt man ihn zusammen mit fünfzehn anderen Deutschen in ein Krankenhaus für Rotarmisten. Sie haben Einzelbetten, weiß bezogen, mit täglicher Visite und bekommen fast die gleiche Kost wie die russischen Soldaten.

 Wolfgang Morell und Rose Ebding beim Interview am 6. Januar 2017 

Natürlich bleibt es nicht bei diesen paradiesischen Umständen. Nach seiner Genesung kommt er in ein landwirtschaftliches Lager in der udmurtischen Republik im Föderationskreis Wolga. Die Arbeit ist hart, der Hunger so groß, dass sie die Kartoffeln roh essen. Im folgenden Winter (42/43) sterben 700 von 1500 Gefangenen am wolhynischen Fieber, auch Schützengrabenfieber genannt. Die Lastwagen, die morgens das Brot ins Lager bringen, nehmen abends die Toten mit hinaus. Wolfgang ist nur noch Haut- und Knochen, aus Vitaminmangel wird er nachtblind. Aber er überlebt.

Wir machen einen großen zeitlichen Sprung, bis ins Jahr 1947. Wolfgang hat inzwischen Russisch gelernt. Er ist der Dolmetscher in einem Arbeitslager in Gorki. Ende 1946 hat man ein großes Orchester  aufgebaut.  Die Noten werden aus dem Kopf aufgeschrieben. Es gibt keine gedruckten Noten. Man führt „Die Czardasfürstin“ und die „Zirkusprinzessin“ auf. Kalman, leichte  Sachen, nicht die 9. Symphonie und man lädt dazu immer die russische Lagerleitung ein. Eines Tages kündigen die Russen an, sich mit einem russischen Konzert für die deutschen Kriegsgefangenen revanchieren zu wollen. Russische Tänze und Lieder stehen auf dem Programm. Die Moderatorin ist ein hübsches, 18jähriges Mädchen, Zhanna. Wolfgangs Aufgabe ist,  Zhannas Ansagen für die tausendköpfige Zuschauermenge ins Deutsche zu übersetzen. Dies ist der Beginn einer Freundschaft, die nicht nur bis zu Wolfgangs Heimkehr 1949 dauert. Die beiden haben bis heute Kontakt.

Zhanna ist die zweite Protagonistin in unserer szenischen Collage. Sie lebt, 88jährig, immer noch in Nishni Nowgorod und auch mit ihr habe ich ein Interview gemacht. Ihre Geschichte – und die von Claus – werde ich im nächsten Blog erzählen.

Stepan Eguraew – und zwei Konzerte

 

Der 23. Februar, der „Tag des Vaterlandsverteidigers“ (Vatertag) fiel dieses Jahr auf einen Donnerstag. Er hat Russland ein verlängertes Wochenende geschenkt, Schulen und Ämter waren von Donnerstag bis Sonntag geschlossen, die Geschäfte hatten fast alle geöffnet.

Die Sensation dieses Wochenendes bescherte uns der Sänger Stepan Eguraew, dessen hohe Gesangskunst wir schon in vielen Berichten gewürdigt haben. Siegie und seine Frau Irina sprechen von ihm als ihrem Ziehsohn. Sie haben ihn seit vielen Jahren begleitet und gefördert, vor allem organisierten sie Konzertreisen für ihn nach Deutschland und in die Schweiz.

Julia Rumiantsewa, Stepan Eguraew und seine Frau Anna.

 Das Foto stammt aus einem Bericht über die Konzertreise nach Deutschland und der Schweiz im Sommer 2016 in der Zeitschrift «Собака», Ausgabe Dez.16/Jan.17.

 

Nun hat der Solist Stepan Eguraev eine erstaunliche Karriere gemacht: Er ist seit kurzem Mitglied des berühmten Alexandrow-Chores, für uns und wohl auch für ihn ein überraschender Schritt.

Das Alexandrow-Ensemble ist ein Soldatenchor. Es wurde am 12. Oktober 1928 in Moskau von Alexander Alexandrow gegründet, dem späteren Komponisten der Nationalhymne der Sowjetunion, die heute wieder die Nationalhymne Russlands ist. Bei einem Flugzeugabsturz am 25. Dezember 2016 in der Nähe von Sotschi kamen 64 Sänger, Solisten und Musiker des Ensembles ums Leben. (Wikipedia)

Stepan als einfacher Chorsänger und das noch in einem militärischen, wenn auch hochqualifizierten Chor war für uns schwer vorstellbar. Aber schon bei seinem ersten Konzert nach drei Wochen wurde klar, dass er dort mehr ist als nur Chormitglied: Am Tag des Vaterlandsverteidigers wurde er bei einem Auftritt des Ensembles im Moskauer Kreml als Solist eingesetzt, unter den Zuhörern war auch Putin. Stepans überragende gesangliche Fähigkeiten hatten offenbar auch die Verantwortlichen der Chorleitung sofort überzeugt.

Am 24. Februar rief Stepan bei Siegie an, er würde wieder in einem großen Konzert zu hören und zu sehen sein, diesmal bei der Eröffnung der 3. CISM Militär-Winterweltmeisterschaften in Sotschi. Bei einem üppigen, von Irina bereiteten russischen Abendessen (nebenbei gesagt: von vier bis acht) sahen wir uns eine TV-Aufzeichnung des Konzertes an. Dabei entstand mittels Screenshot das folgende Bild.  Link: https://www.youtube.com/watch?v=8ikudgdyeN4

Stepan Eguraew bei der Eröffnung der Militär-Wintermeisterschaften 2017 in Sotschi

    

An den „3. CISM Winter – Meisterschaften in Sotschi“ vom 22.-28. Februar 2017 nahmen Soldaten aus 22 Nationen teil, u.a. aus Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Rumänien und der Schweiz. CISM (Conseil International du Sport Militaire) wurde 1948 von fünf europäischen Ländern gegründet. Das Ziel der Gründerväter war, sich in Sportarenen statt auf Schlachtfeldern zu treffen. Der offizielle Slogan lautet „Freundschaft durch Sport“.

Russische Streitkräfte haben also mit Soldaten aus etlichen Nato-Ländern Wand an Wand geschlafen und an einem Tisch gegessen. Angesichts der wieder zunehmenden Spannungen in der Ukraine und der Verstärkung der Nato-Präsenz in Osteuropa eine bemerkenswerte Veranstaltung. (taz.de vom 28.02.2017)

Die nächsten CISM-Winterspiele werden 2021 von Deutschland ausgerichtet.

 

Ein ganz anderes musikalisches Ereignis erlebten wir am Vatertag hier in Nischni im kürzlich renovierten Opernhaus, in dem Eingangshalle, Gänge und Treppen und die Fassade in neuem kühlen Glanz erstrahlen.

Академический Театр Оперы и Балета им.А.С.Пушкина

Im intimen Rahmen des Foyers fand ein Konzert statt. Die meist älteren Zuhörer saßen in bequemen Doppelsesseln und lauschten den Sängerinnen und Sängern, die mit Klavierbegleitung Arien aus Opern russischer Komponisten (Glinka, Tschaikowski, Borodin, Rimski-Korsakow u.a.), Romanzen und Volkslieder vortrugen. Für unseren Geschmack wurde wieder zu großer Wert auf die Lautstärke gelegt, die dem Wohlklang manchmal schadete und in dem kleinen Raum gar nicht nötig gewesen wäre. Im Programm fand sich auch das „Ave Maria“ von Caccini, einem italienischen Komponisten (1551 -1618), was gut zu der Wandmalerei im Foyer passte, die venezianische Karnevalszenen zeigt.

Die renovierte Eingangshalle der Nischegoroder Oper

Schlussapplaus beim Konzert zum 23.02.2017 im Foyer der Nischegoroder Oper

Ein Konzert mit dem Jazzpianisten Jon Davis aus New York und seinem Trio in Nischni Nowgorod ist sicher ein ungewöhnliches Ereignis. Wir ließen uns dies nicht entgehen. Die Eintrittskarten hatten wir schon Wochen vorher gekauft. (700,- Rubel, z.Zt. 11,- €. Das ist für hiesige Verhältnisse sehr teuer). Im bis auf den letzten Platz besetzten großen Saal des „Театр Кукол“, des Puppentheaters, lauschten wir atemlos den Rhythmen und Klängen, die Jon Davis am Klavier mit den Moskauer Musikern Grigorij Sajzew am Kontrabass und Igor Ignatow am Schlagzeug zauberten. Im zweiten Teil kam als „Специальный Гость“ (als spezieller Gast) die Vokalistin Kristina Kowalewa hinzu, die aus Nischni stammt und jetzt in St. Petersburg lebt. Eine von Davis arrangierte volkstümliche Melodie aus „Bilder einer Ausstellung“ von Mussorgski wurde vom Publikum ebenso begeistert aufgenommen wie „Smoke is in your eyes“ und „Not my favorite thing“. Die Stücke sagte Davis selbst an, in Englisch, die Hände in den Hosentaschen und mit tiefer Bassstimme.  Ein begeisternder Abend. Auch hier könnte das Motto lauten: Freundschaft durch Musik.

 

 

 

Das Buch: Komm wieder – aber ohne Waffen

In den Sommerferien stieß ich in Erlangen auf das Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen! – Erinnerungen an Krieg und Gefangenschaft in Wladimirer Lagern – 70 Jahre Frieden“, das 2015 von Peter Steger, dem Partnerschaftsbeauftragten der Stadt Erlangen, herausgegeben wurde. 2002 wurde dieser durch den Bundespräsidenten mit dem „Ersten Preis für bürgerschaftliches Engagement in Russland“ ausgezeichnet, 2010 erhielt er die Ehrenbürgerschaft der Stadt Wladimir, eine ungewöhnliche Ehrung für einen Deutschen.

Peter Steger sammelte von 2009 bis 2015 Berichte von ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen aus Lagern in der Stadt und der Region Wladimir. Viele Veteranen besuchte und interviewte er, zeichnete ihre Erinnerungen auf und veröffentlichte sie in dem bewegenden Buch. Er schreibt in seinem Vorwort: „Die Leser erhalten hier …. ein wahrheitsgemäßes und bezeugtes Bild der Lebensbedingungen in den Wladimirer Lagern, vor allem jedoch ein beeindruckendes Panorama der Menschlichkeit in Zeiten von Krieg und Zerstörung“.

 k-85-ber-6Herausgeber: Peter Steger, Bürgermeister- und Presseamt der Stadt Erlangen (2015) 340 Seiten;  ISBN 978-3-944452-09-8

In einem einführenden Kapitel beschreibt der Historiker Vitalij Gurinowitsch, der in der Zeit der Abfassung dieses Buches im historischen Museum in Wladimir arbeitete, das System und die Geschichte der Gefangenenlager aus russischer Sicht. Er schreibt:

 „Der Sieg wurde der Sowjetunion nicht geschenkt…. Es war eine Zeit voll der Widersprüche. Patriotismus und Furcht vor Repressionen, Armut, Hunger und Arbeitseinsatz bis zur Selbstaufgabe, Grausamkeit und Barmherzigkeit – alles vermischte sich in jener Epoche.“ Zu den Grausamkeiten gehört z.B. wie im Winter 1943 die Gefangenen nach der Schlacht um Stalingrad in Wladimir ankamen: „Hunderte von den 2.500 Männern waren in den Güterwaggons erfroren… Die Waggons hatten keine Öffnungen für die Exkremente und die Gefangenen erhielten unterwegs kaum etwas zu essen.“ (S. 13)

Andererseits berichtet Gurinowitsch von Ärzten und Krankenschwestern, die die Kranken bis zur Selbstaufgabe pflegten. Bei der Behandlung von Fleckfieber erkrankten mehr als 80 Krankenschwestern und Ärzte selbst an der Krankheit, sechs davon verstarben. Das Sonderhospital für Kriegsgefangene gehörte formell nicht zum Lagersystem. In der Stadt Wladimir mit ihren damals 66.000 Einwohnern gab es 18 Krankenhäuser, in denen während der Kriegsjahre 260.000 Verwundete behandelt wurden.

In den Erinnerungen der Veteranen ist viel von Hunger, Erfrierungen und anderen Krankheiten, Fleckfieber und anderen Epidemien, die Rede. Auffallend ist jedoch, dass allen Berichten zum Ausdruck kommt, dass die Gefangenen fair und mit Respekt behandelt wurden. Sie arbeiteten hart im Torfabbau, in der Ziegelei, im Traktorenwerk, Seite an Seite mit den wenigen jugendlichen und alten Männern, die nicht eingezogen worden waren und mit russischen Frauen, deren Männer gefallen oder als Zwangsarbeiter in Deutschland waren. Ihre Arbeit wurde mit den Kosten für ihre Verpflegung verrechnet, die mit 400 Rubel pro Monat veranschlagt wurde. Verdienten sie mehr als 400 Rubel, wurde ihnen das ausbezahlt. Ernährt wurden sie – wenn möglich – nach den Vorgaben des Roten Kreuzes, nach den Missernten von 1947 und 1948 teilten sie den Hunger mit der einheimischen Bevölkerung.

„Die Gefangenen versuchten, ein wenig Farbe in ihr Leben zu bringen und die Lagerleitung half ihnen gerne dabei. So gut wie in jeder Lagerabteilung gründete man ein Orchester. Die Musiker des Hauptlagers gaben sogar Konzerte in den Außenlagern und in der Philharmonie vor Wladimirer Publikum. Ein Offizier der Zentralabteilung erzählte mir, wie 1947 die Gefangenen ihr verdientes Geld zusammenlegten und ihn darum baten, dafür Musikinstrumente für das Orchester zu kaufen. Er erhielt vom Lagerleiter dazu die Genehmigung, fuhr nach Moskau in einen Musikalienladen und kaufte dort alles, was auf der Liste stand.“ (Gurinowitsch, S. 19)

Die Aufzeichnungen, in denen immer wieder von Mitleid und Barmherzigkeit gesprochen wird, erinnerten mich in vielem an die Erzählungen meines Vaters, von denen im Prolog die Rede war (Bericht 84). Dies ist der Nährboden für unser deutsch-russisches Schulprojekt, über das ich in den kommenden Berichten schreiben werde. Wir wollen zeigen, dass Menschlichkeit stärker ist als Hass, selbst in Zeiten des Krieges.