Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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Tournee russischer Schüler: „Kommt wieder, aber ohne Waffen“

 

Wir waren uns sicher: die 18 russischen Schüler des Gymnasiums Nr. 1 aus Nischni Nowgorod würden ihr Theaterstück „Kommt wieder, aber ohne Waffen“ auch in Deutschland gekonnt aufführen. Jetzt am Ende der Tournee durch Süddeutschland hat es sich bestätigt: sieben Vorstellungen in acht Tagen wurden mit Bravour dargeboten.

Wir waren uns dessen sicher, weil wir die Schüler kannten und die Aufführungen in Wladimir und vier weitere in Nischni Nowgorod gesehen hatten. Allerdings wussten wir nicht, wie das Stück beim deutschen Publikum ankommen würde. Wir sind erleichtert, jetzt sagen zu können: alle Aufführungen haben einen tiefen Eindruck hinterlassen.

 Schulvorstellung in der Waldorfschule Erlangen

Besonders bemerkenswert die Reaktionen der jungen Generation bei den drei Schulaufführungen. Die Schülerinnen und Schüler der Waldorfschule in Erlangen, des Bildungszentrums Markdorf und des Zeppelin-Gymnasiums in Friedrichshafen lauschten atemlos und sichtlich beeindruckt bis zum Schluss den Darbietungen der gleichaltrigen russischen Darsteller. Viele verließen mit betroffenen Gesichtern den Saal, manche mit Tränen in den Augen.  Eine Lehrerin sagte, sie habe noch keine Schultheatervorstellung erlebt, in der die Schüler so ruhig und konzentriert zuhörten wie dieses Mal.

Langer Schlussapplaus der Oberstufenschüler im Bildungszentrum Markdorf.

Die Vorstellung in Friedrichshafen fiel auf die letzten zwei Schulstunden vor den Herbstferien. Das schienen schlechte Bedingungen zu sein. Würden die Schüler bis zuletzt aushalten? Wer erinnert sich nicht an seine Schulzeit und daran, mit welcher Ungeduld man das Klingeln vor den Ferien erwartete und wie wenig man sich in der letzten Stunde für den Lehrstoff interessierte.

Beifall im Zeppelin-Gymnasium Friedrichshafen – über den Ferienbeginn hinaus

Die Schulleitung hatte darum gebeten, pünktlich Schluss zu machen, weil ein Teil der Schüler die Schulbusse erreichen müsse. Jedoch herrschte in dem vollbesetzten Saal bis zum Schluss aufmerksame Ruhe, keiner verließ vorzeitig den Raum. Die Schulglocke hatte längst geläutet, der Beifall nahm kein Ende, vor allem als Wolfgang Morell, der mitgereiste Zeitzeuge, auf die Bühne ging. Nachdem die Fahrschüler dann doch zu ihren Bussen gegangen waren, blieben noch viele Zuschauer im Saal, um mit den Schauspielern und dem Zeitzeugen zu diskutieren, viel länger als geplant.

Das überwiegend ältere Publikum der vier öffentlichen Aufführungen beim Kolpingverein im Gemeindezentrum St. Xystus in Erlangen, im Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden-Echterdingen bei Stuttgart, in der Waldorfschule in Überlingen und im Rathaussaal in Immenstaad reagierte ebenfalls immer mit langem Beifall. Auch hier waren alle Vorstellungen sehr gut besucht, auch hier beeindruckten die schauspielerischen Leistungen. Bemerkenswert ist, dass die Vorstellungen trotz mancher technischer Unzulänglichkeiten gut aufgenommen wurden, so, wenn die eingeblendeten Übertitel mit den Übersetzungen der russischen Texte nicht lesbar waren, weil der Beamer nicht funktionierte. Oder auch wenn die russischen Schüler, die die deutschen Kriegsgefangenen darstellten und deshalb deutsch sprachen, manchmal wegen des russischen Akzents nur schwer zu verstehen waren.

Hier im Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden funktioniert der Beamer.

Bewundernswert die Leistungen der Regisseurin Marina Kotschkina. Rasch stellte sie sich auf die unterschiedlichen Räume, die Größe und Ausstattung der Bühnen ein. Die Zeit für die Vorbereitungen oder die Durchlaufprobe war oft sehr kurz. Bei einer Vorstellung musste Marina wegen Erkrankung einer Schülerin spontan mehrere Rollen umbesetzen.

Hohe Anerkennung verdienen die schauspielenden Schülerinnen und Schüler aus Nischni Nowgorod. Sie sind ja keine gelernten Schauspieler. Sieben Vorstellungen in acht Tagen, und alle spielten konzentriert und präsent bis zum letzten Wort. Vor allem die deutschen Lehrer bewunderten die jungen Russen, die ihre Texte eineinhalb Stunden lang in Deutsch, in einer für sie fremden Sprache, vortrugen – und das ohne Stocken. Eine Souffleuse gab es nicht.

Der jüngste Schauspieler, der achtjährige Maxim.

Erstaunlich auch ihre Improvisationsfähigkeit. Sie waren verständlicherweise nach der Reise, den Vorstellungen und den neuen Eindrücken müde, manche sehr müde. Einmal war der Ballettmeister hinter der Bühne eingeschlafen und verpasste seinen Auftritt. Die auf der Bühne wartenden Lemuren bei der Probe für „Faust“ stockten nur kurz, dann übernahm einer von ihnen die Tanzanweisungen. Das Publikum bemerkte nicht, dass hier etwas schiefgegangen war.

Der russische und der deutsche Offizier sind müde – vor der Vorstellung

Präsent auf der Bühne, der deutsche Offizier bei der Instruktion der Soldaten vor dem Marschbefehl an die Ostfront

Nach der Aufführung des Stückes im bis auf den letzten Platz gefüllten Pfarrzentrum St. Xystus fragte eine Zuschauerin, ob die Darstellung des Schicksals deutscher Kriegsgefangener in sowjetischen Lagern nicht doch ein wenig geschönt sei. Sie habe da anderes gehört. Viel mehr Schreckliches. Eine Frage, die so oder ähnlich oft gestellt wurde. Was soll man darauf antworten: Natürlich gab es auch die schlimmen Zustände, Entbehrung, Leid, Hunger und Tod. Im Stück selbst wird ja offen ausgesprochen, dass ein Drittel der Deutschen (über eine Million) die russische Kriegsgefangenschaft nicht überlebte, dass Schwerstarbeit zu leisten war und Hunger und Not herrschten, dass diese Zeit für viele Deutsche ein Trauma blieb. Ich fand es von Anfang an bemerkenswert, dass Marina Kotschkina, die Autorin dieses Stückes, die Schrecken und Leiden der Deutschen in den sowjetischen Lagern nicht ausgeblendet hat.

Aber es gab eben auch die andere Seite: das heimlich zugesteckte Brot, die verständnisvolle Geste, sogar Respekt, Zuneigung und Liebe, durch die viele den Lebensmut wiederfanden. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch die etwa fünfzig Berichte der ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen in dem Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen“, die dem Theaterstück zugrunde liegen.

Der Kriegsveteran Wolfgang Morell, der zusammen mit seinem Freund Claus Fritzsche die Vorlage war für den Helden Alex, begleitete die gesamte Tournee. Nach den Vorstellungen bestieg der 95jährige Zeitzeuge mühsam die Bühnen und stellte sich dann mit bewundernswerter geistiger Frische den Fragen. Er bestätigte die Berichte über die schlechten Lebensbedingungen in den Lagern, über die vielen Toten durch Hunger und Seuchen. Aber das galt nicht nur für die deutschen Gefangenen. Die russische Bevölkerung hungerte auch. Das Wachpersonal, die Ärzte und Krankenschwestern in den Lagern waren in ähnlichem Maße von Seuchen und Tod betroffen wie die Gefangenen. Er konnte keine bewusste Politik zur Vernichtung der Gefangenen feststellen, wie sie beschämenderweise im Dritten Reich gegenüber den russischen Gefangenen geübt wurde, von denen zwei Drittel (3,6 Millionen) als Folge des von Hitler ausgerufenen „Vernichtungskrieges gegen die russischen Untermenschen“ ums Leben kamen.

Im Theaterstück: 1949, Schanna und Sascha, dessen Rolle aus den Personen Wolfgang Morell und Claus Fritzsche zusammengesetzt wurde

Im Stück ist der Beginn der Beziehung Wolfgang Morells zu der russischen Frau, Schanna Worontzowa, die zwei Jahre dauerte, nur kurz dargestellt. Schüler fragten, wie diese berührende Geschichte weiterging. Während des Kalten Krieges wäre der Kontakt zu einem Westdeutschen für eine Russin gefährlich gewesen, deshalb unterblieb er.

2017: Schanna und Wolfgang Morell im wirklichen Leben

Anlässlich der Vorstellung der russischen Ausgabe des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen“ in Wladimir und der Aufführung des Theaterstückes reiste Morell nach Nischni Nowgorod. Dort traf er nach 68 Jahren Schanna wieder – ein Ereignis, das vom russischen Fernsehen mit einem Film am Schluss der Abendnachrichten gewürdigt wurde.

Zu der Aufführung in Erlangen war ein weiterer Zeitzeuge angereist: Alfons Rujner, mit fast 90 Jahren aus Berlin kommend, erkennt sein Schicksal wieder, nicht nur in dem alten Mütterchen, das ihn kurz vor dem Heimtransport in Wladimir am Ärmel zupfte und ihm zurief: „Komm wieder, aber ohne Waffen!“, sondern auch in der Indoktrinierung durch die Nazis mit ihren Zerrbildern von Sowjets, die Hörner trugen und als rote Teufel gezeichnet wurden, sowie in der Umerziehung, die er als damals siebzehnjähriger Jüngling als Befreiung vom ideologischen Ballast der Faschisten empfand.

Alfons Rujner, Wolfgang Morell, Erlangens Oberbürgermeister Florian Janik

Und so kam denn Alfons Rujner als Antifaschist aus dem Lager zurück und kann sagen: „Bis heute bin ich ein solcher geblieben, und ich möchte nie mehr sehen, wie Nazis durch das Brandenburger Tor marschieren!“ Florian Janik dankt er für dessen Engagement für die Völkerverständigung und Partnerschaft mit den Worten: „Hätte ich die Macht dazu, ich würde Dich, lieber Florian, zum Oberhaupt einer Friedensstadt ernennen!“ Erlangen als Friedensstadt. Welch eine Auszeichnung aus dem Mund eines Kriegsveteranen!

Keine Tournee ohne kleine Katastrophen. Eine ereignete sich gleich zu Beginn: Weil die Sicherheitskontrolle am Flughafen in Frankfurt sehr lange dauerte, verpassten einige den Flug nach Nürnberg. Hier entstiegen dem Flieger statt der von uns erwarteten zwanzig nur neun Gäste. Der ohnehin ausreichende Bus musste mit vielen leeren Sitzen in das Hotel Rangau in Dechsendorf fahren, das geplante Begrüßungsessen genossen nur die wenigen schon Eingetroffenen. Die in Frankfurt Zurückgebliebenen hatten zumindest das Glück, im nächsten Flugzeug Plätze zu bekommen. Wir, die Abholenden, hatten das Glück, dass Peter Steger mit dem Kleinbus des Jugendringes beim Transport aushelfen konnte. Gegen Mitternacht waren dann alle im Hotel.

Eine andere kleine Katastrophe hätte sich zumindest für den Betroffenen leicht zu einer größeren ausweiten können. Ein Schüler ließ im Intercity nach München seinen Rucksack mit Pass und Visum liegen. Gott sei Dank bemerkte er es beim Umsteigen in Nürnberg sofort. Der Zugbegleiter im ICE konnte rasch erreicht werden, dieser fand den Rucksack am angegebenen Platz und versprach, ihn in München auf die Fundstelle zu bringen. Von den hilfsbereiten Mitarbeitern wurde er gesichert und dort vom Kurierdienst „Time:Matters“ abgeholt. Nach einiger Telefoniererei konnten wir ihn am nächsten Tag wohlbehalten am Bahnhof in Lindau in Empfang nehmen. Hier haben die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Bundesbahn und des Time:Matters-Teams ein Lob verdient!

Keine Tournee ohne Nebenprogramm: Die russischen Schüler waren sehr angetan von den Stadtführungen durch deutsche russischsprechende Schüler in Erlangen vom Verein Brücken e. V., in Überlingen von der Waldorfschule und in Konstanz von einer offiziellen Stadtführerin. In Leinfelden-Echterdingen war es ein Nachmittag mit den Gastfamilien, in Friedrichshafen ein Besuch des Zeppelin-Museums. Erstaunen erregte in Konstanz ein kurzer Grenzübertritt in die Schweiz, der ohne Passkontrolle einfach so möglich war. Sehr überraschend für die jungen Russen.

Fotostop kurz vor dem Abstecher in die Schweiz

Und schließlich: Keine Tournee ohne die Hilfsbereitschaft so vieler Hände! Die liebevolle Betreuung durch den Kolpingverein in St. Xystus in Erlangen-Büchenbach und den Brücken e.V., die Übernachtungen in den Gastfamilien in Leinfelden-Echterdingen und schließlich die Unterbringung der ganzen Gruppe in den Ferienwohnungen des Obsthofes Lehle in Immenstaad, die die Schüler zu Begeisterungsrufen animierte.

Obsthof Lehle in Immenstaad

Das dortige Katholische Bildungswerk, geleitet von Frau Monika Bauer und das Team um Hubert und Carmen Lehle, Konrad und Monika Veeser, Udo und Hanne Kampmann haben entscheidend zum Wohlbefinden aller Gäste beigetragen. Die Schulleitungen, die die Räume zur Verfügung stellten, die Techniker, die sich rasch und flexibel auf unsere Wünsche einstellten, allen voran Fjodor Nevelski, der mit seiner professionellen Ausrüstung in Erlangen beide Vorstellungen bediente, die Lehrer, die ihre Schüler zum Besuch der Vorstellungen anregten und nicht zu vergessen, das Küchenpersonal und die manchmal geplagten Hausmeister („Mir ist gesagt worden, ich soll nur den Saal aufschließen!“ Weit gefehlt, was musste nicht alles an Stühlen, Tischen, Kabeln und Körben herangeschafft werden). Dann die unerwartet vielen Spenden auf das Konto des Bildungswerkes und in die Körbe an den Ausgängen, die Spenden von Sponsoren wie das Katholische Bildungswerk, der Stiftung West-Östliche Begegnungen, der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke. Zum Abschluss der Tournee konnte das Stück dank des Immenstaader Bürgermeisters, Jürgen Beisswenger, im repräsentativen Saal des Immenstaader Rathauses aufgeführt werden. Dankbar nahm die Gruppe auch Herrn Beisswengers Geschenke und seine Einladung zum Abschiedsessen in die Pizzeria Il Centro an.

Und doch: Roses Idee, aus Peter Stegers Buch mit ihren Schülern und Marina Kotschkina ein Theaterstück zu machen, hätte im Mai 2017 mit einigen Aufführungen in Russland geendet, wenn der Erlanger Oberbürgermeister im April bei der Präsentation der russischen Ausgabe des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen“ nicht so beeindruckt gewesen wäre von den zwei Szenen, die von der extra aus Nischni Nowgorod angereisten Schülergruppe aufgeführt wurden. Spontan lud er alle nach Erlangen ein. Ihm sei dafür besonders gedankt und Peter Steger für die vielen Vorbereitungen, für Rat und Tat bei der Planung und Durchführung der Reise und natürlich für die geniale Idee, das Buch zu schreiben.

Materialien zu dem Stück:

Literaturliste

  • „Komm wieder, aber ohne Waffen“, Peter Steger,2015, Stadt Erlangen/ Stadtarchiv Erlangen. ISBN: 978-3-944452-09-8. Erhältlich beim Stadtarchiv Erlangen,
  • „Возвращайся, но без оружия“, Peter Steger, auf Anfrage digital erhältlich bei Rose Ebding: roseebding@gmail.com
  • Programmheft, Rose Ebding, auf Anfrage digital erhältlich bei Rose Ebding
  • „Mit 17 Jahren hinter Stacheldraht“, Alfons Rujner, 2001, Alfons Rujner ISBN:3-8311-2584-8
  • „Das Ziel – Überleben“, Claus Fritzsche, 2000, VDM Heinz Nickel ISBN: 3-925 480-44-7
  • „Rose für Tamara“, Fritz Wittmann, 2001, Taschenbuch

Im Internet abrufbar:

  • Text des Theaterstückes: „Kommt wieder, aber ohne Waffen“,

o   https://drive.google.com/file/d/0B__G9GV0N3MdOGc3V0JQZ2ZOSVU/view

  • Trailer: „Kommt wieder, aber ohne Waffen“,

o   https://www.youtube.com/watch?v=QI8aM7RMDUw&feature=youtu.be

  • текст: „Возващайтесь, но только без оружия“,

o   https://drive.google.com/file/d/0B__G9GV0N3MdRnd5Yjhqbm5KR2s/view

  • трейлер: „Возващайтесь, но только без оружия“,

o   https://www.youtube.com/watch?v=fCnu0H4xMmg 

  • Film von NTV über die Begegnung von Wolfgang Morell und Schanna Worontzowa im April 2017 (auf Russisch)

„Wolfgang Morell und Schanna Woronzowa“ Youtube

  • Weitere Informationen finden sich in den Blogs:

–      stuttgartnishnij.wordpress.com

–      erlangenwladimir.wordpress.com

In Kürze wird auch der Mitschnitt der Aufführung in der Waldorfschule Erlangen am 23.10.2017 von Herrn Werner Schramm vom Aischtaler Filmtheater e.V. erhältlich sein.

 

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Drei Jahre Lehrerin am Gymnasium Nr.1 in Nischni Nowgorod


Nach drei Jahren Unterricht am Gymnasium Nr. 1 mit erweitertem Deutschunterricht in Nischni Nowgorod möchte ich „Nachlese halten“, schildern, was diese Zeit geprägt hat, was gut und was nicht so gut war. Um es vorweg zu sagen: Meine Erfahrungen sind aus mehreren Gründen wahrscheinlich überdurchschnittlich positiv:

  1. handelt es sich bei meiner Schule um ein Gymnasium mit erweitertem Deutschunterricht, einer Schule also, in der ein überdurchschnittlich großes Interesse an meinem Fach herrscht.
  2. habe ich überwiegend Schülerinnen und Schüler unterrichtet, die auf unterschiedlichen Stufen (A1-C1) ein Zertifikat oder Sprachdiplom (DSD) erwerben wollten und dadurch besonders motiviert waren.
  3. erhielt mein Gymnasium in diesem Jahr zum 3. Mal in Folge das Prädikat „eine der 500 besten Schulen Russlands“.

Trotzdem gilt das, was ich im Folgenden schildern werde, in der Tendenz sicher auch für andere Schulen.

Der Schulbetrieb in Russland im Allgemeinen und am Gymnasium Nr. 1 im Besonderen unterscheidet sich in vieler Hinsicht von dem in deutschen Schulen:

In vielen Schulen gibt es aus Platzmangel Schichtunterricht: morgens werden die Klassen 1, sowie 5 -11 unterrichtet (nicht 12 – die Schüler machen ihr Abitur hier nach Klasse 11), nachmittags die Klassen 2 – 4. Samstags haben nur die Großen Unterricht. Durch den Halbtagesbetrieb besteht der Vormittag für die Kleinen aus Hausaufgaben-Machen, auch herrscht reges Treiben auf den Spielplätzen der Stadt. Die Großen gehen am schulfreien Nachmittag entweder in Musik- Kunst- Tanz- oder Sportschulen, die in Russland so preisgünstig sind, dass es sich jede Familie leisten kann, ihr Kind dorthin zu schicken (im Sozialismus waren sie kostenlos) und die sehr professionell arbeiten: drei- viermal die Woche 2-3 Stunden, mit hochqualifizierten Lehrern und Trainern. In den Musik- und Kunstschulen gibt es festgeschriebene Lehrpläne, regelmäßige Prüfungen, Abschlussexamen, Abschlusszeugnisse, in den Tanz- und Sportschulen immer wieder Wettbewerbe und Wettkämpfe. Nicht von ungefähr findet man in vielen künstlerischen und sportlichen Bereichen auch im Ausland Russen.

Eine mindestens genauso wichtige Nachmittagsbeschäftigung ist der Gang zur Repetitorin. Das ist keine Nachhilfelehrerin für die Schwachen, sondern eine Trainerin für diejenigen, die in einem Fach ЕГЭ (Единый Государственный Экзамен), d.h. Abitur machen möchten. Im Gegensatz zu Deutschland ist die Schule in Russland nicht verpflichtet, den für alle Prüfungsfächer notwendigen Abiturstoff zu vermitteln, sondern lediglich den Pflichtstoff für Mathematik und Russisch und ein breites Basiswissen in den anderen Fächern. Wenn sich z.B. ein Schüler entscheidet, in Geschichte Abitur zu machen, das an unserer Schule nur einstündig unterrichtet wird, braucht er dafür einen Repetitor, den die Eltern bezahlen müssen. Lehrerinnen bessern durch diese Privatstunden ihr miserables Gehalt auf, böse Zungen behaupten immer wieder, dass sie sich im Unterricht morgens schonen, um nachmittags fit für ihre Privatschüler zu sein. Fakt ist, dass eine Lehrerin nach einem Morgen an der Schule und einem Nachmittag voller Repetitorenstunden den Unterricht nicht mehr so akribisch  vorbereiten kann, wie ein deutscher Lehrer. Allerdings ist dies in Russland auch weniger nötig, denn der Unterricht muss methodisch nicht so abwechslungsreich sein (die Schüler bleiben auch so bei der Stange), er muss keinen Spaß machen (Lernen ist Arbeit, der Spaßfaktor spielt keine Rolle), und: er muss ja nur das Basiswissen vermitteln, alles Weitere holen sich die Schüler beim Repetitor – womit sich der Kreis schließt. Alles in allem ist jedoch der sozialistische Anspruch einer kostenlosen Bildung nicht mehr gegeben.

Eine meiner Kolleginnen hat 27 – 30 Privatschüler, die sie montags bis einschließlich samstags von 14 – 21 Uhr in Gruppen von 2-3 Schülern unterrichtet. Sie verlangt dafür 800 Rubel für eine Doppelstunde. Die rund 57 000 Rubel, die sie dadurch monatlich verdient, sind ein angenehmes Zubrot zu ihrem Lehrergehalt, das ca. 18 000 Rubel beträgt.
Ein Kind hat neun Monate lang zwei Doppelstunden pro Woche. Bei meiner Kollegin ist garantiert, dass die Schüler das Abitur bestehen, viele von ihnen erreichen sehr hohe Punktzahlen. Ich habe neulich das Gespräch zweier Mütter unfreiwillig mitangehört, die sagten, „lieber 30 000 Rubel für den Repetitor bezahlen, als eine Aufnahmeprüfung für die Universität kaufen.“ Hierbei wiederum ist zu bemerken, dass Aufnahmeprüfungen theoretisch kostenlos sind. Theoretisch….
Die Repetitorenstunden werden natürlich schwarz bezahlt, doch wird der Staat sich hüten, einzugreifen, da er so Kosten auf die Eltern abwälzt, die er sonst selber tragen müsste.

Obwohl der Unterricht nicht so zeitaufwändig vorbereitet wird wie in Deutschland, ist er meist gut: Die Lehrerinnen sind sehr gut ausgebildet, sprechen z.B. hervorragend Deutsch. Auch sind sie in der Regel engagierte Pädagoginnen – sonst würden sie ihren Beruf bei einem Gehalt von durchschnittlich 18 000 Rubeln (derzeit 260 €, wobei das Preisniveau hier natürlich niedriger ist als in Deutschland) nicht ausüben. Doch fällt auf, dass im Sprachunterricht weniger Wert auf kommunikative Kompetenz als auf Grammatik, Schreiben, Übersetzen, Auswendiglernen gelegt wird. So sprechen manche Schüler überraschend schlecht – angesichts der Tatsache, dass sie ab der zweiten Klasse Deutsch lernen, am Ende der siebten Klasse  850 Stunden hatten und in den Klassen zehn und elf 8 Wochenstunden Deutsch haben, DSD-Schüler sogar 10. Meines Erachtens wird der Luxus der kleinen Gruppen – im Sprachunterricht werden die Klassen halbiert, sodass es nie mehr als 15 Schüler in einer Gruppe gibt – nicht genügend für freies Sprechen genutzt. Jeder Fehler wird sofort verbessert, die dazugehörige Grammatikregel mitgeliefert. Das Prinzip „fluency before accuracy“ („flüssiges Sprechen ist wichtiger als richtiges Sprechen“), das allerdings auch in Deutschland erst seit etwa 10 bis 15 Jahren gilt, ist hier noch nicht angekommen, interaktiver Unterricht eher die Ausnahme als die Regel. In den Klassen zehn und elf werden 3 Wochenstunden Übersetzungstechnik unterrichtet, wo die Schüler einen theoretischen Text nach dem andern vor sich hin übersetzen. Wie gut könnte man diese Zeit für Sprechtraining nutzen!

Erziehung

Was bei den Lehrerinnen auffällt, ist der Mut zur Erziehung. Während in Deutschland Erziehen oft als leidiges Geschäft betrachtet wird, weil man es – bewusst oder unbewusst – als Dressur oder Drill oder als undemokratisch empfindet (in Deutschland wird eher ausdiskutiert), wird hier ruhig, verlässlich und konstant erzogen. Dadurch ist vieles einfach klar: Man grüßt jeden Lehrer (und macht das nicht von der Tagesform oder von einem gerade herrschenden Konflikt abhängig), man redet nicht mit seinen Nachbarn im Unterricht (und macht das nicht davon abhängig, ob der Lehrer Disziplin halten kann oder nicht), man trägt formale Kleidung oder wird heimgeschickt, um sich umzuziehen, man hat einen angemessenen Ton, zeigt Respekt (der nicht den Beigeschmack von Unterwürfigkeit hat).

Ab Klasse 8 werden „Empfangskomitees“ gebildet, die – meistens im Beisein ihrer Klassenlehrerinnen jeden Morgen unpassend gekleidete Schüler wieder heimschicken

Lehrer sind Erwachsene und Schüler sind Kinder – das ist ein Fakt von erfrischender Klarheit. Immer wieder kamen Schülerinnen von Austauschen oder dem Goebel-Programm (3monatiger Aufenthalt in Deutschland mit Unterrichtsbesuch) zurück und sagten: „Die Lehrer in Deutschland wollen die Freunde der Schüler sein. Sie tragen Jeans, reden wie Gleichaltrige, sitzen auf dem Tisch…“ Allerdings sagten manche auch: „Mit deutschen Lehrern kann man über alles reden, mit unseren nicht“.

Trotz klarer Abgrenzung zwischen Lehrern und Schülern, herrscht zwischen ihnen oft ein sehr emotionales Verhältnis, das systembedingt ist: Man hat nicht nur die Klassenlehrerin, sondern auch die Fachlehrerinnen möglichst während der ganzen Schulzeit. Dadurch kennt man einander, umarmt als Kleiner mal zärtlich die Lehrerin, klebt am Lehrertag einen Zettel an die Kabinett-Tür, auf dem steht: »Мы Вас любим»! (Wir lieben Sie!), kommt als Ehemaliger immer wieder in der Schule vorbei oder besucht als Klasse die Klassenlehrerin zu ihrem Geburtstag. Aber die Lehrerin ist nicht Freundin, sondern eine verehrte Respektsperson. 

Coolness

Was bei den russischen Schülern auffällt, ist die Abwesenheit von Coolness. Während es in deutschen Schulen von entscheidender Wichtigkeit ist, cool zu sein, muss man in Russland den Schülern ausführlich erklären, was Coolness ist.

In Russland darf man sich z.B. für die Schule anstrengen, es ist mit Prestige behaftet, zu den Besten zu gehören. Wenn man schlecht ist, schämt man sich in der Regel dafür und gehört nicht zu den Tonangebenden in der Klasse. In Deutschland werden gute Schüler zwar auch manchmal (insgeheim) bewundert, aber oft, obwohl sie gut sind, nicht, weil sie gut sind. Vor allem ist es „mega-out“, hart dafür zu arbeiten. Ein ‚Streber‘ zu sein ist das Allerletzte: wenn, dann muss einem der Erfolg im Schlaf zufliegen. Nachmittags zu chillen ist cool, zu lernen ist uncool. In Russland hingegen steht man zu seinem Leistungswillen, bei der Beschreibung seines Tagesablaufs (wird im Sprachunterricht immer wieder auf verschiedenen Niveaus thematisiert), arbeitet man bis spät in die Nacht, Freizeit hat man nur am Sonntag, und auch da nicht immer, und in den Ferien arbeitet man seine riesige Literaturliste durch. Anders ist die Lektüre von „Krieg und Frieden“, „Anna Karenina“, „Schuld und Sühne“ „Der Stille Don“ – um nur einige zu nennen – nicht zu schaffen.

Ein zweiter Aspekt des ‚Nicht-Cool-Sein-Müssens‘ in Russland ist, dass man hier Emotionen zeigen darf, die bei den deutschen Schülern nicht so angesehen sind. Man zeigt Freude und Zuneigung ebenso deutlich wie Trauer. Es kommt durchaus vor, dass einer Schülerin in der elften Klasse Tränen in die Augen treten, wenn sie eine schlechte Note bekommt. In deutschen Schulen ist das Zeigen solcher Gefühle vor allem in der Pubertät tendenziell ober-uncool. Viel höher im Kurs stehen Null-Bock, Empörung, Wut, oder keine Emotionen, im Sinne von: „Mich kann nichts erschüttern“. Die ersten drei dieser Gefühle sind mir bei meinen russischen Schülern nie begegnet, zur Schau gestellte Emotionslosigkeit höchstens, um Wut und Empörung vor dem Lehrer zu verbergen.

Ein dritter Aspekt des Nicht-Cool-Sein-Müssens ist, dass man Zuneigung auch Lehrern gegenüber offen zeigen darf. Grüßen tun, wie oben erläutert, alle. Aber hier darf man dabei auch strahlen. Man darf einer Lehrerin auch einmal etwas Nettes sagen, man darf ihr etwas aus dem Urlaub mitbringen. Die Karten, die Lehrerinnen zum 8. März (dem Internationalen Tag der Frau) bekommen, sind oft die reinsten Liebeserklärungen. In Deutschland wird so etwas tunlichst vermieden, denn mindestens genauso uncool, wie ein ‚Streber‘ zu sein, ist es, ein ‚Schleimer‘ zu sein. Beides sind übrigens ebenfalls Wörter, die man hier ausführlich erklären muss, und die trotzdem auf Unverständnis stoßen.

 Eine Delegation der 10. Klasse gratuliert ihrer Lehrerin zum Geburtstag

 

Last but not least ist eine Folge des Nicht-Cool-Sein-Müssens, dass es hier praktisch kein Mobbing gibt, ein weiteres Wort, das meine russischen Schüler nicht verstanden. Mobbing-Opfer in Deutschland sind in der Regel Schüler, die im obigen Sinne uncool sind. Sie werden aus der tonangebenden Gruppe der Coolen ausgeschlossen und oft nach allen Regeln der Kunst gequält. In Russland gibt es natürlich auch Schüler, die höher im Kurs stehen als andere, aber diskriminiert wird niemand.

Kein Wunder also, dass oft Schüler, die ursprünglich in Deutschland studieren wollten, nach ihrem Goebel-Aufenthalt keine Lust mehr dazu haben, weil sie die deutschen Schüler „komisch“ finden. Zum Beispiel bei einer Geburtstagsparty stellte jeder seinen Nudelsalat o.ä. auf den Tisch und chillte dann mit seinem Handy, wobei man sich mit Alkohol volllaufen ließ. Meine russischen Schülerinnen zeigen ihre Freude über ein Fest, essen, trinken, lachen und singen zusammen. Alkohol, wenn überhaupt vorhanden, spielt eine sekundäre Rolle.

Der Aspekt der Erziehung und die Abwesenheit von Coolness sind die beiden Gründe, warum mir das Unterrichten hier grenzenlos Freude gemacht hat. Wie viel einfacher und angenehmer dadurch das Schulleben ist, sowohl für die Lehrer, als auch für die Schüler! Ich möchte sogar so weit gehen zu behaupten, dass in Deutschland ein wesentlicher Grund für das ‚Burn-out‘-Syndrom der Lehrer ist, dass Lehrer und Eltern aus einem falsch verstandenen Liberalismus heraus zu wenig erziehen, und dass – vielleicht als Folge davon – Kinder cool sein müssen.

Was hat mir noch gefallen an meiner Schule?

  • Die ‚Kabinette‘: Hier haben nicht Klassen ihr Klassenzimmer, sondern Lehrer ihr Unterrichtszimmer, in dem sich alle ihre Unterrichtsmaterialen befinden, Wörterbücher, Grammatikplakate, Deutschlandkarten….; meist auch ein Drucker und ein Computer, in selteneren Fällen ein Beamer und – der absolute Luxus – ein Whiteboard (eine weiße, abwaschbare Tafel, die auch für Präsentationen genutzt werden kann.) Die Kabinette sind sehr unterschiedlich und individuell gestaltet, ihre Ausstattung hängt vom Engagement der Eltern ab. So ist es keine Ausnahme, dass Eltern der Klassenlehrerin ihrer Kinder (die sie wie gesagt 11 Jahre führt) zum Schuljahresende einen Laptop schenken, in den Sommerferien den Raum weißeln, Vorhänge nähen, sogar Doppelfenster einbauen lassen. Denn die Investitionen kommen ihren Kindern zugute und die Schule hat kein Geld.
  • Die Schulfeste und Theateraufführungen, die häufiger, bunter und kreativer sind, als in Deutschland. Ein Grund dafür ist, dass die Schüler an ihren Kunst- Musik- Tanz- und Sportschulen so viel lernen, dass es für sie ein Leichtes ist, eine hochkarätige Bühnenshow zusammenzustellen. So schufen die diesjährigen Elfer für «Последний Звонок», „Das Letzte Läuten“ (eine Festveranstaltung zum Ende der elfjährigen Unterrichtszeit, bevor die Prüfungsphase beginnt) ein Musical, in dem jedes Fach durch einen Rock/Pop-Song mit selbstgemachten Texten und hervorragenden Tanzeinlagen dargestellt wurde.

Die Schulabgänger stellen hier das Fach Gesellschaftskunde dar. Auf der Russlandfahne steht: Verfassung der Russischen Föderation

 

Zum Niveau solcher Veranstaltungen trägt aber auch bei, dass unsere Schule (wie viele andere auch) eine eigene Vollzeit-Theaterlehrerin beschäftigt, mit einem Wochendeputat von 32 Stunden. Die ausgebildete Schauspielerin kann nicht nur Sprach- und Stimmbildung, sie ist auch mimisch und gestisch ein absoluter Profi. Dadurch besetzen unsere Schüler bei jedem Vortrags-Wettbewerb (bei denen es um den Vortrag von Gedichten geht) die ersten Plätze. Auch bei der Inszenierung von „Komm wieder, aber ohne Waffen“ stand die Theaterlehrerin immer wieder bei Proben mit Rat und Tat zur Seite.

Hier zeigt die Theaterlehrerin den „deutschen Kriegsgefangenen“, wie man pantomimisch einfädelt

 

  • Das Phänomen des „Methodentages“. Alle Lehrerinnen eines Fachbereichs haben an einem Tag der Woche unterrichtsfrei. Für die Schüler bedeutet das z.B., dass ein bestimmtes Fach an einem Tag in keiner Klasse unterrichtet wird, für die Lehrer, dass sie an diesem Tag Fortbildungen machen können. Faktisch heißt es aber natürlich, dass die Lehrer ihre Methodenkenntnisse ihren Privatschülern zugutekommen lassen. An meiner Schule ist der Methodentag für die Deutschlehrer montags, was mir persönlich grundsätzlich ein langes Wochenende bescherte.

Natürlich gab es aber auch Dinge, die mir nicht gefallen haben:

  • Der viele Unterrichtsausfall. Dieser ist in erster Linie durch die unzähligen Olympiaden bedingt, die in fast jedem Fach zuerst auf Schul- dann auf Stadt-, dann auf Regions-, dann auf Landesebene abgehalten werden. Weil die Olympiaden der verschiedenen Fächer an unterschiedlichen Tagen stattfinden, und weil unterschiedliche Schüler unterschiedliche Stärken haben, gibt es Phasen, in denen die Lerngruppe fast nie vollständig ist.

Unterricht kann aber auch dadurch ausfallen, dass nach dreimonatiger Sommerpause, zweiwöchige Fortbildungen im September stattfinden. Oder dadurch, dass Lehrer ihren Urlaub im September nehmen, weil es in der Nachsaison billiger ist, oder weil der Ehemann seinen sechzigsten Geburtstag in Ägypten feiern will. Zum besseren Verständnis sei gesagt, dass Lehrer 56 Urlaubstage pro Schuljahr haben, die sie in der Regel während der Sommerpause nehmen, was sie aber nicht müssen.

Auch Schüler fahren mit ihren Eltern während der Schulzeit in Urlaub. Es genügt eine schriftliche oder mündliche Abmachung mit dem Schulleiter. Dieser findet so etwas zwar nicht gut, kann aber – nach eigener Aussage – die Schüler nicht an die Leine legen, wenn die Eltern wegfahren wollen.

Ein weiterer Grund für Unterrichtsausfall ist die Quarantäne-Woche, die mit großer Regelmäßigkeit einmal pro Jahr verordnet wird, vorzugsweise im Januar oder Februar. Die Quarantäne-Woche legt nicht der Schulleiter fest, sondern die Stadt. Sie gilt jeweils für einen ganzen Stadtbezirk. Ärgerlich ist sie dann, wenn sich Schüler bester Gesundheit erfreuen. So geschehen letzten Winter bei meinen 11ern, von denen nur ein kleiner Teil einen grippalen Infekt hatte.

Und dann gibt es natürlich Klassenfahrten, Schulausflüge (die nicht für die ganze Schule am gleichen Tag gemacht werden), Sprachfahrten nach Deutschland, die in der Regel teils in den Ferien, teils in der Schulzeit stattfinden und Austausche, die immer während der Schulzeit durchgeführt werden. Interessant ist dabei allerdings, dass die Lehrerinnen, die Austausche begleiten, nicht nur selber für Ersatzlehrerinnen für ihre anderen Klassen sorgen, sondern diese auch aus eigener Tasche bezahlen müssen!  

  • Das Notensystem.

Theoretisch gibt es Noten von Eins bis Fünf, wobei Fünf die beste Note ist. Praktisch jedoch werden nur die Noten von Fünf bis Drei vergeben, Zweien gibt es nur für nicht gemachte Hausaufgaben, denn eine Zwei bedeutet: nicht bestanden. Ich erinnere mich an eine Lehrerkonferenz, auf der der Schulleiter verkündete, wenn ein Lehrer einem Schüler eine Zwei gebe, müsse er ihm dies schriftlich mitteilen und aufzeigen, welche Versuche er, der Lehrer, unternommen habe, um diese Note zu vermeiden. Gängige Verfahren sind dabei, den Schüler die gleiche Arbeit noch einmal schreiben zu lassen oder ihn mündlich abzufragen. In Klasse 11 sind Zweien kategorisch verboten. Über Einsen wird während der ganzen Schulzeit nicht geredet. Doch abgesehen davon, dass es praktisch nur die Noten „sehr gut, gut und befriedigend“ gibt, ist es auch üblich, «пятёрки» (Fünfen) geradezu inflationär zu vergeben. Schüler, die in allen Fächern Fünfen haben, sind nicht selten. Sie sind sogenannte „Medaillen-Schüler“. Hat eine Klassenlehrerin solche in ihrer Klasse, legt sie vor der Notenabgabe einen Zettel mit den Namen ins Klassenbuch. Dies ist ein impliziter Hinweis, dass man den Schülern nicht die Medaille vermasseln soll, indem man ihnen eine Vier gibt. Die vielen tollen Noten werden am Ende jeder Stunde im Klassenbuch festgehalten und können minutiös nachgewiesen werden.

Um zum Schluss zu kommen: Ministerpräsident Medwedjew, der landauf landab sehr kritisch gesehen wird, ist u.a. für zwei Aussagen in Bezug auf die Lehrer berühmt: 1. „Wenn die Lehrer unzufrieden sind mit ihrem Gehalt, sollen sie doch in die Industrie gehen.“ 2. „Lehrer verdienen so wenig, denn Lehrer-Sein ist kein Beruf, sondern eine Berufung.“ Die Lehrer am Gymnasium Nr. 1 arbeiten nicht dort, weil sie in der Industrie keiner nimmt, sondern weil sie ihre Aufgabe als Berufung empfinden, und/oder, weil sie sich mit dieser Schule identifizieren. Sehr viele von ihnen waren schon als Schüler an der Schule, viele Kollegen sind ehemalige Schulkameraden. Dies prägt ihre Einstellung und die Schulatmosphäre und dies hat mir drei Schuljahre ermöglicht, die ich auf keinen Fall missen möchte.

P.S. Seit letzter Woche ist bekannt, dass das Schulgebäude ab Januar 2018 geräumt werden muss, weil es renoviert wird. Die Mittelstufe wird in das Gymnasium Nr. 13, die Oberstufe in das Gymnasium Nr. 8 evakuiert. (Die Unterstufe wurde Gott sei Dank schon bisher in einer Filiale unterrichtet.) Wie das organisiert werden soll, wenn z.B. Lehrer in beiden Stufen unterrichten, oder wo die Klassen in den Ausweichschulen unterkommen, sind offene Fragen. Sollte es darauf hinauslaufen, dass unsere Schüler grundsätzlich in der zweiten Schicht unterrichtet werden, bricht für unsere Lehrerinnen die lebensnotwendige Einnahmequelle durch das Repetitorentum weg, weshalb es durchaus sein kann, dass sie von ihrem Recht Gebrauch machen, einen «творческий отпуск» (ein Sabbatjahr) zu nehmen.

 Warum plötzlich diese überfällige Sanierung mitten im Schuljahr? Das marode, jedoch repräsentative Gebäudes in bester Lage soll die Schaltzentrale für die Fußballweltmeisterschaft 2018 beherbergen.

 Das „Letzte Läuten“

 Ein Erstklässler repräsentiert das „Erste Läuten“, die Elftklässler repräsentieren das letzte

 Zungenbrecher zum Schuljahresende

  Anspruchsvolle Deutschprüfungen in allen Klassen zum Schuljahresende

 Lockerer geht es da bei meinen „Sternchen-Prüfungen“ für das A1 Zertifikat zu….

 …..bei denen alle Teilnehmer ein Zertifikat bekommen.

 

Das letzte Läuten

Mit der „Nacht der Museen“ (Ночь Музеев) am dritten Mai-Wochenende verhielt es sich hier ebenso wie in Stuttgart und möglicherweise überall auf der Welt: die Museen waren überfüllt, vor den Eingängen standen lange Warteschlangen. Deshalb führte uns Roses Kollegin Marina in den Park des Sieges (Парк Победы). Er liegt an der Wolga unterhalb des steilen Uferhanges und zeigt Waffen aller Art: Panzer, Geschütze, Minenwerfer, Katjuschas. In dem Übersichtsprospekt, der die 26 sich beteiligenden Museen aufführt, wird der Besucher des Parks aufgefordert herauszufinden, welche der Waffen im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurden.

In einem abgetrennten Gelände krochen wir durch Schützengräben und Unterstände. Dabei stießen wir plötzlich auf Soldaten in russischen und deutschen Uniformen. Marina und Rose erfuhren von einem „Deutschen“, der sich Johann nannte, dass heute eine Nachtschlacht geschlagen wird.

Vor der Nachtschlacht: Marina und Rose sprechen mit einem „Deutschen“.

Um 23 Uhr – nach langem Warten bei Regen – begann das Spektakel. Ein Trupp Russen griff die Deutschen an, die sich in den Schützengräben verschanzt hatten. Mit Böllern, Feuerwerksraketen, Leuchtkugeln, Gewehr- und MG-Schüssen wurde ein Höllenlärm veranstaltet. Viel war nicht zu sehen, der Ausgang ohnehin klar. Ein Sprecher animierte die zahlreichen Zuschauer immer wieder „Giftler kaput – für Stalin – für das Vaterland“ zu rufen. Nach einer halben Stunde war alles vorbei.

Marina antwortete auf unsere skeptischen Kommentare zu dem gerade erlebten Schauspiel, die Russen sähen darin nicht viel Anderes als ein historisches Spiel, ähnlich wie mittelalterliche Ritterspiele. Wir fragten uns, was bei uns los wäre, wenn wir den Krieg gewonnen hätten? Wie sagte Erich Kästner schon 1930 in seinem Gedicht „Die andere Möglichkeit“ (Erste und letzte Strophe):

  • Wenn wir den Krieg gewonnen hätten, mit Wogenprall und Sturmgebraus, dann wäre Deutschland nicht zu retten und gliche einem Irrenhaus.
  • Dann läge die Vernunft in Ketten. Und stünde stündlich vor Gericht. Und Kriege gäb’s wie Operetten. Wenn wir den Krieg gewonnen hätten – zum Glück gewannen wir ihn nicht!

Weil kein Taxi kam, stiegen wir durch den dunklen Wald den Hang hinauf zur Oberen Wolga-Uferstraße. Auf dem Heimweg durch die Stadt sahen wir vor den Museen trotz des Regens noch immer Menschen auf Einlass warten, die Nacht der Museen ging bis ein Uhr.

Vor diesem Ausflug ins Kriegerische hatte uns Marina etwas Erbaulicheres gezeigt: einen „Hügel der Poeten“ (холм поетов), den Nischegoroder Dichter, unter anderen auch ihr Mann, am 25. Juli 1998 ohne behördliche Genehmigung an der Kremlmauer einrichteten, markiert mit einer schlecht zu lesenden Aluminiumplatte am Boden und einer kleinen, leicht zu übersehenden Nachtigall aus Eisen hoch an der Ziegelwand. Es finden dort noch immer alternative Dichtertreffen mit Lesungen statt. Wir gingen hier schon oft vorbei, ohne den geheimnisvollen Reiz des Ortes zu entdecken. Die Ansicht, die der Zusammenfluss von Wolga und Oka bietet, ist bei jedem Wetter so grandios, dass man sich nicht nach der Mauer umdreht.

Hügel der Dichter – Die Nachtigall an der Kremlmauer

Der immer wieder grandiose Blick auf Oka und Wolga

Unterhalb des Kreml liegt ein altes Kaufmannsviertel mit reichen Häusern aus dem 19. und 20. Jh. auf der Рождественская (Weihnachtsstraße) und der Unteren Wolga-Uferstraße. In einem Jugendstil-Haus logiert die „Galerie Futuro“ mit wechselnden Ausstellungen zeitgenössischer Maler aus ganz Russland.

Jugendstil-Haus an der Roschdestwenskaja Straße mit der Galerie FUTURO

In den geschmackvoll renovierten Räumen mit rohbelassenen Wänden war eine Ausstellung zum Thema „Frauen“ zu bewundern, überraschend, weil nicht der sonst hier häufige naturalistische Stil zu sehen war. Die ungerahmten Bilder zeigten ein breites Spektrum von Stilen, meist mit wenigen Pinselstrichen und wenig Farbe.

Ausstellungsraum in der Galerie FUTURO

Eingangsbild in der Galerie FUTURO

Dieses klobige Denkmal von Seeleuten aus der Stalinzeit vor dem Flussbahnhof bildet einen krassen Gegensatz zu den wohlproportionierten und reich verzierten Häusern der anliegenden Straßen. Man beachte: es wurden Blumen abgelegt!

Das letzte Läuten

Последний Звонок, das letzte Läuten, ist in Russland der letzte Schultag für die Аbiturienten vor ihren Prüfungen und wird in allen Schulen groß gefeiert. In unserem Gymnasium Nr.1 war dies eine lockere, fröhliche Schau in der Aula. Nach Reden des Schulleiters, eines Vertreters der Schulbehörde und dem Abspielen (eines Teils) der Nationalhymne, zu der alle aufstanden, führte die Abi-Klasse ein selbst verfasstes schwungvolles Musical über ihr Schulleben und ihre Lehrer auf. Die Rock- Pop- und Hiphop-Nummern wurden mit stürmischem Beifall bedacht. Und immer wieder Dank an die Lehrer und die Eltern.

 Die Abi-Klasse beim Letzten Läuten 

Von einer Schülerin bekam ich einen Blumenstrauß, der so groß und schwer war, dass wir mit dem Taxi nach Hause fahren mussten. Für mich und die DSD-Schüler folgt jetzt noch ein zweiwöchiger Intensivkurs, dann endet dieses Schuljahr in Nischni auch für mich. Es war mein letztes hier in Nischni Nowgorod – und überhaupt.

 

 

 

 

 

 

Der 8. und der 9. Mai 2017 in Moskau

Die elfte Reise nach Moskau in den zweieinhalb Jahren unseres Russlandaufenthaltes galt der Feier des 8. Mai. Der erste Metro-Zug am Kursker Bahnhof in Moskau empfing uns martialisch mit Fotos und Plakaten zum Tag des Sieges: an den Türen Bilder von Waffen und russischen Soldaten aus dem 2. Weltkrieg und im Wagen Beschreibungen der großen siegreichen Schlachten. Allerdings haben wir bei den fünf weiteren Metro-Fahrten dies nicht mehr gesehen, da hing in den Wagen wie in der Vergangenheit vor allem Werbung, unter anderem für (billige?) Kredite mit 12,5 % Zinsen.

Die Stadt war für den großen russischen Feiertag üppig geschmückt. Das oft zu sehende offizielle Logo bestand aus den Worten „Tag des Sieges 9. Mai“ und dem Georgsband aus dem weiße Blüten wachsen. Groß prangte es auf den hellblauen Rückwänden der „Public Viewing“ Bildschirme für die Übertragung der Parade auf dem Roten Platz.

Das diesjährige Logo zum Tag des 9.Mai

In vielen Schaufenstern hingen kleinere Formate in verschiedenen Ausführungen. Wie immer bei solchen Festen waren in den Fußgängerzonen und auf den Plätzen viele Pavillons mit Cafés, Verkaufsbuden und kleine Bühnen aufgebaut. Im Rahmen des Moskauer Frühlings sangen an 49 Stellen in der Stadt a capella Gruppen. In der Nähe unseres Hotels ein georgisches Trio in landesüblicher Tracht mit den stilisierten Patronengürteln über der Brust.

Nach einem ausgezeichneten (frühen) Abendessen am Vorabend unseres Festes im besten usbekischen Restaurant Moskaus „Weiße Wüstensonne“ mit Plov, Reis und Fleischspießen – ohne die später dort zu bewundernde Bauchtänzerin – gingen wir in die Tschaikowski-Philharmonie am Triumphplatz zu einem Gala-Chorkonzert, das im Rahmen des 16. von Waleri Gergijew geleiteten Moskauer Osterfestivals (ХVI Сезон Пасхальный Фестиваль) stattfand.

Schlussauftritt aller Chöre im Tschaikowski-Saal

Aus Russland waren ein St. Petersburger und ein Moskauer Chor zu hören, die anderen Chöre kamen aus Sofia, Stockholm, Tiflis, Prag. Der tschechische Jugendchor aus Prag belebte das eher ernste Programm mit volkstümlichen Weisen und Tänzen. Besonders beeindruckte uns der georgische Jugendchor Mdslewari  (kein Tippfehler) mit seinen kräftigen Stimmen und ungewohnten, sich leicht reibenden Harmonien vor allem in den Oberstimmen. Auch sonst war das Programm sehr vielseitig, es reichte von einer achtstimmigen Madrigale von Diletzki aus dem 17. Jh. (gesungen von den dreizehn Sängern vom „Chor der sieben Heiligen“ aus Sofia), schwedischen Sommerliedern bis zu alten und modernen Kirchenliedern der russischen Ensembles. Am Schluss sangen alle Chöre stimmkräftig einen österlichen Choral „Christus ist auferstanden“.

Nach diesem gebührenden Auftaktabend wollten wir am nächsten Tag, unserem Festtag, die Mjasnizkaja Uliza mit ihren Jugendstil-Häusern, dem konstruktivistischen Centrosojus-Haus von Le Corbusier und dem vom Teehändler Perlowa errichteten Teehaus im chinesischen Stil ansehen. Wir gingen trotz schlechten Wetters los, doch es war – gelinde gesagt – wenig genussreich: die Schirme behinderten die Sicht und Fotografieren war wegen des Regens kaum möglich. Als es dann auch noch in dicken Flocken zu schneien begann, gaben wir auf und flüchteten –  weil Museen montags auch in Moskau geschlossen sind – zurück in unser Hotel Budapest. Die a capella Gruppen ließen sich offensichtlich weder vom Wind, noch von Schnee oder Kälte stören. Auf der Kusnetzski Most sangen junge Russen in Winterkleidung und geschützt von der Konzertmuschel vor einem spärlichen Publikum.

Rose lauscht unter blauem Schirm dem Gesang

Dennoch war der Tag für uns noch nicht verloren. Mitternacht war schon überschritten, als wir uns nach einem anregenden Abend mit Freunden bei leichtem Regen auf den Heimweg machten – zu Fuß, aus Drang nach Bewegung. Nachts sieht die Welt anders aus, vor allem wenn Straßenbauarbeiten auf dem Boulevardring zu Umwegen zwingen. Wir ahnten nicht, dass wir einen jungen Mann mit unserer Frage nach dem Weg glücklich machen. „Was, ihr seid Ausländer? Und ihr lauft hier nach Mitternacht bei Regen herum! Und wollt kein Taxi! Und sprecht Englisch?“ Da machte er buchstäblich einen Freudensprung. „Ich habe seit vielen Jahren kein Englisch mehr gesprochen. Darf ich euch ins Hotel begleiten?“ Er rief sofort seine Frau an und erzählte ihr von seinem Glück. Und dann umtanzte er uns förmlich, lief rückwärts vor uns her und radebrechte drauf los. Unbegreiflich für ihn, dass Deutsche aus Stuttgart keinen Porsche oder mindestens Mercedes fahren. Er bedauerte, uns sagen zu müssen, wie sehr er sich freue, dass Russlands Hockey-Team die Deutschen soeben 6 : 3 besiegt habe, und das ein Tag vor dem 9. Mai! Kurzweilig unterhalten und ziemlich durchnässt kamen wir nach einer dreiviertel Stunde schließlich in unser Hotel und so endete Roses Festtag, ihr halbrunder Geburtstag, vergnüglicher als es das unfreundliche Wetter erwarten ließ.

Stellwände mit Kriegserinnerungen auf dem Boulevardring, nachts um eins

Am Dienstag dann der 9. Mai, der Tag des Sieges, der große Feiertag in Russland! Der Rote Platz war weiträumig abgesperrt, selbst auf den Theaterplatz und auf die Twerskaja kam man, für uns unerwartet, nur mit einem Passierschein. So gelang uns auch kein Blick auf einen der Bildschirme, die wir tags zuvor gesehen hatten und damit auch nicht auf die Parade. Selbst „Безмертный Полк“, das „Unsterbliche Regiment“ blieb uns verwehrt. Bei diesem Umzug tragen die Teilnehmer Fotos der Gefallenen – und wie wir auf den Schildern gesehen haben – auch überlebender Kriegsteilnehmer des 2. Weltkrieges. Diese Erinnerung an die Angehörigen ist bei der Bevölkerung beliebter als die Militärparaden und findet in allen Städten statt. Auch in Nischni Nowgorod war der Zug – wie uns berichtet wurde – sehr eindrucksvoll.

Mit vielen anderen liefen wir zunächst etwas enttäuscht herum, vorbei an Händlern und kleinen Verkaufsständen, die Fahnen in den russischen Nationalfarben und mit dem 9.Mai-Logo anboten, sowie Georgsbänder und die typischen olivfarbenen Militärmützen, die Pilotkas (Пилотка). Das Wetter war sehr kühl und feucht, aber es regnete nicht immer.

Warten auf den Beginn des Umzuges oder auch ohne Passierschein?

Nachdem wir eine der nicht geschlossenen Metrostationen gefunden hatten, fuhren wir zur „ВДНХ“, der früheren „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“. Auf einem Gelände in der Größe einer Weltausstellung stellte sich jede Republik der Sowjetunion in einem eigenen Pavillon vor, der meist ein riesiges Gebäude war. Jetzt wird der Park für Ausstellungen, für die Erholung und für Messen genutzt.

Ausstellungsgebäude im БДНХ-Park: „Russland – Meine Geschichte“

Von der Metrostation läuft man gut eine halbe Stunde vorbei an dem Kosmonauten-Denkmal bis zum Ausstellungspavillon für die Geschichte Russlands, die dort wird in drei Teilen behandelt wird: die Dynastien der Ruriks, der Romanows und die Zeit der Sowjetunion von 1917 bis 1945. Ein weiterer Abschnitt, von 1945 bis 2000, wird noch in diesem Jahr eröffnet. Mit einem Audioguide in Englisch war die Ausstellung auch für mich höchst interessant. Auf einer als Zeitleiste gestalteten Wand sind die Ereignisse chronologisch dargestellt, davor interaktive Bildschirme, auf denen man in Russisch detaillierte Informationen abrufen kann. Auf der gegenüberliegenden Seite Schautafeln mit Statistiken, Texten und Fotos zu Personen und Ereignissen und immer wieder interaktive Bildschirme. In kleineren Räumen laufen Filme oder es werden einzelne Themen behandelt. Regelmäßig gibt es für bestimmte Zeitabschnitte eine Graphik, in der die Fläche, die Einwohnerzahl und das Bruttoinlandsprodukt der Sowjetunion dargestellt sind. Alles sehr informativ, modern präsentiert; es ist verständlich, dass russische Freunde dort einen ganzen Tag verbrachten.

Infographiken über Fläche, Einwohnerzahl und Bruttoinlandsprodukt 1940 und 1945

Als ein weiteres Beispiel für die Art der Darstellung ein Ausschnitt der Zeitleiste vom Sommer 1939. Unter anderem sind da aufgeführt: Der Molotow-Rippentrop-Vertrag vom 23. August, der Beginn des 2. Weltkrieges am 1. September, die Besetzung der Westukraine und Weißrusslands durch die Rote Armee am 17. September und der Russisch-Finnische Krieg vom 30. November bis 12. März 1940.

Der Sommer 1939 in der Ausstellung

Glücklich erreichten wir abends unseren Zug nach Nischni am Kursker Bahnhof. Glücklich, weil wir trotz des nassen und kalten Wetters und des für uns nicht zugänglichen Stadtzentrums wieder viel Interessantes in Moskau erlebt hatten, aber auch glücklich, dass wir den Zug trotz eines großen Umweges gerade noch erwischten. Denn leider hatten uns nicht einmal die Wachtposten sagen können, wann und wo die Absperrungen aufgehoben werden und welche Metrostationen geschlossen sind. Der Zug fuhr ab, zwei Minuten nach dem wir eingestiegen waren.

Erster Raum der Ausstellung: Ende des Zarenreiches

Karte mit den Lagern des Gulag 1946, Zahl der Häftlinge: 1 355 739

Maiakowski Denkmal am Triumph Platz (7. Mai 2017)

Mit allen Symbolen ausgestattet: Fahne mit Logo, Georgsband und Käppi

Partisanen, Foto von der Plakatwand am Boulevardring 

Schulnotizen zum 9. Mai

Meine Schüler haben durchweg ein unambivalentes Verhältnis zum 9. Mai: ‚Es ist ein sehr schöner und großer Feiertag‘. ‚Wir sind stolz und dankbar, dass unsere Urgroßeltern das Land von den Faschisten befreiten.‘ ‚Wir möchten uns erinnern, und ihnen danken.‘

Wie sie mit ihren Familien den Tag verbringen? Sie legen Blumen am ewigen Feuer im Kreml nieder, schauen die Moskauer Parade im Fernsehen an, essen gut, sehen mit der Familie alte Fotoalben an, singen Kriegslieder. Wobei man wissen muss, dass diese Lieder nichts Chauvinistisches haben. Das berühmteste, „Katjuscha“ ist auch in Deutschland bekannt und hat Volksliedcharakter. Es erzählt von der treuen Geliebten, Katjuscha, die die Liebe schützt, während ihr Geliebter das Vaterland beschützt. Meistens aber sind die Lieder von einer tiefen Trauer (über den Sohn, Mann, Vater, der nicht aus der Schlacht zurückkam (»Он не вернулся из боя…»). Sie handeln von der Anonymität des Sterbens («На братских мотилах не ставят крестов»), von Opferbereitschaft, Kameradschaft, Tapferkeit.

Letztes Jahr besuchten wir ein Konzert von Kriegsliedern in der Oper. Dies ist der passende Rahmen. Hier wird keine Marschmusik gespielt, eher Romanzen und Chansons. Oft sind sie voller Poesie. Um die Stimmung zu zeigen, möchte ich hier eines der berühmtesten Lieder von Mark Bernes abdrucken, das kongenial ins Deutsche übersetzt wurde. Man kann es gleichzeitig unter folgendem Link als YouTube Film anschauen und hören:

https://www.youtube.com/watch?v=XZZHISSfHv4

Zhuravli (Журавли)

Мне кажется порою, что солдаты,

С кровавых не пришедшие полей,

Не в землю нашу полегли когда-то,

А превратились в белых журавлей.

 

Они до сей поры с времен тех дальних

Летят и подают нам голоса.

Не потому ль так часто и печально

Мы замолкаем, глядя в небеса?

 

 

Летит, летит по небу клин усталый,

Летит в тумане на исходе дня,

И в том строю есть промежуток малый,

Быть может, это место для меня.

 

Настанет день, и с журавлиной стаей

Я поплыву в такой же сизой мгле,

Из-под небес по-птичьи окликая

Всех вас, кого оставил на земле.

 

 

Мне кажется порою, что солдаты,

С кровавых не пришедшие полей,

Не в землю нашу полегли когда-то,

А превратились в белых журавлей..

———————————

 

Автор текста: Расул Гамзатов

Композитор: Ян Френкель

Исполняет: Марк Бернес

 

Kraniche

Ich denke manchmal, unsere Soldaten –

dahingemäht auf blutdurchtränktem Feld –

Ruh’n nicht, wo Kameraden sie verscharrten:

Sie sind nun Kraniche am Himmelszelt.

 

Laut rufend zieh’n sie ständig ihre Bahnen

Als weiße Kraniche seit eh und je.

Und weil wir unbewusst die Nähe ahnen

Schau’n wir betrübt und schweigend in die Höh‘

 

Dort fliegen sie und fliegen, unsre Lieben

Im Nebel bis ans Ende ihrer Zeit.

Ein kleiner Zwischenraum ist nur geblieben –

Vielleicht hält man den Platz für mich bereit?

 

 

Dann zög‘ auch ich an trüben, grauen Tagen

mit ihrem Schwarm, der mir die Richtung wies,

Würd‘ aus der Höhe vogelartig klagen

Euch rufend, die auf Erden ich verließ.

 

Ich denke manchmal, unsere Soldaten-

dahingemäht auf blutdurchtränktem Feld –

ruh’n nicht, wo Kameraden sie verscharrten:

Sie sind nun Kraniche am Himmelszelt.

 

 

Autor des Textes: Rasul Gamzatow

Komponist: Jan Frenkel

Interpret: Mark Bernes

 

 

Nicht so poetisch, aber sehr pazifistisch ist auch das Lied „Für den Rest des Lebens“ – «На всю оставшуюся жизнь»

https://www.youtube.com/watch?v=EwMna0eDdvw

Автор: В.Баснер—П.Фоменко,Б.Вахтин

Альбом: Звездопад

 Сестра,ты помнишь как из боя Меня ты вынесла в санбат? Остались живы мы с тобою В тот раз, товарищ мой и брат. На всю оставшуюся жизнь Нам хватит подвигов и славы, Победы над врагом кровавым,- На всю оставшуюся жизнь. 

 

 

Горел Днепр, Нева и Волга, Горели небо и поля… Одна беда, одна тревога, Одна судьба, одна земля… На всю оставшуюся жизнь Нам хватит горя и печали. Где те, кого мы потеряли На всю оставшуюся жизнь? 

 

 

Сестра и брат…Взаимной верой Мы были сильными вдвойне. Мы шли к любви и милосердию В немилосердной той войне. На всю оставшуюся жизнь Запомним братство фронтовое, Как завещание святое На всю оставшуюся жизнь.

 

 

 

 

 

Schwester, erinnerst du dich, wie du mich auf der Bahre aus der Schlacht getragen hast? Dieses Mal sind wir am Leben geblieben, wir zwei, und auch mein Kamerad und Bruder.

Für den Rest des Lebens

Haben wir genug von Heldentaten und Ruhm,

vom Sieg über den blutigen Feind,-

für den Rest des Lebens.

 

Es brannte der Dnepr, die Newa und die Wolga, es brannten der Himmel und die Felder…

Nur Leid, nur Аngst,

nur Schicksal, nur Erde…

Für den Rest unseres Lebens

Reichen uns der Schmerz und die Trauer.

Wo sind die, die wir verloren haben

Für den Rest unseres Lebens?

 

Schwester und Bruder….im gegenseitigen Glauben waren wir doppelt so stark.

Wir gingen zu Liebe und Barmherzigkeit

In diesem erbarmungslosen Krieg.

Für den Rest unseres Lebens

Erinnern wir uns an die Brüderlichkeit an der Front, wie ein heiliges Vermächtnis

Für den Rest unseres Lebens.

 Alles in allem ist der 9. Mai ein heiliger Feiertag. Es geht es hier um große Gefühle.

Aber es gibt noch andere Aspekte. Meine Geschichtslehrer-Kollegin beklagt, dass die Schüler in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg voller Emotionen, aber ohne Wissen sind. Andere Kollegen haben ein gespaltenes Verhältnis zu den Paraden, die in postsowjetischer Zeit 2005 wiederaufgenommen wurden und wuchtige Demonstrationen militärischer Stärke darstellen. Freunde kritisieren die Militarisierung schon im Kindergarten, wo die kleinen Jungen in Soldaten- und die kleinen Mädchen in Krankenschwester-Uniformen zum Erinnerungsfoto aufgestellt werden. Oder den seit einiger Zeit öfter zu hörenden Spruch: »Можем повторить» – „Wir können das wiederholen.“ 

Das Wachpersonal an unserer Schule sind durchweg Armee- (nicht Kriegs-) Veteranen. Einer von ihnen besuchte auch unser Stück „Komm wieder, aber ohne Waffen“ und war zutiefst beeindruckt. Am 7. Mai schenkte er mir zwei Pralinen mit dem Kommentar: Frau Rosa, früher haben wir euch verdroschen, aber jetzt möchte ich Ihnen das schenken, «от душы» – aus tiefster Seele.

 

 

 

 

 

 

Wasser – Gas – Wärme

 

Nischni Nowgorod grenzt an zwei Städte, die den zweifelhaften Ruf haben, die ökologisch am stärksten verschmutzten Orte Russlands zu sein. Etwa 30 km Oka aufwärts liegt Dserschinsk mit vielen Chemiebetrieben, 20 km Wolga abwärts siedelte sich in Kstowo die Ölindustrie an. Das hat Folgen für das Grundwasser und die Flüsse, aus denen das Trinkwasser gewonnen wird, und das deshalb intensiv aufbereitet werden muss. Das Wasser aus der Wasserleitung riecht manchmal mehr, manchmal weniger nach Chemie, was man beim Duschen merkt. Deshalb filtern es viele Leute, bevor sie es trinken oder zum Kochen benutzen. Wir vermeiden das, in dem wir Trinkwasser kaufen. In unserer Wohnung lesen wir die verbrauchten Mengen von kaltem und heißem Leitungswasser an je zwei Zählern ab. (Wasserpreis 27,68 Rubel pro m³, ca. 45 cts).

Das ist in Nischni nicht überall so. In vielen alten Häusern gibt es noch keine Zähler; dort wird für den Verbrauch von einem pro Kopf-Pauschalbetrag ausgegangen. Weil die Stadt erreichen will, dass sich alle Eigentümer Wasserzähler einbauen lassen, liegt dieser Pauschalbetrag deutlich höher als wenn der Verbrauch gemessen wird.

Leitungswasserzapfen an der Uliza Gogolja

Zusätzlich gibt es an einigen Stellen in der Stadt noch Hydranten, aus denen jedermann in beliebiger Menge Wasser holen kann, was ziemlich verblüffend ist. Die Kosten für dieses Wasser werden auf die Allgemeinheit umgelegt.  An einer Straßenecke bei unserem Haus füllen da Leute oft viele Flaschen oder Eimer, manchmal einen PKW-Anhänger voller großer Gefäße. Siegie meint, früher in sozialistischen Zeiten, als Wasser generell kostenlos abgegeben wurde, gab es an jeder Ecke solche Hydranten.

Dieser Hydrant auf der Uliza Schewtschenko wird offensichtlich auch im Winter genutzt.

Unser Trinkwasser beziehen wir von der Firma „Wasser Schwesterchen“ (Вода Сестрица), die es aus Tiefbrunnen in einem über 300 km östlich von Nischni gelegenen Naturschutzgebiet der autonomen Republik Mari El gewinnt und in großen 18,9 Liter-Flaschen für 160 Rubel liefert, (8,5 Rubel/Liter oder 14 cts/Liter). Im Herbst 2014 kostete es 145 Rubel. Im Internet bestellt, wird es am nächsten Tag im gewünschten Zeitraum zuverlässig in die Wohnung gebracht. Bei Lieferung sind die Flaschen, in blaue, leider löchrige Plastiksäcke gehüllt. Mit einer auf die Flasche geschraubten Plastikpumpe wird das Wasser abgezapft. Es schmeckt auch bei Raumtemperatur gut.

Trinkwasser für das Gymnasium Nr.1 mit Schülern im Spiegel

Zum Kochen verwenden wir Gas, das von Gazprom für 5,22489 Rubel pro m³ (8,7 cts) geliefert wird. Den Verbrauch lesen wir einmal im Jahr an einem Zähler in der Küche ab. Auch Gaszähler gibt es erst seit der Wende, in sowjetischen Zeiten wurde der Verbrauch pauschal pro Kopf berechnet.

Die im Winter üppigst gelieferte Heizwärme und der Wärmebedarf für warmes Wasser werden nicht gemessen, sondern pauschal pro m² Wohnfläche berechnet und von uns mit der Miete bezahlt. Unsere Vermieterin musste erst die счёточка, etwa das „Rechnung-chen“ befragen, ehe sie uns den Betrag von 7000 Rubel (116 €) pro Monat für unsere etwa 100 m² große Wohnung nennen konnte.

Die Kassiererinnen bei Euro-Spar fragen auch nicht nach der Kunden-Karte (Карта), sondern nach dem Kärtchen (Карточка), das Rausgeld sind Rubelchen und Wasser ist Woda (Вода), daraus wird schnell ein Wässerchen, auch Woditschka oder kurz Wodka genannt und so weiter-chen.

Schulnotizen

Auch dieses Jahr schickte ich wieder eine Lesefüchsin zum Regionalfinale nach Moskau, diesmal in Begleitung einer russischen Kollegin. Nachdem unsere Schulsiegerinnen in den vergangenen zwei Jahren das Regionalfinale gewannen und also am internationalen Wettbewerb in Berlin teilnehmen durften, machten wir uns auch dieses Jahr gewisse Hoffnungen auf den Sieg, obwohl unsere diesjährige Teilnehmerin erst in der neunten Klasse ist und gegen gestandene Elftklässlerinnen antreten musste. Doch Tassja belegte ‚nur‘ den zweiten Platz. Warum? Die Finalistinnen mussten im Losverfahren ein Buch ziehen, das sie dann resümieren und interpretieren sollten. Die Nebensitzerin von Tassja, die Kandidatin aus Kasan, zog ausgerechnet ein Buch, das sie nicht gelesen hatte. Tassja, voll Mitleid, bot ihr an, heimlich die Bücher zu tauschen. Die Folge: Das Kasaner Mädchen machte den ersten Platz und fährt jetzt nach Berlin. Tassja bleibt in Nischni. Tassja, wir lieben dich für deine soziale Ader!

Am 4. Mai führten wir „Komm wieder, aber ohne Waffen“ für die Schülerinnen und Schüler der Unterstufe auf, die nicht zur Premiere eingeladen waren. Da abzusehen war, dass ich etwas später in meinen Unterricht kommen würde, schrieb ich meinen Elftklässlerinnen auf, welche Aufgaben sie bis dahin erledigen sollten. Als ich kam, waren meine Mädels eifrig am Diskutieren, die Aufgaben waren nicht gemacht. Meine Standpauke fiel milder aus als nötig, als ich das Tafelbild sah:

Розочка ( Rosotschka, Röschen)

 

Farbtupfer an Schule und Hochschule

Nach der ereignisvollen Woche mit dem Projekt „Komm wieder, aber ohne Waffen“ tritt bei uns der Alltag ein. Uns wird auch bewusst, dass sich unsere Zeit in Nischni langsam dem Ende zuneigt. Genau heute in vier Monaten fliegen wir nach Deutschland zurück. Und wenn wir uns auch auf Familie und Freunde, auf Fahrrad und Wandern freuen, so stellt sich doch so etwas wie Abschiedswehmut ein.

In Deutschland werden wir die vielen kleinen Erlebnisse nicht haben, die uns hier als gern gesehenen Ausländern immer wieder begegnen. So wird mir der Friseur sicher den Lohn für seine Arbeit ohne weiteres abnehmen. Hier wollte die junge Friseurin in dem kleinen Laden nebenan kein Geld von mir, weil sie es so aufregend fand, einem Ausländer die Haare schneiden zu können. Sie nannte auch keinen Preis und nahm die Scheine erst nach langem Zögern.

Auch die unerschöpfliche Quelle für überraschende Beobachtungen in der Straßenbahn wird sich in Deutschland nicht auftun. Beispiele: Durch einen Stau kommt die Tram nur schrittweise voran. Das nutzt der Fahrkartenschaffner, um nach einem kurzen Gespräch mit der Fahrerin auszusteigen und bis zur nächsten Ampel nebenherlaufend eine Zigarette zu rauchen. Oder die Schaffnerin, die die Zugestiegenen nur nach jeder zweiten Haltestelle abkassiert, weil sie auf dem in allen Wägen reservierten Platz für den Kondukteur sitzt und ein offensichtlich spannendes Buch liest.

Und nicht zuletzt die Fußgängerzone Bolschaja Pokrowskaja, die immer heiter zu sein scheint mit ihren Verkaufsständen, Musikern, Prospektverteilern,  auf der es aber auch häufig politische Aktionen gibt.

Am letzten Samstag standen in der Nähe des Theaters in gebührendem Abstand voneinander sieben junge Menschen, die mit Schildern in den Händen gegen die Verfolgung der Teilnehmer an die von Nawalny organisierten Antikorruptionsdemonstrationen protestierten. Es ist hier erlaubt, als Einzelner mit Plakaten für seine politischen Ansichten zu werben, mehrere Personen müssten für ihre Aktion eine Genehmigung einholen. So haben wir schon öfter einzelne Personen stehen sehen, die auf Plakaten ihre Forderungen erheben.  Dabei gibt es ein weites Themenspektrum von der Freilassung von Angehörigen aus der Haft bis zur Rehabilitierung von Stalin.

Einer der sieben Protestierenden auf der Bolschaja Pokrowskajа (22.04.17)

Eineinhalbtausend Festnahmen in Russland, über tausend in Moskau, über 40 in Nischni. Strafen von 10 – 20 Tausend Rubeln. Strafverfahren. Was ist das? (gemeint ist: was machen wir hier?) Ein Staats-Umsturz? Nein, es ist ein Meeting gegen Korruption.

Auf anderen Plakaten wurde gegen den politischen Druck protestiert, dem Schüler, die an den Demonstrationen teilnahmen und deren Eltern ausgesetzt sind. Oder es wurde gefragt, warum das in der Verfassung garantierte Recht auf Demonstrationen nicht eingehalten wird. In den Diskussionen haben vor allem ältere Leute den Erfolg dieser Aktionen bezweifelt, denn: „In allen Ländern dieser Welt gibt es Korruption“ und: „Gerechtigkeit gibt es nur im Himmel.“

Zu diesen Beobachtungen passt eine Information aus dem Blog Erlangenwladimir.wordpress.com vom 22.04.17. Dort schreibt Peter Steger:

„Seit gestern hat Alexej Nawalny auch in Wladimir eine Vertretung, von wo aus sein Wahlkampf um das Präsidentenamt im nächsten Jahr unterstützt werden soll. Derzeit bereist der Oppositionspolitiker die Hauptstädte des Goldenen Rings, um – wie in allen Regionen des Landes – Büros zu eröffnen. (Einschub von mir: Das gilt dann wohl auch für Nischni). .……. Bei aller Kritik also, die man äußern mag, ist die russische Demokratie doch lebendig genug, auch einen derart umstrittenen Kopf um Stimmen werben zu lassen.“

Die Diskussionen hatten uns durstig gemacht, wir gingen nach einem Spaziergang entlang der Kremlmauer in das Restaurant „Expedizia“ unterhalb des Kreml, ein Lokal von dem man einen schönen Blick auf die Wolga hat. Mit einem echten Hubschrauber, einer künstlichen Jurte und drei noch künstlicheren Eisbären ist es ungewöhnlich ausgestattet. Es bietet Speisen und Delikatessen aus den nördlichen und östlichen Regionen Russlands an. Alles ist sehr exquisit: Wir tranken einen Tee aus 36 sibirischen Kräutern, wirklich ungewöhnlich guter Geschmack, ungewöhnlich auch der Preis von 600 Rubel (10 Euro) für 0,8 Liter. Aber wieder eine gern gemachte Erfahrung in diesem Land der Gegensätze!

Promenade an der Westmauer des Kreml mit Blick auf die Wolga

Schulnotizen

Letzten Freitag wurde der Film, den zwei Kamerateams während Wolfgang Morells Aufenthalt in Nischni aufnahmen, innerhalb der Hauptnachrichten von NTV um 19 Uhr gesendet. Gezeigt wurde das Wiedersehen von Wolfgang, dem ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen und Zhanna, der ehemaligen Komsomolzin nach 68 Jahren! Es ist ein bewegender Film, auch für Leute, die den russischen Kommentator nicht verstehen: http://www.ntv.ru/novosti/1798545/. Der Film kann demnächst auch unter YouTube angesehen werden, Titel: „Wolfgang Morell und Zhanna Woronzowa“.

Aber auch sonst hatten die letzten Wochen außer dem Projekt einige ‚Farbtupfer‘ aufzuweisen:

Am Tag vor dem 23. Februar, dem Tag des Vaterlandsverteidigers, wurde bei uns an der Schule der ‚König der Schule‘ gekürt. Ein zweistündiges Programm, in dem die Mädchen den Jungs bewundernde Lieder sangen, und die Jungs ihre Männlichkeit beweisen mussten: Wer kann am besten Nägel einschlagen? und: Wer ist der Stärkste beim Armdrücken…?

Am 18. März, nach dem internationalen Frauentag am 8.3. wurde dann die ‚Königin der Schule‘ gesucht und gefunden: Wer kann jeweils innerhalb von 3-5 Minuten am besten Knöpfe annähen, mit 250 Rubel den attraktivsten Einkaufszettel für ein Frühstück zu zweit erstellen, die kreativste Glückwunschkarte zum 8. März anfertigen, seinen Traummann zeichnen? Und dann – im zweiten Teil – den besten Beitrag für ein Konzert (Tanzen, Singen) liefern? Abgesehen davon, dass beide Veranstaltungen zeigten, dass hierzulande die Welt bezüglich der Rollenverteilung noch in Ordnung ist, zeugten vor allem die kreativen Teile von großer Meisterschaft: Die Karten und Zeichnungen, die professionelle Art zu tanzen und zu singen machten wieder einmal bewusst, wo unsere Schülerinnen und Schüler die Nachmittage (zweimal die Woche, drei bis vier Stunden) verbringen: in einer Kunst- Musik- oder Tanzschule. Diese sind – ein Relikt aus sowjetischer Zeit – fast kostenlos und werden immer noch von der Bevölkerung sehr angenommen.

     

 

Auch an der Linguistischen Universität gab es zwei Wettbewerbe, bei denen ich in der Jury war. Der erste – der Phonetik-Wettbewerb war, dem trockenen Namen zum Trotz – sehr kurzweilig. Im ersten Teil sollten die Studentinnen und Studenten des 1. Studienjahres ein Gedicht ihrer Wahl aufsagen; im zweiten Teil einen unbekannten Prosatext, den sie wie ein Los zogen, unvorbereitet lesen. Interessant für Jury und Zuhörer waren die Gedichte (Schiller, Goethe, Heine, Rilke, aber auch Mascha Koleko…) vor allem durch die phantasievolle Art der Präsentation: durch ein Frühlingskleid, passende Hintergrundbilder… Denn, um das Alltagsgeschäft der Phonetik ging es auch im 1. Studienjahr schon nicht mehr. Klassische Probleme wie das rollende ‚R‘, zu stimmhafte Konsonanten oder falsche und zu kurze Vokale (Man muss das Läbben äbben nämmen, wie das Läbben äbben ist!) hatte man längst überwunden.

Beim 2. Studienjahr wurden im ersten Teil dann keine Gedichte, sondern selbstgewählte Prosatexte auswendig deklamiert. Die Auswahl reichte von einem Auszug aus dem Kommunistischen Manifest („Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“) über Kafka („Brief an Felice“), Klaus Mann („Mephisto“) bis zur „Blechtrommel“ von Günter Grass.

Zwei Wochen später durfte ich bei einem weiteren, höchst vergnüglichen Wettbewerb an der Linguistischen Universität in der Jury mitstimmen: Dem Festival des deutschen Liedes. Teilnehmer waren sowohl Schüler als auch Studenten. Hier die Fotos der Preisträger.

„Alle Vögel sind schon da“ erhielt den 3. Preis in der Gruppen-Kategorie

 2. Platz: „Was wollen wir trinken 7 Tage lang?…“ (von der holländischen Gruppe Bots, 2000)

 Den 1. Preis in der Kategorie „Solo“ bekam ein kleines Mädchen mit einem Jahreszeitenlied. 

Das Foto des 1. Preises der Gruppen-Kategorie fehlt: Schüler aus unserer Schule mit dem Lied: „Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann“ (Erinnert ihr euch: Trude Herr, 1965). Die Bühnenshow war so atemberaubend, dass ich vergaß zu fotografieren.

Und ansonsten: eine nette Feier zum 55. Geburtstag im Lehrerzimmer…

 

…und Ostern in der 3. Klasse:

 

 

 

 

 

 

Komm wieder – aber ohne Waffen (Teil 5) Das Projekt

Nachdem ich Peter Stegers Sammelband „Komm wieder, aber ohne Waffen“ und die Protagonisten vorgestellt habe, ist es jetzt an der Zeit, unser Projekt zu beschreiben: Mit Schülerinnen aus der zehnten Klasse unter Federführung meiner Kollegin Marina haben wir ein Stück aus fünf Szenen geschrieben, das sich der Erlebnisse von Wolfgang Morell, Claus Fritzsche und Zhanna Woronzowa bedient, darüber hinaus aber noch viele Erinnerungen anderer deutscher Soldaten an die sowjetische Kriegsgefangenschaft in sich aufgenommen hat. Unser ‚Held‘ heißt Alex, (Zhanna nennt ihn Sascha) und vereinigt Claus und Wolfgang in sich.

Szene 1 beschreibt die euphorische Stimmung in Saschas (Claus Fritzsches) Bordfunkerschule. Die jungen Männer verbinden Krieg mit Ruhm und Heldentum und können es nicht erwarten, an die Front zu kommen.

Szene 2 zeigt die Gefangennahme von Sascha (Wolfgang Morell).

Szene 3 schildert die Härte der sowjetischen Kriegsgefangenschaft: die schwere Arbeit, die Kälte, den Hunger, aber auch immer wieder Momente der Annäherung mit Russen.

Szene 4 zeigt den Vortrag eines sowjetischen Professors über den Bolschewismus und in dem Zusammenhang den weltanschaulichen Riss der durch das Lager geht: Antifa oder nicht Antifa – das ist hier die Frage.

In Szene 5 findet das Konzert statt, in dem sich Sascha und Zhanna begegnen und verlieben.

In Szene 6 dürfen die deutschen Kriegsgefangenen endlich nach Hause.

Im Epilog liest Sascha Zhannas Liebesbrief.

Unsere Darsteller sind Schülerinnen und Schüler der zehnten Klasse. Es ist anrührend, sich klarzumachen, dass die 16-Jährigen nicht viel jünger sind, als Claus und Wolfgang bei Ausbruch des Krieges. Immer wieder werden   Ausschnitte aus den Interviews eingeblendet, die ich mit Wolfgang und Zhanna in den letzten Monaten gemacht habe. Claus, der in Moritzburg wohnt, konnte ich leider nicht interviewen. Er hat uns aber einen Dokumentarfilm über sein Leben zur Verfügung gestellt, aus dem wir einen Ausschnitt zeigen. Dadurch entsteht der Effekt, dass sich die Senioren zurückerinnern und dann der Gegenstand ihrer Erinnerungen auf der Bühne gezeigt wird.

Hinterlegt wird die szenische Darstellung durch Fotos und Bilder vom Krieg, untermalt wird sie immer wieder durch Musik: Ausschnitte aus Beethovens Neunter Symphonie, Schostakowitschs Neunter Symphonie, Carl Orffs „Carmina Burana“…

Regie führt Marina, die zwar zwei Studienabschlüsse in Geschichte und Musik hat, aber gerne Regisseurin geworden wäre. Unterstützt wird sie von unserer Schul-Theaterlehrerin (so jemand haben wir. Ethel ist nicht nur für Schulaufführungen zuständig, sie bereitet auch Schüler für Vortragswettbewerbe in Poesie vor, von denen sie regelmäßig mit Preisen zurückkommen) und von mir. Große Hilfe leisten auch Claus und Wolfgang, denen ich immer wieder Szenen schicke (in russischer Sprache wohlgemerkt!)  mit der Bitte, sie auf biografische und historische Richtigkeit hin kritisch durchzulesen. Prompt kommen sie dann kommentiert zurück. Eine große Bereicherung sind auch die Materialen, die uns die beiden Veteranen zur Verfügung gestellt haben. Von Wolfgang haben wir Fotos von Karten und Briefen erhalten, die er zwischen 1945 und 1949 aus dem Lager nach Hause geschickt hat. Ich habe sie mit Schülerinnen und Schülern meiner elften Klasse ins Russische übersetzt, meine Kollegin Galina hat sie redigiert. Sie werden Bestandteil unserer Ausstellung, ebenso wie die Fotos aus der Gefangenschaft, die uns Claus Fritzsche geschickt hat. Sie sind eine absolute Rarität, denn wer hatte schon im Lager einen Fotoapparat, und – wer konnte Fotos über die Grenze bringen? Claus gelang es, indem er den Zöllner mit einer Stange Papyrossi schmierte.

Unser Projekt weckt allseits Interesse. Neulich spielten wir den Elternvertretern eine Szene vor, um sie um ihre Mithilfe zu bitten. Die Resonanz war riesig. Die Eltern überboten sich mit Vorschlägen, wo man Kostüme und Requisiten herbekommen kann. Letzte Woche mussten wir einer Elternvertreterin eine Liste mit Schuh- und Kleidergrößen schicken.  Unsere Arbeit wird auch von der Schulleitung mitgetragen, die ein Auge zudrückt, wenn zunehmend öfter Schüler aus dem Unterricht genommen und zu Proben geholt werden.

Denn nächste Woche ist es soweit: Peter Stegers „Komm wieder – aber ohne Waffen“ wurde ins Russische übersetzt. Аm 11. April wird „Возвращайся, но без оружия“ in Wladimir präsentiert. Anreisen werden zu diesem Zweck nicht nur Peter Steger und der Erlanger Oberbürgermeister. Zu unserer großen Freude hat sich auch der 95-jährige Wolfgang Morell entschlossen, mitzukommen. Wenn alles klappt, werden wir im Rahmen der Feierlichkeiten zwei oder drei Szenen aus unserem Stück aufführen und das ganze Stück am 12. April vor Veteranen zeigen. Die Premiere an unserer Schule ist am 15. April, Wolfgang Morell wird der Ehrengast sein.

Das Redaktionsteam in Marinas Wohnung ist zufrieden mit seiner Arbeit. Gerade wurden die Film- und Musikausschnitte geschnitten und montiert.

Ethel, unsere Theaterlehrerin, zeigt den ‚Kriegsgefangenen‘, wie lang der Faden beim Nähen maximal sein soll. Im Lager 469/1 gab es eine Schneiderwerkstatt.

 Aufmerksam lauschen die Schauspieler und Marina der konstruktiven Kritik einer Lehrerin der Schauspielschule. Sie sagt den Schülern, sie müssen noch ‚deutscher‘ werden.