Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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Tournee russischer Schüler: „Kommt wieder, aber ohne Waffen“

 

Wir waren uns sicher: die 18 russischen Schüler des Gymnasiums Nr. 1 aus Nischni Nowgorod würden ihr Theaterstück „Kommt wieder, aber ohne Waffen“ auch in Deutschland gekonnt aufführen. Jetzt am Ende der Tournee durch Süddeutschland hat es sich bestätigt: sieben Vorstellungen in acht Tagen wurden mit Bravour dargeboten.

Wir waren uns dessen sicher, weil wir die Schüler kannten und die Aufführungen in Wladimir und vier weitere in Nischni Nowgorod gesehen hatten. Allerdings wussten wir nicht, wie das Stück beim deutschen Publikum ankommen würde. Wir sind erleichtert, jetzt sagen zu können: alle Aufführungen haben einen tiefen Eindruck hinterlassen.

 Schulvorstellung in der Waldorfschule Erlangen

Besonders bemerkenswert die Reaktionen der jungen Generation bei den drei Schulaufführungen. Die Schülerinnen und Schüler der Waldorfschule in Erlangen, des Bildungszentrums Markdorf und des Zeppelin-Gymnasiums in Friedrichshafen lauschten atemlos und sichtlich beeindruckt bis zum Schluss den Darbietungen der gleichaltrigen russischen Darsteller. Viele verließen mit betroffenen Gesichtern den Saal, manche mit Tränen in den Augen.  Eine Lehrerin sagte, sie habe noch keine Schultheatervorstellung erlebt, in der die Schüler so ruhig und konzentriert zuhörten wie dieses Mal.

Langer Schlussapplaus der Oberstufenschüler im Bildungszentrum Markdorf.

Die Vorstellung in Friedrichshafen fiel auf die letzten zwei Schulstunden vor den Herbstferien. Das schienen schlechte Bedingungen zu sein. Würden die Schüler bis zuletzt aushalten? Wer erinnert sich nicht an seine Schulzeit und daran, mit welcher Ungeduld man das Klingeln vor den Ferien erwartete und wie wenig man sich in der letzten Stunde für den Lehrstoff interessierte.

Beifall im Zeppelin-Gymnasium Friedrichshafen – über den Ferienbeginn hinaus

Die Schulleitung hatte darum gebeten, pünktlich Schluss zu machen, weil ein Teil der Schüler die Schulbusse erreichen müsse. Jedoch herrschte in dem vollbesetzten Saal bis zum Schluss aufmerksame Ruhe, keiner verließ vorzeitig den Raum. Die Schulglocke hatte längst geläutet, der Beifall nahm kein Ende, vor allem als Wolfgang Morell, der mitgereiste Zeitzeuge, auf die Bühne ging. Nachdem die Fahrschüler dann doch zu ihren Bussen gegangen waren, blieben noch viele Zuschauer im Saal, um mit den Schauspielern und dem Zeitzeugen zu diskutieren, viel länger als geplant.

Das überwiegend ältere Publikum der vier öffentlichen Aufführungen beim Kolpingverein im Gemeindezentrum St. Xystus in Erlangen, im Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden-Echterdingen bei Stuttgart, in der Waldorfschule in Überlingen und im Rathaussaal in Immenstaad reagierte ebenfalls immer mit langem Beifall. Auch hier waren alle Vorstellungen sehr gut besucht, auch hier beeindruckten die schauspielerischen Leistungen. Bemerkenswert ist, dass die Vorstellungen trotz mancher technischer Unzulänglichkeiten gut aufgenommen wurden, so, wenn die eingeblendeten Übertitel mit den Übersetzungen der russischen Texte nicht lesbar waren, weil der Beamer nicht funktionierte. Oder auch wenn die russischen Schüler, die die deutschen Kriegsgefangenen darstellten und deshalb deutsch sprachen, manchmal wegen des russischen Akzents nur schwer zu verstehen waren.

Hier im Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden funktioniert der Beamer.

Bewundernswert die Leistungen der Regisseurin Marina Kotschkina. Rasch stellte sie sich auf die unterschiedlichen Räume, die Größe und Ausstattung der Bühnen ein. Die Zeit für die Vorbereitungen oder die Durchlaufprobe war oft sehr kurz. Bei einer Vorstellung musste Marina wegen Erkrankung einer Schülerin spontan mehrere Rollen umbesetzen.

Hohe Anerkennung verdienen die schauspielenden Schülerinnen und Schüler aus Nischni Nowgorod. Sie sind ja keine gelernten Schauspieler. Sieben Vorstellungen in acht Tagen, und alle spielten konzentriert und präsent bis zum letzten Wort. Vor allem die deutschen Lehrer bewunderten die jungen Russen, die ihre Texte eineinhalb Stunden lang in Deutsch, in einer für sie fremden Sprache, vortrugen – und das ohne Stocken. Eine Souffleuse gab es nicht.

Der jüngste Schauspieler, der achtjährige Maxim.

Erstaunlich auch ihre Improvisationsfähigkeit. Sie waren verständlicherweise nach der Reise, den Vorstellungen und den neuen Eindrücken müde, manche sehr müde. Einmal war der Ballettmeister hinter der Bühne eingeschlafen und verpasste seinen Auftritt. Die auf der Bühne wartenden Lemuren bei der Probe für „Faust“ stockten nur kurz, dann übernahm einer von ihnen die Tanzanweisungen. Das Publikum bemerkte nicht, dass hier etwas schiefgegangen war.

Der russische und der deutsche Offizier sind müde – vor der Vorstellung

Präsent auf der Bühne, der deutsche Offizier bei der Instruktion der Soldaten vor dem Marschbefehl an die Ostfront

Nach der Aufführung des Stückes im bis auf den letzten Platz gefüllten Pfarrzentrum St. Xystus fragte eine Zuschauerin, ob die Darstellung des Schicksals deutscher Kriegsgefangener in sowjetischen Lagern nicht doch ein wenig geschönt sei. Sie habe da anderes gehört. Viel mehr Schreckliches. Eine Frage, die so oder ähnlich oft gestellt wurde. Was soll man darauf antworten: Natürlich gab es auch die schlimmen Zustände, Entbehrung, Leid, Hunger und Tod. Im Stück selbst wird ja offen ausgesprochen, dass ein Drittel der Deutschen (über eine Million) die russische Kriegsgefangenschaft nicht überlebte, dass Schwerstarbeit zu leisten war und Hunger und Not herrschten, dass diese Zeit für viele Deutsche ein Trauma blieb. Ich fand es von Anfang an bemerkenswert, dass Marina Kotschkina, die Autorin dieses Stückes, die Schrecken und Leiden der Deutschen in den sowjetischen Lagern nicht ausgeblendet hat.

Aber es gab eben auch die andere Seite: das heimlich zugesteckte Brot, die verständnisvolle Geste, sogar Respekt, Zuneigung und Liebe, durch die viele den Lebensmut wiederfanden. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch die etwa fünfzig Berichte der ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen in dem Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen“, die dem Theaterstück zugrunde liegen.

Der Kriegsveteran Wolfgang Morell, der zusammen mit seinem Freund Claus Fritzsche die Vorlage war für den Helden Alex, begleitete die gesamte Tournee. Nach den Vorstellungen bestieg der 95jährige Zeitzeuge mühsam die Bühnen und stellte sich dann mit bewundernswerter geistiger Frische den Fragen. Er bestätigte die Berichte über die schlechten Lebensbedingungen in den Lagern, über die vielen Toten durch Hunger und Seuchen. Aber das galt nicht nur für die deutschen Gefangenen. Die russische Bevölkerung hungerte auch. Das Wachpersonal, die Ärzte und Krankenschwestern in den Lagern waren in ähnlichem Maße von Seuchen und Tod betroffen wie die Gefangenen. Er konnte keine bewusste Politik zur Vernichtung der Gefangenen feststellen, wie sie beschämenderweise im Dritten Reich gegenüber den russischen Gefangenen geübt wurde, von denen zwei Drittel (3,6 Millionen) als Folge des von Hitler ausgerufenen „Vernichtungskrieges gegen die russischen Untermenschen“ ums Leben kamen.

Im Theaterstück: 1949, Schanna und Sascha, dessen Rolle aus den Personen Wolfgang Morell und Claus Fritzsche zusammengesetzt wurde

Im Stück ist der Beginn der Beziehung Wolfgang Morells zu der russischen Frau, Schanna Worontzowa, die zwei Jahre dauerte, nur kurz dargestellt. Schüler fragten, wie diese berührende Geschichte weiterging. Während des Kalten Krieges wäre der Kontakt zu einem Westdeutschen für eine Russin gefährlich gewesen, deshalb unterblieb er.

2017: Schanna und Wolfgang Morell im wirklichen Leben

Anlässlich der Vorstellung der russischen Ausgabe des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen“ in Wladimir und der Aufführung des Theaterstückes reiste Morell nach Nischni Nowgorod. Dort traf er nach 68 Jahren Schanna wieder – ein Ereignis, das vom russischen Fernsehen mit einem Film am Schluss der Abendnachrichten gewürdigt wurde.

Zu der Aufführung in Erlangen war ein weiterer Zeitzeuge angereist: Alfons Rujner, mit fast 90 Jahren aus Berlin kommend, erkennt sein Schicksal wieder, nicht nur in dem alten Mütterchen, das ihn kurz vor dem Heimtransport in Wladimir am Ärmel zupfte und ihm zurief: „Komm wieder, aber ohne Waffen!“, sondern auch in der Indoktrinierung durch die Nazis mit ihren Zerrbildern von Sowjets, die Hörner trugen und als rote Teufel gezeichnet wurden, sowie in der Umerziehung, die er als damals siebzehnjähriger Jüngling als Befreiung vom ideologischen Ballast der Faschisten empfand.

Alfons Rujner, Wolfgang Morell, Erlangens Oberbürgermeister Florian Janik

Und so kam denn Alfons Rujner als Antifaschist aus dem Lager zurück und kann sagen: „Bis heute bin ich ein solcher geblieben, und ich möchte nie mehr sehen, wie Nazis durch das Brandenburger Tor marschieren!“ Florian Janik dankt er für dessen Engagement für die Völkerverständigung und Partnerschaft mit den Worten: „Hätte ich die Macht dazu, ich würde Dich, lieber Florian, zum Oberhaupt einer Friedensstadt ernennen!“ Erlangen als Friedensstadt. Welch eine Auszeichnung aus dem Mund eines Kriegsveteranen!

Keine Tournee ohne kleine Katastrophen. Eine ereignete sich gleich zu Beginn: Weil die Sicherheitskontrolle am Flughafen in Frankfurt sehr lange dauerte, verpassten einige den Flug nach Nürnberg. Hier entstiegen dem Flieger statt der von uns erwarteten zwanzig nur neun Gäste. Der ohnehin ausreichende Bus musste mit vielen leeren Sitzen in das Hotel Rangau in Dechsendorf fahren, das geplante Begrüßungsessen genossen nur die wenigen schon Eingetroffenen. Die in Frankfurt Zurückgebliebenen hatten zumindest das Glück, im nächsten Flugzeug Plätze zu bekommen. Wir, die Abholenden, hatten das Glück, dass Peter Steger mit dem Kleinbus des Jugendringes beim Transport aushelfen konnte. Gegen Mitternacht waren dann alle im Hotel.

Eine andere kleine Katastrophe hätte sich zumindest für den Betroffenen leicht zu einer größeren ausweiten können. Ein Schüler ließ im Intercity nach München seinen Rucksack mit Pass und Visum liegen. Gott sei Dank bemerkte er es beim Umsteigen in Nürnberg sofort. Der Zugbegleiter im ICE konnte rasch erreicht werden, dieser fand den Rucksack am angegebenen Platz und versprach, ihn in München auf die Fundstelle zu bringen. Von den hilfsbereiten Mitarbeitern wurde er gesichert und dort vom Kurierdienst „Time:Matters“ abgeholt. Nach einiger Telefoniererei konnten wir ihn am nächsten Tag wohlbehalten am Bahnhof in Lindau in Empfang nehmen. Hier haben die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Bundesbahn und des Time:Matters-Teams ein Lob verdient!

Keine Tournee ohne Nebenprogramm: Die russischen Schüler waren sehr angetan von den Stadtführungen durch deutsche russischsprechende Schüler in Erlangen vom Verein Brücken e. V., in Überlingen von der Waldorfschule und in Konstanz von einer offiziellen Stadtführerin. In Leinfelden-Echterdingen war es ein Nachmittag mit den Gastfamilien, in Friedrichshafen ein Besuch des Zeppelin-Museums. Erstaunen erregte in Konstanz ein kurzer Grenzübertritt in die Schweiz, der ohne Passkontrolle einfach so möglich war. Sehr überraschend für die jungen Russen.

Fotostop kurz vor dem Abstecher in die Schweiz

Und schließlich: Keine Tournee ohne die Hilfsbereitschaft so vieler Hände! Die liebevolle Betreuung durch den Kolpingverein in St. Xystus in Erlangen-Büchenbach und den Brücken e.V., die Übernachtungen in den Gastfamilien in Leinfelden-Echterdingen und schließlich die Unterbringung der ganzen Gruppe in den Ferienwohnungen des Obsthofes Lehle in Immenstaad, die die Schüler zu Begeisterungsrufen animierte.

Obsthof Lehle in Immenstaad

Das dortige Katholische Bildungswerk, geleitet von Frau Monika Bauer und das Team um Hubert und Carmen Lehle, Konrad und Monika Veeser, Udo und Hanne Kampmann haben entscheidend zum Wohlbefinden aller Gäste beigetragen. Die Schulleitungen, die die Räume zur Verfügung stellten, die Techniker, die sich rasch und flexibel auf unsere Wünsche einstellten, allen voran Fjodor Nevelski, der mit seiner professionellen Ausrüstung in Erlangen beide Vorstellungen bediente, die Lehrer, die ihre Schüler zum Besuch der Vorstellungen anregten und nicht zu vergessen, das Küchenpersonal und die manchmal geplagten Hausmeister („Mir ist gesagt worden, ich soll nur den Saal aufschließen!“ Weit gefehlt, was musste nicht alles an Stühlen, Tischen, Kabeln und Körben herangeschafft werden). Dann die unerwartet vielen Spenden auf das Konto des Bildungswerkes und in die Körbe an den Ausgängen, die Spenden von Sponsoren wie das Katholische Bildungswerk, der Stiftung West-Östliche Begegnungen, der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke. Zum Abschluss der Tournee konnte das Stück dank des Immenstaader Bürgermeisters, Jürgen Beisswenger, im repräsentativen Saal des Immenstaader Rathauses aufgeführt werden. Dankbar nahm die Gruppe auch Herrn Beisswengers Geschenke und seine Einladung zum Abschiedsessen in die Pizzeria Il Centro an.

Und doch: Roses Idee, aus Peter Stegers Buch mit ihren Schülern und Marina Kotschkina ein Theaterstück zu machen, hätte im Mai 2017 mit einigen Aufführungen in Russland geendet, wenn der Erlanger Oberbürgermeister im April bei der Präsentation der russischen Ausgabe des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen“ nicht so beeindruckt gewesen wäre von den zwei Szenen, die von der extra aus Nischni Nowgorod angereisten Schülergruppe aufgeführt wurden. Spontan lud er alle nach Erlangen ein. Ihm sei dafür besonders gedankt und Peter Steger für die vielen Vorbereitungen, für Rat und Tat bei der Planung und Durchführung der Reise und natürlich für die geniale Idee, das Buch zu schreiben.

Materialien zu dem Stück:

Literaturliste

  • „Komm wieder, aber ohne Waffen“, Peter Steger,2015, Stadt Erlangen/ Stadtarchiv Erlangen. ISBN: 978-3-944452-09-8. Erhältlich beim Stadtarchiv Erlangen,
  • „Возвращайся, но без оружия“, Peter Steger, auf Anfrage digital erhältlich bei Rose Ebding: roseebding@gmail.com
  • Programmheft, Rose Ebding, auf Anfrage digital erhältlich bei Rose Ebding
  • „Mit 17 Jahren hinter Stacheldraht“, Alfons Rujner, 2001, Alfons Rujner ISBN:3-8311-2584-8
  • „Das Ziel – Überleben“, Claus Fritzsche, 2000, VDM Heinz Nickel ISBN: 3-925 480-44-7
  • „Rose für Tamara“, Fritz Wittmann, 2001, Taschenbuch

Im Internet abrufbar:

  • Text des Theaterstückes: „Kommt wieder, aber ohne Waffen“,

o   https://drive.google.com/file/d/0B__G9GV0N3MdOGc3V0JQZ2ZOSVU/view

  • Trailer: „Kommt wieder, aber ohne Waffen“,

o   https://www.youtube.com/watch?v=QI8aM7RMDUw&feature=youtu.be

  • текст: „Возващайтесь, но только без оружия“,

o   https://drive.google.com/file/d/0B__G9GV0N3MdRnd5Yjhqbm5KR2s/view

  • трейлер: „Возващайтесь, но только без оружия“,

o   https://www.youtube.com/watch?v=fCnu0H4xMmg 

  • Film von NTV über die Begegnung von Wolfgang Morell und Schanna Worontzowa im April 2017 (auf Russisch)

„Wolfgang Morell und Schanna Woronzowa“ Youtube

  • Weitere Informationen finden sich in den Blogs:

–      stuttgartnishnij.wordpress.com

–      erlangenwladimir.wordpress.com

In Kürze wird auch der Mitschnitt der Aufführung in der Waldorfschule Erlangen am 23.10.2017 von Herrn Werner Schramm vom Aischtaler Filmtheater e.V. erhältlich sein.

 

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Kamtschatka

Die Halbinsel Kamtschatka erstreckt sich im Nordosten Sibiriens über 1600 km Länge vom 51. nördlichen Breitengrad (entspricht etwa Jena mit 50,9° oder Erfurt) bis zum 62. (entspricht Trondheim in Norwegen). Im Osten liegt der Stille Ozean, im Westen das Ochotskische Meer und Sibirien. Vom russischen Festland aus gibt es keine Straßen oder Bahnen, Kamtschatka ist daher für Reisende nur mit dem Flugzeug oder dem Schiff zu erreichen. Zu der vor zehn Jahren gegründeten Region Kamtschatka (Край Камчатка) gehören noch Teile des Festlandes, diese Region ist so groß wie Deutschland und Österreich zusammen. In ihr lebten 2016 etwas über 316000 Menschen.

Здесь начинаетса Россия – Hier beginnt Russland. Berlin 7846 km, Sotschi 7809 km

 

Petropawlowsk-Kamtschatski, die Hauptstadt der Region Kamtschatka ist aus einer 1740 an der Awatschinski-Bucht errichteten Siedlung hervorgegangen. Es hatte bis zum Beginn des 20. Jh. nur wenige Hundert Einwohner. In der Sowjetzeit wurde die Halbinsel zum militärischen Sperrgebiet erklärt und in der Bucht ein großer Hafen für die sowjetische Pazifikflotte gebaut. 1990 lebten etwa 300000 Menschen in Petropawlowsk, die Einwohnerzahl nimmt seitdem ab und betrug 2016 nur noch 180000. In der Stadt überwiegen Plattenbauten mit hässlichen Fassaden. Es ist eine Stadt zum Essen, Schlafen und Wegfahren, nämlich in die wilde Natur der Umgebung. Dies sagte einer unserer Reiseführer. Er lobte die deutsche Hilfe bei der Verbesserung des Naturschutzes und bei der Einrichtung von Reservaten.

Die Sommersaison auf Kamtschatka ist kurz, zehn bis zwölf Wochen bleibt es in Petropawlowsk und in den tieferen Lagen schneefrei. Mensch und Natur müssen diese kurze Zeit nutzen. Dies merkte man an den Hotelpreisen, den Baustellen in der Stadt und an den vielen Festen. Wir kamen am 1. Juli gerade zur Feier des 10jährigen Bestehens der Region Kamtschatka zurecht. Auf einer großen Bühne am Leninplatz an der Leninstraße vor dem monumentalen Lenin-Denkmal unterhielten Sänger, Chöre und Tanzgruppen ein zahlreiches Publikum. Eine indigene Trachtengruppe zeigte alte Tänze. Frauen ahmten mit schrillen Schreien Seevögel nach – sehr ungewöhnlich, Männer tanzten wild mit großen ledernen Handtrommeln. Der Festplatz liegt an der 20 km breiten Awatschinski-Bucht, bei klarem Wetter kann man von dort den Wiljutschinski Vulkan am gegenüberliegenden Ufer bewundern.

Auf der Bühne traditioneller Tanz mit ledernen Trommeln, hinter der Bühne Lenin, hinter Lenin Gasprom

Auch die Natur beeilt sich, die kurze Saison zu nutzen: wo vor fünf Wochen noch Schnee lag, ist jetzt ein dichtes Grün von Sträuchern und Gräsern mit vielen Blumen. In den Wäldern überwiegen die Erle und die Steinbirke (Betula Ermani), letztere ist zum Baum Kamtschatkas gewählt worden.

Wir konnten die üppige Natur gleich am ersten Tag bewundern, denn wir folgten der Empfehlung unserer Vermieterin Olga, eine Ethnoschau zu besuchen. Dahin fuhren wir mit einem Jeep durch Wald mit wucherndem Bodenbewuchs bis wir ein großes Gelände erreichten, auf dem Schlittenhunde und Rentiere gezüchtet werden.

Dort führte uns eine junge Frau aus dem Volk der Korjaken zunächst in das Leben der indigenen Völker Kamtschatkas ein, von denen es noch Itelmenen, Tschuktschen, Evenen, Ainu und Aleuten gibt, Völker mit nur noch wenigen Angehörigen, die versuchen, ihre alte Lebensweise trotz der notwendigen Modernisierung zu erhalten und zu pflegen. Es folgten Führungen zu den Schlittenhunden und in ein Rentiergehege. Zum Abschluss gab es ein Abendessen in einer modernen Jurte aus Holz.

Schlittenhunde, Vulkane

Dies alles war lehrreich und interessant, es wurde anschaulich und lebhaft dargeboten. Noch mehr berührt hat uns aber die Begegnung mit den Schlittenhunden, von denen es dort 144 aus verschiedenen Rassen gibt, vor allem sibirische Huskys und Musher. Wir wurden von den angeleinten Hunden jaulend und bellend begrüßt, sie rannten um ihre Hütten und sprangen wild umher. Ich hatte die Warnungen vor angeketteten Hofhunden im Kopf und war sehr überrascht, als uns Andrej, der Besitzer des Anwesens, ermunterte: „Geht doch mal da durch, die Hunde freuen sich darüber.“ Und so war es dann auch. Die Hunde warteten darauf, gestreichelt oder umarmt zu werden. Das führte bei den anderen zu noch wilderem Jaulen – aus Eifersucht und aus Angst, nicht auch beachtet zu werden. Die Rentiere im Gehege stürzten sich auf uns wegen der Futter-Körner, die wir zuvor in unsere Hände geschüttet bekommen hatten, die Hunde suchten nur den Kontakt und die Berührung! Sehr bewegend. Zu einer Ausfahrt mit einem Rennwagen wurden sechs Hunde eingespannt, die vor Begeisterung kaum zu bändigen waren und deren Gebelle das enttäuschte Gejaule derer übertönte, die nicht ausgewählt worden waren.

Das Besitzerehepaar Andrej und Nastia Semaschkin (sechs Kinder) nimmt mit großen Erfolgen an der Beringia, dem berühmten Hundeschlittenrennen teil. Es führt durch ganz Kamtschakta bis aufs Festland. Andrej gewann schon viermal den ersten Platz, Nastja einmal den dritten. Eines ihrer Kinder hatte auch ein Rennen gewonnen, aber den angebotenen Pokal abgelehnt, denn: „Wir haben schon genug zu Hause!“ Auch für die Hunde ist dies eine Herausforderung, die aber gierig und gern angenommen wird.  Die Beringia wird seit 1990 ausgetragen. Sie gehört zu den Bemühungen, die traditionelle Lebensweise und die eigenartige Kultur indigener Völkerschaften des nordöstlichen Russlands wiederzubeleben. (>http://www.snowdogskamchatka.com<  E-Mail: sled_dog_offiсe@mail.ru.)

Wir hatten bei der Reiseagentur „Vision of Kamtschatka“ ein achttägiges Touren-Paket mit Unterbringung in einem Hotel gebucht. Vor und nach der Tour mieteten wir Ferienwohnungen. Dabei machten wir die uns schon bekannte Erfahrung: Plattenbau, ungepflegte Fassade, abgewohnter Hausflur, aber hinter der (eisernen) Wohnungstür saubere, modern eingerichtete Räume. Beide Vermieterinnen sagten uns, dass wir Wasser aus der Leitung trinken können, das saubere Wasser sei der Stolz der Menschen hier. Auch bei den Touren kamen wir an Bächen mit trinkbarem Wasser vorbei. Die Luft ist rein, weil es außer einer Fischverarbeitungsfabrik keine Industrie gibt. Strom wird in Thermalwärme-Kraftwerken erzeugt. Luftverschmutzer sind der Autoverkehr, der in den letzten Jahren stark zugenommen hat und die Vulkane, die Gase und Staub ausstoßen. Kamtschatka liegt am „Pazifischen Feuerring“. Dort schiebt sich die Pazifische Erdplatte unter die Eurasische Kontinentalplatte, was zur Entstehung der vielen Vulkane führte und noch führt. In der Region gibt es 130 Vulkane, von denen 29 aktiv sind.

Drei unserer Touren führten in Vulkangebiete. Sie begannen immer mit langen Anfahrten, einmal mit einem Mitsubishi Pajero, zweimal mit umgebauten Allradantrieb-Militär-LKWs, auf deren Ladefläche eine Personenkabine montiert war, in der wir schon auf den Straßen und dann vor allem auf den Stein- und Schneepisten kräftig durchgeschüttelt wurden.

Umgebauter LKW mit Allradantrieb, Rast in Flussbett

Das feuchte und wechselhafte Wetter ist ein weiteres Merkmal Kamtschatkas. Der nahe, kalte Ozean und die hohen Berge führen zu raschen Wechseln und schwieriger Vorhersagbarkeit. Innerhalb von wenigen Minuten kann der Nebel verschwinden und blauem Himmel mit Sonnenschein Platz machen – was wir erfreut erlebten – oder er bleibt trotz anderslautender Vorhersage hängen – was wir ebenfalls erfahren mussten.

Start bei Nebel zur Wanderung auf den Aussichtsberg „Kamel“

Die Wanderung auf dem Plateau zwischen den Vulkanen Awatschinski und Korjakski begann an einer „Turbasa“ (Hütte) bei Nebel auf Sandwegen. Gerade als wir auf ein Schneefeld wechselten, kam die Sonne hervor und der Aufstieg auf den kleinen Aussichtsberg „Kamel“ (Верблюд) zwischen den Vulkanen wurde zu einer Genusswanderung.

Am Ziel Sonne! Der Vulkan Korjarski vom „Kamel“ (Верблюд) aus gesehen.

Eine unserer Mitwanderenden konnte das Tempo nicht mithalten, die Gruppe wartete immer wieder geduldig und auch die Frau selbst zeigte keinen Stress. Sie folgte der Gruppe langsam und vergnügt bis zum Gipfel. Auf dem Rückweg gab es in der Turbasa ein Mittagessen: Salat, Gemüsesuppe, Lachssteak mit Reis, Tee und Gebäck als Nachtisch. In dem Raum merkte man sofort, dass er nach der Erfindung von Plastik möbliert wurde. Stühle, Geschirr und Tischdecken waren aus diesem Material, das Ambiente nicht mit der Gemütlichkeit unserer Alpenhütten zu vergleichen. Aber das Essen war gut, Wodka gehörte dazu!

In der Turbasa

Pech mit dem Wetter hatten wir bei der Wanderung auf dem Plateau zwischen den Vulkanen Wiljutschinski und Goreli. Hier begleiteten uns Nebel und Regen von der Abfahrt in der Stadt bis zum Ziel in 850 m Höhe nach ca. 110 km Fahrt. Wir liefen über Schneefelder oder über Tundra-Boden, ohne von den Gipfeln irgendetwas zu sehen. Vitali, unser Reiseführer zeigte uns mitleidig auf dem Handy, was uns hier entging. Das Laufen auf dem angetauten Boden war manchmal schwierig, oben waren zwei Zentimeter weich und darunter war es noch hart gefroren. Besser ging man auf den Schneefeldern. Wir fanden Fährten von einem Vielfraß (Wolverine, росомаха) und dessen Jungen. Diese Raubtiere seien hier relativ häufig.

Unser Ziel, der Wasserfall „Veronikas Haare“, war mehr zu hören als zu sehen. In unserem Auto gab es nach der feuchten Nebelwanderung ein romantisches Mittagessen: Salat, Suppe, Lachs mit Reis und Nachtisch, auch hier fehlte der Wodka nicht.

Vor dem Wasserfall „Veronikas Haare“

Eine dritte Vulkan-Wanderung machten wir mit der Reiseagentur „Kamtschatka Wildtours“. Unser Ziel war der Krater des Кoselski Vulkans.

Ski-Lager, Rechts die Skipiste

Nach der Anfahrt war Startpunkt wieder eine Turbasa, diesmal ein Basislager für Skifahrer. Es bestand aus einer Hütte und mehreren ausgedienten Militär-LKWs mit Aufbauten, in denen Doppelstockbetten standen. Direkt daneben ein langes Schneefeld, auf dem sich Skifahrer tummelten, wie wir hörten, Leistungssportler und eine Schülergruppe. Typisch russisch waren die „Aufstiegshilfen“. Sehr einfach und billig, aber funktionierend: Ein Stahlseil im Schnee liegend, ohne Stützen, ohne Bügel, eine Rolle unten mit Dieselantrieb und eine oben am Berg. Der Skifahrer klemmt einen Bügel mit einem Haken an das Seil und wird hochgeschleppt. Oben wird der Bügel gelöst und von ihm oder anderen gesammelt wieder hinunter transportiert.

Diesmal lagen im Tal über der Stadt niedrig hängende Wolken und hoch über den Gipfeln eine zweite dünne Wolkenschicht. Die ungewöhnliche Beleuchtung bescherte eigenartige Ausblicke auf die schwarzbraunen Lava-Felder mit Schnee-Streifen und den unter uns liegenden Wolken.

Bald am Ziel

Wir hatten Gelegenheit, diese Aussicht oft und lange zu genießen, weil wir bei dem sehr mühsamen Anstieg in der leichten Bimsstein-Schlacke immer wieder Pausen einlegen mussten. Bei jedem Schritt sanken wir knöcheltief ein und rutschten ein Stück zurück. Obwohl wir die Fußstapfen unserer drei Wanderführer benutzten, war das sehr anstrengend.  Leichter ging es, wenn wir über Schneefelder aufsteigen konnten. Erschöpft erreichten wir wenigstens den unteren Rand des schon lange erloschenen Vulkans. In dieser Höhe gab es nur Schlacken und Schnee und kühlen Wind und dennoch überraschend viele Mücken. Ausgerechnet heute hatten wir unseren Antibrumm Forte im Auto gelassen – zur Gewichtserleichterung. Der Abstieg in der tiefen Lava-Asche war danach ein Kinderspiel, hier rutschte die Schlacke in die richtige Richtung und es ging flott abwärts.

Zum Abschluss gab es unterhalb der Turbasa auf einem dichtbewachsenen Lava-Feld ein Picknick, in dieser stillen Landschaft ein besonderes Erlebnis. Die von unseren Führern frisch gegrillten Schaschliks wurden direkt von den Spießen gegessen und schmeckten nach der anstrengenden Wanderung zusammen mit dem (zu viel) angebotenen Wodka sehr gut.

Von den heißen Quellen Kamtschatkas gehörten drei mit unterschiedlicher Qualität zu unserem Reiseprogramm. In Selenewski Oserki (sehr einfach) und in Paratunka (gepflegt) badeten wir in warmem bis heißem Wasser in Becken. Dort gab es Häuser mit Umkleiden und Kioske, aber keine Cafés oder Restaurants, in denen man sich nach den Badefreuden hätte ausruhen können.

Dampfende Tümpel in Malki

In Malki waren es mehrere naturbelassene Tümpel, in deren kniehohem Wasser mit unterschiedlichen Temperaturen man sich tummeln konnte oder die man besser mied, wie eine kleine schmerzhaft heiße Quelle neben einem reißenden Flüsschen. Der angrenzende große Zeltplatz war nur wenig belegt, wir konnten in Ruhe baden. Auch hier keine Einkehrmöglichkeit. Da bleibt nichts anderes übrig als zurück in die Stadt (120 km) zu fahren, mit zwei Stunden wieder viel Aufwand für ein kurzes, wenn auch ungewöhnliches Vergnügen!

Kurz waren dagegen die Wege zu Schiffsrundfahrten in der Awatschinski Bucht und auf dem Stillen Ozean. Eine vierstündige Fahrt gehörte zum Tour- Programm, eine ganztägige zur Russischen Bucht buchten wir selbst. Bei beiden Touren war die Luft kalt und wer die Mahnung von Vitali befolgt hatte, sich warm anzuziehen, war gut beraten.

 Die Awatschinski Bucht mit den „Drei Brüdern“, hinten der Wiljutschinski Vulkan

Die von den Amerikanern seit 1952 so genannte „Russische Bucht“, die bis dahin Ahomten Bucht hieß, ein itelmenischer Name. Im 2. Weltkrieg wurden hier die Lieferungen aus Amerika und Kanada (Nahrungsmittel und strategische Güter) auf andere Schiffe zur Fahrt nach Wladiwostok umgeladen.

Bei der Fahrt zur Russischen Bucht zeigte der Bordcomputer beim Ablegen morgens um acht im Nebel 11,8° Lufttemperatur, nachmittags bei strahlender Sonne und abends bei Rückkehr waren es 12,4°. Das Schiff, die Orca, hatte einen offenen, nur mit einem Zelt überdachten Steuerraum, in dem der Kapitän in einer dick gefütterten Plastikjacke dem kalten Wind trotzte und das Schiff durch den Nebel lenkte. Die Besatzung bot uns ebenfalls solche winddichten Jacken an. In der Stadt war es den ganzen Tag über angenehm warm gewesen.

Morgens: Nebel. Fahrgäste und Kapitän, warm gekleidet

Mittags wichen Nebel und Wolken schlagartig, plötzlich sahen wir den Ozean bis zum Horizont und die imponierende Bergwelt an Land. Beeindruckend die steilen Felsufer und die ungewöhnlichen Felsen, die vielen, von Vogelscharen bewohnten Inseln, Seehunde, die ihre Köpfe neugierig aus dem Wasser streckten oder in Scharen lärmend auf flachen Steinen lagerten.

Mittags: Sonne. Felsen, Seehunde, blaues Meer am Steilufer des Pazifik

Angeln war bei beiden Schiffstouren ein wichtiger Teil des Programms. Die Fische bissen rasch an, und der Erfolg war einkalkuliert, denn der Fang wurde umgehend als Fischsuppe und, besonders köstlich, gebraten zubereitet. Die Krebse holte ein Taucher vom Meeresgrund.  Für die nicht seekranken Mitfahrenden, zu denen wir glücklicherweise gehörten, war dies alles auf den heftig schaukelnden Schiffen ein Vergnügen.

Der Taucher zeigt stolz den Fang

Vor dem Mahl: Fotos

Rose hat zwei Hubschrauber-Ausflüge sehr genossen. Hier ihr Bericht:

Der erste Ausflug führte zum Kronotski Naturreservat. Dieses liegt etwa 180 Kilometer nordöstlich von Petropawlowsk-Kamtschatski und ist mit dem Hubschrauber in 70 Minuten zu erreichen. Mit seinen aktiven und erloschenen Vulkanen, Fumarolen (kleine vulkanische Dämpfe), und Geysiren ist es das Juwel unter den Schutzgebieten Kamtschatkas. Seit 1984 ist das Gebiet ein Biosphärenreservat der UNESCO. Die Fläche beträgt 10000 Quadratkilometer, das entspricht einem Drittel von Baden-Württemberg. Laut Naturschutzgesetz ist Tourismus ausdrücklich nicht erwünscht, nur in einigen Gebieten darf mit Sondergenehmigung gewandert werden. Doch gibt es eine begrenzte Zahl von Helikopterflügen.

 

Man hatte uns gewarnt: Es könne lange Wartezeiten geben, bis der Nebel weicht. Geflogen wird nur wenn die Sicht, nicht nur in Nikolaewka, unserem Hubschrauber-Flugplatz bei Petropawlowsk, sondern auch unterwegs und im Tal der Geysire gut ist. Aber wir hatten Glück. Kaum am Flugplatz angekommen, bekamen wir auch schon unsere Teilnehmerplakette und wurden zu einem Hubschrauber geführt, der innen wie Militärhubschrauber aussah: Man saß mit dem Rücken zu den Bullaugenfenstern. Unsere Flugbegleiterin, die uns auch den ganzen Tag führte, eine kompetente junge Frau, händigte die Ohrenschützer aus und erklärte die Ziele: Das Tal der Geysire, die Uzon-Caldera, der Nalycheva-Naturpark. Doch zunächst einmal der Flug, den man so zusammenfassen kann: eine unbequeme Sitz-Situation aber spektakuläre Ausblicke über grüne Täler, Schneefelder, vorbei an den erloschenen und aktiven Vulkanen mit ihren Fumarolen.

Unser erster Landeplatz war im „Tal der Geysire“. Dort bewegt man sich nur auf Holzstegen und nur mit bewaffneten Inspektoren, um die Natur vor Menschen und die Menschen vor Bären zu schützen. Hier leben etwa 600 Braunbären.

Das sechs Kilometer lange Tal, das erst 1941 von der Wissenschaftlerin Tatjana Ustinova entdeckt wurde, weist 90 Geysire auf und ist somit eines der weltweit größten Gebiete heißer Quellen. Hier zischt und brodelt es überall, 35 – 100 ° heißes Wasser schießt minutenlang bis in Höhen von 25 Metern. Besonders beeindruckend ist der Geysir „Velikan“ (Riese), der zuverlässig alle 60 Minuten ausbricht.

Unser zweiter Landeplatz war die neun mal zwölf Kilometer große Uzon-Caldera, die sich vor 40 000 Jahren durch mehrere gewaltige Explosionen bildete. Eine Caldera entsteht, wenn die Flanken des Vulkankegels wegbrechen und der Vulkankegel in die Tiefe sinkt.

  

Wieder wurden wir durch Inspektoren auf Holzstegen geführt, denn an einigen Stellen ist die Erdkruste gefährlich dünn, die Erde heiß und das Wasser nicht nur manchmal kochend, sondern auch schwefelhaltig. Auch hier gibt es viele Bären. 

 

Unsere dritte Landung war im Naturpark „Nalychewa“, wo wir in natürlichen Thermalquellen bei 40° warmem Wasser badeten. Nach dem Bad hatte man eine lange Tafel auf der grünen Wiese für uns gedeckt. Es gab wie immer auf Kamtschatka Lachs.

Der Heimflug bot wieder großartige Ausblicke, wie dieses Beispiel zeigt.

 Erfüllt von diesen einmaligen Natureindrücken konnte ich der Verlockung nicht widerstehen, ein paar Tage später noch einen Hubschrauber-Ausflug zu machen.

Diesmal ging es 90 Minuten nach Süden, zum Kurilensee. Erfahren, wie ich jetzt schon war, ergatterte ich den Sitz neben dem Einstieg. Dort kann man eine Vierteldrehung zur Tür hin machen und dann in Fahrtrichtung sitzen, wobei man eine freie Sicht durch die Tür hat. Ein ganz anderes Flugerlebnis!

 

Das Juschno-Kamtschatski-Naturreservat, in dem der Kurilensee gelegen ist, wurde bereits 1882 vom Zaren eingerichtet, um die wertvollen Zobelbestände zu erhalten. Der Kurilensee füllt einen vor etwa 8400 Jahren eingebrochenen Krater aus. Er ist für seinen Reichtum an Lachsen bekannt. In dem klaren und kalten Wasser laichen die Lachse, die von März bis September vom Ochotskischen Meer hochwandern. Es gibt eine Lachszählstation, an der jährlich bis zu fünf Millionen Fische gezählt werden. Dies wissen auch die Seeadler und die etwa 200 Bären, die hier auf die Lachse warten und sich ihren Winterspeck anfressen. Würden wir welche zu sehen bekommen? Dies war die Frage, die alle in unserer 20köpfigen Gruppe umtrieb. Zunächst einmal wurden wir mit einem kleinen Motorboot über den malerischen See gefahren.

Und da waren auch schon die ersten: eine Bärenmama mit ihren zwei Kleinen! Unser Bootsmann schaltete den Motor ab, wir fuhren bis auf zwanzig Meter ans Ufer heran. Die Bären ließen sich durch uns nicht stören.

 

Auch auf dem Rückweg kamen wir an einem weiteren Prachtexemplar vorbei. Und dann zurück am Landesteg sahen wir noch einen Bären, der am Strand schlief – vermeintlich! Denn plötzlich sprang er auf und fing einen Lachs, den er aufrecht im Wasser sitzend in beiden Pratzen hielt und wie eine Banane fraß.

Wen schützt der elektrisch geladene Zaun – die Menschen oder die Bären? Dieses Meisterfoto gelang leider nicht mir, sondern einem Mitglied unserer Reisegruppe, der vier Tage früher hier war

Von unserer Führerin erfuhren wir interessante Details aus dem Bärenleben. Zum Beispiel, dass Bärinnen ihre Jungen während ihres Winterschlafs gebären. Die Neugeborenen wiegen nur ca. 400 Gramm, durch Winseln machen sie die Mutter auf sich aufmerksam. Deren Muttermilch ist so fetthaltig, dass die Bärchen innerhalb von vier Wochen auf drei bis vier Kilo heranwachsen. Noch eine interessante Information: Nach dem Winterschlaf fressen die hungrigen Bären die ganzen Lachse. Wenn sie satt sind, im August, nur noch ihren Kaviar.

Hochzufrieden stiegen wir nach eineinhalb Stunden wieder in den Hubschrauber und flogen zu unserem nächsten Ziel: der Caldera des Vulkans Ksudatsch. Das Wasser hatte wieder 40 Grad und es war eine Wonne, auf dem warmen Lavastrand zu liegen. Doch baden durften wir erst am nächsten Ziel, in den heißen Quellen am Fuße des Vulkans Chodutka. Nach dem Baden wartete wieder ein gedeckter Tisch im Freien auf uns und auch diesmal gab es natürlich – Lachs!

 

Noch einige allgemeine Erfahrungen dieser Reise.

Die achttägige Tour mit dem Reiseunternehmen „Vision of Kamtschatka“ hat sich bewährt, Organisation und Durchführung unserer Unternehmungen klappten gut und pünktlich. Untergebracht waren wir im Awatscha-Hotel (Авача), das enge Zimmer hatte, die großen Betten ließen nur schmale Gänge. Frühstück und Küche waren gut, das Personal freundlich und hilfsbereit. Vitali, unser Reiseführer,  sprach englisch, (was eine Ausnahme ist, ohne Russischkenntnisse ist eine Reise dorthin schwierig). Ob wir den 10%igen Rabatt auf unsere Zertifikate Nr. 788 und 789 bei der nächsten Buchung nutzen werden, lassen wir getrost offen, zumal sie 72 Jahre gültig sind.

Eine andere Möglichkeit auf Kamtschatka ist es, Ferienwohnungen zu mieten, die viel billiger als Hotels sind und Ausflüge und Wanderungen bei einem der vielen kleinen Touristenbüros zu buchen. Wir machten gute Erfahrungen mit der neugegründeten Agentur „Kamtschatka Wildtours“. Die jungen Leute gingen flexibel auf unsere Wünsche ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit der Transsib nach Nowosibirsk

Wir sind zurück von unserer großen Reise nach Kamtschatka, das neun Zeitzonen östlich von Nischni Nowgorod liegt. Um die Zeitumstellung besser zu verkraften und etwas von Sibirien zu sehen, fuhren wir mit der Transsib bis nach Nowosibirsk. Von dort flogen wir nach Petropawlowsk-Kamtschatka. In Jekaterinburg und in Omsk unterbrachen wir die Zugfahrten für kurze Aufenthalte.

Nach 21 Stunden Fahrt mit der Transsib ab Nischni Nowgorod erreichten wir morgens um 3.22 Uhr (Ortszeit) Jekaterinburg, das 40 km östlich des Ural liegt, der imaginären Grenze zwischen Europa und Asien. Die Stadt wurde 1723 von Peter I. gegründet, um Industrie zur Ausnutzung der Erz- und Edelstein-Vorkommen anzusiedeln. Daher finden sich dort heute noch viele Wohnhäuser und Fabrikbauten aus dem 18. und 19.Jh., die zusammen mit konstruktivistischen Gebäuden aus den 20er und 30er Jahren ein charakteristisches Stadtbild ergeben. Bis 1991 hieß Jekaterinburg Swerdlowsk. Es war wegen der Waffenindustrie eine geschlossene Stadt.

Alter Fabrikbau in Jekaterinburg

Jugendstil-Holzhaus

Schmiedeeiserenes Geländer am Städtischen Teich, im Hintergrund die „Kathedrale auf dem Blut“

Am 17. Juli 1918 wurde im Haus des Kaufmanns Ipatjew der letzte russische Zar Nikolaus II. zusammen mit seiner Frau, vier Töchtern und dem Kronprinzen sowie vier Bediensteten von den Bolschewiken erschossen. Die Toten transportierte man an den Stadtrand, begoss sie in der Grube Ganina Jama mit Schwefelsäure und verbrannte sie. Die Leichen wurden in einem Massengrab beerdigt, der Boden wurde befestigt, in dem man LKWs darüberfahren ließ. So hoffte man, jegliche Spuren der Zarenfamilie und die Erinnerung an sie ausgelöscht zu haben. Das misslang gründlich.

1977 ließ Boris Jelzin, damals Parteichef des Oblasts Jekaterinburg auf Anordnung des Politbüros, das Ipatjew-Haus in einer Nacht unangekündigt abreißen, um zu verhindern, dass hier eine Erinnerungsstätte an den Zaren entsteht. Bemerkenswert: Nach 60 Jahren kommunistischer Diktatur und Propaganda, also nach zwei Generationen, sieht man sich veranlasst, dieses Haus in einer Nacht- und Nebelaktion zu beseitigen. 1979 gab es von privater Seite heimliche Grabungen im Wald, bei denen Skelettteile und Stoffreste gefunden wurden. Die Menschen wussten also, wo sie graben müssen, um etwas zu finden. Und sie hatten den Mut, dieses damals höchst illegale Werk zu unternehmen. Die Erinnerung an den Zaren war nicht verschwunden.

1991, nach dem Ende der Sowjetunion, wurden zunächst neun Skelette ausgegraben und genanalytisch eindeutig den Ermordeten zugeordnet. Zwei fehlten: der Kronprinz Alexej und seine Schwester Maria, was zu Spekulationen Anlass gab, sie hätten das Massaker überlebt. Aber später wurden an einer anderen Stelle Knochen der beiden fehlenden Opfer gefunden und ihre Zugehörigkeit zur Zarenfamilie 2007 gentechnisch bestätigt. Damit ist auch die Frau als Lügnerin entlarvt, die seit 1920 behauptet hatte, dem Mord entkommen und die Zarentochter Anastasia zu sein.

„Kathedrale auf dem Blut“

Heute steht an der Stelle des Ipatjew-Hauses die mächtige „Kathedrale auf dem Blut“, die sich zu einem Wallfahrtsort für Zaren-Anhänger und orthodoxe Gläubige entwickelt hat. In der Nähe der Grube, in der man die Leichen verbrannte, wurde ein Kloster mit sieben Kirchen errichtet, eine für jedes Mitglied der Zarenfamilie. Diese wurde 2000 von der orthodoxen Kirche heiliggesprochen, zusammen mit tausend Geistlichen, die in der Sowjetunion ihres Glaubens wegen verfolgt und getötet worden waren. Am 17. Juli, dem Tag der Ermordung, pilgern jedes Jahr Zehntausende die 24 km von der „Kathedrale auf dem Blut“ zu dem Kloster bei Janina Jamal.

Da die Kathedrale gerade renoviert wurde, konnten wir nur die Unterkirche besichtigen, in der sich Mauerreste des Ipatjew-Hauses befinden. Dort war gerade Gottesdienst. Ein Laie sang eine lange Litanei. Er wurde abgelöst durch einen Popen, dessen Bass-Stimme uns fast erschaudern ließ: wohltönend und voll und eindringlich. Wir dachten anfangs, er sänge mit Mikrofon. Unglaublich.

Eine Gedenkstätte ganz anderer Art ist das 2015 in Anwesenheit von Putin eröffnete „Boris Jelzin Präsidenten Zentrum“, ein moderner Bau aus Glas und Beton. Es enthält das Boris-Jelzin-Museum, das der zeitgenössischen Geschichte Russlands gewidmet ist. In sieben Abteilungen, genannt „Tage, die Russland veränderten“ sind die Präsidentschaft Jelzins und seine Epoche dargestellt. Leider war es, wie die meisten Museen auf der Welt, montags geschlossen. Gern hätten wir gesehen, was zur Übergangszeit von der Sowjetunion zu Russland gezeigt wird, und was zu den Putschversuchen 1991 und 1993 oder zum wilden Kapitalismus Ende der 90er Jahre, die von den meisten Russen als sehr schmerzhaft erlebt wurden.

Boris Jelzin Präsidenten Zentrum

Doch wir konnten das Gebäude besichtigen, in dem ein Konferenz- und Bildungszentrum, eine Bibliothek und Büros von Ämtern und Firmen untergebracht sind. Gleich am Eingang steht Jelzins Karosse aus seiner Zeit als Parteichef von Swerdlowsk. In den Vorräumen zum Museum wurden einige Exponate zu Jelzin gezeigt, in einer Art Vorschau: Jelzin in allen denkbaren Rollen, als Familienvater, als Ehemann, als Sportler, als Jäger, als Zeitungsleser und natürlich als Politiker in seinen vielen Funktionen. Dies lässt erahnen, welch Personenkult in der Ausstellung zu erwarten ist.

Vorraum zum Jelzin Museum: Jelzin als Jäger, als Großvater, als Ehemann

Blick aus dem 52. Stockwerk des Wyssotzki-Turmes auf die Stadt mit dem Städtischen Teich

Jekaterinburg ist eine moderne Stadt mit vielen Hochhäusern. Im Café Vertikal im 52. Stock des Wyssotzki Turmes genossen wir gutes Essen und einen weiten Blick über die Stadt, über die Wälder bis hin zu den Ausläufern des Ural. Unser Hotel Senator lag 15 Minuten vom Stadtzentrum entfernt, gut geführt mit modern eingerichteten Zimmern. Angetan von dieser freundlichen Stadt stiegen wir abends in die Transsib zur Fahrt nach Omsk, weitere 14 Stunden Fahrt, (drei Zeitzonen von Nischni entfernt).

Omsk entwickelte sich aus einer 1716 auf Erlass Peters des Großen gegründeten Festung an der Mündung des Om in den Irtysch. Von hier aus begannen Expeditionen auf der Suche nach Gold und Pelzen. Im 19. Jh. war Omsk ein Verbannungsort. Dostojewski verbrachte hier vier Jahre in einem Arbeitslager. Die unsäglichen Bedingungen beschrieb er in seinem Roman „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus.“

Die Stadt empfing uns am Vormittag mit großer Hitze. Wir erreichten das Hotel Nika gegen 10 Uhr. Es lag etwas außerhalb in einem Park am Irtysch und stellte sich als ein Sanatorium heraus. Erfreulicherweise konnten wir unser Zimmer gleich beziehen (obwohl wir vier Stunden zu früh da waren) und noch ein Frühstück bekommen (obwohl das Buffet gerade abgeräumt worden war).

Als wir am Nachmittag mit dem Bus in die Stadt fuhren, löste Roses Frage nach einer Haltestelle im Stadtzentrum eine Diskussion unter den Fahrgästen darüber aus, wo das Zentrum zu finden sei. Schließlich wurden wir gefragt, was wir denn sehen und wo wir hinwollten. Rose sagte: „Irgendwo ins Zentrum, wo es schön ist“. Da rief ein junger Mann: „Hier ist es nirgends schön!“. Das stellte sich dann doch als etwas übertrieben heraus. Auf der Leninstrasse, fanden wir ansehnliche Bauten aus dem 19. Jh., in den Parkanlagen am Om die Stadttore und Kasernen der Festung.

Die Hitze und die etwas unruhige Nacht im Zug machten uns zu schaffen und wir suchten Schatten und Kühle im Wrubel-Museum. Wrubel gilt als der berühmteste Vertreter des russischen Jugendstils.

Im Wrubel-Museum in Omsk. Im kleinen Kasten rechts unten ist das Gemälde „Uferstraße einer östlichen Stadt“ von Iwan Aiwasowski (1852) für Blinde ertastbar reliefartig wiedergegeben.

Außer Gemälden von Wrubel und anderer russischer Maler gab es eine Sonderausstellung, die uns als bemerkenswert empfohlen wurde. Das war sie wirklich!  Anatoli I Konenko (geboren 1954) bezeichnet sich selbst als Mikro-Miniatur-Künstler. Er schafft kleinste Kunstwerke. Ein Reiskorn beschriftet er mit einem Spruch, ein Stecknadelkopf großer Knubbel entpuppt sich unter dem Mikroskop als Rosenblüte und besonders überraschend: In einem Nadelöhr nicht etwa nur das berühmte biblische Kamel, was da schwer durchgehen soll, sondern eine ganze Karawane von Kamelen und noch zwei Palmen! Die Nadel war etwa 5 cm lang, ohne Mikroskop war im Öhr kaum etwas zu sehen. Faszinierend!

Die Karawane im Nadelöhr

Im Park am Om kamen wir gerade rechtzeitig zur Abfahrt eines Schiffes, das uns eine Stunde lang auf dem Irtysch gemütlich hin und her fuhr. Der Irtysch entspringt in China und mündet in den Ob. Abends aßen wir im Restaurant Senkewitsch an der Irtysch Uferpromenade, genossen die Abendkühle und gutes Essen.

Am Strand des Irtysch in Omsk – anders als man sich Sibirien vorstellt!

Am nächsten Morgen trieb uns die Hitze wieder in ein Museum, diesmal ins Heimatmuseum. Dort wurden wir zunächst durch Abteilungen über die Geschichte der Stadt, Lebensweise, Handwerk und Kunst der Stadt geschleust. Eindrucksvoll das Skelett eines Mammuts.

Doch eine Überraschung war die Sonderausstellung „500 Jahre Reformation“, die in einem großen Saal in vielen Vitrinen Lutherbibeln, Gesang- und Gebetbücher in Deutsch zeigte. Über das Leben und Wirken Luthers und anderer Reformatoren informierten Tafeln. Es folgte ein Überblick über die Geschichte der von deutschen Einwanderern gegründeten protestantischen Gemeinden in Omsk und Umgebung bis hin zu den Verfolgungen in der Stalinzeit. Die Museumswärterin in diesem Raum war Mormonin, die von ihrer Reise nach Utah schwärmte.

Omsk hatte sich uns von einer freundlichen Seite gezeigt. Wir waren hilfsbereiten aufgeschlossenen Menschen begegnet. Sehr auffällig auch eine Beobachtung: Omsk als Stadt der blauen Augen. Blaue Augen sind ein Kennzeichen vieler Sibirjaken, aber hier sahen wir sie in allen denkbaren Variationen von tiefblau bis wässrig-durchsichtig.

Kurz nach Mitternacht stiegen wir wieder in die Transsib und fuhren nach Nowosibirsk, das wir nach neun Stunden gegen zehn Uhr Ortszeit erreichten. (Vier Stunden Zeitunterschied zu Nischni). Hier war es noch heißer als am Vortag in Omsk. Nowosibirsk wurde erst 1894 gegründet. Die kaum 25 Jahre bis zur Oktoberrevolution reichten nicht aus, der Stadt ein architektonisches Gepräge zu geben. Es folgten bald die sowjetischen Riesenbauten für Verwaltung und Kultur und die großen Plattenbauten. Die Stadt wirkte unorganisch und planlos auf uns.

Der Bahnhof von Nowosibirsk

Stadtbild in Nowosibirsk.

Das Opernhaus von Nowosibirsk am Leninplatz fasst 1800 Plätze, es wurde 1944 fertiggestellt. In dem großen Park davor lief ein Floristen-Wettbewerb mit fantasievollen Objekten aus Weidenrutengeflechten und vor dem monumentalen Lenindenkmal demonstrierte gerade eine Nawalny nahestehende Bürgerinitiative gegen Putin.

Am Opernhaus werden angekündigt: Romeo und Julia, Carmen und Spartak

Putin! Es reicht, Diebe auf unsere Kosten zu mästen. Geh und nimm Edinaja Rossia mit. Putin! Ändere die Regierung und den wirtschaftlichen Kurs oder geh.

Demonstranten vor dem Lenin-Denkmal

Gegen Mitternacht starteten wir zusammen mit Roses Kollegin Anke zum sechsstündigen Flug nach Petropawlowsk-Kamtschatka.

Erster Blick auf Kamtschatka: Vulkane, Schnee

 

Nachtrag zu unseren Fahrten mit den Transsib-Zügen:

Auf den Fahrten mit der Transsib machten wir unerwartete Erfahrungen. Wir hatten für die ersten zwei Züge ganze Abteile (Coupes) für uns gebucht, also vier Plätze, d.h. vier Betten. Der erste Zug ab Nischni war ein „фирменный поезд“, ein Privatzug. Hier bekamen wir Begrüßungspakete mit Wasser und Gebäck und Mittagessen, und zwar vier Portionen, denn vier Mal gebucht ist vier Mal gebucht! Im Speisewagen wurden Spezialitäten wie Rentiersteak oder Bärenbraten angeboten.

Im einfacheren zweiten Zug ab Jekaterinburg gab es dann leider keinen Speisewagen, auch wurde kein Essen angeboten, aber wir erhielten vier Bettbezüge. Bei den Zwischenhalten auf den einfachen, nicht überdachten Bahnhöfen konnte man aus einem reichen Angebot an Obst und Lebensmitteln auswählen. Es gab Seife, Zahnbürsten, Cremes, einfache Kleidung und auch der übliche Souvenirschrutz fehlte nicht.

Eine halbe Stunde Aufenthalt in Balesino (Балезино)

Unser großer Koffer – mit 78 cm wenig ein wenig zu lang – passte in beiden Zügen nicht in die Ablage unter den Sitzen. Das war kein Problem, weil wir ihn auf einem Sitz ablegen konnten. Schwierig wäre es geworden, wenn wir das Abteil nicht für uns allein gehabt hätten.

Im platzkartnyj Wagon

Für die letzte Fahrt ab Omsk hatten wir kein Abteil, sondern zwei Plätze in einem „platzkartnyj Wagon“ gebucht. Dort gibt es Sechs-Personen-„Abteile“. Das sind keine Abteile im eigentlichen Sinne, da sie zum Gang hin offen sind. Vier Liegen, jeweils zwei übereinander, wie im normalen Abteil quer zum Gang, sowie zwei Liegen übereinander auf der anderen Seite des Ganges in Längsrichtung. Wir hatten die Gangplätze gewählt, weil man da den anderen nicht so auf die Pelle rückt. Nachteilig ist, dass diese Plätze wegen der häufig Vorbeilaufenden unruhiger sind als die in den „Abteilen“ und dass die Pritschen – wie uns schien – schmaler sind. Das ist für eine kurze Nacht mal erträglich, bei Fahrten über mehrere Tage wäre das weniger vergnüglich. Irgendwie ungewöhnlich war es für uns, nachts in einen vollbesetzten Wagon mit schlafenden Menschen zu steigen und dann seine Betten zu machen, was beim unteren Bett am Gang heißt, den Tisch und die Sitze umzuklappen. Unser sehr schwerer Koffer musste aus Sicherheitsgründen in die Ablage über dem oberen Bett gehievt werden, was uns in der Nacht mit Hilfe einer jungen Frau auch gelang.

 

Spenden für „Komm wieder – aber ohne Waffen“

Um mit Sepp Herberger zu sprechen: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Das Projekt „Komm wieder, aber ohne Waffen“ war mit unserer Aufführung am Gymnasium Nr. 1 nicht beendet. Wir hatten eine weitere Aufführung an der Linguistischen Universität, für die wir eine der Szenen auf Deutsch einstudierten. Weitere Szenen werden folgen, denn im Herbst tritt das Ensemble eine Gastspielreise nach Deutschland an! Jochen und ich werden sie empfangen und begleiten.

Alles begann mit der Einladung nach Erlangen, die Oberbürgermeister Janik nach unserer Aufführung in Wladimir spontan aussprach. Inzwischen hat diese Idee konkrete Formen angenommen: Wir werden „Komm wieder, aber ohne Waffen“ im Oktober in drei Städten aufführen: Von 21.-24. Oktober in Erlangen, wo Peter Steger, der Herausgeber des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen“ für uns Auftritte organisiert. Dort werden wir im Theater Brücken zu sehen sein und vielleicht auch im Wohnstift Rathsberg, in dem Wolfgang Morell wohnt, der zusammen mit Claus Fritzsche die Vorlage für unseren Protagonisten Alex (Sascha) war. Am 25. Oktober zeigen wir das Stück im Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden, meiner früheren Schule. Von 25.-30. Oktober sind wir in Immenstaad zu Gast, wo unsere Gastgeber Hubert Lehle und Konrad Veeser in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Bildungswerk Aufführungen im Rathaussaal in Immenstaad und voraussichtlich auch an der Waldorfschule in Überlingen und einem Gymnasium in Friedrichshafen organisieren

Nun möchten wir uns mit einer Bitte an euch wenden: Obwohl die Stadt Erlangen großzügig alle Kosten für Kost, Logis und Transfers in Erlangen übernimmt, wir in Leinfelden in Familien von Schülern des Immanuel-Kant-Gymnasiums wohnen und in Immenstaad auf dem Obsthof Lehle, fallen doch Kosten für Flug, Fahrten zwischen und in den Städten und Verpflegung in Immenstaad an, die die Eltern unserer Schüler tragen müssen, und die zwischen 450 und 500 € liegen. Dies ist für viele Familien eine große Belastung, zwei Schauspieler können definitiv nicht mitfahren. Natürlich hoffen wir auf Spenden bei unseren Aufführungen, aber das wird nicht reichen. Deshalb haben wir beim Bildungswerk Immenstaad ein Spendenkonto eingerichtet und bitten um finanzielle Unterstützung.

Katholisches Bildungswerk Immenstaad

Volksbank Überlingen

BIC: GENODE61UBE

IBAN: DE 8969061800 0075 4481 04

Falls eine Spendenbescheinigung erwünscht wird,  die Adresse angeben und den Vermerk: Spendenbescheinigung erwünscht.

Wir danken schon jetzt für eure Hilfe und laden euch ganz herzlich zu einer Theateraufführung ein!

Sotschi – Ski und Strand

 

Wir folgten unserem Drang nach Sonne, nach Skifahren und nach neuen Abenteuern: Für ein verlängertes Wochenende waren wir in, oder richtiger, bei Sotschi. Erleichtert wurde dieses Vorhaben durch ein günstiges Angebot des Tourismusveranstalters Biblio Globus (Библио Глобус Тыристичкий Оператор): Für Flug, Transport in den Skiort, das Hotel und Frühstück zahlten wir für drei Nächte pro Kopf 14639,- Rubel, das sind zurzeit 229,- €. Alles war bestens organisiert und wir haben die Tage dort staunend und zufrieden genossen.

Unser Appartement-Hotel lag in Gorki Gorod, einem Ortsteil von Krasnaja Poljana (Красная Полянa), etwa 40 km vom Flughafen entfernt. Dort war auf 540 m Höhe für die Olympiade 2014 eine riesige Hotelstadt aus dem Boden gestampft worden. Die Gestaltung der mehrstöckigen Bauten erinnert an italienische Städte, allerdings fehlen die Eleganz und Leichtigkeit. Hier wirkt alles eher wuchtig und kantig.

Straße in Krasnaja Poljana im Morgenlicht, rechts E-Auto

Dennoch hat die einzige größere Straße eine ruhige Atmosphäre, nach kurzer Zeit empfanden wir sie als ansprechend. Es gibt keinen Verkehr, außer der Müllabfuhr sahen wir nur Elektrofahrzeuge z. B. für die Straßenreinigung und Personen- bzw. Gepäcktaxis; außerdem Motorräder und Roller mit E-Antrieb für die Touristen.

In Krasnaja Poljana – Straße mit einem der dicken Türme

Gesäumt wird die Fußgängerzone von Restaurants aller Geschmacksrichtungen, Bars und Geschäften – darunter ein überdachtes Einkaufszentrum und ein Bioladen – und von vielen zum Hotel gehörenden Appartementhäusern. Immer wieder hat man Ausblicke auf die schneebedeckten Berge.

Die Küche mit Esstisch

Das uns zugewiesene Appartement bestand aus zwei großen Zimmern, zusammen vielleicht 100 m². Beide waren mit sparsamer Eleganz möbliert, eines mit Küchenzeile, einem Tisch und vier Stühlen, das andere mit Doppelbett, Schrank, Nachttischchen, Sofa und dem unvermeidlichen Fernseher. Auch das große Bad und die geräumige Diele mit Garderobenschrank waren durchaus nach unserem Geschmack.

Das Wohn- und Schlafzimmer

Zum Frühstück gingen wir in ein ca. 500 Meter entferntes Selbstbedienungsrestaurant, das nach russischer Sitte Kaschas (verschiedene Breis), warme Würstchen, Salate, warme und kalte Backwaren sowie Käse, Wurst und Brot anbot. Leider war der Andrang groß, wir mussten lange warten, sodass wir beschlossen, uns beim nächsten Mal selbst zu versorgen, so wie wir es auch beim Abendessen taten.

Wir hatten es nicht weit zum Skiverleih (im Nebenhaus) und nur 200 m zur Talstation der Seilbahn-Gondel Gornaja Karussel. Die Skiausrüstung (Skier, Stöcke, Helm, Brille) kostete pro Tag 1700,- Rubel, also etwa 28 €. Die Fahrt mit der Gondel auf die erste Ebene in 960 m Höhe war kostenfrei, von hier aus brauchte man einen Skipass, für den Rose (ab 60 Jahre 10% Rabatt) 1500,- Rubel pro Tag zahlen musste und der überraschenderweise für Leute ab 70 Jahren – hurra – nichts kostete. Dann ging es in zwei weiteren Gondeln auf 2200 m Höhe und hier konnten wir endlich Skifahren.

Am ersten Tag hatten wir zum Wiedereingewöhnen und zum Kennenlernen der Gegend einen Skilehrer engagiert, der uns zu einer blauen Piste unterhalb des 2375 m hohen Gipfels „Schwarze Pyramide“ führte, die jetzt im Winter eher „Weiße Pyramide“ heißen sollte. Die für unsere Ansprüche gut geeignete Piste 5A war anfangs enger und dann sehr breit.

Beim Vierersessel-Lift K5

Es wurde uns sehr bald klar: Die Pisten hier in diesem Skigebiet von Krasnaja Poljana sind steiler und oft enger als auf der Seiser Alm, wo wir bis vor vier Jahren regelmäßig Ski fuhren. Nachmittags wurde es voll, vor allem gab es viele Snowboards und der Schnee wurde auch in der Höhe sehr sulzig, so dass die rote Abfahrt zur zweiten Gondel (für mich) grenzwertig war.

Am zweiten Tag waren wir schon frühzeitig auf der Piste als der Schnee noch gut war und wir die bestens präparierten Hänge nur mit wenigen Leuten teilen mussten. Das war in der Sonne, bei tiefblauem Himmel, in der überwältigenden Landschaft eine reine Lust und Freude! Mittagspause hielten wir an der Talstation des Sesselliftes auf 2000 m Höhe bei +12° beim Cafe Puchliak (кафе Пухляк), das eigentlich nur ein Dach auf Stelzen ohne Wände ist. Dort konnte man zwischen Plow und Bratwurst wählen, zu trinken gab es Tee und Mineralwasser.

Café Puchliak, Almfreunde denken sofort an Puflatsch

Diesmal fuhren wir mit der Seilbahn ins Tal. Dabei sahen wir, dass die aufwärtsfahrenden Gondeln voll besetzt waren. Wir hatten den besseren Teil des Tages genutzt.

Der zentrale Platz in Rosa Chutor

Am späten Nachmittag besuchten wir den Ortsteil Rosa Chutor (Роза Хутор), der mit dem öffentlichen Bus in 15 Minuten zu erreichen ist und weiter in den Bergen liegt. Hier wurden bei der Olympiade 2014 viele Wettkämpfe ausgetragen. Rosa Chutor wirkt großzügiger als Gorki Gorod, an beiden Ufern des Gebirgsflusses Mzymta sind Boulevards mit Geschäften und Restaurants. Die Häuser imitieren wieder einen italienischen Stil, im Zentrum gibt es eine Piazza.

In der Dämmerung fuhren wir mit der Gondel (100 Rubel pro Person) zum Rosa Plateau auf 1170 m Höhe, wo uns eine Hotelsiedlung im Tiroler Stil überraschte. Das Skigebiet Rosa Chutor ist mit sechs Gondeln, mit neun Sechser-und Vierersessel- sowie sechs Bügelliften bis zum 2320 m hohen Rosa Pik hinauf gut erschlossen.

Tirol auf dem Rosa Plateau (1160 m)

Abends wurden zwei beleuchtete, frisch präparierte Nachtpisten in Betrieb genommen, was wir fast als persönliche Provokation empfanden. Wir hatten, weil ahnungslos, unsere Skier schon längst abgegeben, obwohl die Leihfrist bis zum Vormittag des nächsten Tages lief. Wir hätten hier noch wunderbar fahren können, von den morgendlichen Strapazen hatten wir uns längst erholt. So standen wir neidvoll an den menschenleeren Pisten.

Aber ein kleiner Trost kam – zumindest für mich – vom Himmel: zu meiner Verblüffung stand der Mond (erster Halbmond) fast genau über uns, so hoch in der Nähe des Zenits, wie ich es noch nie gesehen habe. Ich versuche noch immer, es mir zu erklären. Rosa Chutor liegt bei 43°40‘ N, nach dem Mondstandrechner im Internet war der Mond zu dieser Zeit bei 18° N im Zenit. Soll ich mich um 25° täuschen können, wenn ich nach oben blicke? Muss wohl so sein.

Der Bus zwischen Gorki Gorod und Rosa Chutor fährt in einer Schleife zu einer Haltestelle des Skizentrums „Gasprom“, die zwischen Betonungetümen von Parkhäusern, einer Seilbahnstation und Hochstraßen liegt. Wir fanden das so überaus hässlich, dass wir nicht ausstiegen. Vielleicht war das ein Fehler, denn die Seilbahn soll zu einem großen Skigebiet mit vielen blauen Pisten führen, alters- und könnensgerecht für uns. Wir wussten es nicht – und hatten eigentlich auch keine Zeit. Aber das ist wieder etwas für das nächste Mal.

Den letzten Nachmittag verbrachten wir auf der Strandpromenade im frühlingshaften Sotschi. Von Krasnaja Poljana fuhr der öffentliche Bus Nr.105 in 50 Minuten zum Flughafen Sotschi in der Stadt Adler, wo wir unser Gepäck deponierten und von dort den nächsten Bus nach Sotschi (25 km) nahmen, was wegen Staus über eine Stunde dauerte. Im Wiederholungsfall würden wir mit dem Zug, der Lastotschka, fahren. Wir waren froh, dass wir das überhitzte Gefährt endlich verlassen und auf einer sehr touristischen Straße mit Palmen und südlichem Flair Richtung Meer laufen konnten, wo uns ein großer Yachthafen und viele Werberinnen für Bootsfahrten empfingen.

Yachthafen von Sotschi

Der Strand am Schwarzen Meer besteht hier aus dunklem Kies, ein gemütliches Liegen im Sand ist nicht möglich. An der Promenade Hotels, Restaurants, Geschäfte und Verkaufsbuden aller Art. Sie endet an einem der vielen Sanatorien, die sich an der russischen Schwarzmeerküste entlang ziehen und Namen wie „Prawda“ oder „Iswestia“ tragen und die im Bus auf Russisch als Santatorij und auf Englisch als Hotel angekündigt werden.

Wir haben unseren ersten Frühlingstag am Meer sehr genossen, warme Sonnenstrahlen in warmer Luft, erste Blüten und mal wieder mit leichten Schuhen auf Wegen ohne Schnee laufen – es war wohltuend für Leib und Seele und wir haben das feste Gefühl, noch einmal hierher zu kommen.

An der Promenade vor Poseidon

In der Abenddämmerung erlebten wir noch ein Naturschauspiel: vor der untergehenden Sonne flog in einiger Entfernung viele Minuten lang ein Vogelschwarm von Nord nach Süd, er nahm schier kein Ende. Woher – wohin?

Schier endlos langer Vogelzug am Strand von Sotschi

Schiffsreise nach Tschuwaschien und ins Makarjew-Kloster

11.10.2016

Am Freitagabend (30.09.16) gingen wir bei kühlem, feuchtem Wetter an Bord des Wolgaschiffes „Michael Frunse“, zusammen mit unserer am Tag zuvor aus Deutschland angereisten Freundin Dorothe. Unsere Reiseziele waren Mariinskij Possad, Tscheboksary, die Hauptstadt der autonomen Republik Tschuwaschien und das Makarjew Kloster, alle an der Wolga unterhalb von Nischni Nowgorod gelegen. Die Michael Frunse kannten wir schon von unserer Fahrt zum Makarjew Kloster im Mai, damals mit anderen Freundinnen und Freunden aus Stuttgart (64. Bericht).

Über Tschuwaschien ist bei Wikipedia.org zu lesen: „Tschuwaschien gehörte zum Khanat Kasan, ehe es Mitte des 16. Jahrhunderts an Russland fiel. Im Gegensatz zu anderen Turkvölkern wurden die Tschuwaschen im 18. Jahrhundert christianisiert. Tschuwaschien war zu Zeiten der Sowjetunion eine Autonome Sozialistische Sowjetrepublik (ASSR). 1991 wurde es Republik innerhalb Russlands. Die kleine Republik zählt zu den dichtest besiedelten Republiken Russlands. Die Tschuwaschen, ein Turkvolk, bilden die Bevölkerungsmehrheit. Bedeutende Minderheiten sind die Russen, Tataren und Mordwinen; kleinere Minderheiten die Ukrainer und Mari.“

Tschuwaschisch ist eine Turksprache, es gibt eine eigene Schrift. Straßenschilder sind zweisprachig, die Theaterprogramme nur in der Sprache der Einheimischen und für uns nicht lesbar.

Am Samstagmorgen kamen wir in der kleinen Stadt Mariinskij Possad an, die bis 1856 Sundyr hieß.  Auf Wunsch der dortigen Kaufmannschaft bekam der Ort zu Ehren der deutschen Prinzessin Maria von Hessen-Darmstadt, der Ehefrau von Zar Alexander II, den heutigen Namen Mariinskij Possad. An Land empfing uns eine kleine Trachtengruppe nach altem Brauch mit „Salz und Brot“, dem Symbol für Willkommen-Sein. Von den Brotlaiben durften wir uns alle ein Stück abbrechen, das dazugehörige Salz entfiel. Daneben, auf einem kleinen fliegenden Markt verkauften Einheimische Obst, geräucherte Fische und natürlich Pilze.

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Empfang in Mariinskij Possad durch eine Trachtengruppe mit Brot

Danach wurden wir Schiffspassagiere in acht Gruppen aufgeteilt, es begann eine wohlorganisierte Führung durch den Ort. Beim Standesamt traten zwei in Trachten gekleidete Frauen auf den Balkon und priesen das Glück der Ehe, was besonders groß wäre, wenn man eine ihrer Töchter zur Frau nähme.

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Einladung zur Ehe vor dem Standesamt „Sags = Загс“

Auf dem Weg zum Denkmal von Maria Alexandrowna eine Premiere für mich: die Führerin lief rückwärts während sie ihre Erklärungen vortrug; den Blick zur Gruppe gewandt ging sie sicheren und schnellen Schrittes, sie stolperte nicht, sah sich nicht um. Erstaunlich!

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An der Wolga in Mariinskij Possad: Denkmal von Maria Alexandrowna, der aus Darmstadt stammenden Frau von Alexander II.

In einem Museum waren meist naturalistische Gemälde einheimischer Künstler ausgestellt, die, wie so oft hier, hohes handwerkliches Können, aber wenig Verfremdung zeigten. Liebenswert auch eine kurze szenische Vorführung der Namensgebung durch Maria Alexandrowna im Kulturgebäude des Ortes, dargestellt von Schauspielern in Kostümen der damaligen Zeit. In den Ansprachen fielen immer wieder die Worte „tschuwaschskij narod = das tschuwaschische Volk“, der Stolz auf das eigene Volk kam zum Ausdruck. Ein Rundgang beendete den Aufenthalt in diesem kleinen Ort an der Wolga, der an die historischen Verbindungen zwischen Russland und Deutschland erinnert.

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 Mariinskij Possad, links das Kulturhaus

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Neu und alt in Mariinskij Possad

Nach 30 Km Fahrt und dem Passieren der Schleuse des Staudamms für das tscheboksarsker Wasserkraftwerk kam die Michael Frunse nachmittags in Tscheboksary an (500000 Einwohner). Hier wieder Empfang durch eine Trachtengruppe, diesmal mit Gesang und redseliger Ansprache. Wir, „Unsere deutschen Gäste“, wurden in Deutsch begrüßt.

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Begrüßung in Tscheboksary, nach der uns die ältere Frau, die in das Mikro spricht, durch einen Spagat verblüffte

Die Stadtbesichtigung führte uns entlang des Hafens durch kleine Grünanlagen zunächst zum Heilige-Dreifaltigkeits-Männerkloster, durch ein Villenviertel zu einem 60 m hohen Denkmal der Beschützerin Tschuwaschiens und dann in die Stadt, vorbei am Dramatheater, der Fußgängerzone „Arbat“ mit Souvenirständen, zum Nationalmuseum und schließlich zum 2009 eröffneten Biermuseum. Und all das bei Sonnenschein, es war einfach vergnüglich. Die Stadt war sauber, alles machte einen gepflegten Eindruck.

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Hafen von Tscheboksary

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Blick auf den Hafen und die Stadt Tscheboksary

Diesmal bot uns die Stadtführerin ein Kontrastprogramm zu der in Mariinskij Possad: Ihre Erläuterungen erfolgten zwar teils in Prosa, teils in Versform, doch leider rannte sie gnadenlos vor uns her, ohne sich darum zu kümmern, ob wir folgen konnten. Dabei wandte sie uns meist den Rücken zu. Immerhin sprach sie in ein Mikrophon. Im Nationalmuseum für tschuwaschische Geschichte rasselte sie vor den Ausstellungsstücken ihren auswendig gelernten Text herunter. Mit dem Rücken zum Volk merkte sie nicht, dass von ihrer ermüdeten Gruppe kaum noch jemand anwesend war. Auch wir verschwanden stillschweigend auf den Arbat, um dort die Souvenirbuden anzusehen.

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Stadt im Abendlicht

Im Biermuseum eine weitere Führung durch die Geschichte des Bieres („schon die alten Ägypter…“), die wir uns schenkten, übersättigt von den vielen Eindrücken. Danach wurden von der Trachtengruppe, die uns am Schiffsbahnhof empfangen hatte, in der Gaststätte des Biermuseums mit viel Schwung und begeisternder Spielfreude tschuwaschische Hochzeitsbräuche vorgeführt. Zum Kopfschmuck gehören metallene Knöpfe, zusammen mit den Halsketten kommen einige Kilo zusammen.

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Die Zuschauer wurden an den Darbietungen beteiligt. Dabei spielte das Bier oft eine Rolle. Der aus dem Publikum geholte Bräutigam musste eine Holzschüssel leer trinken und der danebenstehenden Braut dreimal die in einer solchen Situation üblichen drei Worte zurufen: Я люблю тебя – Ich liebe dich. Oder das Paar bekam eine Kelle mit zwei miteinander fest verbundenen Schalen voller Bier und beide sollten gleichzeitig trinken, was an sich schon schwierig ist, hier aber unmöglich war, weil der Mann seine Frau um einen Kopf überragte. Zwischendurch immer wieder Gesänge und Tänze. Nach dieser vergnüglichen Stunde ging es durch den kühlen Abend zurück an Bord.

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Der kleine Mann konnte sich nicht von seiner Mutter trennen. Er störte die Vorführung nicht sehr und ließ sich selbst auch nicht stören.

Am nächsten Morgen erwachten wir vor dem Makarjew Kloster, das in strahlendem Sonnenschein vor unserer Kajüte lag. Bei der Besichtigung der drei Kirchen des Klosters erzählte die kleine Nonne lebhaft von dessen wechselvoller Geschichte. 1435 war es aus einer Einsiedelei des Mönches Makarij am kleinen Gelben See hervorgegangen. 1439 wurde das Kloster durch Chan Ulu Muhamed zerstört, Makari in Gefangenschaft genommen und die anderen Mönche erschlagen. Das Kloster geriet in Vergessenheit.

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Makarjew Kloster

Der Legende nach wurde der Mönch Abramij aus Murom 1620 im Traum von Makarij beauftragt, das Kloster am Gelben See wiederaufzubauen. Bis Anfang des 19. Jh. fand in dem Ort beim Kloster die damals größte Handelsmesse Russlands statt, die dem Kloster eine Blütezeit bescherte, die mit der Verlegung der Messe nach Nischni Nowgorod endete. Den Gelben See gibt es nicht mehr, weil die Wolga im 18. Jh. ihren Verlauf änderte und den See in sich aufnahm. In der Sowjetzeit wurde das Kloster als Kinderheim, Gefängnis, Lazarett und veterinäre Versuchsanstalt genutzt. 1992 wurde es an die orthodoxe Kirche zurückgegeben. Durch den Bau des tscheboksarsker Staudammes stieg Anfang der 80er Jahre der Wasserspiegel um fünf Meter, große Teile der dortigen Ansiedlung verschwanden. Laut Wikipedia gibt es Pläne für noch höhere Aufstauung, die nötig ist, um die volle Leistung des Wasserkraftwerkes zu erreichen, eine erneute Bedrohung für das Kloster. Die Landschaft sieht so ursprünglich aus und ist doch durch menschliche Einflüsse gestaltet worden.

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Bei dem Spaziergang durch den Ort Makarjewo fühlten wir uns wie im alten Russland: kleine farbenfrohe Holzhäuser mit geschnitzten Fensterumrandungen, ein Dorfteich, breite, nicht geteerte Straßen und Birken, die jetzt mit dem Herbstlaub gelb in der Sonne leuchteten. In dem kleinen Dorfladen kauften wir bei einer verschlossen dreinblickenden Frau Eis und etwas zu Trinken. Beim Abschied antwortete sie auf einmal freundlich lächelnd (in Russisch) „Kommen sie bald wieder“, ein illusorischer Wunsch, dem wir gern nachkämen! Auf einem Bootssteg genossen wir die Sonne und die Ruhe dieses herbstlichen Tages bis zur Abfahrt.

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Dorfstraße mit Birken in Makarjewo

Das sonnige Herbstwetter legte über die vielen Eindrücke dieser Reise einen goldenen Glanz. Von den anderen Mitreisenden fühlten wir uns freundlich aufgenommen. Bei der Begrüßung auf dem Schiff wurden wir als deutsche Gäste besonders erwähnt und, obwohl wir uns niemand vorgestellt hatten, drehten sich alle nach uns um. Verblüfft stellten wir fest, dass wir als Ausländer schon aufgefallen waren. (Wir fragen uns oft, wie und warum wir meist sofort als Nichtrussen erkannt werden).

Bei den Mahlzeiten saßen wir mit einer ukrainischen und einer russischen Frau zusammen an einem Tisch. Beide kuren regelmäßig in Marienbad und bereisen von dort aus halb Europa: Paris, Wien, Baden-Baden, München…Oft wurden wir mit ein paar Brocken Deutsch angesprochen, wenn wir an der Reling standen. Die umher tobenden Kinder riefen uns immer wieder ein schüchtern-keckes „Guten Tag“ zu. Die junge Frau hinter der Theke in der Bar erkannte uns wieder. Sie fand es bemerkenswert, dass wir auf der ersten und auf der letzten Fahrt der Michael Frunse in diesem Jahr ihre Gäste waren. Zum Abschied gab es eine Liederstunde mit einem Akkordeonspieler. Als dieser fünfzehn Minuten nach der angesetzten Zeit noch nicht da war, stand Sascha auf – mit ihm hatte ich schon Freundschaft geschlossen –, sang und tanzte vor dem inzwischen nicht mehr allzu großen Publikum und überbrückte so die Wartezeit. Dann traf der Akkordeonspieler ein und es wurden russische Volkslieder gesungen. Für uns drei Deutsche stimmte er „O du lieber Augustin“ an. Auch der Akkordeonspieler war ein alter Bekannter: Rose hatte sich auf der Fahrt im Mai schon viel mit ihm unterhalten. Kurzum: wir fühlten uns wohl an Bord.

Zu Hause angekommen vermissten wir unser russisches Handy. Mühsam rekonstruierten wir, dass wir es wahrscheinlich im Taxi vergessen hatten. Über die Taxizentrale machten wir unseren Fahrer ausfindig, der es unter dem Vordersitz fand und uns am nächsten Tag übergab. So blieb kein Schatten auf den Erinnerungen an diese kurze, aber intensive Reise – ein kleines Stück die Wolga abwärts.

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Herbst in der Siedlung Makarjewo

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Omnibushaltestelle Makarij

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Die Buchstaben des tschuwaschischen Alphabets

 

 

Eindrücke von einer Reise nach Georgien

Im Juni waren wir 14 Tage in Georgien. Zunächst eine Woche in Tbilisi (Tiflis, wie man es in Deutschland nennt). Von dort aus fuhren wir an zwei Tagen in die Umgebung, einmal mit einem Taxi nach Mtskheta, der ehemaligen Hauptstadt Georgiens, zu der Jvari Kreuzkirche aus dem 6. Jh. und nach Stalins Geburtsort Gori, ein anderes Mal mit einem Reiseunternehmen nach Signagi, einer erst im 17. Jahrhundert angelegten Stadt. In der zweiten Woche brachte uns eine Marschrutka in den Großen Kaukasus nach Stepantsminda (früher Kasbegi, wobei dieser Name heute noch gebräuchlich ist). Der Ort liegt zehn km von der russischen Grenze entfernt, nach Westen sind etwa 20 km bis Südossetien und nach Osten 80 km bis Tschetschenien. Von den so nahen politischen Spannungsgebieten haben wir direkt nichts bemerkt, allerdings sind die wirtschaftlichen Folgen hier besonders spürbar. In Kasbegi erkundeten wir wandernd oder durch Taxifahrten die abenteuerliche Umgebung. Zurück nach Tbilisi ging es wieder mit der Marschrutka.

Tbilisi, die am Fluss Mtkvari gelegene Hauptstadt von Georgien, beeindruckt durch die Zeugnisse seiner langen, wechselhaften Geschichte. Im 5. Jh. zum ersten Mal erwähnt, wurde es von den Persern, den Römern, den Arabern, den Seldschucken, den Türken und schließlich von den Russen beherrscht und geprägt. Bis 1991 war Tbilisi Hauptstadt der Grusinischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Die nach der Sowjetzeit wieder aufgebauten Kirchen aus der Frühzeit des Christentums, viele nach der Wende entstandene neue Kirchen, die alten Paläste und die klassizistischen Bauten

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Blick auf die Altstadt von Tblisi

aus dem 18. Jh. haben wir mit Vergnügen angesehen, was wir leider von vielen Bauten der letzten zwanzig Jahre nicht sagen können. Sie sind oft protzige und hässliche Ungetüme, die nicht in das Stadtbild passen. Leider verfallen viele der alten georgischen Wohnhäuser, die mit ihren Balkonen das Verständnis ihrer Bauherren für Harmonie erkennen lassen.

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Blick auf die Friedensbrücke und ein modernes Hochhaus

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Altes Wohnhaus – verfallende Pracht

Uns erschien Tiblisi als eine Stadt der Gegensätze, neben Reichtum viel Armut. Auf dem Rustaweli-Boulevard Paläste, Banken, exklusive Geschäfte der internationalen Modemarken und gleich daneben Zerfall und Armseligkeit. Viele Bettler sitzen oder liegen auf Bürgersteigen, vor Kirchen und vor dem Theater, auf den Treppen der Unterführungen – meist nur still die Hand oder einen Becher hinhaltend. Wir haben aber auch aggressive, meist junge Bettlerinnen erlebt, die sich uns fordernd in den Weg stellten. Die Arbeitslosigkeit ist erschreckend hoch. Wer ein Auto hat – und sei es noch so klapprig -, bietet Taxifahrten an. Uns wurde oft beim Spaziergehen aus vorbeifahrenden Autos „Taxi, Taxi“ zugerufen.  Die georgische Wirtschaft leidet unter den seit dem Krieg von 2008 abgebrochenen Beziehungen zu Russland. Ein Taxifahrer meinte, Georgien solle der GUS wieder beitreten. Viele Georgier ziehen ins Ausland, um der Not im eigenen Land zu entgehen, nach Russland oder nach Westeuropa. Eine junge Frau aus Aserbeidschan, die eine Rundreise durch Georgien machte, sagte: „Natürlich sind wir stolz darauf, wieder in einem freien Land zu leben, aber früher war es besser“. Das gilt auch für Georgien, leider.

Wir haben bemerkenswert oft kleine Busse oder LKWs mit Aufschriften deutscher mittelständischer Firmen gesehen: Möbel, Küchen, Elektro- und Sanitärinstallation, Metallbau. Der gepflegte Zustand ließ uns vermuten, dass es sich hierbei um Fahrzeuge georgischer Tochterfirmen handelt.  In der Nähe von unserem Hotel entdeckten wir die Konrad-Adenauer-Stiftung in einem repräsentativen schmucken Gebäude.

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Immer wieder sieht man deutsche Firmenwagen

Das Stalin-Museums in Gori ist in einem großen, aus dem 19. Jh. stammenden Ausstellungspalast untergebracht. Es ist heute noch im gleichen Zustand wie am Ende der Sowjetunion. In mehreren riesigen Räumen sind hunderte Dokumente, Fotos, Gemälde aus Stalins Leben ausgestellt. Stalins Schreibtisch, sein Sitzungszimmer aus dem Moskau Kreml, seine Tabakspfeife usw. Personenkult in reinster Form! Erfährt man dort alles über den Diktator? Alles eben nicht: die durch ihn verursachten Hungersnöte in den 30er Jahren, sein Terror mit Millionen Toten und Gefangenen in den Gulag, sein Versagen am Beginn des 2. Weltkrieges sind mit keinem Wort erwähnt. Eine kritische Aufarbeitung der Vergangenheit findet hier nicht statt. Unser Taxifahrer sah in Stalin einen starken Staatslenker, der wusste, was er will und dieses auch durchsetzte.

Das Gegenbild hierzu bietet das „Museum der sowjetischen Besetzung – von 1921 bis 1991“ auf dem Rustaweli-Boulevard in Tbilisi. In einem großen Raum des Staatlichen Simon-Dschanaschia-Museums wird mit Dokumenten und Fotos an die Unterdrückung Georgiens und die vielen Opfer erinnert. Mir war nicht bekannt, dass es auch in dieser Zeit immer wieder antisowjetische Unruhen gab. Ziel war die (oder eine größere) Unabhängigkeit Georgiens. Stalin selbst hat Georgien, das Land aus dem er stammte, eher vernachlässigt.

Trotz all diesem: wir haben die Tage in Tbilisi genossen. Einen großen Anteil daran haben die freundlichen Menschen, die sofort fragen, ob man Hilfe braucht, wenn man in den verwirrenden Gässchen suchend stehen bleibt. Selbst Kinder (zwei Jungen, 10 und 12 Jahre alt) haben uns in der ersten Nacht zu unserem Hotel geführt, als wir nicht mehr wussten, in welche Seitengasse wir einbiegen sollten. Die üppige Natur mit ihren Blüten und Blumen, die vielen großen Parks, in denen man in der Hitze unter Bäumen ausruhen kann, sie trugen zu unserem Wohlgefühl bei. Wir haben auch die berühmten Schwefelbäder im Viertel Abanotabani mit 48 Grad heißem Wasser und Hautpeeling ausprobiert.

Als sehr ungewöhnlich stellte sich eine Wohltätigkeitsveranstaltung in der Oper unter der Schutzherrschaft von Sophia Loren heraus. Motto: „La Strada“ nach dem Film von Federico Fellini (1954). Auf ein modernes Ballett folgte zur Musik von Nino Roti eine (!) Altistin mit glücklicherweise wohlklingender Stimme, sie sang 40 Minuten (vierzig!) lang klagend ihren Liebeskummer in ein Telefon. Dirigent war Carlo Ponti, Sohn von Sophia Loren. Unser Problem war auch, dass alle Informationen in Georgisch waren und wir ahnungslos in dieses Vergnügen geraten waren.

Die georgische Sprache blieb uns völlig unverständlich, ebenso die harmonische, ästhetische Schrift. Mit Russisch kann man sich gut verständigen, mit Englisch in Hotels und den größeren Restaurants ausreichend.

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Beispiel für die georgische Schrift

Sehr genossen haben abends das Essen im Restaurant Chela, das 400 m über der Stadt bei der Bergstation einer Standseilbahn liegt. Dort ist es immer einige Grade kühler als unten in den heißen, selbst abends noch schwülen Gassen. Wir waren dreimal dort, auch wegen der Aussicht auf die Stadt, in der mit Einbruch der Dämmerung nach und nach die Lichter angingen und die großen Gebäude hell angestrahlt wurden.

Erholung pur war die Woche in Kasbegi. Die Fahrt mit der Marschrutka (Kleinbus, die 155 km kosten 4,20 €) auf der alten Heerstraße war schon das erste Abenteuer. Wenn wir an einer Kirche vorbeifuhren, bekreuzigten sich die meisten Mitreisenden – sicher aus Frömmigkeit. Es hätte aber auch einen anderen Grund haben können: Der Busfahrer hatte nämlich einen sehr mutigen Fahrstil. Er überholte an Bergkuppen und vor Kurven rasant, obwohl er nur eine kurze Sicht auf die Straße vor sich hatte. Oft mussten wir die Luft anhalten und tief durchatmen! Auch standen immer wieder Kühe auf der Straße – am liebsten im Schatten unter Brücken, wo sie schlecht zu sehen waren und den Fahrer zu plötzlichen Brems- und Ausweichmanövern zwangen.

Von unserem „Rooms Hotel“ in Kasbegi hatten wir einen großartigen Blick auf den schneebedeckten 5033 Meter hohen Kasbek und die vor ihm auf 2100 Meter liegende Gergeti Dreifaltigkeitskirche. Die Besteigung des Kasbek dauert zwei bis drei Tage, wir haben uns mit einer dreistündigen Wanderung in Richtung Gipfel begnügt und dabei die jüngeren Wanderer bewundert, die schwer bepackt mit Zelten und Nahrung für mehrere Tage aufstiegen.

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Morgendlicher Blick auf den Kasbek. Der Ort Kasbegi liegt noch im Schatten der Berge. Die Regenwolken kamen erst im Laufe des Tages

 

Abenteuerlich stellten sich Taxifahrten in schwer zugängliche Täler und Dörfer heraus. Gela, ein arbeitsloser Architekt, fuhr uns auf meist steinigen Feldwegen zu unseren Zielen (z.B. für sechs Stunden 40 €), von denen aus wir liefen oder Sehenswürdigkeiten besichtigten. Eine dreistündige Wanderung in einem langen breiten Tal von dem Zehn-Häuser-Ort Juta aus Richtung Chaukhi See und die Einkehr in der Fifth Season Hütte (sie heißt wirklich so) waren eine Erholung für die vom holperigen Fahren strapazierten Knochen.

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Das Ziel: Die Fifth Season Hütte – sehr empfehlenswert

Eine andere Tour führte uns ins weitgehend verlassene Dorf Tsdo und zur russischen Grenze. Dort wurden nach der Wende ein neues Männer- und ein neues Frauenkloster gebaut. Auch bei einer Fahrt zur Grenze vor Südossetien passierten wir in völliger Abgeschiedenheit zwei neugegründete Klöster. Unser Ziel waren Ruinen eines Wehrdorfes in der Nähe einer Grenzstation im Truso Tal, wo wir von einem braun gebrannten georgischen Soldaten mit Kalaschnikow und Fünf-Tage-Bart empfangen wurden, freundlich lächelnd trotz des kriegerischen Aussehens – er war so wie man sich einen echten Kaukasier vorstellt.

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Frauenkloster im Truso Tal

Bemerkenswert ist die Landschaft. Manchmal breite ebene Hochtäler zwischen steilen Berghängen, die bis oben (ca. 2500 m) mit Gras bewachsen wenig blanken Fels sehen lassen. Überwältigend die Blumenfülle, viel Hahnenfuß, Vergissmeinnicht, tief blaue Glockenblumen. Es war eine grüne und bunte Pracht. Dazu kleine flache Flüsse und immer wieder Wasserfälle, die die Hänge herunter rauschen. Das Wasser soll von bester Qualität sein und oft viele Mineralien enthalten, zumindest den Schwefelanteil konnte man manchmal riechen. Bis zur Wende (oder bis zum Krieg 2008?) gab es dort Feldwirtschaft, jetzt werden von den wenigen verbliebenen Bauern noch Kühe und Schafe gehalten. Wir sind durch verlassene und verfallende Dörfer gefahren, „hier sind zehn Häuser, nur eines ist noch bewohnt“.

Meist waren wir rechtzeitig vor den täglichen Regengüssen wieder im Hotel. Dieses war ein Haus der Kette „Design Hotels“, geschmackvoll und gediegen in einem ehemaligen sowjetischen Erholungsheim eingerichtet – was man ihm von außen durchaus ansah. Oft kamen große Reisegruppen mit Bussen für einen Nachmittag und eine Nacht, viele Russen, die im Gegensatz zu den Georgiern die Grenze passieren dürfen, Chinesen, Amerikaner Österreicher und Israelis und auch einige Deutsche.

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Rooms Hotel Kasbegi Aufenthaltsraum

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Die Fassade des Rooms Hotels. Blick nach Süden

Kasbegi ist mehr als nur eine Reise wert. Sollte jemand dorthin kommen, der – wie wir – gern wandert, aber tagelange Rucksacktouren nicht mehr auf sich nehmen kann, für den habe ich einen Vorschlag: Mit dem Taxi zur Gergeti Kirche auf 2100 m Höhe fahren – spart mindestens 90 Minuten Gehzeit – und von dort einige Stunden Richtung Kasbek wandern. Da erreicht man zwar den Gipfel noch lange nicht, aber kommt ihm doch näher – sicher bis zur Schneegrenze! Ich wäre glücklich, wenn mir das noch einmal vergönnt wäre.

Ein wunderbares Land, dem eine friedliche Entwicklung außerhalb der Interessenskämpfe der Großmächte zu wünschen ist.

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Die neuerbaute Sameba Kathedrale in Tbilisi

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Neue Kirche im alten Stil

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Heiße Straße in Tbilisi

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Am Steilufer des Mtkvari in Tbilisi

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Alte Kirche über dem Mtkvari in Tbilisi

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Blick vom Balkon des Hotels Bonus in Tbilisi

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Links der Präsidenten-Palast, rechts ein Ungetüm – die Bauruine eines Konzertsaales

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Tergi-Tal (bei Kasbegi). Der Tergi fließt nach Russland.

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Im Chaukhi-Tal, Blick nach Süden

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 Im Chaukhi-Tal, Blick nach Norden

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Hochfläche auf dem Weg zum Kasbek

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Im Truso-Tal