Von Stuttgart nach Nischni Nowgorod

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WM 2018 in Nischni Nowgorod

Die Welt spielt verrückt! Mir ist nicht zum Scherzen zumute. Ich traue mich nicht, diesen Bericht mit einer harmlosen Übertreibung zu beginnen. Wenn ich mich traute, hätte ich geschrieben:

Nischni Nowgorod ist an dem wirklich größten und wichtigsten Ereignis des nächsten Jahres beteiligt, an der WM und baut dafür ein Stadion. Im Februar vor einem Jahr lief ich über riesige Schneeberge an der Baustelle vorbei (51. Bericht). Am 7. April dieses Jahres tat ich dies wieder, diesmal ohne Schnee und konnte den Fortschritt der Bauarbeiten sehen.

Ein Blick auf das Stadion von Westen aus einem Park.

Ansicht von der Samarkanskaja Uliza aus

Von dem großen Parkplatz beim Einkaufszentrum „Siebenter Himmel“ aus sieht man die Dachstrukturen und die Treppen zu den Tribünen.

Das Maskottchen der WM: Der Torschütze.

Auf dem Plakat sind auch drei Nischegoroder Symbole zu sehen: Der Hirsch als Wappentier der Stadt, der Kremlturm und das Gorki-Denkmal vom Gorki-Platz

Werbung auf dem Gorki Platz, wieder mit den drei Symbolen.

An diesem Stand in der Uni hätten wir uns gern als fremdsprachige Führer für die WM beworben. Leider haben wir das maximale Alter für diese Aufgabe, 30 Jahre, schon etwas überschritten. So bleibt uns nur übrig, 2018 als normale Fußballtouristen nach Nischni zu reisen, was wir im Hinterkopf schon planen! Es sei denn: die Welt spielt noch verrückter als derzeit.

 

Märzbilder

Der Kalender zeigt: der 1. April ist vorbei und es ist Frühling; wir merken noch nicht allzu viel davon. Doch zunächst – kein Aprilscherz: Für die Wochenendreise nach Sotschi mussten wir eine Reiseversicherung abschließen, was ja ein normaler Vorgang ist. Auch Kleingedrucktes ist eigentlich nichts Besonderes bei solchen Verträgen. Hier war es der Umfang, der uns verblüffte: drei wirklich klein bedruckte DIN A4-Seiten!

Das wirklich klein gedruckte Kleingedruckte der Versicherungspolice

„Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt“, so sangen wir früher. Davon kann hier im März keine Rede sein. Mitte des Monats lag noch immer Schnee, wenn auch das Tauwetter deutlich früher eingesetzt hat als in den beiden letzten Jahren. Die meisten Wege in der Stadt sind schnee- und eisfrei. Aber auf Grünflächen und Wegrändern liegen noch große schmutzige Schneehaufen. Es schneit nachts noch häufig, die Wege sind dann morgens für einige Stunden wieder weiß.

Als Streumittel wurde im Winter ein Sand-Salz-Gemisch oder reiner Sand verwendet, der sich jetzt, da der Schnee getaut ist, als ein feiner Staub auf Straßen und Wegen wiederfindet und dort ein leichtes Spiel für den Wind ist. Die Stadtreinigung ist dabei, diese Hinterlassenschaften des Winters zusammenzukehren und wegzufahren. Dabei fällt uns auf, dass dieses Jahr wieder mehr mittelasiatische Fremdarbeiter zu sehen sind als in den beiden letzten Wintern. Wir hörten, dass 2015 und 2016 der Rubelkurs zu niedrig war und sich daher ihre Reise nach Russland nicht lohnte. Jetzt hat sich der Rubel erholt. Ich habe am 31. März zum ersten Mal auf einer Anzeigetafel vor einer Bank einen Kurswert von unter 60,- Rubel pro Euro (59,60) gesehen, im Frühjahr 2016 waren es 80 Rubel.

Nebenstraße bei unserem Haus: Wenn das Eis den Abfluss verstopft…. (03.03.17)

Mit der Baggerschaufel werden die Eisplatten zerschlagen und von LKWs abtransportiert… (10.03.17)

…..oder auf die Straße geworfen, damit sie von den Autos zerdrückt werden und schneller schmelzen. (25.03.17)

Noch viel Schnee vor dem Hintereingang zu der katholischen Kirche (31.03.17)

Im Park Schweizaria ist Mitte März noch tiefer Winter (12.03.17)

Es wimmelt von Eisfischern auf der alten Ruder-Regatta-Strecke an der Wolga. Die Wolga ist wieder eisfrei (26.03.17)

Damit sollte dieser Bericht eigentlich enden, doch dann kam ein frühlingshafter 1. April mit viel Sonne, der uns zu einem Spaziergang auf dem hohen Ufer über der Oka verleitete. Dort störte uns anfangs ein lauter Lautsprecher mit lauten Reden und lauter Popmusik, aber dann machte er uns auch neugierig. Wir gingen dem Lärm nach und waren mal wieder überrascht. Unterhalb des Gorki-Denkmales fand auf den letzten Schneeresten an dem steilen Nordhang ein Snowboardwettbewerb statt. Nach einem kurzen Anlauf sprangen die mutigen Jungs von einer Schneerampe mit ihren Brettern auf das schmale Geländer einer kleinen Treppe und fuhren darauf längs oder quer hinab, manche noch mit Drehungen, bevor sie unten im zusammengekratzten Schnee landeten, von dem kleinen, meist jungen Publikum beklatscht. Übrigens: Am nächsten Tag – Sonntag – schneite es wieder viele Stunden lang.

Gorki blickt auf Oka und Wolga und auf die Alexander-Newski-Kathedrale (1. April 2017)

Das Wettbewerbsgelände – Veranstalter Интерски Шит (Interski Schit)

Quer zum Geländer

Längs zum Geländer

Blick aus unserem Wohnzimmerfenster am nächsten Tag (Sonntag, 02.04.2017)

 

 

 

 

 

 

 

 

Winter – Spendensammlung

Seit Ende November ist hier ein russischer Winter, so wie man ihn sich in Deutschland vorstellt. Nach heftigen Schneefällen am ersten Dezember-Wochenende herrscht große Kälte mit Temperaturen unter minus zehn Grad. Dabei scheint oft die Sonne. Die trockene Kälte und der Sonnenschein laden zu Spaziergängen ein, bei denen es sehr aufpassen heißt, denn die Wege und Straßen sind glatt, sehr glatt sogar. Tückisch wird es vor allem dann, wenn eine dünne Schneedecke das Eis bedeckt und man von der gefährlichen Glätte nichts sieht. An den Rändern der Bürgersteige türmen sich wieder dicke Schneeberge. Die Hauptstraßen werden rasch geräumt und dank der Spikes fahren die Autos sicher – und knirschend.

Zu den Freuden des Winters gehört das Ski-Langlaufen, was wir am letzten Sonntag im November zum ersten Mal in diesem Winter in das Naturschutzgebiet Scholkowski Chutor genossen. Die drei Seen sind zugefroren und bieten eine gute Unterlage für die Loipen, die leider nicht gespurt sind. Wir sahen wieder einen der harten Männer, der an einer eisfrei gehaltenen Stelle kurz in das kalte Wasser stieg. Und wir trafen ein Ehepaar beim Eisfischen, das schon einige kleine Fische geangelt hatte. Beide redeten gern mit uns, dennoch ließ sich die Frau nicht fotografieren.

k-79-ber-1Der Eisfischer auf der Kühlbox, rechts der Eisbohrer und vorn die Ausbeute

Zu unseren Winterfreuden gehört es auch zu sehen, wie der Schnee die Welt verändert hat, die weiße Pracht in den Parks und auf den Flüssen oder die weißen Pulverdecken auf den Bronzefiguren der Bolschaja Pokrowskaja.

k-79-ber-2Dame mit Kind vor dem Souvenir Geschäft

k-79-ber-3Fotograf mit Hund vor Еьл Капоне (El Capone)

In dieser Woche fand die Jahresversammlung der ICANN statt, der „International Community Association of Nizhniy Novgorod“. Im Jahresrückblick wurde über die für industrielle Mitglieder wichtigen Veranstaltungen berichtet (Rechts- und Versicherungsfragen, Kontakte zur Stadt- und Regionsregierung) und über die „Social Events“, an denen wir oft teilnahmen und über die wir berichteten.

Auf dem Dia mit den Mitgliedern werden vier „individual Members“ angezeigt, da stecken wir drin! Auffallend, dass bei den Autofirmen Mercedes fehlt, obwohl diese Firma hier in der ГАЗ (GAS – Gorki Awto Sawod) produziert. Dagegen ist Volkswagen vertreten; deren hiesiger Firmenleiter Dr. Florian Reiter ist zurzeit Präsident der ICANN.

Im nächsten Jahr soll eine ICANN Soccer League gebildet werden, neben den regelmäßigen Treffen der Internationalen Runde zu Gesprächen und den Stadtführungen und Museumsbesuchen eine weitere Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen. Wir nutzen das gern!

k-79-ber-4Mitglieder der ICANN, Stand Ende 2016

Unter den 2016 neu dazugekommenen Mitgliedern sind zwei französische Aktivitäten, die wir noch kennenlernen wollen: die CREF und die P´titCREF (Petit Center Russian English French). Letztere ist ein Kindergarten für Kinder ab drei Jahren, in denen in den genannten drei Sprachen gearbeitet wird. Ein weiterer Versuch auf privater Ebene die Kontakte zwischen westeuropäischen und russischen Menschen zu vertiefen!

Allmählich wird auch hier in der Stadt für Weihnachten dekoriert, die ersten Weihnachtsbäume sind aufgestellt. In den Geschäften gibt es – wie auch bei uns in Deutschland – schon seit einiger Zeit Weihnachtssüßigkeiten zu kaufen. Es amüsiert mich immer noch, dort Aufschriften wie HEIDI, Kinder- Mix, Kinder-Friends oder gar „Kinder-Сюрприз“ (Kinder-Surpris) zu lesen.

k-79-ber-5Weihnachtsgeschenke für Kinder bei Euro-SPAR

k-79-ber-5aWeihnachtliches Schaufenster

Mit diesem Bericht verabschieden wir uns für dieses Jahr aus Nischni Nowgorod bis Mitte Januar. Wir wünschen Euch allen ein frohes Weihnachtsfest, einen guten Rutsch ins neue Jahr und uns allen ein friedlicheres 2017.

k-79-ber-7Erzengel-Kathedrale im Kreml

k-79-ber-6Winterliche Stimmung im Kreml, Blick auf den Iwan-Turm und die Wolga 

Schulnotizen

An unserer Schule organisieren die Schülerinnen und Schüler der 11. Klassen eine Sammelaktion für die Schüler des Gymnasiums Nr. 1 in Donezk. Gespendet werden Schreib- und Malartikel aller Art. Donezk war vor dem Ukrainekrieg die fünftgrößte Stadt der Ukraine. Seit 2014 ist sie die Hauptstadt der international nicht anerkannten Volksrepublik Donezk, in der es trotz des Minsker Waffenstillstandsvertrages immer noch täglich Kampfhandlungen zwischen prorussischen Rebellen und ukrainischen Truppen gibt. „Wir wollen den Kindern zu Weihnachten eine Freude machen. Sie sind die unschuldigen Opfer des Konflikts“, sagt meine Kollegin Marina, die die Elfer bei ihrer Aktion organisatorisch unterstützt.

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Kunst in Moskau – Pflichtlektüre an russischen Schulen

17.10.2016

Moskau hat uns wieder einmal verblüfft – mit aufrüttelnder Konzeptkunst in einer ehemaligen Weinfabrik. Doch der Reihe nach: Am Donnerstag fuhr ich mit Dorothe nach Wladimir. Dort übernachteten wir im Erlangen-Haus, freundlich empfangen und am nächsten Morgen mit einem köstlichen Frühstück verwöhnt. Danach reisten wir weiter nach Moskau, wo am Abend auch Rose eintraf. Für Dorothe war Moskau die letzte Station ihrer Reise. Sie flog von da zurück nach Deutschland.

In Wladimir waren die Dimitri-Kathedrale, die Maria-Entschlafens-Kathedrale und das Goldene Tor wie immer bewunderte Ziele. Leider wehte ein nasskalter Wind vom Tal der Kljasma her und die Sicht in die Ferne war durch Dunst getrübt. Zurück ins Erlangen-Haus fuhren wir mit dem Bus, einem der Busse aus Erlangen, in denen noch die deutsche Beschriftung vor dem Fahren ohne Fahrschein warnt.

Der Rote Platz war einer unser ersten Höhepunkte in Moskau. Er war diesmal frei von Buden oder Theateraufbauten. Wir hatten freien Blick auf seine Größe und die ihn umgebenden Bauten, den Kreml, die märchenhaft bunte Basilius-Kathedrale, das Kaufhaus GUM, das Auferstehungstor und das historische Museum. Nach einer Tee Pause im GUM lauschten wir bei beginnender Dämmerung den Glocken der Kasaner Kathedrale, die minutenlang eine festliche Stimmung schufen. Gesang aus dem Inneren der Kirche lockte uns hinein, wo wir von einem kleinen, aber stimmgewaltigen Chor empfangen wurden. Immer wieder mussten die Gläubigen den zelebrierenden Popen Platz machen, die den kleinen Kirchenraum umschritten und die vielen Ikonen (und uns) in Weihrauchwolken einhüllten. Wir blieben lange, gefangen von der feierlichen Stimmung, dem Anblick der andächtig betenden, sich oft bekreuzigenden und verneigenden Gläubigen jeden Alters und den immer wieder ergreifenden Melodien des urtümlichen Gesanges.

Abends besuchten wir das Restaurant Lavkalavka (Lädchenlädchen), das nur Bioprodukte von Lieferanten anbietet, die dem Küchenchef persönlich bekannt sind. Auf der Speisekarte stehen hinter jeder Zutat die Namen der Bauern oder Gärtner, von denen die Produkte stammen, und woher sie kommen. Das merkten wir dann an den Speisen. Die Salate waren frisch, die Suppen und die Hamburger mundeten köstlich. Ein erquicklicher Abend, der nur durch eine fröhliche und daher laute Gesellschaft, vermutlich eine Betriebsfeier, etwas getrübt wurde.

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Lavkalavka, Aufnahme vom 10.09.16 nachmittags

Am Samstag verbrachten wir vier Stunden in der Alten Tretjakow-Galerie, und obwohl Rose und ich zum dritten Mal dort waren, entdeckten wir wieder viel Neues. Wir verließen die Ausstellung mit dem Vorsatz wiederzukommen und dann von hinten anzufangen, damit wir die Bilder in den letzten Sälen sehen, wenn wir noch nicht erschöpft sind. Es waren sehr viele Besucher da, darunter einige Schulklassen, deren Aufmerksamkeit und Disziplin uns imponierten.

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Junge Besucher vor dem Gemälde „Die Offenbarung des Christus’ gegenüber den Menschen“ von Alexander Iwanow

Abends ein weiteres Kunstereignis: Eugen Onegin von Tschaikowski im großen Saal der Helikon-Oper. Die Karten hatten wir wieder unserer Freundin Olga zu verdanken, die den weiten Weg zum Ticketschalter nicht gescheut hatte. „Für euch tue ich alles“, sagte sie. Englische Untertitel halfen uns, der Handlung zu folgen. Weil die Sitzreihen im Zuschauerraum steil ansteigen, hat man von allen Plätzen einen freien Blick auf die Bühne. Die Aufführung selbst ein Genuss, Sänger und Orchester großartig, das Bühnenbild strahlend schön und die Inszenierung klassisch. Wenn man doch diese glücksvollen Augenblicke festhalten könnte. Verweile doch….

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Applaus für Sänger und Orchester für Tschaikowskis Eugen Onegin in der Helikon- Oper

Schließlich war am Sonntag die „Винзавод“ (Weinfabrik) unser Ziel, ein Ausstellungszentrum für moderne Kunst in Moskau. In einem großen verlassenen Fabrikgelände haben sich dort Kunstgalerien, Boutiquen, ein Schallplattenladen, Cafés und Künstler niedergelassen, oft mit einem alternativen Hauch. Früher beherbergte es einmal eine Brauerei und später eine Kelterei (was immer das für Moskau heißen mag).

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Die Weinfabrik in Moskau, einem Ausstellungsgelände für moderne Kunst

Von den vielen Ausstellungen konnten wir nur wenige sehen: die von sowjetischen Sportplakaten aus der Sammlung Luschnikow und, uns mehr interessierend, zeitgenössische Kunst aus dem im Ural liegenden Perm unter dem Motto: Форма незримого – Die Form des Unsichtbaren. Letztere mit beeindruckenden Exponaten verschiedener Künstler, von denen ich nur einige beschreiben will.

In einem dunklen Raum eine Video-Installation von Inga Wjugowa.  An gegenüberliegenden Wänden Bildschirme, auf denen in ständiger Wiederholung kurz die Münder von verschiedenen Menschen gezeigt werden, die nur zwei Wörter sagen: мне страшно –  мне страшно – мне страшно, ich habe Angst. Am Ausgang fragt ein kleines Schild: а тебе? – und du?

Vier große Starenkästen von Slawa Nesterow locken zum Blick in das Innere: Dort sieht man Räume und Figuren aus dem Roman „1984“ von George Orwell. In einem liest ein Junge auf der Toilette eben diesen Roman. Nicht einmal dort ist er unbeobachtet. Die heutige Welt.

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Vier Starenkästen und was man darin sieht

In einer Installation von Michael Pawljukewitsch und Olga Subbotina spiegeln  sich in einer Reihe Blechwannen voller schwarzem Wasser die Worte „Lange weiße Nacht“, die hoch oben an der Decke leuchten, es sind Neonröhren in weißer Spiegelschrift.

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Lange weiße Nacht

Im Keller eines anderen Gebäudes stellt die СДМ Bank ihre Sammlung zeitgenössischer Kunst aus. Daneben etwas versteckt noch ein Raum, die Glastür ohne Hinweis. Wir waren schon wieder auf der Treppe, um zu gehen und hätten so beinahe ein aufregendes Ereignis verpasst: die Ausstellung des Aktionskünstlers Fjodor Pawlow-Andreewitsch.

Wir waren sofort fasziniert von den wenigen, in dem großen Raum ausgestellten Fotos (aufgenommen von Igor Afrikian). Sie zeigten immer einen Mann in ungewöhnlichen Situationen: gefesselt am Strand in der Brandung, weit oben am Stamm einer Palme, nackt an eine Straßenlaterne gebunden oder, besonders aufregend, am Meeresstrand liegend von schwarzen Vögeln umgeben. Während wir noch darüber diskutierten, ob das Fotomontagen seien, kam ein junger Mann auf uns zu, der uns in Englisch den Sinn dieser Bilder erläuterte. Es war der Mann auf den Fotos.

Mit seinen provozierenden Kunstaktionen will er auf das Schicksal der Arbeitssklaven früher und heute hinweisen. Die großen Fotos an den Wänden sind in Brasilien am Strand von San Mirel de Milares entstanden. Dort war früher eine Methode die Sklaven zu strafen, sie gefesselt in die Brandung zu legen und dem Salzwasser und der Sonne auszusetzen. Wenn sie nach sieben Stunden noch lebten, wurden sie freigelassen, wenn nicht, konnten die Aasgeier den Leichnam fressen. Der Künstler hatte beides nachgestellt. Er legte sich an Händen und Füßen gefesselt in die Brandung – sieben Stunden lang. An einem allerdings bedeckten Tag verharrte er  bewegungslos am Strand, um zu erfahren, wie sich die Aasgeier verhalten. Nach fast sieben Stunden pickte der erste nach ihm und er beendete die Aktion.

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Der Künstler am Strand stellt sich tot – bis der erste Aasgeier zupickt.

 

Am vergangenen Montag ließ sich Fjodor in Moskau von einem Kran 50 Meter hochziehen, an den Beinen eine lange Fahne mit dem Wort Свободу – Freiheit. Sieben Stunden machte er damit auf die Not der modernen Arbeitssklaven in Moskau aufmerksam, auf die vielen Fremdarbeiter aus den mittelasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken (Kasachstan, Kirgisistan, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan), die seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 souveräne Staaten sind. Die Fremdarbeiter machen hier – schlecht entlohnt – die Drecksarbeit und leben unter unwürdigen Bedingungen: sie teilen sich zu 30 einen Raum mit 10 Betten, in denen sie in Schichten schlafen. Diese Aktion hat er auf einem Videofilm dokumentiert, der nur auf höchst ungewöhnliche Weise angesehen werden kann. Man muss seinen Kopf von unten in einen Kasten stecken und sieht dann in düsterem Blau den Film ablaufen. Dies gehört zu seinem Konzept der unbequemen Kunst.

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Rose beim Betrachten der Moskauer Aktion von Fjodor Pawlow-Andreewitsch

Alle diese Aktionen dauerten jeweils sieben Stunden. Sie sind nicht nur eine öffentliche Provokation, sondern auch eine körperliche und seelische Herausforderung für den Künstler. Dieser ist mit dem Erfolg zufrieden. Die Medien in Moskau haben darüber berichtet. Und während wir noch mit ihm sprachen, kamen zwei von ihm erwartete Journalisten zu einem Interview und unser Gespräch war leider zu Ende.

Im Internet (pecherskygallery.com) erfuhren wir, dass dies eine Ausstellung der Moskauer Pechersky Gallery war unter dem Motto „Temporary Monuments“, sie lief bis zum 9. Oktober in der Weinfabrik. Wir waren gerade am letzten Tag dort! Auf der Internetseite von Fjodor Pawlow-Andreewitsch (http://fyodorpavlovandreevich.com) wird er als Aktionskünstler, Schriftsteller, Filmemacher und Theaterdirektor vorgestellt, er lebt in Moskau, London und Sao Paulo.

Die Mittagspause verbrachten wir im Café Хитрые Люди. Люди heißt Leute. Für Хитрые bietet das Wörterbuch der Leipziger Uni an: schlau, listig, verschmitzt, raffiniert, pfiffig, clever, schwierig, kompliziert. Das Café hat einen treffenden Namen für das, was wir in der ehemaligen Weinfabrik gesehen haben. 

Schulnotizen

Letzten Donnerstag kamen von meinen sechs Schülerinnen der 11. Klasse nur zwei zum Unterricht. Die andern waren beim Schulausscheid der Kunstolympiade – leider ohne mir vorher etwas gesagt zu haben. So machten wir statt Prüfungsvorbereitung deutsche Konversation. Ich fragte die beiden nach Höhepunkten ihrer Schulkarriere. Nataschas prompte Antwort: die drei Monate Aufenthalt in Dresden im Rahmen des Goebel-Programms (Die Schüler wohnen in deutschen Gastfamilien und besuchen den Unterricht in einer deutschen Schule). Anjas Höhepunkt war der Preis, den sie für ein Biologie-Projekt bekam, bei dem sie Interviews in einer nischegoroder Entzugsanstalt machte.

Dann kamen wir auf die Klausur in russischer Literatur zu sprechen, die in der letzten Woche geschrieben wurde. Die Schüler bekommen sogenannte ‚Vektoren‘ wie z.B. ‚Verstand und Gefühl‘, ‚Ehre und Ehrlosigkeit‘, ‚Sieg und Niederlage‘, die sie dann auf Literatur, die sie gelesen haben, anwenden. Welche Werke sie nehmen, können sie selbst auswählen. Anja wendete ‚Verstand und Gefühl‘ auf Turgenevs ‚Väter und Söhne‘ und Zamjatins ‚Wir‘ an; Natascha ‚Ehre und Ehrlosigkeit‘ auf Puschkins ‚Hauptmannstochter‘ und auf das ‚Igorlied‘ – ein mittelalterliches Epos, das einen ähnlichen Stellenwert hat, wie bei uns das Nibelungenlied. Ich fragte die beiden nach ihrer Pflichtlektüre. In Klasse 10 ist das die russische Literatur des 19. Jahrhunderts: Puschkins ‚Boris Godunov‘, Tolstojs ‚Krieg und Frieden‘, Dostojewskis ‚Schuld und Sühne‘, Gontscharows ‚Oblomow‘, Turgenjews ‚Väter und Söhne‘, Tschechows ‚Kirschgarten‘, um nur die berühmtesten zu nennen. Neugierig geworden schaute ich bei www.examen.ru die Listen für die Pflichtlektüren nach. In der Einleitung fand ich den Hinweis, dass es sich empfiehlt, die Literatur in den Sommerferien zu lesen, da allein ‚Krieg und Frieden‘ 1274 Seiten habe. So verstand ich nachträglich den Kommentar meiner letztjährigen Elfer, die sich nach Rückkehr ihres Goebel-Aufenthaltes verwundert darüber äußerten, dass man an ihrer deutschen Schule wochenlang Patrick Süskinds ‚Parfum‘ besprochen habe.

Am nächsten Schultag konnte ich in Klasse 8 die Prüfungsvorbereitung wieder nicht durchführen: die guten Schüler – die gleichen, die eben auch die freiwillige Prüfung für einen Vorläufer des Deutschen Sprachdiploms machen –  waren alle in der Olympiade für russische Sprache (Hier sind russische Sprache und russische Literatur zwei getrennte Fächer). Auch meine Kollegin, die reguläre Deutschlehrerin in der Klasse, hatte das nicht gewusst. Als ich nach zwei Hohlstunden wieder vor einer leeren Klasse stand (u.a. fehlten auch Natascha und Anja. Sie hatten mir am Vortag nicht gesagt, dass sie auch an einer Olympiade teilnehmen werden.), machte ich mich entnervt auf die Suche nach Informationen, wann wer an irgendwelchen Olympiaden teilnimmt. Im Lehrerzimmer fand ich eine Übersicht, wann in welchen Fächern der Schulausscheid ist, und so weiß ich, dass am heutigen Montag die Deutsch-, am Mittwoch die Gesellschaftskunde- und am Freitag die Literatur-Olympiaden sind. Welche Schüler daran teilnehmen, war nicht aufgeführt. Auch die stellvertretende Schulleiterin konnte mir nicht helfen, schickte mich jedoch zu den Fachlehrern. Und siehe da, an der Tür des Kabinetts der Russischlehrerin war eine Liste der Schüler, die an diesem Tag an der russischen Spracholympiade teilnahmen. Die Liste der Teilnehmer der Literaturolympiade am Freitag ist noch nicht erstellt. Gelernt habe ich daraus, dass ich in Zukunft mit wachsamem Blick an den Kabinett-Türen vorbeigehen muss! Übrigens ist das Gymnasium Nr. 1 eine Schule, die auch auf regionaler und föderaler Ebene überdurchschnittlich viele Olympia-Sieger hervorbringt. Ein Grund, warum unsere Schule 2016 zum dritten Mal im Schul-Ranking die Auszeichnung bekam, zu den 500 besten Schulen Russlands zu gehören. Andere Kriterien beim Ranking sind die Abischnitte, die Zahl der Schüler, die das Abitur mit einer Gold- oder Silber-Medaille absolviert haben, die Zahl der ‚ausgezeichneten‘ Lehrer…

Ein weiteres Ereignis, das uns wochenlang in Atem hielt, war die Schulinspektion, die hier alle drei Jahre stattfindet und zwei Wochen dauert. Im Vorfeld wurden Kabinette aufgeräumt, der Inhalt aller Schränke auf Listen festgehalten, Klassenbücher auf den neuesten Stand gebracht… Eine große Herausforderung auch für die Schulleitung, die mit persönlichen Strafen (5 % Gehaltseinbuße), im Extremfall auch mit Schulschließung rechnen muss. Letzteres ist bei uns noch nie passiert, die Gehaltseinbuße musste unser Schulleiter aber schon hinnehmen, weil an unserer Schule kein Werkunterricht stattfand. Es war allerdings weit und breit kein Werklehrer zu finden gewesen. In diesem Jahr lief alles glimpflich ab: ‚Außer ein paar Kommas gab es nichts zu bemängeln,‘ sagte mein Schulleiter.

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 Eingang zur Ausstellung sowjetischer Sportplakate mit russischer Nachwuchskraft

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 Fjodor Pawlow-Andreewitsch am Laternenpfahl

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…und an einem Baum

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Café Хитрые Люди: Auf der Tafel wird das Oktoberfest angekündigt.

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Café Хитрые Люди: Der frühere Degustationsraum

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Gedenkstätte für Nemzow am 7. Oktober 2016 (Aufnahme von Dorothe)

 

Tag des Vaterlandsverteidigers

 

29.02.16

Am 23. Februar war in Russland der „Tag des Vaterlandsverteidigers“, der frühere „Tag der Sowjetarmee“. Er ist ein staatlicher Feiertag, der von den Menschen hier zum Tag aller Männer gemacht wird, womit er eine ähnliche Rolle spielt wie bei uns der Vatertag.

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Glückwunsch zum Tag des Vaterlandsverteidigers

In den Papier- und Andenkenläden gab es extra Glückwunschkarten, auf einem überdimensionalen Plakat beim Srednoj Markt gratuliert der „Земляк“ (Landsmann) Boris Woronenkow zu diesem Anlass. Woronenkow war Abgeordneter der Duma. Weil im Herbst Wahlen sind, ist zu vermuten, dass er sich in Erinnerung bringen will. Am Vorabend zum Vatertag wurde offensichtlich schon heftig gefeiert. Als wir mit zwei Besuchern aus Wien nach einer Einkehr im Restaurant Traktir na Ulitze heimgingen, sahen wir ungewöhnlich viele Betrunkene. Am Tag selbst werden alle Männer beglückwünscht und beschenkt.

Wir nutzten den schulfreien Tag zum Langlaufen im Naturschutzgebiet „Scholokowski Chutor“. Im Skiverleih mit dem (für uns gewöhnungsbedürftigen) Eingang hatten die freundlichen jungen Leute, die den Laden im Keller betreiben, auch ein handgemaltes Schild aufgehängt: „Allen Männern herzlichen Glückwunsch zum heutigen Tage“.

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Eingang zum Skiverleih am Scholokowski Chutor

Bei unseren früheren Skiausflügen hatten wir auf dem zugefrorenen See mit Respekt ein eisfrei gehaltenes Loch bestaunt. Hier baden die «моржы» (Walrosse), wie die unerschrockenen russischen Männer genannt werden, die sich in das kalte Nass wagen. Heute sahen wir mit bewunderndem Grausen einen Mann hinunter ins Wasser steigen. Ich konnte ihn gerade noch aus der Ferne fotografieren. Seine Tochter zählte die Sekunden und rief ihrer Mutter stolz zu: „Bis 21 hat er es ausgehalten!“

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„Walross“ im Eiswasser

Ein anderes, uns Respekt abverlangendes Vergnügen sahen wir am gestrigen Sonntag: Bungee Jumping. Von der Fußgängerbrücke über die Schlucht, durch die die ehemalige Postausfahrt (Почтовый съезд) führt, kann man sich für 1000 Rubel (z.Zt. ca 12,50 €) in die Tiefe stürzen. Der junge Mann, den ich beim Absprung fotografieren konnte, tat dies in vorbildlicher Haltung!

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Ein Foto zu dem man Glück braucht – hier hatte ich es!

In Russland gibt es sieben staatliche Feiertage und – es mag uns ungewöhnlich erscheinen – vom 1. bis 5. Januar staatliche Neujahrsferien, die in der offiziellen Liste ebenfalls als Feiertage ausgewiesen sind. Die Schulen haben geschlossen, die Arbeit in Ämtern und Fabriken ruht. Die meisten Geschäfte haben jedoch, wie hier auch sonntags, geöffnet. Da der 7.Januar auch wieder ein Feiertag ist, ergeben sich mit dem 6. als Brückentag lange Ferien. Als wir nach unserem Weihnachtsurlaub am 11. Januar hier Einkaufen gingen, fanden wir in den Läden fast leere Regale, die erst im Laufe der Woche wieder aufgefüllt wurden. (Ich dachte dummerweise zunächst an die Sanktionen!!) Feiertage, die auf ein Wochenende fallen, werden auf einen Werktag verschoben. Zudem ist die Regelung für Brückentage sehr großzügig, sodass sich oft verlängerte Wochenenden ergeben. „Die Regierung kann einzelne Arbeitstage auf an sich arbeitsfreie Samstage und Sonntage verlegen, um in der vorangehenden oder folgenden Woche eine Kette von ununterbrochenen arbeitsfreien Tagen zu erreichen. (Wikipedia)“ In diesem Jahr sollen von 366 Tagen 119 frei sein. Besonders gegen die langen Neujahrsferien gibt es aus der Wirtschaft Bedenken, doch es ist kaum zu erwarten, dass diese verkürzt werden. Trotz aller staatlichen gesetzlicher Regelungen wird auf der Baustelle neben unserem Haus jeden Tag flott gearbeitet. Wie das in den Neujahrsferien war, wissen wir nicht, da waren wir in Deutschland. Der Baufortschritt zwischen dem Tag unserer Abreise am 19. Dezember 2015 und unserer Rückkehr am 10. Januar 2016 war jedenfalls erheblich.

Russische Feiertage (https://russische-botschaft.ru/de/russland/russische-feiertage)1– 5. Januar

  • 1– 5. Januar    Neujahresferien
  • 7.  Januar Weihnachten
  • 23. Februar Tag des Vaterlands Verteidigers
  • 8. März Internationaler Frauentag
  • 1. Mai Tag des Frühlings und der Arbeit
  • 9. Mai Tag des Sieges
  • 12. Juni Tag Russlands (Nationalfeiertag)
  • 4.  November Tag der Einheit des Volkes

 

 

 

 

 

 

Flüchtlinge, WM 2018, Grippewelle

08.02.16

Die Flüchtlingsproblematik in Deutschland hat auch in den hiesigen Medien hohe Wellen geschlagen. Die Situation wird sehr zugespitzt dargestellt und von Regierungsseite zu Propaganda missbraucht, wie zuletzt geschehen anlässlich der angeblichen Vergewaltigung des dreizehnjährigen Mädchens in Berlin.

Auch in unserem täglichen Erleben werden wir immer wieder damit konfrontiert. Gleich auf der Fahrt vom Flughafen fragte der Taxifahrer: „Warum lässt Merkel die alle rein? Wozu braucht ihr die ganzen Asylanten?“ In der Schule wurde Rose von den netten Wachleuten am Eingang auf die Silvester-Vorfälle angesprochen. Immer wieder äußern sich ihre Kolleginnen besorgt zur Flüchtlingspolitik, fragen sich oder Rose, ob sie es überhaupt noch wagen können, mit ihren Schülern nach Deutschland zu fahren. Eine Schülerin darf an dem bevorstehenden Schüleraustausch mit Syke bei Bremen nicht teilnehmen, weil die Eltern Angst vor sexuellen Belästigungen durch Flüchtlinge haben.

Im Fitnesscenter Worldclass bemerkte ich ein neues Gesicht, einen jungen Mann, der kein Russe zu sein schien. Wir trafen uns in dieser Woche zufällig an der Bushaltestelle. Es folgten die üblichen „Neues Gesicht Fragen“: „Sprechen sie Englisch oder Deutsch? Wo kommen Sie her?“ Dabei zeigte es sich, dass er besser Englisch als Russisch spricht. Er antwortete mir: „Sie werden schockiert sein, wenn ich Ihnen sage, woher ich bin“. Nach einer Pause fügte er hinzu: „Aus Syrien. Ich bin seit drei Jahren in Nischni.“ Jetzt war ich wirklich schockiert, aber nicht, weil er aus Syrien stammt, sondern weil er meinte, ich wäre darüber schockiert. Das ist also das Bild von Deutschen, das die hiesigen Medien bei ihren Lesern und Zuschauern hinterlassen. Leider kam seine Marschrutka und er entschwand. Ich hoffe, diesen aufgeschlossenen Menschen noch mal zu treffen.

 

Bis zur WM 2018 ist es zwar noch „weit hin“, doch wir sahen und sehen hier in Russland schon viele Hinweise darauf. Nicht überraschend ist dies in Moskau, wo ganz in der Nähe des Kremls am Manege-Platz eine Installation die Zeit bis zum Beginn dieses Weltereignisses anzeigt. In Kasan – hier werden auch Spiele stattfinden – sahen wir im Mai 2015 am Ende der Fußgängerzone auf der Baumannstraße den roten Pavillon der FIFA.

k-51. Ber. (1)Zahl der Tage, Stunden, Minuten, Sekunden bis zur WM 2018, (Aufnahme vom 8. November 2015 in Moskau)

k-51. Ber. (2)FIFA Pavillon auf der Baumannstraße in Kasan (29. Mai 2015)

k-51. Ber. (3)Auf dem Weg zur Stadionbaustelle in Nischni Nowgorod, eigentlich ein Bürgersteig

Natürlich wirft die WM auch in Nischni ihre Schatten voraus. Hier finden im neuen Stadion vier Gruppenspiele, ein Spiel der „Runde der 16“ und ein Viertelfinale statt. Das Stadion wird zwischen der Samarkandskaja Ulitza und der Wolga in der Nähe der Alexander-Newski-Kathedrale errichtet. Ich wollte mir die Baustelle ansehen und machte mich mit Bus und zu Fuß auf den Weg. Das Laufen auf der Samarkandskaja artete in ein „Abenteuer“ aus: Der Bürgersteig war nicht geräumt, die Schneepflüge hatten den Schnee mit all dem Dreck von der Straße dazu geschoben, es war alles vereist und glatt, für die wenigen Fußgänger gab es nur einen Trampelpfad: gräusslich! Die Seitenstraßen sahen nicht besser aus, wie gesagt: da braucht man ein Abenteurergemüt. Vom Bau konnte ich wegen des Bauzauns außer vielen Kränen und großen Erdbohrern nur wenig sehen. Aber das wird sich ändern. In zwei Jahren will die Stadt glänzen und bekannt werden. Der Gouverneur der Region Nischni Nowgorod Waleri Schanzow sagte im vergangenen Juli: „Ich will nie wieder, dass man mich im Ausland fragt: Wo liegt überhaupt Nischni Nowgorod?“ (nach Rhein Main Presse vom 15. Juli 2015. Den Artikel erhielt ich von meinem Freund Hennig zugeschickt). Es gibt nach meinem Eindruck noch viel zu tun, nicht nur beim Bau des Stadions, sondern auch bei der Sanierung von dessen Umgebung, wenn die Stadt durch erfreuliche Berichte bekannt werden soll.

k-51. Ber. (5)WM 2018 -Stadion: Bauschild mit Zukunftsbild

Das Gymnasium Nr.1 ist manchmal mit einem großen durchsichtigen Tuch geschmückt. Die Aufschrift ist schwer zu erkennen und es ist in einem ungewöhnlichen Rot gehalten, ebenso wie die Spruchbänder, die an einigen Stellen in der Stadt hängen. Es wäre interessant zu erfahren, wer die Farbe ausgesucht hat, ob die FIFA oder der russische Fußballbund.

k-51. Ber. (6)Gymnasium Nr. 1 mit WM Plakat

Besser gelungen ist dagegen das Kunstwerk vor dem Tschkalow-Denkmal. In fast mannshohen Buchstaben aus Eis steht da „Nischni 2018“ neben einem überdimensionalen Fußball.

k-51. Ber. (7)_bearbeitet-1Eisige WM-Werbung vor dem Tschkalow-Denkmal (23. Januar 2016)

Schulnotizen

Wie in vielen andern Städten Russlands, so haben auch die Schulen Nischni Nowgorods wegen der Grippe-Epidemie geschlossen. Am 28.1. findet sich im Internet die Nachricht, dass es in Nischni 3 Todesfälle durch die Schweinegrippe gab. Ferner waren 3 an Schweinegrippe Erkrankte und 48 schwere Grippefälle gemeldet. Danach fand ich keine Zahlen und Informationen mehr. Ich habe gehört, dies sei Absicht, um Panik zu vermeiden. Vorletzte Woche hing die Schließungs-Frage lange in der Luft. Am Donnerstag hatten 18 Schulen, am Freitag 31 Schulen geschlossen. Obwohl an unserem Gymnasium nur ein Grippefall offiziell gemeldet war, schickten viele Eltern ihre Kinder nicht mehr in die Schule. Dann musste sich auch unser Schulleiter dem elterlichen Druck beugen: Quarantäne für alle Schüler bis einschließlich Donnerstag, 4.2.2016. Am Montag wurde eine Gesamtlehrerkonferenz abgehalten, auf der die Anwesenheitspflicht für alle Lehrer täglich von 9-14 Uhr verkündet wurde. Um die Anweisung nachvollziehbarer zu machen, verwies man noch einmal auf die im September anstehende große Schulinspektion, die auch dadurch vorzubereiten ist, dass alle Kabinette und deren Schränke aufgeräumt, letztere mit Inventarlisten versehen werden müssen. Faktisch war letzte Woche allerdings nicht nur Aufräumen, sondern auch Teetrinken angesagt. Ich durfte mit expliziter Genehmigung des Schulleiters täglich vier Stunden meine DSD-Kurse abhalten. Als dann am Freitag die Quarantäne um eine Woche bis einschließlich 11.2. verlängert wurde, wurde mir dieses ‚Privileg‘ allerdings entzogen. Auch gut. So konnte ich guten Gewissens unbezahlten Urlaub nehmen, um Zeit für Jochens Tochter Kathrin und ihre vier Kinder zu haben, die gestern für fünf Tage bei uns eingetroffen sind.