Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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Gorochowez – eine alte russische Stadt

Russland ist wie eine geheimnisvolle Schatztruhe, in der man immer wieder unerwartet auf Schmuckstücke stößt.

Am 30. April wollten wir mit Lena und Andrej, unseren Freunden aus Sankt Petersburg, in die uns bekannte Museumsstadt Gorodez (Городец) mit ihren schmucken Holzhäusern fahren, aber Roses Kollegin Marina überredete uns, stattdessen das uns nicht bekannte Gorochowez (Гороховец) zu besuchen, es sei eine viel authentischere alte russische Stadt. So fuhren wir, begleitet von Marina, mit dem Bus etwa eineinhalb Stunden in diesen schon im Oblast Wladimir liegenden Ort (80 km von Nischni), in dem Marina ihre Kindheit verbracht hatte – und wir bereuten es nicht!

Gorochowez wurde 1158 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Es war zunächst ein militärischer Stützpunkt an der Kljasma, einem Nebenfluss der Oka. Seine Blütezeit erlebte es im 17. Jh. durch Webereien, Gerbereien und Schmieden. Aus dieser Zeit stammen vier Klöster und viele steinerne Kaufmannshäuser. Die Industrialisierung des 19. Jh. und der Sowjetzeit berührten den Ort nur wenig, das alte Stadtbild blieb weitgehend erhalten.

Das Heilige-Dreifaltigkeits-Nikolai-Männer-Kloster in Gorochowez (Свято-Троице-Никольский Мужской Монастырь)

Hoch über der Kljasma liegt das Heilige-Dreifaltigkeits-Nikolai-Männer- Kloster (Свято-Троице-Никольский Мужской Монастырь), von dem man die Stadt mit ihren Kirchen und Klöstern und jenseits des Flusses das Frauenkloster Erscheinung-Mariä (Знаменский монастырь) bewundern kann.

Blick vom Nikolai-Kloster auf Gorochowez und das jenseits der Kljasma liegende Frauenkloster (Знаменский епархиальный женский монастырь)

Die Dreifaltigkeits-Nikolai-Kirche (Троице-Никольская Церковь) im Kloster ist in dem bei Altgläubigen oft zu findenden Stil einer Kreuzkirche gebaut: auf einem quadratischen Baukörper mit flachem Zeltdach ein hoher Zwiebelturm und vier kleinere.

Dreifaltigkeits-Nikolai-Kirche im Dreifaltigkeits-Nikolai-Kloster in Gorochowez

Im Nikolai-Kloster

Treppen führten hinunter in die Stadt. Auf halber Höhe wies uns ein Schild auf die heilige Quelle zu Ehren der Heiligen Dreifaltigkeit hin und nach wenigen Schritte kamen wir zu einer Anlage mit kleinen Blockhäusern, Bänken und Tischen. In einem mit Kreuzen und Heiligenbildern geschmückten Häuschen floss gut schmeckendes Wasser aus einem Eisenrohr in ein Wasserbecken. Natürlich folgten wir Lenas Rat, eine Plastikflasche mit dem kostbaren Heiligen Wasser zu füllen. Im Nebenhaus stiegen wir – ob nach Pfarrer Kneipp oder nach dem heiligen Nikolai sei offengelassen – bis zu den Knien in ein Tauchbecken. Dann verließ uns der Mut.

Heilige Quelle in Gorochowez

Hinten das Quellhaus, links das Haus mit dem Tauchbecken

Gestärkt an der Seele, was wir hofften, und erfrischt an den Beinen, was wir spürten, stiegen wir hinunter in den Ort, in dem uns als erstes eine Hebewerkzeuge- und Kranfabrik begrüßte. Rasch kamen wir in ein Viertel mit dem Reiz einer Kaufmannsstadt des alten Russland: breite Straßen, gesäumt von Steinhäusern der damaligen Zeit. Eines der ältesten Häuser vom Ende des 17.Jh. ist heute ein Museum. Es wurde von Semen Nikoforowitsch Erschow errichtet, einem Winzer und Händler mit Beeren- und Obstwein. Interessant ist, dass er einer der Altgläubigen war, die sich nach der Kirchenspaltung im 17. Jh. in diese abgelegene Gegend zurückgezogen hatten. Die Altgläubigen seien fleißig, absolut ehrlich und sozial gewesen. Zwischen 1680 und 1700 sind fünf Kirchen und viele Häuser gebaut worden, die teilweise heute noch bestehen.

Kloster Mariä Reinigung (Сретенский монастырь)

Kloster Mariä Reinigung in der Abendsonne am 30.04 2017

Altes Haus in Gorochowez

Vergeblich suchten wir in diesem schönen, um Fremdenverkehr werbenden Ort nach einem gemütlichen Café oder Restaurant. Nach den weiten Spaziergängen in der noch ungewohnten Frühjahrswärme hätten wir eine Rast mit Tee oder Kaffee nötig gehabt. Wir standen vor einem geschlossenen Café. Die Touristeninformation konnte uns nur einen alten Bus empfehlen, der zu einer Art Bistro umgebaut war und wo man nur, etwas beengt sitzend, Bliny (Pfannkuchen) und Okroschka, eine kalte Suppe auf Kwas-Basis (ein ostslawisches Getränk, was durch Gärung aus Brot hergestellt wird; http://www.chefkoch.de/rs/s0/Okroschka/Rezepte.html) aus Plastikgeschirr bekam. Wir haben schon öfter verwundert bemerkt, dass es an touristisch interessanten Orten an einer ansprechenden Gastronomie mangelt.

Aus neuerer Zeit stammt eine Rarität an der Straße M7 von Nischni Nowgorod nach Moskau: ein 1902 gebautes Holzhaus im Jugendstil, in Russisch „русский псевдо модерн“ (Russischer Pseudo-Jugendstil). Die Wände bestehen aus dicken Baumstämmen, die Fenster und Türen sind wie die alten russischen Häuser mit Verzierungen umrahmt, hier mit den Ornamenten und den Formen des Jungendstils. Das Haus wurde von dem Kaufmann Schorin errichtet. Heute ist es eine Volkskunststätte für Näh-, Bastel- und Tanzkurse. Die in der Sowjetzeit als Schule genutzten Räume sind als Museum hergerichtet, auch wenn die ursprünglichen Möbel verloren gegangen sind.

Das Jugendstil-Haus „Dom Schorina“ in Gorochowez

Fenster des Schorin-Hauses

Amüsant zu vermelden: Unsere Führung wurde von aufziehenden Erbsbreigerüchen unterbrochen, die Museumsleiterin rief: „Moja Kascha!“ (Mein Brei) und lief in die Küche. Das russische Wort für Erbse lautet „Гороx“ (Goroch) und der ähnlich klingende Ortsname hat wohl seine Herkunft vom früheren Erbsenanbau. Deshalb sind im Stadtwappen Erbsen-Pflanzen dargestellt.

Die ortskundige Marina verschaffte uns außer diesen architektonischen Eindrücken noch ein besonderes Naturerlebnis. Sie führte uns zum „Лысая Гора“ (Kahler Berg), einem baumlosen Bergsporn über der Kljasma. Uns bot sich ein faszinierender Blick auf den natürlichen, leicht mäandernden Fluss und die weite waldige Moorlandschaft, ungestört von Siedlungen oder Straßen. Und das bei strahlendem Sonnenschein an dem ersten warmen Tag dieses Jahres. Eine Familie mit einem großen Fernglas sah in der Ferne Elche. Wir genossen unser Picknick, es war eine Idylle.

Picknick am „Kahlen Berg“ bei Gorochowez, Blick auf die Kljasma nach Westen

Blick nach Osten vom Kahlen Berg bei Gorochowez (aufgenommen am 30.04.2017)

Wir verstanden den Regisseur Michalkow, der in Gorochowez zwei seiner Filme gedreht hat («Утомлённые солнцем» „Die Sonne, die uns täuscht“ und «Солнечный Удар» „Sonnenstich“) und einen Schauspieler ausrufen lässt: „Hier ist Russland am schönsten!“

Straße in Gorochowez

An der Straße M7 von Nischni Nowgorod nach Moskau

Nachtrag für alle, die Freude an alten Büchern haben: Bei der Suche nach Informationen über Gorochowez stieß ich in Internet auf ein Buch mit dem Titel:

„Vollständige und neueste Erdbeschreibung des Russischen Reichs in Europa nebst Polen mit einer Einleitung zur Statistik des ganzen Russischen Reichs.  Bearbeitet von Dr. G. Hassel“. Erschienen 1821 in Weimar im Verlage des Geographischen Instituts.

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Der 8. und der 9. Mai 2017 in Moskau

Die elfte Reise nach Moskau in den zweieinhalb Jahren unseres Russlandaufenthaltes galt der Feier des 8. Mai. Der erste Metro-Zug am Kursker Bahnhof in Moskau empfing uns martialisch mit Fotos und Plakaten zum Tag des Sieges: an den Türen Bilder von Waffen und russischen Soldaten aus dem 2. Weltkrieg und im Wagen Beschreibungen der großen siegreichen Schlachten. Allerdings haben wir bei den fünf weiteren Metro-Fahrten dies nicht mehr gesehen, da hing in den Wagen wie in der Vergangenheit vor allem Werbung, unter anderem für (billige?) Kredite mit 12,5 % Zinsen.

Die Stadt war für den großen russischen Feiertag üppig geschmückt. Das oft zu sehende offizielle Logo bestand aus den Worten „Tag des Sieges 9. Mai“ und dem Georgsband aus dem weiße Blüten wachsen. Groß prangte es auf den hellblauen Rückwänden der „Public Viewing“ Bildschirme für die Übertragung der Parade auf dem Roten Platz.

Das diesjährige Logo zum Tag des 9.Mai

In vielen Schaufenstern hingen kleinere Formate in verschiedenen Ausführungen. Wie immer bei solchen Festen waren in den Fußgängerzonen und auf den Plätzen viele Pavillons mit Cafés, Verkaufsbuden und kleine Bühnen aufgebaut. Im Rahmen des Moskauer Frühlings sangen an 49 Stellen in der Stadt a capella Gruppen. In der Nähe unseres Hotels ein georgisches Trio in landesüblicher Tracht mit den stilisierten Patronengürteln über der Brust.

Nach einem ausgezeichneten (frühen) Abendessen am Vorabend unseres Festes im besten usbekischen Restaurant Moskaus „Weiße Wüstensonne“ mit Plov, Reis und Fleischspießen – ohne die später dort zu bewundernde Bauchtänzerin – gingen wir in die Tschaikowski-Philharmonie am Triumphplatz zu einem Gala-Chorkonzert, das im Rahmen des 16. von Waleri Gergijew geleiteten Moskauer Osterfestivals (ХVI Сезон Пасхальный Фестиваль) stattfand.

Schlussauftritt aller Chöre im Tschaikowski-Saal

Aus Russland waren ein St. Petersburger und ein Moskauer Chor zu hören, die anderen Chöre kamen aus Sofia, Stockholm, Tiflis, Prag. Der tschechische Jugendchor aus Prag belebte das eher ernste Programm mit volkstümlichen Weisen und Tänzen. Besonders beeindruckte uns der georgische Jugendchor Mdslewari  (kein Tippfehler) mit seinen kräftigen Stimmen und ungewohnten, sich leicht reibenden Harmonien vor allem in den Oberstimmen. Auch sonst war das Programm sehr vielseitig, es reichte von einer achtstimmigen Madrigale von Diletzki aus dem 17. Jh. (gesungen von den dreizehn Sängern vom „Chor der sieben Heiligen“ aus Sofia), schwedischen Sommerliedern bis zu alten und modernen Kirchenliedern der russischen Ensembles. Am Schluss sangen alle Chöre stimmkräftig einen österlichen Choral „Christus ist auferstanden“.

Nach diesem gebührenden Auftaktabend wollten wir am nächsten Tag, unserem Festtag, die Mjasnizkaja Uliza mit ihren Jugendstil-Häusern, dem konstruktivistischen Centrosojus-Haus von Le Corbusier und dem vom Teehändler Perlowa errichteten Teehaus im chinesischen Stil ansehen. Wir gingen trotz schlechten Wetters los, doch es war – gelinde gesagt – wenig genussreich: die Schirme behinderten die Sicht und Fotografieren war wegen des Regens kaum möglich. Als es dann auch noch in dicken Flocken zu schneien begann, gaben wir auf und flüchteten –  weil Museen montags auch in Moskau geschlossen sind – zurück in unser Hotel Budapest. Die a capella Gruppen ließen sich offensichtlich weder vom Wind, noch von Schnee oder Kälte stören. Auf der Kusnetzski Most sangen junge Russen in Winterkleidung und geschützt von der Konzertmuschel vor einem spärlichen Publikum.

Rose lauscht unter blauem Schirm dem Gesang

Dennoch war der Tag für uns noch nicht verloren. Mitternacht war schon überschritten, als wir uns nach einem anregenden Abend mit Freunden bei leichtem Regen auf den Heimweg machten – zu Fuß, aus Drang nach Bewegung. Nachts sieht die Welt anders aus, vor allem wenn Straßenbauarbeiten auf dem Boulevardring zu Umwegen zwingen. Wir ahnten nicht, dass wir einen jungen Mann mit unserer Frage nach dem Weg glücklich machen. „Was, ihr seid Ausländer? Und ihr lauft hier nach Mitternacht bei Regen herum! Und wollt kein Taxi! Und sprecht Englisch?“ Da machte er buchstäblich einen Freudensprung. „Ich habe seit vielen Jahren kein Englisch mehr gesprochen. Darf ich euch ins Hotel begleiten?“ Er rief sofort seine Frau an und erzählte ihr von seinem Glück. Und dann umtanzte er uns förmlich, lief rückwärts vor uns her und radebrechte drauf los. Unbegreiflich für ihn, dass Deutsche aus Stuttgart keinen Porsche oder mindestens Mercedes fahren. Er bedauerte, uns sagen zu müssen, wie sehr er sich freue, dass Russlands Hockey-Team die Deutschen soeben 6 : 3 besiegt habe, und das ein Tag vor dem 9. Mai! Kurzweilig unterhalten und ziemlich durchnässt kamen wir nach einer dreiviertel Stunde schließlich in unser Hotel und so endete Roses Festtag, ihr halbrunder Geburtstag, vergnüglicher als es das unfreundliche Wetter erwarten ließ.

Stellwände mit Kriegserinnerungen auf dem Boulevardring, nachts um eins

Am Dienstag dann der 9. Mai, der Tag des Sieges, der große Feiertag in Russland! Der Rote Platz war weiträumig abgesperrt, selbst auf den Theaterplatz und auf die Twerskaja kam man, für uns unerwartet, nur mit einem Passierschein. So gelang uns auch kein Blick auf einen der Bildschirme, die wir tags zuvor gesehen hatten und damit auch nicht auf die Parade. Selbst „Безмертный Полк“, das „Unsterbliche Regiment“ blieb uns verwehrt. Bei diesem Umzug tragen die Teilnehmer Fotos der Gefallenen – und wie wir auf den Schildern gesehen haben – auch überlebender Kriegsteilnehmer des 2. Weltkrieges. Diese Erinnerung an die Angehörigen ist bei der Bevölkerung beliebter als die Militärparaden und findet in allen Städten statt. Auch in Nischni Nowgorod war der Zug – wie uns berichtet wurde – sehr eindrucksvoll.

Mit vielen anderen liefen wir zunächst etwas enttäuscht herum, vorbei an Händlern und kleinen Verkaufsständen, die Fahnen in den russischen Nationalfarben und mit dem 9.Mai-Logo anboten, sowie Georgsbänder und die typischen olivfarbenen Militärmützen, die Pilotkas (Пилотка). Das Wetter war sehr kühl und feucht, aber es regnete nicht immer.

Warten auf den Beginn des Umzuges oder auch ohne Passierschein?

Nachdem wir eine der nicht geschlossenen Metrostationen gefunden hatten, fuhren wir zur „ВДНХ“, der früheren „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“. Auf einem Gelände in der Größe einer Weltausstellung stellte sich jede Republik der Sowjetunion in einem eigenen Pavillon vor, der meist ein riesiges Gebäude war. Jetzt wird der Park für Ausstellungen, für die Erholung und für Messen genutzt.

Ausstellungsgebäude im БДНХ-Park: „Russland – Meine Geschichte“

Von der Metrostation läuft man gut eine halbe Stunde vorbei an dem Kosmonauten-Denkmal bis zum Ausstellungspavillon für die Geschichte Russlands, die dort wird in drei Teilen behandelt wird: die Dynastien der Ruriks, der Romanows und die Zeit der Sowjetunion von 1917 bis 1945. Ein weiterer Abschnitt, von 1945 bis 2000, wird noch in diesem Jahr eröffnet. Mit einem Audioguide in Englisch war die Ausstellung auch für mich höchst interessant. Auf einer als Zeitleiste gestalteten Wand sind die Ereignisse chronologisch dargestellt, davor interaktive Bildschirme, auf denen man in Russisch detaillierte Informationen abrufen kann. Auf der gegenüberliegenden Seite Schautafeln mit Statistiken, Texten und Fotos zu Personen und Ereignissen und immer wieder interaktive Bildschirme. In kleineren Räumen laufen Filme oder es werden einzelne Themen behandelt. Regelmäßig gibt es für bestimmte Zeitabschnitte eine Graphik, in der die Fläche, die Einwohnerzahl und das Bruttoinlandsprodukt der Sowjetunion dargestellt sind. Alles sehr informativ, modern präsentiert; es ist verständlich, dass russische Freunde dort einen ganzen Tag verbrachten.

Infographiken über Fläche, Einwohnerzahl und Bruttoinlandsprodukt 1940 und 1945

Als ein weiteres Beispiel für die Art der Darstellung ein Ausschnitt der Zeitleiste vom Sommer 1939. Unter anderem sind da aufgeführt: Der Molotow-Rippentrop-Vertrag vom 23. August, der Beginn des 2. Weltkrieges am 1. September, die Besetzung der Westukraine und Weißrusslands durch die Rote Armee am 17. September und der Russisch-Finnische Krieg vom 30. November bis 12. März 1940.

Der Sommer 1939 in der Ausstellung

Glücklich erreichten wir abends unseren Zug nach Nischni am Kursker Bahnhof. Glücklich, weil wir trotz des nassen und kalten Wetters und des für uns nicht zugänglichen Stadtzentrums wieder viel Interessantes in Moskau erlebt hatten, aber auch glücklich, dass wir den Zug trotz eines großen Umweges gerade noch erwischten. Denn leider hatten uns nicht einmal die Wachtposten sagen können, wann und wo die Absperrungen aufgehoben werden und welche Metrostationen geschlossen sind. Der Zug fuhr ab, zwei Minuten nach dem wir eingestiegen waren.

Erster Raum der Ausstellung: Ende des Zarenreiches

Karte mit den Lagern des Gulag 1946, Zahl der Häftlinge: 1 355 739

Maiakowski Denkmal am Triumph Platz (7. Mai 2017)

Mit allen Symbolen ausgestattet: Fahne mit Logo, Georgsband und Käppi

Partisanen, Foto von der Plakatwand am Boulevardring 

Schulnotizen zum 9. Mai

Meine Schüler haben durchweg ein unambivalentes Verhältnis zum 9. Mai: ‚Es ist ein sehr schöner und großer Feiertag‘. ‚Wir sind stolz und dankbar, dass unsere Urgroßeltern das Land von den Faschisten befreiten.‘ ‚Wir möchten uns erinnern, und ihnen danken.‘

Wie sie mit ihren Familien den Tag verbringen? Sie legen Blumen am ewigen Feuer im Kreml nieder, schauen die Moskauer Parade im Fernsehen an, essen gut, sehen mit der Familie alte Fotoalben an, singen Kriegslieder. Wobei man wissen muss, dass diese Lieder nichts Chauvinistisches haben. Das berühmteste, „Katjuscha“ ist auch in Deutschland bekannt und hat Volksliedcharakter. Es erzählt von der treuen Geliebten, Katjuscha, die die Liebe schützt, während ihr Geliebter das Vaterland beschützt. Meistens aber sind die Lieder von einer tiefen Trauer (über den Sohn, Mann, Vater, der nicht aus der Schlacht zurückkam (»Он не вернулся из боя…»). Sie handeln von der Anonymität des Sterbens («На братских мотилах не ставят крестов»), von Opferbereitschaft, Kameradschaft, Tapferkeit.

Letztes Jahr besuchten wir ein Konzert von Kriegsliedern in der Oper. Dies ist der passende Rahmen. Hier wird keine Marschmusik gespielt, eher Romanzen und Chansons. Oft sind sie voller Poesie. Um die Stimmung zu zeigen, möchte ich hier eines der berühmtesten Lieder von Mark Bernes abdrucken, das kongenial ins Deutsche übersetzt wurde. Man kann es gleichzeitig unter folgendem Link als YouTube Film anschauen und hören:

https://www.youtube.com/watch?v=XZZHISSfHv4

Zhuravli (Журавли)

Мне кажется порою, что солдаты,

С кровавых не пришедшие полей,

Не в землю нашу полегли когда-то,

А превратились в белых журавлей.

 

Они до сей поры с времен тех дальних

Летят и подают нам голоса.

Не потому ль так часто и печально

Мы замолкаем, глядя в небеса?

 

 

Летит, летит по небу клин усталый,

Летит в тумане на исходе дня,

И в том строю есть промежуток малый,

Быть может, это место для меня.

 

Настанет день, и с журавлиной стаей

Я поплыву в такой же сизой мгле,

Из-под небес по-птичьи окликая

Всех вас, кого оставил на земле.

 

 

Мне кажется порою, что солдаты,

С кровавых не пришедшие полей,

Не в землю нашу полегли когда-то,

А превратились в белых журавлей..

———————————

 

Автор текста: Расул Гамзатов

Композитор: Ян Френкель

Исполняет: Марк Бернес

 

Kraniche

Ich denke manchmal, unsere Soldaten –

dahingemäht auf blutdurchtränktem Feld –

Ruh’n nicht, wo Kameraden sie verscharrten:

Sie sind nun Kraniche am Himmelszelt.

 

Laut rufend zieh’n sie ständig ihre Bahnen

Als weiße Kraniche seit eh und je.

Und weil wir unbewusst die Nähe ahnen

Schau’n wir betrübt und schweigend in die Höh‘

 

Dort fliegen sie und fliegen, unsre Lieben

Im Nebel bis ans Ende ihrer Zeit.

Ein kleiner Zwischenraum ist nur geblieben –

Vielleicht hält man den Platz für mich bereit?

 

 

Dann zög‘ auch ich an trüben, grauen Tagen

mit ihrem Schwarm, der mir die Richtung wies,

Würd‘ aus der Höhe vogelartig klagen

Euch rufend, die auf Erden ich verließ.

 

Ich denke manchmal, unsere Soldaten-

dahingemäht auf blutdurchtränktem Feld –

ruh’n nicht, wo Kameraden sie verscharrten:

Sie sind nun Kraniche am Himmelszelt.

 

 

Autor des Textes: Rasul Gamzatow

Komponist: Jan Frenkel

Interpret: Mark Bernes

 

 

Nicht so poetisch, aber sehr pazifistisch ist auch das Lied „Für den Rest des Lebens“ – «На всю оставшуюся жизнь»

https://www.youtube.com/watch?v=EwMna0eDdvw

Автор: В.Баснер—П.Фоменко,Б.Вахтин

Альбом: Звездопад

 Сестра,ты помнишь как из боя Меня ты вынесла в санбат? Остались живы мы с тобою В тот раз, товарищ мой и брат. На всю оставшуюся жизнь Нам хватит подвигов и славы, Победы над врагом кровавым,- На всю оставшуюся жизнь. 

 

 

Горел Днепр, Нева и Волга, Горели небо и поля… Одна беда, одна тревога, Одна судьба, одна земля… На всю оставшуюся жизнь Нам хватит горя и печали. Где те, кого мы потеряли На всю оставшуюся жизнь? 

 

 

Сестра и брат…Взаимной верой Мы были сильными вдвойне. Мы шли к любви и милосердию В немилосердной той войне. На всю оставшуюся жизнь Запомним братство фронтовое, Как завещание святое На всю оставшуюся жизнь.

 

 

 

 

 

Schwester, erinnerst du dich, wie du mich auf der Bahre aus der Schlacht getragen hast? Dieses Mal sind wir am Leben geblieben, wir zwei, und auch mein Kamerad und Bruder.

Für den Rest des Lebens

Haben wir genug von Heldentaten und Ruhm,

vom Sieg über den blutigen Feind,-

für den Rest des Lebens.

 

Es brannte der Dnepr, die Newa und die Wolga, es brannten der Himmel und die Felder…

Nur Leid, nur Аngst,

nur Schicksal, nur Erde…

Für den Rest unseres Lebens

Reichen uns der Schmerz und die Trauer.

Wo sind die, die wir verloren haben

Für den Rest unseres Lebens?

 

Schwester und Bruder….im gegenseitigen Glauben waren wir doppelt so stark.

Wir gingen zu Liebe und Barmherzigkeit

In diesem erbarmungslosen Krieg.

Für den Rest unseres Lebens

Erinnern wir uns an die Brüderlichkeit an der Front, wie ein heiliges Vermächtnis

Für den Rest unseres Lebens.

 Alles in allem ist der 9. Mai ein heiliger Feiertag. Es geht es hier um große Gefühle.

Aber es gibt noch andere Aspekte. Meine Geschichtslehrer-Kollegin beklagt, dass die Schüler in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg voller Emotionen, aber ohne Wissen sind. Andere Kollegen haben ein gespaltenes Verhältnis zu den Paraden, die in postsowjetischer Zeit 2005 wiederaufgenommen wurden und wuchtige Demonstrationen militärischer Stärke darstellen. Freunde kritisieren die Militarisierung schon im Kindergarten, wo die kleinen Jungen in Soldaten- und die kleinen Mädchen in Krankenschwester-Uniformen zum Erinnerungsfoto aufgestellt werden. Oder den seit einiger Zeit öfter zu hörenden Spruch: »Можем повторить» – „Wir können das wiederholen.“ 

Das Wachpersonal an unserer Schule sind durchweg Armee- (nicht Kriegs-) Veteranen. Einer von ihnen besuchte auch unser Stück „Komm wieder, aber ohne Waffen“ und war zutiefst beeindruckt. Am 7. Mai schenkte er mir zwei Pralinen mit dem Kommentar: Frau Rosa, früher haben wir euch verdroschen, aber jetzt möchte ich Ihnen das schenken, «от душы» – aus tiefster Seele.

 

 

 

 

 

 

Farbtupfer an Schule und Hochschule

Nach der ereignisvollen Woche mit dem Projekt „Komm wieder, aber ohne Waffen“ tritt bei uns der Alltag ein. Uns wird auch bewusst, dass sich unsere Zeit in Nischni langsam dem Ende zuneigt. Genau heute in vier Monaten fliegen wir nach Deutschland zurück. Und wenn wir uns auch auf Familie und Freunde, auf Fahrrad und Wandern freuen, so stellt sich doch so etwas wie Abschiedswehmut ein.

In Deutschland werden wir die vielen kleinen Erlebnisse nicht haben, die uns hier als gern gesehenen Ausländern immer wieder begegnen. So wird mir der Friseur sicher den Lohn für seine Arbeit ohne weiteres abnehmen. Hier wollte die junge Friseurin in dem kleinen Laden nebenan kein Geld von mir, weil sie es so aufregend fand, einem Ausländer die Haare schneiden zu können. Sie nannte auch keinen Preis und nahm die Scheine erst nach langem Zögern.

Auch die unerschöpfliche Quelle für überraschende Beobachtungen in der Straßenbahn wird sich in Deutschland nicht auftun. Beispiele: Durch einen Stau kommt die Tram nur schrittweise voran. Das nutzt der Fahrkartenschaffner, um nach einem kurzen Gespräch mit der Fahrerin auszusteigen und bis zur nächsten Ampel nebenherlaufend eine Zigarette zu rauchen. Oder die Schaffnerin, die die Zugestiegenen nur nach jeder zweiten Haltestelle abkassiert, weil sie auf dem in allen Wägen reservierten Platz für den Kondukteur sitzt und ein offensichtlich spannendes Buch liest.

Und nicht zuletzt die Fußgängerzone Bolschaja Pokrowskaja, die immer heiter zu sein scheint mit ihren Verkaufsständen, Musikern, Prospektverteilern,  auf der es aber auch häufig politische Aktionen gibt.

Am letzten Samstag standen in der Nähe des Theaters in gebührendem Abstand voneinander sieben junge Menschen, die mit Schildern in den Händen gegen die Verfolgung der Teilnehmer an die von Nawalny organisierten Antikorruptionsdemonstrationen protestierten. Es ist hier erlaubt, als Einzelner mit Plakaten für seine politischen Ansichten zu werben, mehrere Personen müssten für ihre Aktion eine Genehmigung einholen. So haben wir schon öfter einzelne Personen stehen sehen, die auf Plakaten ihre Forderungen erheben.  Dabei gibt es ein weites Themenspektrum von der Freilassung von Angehörigen aus der Haft bis zur Rehabilitierung von Stalin.

Einer der sieben Protestierenden auf der Bolschaja Pokrowskajа (22.04.17)

Eineinhalbtausend Festnahmen in Russland, über tausend in Moskau, über 40 in Nischni. Strafen von 10 – 20 Tausend Rubeln. Strafverfahren. Was ist das? (gemeint ist: was machen wir hier?) Ein Staats-Umsturz? Nein, es ist ein Meeting gegen Korruption.

Auf anderen Plakaten wurde gegen den politischen Druck protestiert, dem Schüler, die an den Demonstrationen teilnahmen und deren Eltern ausgesetzt sind. Oder es wurde gefragt, warum das in der Verfassung garantierte Recht auf Demonstrationen nicht eingehalten wird. In den Diskussionen haben vor allem ältere Leute den Erfolg dieser Aktionen bezweifelt, denn: „In allen Ländern dieser Welt gibt es Korruption“ und: „Gerechtigkeit gibt es nur im Himmel.“

Zu diesen Beobachtungen passt eine Information aus dem Blog Erlangenwladimir.wordpress.com vom 22.04.17. Dort schreibt Peter Steger:

„Seit gestern hat Alexej Nawalny auch in Wladimir eine Vertretung, von wo aus sein Wahlkampf um das Präsidentenamt im nächsten Jahr unterstützt werden soll. Derzeit bereist der Oppositionspolitiker die Hauptstädte des Goldenen Rings, um – wie in allen Regionen des Landes – Büros zu eröffnen. (Einschub von mir: Das gilt dann wohl auch für Nischni). .……. Bei aller Kritik also, die man äußern mag, ist die russische Demokratie doch lebendig genug, auch einen derart umstrittenen Kopf um Stimmen werben zu lassen.“

Die Diskussionen hatten uns durstig gemacht, wir gingen nach einem Spaziergang entlang der Kremlmauer in das Restaurant „Expedizia“ unterhalb des Kreml, ein Lokal von dem man einen schönen Blick auf die Wolga hat. Mit einem echten Hubschrauber, einer künstlichen Jurte und drei noch künstlicheren Eisbären ist es ungewöhnlich ausgestattet. Es bietet Speisen und Delikatessen aus den nördlichen und östlichen Regionen Russlands an. Alles ist sehr exquisit: Wir tranken einen Tee aus 36 sibirischen Kräutern, wirklich ungewöhnlich guter Geschmack, ungewöhnlich auch der Preis von 600 Rubel (10 Euro) für 0,8 Liter. Aber wieder eine gern gemachte Erfahrung in diesem Land der Gegensätze!

Promenade an der Westmauer des Kreml mit Blick auf die Wolga

Schulnotizen

Letzten Freitag wurde der Film, den zwei Kamerateams während Wolfgang Morells Aufenthalt in Nischni aufnahmen, innerhalb der Hauptnachrichten von NTV um 19 Uhr gesendet. Gezeigt wurde das Wiedersehen von Wolfgang, dem ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen und Zhanna, der ehemaligen Komsomolzin nach 68 Jahren! Es ist ein bewegender Film, auch für Leute, die den russischen Kommentator nicht verstehen: http://www.ntv.ru/novosti/1798545/. Der Film kann demnächst auch unter YouTube angesehen werden, Titel: „Wolfgang Morell und Zhanna Woronzowa“.

Aber auch sonst hatten die letzten Wochen außer dem Projekt einige ‚Farbtupfer‘ aufzuweisen:

Am Tag vor dem 23. Februar, dem Tag des Vaterlandsverteidigers, wurde bei uns an der Schule der ‚König der Schule‘ gekürt. Ein zweistündiges Programm, in dem die Mädchen den Jungs bewundernde Lieder sangen, und die Jungs ihre Männlichkeit beweisen mussten: Wer kann am besten Nägel einschlagen? und: Wer ist der Stärkste beim Armdrücken…?

Am 18. März, nach dem internationalen Frauentag am 8.3. wurde dann die ‚Königin der Schule‘ gesucht und gefunden: Wer kann jeweils innerhalb von 3-5 Minuten am besten Knöpfe annähen, mit 250 Rubel den attraktivsten Einkaufszettel für ein Frühstück zu zweit erstellen, die kreativste Glückwunschkarte zum 8. März anfertigen, seinen Traummann zeichnen? Und dann – im zweiten Teil – den besten Beitrag für ein Konzert (Tanzen, Singen) liefern? Abgesehen davon, dass beide Veranstaltungen zeigten, dass hierzulande die Welt bezüglich der Rollenverteilung noch in Ordnung ist, zeugten vor allem die kreativen Teile von großer Meisterschaft: Die Karten und Zeichnungen, die professionelle Art zu tanzen und zu singen machten wieder einmal bewusst, wo unsere Schülerinnen und Schüler die Nachmittage (zweimal die Woche, drei bis vier Stunden) verbringen: in einer Kunst- Musik- oder Tanzschule. Diese sind – ein Relikt aus sowjetischer Zeit – fast kostenlos und werden immer noch von der Bevölkerung sehr angenommen.

     

 

Auch an der Linguistischen Universität gab es zwei Wettbewerbe, bei denen ich in der Jury war. Der erste – der Phonetik-Wettbewerb war, dem trockenen Namen zum Trotz – sehr kurzweilig. Im ersten Teil sollten die Studentinnen und Studenten des 1. Studienjahres ein Gedicht ihrer Wahl aufsagen; im zweiten Teil einen unbekannten Prosatext, den sie wie ein Los zogen, unvorbereitet lesen. Interessant für Jury und Zuhörer waren die Gedichte (Schiller, Goethe, Heine, Rilke, aber auch Mascha Koleko…) vor allem durch die phantasievolle Art der Präsentation: durch ein Frühlingskleid, passende Hintergrundbilder… Denn, um das Alltagsgeschäft der Phonetik ging es auch im 1. Studienjahr schon nicht mehr. Klassische Probleme wie das rollende ‚R‘, zu stimmhafte Konsonanten oder falsche und zu kurze Vokale (Man muss das Läbben äbben nämmen, wie das Läbben äbben ist!) hatte man längst überwunden.

Beim 2. Studienjahr wurden im ersten Teil dann keine Gedichte, sondern selbstgewählte Prosatexte auswendig deklamiert. Die Auswahl reichte von einem Auszug aus dem Kommunistischen Manifest („Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“) über Kafka („Brief an Felice“), Klaus Mann („Mephisto“) bis zur „Blechtrommel“ von Günter Grass.

Zwei Wochen später durfte ich bei einem weiteren, höchst vergnüglichen Wettbewerb an der Linguistischen Universität in der Jury mitstimmen: Dem Festival des deutschen Liedes. Teilnehmer waren sowohl Schüler als auch Studenten. Hier die Fotos der Preisträger.

„Alle Vögel sind schon da“ erhielt den 3. Preis in der Gruppen-Kategorie

 2. Platz: „Was wollen wir trinken 7 Tage lang?…“ (von der holländischen Gruppe Bots, 2000)

 Den 1. Preis in der Kategorie „Solo“ bekam ein kleines Mädchen mit einem Jahreszeitenlied. 

Das Foto des 1. Preises der Gruppen-Kategorie fehlt: Schüler aus unserer Schule mit dem Lied: „Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann“ (Erinnert ihr euch: Trude Herr, 1965). Die Bühnenshow war so atemberaubend, dass ich vergaß zu fotografieren.

Und ansonsten: eine nette Feier zum 55. Geburtstag im Lehrerzimmer…

 

…und Ostern in der 3. Klasse:

 

 

 

 

 

 

Essen in Russland – Dolmetscher Wettbewerb

 

Neulich fragte mich ein Freund, was man in Russland eigentlich esse. Deshalb hier auf Basis unserer Erfahrungen einige Betrachtungen zu diesem unerschöpflichen Thema. Weil wir vieles nur streifen konnten, werden wir in Kürze in einem zweiten Teil noch einiges schreiben zu diesem, wie gesagt, unerschöpflichen …………..!

Suppen spielen in der russischen Ernährung eine herausragende Rolle. Die wichtigsten sind Borschtsch (Борщ), Soljanka (Солянка), und Schtschi (Щи). Borschtsch, die bekannteste dieser drei, wird mit Rote Bete, Weißkraut und Kartoffeln zubereitet, auch mit Fleisch, obwohl es nicht immer viel sein muss.

Soljanka ist eine Suppe mit reichlich Fleisch. Es wird behauptet, dass sie nur mit acht verschiedenen Fleisch- und Wurstsorten echt sei, aber wir haben sie auch mit nur einer Fleischart lecker gefunden. Möhren und Kartoffeln gehören hinein, auch Tomaten und Oliven.  Salzgurken und eine Zitronenscheibe geben ihr einen säuerlichen Geschmack.

k-77-ber-2Zutaten und fertige Soljanka nach Kochbuch Русская Кухння 2.0

Schtschi, eine Weißkrautsuppe, kommt unserer deutschen Krautsuppe am nächsten.

Zu all diesen Suppen gibt es immer Smetana, eine saure Sahne, die in verschiedenen Fettstufen (10 bis 30%) angeboten wird. Bei Borschtsch wird Dill darüber gestreut, neben Petersilie ein beliebtes Gewürz. Beide kann man das ganze Jahr über frisch zu kaufen.

Sehr wichtig für das russische Essen sind Salate, die häufiger als bei uns mit Mayonnaise angemacht sind und seltener mit Essig und Öl. Blattsalate werden weniger gegessen als in Deutschland, auch bei privaten Einladungen werden sie kaum angeboten. In den meisten Lebensmittelgeschäften gibt es Salattheken mit einem vielfältigen Angebot.

k-77-ber-3Neun Salate im Angebot beim Minimarkt Kyrillowski. Die Preise für die Salate (links) gelten pro 100 g, rechts für die Wurstwaren pro Kg. (z.Zt. 70 Rubel = 1 €)

Wir lieben Olivie (Оливье), einen Salat mit Kartoffeln, Möhren, Erbsen und Fleisch in Mayonnaise. Der Name hat nichts mit Oliven zu tun, sondern kommt von dem französischen Koch Lucien Olivier. Auch Winegret (Винегрет), ein Salat mit Rote Bete, Erbsen und Kartoffeln und ohne Mayonnaise essen wir oft. Ebenso Hering unterm Mayonnaise-Mantel (Сельд под Шубой). Mimosen Salat (Мимоза) bekommt durch Eier seine gelbe Farbe, die an die Blüten der Mimose erinnert. Salat aus geraspelten Möhren und eingelegte Pilze finden sich in den meisten Läden.

Gurken und Tomaten gibt es das ganze Jahr über, beim Geschmack sind die Unterschiede, wie bei uns, groß. Ein grüner Blattsalat, der dem Römersalat ähnelt und keine Köpfe bildet, wird mit Wurzeln in kleinen Plastiktöpfen verkauft. Eisberg-Salat ist das ganze Jahr über zu bekommen, ebenso Chinakohl.

Als Salat wird auch marinierter Weißkohl (Капуста) gegessen, leicht gewürzt mit Möhren, Kren oder Moosbeeren. Sehr hat uns überrascht: Hier im Lande des Weißkohls gibt es kein Sauerkraut in unserem Sinne. Zu den Vorspeisen gehören außer Salaten auch Wurst- und Käseplatten, die übervollen Tische mit Köstlichkeiten dieser Art sind ja sprichwörtlich.

k-77-ber-5Reich gedeckter Tisch

Auch Piroschki und Pelmeni sind sehr beliebt. Piroschki sind gebackene Teigtaschen aus Hefeteig mit Füllungen aller Art: Fleisch, Kraut, Gemüse, Pilzen. Pelmeni sind ursprünglich aus Tatarstan und Sibirien stammende, in Wasser oder Brühe gekochte und mit Fleisch gefüllte kleine Teigtaschen aus Nudelteig, den italienischen Cannelloni nicht unähnlich.  Wir haben immer eine Packung davon im Gefrierfach, weil sie sich in kochendem Wasser schnell zubereiten lassen. Auch auf allen Speisekarten sind sie zu finden.

k-77-ber-6Pelmeni, Smetana mit Dill, Winеgret

Die besten Pelmeni bekommen wir in dem Café beim Freiluftmuseum Scholkowski Chutor. Beim ersten Besuch dort waren wir vom 70er Jahre Charme des Gastraumes wenig begeistert, aber als wir die Speisen probierten, vergaßen wir die etwas nüchterne Einrichtung. Von der Bedienung erfuhren wir, dass das Lokal von einem Fleischer betrieben wird, der die Pelmeni selbst herstellt. Wunderbar!

Unsere Freundin Dorothe und ich, beide nicht Russisch sprechend, machten in Wladimir mit Pelmeni eine gegenteilige Erfahrung. Uns wurde in einem Lokal eine besondere Spezialität angepriesen: schwarze Pelmeni mit Rentierfleischfüllung. Wir ließen uns verlocken, ein interessanter Versuch, der jedoch völlig schiefging! Das Fleisch hatte einen strengen Geschmack, war umgeben von einer festen schwarzen Hülle, die hart war und ebenfalls, gelinde gesagt, ungewöhnlich schmeckte. Sie bestand angeblich aus „Kirschmehl“. Die Bedienung, mit der wir uns nur in Englisch verständigen konnten, sagte immer wieder „Cherry“. Wir verzichteten auf den Genuss und buchten dies unter „Vorsicht bei Spezialitäten“ ab.

Eine weitere beliebte Teigspeise sind Blini, die russische Art von Pfannkuchen. Sie werden dünn ausgebacken und mit verschiedenen Aufstrichen zusammengerollt gegessen. Wir haben sie schon mit Hackfleisch, Quark, Butter, Honig oder Warenje (dünne Marmelade) angeboten bekommen. Es gibt sie auch mit Fisch oder Kaviar – und das sogar zum Frühstück! Die runden, goldgelben Blini sind eine wichtige Speise in der Faschingszeit (Masleniza), da sie die Sonne symbolisieren.

Die russische Sitte, schon morgens ein volles Menu mit Fleisch, Fisch, Kartoffeln, Kascha (Brei aus Reis, Haferflocken, Gries oder Buchweizen) und Suppen zu essen, haben wir nicht übernommen. Wir sind bei unserem gewohnten Frühstück mit Müsli, Obst, Ei und Brot geblieben.

Die Hauptgänge unterscheiden sich wenig von den westeuropäischen Speisen. Fisch oder Fleisch mit Kartoffeln, Reis, Nudeln oder Buchweizen als Beilage. Bei der Qualität gibt es – wie überall auf der Welt – von Lokal zu Lokal große Unterschiede und ebenso sind teure Restaurants keine Garantie für gut schmeckende Gerichte. Immer wieder erleben wir auch, dass die einzelnen Gänge serviert werden, wie sie gerade in der Küche fertig sind. Die Suppe kann schon mal nach dem Schnitzel auf dem Tisch stehen. Bemerkenswert auch die Sitte hier, leere Teller und Gläser sofort abzuräumen. Man muss aufpassen, wenn man sein Geschirr noch braucht! Mit Vergnügen essen wir bei Traktir na Ulitze das Boeuf Stroganoff, ein typisch russisches Gericht. Es kostet seit wir hier sind unverändert 595 Rubel.

k-77-ber-10Boeuf Stroganoff mit Kartoffelgratin bei Traktir na Ulitze

Die Brotauswahl ist riesig. Im EURO-SPAR habe ich im Brotregal über 30 verschiedene Brotsorten gezählt, weiße Weizenbrote, Mischbrote und Spezialbrote mit Oliven, Nüssen, Quark und Kartoffeln.

k-77-ber-7Brotregal beim EURO-SPAR, rechts Körbe mit Gebäck „Bulotschki“

Wir essen in der Regel das russische dunkle Kastenbrot und ein Spezialbrot. Das Kastenbrot wird als традиционныи (traditionell) in 690 g Laiben angeboten. (19 bis 29 Rubel je nach Geschäft). Das Spezialbrot nennt sich Деревенский бездрожжебой (dörflich, ohne Hefe), 220 g kosten 60 Rubel. Die meisten Brote und Backwaren sind fest in Plastik eingeschweißt, deshalb sind sie nicht knusprig, was uns vor allem bei Baguette (34 Rubel) stört. Aber es gibt eine Lösung: in den Läden der luxuriösen Волконски (Wolkonski) Bäckereikette bekommt man knackige Baguette, allerdings kosten diese 290 Rubel.

Brötchen oder Semmeln gibt es nicht; daher verständlich: ich sehne mich nach den Krusti von Pickelmann! Булочки (Bulotschki) sind kleinere Gebäckstücke mit Rosinen, mit Mandeln oder bestreut mit Mohn. Quarktaschen bekommt man in allen Geschäften.

Unsere Erfahrungen mit Wurst sind unterschiedlich: Frischwürste (Wienerle, Bierschinken und ähnliche) schmecken uns meistens nicht, dagegen sind geräucherte Dauerwürste von guter Qualität und schmecken lecker. Häufig stammen sie aus Weißrussland. Zum schon oft beschriebenen Thema „Käse“ schweigen wir, obwohl wir manchmal einen russischen Amsterdamer bekommen, der in der letzten Zeit geschmackvoller geworden ist (450 Rubel pro kg). Echter Schweizer kostet 1300 Rubel pro kg.

k-77-ber-9Wurstregal beim EURO-SPAR, es gibt noch eine Wurst-Theke

Das Einkaufen der Zutaten für unser Essen zu Hause läuft problemlos. Es gibt im Prinzip alles (wie gesagt: außer Sauerkraut) und da wir in der Zwischenzeit auch wissen wo, kommen wir gut zurecht. Nach wie vor schmecken uns Möhren (40 Rubel pro kg) und Kartoffeln (16 Rubel pro kg) hier gut, auch wenn die Möhren manchmal ungewöhnlich groß sind – für uns immer wieder erheiternd – und die oft unförmigen Kartoffeln wegen der vielen „Augen“ mühsam zu schälen sind. Fleisch und frischen Seelachs bekommen wir in guter Qualität.

k-77-ber-11 Schmeckt besser als sie aussieht. Zum Vergleich eine 1 € Münze

Desserts gibt es auch in Fülle – meist nach den üppigen Mahlzeiten kaum noch zu schaffen. Das russische Eis (Морожeное) ist für seine hohe Qualität bekannt, die Backwaren sind lecker. Russische Schokolade schmeckt herber als in Deutschland, viele Russen bevorzugen dies.

Zusammenfassend: Uns schmeckt das Essen hier und dass manches anders ist als in Deutschland, versteht sich von selbst. Letztlich sind wir hier auch in Europa, wenngleich viele Russen Europa sagen, wenn sie Westeuropa meinen – aber das ist schon lange so. Mehr beunruhigt uns, wenn im Westen so getan wird, als gehöre Russland nicht mehr zu Europa. 

Dolmetscher-Wettbewerb 

In der vergangenen Woche fand an der Linguistischen Universität der alljährliche Dolmetscher-Wettbewerb statt, und ich war wieder als Jury-Mitglied eingeladen. In den Disziplinen schriftliche und mündliche Übersetzung maßen sich Studentinnen und Studenten der deutschen, englischen, französischen, spanischen, italienischen, chinesischen und japanischen Fakultäten.

In der deutschen mündlichen Übersetzung traten 12 StudentInnen aus Nischni Nowgorod, Perm, Sewastopol und Minsk (Weißrussland) an. Sie mussten ein simuliertes Gespräch zwischen einer „Repräsentantin“ der bekannten deutschen Unternehmungsberatungsfirma Roland Berger und einem russischen Gesprächspartner, der nicht genauer definiert war, übersetzen. Für mich war nicht nur das hohe Niveau der Konkursanten interessant, sondern auch das Thema des Gesprächs, dessen Inhalt der Homepage von Roland Berger entnommen wurde. Es ging um die Chancen ausländischer Firmen in Russland. Die „Vertreterin“ von Roland Berger bestätigte, dass der russische Markt für viele Unternehmen interessant sei, nicht nur im Großraum Moskau mit etwa 17 Millionen Einwohnern und der Nordwestregion um St. Petersburg mit 10 Millionen, sondern auch in Gebieten wie der Wolgaregion, dem Ural u.a. Allerdings erlebe man bei Businessplänen für Russland immer wieder Überraschungen, da drei Faktoren falsch eingeschätzt würden: 1. dass ein gut gelegenes Büro im Zentrum Moskaus drei bis fünfmal so viel Miete pro Quadratmeter koste, wie in München, Hamburg oder Frankfurt. 2. dass hochstehende Mitarbeiter oft mehr verdienten als ihre Geschäftskollegen in Deutschland, 3. dass sich Firmenregistrierungen meist länger hinzögen als geplant. Trotzdem besäße Russland enorme Kapazitäten im Bereich Innovation. Bei konkreten Erfindungen und Patenten, die schon realisiert seien bzw. theoretisch realisiert werden könnten, überträfe Russland vielleicht Europa und die USA.

Auch der Text der Anglisten war hochinteressant. In einem ebenfalls simulierten Interview, in dem ein Amerikaner den Politikwissenschaftler Francis Fukuyama darstellte, der 1992 das Buch „Das Ende der Geschichte und der letzte Mensch“ veröffentlicht hatte, wurde dieser darauf angesprochen, dass er Anfang der 1990er Jahre den endgültigen Sieg liberaler Demokratien verkündet habe und gefragt, ob er angesichts der derzeitigen globalen Bedrohungen, dem Ansteigen nationalistischer Strömungen und der Anziehungskraft autoritärer Regierungsmodelle nicht den Eindruck habe, dass das Ende der Geschichte anders sein würde als er es sich vorgestellt habe. „Fukuyama“ antwortete, dass Karl Marx den Kommunismus als Ende der Reise betrachtet habe, dass es jedoch heute so aussähe, als würden am Ende eher liberale Demokratien mit marktwirtschaftlichem System stehen. Aber selbst in solchen Gesellschaften sei das politische System nicht perfekt, da moderne Institutionen nicht kompatibel mit grundlegenden menschlichen Eigenschaften seien, z.B. Freunde und Familie zu bevorzugen. Daher gäbe es immer die Möglichkeit, dass ein moderner Staat in eine elitäre Oligarchie zerfalle, die durch Familienbeziehungen bestimmt sei. „Fukuyama“ bejahte die Frage, ob damit die Bush- und die Clinton-Dynastien gemeint seien. Nach den Ursachen für Trumps Wahlsieg befragt, antwortete „Fukuyama“, dies sei durch die Aushöhlung der Mittelschicht bedingt, und somit durch das Versagen sowohl der Republikaner als auch der Demokraten, ein soziales Sicherheitsnetz nach europäischem Zuschnitt zu errichten.

 k-77-ber-14Jury beim Dolmetscher-Wettbewerb

 

 

 

 

Kunst in Moskau – Pflichtlektüre an russischen Schulen

17.10.2016

Moskau hat uns wieder einmal verblüfft – mit aufrüttelnder Konzeptkunst in einer ehemaligen Weinfabrik. Doch der Reihe nach: Am Donnerstag fuhr ich mit Dorothe nach Wladimir. Dort übernachteten wir im Erlangen-Haus, freundlich empfangen und am nächsten Morgen mit einem köstlichen Frühstück verwöhnt. Danach reisten wir weiter nach Moskau, wo am Abend auch Rose eintraf. Für Dorothe war Moskau die letzte Station ihrer Reise. Sie flog von da zurück nach Deutschland.

In Wladimir waren die Dimitri-Kathedrale, die Maria-Entschlafens-Kathedrale und das Goldene Tor wie immer bewunderte Ziele. Leider wehte ein nasskalter Wind vom Tal der Kljasma her und die Sicht in die Ferne war durch Dunst getrübt. Zurück ins Erlangen-Haus fuhren wir mit dem Bus, einem der Busse aus Erlangen, in denen noch die deutsche Beschriftung vor dem Fahren ohne Fahrschein warnt.

Der Rote Platz war einer unser ersten Höhepunkte in Moskau. Er war diesmal frei von Buden oder Theateraufbauten. Wir hatten freien Blick auf seine Größe und die ihn umgebenden Bauten, den Kreml, die märchenhaft bunte Basilius-Kathedrale, das Kaufhaus GUM, das Auferstehungstor und das historische Museum. Nach einer Tee Pause im GUM lauschten wir bei beginnender Dämmerung den Glocken der Kasaner Kathedrale, die minutenlang eine festliche Stimmung schufen. Gesang aus dem Inneren der Kirche lockte uns hinein, wo wir von einem kleinen, aber stimmgewaltigen Chor empfangen wurden. Immer wieder mussten die Gläubigen den zelebrierenden Popen Platz machen, die den kleinen Kirchenraum umschritten und die vielen Ikonen (und uns) in Weihrauchwolken einhüllten. Wir blieben lange, gefangen von der feierlichen Stimmung, dem Anblick der andächtig betenden, sich oft bekreuzigenden und verneigenden Gläubigen jeden Alters und den immer wieder ergreifenden Melodien des urtümlichen Gesanges.

Abends besuchten wir das Restaurant Lavkalavka (Lädchenlädchen), das nur Bioprodukte von Lieferanten anbietet, die dem Küchenchef persönlich bekannt sind. Auf der Speisekarte stehen hinter jeder Zutat die Namen der Bauern oder Gärtner, von denen die Produkte stammen, und woher sie kommen. Das merkten wir dann an den Speisen. Die Salate waren frisch, die Suppen und die Hamburger mundeten köstlich. Ein erquicklicher Abend, der nur durch eine fröhliche und daher laute Gesellschaft, vermutlich eine Betriebsfeier, etwas getrübt wurde.

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Lavkalavka, Aufnahme vom 10.09.16 nachmittags

Am Samstag verbrachten wir vier Stunden in der Alten Tretjakow-Galerie, und obwohl Rose und ich zum dritten Mal dort waren, entdeckten wir wieder viel Neues. Wir verließen die Ausstellung mit dem Vorsatz wiederzukommen und dann von hinten anzufangen, damit wir die Bilder in den letzten Sälen sehen, wenn wir noch nicht erschöpft sind. Es waren sehr viele Besucher da, darunter einige Schulklassen, deren Aufmerksamkeit und Disziplin uns imponierten.

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Junge Besucher vor dem Gemälde „Die Offenbarung des Christus’ gegenüber den Menschen“ von Alexander Iwanow

Abends ein weiteres Kunstereignis: Eugen Onegin von Tschaikowski im großen Saal der Helikon-Oper. Die Karten hatten wir wieder unserer Freundin Olga zu verdanken, die den weiten Weg zum Ticketschalter nicht gescheut hatte. „Für euch tue ich alles“, sagte sie. Englische Untertitel halfen uns, der Handlung zu folgen. Weil die Sitzreihen im Zuschauerraum steil ansteigen, hat man von allen Plätzen einen freien Blick auf die Bühne. Die Aufführung selbst ein Genuss, Sänger und Orchester großartig, das Bühnenbild strahlend schön und die Inszenierung klassisch. Wenn man doch diese glücksvollen Augenblicke festhalten könnte. Verweile doch….

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Applaus für Sänger und Orchester für Tschaikowskis Eugen Onegin in der Helikon- Oper

Schließlich war am Sonntag die „Винзавод“ (Weinfabrik) unser Ziel, ein Ausstellungszentrum für moderne Kunst in Moskau. In einem großen verlassenen Fabrikgelände haben sich dort Kunstgalerien, Boutiquen, ein Schallplattenladen, Cafés und Künstler niedergelassen, oft mit einem alternativen Hauch. Früher beherbergte es einmal eine Brauerei und später eine Kelterei (was immer das für Moskau heißen mag).

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Die Weinfabrik in Moskau, einem Ausstellungsgelände für moderne Kunst

Von den vielen Ausstellungen konnten wir nur wenige sehen: die von sowjetischen Sportplakaten aus der Sammlung Luschnikow und, uns mehr interessierend, zeitgenössische Kunst aus dem im Ural liegenden Perm unter dem Motto: Форма незримого – Die Form des Unsichtbaren. Letztere mit beeindruckenden Exponaten verschiedener Künstler, von denen ich nur einige beschreiben will.

In einem dunklen Raum eine Video-Installation von Inga Wjugowa.  An gegenüberliegenden Wänden Bildschirme, auf denen in ständiger Wiederholung kurz die Münder von verschiedenen Menschen gezeigt werden, die nur zwei Wörter sagen: мне страшно –  мне страшно – мне страшно, ich habe Angst. Am Ausgang fragt ein kleines Schild: а тебе? – und du?

Vier große Starenkästen von Slawa Nesterow locken zum Blick in das Innere: Dort sieht man Räume und Figuren aus dem Roman „1984“ von George Orwell. In einem liest ein Junge auf der Toilette eben diesen Roman. Nicht einmal dort ist er unbeobachtet. Die heutige Welt.

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Vier Starenkästen und was man darin sieht

In einer Installation von Michael Pawljukewitsch und Olga Subbotina spiegeln  sich in einer Reihe Blechwannen voller schwarzem Wasser die Worte „Lange weiße Nacht“, die hoch oben an der Decke leuchten, es sind Neonröhren in weißer Spiegelschrift.

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Lange weiße Nacht

Im Keller eines anderen Gebäudes stellt die СДМ Bank ihre Sammlung zeitgenössischer Kunst aus. Daneben etwas versteckt noch ein Raum, die Glastür ohne Hinweis. Wir waren schon wieder auf der Treppe, um zu gehen und hätten so beinahe ein aufregendes Ereignis verpasst: die Ausstellung des Aktionskünstlers Fjodor Pawlow-Andreewitsch.

Wir waren sofort fasziniert von den wenigen, in dem großen Raum ausgestellten Fotos (aufgenommen von Igor Afrikian). Sie zeigten immer einen Mann in ungewöhnlichen Situationen: gefesselt am Strand in der Brandung, weit oben am Stamm einer Palme, nackt an eine Straßenlaterne gebunden oder, besonders aufregend, am Meeresstrand liegend von schwarzen Vögeln umgeben. Während wir noch darüber diskutierten, ob das Fotomontagen seien, kam ein junger Mann auf uns zu, der uns in Englisch den Sinn dieser Bilder erläuterte. Es war der Mann auf den Fotos.

Mit seinen provozierenden Kunstaktionen will er auf das Schicksal der Arbeitssklaven früher und heute hinweisen. Die großen Fotos an den Wänden sind in Brasilien am Strand von San Mirel de Milares entstanden. Dort war früher eine Methode die Sklaven zu strafen, sie gefesselt in die Brandung zu legen und dem Salzwasser und der Sonne auszusetzen. Wenn sie nach sieben Stunden noch lebten, wurden sie freigelassen, wenn nicht, konnten die Aasgeier den Leichnam fressen. Der Künstler hatte beides nachgestellt. Er legte sich an Händen und Füßen gefesselt in die Brandung – sieben Stunden lang. An einem allerdings bedeckten Tag verharrte er  bewegungslos am Strand, um zu erfahren, wie sich die Aasgeier verhalten. Nach fast sieben Stunden pickte der erste nach ihm und er beendete die Aktion.

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Der Künstler am Strand stellt sich tot – bis der erste Aasgeier zupickt.

 

Am vergangenen Montag ließ sich Fjodor in Moskau von einem Kran 50 Meter hochziehen, an den Beinen eine lange Fahne mit dem Wort Свободу – Freiheit. Sieben Stunden machte er damit auf die Not der modernen Arbeitssklaven in Moskau aufmerksam, auf die vielen Fremdarbeiter aus den mittelasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken (Kasachstan, Kirgisistan, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan), die seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 souveräne Staaten sind. Die Fremdarbeiter machen hier – schlecht entlohnt – die Drecksarbeit und leben unter unwürdigen Bedingungen: sie teilen sich zu 30 einen Raum mit 10 Betten, in denen sie in Schichten schlafen. Diese Aktion hat er auf einem Videofilm dokumentiert, der nur auf höchst ungewöhnliche Weise angesehen werden kann. Man muss seinen Kopf von unten in einen Kasten stecken und sieht dann in düsterem Blau den Film ablaufen. Dies gehört zu seinem Konzept der unbequemen Kunst.

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Rose beim Betrachten der Moskauer Aktion von Fjodor Pawlow-Andreewitsch

Alle diese Aktionen dauerten jeweils sieben Stunden. Sie sind nicht nur eine öffentliche Provokation, sondern auch eine körperliche und seelische Herausforderung für den Künstler. Dieser ist mit dem Erfolg zufrieden. Die Medien in Moskau haben darüber berichtet. Und während wir noch mit ihm sprachen, kamen zwei von ihm erwartete Journalisten zu einem Interview und unser Gespräch war leider zu Ende.

Im Internet (pecherskygallery.com) erfuhren wir, dass dies eine Ausstellung der Moskauer Pechersky Gallery war unter dem Motto „Temporary Monuments“, sie lief bis zum 9. Oktober in der Weinfabrik. Wir waren gerade am letzten Tag dort! Auf der Internetseite von Fjodor Pawlow-Andreewitsch (http://fyodorpavlovandreevich.com) wird er als Aktionskünstler, Schriftsteller, Filmemacher und Theaterdirektor vorgestellt, er lebt in Moskau, London und Sao Paulo.

Die Mittagspause verbrachten wir im Café Хитрые Люди. Люди heißt Leute. Für Хитрые bietet das Wörterbuch der Leipziger Uni an: schlau, listig, verschmitzt, raffiniert, pfiffig, clever, schwierig, kompliziert. Das Café hat einen treffenden Namen für das, was wir in der ehemaligen Weinfabrik gesehen haben. 

Schulnotizen

Letzten Donnerstag kamen von meinen sechs Schülerinnen der 11. Klasse nur zwei zum Unterricht. Die andern waren beim Schulausscheid der Kunstolympiade – leider ohne mir vorher etwas gesagt zu haben. So machten wir statt Prüfungsvorbereitung deutsche Konversation. Ich fragte die beiden nach Höhepunkten ihrer Schulkarriere. Nataschas prompte Antwort: die drei Monate Aufenthalt in Dresden im Rahmen des Goebel-Programms (Die Schüler wohnen in deutschen Gastfamilien und besuchen den Unterricht in einer deutschen Schule). Anjas Höhepunkt war der Preis, den sie für ein Biologie-Projekt bekam, bei dem sie Interviews in einer nischegoroder Entzugsanstalt machte.

Dann kamen wir auf die Klausur in russischer Literatur zu sprechen, die in der letzten Woche geschrieben wurde. Die Schüler bekommen sogenannte ‚Vektoren‘ wie z.B. ‚Verstand und Gefühl‘, ‚Ehre und Ehrlosigkeit‘, ‚Sieg und Niederlage‘, die sie dann auf Literatur, die sie gelesen haben, anwenden. Welche Werke sie nehmen, können sie selbst auswählen. Anja wendete ‚Verstand und Gefühl‘ auf Turgenevs ‚Väter und Söhne‘ und Zamjatins ‚Wir‘ an; Natascha ‚Ehre und Ehrlosigkeit‘ auf Puschkins ‚Hauptmannstochter‘ und auf das ‚Igorlied‘ – ein mittelalterliches Epos, das einen ähnlichen Stellenwert hat, wie bei uns das Nibelungenlied. Ich fragte die beiden nach ihrer Pflichtlektüre. In Klasse 10 ist das die russische Literatur des 19. Jahrhunderts: Puschkins ‚Boris Godunov‘, Tolstojs ‚Krieg und Frieden‘, Dostojewskis ‚Schuld und Sühne‘, Gontscharows ‚Oblomow‘, Turgenjews ‚Väter und Söhne‘, Tschechows ‚Kirschgarten‘, um nur die berühmtesten zu nennen. Neugierig geworden schaute ich bei www.examen.ru die Listen für die Pflichtlektüren nach. In der Einleitung fand ich den Hinweis, dass es sich empfiehlt, die Literatur in den Sommerferien zu lesen, da allein ‚Krieg und Frieden‘ 1274 Seiten habe. So verstand ich nachträglich den Kommentar meiner letztjährigen Elfer, die sich nach Rückkehr ihres Goebel-Aufenthaltes verwundert darüber äußerten, dass man an ihrer deutschen Schule wochenlang Patrick Süskinds ‚Parfum‘ besprochen habe.

Am nächsten Schultag konnte ich in Klasse 8 die Prüfungsvorbereitung wieder nicht durchführen: die guten Schüler – die gleichen, die eben auch die freiwillige Prüfung für einen Vorläufer des Deutschen Sprachdiploms machen –  waren alle in der Olympiade für russische Sprache (Hier sind russische Sprache und russische Literatur zwei getrennte Fächer). Auch meine Kollegin, die reguläre Deutschlehrerin in der Klasse, hatte das nicht gewusst. Als ich nach zwei Hohlstunden wieder vor einer leeren Klasse stand (u.a. fehlten auch Natascha und Anja. Sie hatten mir am Vortag nicht gesagt, dass sie auch an einer Olympiade teilnehmen werden.), machte ich mich entnervt auf die Suche nach Informationen, wann wer an irgendwelchen Olympiaden teilnimmt. Im Lehrerzimmer fand ich eine Übersicht, wann in welchen Fächern der Schulausscheid ist, und so weiß ich, dass am heutigen Montag die Deutsch-, am Mittwoch die Gesellschaftskunde- und am Freitag die Literatur-Olympiaden sind. Welche Schüler daran teilnehmen, war nicht aufgeführt. Auch die stellvertretende Schulleiterin konnte mir nicht helfen, schickte mich jedoch zu den Fachlehrern. Und siehe da, an der Tür des Kabinetts der Russischlehrerin war eine Liste der Schüler, die an diesem Tag an der russischen Spracholympiade teilnahmen. Die Liste der Teilnehmer der Literaturolympiade am Freitag ist noch nicht erstellt. Gelernt habe ich daraus, dass ich in Zukunft mit wachsamem Blick an den Kabinett-Türen vorbeigehen muss! Übrigens ist das Gymnasium Nr. 1 eine Schule, die auch auf regionaler und föderaler Ebene überdurchschnittlich viele Olympia-Sieger hervorbringt. Ein Grund, warum unsere Schule 2016 zum dritten Mal im Schul-Ranking die Auszeichnung bekam, zu den 500 besten Schulen Russlands zu gehören. Andere Kriterien beim Ranking sind die Abischnitte, die Zahl der Schüler, die das Abitur mit einer Gold- oder Silber-Medaille absolviert haben, die Zahl der ‚ausgezeichneten‘ Lehrer…

Ein weiteres Ereignis, das uns wochenlang in Atem hielt, war die Schulinspektion, die hier alle drei Jahre stattfindet und zwei Wochen dauert. Im Vorfeld wurden Kabinette aufgeräumt, der Inhalt aller Schränke auf Listen festgehalten, Klassenbücher auf den neuesten Stand gebracht… Eine große Herausforderung auch für die Schulleitung, die mit persönlichen Strafen (5 % Gehaltseinbuße), im Extremfall auch mit Schulschließung rechnen muss. Letzteres ist bei uns noch nie passiert, die Gehaltseinbuße musste unser Schulleiter aber schon hinnehmen, weil an unserer Schule kein Werkunterricht stattfand. Es war allerdings weit und breit kein Werklehrer zu finden gewesen. In diesem Jahr lief alles glimpflich ab: ‚Außer ein paar Kommas gab es nichts zu bemängeln,‘ sagte mein Schulleiter.

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 Eingang zur Ausstellung sowjetischer Sportplakate mit russischer Nachwuchskraft

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 Fjodor Pawlow-Andreewitsch am Laternenpfahl

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…und an einem Baum

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Café Хитрые Люди: Auf der Tafel wird das Oktoberfest angekündigt.

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Café Хитрые Люди: Der frühere Degustationsraum

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Gedenkstätte für Nemzow am 7. Oktober 2016 (Aufnahme von Dorothe)

 

Neues Marriott-Hotel in Nischni Nowgorod

26.09.16

Nicht weit von uns wurde am 18. Dezember vorigen Jahres das Hotel „Courtyard by Marriott Nischni Nowgorod City Center“ eröffnet – der schwierigen wirtschaftlichen Situation und den Sanktionen zum Trotz. Ein Zeichen der Hoffnung auf bessere Zeiten? Zumindest der amerikanische Hotelkonzern wagte diesen Schritt.

ICANN (International Community Association Nischni Nowgorod) hatte zu einem Empfang und zu einer Weinprobe in das Hotel eingeladen. Das neue Marriott verbindet ein modernes Gebäude mit einem Stadthaus, das der Kaufmann, Schiffsbauer und Bürgermeister Dimitri Wassiljewitsch Sirotkin Ende des 19. Jh. bauen ließ. Das Marriott bietet 143 Zimmer, Tagungs- und Banketträume. Besonders stolz ist man auf eine Präsidentensuite mit eigenem Eingang. Die Einrichtung ist international modern und die angebotenen Häppchen und Kostproben schmeckten so vielversprechend, dass wir das Restaurant bald mal testen werden.

k-69-ber-1Das neue Marriott: vorn das alte Stadthaus, hinten der moderne Neubau

Bemerkenswert war auch die Weinprobe: die Weine kamen vom Weingut „La Madonna“ in der Toskana, was man ja in Nischni Nowgorod nicht so ohne weiteres erwartet. Sie waren durchweg von hoher Qualität. Das Weingut gehört dem Schauspieler, Regisseur und Filmmacher Nikita Michalkow. Er ist seit Jahrzehnten der im In- und Ausland bekannteste russische Regisseur. Für seinen Film „Die Sonne, die uns täuscht“, in dem er die bedrückenden Verhältnisse in der Stalinzeit sehr ergreifend schildert, erhielt er 1994 bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes den Großen Preis der Jury und den Preis der Ökumenischen Jury sowie 1995 den Oskar für den besten ausländischen Film.

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Heute ist er der mächtigste Mann in der russischen Kinobranche, Chef des Verbandes der Filmschaffenden und Freund Putins, wegen seiner inzwischen konservativen Einstellung in der Filmbranche sehr umstritten. Er war der Initiator eines offenen Briefes, in dem Putin 2007 aufgefordert wurde, für eine dritte Amtszeit als Präsident zu kandidieren.

Das Hotel wirbt zu Recht  mit seiner zentrumsnahen Lage an der Ulitza Ilinskaja, viele Sehenswürdigkeiten der Innenstadt sind zu Fuß zu erreichen. Die nähere Umgebung ist aber noch nicht allzu attraktiv. Vor allem die Plotnitschnij Gasse, auf die die Rückseite des Hotels zeigt, bietet mit alten ungepflegten Holz- und Steinhäusern einen traurigen Anblick. Die frühere Pracht ist noch zu erahnen, jetzt prägen bröckelnder Putz und splitterndes Holz das Bild.

k-69-ber-3Hinter dem Hotel verfallende Pracht auf der Plotnitschnij Gasse, sieht auf dem Foto netter aus als in Wirklichkeit

k-69-ber-4Bröckelnder Putz an altem Steinhaus auf der Plotnitschnij Gasse

Auch links neben der Einfahrt zum Hotel von der Ilinskaja aus stören renovierungsbedürftige Bauten, die Nachbarhäuser rechts sind dagegen prachtvolle Schmuckstücke, in zweiter Reihe ist ein großes Wohnhaus in Bau.

k-69-ber-6Hoteleinfahrt von der Ilinskaja aus

k-69-ber-7Prachtvolle Häuser an der frisch asphaltierten Ilinskaja

Die Straße und der Bürgersteig vor dem Hotel sind seit ein paar Tagen endlich saniert. Die Straßendecke war seit drei Wochen abgefräst, die Straßenbahnschienen ragten einige Zentimeter aus dem Boden und den Autofahrern wurden höchste Fahrkünste abverlangt. Auch für uns Fußgänger war Aufpassen angesagt.

k-69-ber-8Die Ilinskaja vor der Asphaltierung

Heute, Sonntag wurden die Bürgersteige in unserer Nähe asphaltiert: ein Bagger schüttet eine Ladung Asphalt auf den Boden, fünf Männer verteilen ihn mit Schaufeln und Planierrechen, eine Walze rollt darüber. Nach kurzer Zeit konnte der Weg wieder begangen werden.

k-69-ber-9Nicht aufgepasst, aber scheinbar kein Grund zur Aufregung. Auch der Regen stört nicht sehr.

In der Stadt sind viele Straßen abgefräst und ich hoffe sehr, dass die Arbeiten bis zum ersten Schnee abgeschlossen sind. Schnee und Frost werden vom Langzeitwetterbericht schon in vierzehn Tagen erwartet – keine große Überraschung in diesem betrüblichen Herbst. Im Gegensatz zu den letzten beiden Jahren war es heuer oft kalt und regnerisch. Von Altweibersommer keine Spur. Wir haben die heiteren Abende auf der Bolschaja Pokrowskaja mit den Musikgruppen und Straßenkünstlern vermisst.

Der oben als Besitzer des Stadthaueses erwähnte Schiffsbauer und Bürgermeister Sirotkin war ein enger Freund Maxim Gorkis und eine prägende Persönlichkeit für Nischni Nowgorod. Wikipedia.org zählt eine lange Reihe von kommerziellen Führungsämtern auf, er war auch Vorsitzender zahlreicher Kongresse der Altgläubigen. Kein Wunder, dass er nach der Revolution 1917 das Land verlassen musste. Geboren wurde er 1864 im Dorf Astapowo im Bezirk Nischni Nowgorod, gestorben ist er 1953 in Belgrad. Seine Spur verliert sich nach seiner Emigration. (Da möchte man mehr wissen!)

In seiner Amtszeit als Bürgermeister kam ein berühmtes Gemälde endgültig nach Nischni Nowgorod: Konstatin Egorowitsch Makowskis (1839-1915) „Aufruf Minins“ (Константина Егоровича Маковского «Воззвание Минина»). Das Monumentalbild von 7 mal 6 Metern zeigt wie die Nischegoroder 1612 für die Befreiung Russlands spenden. Der Kaufmann Minin hatte dazu aufgerufen. Er führte dann zusammen mit dem Fürsten Poscharski die Aufständischen nach Moskau und vertrieb die Polen aus Russland.

Das Bild ist gewaltig, mehr als 700 Menschen sind zu sehen, die sich vor dem Kreml auf dem jetzigen Platz der Einheit drängen. Erstmals wurde es 1896 bei der Allrussischen Messe in Nischni Nowgorod in einem eigenen Holzpavillon ausgestellt. 1908 kaufte es der Kaiserliche Hof im Zusammenhang mit den Feiern zum 300jährigen Bestehen der Romanows. Es hing ab da im Haus der Duma am Eingang zur Bolschaja Pokrowskaja gegenüber dem Kreml. 1972 kam es in einen eigens dafür errichteten Anbau an die Stadtvilla der Sirotkins, jetzt Kunstmuseum, auf der Oberen Wolga-Uferstraße. Minin wurde in der Sowjetzeit als Mann aus dem Volk hoch verehrt. Wir finden es interessant, dass auf diesem Ende des 19. Jh. (also in der Zarenzeit) entstandenen Gemälde nur der bürgerliche Minin abgebildet ist und nicht auch der Fürst Poscharski.

k-69-ber-10Auf 42 m² ein für Nischni Nowgorod wichtiges Ereignis von 1612:  „Minins Aufruf“ von Konstatin Makowski

In den anderen Räumen des Museums sind Gemälde und Skulpturen aus Europa und Deutschland ausgestellt. Dabei fielen uns die ungewöhnlich vielen unbestimmten Herkunftsangaben auf. Der Maler war oft anonym, Entstehungsorte und -zeiten nur grob angegeben.